Die Entfaltung der Christologie im Werk Rudolf Steiners – 1906 (7)

Jordantaufe

Jordantaufe. Visegrád Codex, 1085 Prag

In einer Vortragsreihe, die zwischen dem 27. Oktober und 6. November 1906 im Saal des Münchner Zweiges, in der Adalbertstraße 55 stattfand [1], versuchte Steiner in Anlehnung an das Johannes-Evangelium ein systematisches Gesamtbild der »theosophischen« Weltauffassung zu entwickeln und damit zugleich jenes »allermerkwürdigste Schriftstück der Welt« zu beleuchten, das seinem Verständnis des Christentums seit 1902 zugrunde lag.

Diese Vorträge repräsentieren eine Stufe der christologischen Erkenntnisentwicklung, die über alles bisher Dargestellte hinausgeht. Die gesamte theosophische Systematik – die Kosmogonie, Anthropogonie und Erkenntnislehre –, werden hier auf die zentrale Gestalt des Christus bezogen. Diese wiederum ist hineinverwoben in die Entwicklung des Kosmos und des Menschen. Kosmogonie, Anthropogonie und Initiation spiegeln sich ineinander, die Spiegelungsachse ist der »Mittelpunkt der Weltentwicklung«, das Erscheinen Christi auf Erden. Viele Erkenntnismotive, die in den folgenden Jahren ausgebaut, erweitert und vertieft werden, treten hier das erste Mal auf.

Die Druckversion bietet einen Text, der von den Herausgebern aus Aufzeichnungen Marie von Sivers’, Ludwig Kleebergs und Alice Kinkels erstellt wurde. Die einzelnen Vorträge nehmen zwischen acht und neun Druckseiten ein, sind also keineswegs als vollständige wörtliche Wiedergaben zu betrachten. Der Titel der Reihe stammt nicht von Rudolf Steiner.

Steiner bedient sich in dieser Vortragsreihe aus Rücksicht auf die Vorkenntnisse der Zuhörer teilweise der Terminologie der theosophischen Literatur, sie wird in der folgenden Übersicht konsequent in die anthroposophische Begrifflichkeit übersetzt, die bereits 1904 durch das Buch Theosophie eingeführt worden war. [2]

Da es dem Vortragenden um eine systematische Darstellung ging, ist im folgenden Referat die Rekonstruktion dieser Systematik nicht zu vermeiden. Das Entscheidende an seinen Ausführungen sind jedoch nicht unverstandene Schlagworte, sondern Begriffe und Begriffszusammenhänge, die der Redner durch seine Erläuterungen im mitdenkenden Bewusstsein der Zuhörer Schritt für Schritt zu entwickeln versucht. Denn allein die »Entwicklung«, die narrative Entfaltung von Begriffen, führt zur Einsicht in ihren substantiellen Gehalt. Wir müssen einen Gedanken »durcharbeiten, seinen Inhalt nachschaffen, innerlich durchleben bis in seine kleinsten Teile, wenn er überhaupt irgendwelche Bedeutung« für uns haben soll, so Steiner bereits 1886 in den Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung. Und 1887 heißt es im zweiten Band der Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften: »Darinnen besteht die wissenschaftliche Methode, dass wir den Begriff einer einzelnen Erscheinung in seinem Zusammenhange mit der übrigen Ideenwelt aufzeigen. Wir nennen diesen Vorgang: Ableiten (Beweisen) des Begriffes. Alles wissenschaftliche Denken besteht aber nur darinnen, dass wir die bestehenden Übergänge von Begriff zu Begriff finden, besteht in dem Hervorgehenlassen eines Begriffes aus dem andern. Hin- und Herbewegung unseres Denkens von Begriff zu Begriff, das ist wissenschaftliche Methode«. Die Initiationserkenntnis kann verstanden werden, wenn sie in gedanklicher Form expliziert wird. Um eine solche Explikation bemüht sich Steiner.

