Die Entfaltung der Christologie im Werk Rudolf Steiners 1906 (9)

5. Christus, das Brot des Lebens

Sammeln des Manna

Sammeln des Manna. Dieric der Ältere, 15. Jahrhundert

Der fünfte Vortrag der Reihe, die zwischen dem 27. Oktober und 6. November 1906 in München stattfand, [1] kommt auf die Ausgießung des Lebensgeistes und die Entwicklung des Geistselbstes im Verlauf der Menschheitsgeschichte zurück. Steiner geht von Sätzen des Johannes-Evangeliums aus: »Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden«. »Eure Väter haben Manna gegessen in der Wüste und sind gestorben. Ich gebe euch ein anderes Brot, ich bin das Brot des Lebens«. Moses gab das Brot in der Wüste, Christus gibt das Brot des Lebens.

Diese Aussagen sind vor dem Hintergrund der Entwicklung des Geistselbstes (Manas = Manna) zu verstehen. Das Ichbewusstsein trat erst gegen Ende der atlantischen Zeit auf. Im fünften, postdiluvialen Zeitalter kommen die Fähigkeiten des Geistselbstes zum Vorschein, zunächst in der urindischen Epoche innerlich im Empfindungsleib, bei den Urpersern in der Empfindungsseele, bei den Chaldäern und Ägyptern in der Verstandes- oder Gemütsseele.

Was bedeutet: Wirken des Geistselbstes in der Verstandes- oder Gemütsseele? Die chaldäisch-babylonischen Priesterweisen sahen in den Sternen lebendige, vom Geist beseelte Wesen. Der Planet Merkur z.B. war für sie kein materielles Gebilde, sondern ein Geistwesen. Die leuchtenden Schriftzeichen, die die Bewegungen der Gestirne in die Astralsubstanz des Nachthimmels einprägten, waren Offenbarungen des Willens kosmischer Intelligenzen. Das heißt konkret Geistselbst-Erkenntnis: Durchdringung der Sternenwelt mit Gedanken.

Die ägyptischen Weisen stellten diese himmlische Intelligenz, die Wesenheit des Geistselbstes, zunehmend in den Dienst irdischer Angelegenheiten und animalischer Bedürfnisse. (Der Ausdruck »manasische Wesenheit« der Nachschriften wird hier in »Wesenheit des Geistselbstes« übersetzt. Es handelt sich zugleich um »Weisheit« – die Weisheit des Geistselbstes ist die Weisheit einer Geistselbst-Wesenheit –: die Weisheit des menschlichen Geistselbstes bzw. einer Wesenheit, die dieses Geistselbst des Menschen vertritt, solange er es noch nicht individualisiert hat – die Weisheit eines Engels. Es lässt sich also auch lesen: die ägyptischen Weisen stellten die Engel in den Dienst irdischer Angelegenheiten und animalischer Bedürfnisse). [2]

Die Ägypter schufen gewaltige Bewässerungssysteme zur Regulierung der Nilflut und bauten das Land aufgrund von Geistselbst-Erkenntnissen an bzw. um. Die Geistselbst-Weisheit wurde in den Dienst menschlicher Bedürfnisse gestellt: Dies ist der Charakter der Verstandesseele, wie er bereits in der Theosophie beschrieben wird – in ihr dient das Denken (die Geistselbst-Weisheit) den Bedürfnissen der Empfindungsseele.

Die »ägyptische Finsternis«, die Verfinsterung des Geistselbstes (des Bewusstseins der Engel), ist in der Gegenwart laut Steiner zur Epidemie geworden. In gewaltigen Ausmaßen dient heute die Technik, die aus der Intelligenz des Geistselbstes hervorgegangen ist, der menschlichen Bequemlichkeit. Die alten Religionen hätten auf »die Errungenschaften all unserer Technik, unseres Verkehrs und Handels mit sehr gemischten Gefühlen herabgeblickt. Eine Verunreinigung heiliger Dinge sahen sie darin, wenn der Mensch sein höheres Geistesvermögen in den Dienst der niederen Naturbedürfnisse stellte. Schlimmer war dies, als wenn das Tier seinen Instinkt, der ja zu nichts Besserem taugt, zur Befriedigung seiner Bedürfnisse benutzt. Es wurde empfunden als ein Abfall, ein Missbrauch des zu höheren Aufgaben berufenen Geistselbstes, ein Abfall des Geistes von sich selbst«, heißt es in der Nachschrift.

In der Esoterik ist von der »ägyptischen Finsternis« die Rede, Ägypten ist der sprichwörtliche Ausdruck für den Abfall des Geistes von seiner eigentlichen Bestimmung. Er bezeichnet nicht nur ein Land, sondern einen »seelischen Zustand«, die »Blendung des Geistselbstes«. Die Ausführungen, betont Steiner, sind nicht als Kritik gemeint, sondern als »Schilderung von Tatsachen der geistesgeschichtlichen Evolution«. (Es muss nicht eigens erwähnt werden, dass sie sich nicht auf das gegenwärtige, sondern auf das alte Ägypten beziehen).

Das Geistselbst musste während dreier Kulturepochen (3., 4. und 5.) »in niedere Kräfte untertauchen«, um aus ihnen wieder auferstehen zu können. Im Schoss der ägyptischen Finsternis wuchs aber auch ein Volk heran, das berufen war, dieses Geistselbst zu reinigen und zu erheben: das israelitische. Der Missionar dieser Aufgabe war Moses. Die Israeliten wurden nach Ägypten verpflanzt, um die Anregung für die Ausbildung des Geistselbstes zu empfangen, ihr Auszug aus Ägypten ist zugleich der Auszug des Geistselbstes »in eine höhere Wirklichkeit«.

Daraus ist die mosaische Gesetzgebung zu verstehen: sie sollte umgestaltend auf das Ich wirken. Und Gott selbst muss sich Moses als Ausdruck des Ich im Menschen ankündigen. Durch den Ruf der Stimme aus dem brennenden Dornbusch: »Ich bin der ›Ich-Bin‹. Also sollst du den Kindern Israel sagen: ›Ich-Bin‹ hat mich zu euch gesandt«, kündigt sich »die Geburt des Geistselbstes im Selbstbewusstsein« des Menschen an.

Gott muss als geistiges Wesen, als Geistselbst-Wesen, in der Form des Geistselbstes begriffen werden. Daher die Forderung, keine anderen Götter zu verehren: die Betonung der Einzigkeit führt zum Bewusstsein der Einzigkeit des Ich, zum Bewusstsein des Geistselbstes im Menschen. Kein Bild soll sich der Mensch von diesem Gott machen, er soll als rein geistiger gedacht werden.

Zu diesem Ziel also wurden die Juden aus Ägypten herausgeführt. Das Volk Israel zog in die Wüste. Die Wüste ist die Einsamkeit, in die das Ich sich versenken muss, um Gott in sich zu finden. Wenn es das Geistselbst in sich gefunden hat, muss es diese innere Wüste wieder beleben. Als das Volk murrte, weil es hungerte, regnete es Manna vom Himmel. »Manna« ist dasselbe Wort, wie »Manas«, »Manes« »Manu«, »Menes« oder »Mens«, es bezeichnet das Geistselbst. Es ist das Geistselbst, das vom Himmel regnet und den Hunger der Seele stillt.

Um die Bedeutung der Wiederbelebung der Wüste zu erläutern, schaltet Steiner einen längeren Exkurs über Geburt und Tod ein, dessen Quintessenz darin besteht, dass der Tod notwendig ist, um ein Bewusstsein des Lebens und einer in sich abgeschlossenen geistigen Individualität zu entwickeln. In der frühen lemurischen Zeit gab es kein Todeserlebnis, da die ätherischen Menschenwesen noch nicht in einen mineralisierten physischen Leib eingezogen waren. Statt Geburt und Tod erlebten sie den permanenten Wandel ätherischen Lebens. Erst nach dem Einzug des Ätherleibs in den physischen Stoff konnte das Erlebnis von Geburt und Tod und der damit verbundene Bewusstseinswandel stattfinden. Der irdische, mineralisierte Leib ermöglichte es der Menschenseele, ihre Umgebung durch die mineralischen Apparate der Sinne wahrzunehmen und als von ihr selbst Unterschiedenes zu erkennen. Geburt und Tod sind vom Aufkommen dieser Erkenntnisform nicht zu trennen.

Seit der lemurischen Zeit wurde der Leib vorbereitet, der das Aufleuchten des individualisierten Geistselbstes ermöglichen sollte. »Durch die Sinne« zog es ein in den physischen Leib; »durch das Geistselbst ist der Tod bedingt, ohne das Geistselbst gäbe es keinen Tod«. Dazu heißt es im Johannes-Evangelium: »Eure Väter haben Manna gegessen und sind gestorben«. Im Gegensatz dazu kann man am Brot des Lebens nicht sterben. Christus soll die Menschheit wieder in die ätherische Welt, den ätherischen Seinszustand zurückführen, den sie um der Ausbildung des Geistselbstes willen verlassen hat. Durch ihn dringt der Lebensgeist, der belebende Geist in die Menschheit ein. Christentum bedeutet Belebung des Ätherleibs »von innen, nicht von außen«: »Ich bin das Brot des Lebens«, wer dieses Brot isst und verdaut, wer es sich anverwandelt, nimmt das ewige Leben des Lebensgeistes in sich auf. Wenn das Geistselbst den Lebensgeist in sich aufnimmt und der Ätherleib des Menschen von innen her belebt wird, verliert der Tod seinen Stachel. Moses ist der »Sendbote des Geistselbstes«, Christus der »Bringer des Lebensgeistes«.