1. Christus, der Fleisch gewordene Logos

Das einstige spirituelle Verständnis des Evangeliums, so leitet er auch seine Münchner Vorträge ein [3], ist in der Neuzeit vollkommen verloren gegangen. Nicht nur das Neue, sondern auch das Alte Testament, insbesondere die Schöpfungserzählung, ist von diesem Unverständnis betroffen. Während noch vor fünfhundert Jahren eine wörtliche (naturalistische) Auslegung dieser Texte selbst kirchlichen Theologen grotesk erschienen wäre, halten heute sogar die Gläubigen den biblischen Schöpfungsbericht für buchstäblich wahr. Mit dem Anbruch der Neuzeit drang der Materialismus in die Religion ein und erfasste später die Naturerkenntnis. Heute werden vom materialistischen Standpunkt aus Auffassungen bekämpft, die durch jenen erst in die religiösen Überlieferungen hineingedacht wurden. Auch das Abendmahl wurde einst spirituell verstanden, – die Vorstellung, Wein und Brot verwandelten sich realiter in Blut und Fleisch Christi, wäre einer früheren Epoche des Christentums kindisch erschienen.

Wenn es z.B. heißt, Adam sei in einen tiefen Schlaf gefallen, so wurde dies einst als Hinweis darauf verstanden, dass er das Sieben-Tage-Werk in einer »astralen Vision« erlebte. Die gesamte Genesis ist als eine solche Vision zu interpretieren. Was geschaut und beschrieben wurde, waren imaginative Bilder der Weltentstehung.

Ebenso ist das Johannes-Evangelium als Schilderung imaginativer Erlebnisse aufzufassen. Der Verfasser des Evangeliums stellte extrakorporale Erfahrungen dar. Die synoptischen Evangelien können noch bis zu einem gewissen Grad wörtlich verstanden werden, nicht jedoch das vierte, das »die tiefste Wahrheit« des Christentums enthält. Es sieht in Christus »den Mittelpunkt der Weltentwicklung«. Der »in Jesus verborgene Christus« kann aus Sicht des Johannes nur aus einer höheren Erkenntnis verstanden werden. Dieser Christus, der »Führer der Menschheit«, ist ein kosmisches Wesen.

Schon der Prolog des Evangeliums deutet auf den Zusammenhang zwischen Mensch und Kosmos. Wer ihn meditativ erlebt, in dem erweckt er höhere Sinne und führt zur astralen Schau des in den folgenden Kapiteln Beschriebenen. Der Verfasser des Evangeliums war selbst ein Seher, dessen geistige Augen erweckt worden waren.

Steiner legt seinen Ausführungen das erste Mal eine eigene Übersetzung des Prologs zugrunde, den er als Meditation bezeichnet und in zwei Teile gliedert.

1. Teil:

Im Urbeginne war das Wort,
und das Wort war bei Gott,
und ein Gott war das Wort.
Dieses war im Urbeginne bei Gott.
Alles ist durch dasselbe geworden,
und außer durch dieses ist nichts von dem Entstandenen geworden.
In diesem war das Leben,
und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht schien in die Finsternis,
und die Finsternis hat es nicht begriffen.

2. Teil:

Es ward ein Mensch, gesandt war er von Gott, mit seinem Namen Johannes.
Dieser kam zum Zeugnis, auf dass er Zeugnis ablege von dem Lichte,
auf dass durch ihn alle glauben sollten.
Er war nicht das Licht, sondern ein Zeuge des Lichtes.
Denn das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, sollte in die Welt kommen.
Es war in der Welt, und die Welt ist durch es geworden,
aber die Welt hat es nicht erkannt.
Bis zu den Ich-Menschen kam es,
aber die Ich-Menschen nahmen es nicht auf.
Die es aber aufnahmen, die konnten sich durch es als Gottes Kinder offenbaren.
Die seinem Namen vertrauten, sind nicht aus Blut,
nicht aus dem Willen des Fleisches,
und nicht aus menschlichem Willen,
sondern aus Gott geworden.
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt,
und wir haben seine Lehre gehört,
die Lehre von dem einzigen Sohn des Vaters,
erfüllt von Hingabe und Wahrheit.