Der letzte Teil des Vortrags beschäftigt sich mit der Symbolik von Wein und Brot, Blut und Fleisch. Moses besprengt das Volk mit Opferblut. Er besiegelt damit den Bund der Blutsverwandtschaft. Christus will aber über das Prinzip der Blutsverwandtschaft hinausführen, daher muss er dem Blut eine andere Bedeutung geben: durch sein Blut stiftet er einen Bund mit der ganzen Menschheit. Das bringen die Sätze zum Ausdruck: »Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm«. Mit der Aufnahme des Blutes, d.h. der Wesenssubstanz Christi, die Ausdruck seines Ich ist, nimmt der Teilnehmer des Abendmahls den Lebensgeist Christi in sich auf.

Die Symbolik des Weines wird durch einen langen Exkurs erläutert.

Die gesamte Natur mit all ihren Wesen und Substanzen hat der Mensch im Lauf der Evolution aus sich herausgesetzt, um zu dem zu werden, was er heute ist. Auf der Leiter der Differenzierung entwickeln sich Geist und Natur parallel bzw. spiegelbildlich: »Immer wenn sich ein neues Wesensglied ansetzt, dann entwickelt der Mensch in sich eine andere, neue Naturanlage. Im Moment, wo sich das Tier abzweigt, entsteht im Menschen astrales Empfinden, im Moment, wo sich die Pflanze abzweigt, ätherisches Wachstum. Im Moment, wo sich die Steine abzweigen, bildet der Mikrokosmos Knochen. Jedesmal wenn sich eine neue Wesensart entwickelt, entsteht beim Menschen ein entsprechendes Korrelat, so dass man von jedem Tier, von jeder Pflanze, von jedem Mineral sagen kann, was ihnen im Menschen entspricht«. Entsprechungen des gesamten Tier- und Pflanzenreichs finden im Menschen, die Natur ist der ausgebreitete Mensch. Was er aus sich herausgesetzt hat, entwickelte sich gleichwohl unabhängig von ihm fort. Manches sogar schneller als er, zum Beispiel die Gifte.

Ein solcher, der Entwicklung vorausgeeilter Pflanzenstoff, ist der Wein. Der Saft der Rebe ist mit dem menschlichen Blut verwandt, und hat sich außerhalb des Menschen einseitig weiter entwickelt.

Steiners Ausführungen beruhen darauf, dass bei der alkoholischen Gärung aus Kohlehydraten neben Ethanol Kohlenstoffdioxid entsteht, das auch im menschlichen Atmungsprozess gebildet wird. Gleichzeitig wird durch die Pflanzenwelt Kohlenstoffdioxid in Sauerstoff umgewandelt, der vom Menschen eingeatmet, vom Blut aufgenommen und als »Kohlensäure« (Kohlenstoffdioxid) wieder ausgeatmet wird. Rund 4 Prozent des eingeatmeten Sauerstoffs werden in Kohlenstoffdioxid umgewandelt. Aus dem Rebensaft geht also, ebenso wie aus dem Blut des Menschen, Kohlenstoffdioxid hervor. Das ist der Kern der »Verwandtschaftsbeziehung«. (Die verstümmelten Sätze lauten im Druck: »Was das Blut atmet, gibt Kohlensäure, Alkohol. Alkohol ist sozusagen Zukunftsblut. Der Kohlensäure ausatmende Pflanzensaft steht dem heutigen Blut gegenüber wie Zukunftsblut«.)

Aufgrund der Verwandtschaft zwischen Blut und Wein kann Christus sagen: »Dies ist mein Blut«. Denn Christus ist der Repräsentant der künftigen Menschheit. Auch das Gleichnis vom Weinstock und den Reben deutet auf diese Verwandtschaft. Mit diesem Symbolkomplex steht auch die Verwandlung von Wasser in Wein im Zusammenhang. Der Mensch vermag zwar nicht wie die Pflanze seine »wässrigen Säfte« in Wein umzuwandeln, er wird aber dereinst sein Blut zu einem Träger des nie versiegenden Lebens umwandeln.

Die Verwandlung von Wasser in Wein findet in Galiläa, im Land der »Vermischten« statt, derjenigen, die aus der Fernehe hervorgegangen sind. Dort war die Verwandtschaft des Blutes bereits aufgehoben, und damit die Voraussetzung zur Entwicklung eines neuen Bewusstseins gegeben.

6. Der Vater Christi, der Heilige Geist

Dieses neue Bewusstsein, so Steiner im sechsten Vortrag [3], eignete sich der von Jesus eingeweihte Johannes an. Das von ihm verfasste Evangelium stellt einen Einweihungsweg dar. Die Hochzeit zu Kana ist für ihn ein reales Ereignis, zugleich aber auch ein Symbol, eine prophetische Vorhersage dessen, was durch Christus geschehen soll, des gesamten künftigen Entwicklungsgangs der Menschheit. Diese Hochzeit stellt aus der Sicht des Johannes die Zukunft der sechsten Kulturepoche dar: die Vermählung des Geistselbstes, das sich im Gesetz ausdrückte, mit dem Lebensgeist, der Gnade, der Freude.

Noch einmal betont Steiner die Auflösung der Blutsbande durch das Christentum: »Wer nicht verlässt Vater und Mutter und Bruder und Schwester um meinetwillen, der kann nicht mein Jünger sein« – die Liebe muss aus der engen Abstammungsgemeinschaft befreit und in allgemeine Menschenliebe umgewandelt werden, sie muss sich von dem, was blutsverwandt war, dem zuwenden, was geistesverwandt ist.

Nun kommt der Vortragende auf Vater und Mutter Christi zu sprechen. Er findet es »sonderbar«, wenn Theologen behaupten, »Jahwe« sei der Vater Christi, wo doch das Lukas-Evangelium deutlich darauf hinweise, wer dieser Vater sei. Der Erzengel Gabriel kündige an, die Jungfrau werde vom Heiligen Geist überschattet und ein Kind gebären. Der »Vater« Christi ist also der »Heilige Geist«. Wenn Christus sage, »Ich und der Vater sind eins«, dann bedeute dies: »Ich und der Heilige Geist sind eins«. Wer aber ist die Mutter Christi? Darauf gibt das Verständnis der Einweihung Antwort.

Es schließen sich lange Ausführungen über die drei Wege der Einweihung: den indisch-orientalischen, den christlich-gnostischen und den rosenkreuzerischen Weg an. Dabei handelt es sich um drei Wege, die »zum selben Ziel« führen: der Gipfel eines Berges ist einer, aber viele unterschiedliche Wege führen hinauf. Welcher Weg »der passende« ist, hängt davon ab, »an welcher Stelle des Bergfußes man steht«. Die unterschiedlichen Wege sind zwar zu verschiedenen Zeiten entstanden, sie behalten aber lange nebeneinander ihre Gültigkeit. »Ein Inder vermag sich noch heute leichter als ein Europäer in sein sympathisches Nervensystem zu versenken«. Für einen Europäer wäre dieser Weg jedoch gefährlich. Auf den »heutigen Europäer« ist der rosenkreuzerische Pfad zugeschnitten, der seit dem 14. Jahrhundert gepflegt wird. Der christlich-gnostische führt zwar »zur selben Wahrheit«, ist aber unter den heutigen kulturellen Bedingungen kaum mehr gangbar, weil er einen vollständigen Rückzug aus dem Getriebe des Alltags voraussetzt. Nun folgen äußerst interessante Ausführungen über die sieben Stufen des Yogaweges, die hier nicht referiert werden müssen, aber lesenswert sind. Am Ende zieht Steiner ein Fazit: »Durch die indische Yogaschulung gelangt man in der okkulten Entwicklung zur selben Stufe, wie durch den christlich-gnostischen Weg«.

Auch heute gibt es Menschen, die den christlich-gnostischen Weg gehen, auch er verläuft über sieben Stationen. Dieser Weg wurde bereits früher beschrieben, die Ausführungen müssen hier nicht wiederholt werden. Schließlich kommt Steiner am Ende des Vortrags auf den dritten Weg zu sprechen, der auf den Bergesgipfel hinaufführt, den rosenkreuzerischen.

7. Die Mutter Christi, die Jungfrau Sophia

Die sieben Stufen dieses Weges werden im siebten Vortrag [4] ausführlicher beschrieben. Auch hier werden die beiden anderen Wege zum Vergleich herangezogen und gewisse Unterschiede hervorgehoben. Abgesehen von den Methoden und Inhalten des Übens unterscheiden sich die drei Wege durch ein unterschiedliches Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer. Der Yogaweg setzt eine »absolute Unterwerfung« des Schülers unter den Lehrer voraus, im christlich-gnostischen wird Christus Jesus »zum Guru«, ein »persönliches Gemütsverhältnis« zu ihm ist für diesen Weg unabdingbar. Bei der rosenkreuzerischen Schulung ist das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler das freieste. Der Lehrer ist »Freund und Ratgeber«, er kümmert sich nicht um das tägliche Leben des Schülers, erteilt ihm keinerlei »Befehle«, sondern lässt ihm völlige Freiheit. Allerdings ist auch hier ein Vertrauensverhältnis notwendig. Wie könnte man auch von einem Lehrer lernen, dem man misstraut?