Wer sich meditativ in diese Worte versenke, werde nach Monaten oder Jahren geistig erleben, was ihnen zugrunde liege. Die gesamte Theosophie sei in ihnen enthalten.

Zunächst die Anthropologie.

Der sichtbare physische Leib des Menschen ist von höheren unsichtbaren Wesensgliedern durchdrungen. Von einem Ätherleib, der ihn wachsen lässt und am Leben erhält, einem Astralleib, der Triebe, Begierden und Leidenschaften in ihm erweckt. Trennen sich diese beiden Glieder vom physischen Leib, zerfällt er. Durch seinen physischen Leib ist der Mensch mit der mineralischen Welt verwandt, durch seinen Ätherleib mit der Pflanzenwelt, seinen Astralleib mit der Tierwelt. Im Schlaf wird der Mensch zur Pflanze, in ihm wirkt der Ätherleib fort und unterhält die vegetativen Prozesse, während er frei von spezifisch astralen Erlebnissen wie Begierden oder bewussten Willensregungen ist, da sich der Astralleib von physischem und Ätherleib getrennt hat. Wer das Bewusstsein im Schlaf aufrecht erhalten kann, erlangt einen Zustand, den die Menschheit erst in Zukunft erreichen wird. Über den Astralleib führt schließlich das Ich hinaus, das dem Menschen im Unterschied zu den übrigen Naturwesen eigen ist.

Der Hellsichtige vermag die höheren Wesensglieder des Menschen zu beobachten.

Es ist möglich, durch »energischen Einsatz des Willens«, den physischen Leib »wegzusuggerieren«; an seiner Stelle wird ein »herrlicher Lichtstoff« sichtbar, der sich in ständiger Bewegung befindet: der Ätherleib. Auch der Ätherleib lässt sich »wegsuggerieren«. An seiner Stelle wird der Astralleib sichtbar, eine »elliptische Wolke«, an der Triebe und Begierden in Form von farbigen Lichtbildungen erscheinen, aber auch »das helle Gelb einer entwickelten Intelligenz und klaren Denkens, und das schöne Blau der Frömmigkeit und selbstloser Aufopferungsfähigkeit«. Schließlich ist auch das Ich »als eine Art Hohlkugel von bläulicher Farbe ähnlich dem Kern einer Lichtflamme« hinter der Nasenwurzel für den Hellseher wahrnehmbar.

Der physische Leib des Menschen ist aus den Stoffen und Kräften der Erde gebildet. Der Ätherleib ist wie die Pflanzen nicht nur von der Erde, sondern auch von der Sonne abhängig, der Astralleib von den Kräften der Sternenwelt. Während des Schlafs lebt der Mensch in der Sternenwelt, in jenen Kräften, die diesen Leib aufgebaut haben. Er bewegt sich auf den Bahnen der Wandelsterne. Aus diesem Astralleib wird das Ich geboren. Die Gestirne bewegen sich nicht nur, sie tönen auch. Dieses Tönen der Gestirne wurde von den Pythagoräern als Sphärenmusik bezeichnet. Der »Grundakkord der Sphären« erhält vom Verfasser des Johannes-Evangeliums den Namen »Weltenwort« oder Logos. In dieser Richtung muss forschen, wer die tiefere Bedeutung des Prologs verstehen will.

2. Christus, der Lebensgeist

Das höhere Bewusstsein, dem die im Johannes-Evangelium geschilderten Erlebnisse zugänglich sind, so Steiner im zweiten Vortrag [4], kann jeder Mensch entwickeln. Ausgangspunkt dieser Entwicklung ist das Ich. Das, was als Ich bezeichnet wird, ist aber seinerseits Ergebnis einer Entwicklung und in sich gegliedert. Wer die Entwicklung des menschlichen Ich verstehen will, muss in ferne Zeiträume der Geschichte zurückblicken, biblisch ausgedrückt, in die Zeit zwischen der Vertreibung aus dem Paradies und der Sintflut, theosophisch ausgedrückt, in die lemurische und atlantische Zeit.