In den sieben Stufen des Rosenkreuzerweges finden sich die drei Stufen der Imagination, Inspiration und Intuition wieder, die Steiner ab 1905 in der Aufsatzreihe Die Stufen der höheren Erkenntnis darstellte. Die erste Stufe, das »Studium«, stellt die Vorbereitung dar, die der Katharsis, der Reinigung des Astralleibes gewidmet ist. Die zweite Stufe wird geradezu als »Imagination« bezeichnet. Auf die Ausbildung des inspirativen Bewusstseins beziehen sich die folgenden Stufen: das »Erlernen der okkulten Schrift«, der »Lebensrhythmus«, die Einsicht in die »Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos«; mit der sechsten und siebten Stufe, der »Kontemplation« oder »inneren religiösen Beschauung des Makrokosmos« und der »Gottseligkeit«, geht das intuitive Bewusstsein auf. Über die »Kontemplation« heißt es: durch sie gehe der Schüler aus sich heraus und erweitere sein Bewusstsein über die ganze Welt: »das höhere Selbst ist außer uns, wir müssen es in allen Wesen suchen, denn alles sind wir«. Über die »Gottseligkeit«: »Wenn man so weit gekommen ist, dass man sich in alle Wesen hineinversetzen kann, dann ist man auf der siebenten Stufe angelangt«.

Bemerkenswert ist, was Steiner über das vorbereitende Studium ausführt: es handelt sich darum, sich mit der elementaren okkulten Lehre vertraut zu machen. Durch deren Studium soll der Mensch »frei werden von den Vorurteilen des Lebens, der Suggestion der Wissenschaft, die den modernen Menschen vollständig beherrscht«. Im Abendland, so Steiner, »ist kein freies Denken mehr üblich, alles ist Suggestion, durch Macht und Autorität aufgestelltes Dogma«! »Der Theosoph soll tiefer eindringen in logisches, sinnlichkeitsfreies Denken«. »Zu diesem Zweck, zur Schulung solcher Denkweise, wurden die beiden Schriften ›Wahrheit und Wissenschaft‹ und ›Philosophie der Freiheit‹ von mir geschrieben, damit man sich in solche Gedankengänge vertiefe. Es kommt dabei weniger darauf an, den betreffenden Inhalt zu verstehen, als in diesen Gedankengängen zu leben. Ein freies, scharfes, vernünftiges Denken ist notwendig, weil es dem Schüler eine gewisse Selbständigkeit verleiht, aber dieses Denken ist auch ein sicherer Führer für die höheren Welten. Neues, anderes tritt uns in den verschiedenen Welten entgegen; was aber in allen Welten das gleiche bleibt, das ist das Denken. Überall gibt es andere Wahrnehmungen, andere Erlebnisse, aber die Logik ist in allen Welten gleich«. Erst in der höheren Geistwelt verlieren die Gesetze des Denkens ihre Gültigkeit, weil sie der Quellort ist, aus dem diese Gesetze hervorgehen.

Am Ende der Behandlung der sieben Stufen des Rosenkreuzerweges heißt es noch einmal: »Welcher Schulung Sie sich unterziehen, ist nicht entscheidend. Sie können auf allen drei Wegen Ihre Seelenkräfte entwickeln und Erkenntnisse der übersinnlichen Welt erlangen. Nur ist es natürlich gut, wenn man bei der Wahl des Weges Rücksicht darauf nimmt, auf welcher Seite man selbst am Fuß des zu erklimmenden Berges steht«.

Im Folgenden führt Steiner schrittweise zur Beantwortung der Frage nach der Mutter Christi. Noch einmal wird der Grundgedanke der Einweihung erläutert: sie zielt auf die Umwandlung der leiblichen Glieder des Menschen durch das Ich, das Hinaufheben dessen, was als Geistiges in diesen Gliedern wirkt, in das Bewusstsein.