Die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins ist nicht isoliert von seiner Lebensumgebung, Bewusstseinsentwicklung ist Koevolution von Um- und Innenwelt, mit dem Bewusstsein wandeln sich auch seine Gegenstände. Während der atlantischen Zeit war die Erde in eine Atmosphäre aus Wasserdampf gehüllt. Die germanische Mythologie hat eine Erinnerung an diese Zeit in der Vorstellung von Niflheim bewahrt. Damals gab es weder Regen noch Sonnenschein, sondern nur Nebelströmungen und diffuses Licht. Allmählich schlug sich die Feuchtigkeit als Wasser nieder. Die Sonne begann, den Nebel zu durchdringen. In dieser Nebelatmosphäre lebten die Vorfahren des heutigen Menschen. Erst gegen Ende der atlantischen Zeit trat das erste Mal ein primitives Ichbewusstsein auf, im Zusammenhang mit einer Klärung der Atmosphäre, der Herausbildung konturierter, voneinander abgegrenzter Naturgegenstände. Am Licht der Sonne, das die Nebel der Atlantis durchdrang, bildete sich das Auge, das Organ des Lichtes.

Zu Beginn der atlantischen Zeit besaß der Mensch noch keine Augen, die eine äußere Welt zu sehen vermochten. Dafür nahm er seine Umgebung in astralen Bildern wahr, so wie wir heute im Traum Bilder erleben. In diesen astralen Bildern manifestierte sich die Umgebung symbolisch. Allerdings waren die Bilder dieses Bewusstseins geregelter, geordneter, als die heutigen Traumbilder.

Der atlantischen Zeit ging die lemurische voran. In dieser entwickelte der Mensch seine »Empfindungsseele«, und befand sich in einem noch dumpferen Bewusstsein als der Atlantier.

Die drei Seelenglieder, die der Mensch heute besitzt: Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewusstseinsseele sind vom Ich umgearbeitete Teile des Astralleibes. Allerdings wurden diese Glieder nicht bewusst vom Menschen ausgebildet, da er ja noch kein Selbstbewusstsein besaß, sondern von geistigen Wesenheiten, die sie in die Menschenseele hineinplastizierten. Erst gegen Ende der atlantischen Zeit beginnt der Mensch seinen Astralleib bewusst zu bearbeiten.

Im Wesentlichen steht die Menschheit noch heute auf der Stufe der Atlantier: sie vermag ihren Astralleib vom Ich aus zu bearbeiten. Diese Wirksamkeit des Ich zeigt sich daran, dass der Mensch lernt, seine Triebe, Begierden und Leidenschaften zu zügeln und sein Handeln den Gesetzen der Logik zu unterwerfen, z.B. indem er sich nicht nur von dem ernährt, was die Natur ihm gibt, sondern sät, pflügt und erntet.

Durch die bewusste Arbeit des Ich am Astralleib wird dieser umgewandelt, das Produkt der Umwandlung wird als Geistselbst (Manas) bezeichnet. Die Umwandlung des Astralleibes erschöpft sich nicht in der bloßen Zunahme von Intelligenz. Es ist durchaus möglich, dass der Astralleib trotz der Ausbildung von Intelligenz voller tierischer Leidenschaften ist. Kunst und Religion hingegen üben stärkere Macht auf ihn aus. Aus ihnen schöpft der Mensch die Kraft zur Selbstüberwindung und Veredelung. Selbsterziehung durch künstlerische und religiöse Betätigung wirkt tiefer als kraftlose, philosophische Moralgrundsätze. Die Kraft der Religion strahlt über den Astralleib auch auf den Ätherleib aus, während Moralgrundsätze, wenn überhaupt, nur den Astralleib verändern.