Zur Zeit Christi hatte die Mehrzahl der Menschen einen Teil des Astralleibs und einen geringeren Teil des Ätherleibes umgearbeitet. Der Einzuweihende muss jedoch seinen gesamten Astralleib individualisieren, es darf in ihm nichts mehr geben, das er nicht beherrscht. Im Allgemeinen herrschen die Leidenschaften über den Menschen. Aber der Mensch muss »Herr seiner Leidenschaften und Begierden« werden, wenn er die Einweihung erlangen will. Er muss auch seinen Ätherleib individualisieren, sein Temperament und alle sonstigen Eigenschaften umwandeln, deren Träger er ist. Aus dem Astralleib wächst so das Geistselbst hervor, aus dem Ätherleib der Lebensgeist. Wird der physische Leib umgewandelt, dann wirkt der Eingeweihte »auf den ganzen Erdenplaneten ein und wird zum Mittelpunkt kosmischer Kräfte«, er entwickelt »den Vater, den Geistesmenschen, in sich«.

Ein Teil der Umwandlung dieser Wesensglieder wird unbewusst, durch den allgemeinen Entwicklungsgang der Menschheit vollzogen. Der Geistesschüler jedoch muss diese Arbeit bewusst in Angriff nehmen. Irgendwann ist der Zeitpunkt erreicht, in dem der gesamte Astralleib tatsächlich gereinigt, geläutert, umgewandelt ist. Dann kann sein Inhalt in den Ätherleib eingeprägt werden.

In den alten Mysterien erfolgte diese Einprägung im Rahmen eines dreitägigen, todähnlichen Schlafs, bei dem Äther- und Astralleib zusammen aus dem physischen heraustraten. Ein hoher Initiierter überwachte diesen Vorgang, während dessen die Inhalte des Astralleibs in den Ätherleib hineingespiegelt wurden. Der Initiant, der aus dem Todesschlaf erwachte, konnte ausrufen: »Mein Gott, wie hast du mich verherrlicht!«

Ein vollkommen vergeistigter Astralleib wurde als »Jungfrau Sophia« bezeichnet, der Ätherleib, der den Inhalt dieses jungfräulichen Astralleibs in sich aufnahm, als »Heiliger Geist«. Das, was aus beiden entstand, als »Menschensohn«. Den Schilderungen der Verkündigung und Geburt Jesu liegen solche Mysterienerfahrungen zugrunde.

Die Bilder sind vieldeutig und spiegeln sich in unterschiedlichen Vorgängen. Aufgrund der gedruckten Aufzeichnungen wäre der geläuterte Astralleib die Mutter, der Ätherleib der Vater des »Menschensohnes«. Wie aber kann der Vater durch die jungfräuliche Mutter befruchtet werden (ihren Inhalt in sich aufnehmen)? In Wahrheit ist es der Lebensgeist, der Heilige Geist, der die jungfräuliche Mutter, den Astralleib, befruchtet, die alsdann den Sohn, das Wort, im Ätherleib hervorbringt. [5]

Dasselbe Erlebnis konnte auch durch das Bild der Taube dargestellt werden. Dieses Bild erscheint Johannes bei der Taufe am Jordan. Hier tritt der Heilige Geist von oben in die Seele des Jesus von Nazareth ein. [6]

Vater und Mutter erscheinen am Ende des Johannes-Evangeliums noch einmal, wenn der Repräsentant der Menschheitsentwicklung, der »Menschensohn«, dessen Vater der Heilige Geist und dessen Mutter die Jungfrau Sophia ist, die Frau, die am Kreuz steht, als Mutter des Johannes bezeichnet und diesen als ihren Sohn: der Jünger, den der Herr eingeweiht hatte, nimmt die Weisheit, die Sophia zu sich und schreibt das Evangelium, das »eine Verkörperung« (Verschriftlichung) dieser Weisheit ist – eine weitere Bedeutung von Sophia.

8. Die Erde, der Leib Christi – Christus, der Herr des Karma

Das Christentum, so Steiner im letzten Vortrag [7], stellte »als geschichtliche Tatsache« vor die Augen aller Menschen, was sich früher im Tempeldunkel der Mysterien in der Seele des Einzelnen abspielte. Noch einmal werden von ihm die Wirkungen der Einweihung beschrieben.

Der Geistesschüler beginnt während des Schlafs allmählich für die Welt aufzuwachen, in der er sich aufhält. Er erlangt die Kontinuität des Bewusstseins. Anfangs fühlt er sich beim Erwachen wie ein Schwimmer, der sich »aus dem Meer der Astralwelt erhebt und sich an Dinge erinnert«, die es auf der Erde nicht gibt. Immer mehr Einzelheiten tauchen aus diesem Meer auf. Das Wahrnehmungs- und Erinnerungsvermögen des Schülers entwickelt sich sehr langsam. Später vermag er das Erlebte »ins Tagesbewusstsein mitzunehmen«. Jede Pflanze beginnt für ihn zum Ausdruck der geistigen Wesenheit der Erde zu werden, zu einem realen Glied des Erdgeistes. In seiner Seele beginnt er geistige Wesen wahrzunehmen, mit deren Bewusstsein das seinige zusammenwächst. Er beginnt zu empfinden, dass sein Bewusstsein nur ein Teil des Bewusstseins des Planeten Erde ist. Er erlebt sein Einzelbewusstsein als Spiegelbild des einen großen Erdenbewusstseins. Er ist auf dem Weg, »ein wahrer Sohn der Erde« zu werden. (Hier wird nun die Erde als »Mutter« angesprochen). Es gibt einen Repräsentanten dieses einen großen Erdenbewusstseins: Christus Jesus. Als das Fleisch und Blut gewordene Wort stellt er das verkörperte Ideal des Erden- und Menschheitsbewusstseins dar, dem alle Menschen entgegenstreben.