Die Umwandlung des Ätherleibs setzt eine weit größere Kraftanstrengung voraus, da er dem Ich einen stärkeren Widerstand entgegenbringt, als jener. So wie aus der Umwandlung des Astralleibs das Geistselbst hervorgeht, so aus der Umwandlung des Ätherleibes ein weiteres Wesensglied: der Lebensgeist (Budhi). Der Lebensgeist ist ein vergeistigter Lebensleib.

Im Orient wurde ein Mensch, der seinen Ätherleib weitgehend in Lebensgeist umgewandelt hatte, als »Buddha« bezeichnet. Wer systematisch an der Umwandlung seines Ätherleibs arbeitet, ist ein Geistesschüler (Chela).

Eine noch höhere Stufe erklimmt der Mensch, der beginnt, seinen physischen Leib zu vergeistigen. Wer dies vollbringt, wird vom Schüler zum »Meister«. Umwandlung des Ätherleibes bedeutet: das Temperament, die Gedächtniskraft, die Gewohnheiten zu ändern. Die heutige Menschheit ist im allgemeinen zu dieser Umwandlung nur ansatzweise imstande.

Die Umwandlung des Astralleibs ist erkennbar an der Veränderung der Kenntnisse und Vorstellungen im Lauf des Lebens, die Umwandlung des Ätherleibs an der Veränderung der Gewohnheiten und des Charakters. Es ist schwieriger, sich den Jähzorn abzugewöhnen, als sich von falschen Vorstellungen zu verabschieden. Die Umwandlung des Ätherleibs verhält sich zu jener das Astralleibs wie der Stundenzeiger einer Uhr zum Minutenzeiger. Lernen ist leicht, abgewöhnen schwer. Wer seine Gewohnheiten, seinen Charakter ändert, wird ein anderer Mensch, er eignet sich einen anderen Ätherleib an. Er erlangt Herrschaft über seine Wachstumskräfte. Gewohnheiten sind gebundene Wachstumskräfte, wer Gewohnheiten zerstört, dessen Wachstumskräfte werden frei und stehen fortan seinem Ich zur Verfügung. Darauf deutet das Wort Christi: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben«, d.h. Christus ist »die Personifikation der Kraft, die den Ätherleib umwandelt«.

Noch schwieriger ist es, den physischen Leib in seiner »animalischen, vegetativen, mechanischen oder reflektorischen Abhängigkeit« umzuwandeln. Aber auf einer bestimmten Stufe der menschlichen Entwicklung »betätigt sich kein Nerv, rollt kein Blutkügelchen«, ohne den bewussten Willen des Menschen. Die Umwandlung des physischen Leibes greift in Verhältnisse ein, die lange vor der atlantischen Zeit »fixiert« wurden, daher auch am schwersten zu verändern sind. Das, was aus der Arbeit am physischen Leib entsteht, wird als Geistesmensch (Atma) bezeichnet.

Ähnlich wie das Kind sich bei der Geburt aus dem dunklen Mutterschoß ins Licht des irdischen Tages emporarbeitet, so erlebt der Mensch, der die beiden Stufen der Schülerschaft und Meisterschaft erklimmt, eine Geburt, durch die er eine neue Welt betritt. In allen Mysterien wird das Erzeugen des Lebensgeistes als zweite Geburt oder Erweckung bezeichnet. Wie der Mensch einst seine innere astrale Bilderwelt verließ, um seine Umgebung im physischen Sonnenlicht wahrzunehmen, so verlässt der Erweckte, der hellsichtig wird, die sinnliche Welt, um in eine neue einzutreten, in der sich ihm die Naturumgebung in gänzlich anderem Licht zeigt. Sein Hellsehen ist nach außen gerichtet und nimmt das innere Wesen der Dinge wahr. Er sieht »die Seelen der Dinge«.