Er ist »der Erstgeborene«, der dieses Bewusstsein bereits verwirklicht hat, und schreitet der Menschheit voran. »Derjenige, der am Kreuze hing, trug das Erdenbewusstsein in seiner eigenen Brust«.

Von diesem Christus-Bewusstsein redet das Johannes-Evangelium in einer »merkwürdig imaginierenden« Sprache. Einige Beispiele für diese imaginierende Sprache werden angeführt.

Johannes wird als der Jünger bezeichnet, den der Herr lieb hatte, der an der Brust Jesu lag. Er ist der Repräsentant des Herzens, des Organs des Lebensgeistes. Die übrigen Jünger repräsentieren andere Organe des Menschen.

Die Füße werden den Jüngern gewaschen. Warum die Füße? Gereinigt werden muss »vom Repräsentanten der vollendeten Menschheit« der der Erde zugewandte Teil des Menschen: die Füße. Petrus – der Fels – ist dieser der Erde zugewandte Teil. »So deine Füße nicht gewaschen werden, so hast Du keinen Teil an mir«, sagt Jesus zu ihm. Nicht die Hände und nicht das Haupt bedürfen der Reinigung, wie Petrus erfährt, sondern allein die Füße.

Jesus sagt: »Wer mein Brot isst, der tritt mich mit Füßen«. Auch dies ist ein imaginatives Sprachbild. Jesus, der zum Bewusstsein des Planeten aufgestiegen ist, dessen Leib die Erde geworden ist, vermag dies zu sagen, denn er empfindet die Ackerkrume als Teil, das Korn, das aus ihr hervorwächst, als Frucht seines Leibes. Christus als der Repräsentant des ganzen Erdenbewusstseins kann solche Sätze aussprechen.

Wenn einst die Liebe, die in ihm lebte, die ganze Menschheit ergriffen hat, und alle Menschen Brüder geworden sind, dann wird ein anderes Vorbild aus seinem Leben Wirklichkeit: die Menschen werden die Güter der Erde untereinander aufgeteilt haben, aber etwas werden sie nicht zerteilen können: ihre Lufthülle. Symbolisch drückt dies die Teilung seines Oberkleides unter die Kriegsknechte aus, während sein »Rock«, der aus einem Stück besteht, unzerteilt bleibt.

»Alle Äußerungen« des Christus Jesus im Johannes-Evangelium deuten darauf hin, dass er Lebenszustände vorausnimmt, die später von der ganzen Menschheit realisiert werden sollen.

Wenn er in Ausführung seines Wortes »Ich bin das Brot des Lebens«, fünftausend Menschen speist, dann ist dies kein einmaliges historisches Ereignis, sondern verweist ebenfalls auf die Zukunft: Die Erde ist der Leib des Christus Jesus – die wenigen Samenkörner, die Jünger, werden sich vervielfältigen.

Auch zwischen Christentum und Karma besteht kein Widerspruch, im Gegenteil.

In der moralischen Welt hängt alles wie Ursache und Wirkung zusammen, und der Ausgleich von Schuld und Verdienst wird »durch das tiefste und reinste Erdenwesen« geschaffen. In okkulten Schriftzügen ist alles, was der Mensch getan hat, in den Ätherleib der Erde eingeschrieben. Wenn sich diese Einsicht durchsetzt, wird man keine weltlichen Strafen mehr verhängen. Christus lebt vor, wie in Zukunft der Ausgleich geschaffen wird, wenn er die Tat der Ehebrecherin in die Erde schreibt. Alle Folgen menschlicher Taten werden dem Gedächtnis der Erde übergeben. Das Urteil über Schuld und Sühne ergibt sich aus »dem sich selbst erfüllenden Karmagesetz« – dieses Gesetz ist, wie alle Gesetze, eine Wesenheit – Christus. Er ist das lebendige Bewusstsein der Akasha-Chronik der Erde. Deswegen wird ihm vom Vater das Gericht übergeben, deswegen besitzt er die Macht, Sünden zu vergeben und auf sich zu nehmen: »Denn wie der Vater die Toten auferweckt und lebendig macht, so macht auch der Sohn lebendig, welche er will. Der Vater richtet niemanden, er hat alles Gericht dem Sohn übergeben, auf dass sie alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt auch den Vater nicht, der ihn gesandt hat«.

In Christus, so Steiner, lebt das ganze Erdenkarma der Menschheit, er ist das lebendig verkörperte Erdenkarma. Christus als »Herr des Karma« also nicht etwa erst 1911, sondern bereits 1906! [8] Darum muss ein persönliches Verhältnis zu Christus finden, wer die Vergebung seiner Sünden sucht. In Christus ist der Ausgleich aller Schuld zu finden. Er ist die Erlösung, die ausgleichende Gerechtigkeit der Erde.

Wenn er den Tempel reinigt, dann treibt er das Unreine, den Schachergeist, die Geldgier aus der Seele, aus dem Tempel des Leibes. Nach der Reinigung des Tempels sagt er: »Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn neu aufbauen«. »Er aber redete vom Tempel seines Leibes«. Auch diese Sätze weisen auf die Zukunft der Menschheit, die Evolution der ganzen Erde. Zugleich verweisen sie auf das Einweihungsgeschehen zurück, die dreieinhalb Tage, die der Einzuweihende im Grab verbringt. Auch sein Leibestempel wird abgebrochen und nach drei Tagen wieder aufgerichtet. Was für den Einzelnen in der Tempeleinweihung geschah, das geschah »für die ganze Menschheit durch Christi Tod und Auferstehung«.

Ein »merkwürdiges Buch«, so Steiner, ist das Johannes-Evangelium, dessen Sprache man erst lesen lernen muss. Christus ist aus der Mutter Sophia geboren, Johannes-Lazarus hat sie zu sich genommen, und »die Verkörperung der Jungfrau Sophia« muss man studieren, um in ihr die Mittel zu finden, Christus in der eigenen Seele zum Leben zu erwecken. Wer das Geschilderte meditativ erlebt, wird es dereinst astral schauen. Dann wird er das »größte Ereignis der Weltgeschichte«, das »Ereignis von Palästina«, verstehen. Steiner spricht hier noch nicht vom »Ereignis von Golgatha«.

Es bedarf der Geisterkenntnis, der Schulung und Einweihung, um den »tiefsten Geist der Erde« zu verstehen. Christus ist ein »einzigartiges Wesen«. Am Ende der Erdentage wird das »Wort« der letzte Ausdruck seiner Wesenheit sein, wie es sein erster war – dann wird er sich »in allen Menschen verkörpert haben«, dann wird die Menschheit mit ihm eins geworden sein.

Ohne Auge vermöchten wir nicht die Sonne zu sehen. Das menschliche Auge wurde durch die Sonne gebildet. Christus ist die Sonne, die die Menschenseele in sich aufnehmen soll. Das Auge, durch das wir ihn schauen lernen, ist das Johannes-Evangelium. Aber das Auge könnte nicht sehen, wenn es nicht den wirklichen Christus gäbe, der geschaut werden kann. Er war es, der dem Jünger, den er lieb hatte, das Auge öffnete. So schaute er, was er beschrieb, um in uns das Auge zu erwecken, das die Sonne zu schauen vermag, die ihn erleuchtete.

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Anmerkungen

[1] 3. November 1906

[2]  Über den Sturz der Angeloi in der ägyptischen Zeit und dessen Spiegelung im Materialismus unserer Tage hat Steiner erst 1911 explizit gesprochen, er bildet aber offensichtlich schon hier den Hintergrund seiner Ausführungen. Auf die ägyptischen Engel ging er öffentlich in GA 15 (Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit) ein; der Band enthält drei im Juni 1911 in Kopenhagen gehaltene Vorträge, die von ihm selbst für den Druck aufbereitet wurden. Die Druckfassung erschien bereits im August 1911.

[3] 4. November 1906

[4] 5. November 1906

[5] Verständlicher wird der Begriff des »Menschensohnes« durch die exaktere Nachschrift der Vorträge über das Johannes-Evangelium, die 1908 in Hamburg stattfanden (25. Mai, GA 103).

[6] Auch dieses Thema: die jungfräuliche Sophia als Mutter, der Heilige Geist als Vater, wird in den Vorträgen über das Johannes-Evangelium in Hamburg 1908 erheblich vertieft.

[7] 6. November 1906

[8] Von der Übertragung des karmischen Richteramtes, das Moses innehatte, auf Christus spricht Steiner 1911 in der Vortragsreihe Von Jesus zu Christus, GA 131.

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