Übersetzt man die Begriffe der drei höheren Wesensglieder in die »christliche Terminologie«, dann entspricht das Geistselbst laut Steiner dem »Heiligen Geist«, der Lebensgeist dem »Wort oder Sohn« und der Geistesmensch dem »Vater«.[5]

Warum wird der Lebensgeist als »Wort« bezeichnet? Eine Antwort darauf ergibt sich aus der Erkenntnis der Funktion des Ätherleibs: er bewirkt Wachstum und Fortpflanzung. Die »höchste Äußerung« des Ätherleibes ist die Fortpflanzung, durch sie wirkt er über sich selbst hinaus, er reproduziert sich in einem anderen Wesen. Diese Fortpflanzungskraft des Ätherleibes wird, wenn sie sich vergeistigt, zur Kraft der Sprache. Der Kehlkopf ist die »vergeistigte Fortpflanzungskraft«. Auf den Zusammenhang beider deutet der Stimmbruch. Wenn aus der Menschenseele der erste artikulierte Laut dringt, »beginnt der Lebensgeist in sie hineinzuleuchten«. So wie die physischen Fortpflanzungsorgane leibliches Leben erzeugen, so die »wortzeugenden Organe« geistiges Leben. Der Kehlkopf kann geradezu als »höheres Geschlechtsorgan« bezeichnet werden. Das Wort ist die Zeugungskraft, »aus der neue Menschengeister hervorgehen«, der Mensch erlangt in ihm eine vergeistige Schöpferkraft. Heute vermag er durch das Wort lediglich die Luft zu gestalten. Dereinst wird er mit seinem Wort in das flüssige und schließlich in das feste Element hineinwirken. Dann wird das Wort zum Schöpfungswort. Er wird auf dieselbe Stufe gelangen, von der der Prolog des Johannes-Evangeliums spricht, wenn es vom Wort sagt, aus ihm sei alles entstanden. Das Leben, das aus dem »Wort« des »Urgeistes« herausströmt, ist wörtlich zu verstehen. Es ist der Geist, aus dem alles Leben hervorgegangen ist, der alles belebt. Das Wort (der Logos) ist der Lebensgeist. Und dieser wiederum ist das »Ich bin« (Joh 6, 35: »Ich bin das Brot des Lebens«; 11,25: »Ich bin die Auferstehung und das Leben«).

In »geometrischer Klarheit« bezeichnet der Prolog, so Steiner, die drei Stufen der Weltentstehung, indem er Gott(-vater) mit dem physischen Leib parallelisiert, das Leben mit dem Wort (Ätherleib) und das Licht mit dem Astralleib, also den drei Naturreichen, die der Mensch in sich trägt: »Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott (Schöpfer) war das Wort. In diesem war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen«. »Urgott, Leben und Licht« sind somit »die drei Grundbegriffe« des Johannes-Evangeliums.

Johannes musste den Lebensgeist in sich entwickeln, »um das erfassen zu können, was sich in Christus Jesus offenbarte«. Johannes war ein Erweckter, er stand als Evangelist auf einer höheren Erkenntnis- oder Seinsstufe als die Synoptiker.

Den Namen Johannes trugen zu seiner Zeit aber alle Menschen, die erweckt wurden. Der Name ist ein »Gattungsname« und die Auferweckung des Lazarus im Johannes-Evangelium ist nichts anderes als die Beschreibung einer Auferweckung des Lebensgeistes in ebendiesem Lazarus. Der Jünger, den der Herr lieb hat, ist der intimste Schüler des Meisters, jener, den sein Meister erweckte.

Vorheriger Beitrag: Das Christentum als zentrales Moment der Evolution

Folgender Beitrag: Die Entfaltung der Christologie im Werk Rudolf Steiners 1906 (8)

Anmerkungen:

[1] GA 94. In diesem Haus befand sich auch die Privatwohnung Sophie Stindes und Pauline von Kalckreuths.

[2] Ebenso werden die missverständlichen, biologistisch angehauchten Termini »Wurzel- und Unterrasse«, die Steiner parallel zu historischen Epochenbegriffen wie »Periode«, »Zeitalter« oder geistesgeschichtlichen wie »Bewusstseinsstufe« und »Kultur« verwendet, durch die letzteren ersetzt, die dem Gemeinten besser entsprechen.

[3] 27. Oktober 1906

[4] 28. Oktober 1906

[5] Im Notat ist von einer »Entsprechung« die Rede, nicht von einer »Identität«.

2 Kommentare

  1. Sie schreiben, daß die Menschen früher die Bibel niemals wörtlich interpretiert hätten, sondern gefühlt. Ich weiß ja nicht, wie die Menschen vor 600 Jahren gelebt und gedacht haben. Die Überlieferungen legen jedoch nahe, daß das allgemeine Volk sehr viel gefühlsbetonter gelebt hat als wir heute. Es ist aber sicherlich auch so, daß der Bildungsstand der Bevölkerung natürlich wesentlich geringer war als heute. Sogar viele Adelige konnten weder lesen noch schreiben. Was bleibt also übrig, wenn die Bildung zum Denken fehlt? Richtig, das Gefühlsleben. Bildung war ein Privileg für wenige und vor allem für die Priesterschaften. Und man muß verstehen, was die wirkliche Aufgabe von Priester ist, was diese Leute wirklich tun. Dann verstehen wir auch die Bewegungen unserer Zeit sehr viel besser.

    Es gibt die Literatur der Romantik und die Texte der Romantik unterscheiden sich doch sehr von den Texten der Bibel. Wäre es die Absicht der Bibelschreiber gewesen, daß die Texte dort hauptsächlich Gefühlsbilder übermitteln, so hätte man doch einen anderen Sprachstil wählen müssen.

    Die Bibel verstehe ich als eine komplexe Konstruktion aus geschichtlichen Überlieferungen, einem Verhaltenskodex, einer Welterklärung und einem Zucker und Peitsche Belohnungs- und Bestrafungssystem.

    Die Bibel ist eine Konstruktion für die Errichtung und Aufrechterhaltung einer geistigen Struktur, die als unsichtbares Gerüst die Grundlage zur Errichtung und Regentschaft einer Gesellschaft dienen soll. Die Bibel ist keinesfalls Gottes Wort für mich.

    Die innerste Struktur der Bibel ist verbogen und verzerrt und darum ist die geistige Struktur der Bibel unvollkommen und ich sage sogar – gefährlich.

    Der Beweis für meine These liegt darin, daß wir uns nur ansehen müssen, wie unsere westliche Gesellschaft, die auf dem Torf der Bibel aufgerichtet wurde, ausschaut, was sie plant, was sie kommuniziert und was sie unternimmt.

    Wir planen falsche Dinge, wir kommunizieren hasserfüllt untereinander, und wir unternehmen schlimme Dinge. Und dies sind nicht die Ausnahmen, sondern die Regel.

    Doch all dies nährt sich aus der Wurzel einer geistigen Struktur, denn alles was sich im materiellen manifestiert, kann sich nur aufgrund einer geistigen Struktur die allem zugrunde liegt, entwickeln.

    Unsere Gesellschaft steht auf dem Kopf und besonders die Kirchen-Organisationen, die Tempel-Organisationen, die Ordens-Organisationen stehen auf dem Kopf. Und weil alles auf dieser Welt von diesen Organisationen ausgeht und regiert wird, stehen auch die Menschen unserer Gesellschaft auf dem Kopf. Ich erkenne dies an den Gesprächen, die ich mit den Menschen führe. Und ich habe den Eindruck, daß sich dieses Phänomen sogar noch verstärkt und das Kippen der Gesellschaft nimmt sogar noch an Geschwindigkeit zu.

    Im Moment lese ich wieder im neuen Testament. Das Matthäus Evangelium habe ich dieses Wochenende gelesen und bin nun im Markus Evangelium. Im Matthäus Evangelium gibt es seltsame Brüche und Widersprechungen. Das Markus Evangelium wiederholt das meiste aus dem Matthäus Evangelium. Ich lasse derzeit vor allem das Matthäus Evangelium auf mich wirken. Und ich habe das Gefühl, daß das Evangelium wie ein sehr dünnes Brett ist, eine Ansammlung an Honigtöpfen und eine gnadenlose Peitsche dazu.

    Wie kann denn das sein?
    Das soll das ganze Lebenswerk von Jesus Christus gewesen sein, der 32 Jahre lang gelebt hat? Zu einer Zeit und in einem Gebiet, in dem viele Menschen sowieso nicht recht viel älter geworden sind?

    Ich habe den Verdacht, daß die Evangelien ein künstliches Werk von Priestern sind, die aus der ursprünglichen Lehre von „Jesus Christus“ etwas abgeleitet haben, was in ihr eigenes Weltbild, ihre eigenen Absichten und in ihr eigenes Denken gut hineinpasst.

    Ich glaube und ich hoffe, daß die Evangelien so wie wir sie aus der Bibel kennen, nicht sehr viel mit der wahrhaftigen Lehre von „Jesus Christus“ zu tun haben, denn es gibt dort viele Textstellen, die mir das Herz brechen.

    Ich habe Kardinal Marx per eMail angefragt, warum die Kirchenleute eigentlich selbst nicht das leben, was im Matthäus Evangelium als Anweisung von „Jesus Christus“ aufgeschrieben steht. Ich habe nie eine Antwort erhalten.

    • Lieber Herr Crempel,

      wenn Steiner von der esoterischen Auslegung der Evangelien spricht, meint er natürlich nicht die Volksreligion, sondern besondere religiöse Gemeinschaften, in welchen diese Auslegung lebte, wie z.B. Katharer, den Templerorden, Johannes-Christen usw., sowie einzelne Theologen, wie z.B. Dionysios Areopagita, Scotus Eriugena usf. Die Auffassung, die sogenannten Heiligen Schriften seien von Priestern verfasst worden, um Herrschaft zu legitimieren, verdankt sich der Aufklärung und ist anachronistisch. Diese politische Instrumentalisierung stand nicht am Anfang, sondern am Ende einer Entwicklung. Im Gegenteil: auch in den Evangelien ist der radikal demokratische Zug deutlich erkennbar, der mit dem ursprünglichen Christentum in das religiöse Leben eingezogen ist. Wenn jeder Mensch das Göttliche in sich trägt, wird alle Hierarchie auf Erden obsolet. Allerdings wurde die Botschaft des Christentums in Gesellschaften eingebaut, die alles andere als herrschaftsfrei waren. Was dabei herauskam, wissen wir. Das Gottesgnadentum des Absolutismus kann man natürlich nicht aus den Evangelien ableiten, ebensowenig wie das Papsttum.

      Für die sogenannten Widersprüche der Evangelien – keineswegs eine neue Erkenntnis – hat Steiner eine einfache Erklärung: sie sind keine historischen Chroniken, sondern wurden aus der Perspektive unterschiedlicher Mysterienschulen verfasst, die jeweils bestimmte Aspekte des Jesuslebens und Christuswesens betonten. Darüberhinaus gibt es, was allgemein bekannt ist, die unterschiedlichsten Redaktionen und Manuskripte. Aber selbst die widersprüchlichen Varianten der Kreuzesworte (Mein Gott, warum hast Du mich verlassen // wie hast Du mich verherrlicht) lassen sich unter Berücksichtigung der jeweiligen Perspektive, aus der sie geschrieben sind, miteinander vereinbaren.

      Die Beschaffenheit unserer westlichen Gesellschaft ist kein »Beweis« für das, was sie die »Verbogenheit« der Bibel nennen, vielmehr ist sie ein Beweis dafür, wie wenig der Geist der Evangelien, der Heilige Geist, in sie eingedrungen ist.

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