Christus der Sonnenlogos – 1908 (ii) – Zur Christologie Rudolf Steiners (14)

3. Die Liebeskräfte der Elohim

Der Menschensohn. Bamberger Apokalypse

Der Menschensohn. Bamberger Apokalypse

Wo also ist der physische Leib des Logos? Am reinsten erscheint er im Licht der Sonne. Wie sich der Leib des Menschen zu seiner Seele verhält, so das Licht der Sonne zum Logos. Im Sonnenlicht strömt der Geist der Sonne auf die Erde nieder und dieser Geist ist der Geist der Liebe. Nicht nur die Pflanzen werden durch dieses Licht zum Leben erweckt, sondern auch die Seele des Menschen. Denn mit diesem Licht strömt »die warme Liebe der Gottheit auf die Erde; und die Menschen sind dazu da, die warme Liebe der Gottheit in sich aufzunehmen, zu entwickeln und zu erwidern«. Der Mensch ist Bewohner der Erde und das bedeutet, sich die Fähigkeit des Liebens anzueignen. Sonnenbewohner sein bedeutet, Liebe zu entzünden, sie auszustrahlen. Strömten die Bewohner der Sonne nicht die Liebe aus, könnte der Mensch sie nicht empfinden.

Was sind das für Wesen, die imstande sind, Liebe auszustrahlen? Sieben Wesen sind es, »sieben Hauptlichtesgeister«, die am Ende der Mondentwicklung diese Fähigkeit erlangt hatten. Ein »tiefes Mysterium« wird damit berührt, »das die Geheimwissenschaft enthüllt«. Von diesen sieben Lichtgeistern spalteten sechs die Sonne von der Erde ab und errichteten auf jener ihre Wirkensstätte, einer aber löste den Mond aus der Erde und wirkte seither von diesem aus. Sonne und Mond, die kosmische Polarität, die sich verhält wie Wesen und Spiegel, gehen aus diesen Lichtgeistern hervor und im einen spiegeln sich die sechs anderen.

Das Licht, das uns von der Sonne zuströmt, enthält die geistigen Liebeskräfte der Lichtgeister oder Elohim, von welchen das Alte Testament spricht. Der eine, der »zum Heil des Menschen« den Mond zu seinem Aufenthalt wählte und »freiwillig auf das Sonnendasein verzichtete«, trägt im Alten Testament den Namen »Jahwe« oder »Jehova«. Vom Mond aus lässt er nächtens die reife göttliche Weisheit auf die Erde strömen und bereitet die Menschheit auf den Empfang der Liebe im Tagesbewusstsein vor. Gemeinsam und im Einklang mit den anderen Lichtgeistern wirkt er, aber von einem anderen kosmischen Ort aus.

Die Nacht gehört dem Mond. Während der Nacht sendet er die reflektierte Sonnenkraft auf die Erde. Jahwe strahlt die Kraft der reifen Weisheit der sechs Elohim zurück, und lässt sie während des nächtlichen Schlafs in den Menschen einströmen. Jahwe wird daher als »Regent der Nacht« bezeichnet. Der Mond ist das Symbol für Jahwe und die Sonne das Symbol für den Logos, die sechs restlichen Elohim.

Wie aber war es möglich, dass der Mensch diese Liebe auch in sein Tagesbewusstsein aufnehmen konnte?

Er bedurfte eines Führers, eines Lehrers, der ihm im hellen Tagesbewusstsein so gegenübertrat, dass er ihn wahrzunehmen vermochte. Er musste das Wesen der göttlichen Liebe physisch sehen. Weil er nur noch durch die physischen Sinne wahrnahm, musste der Gott, der Logos, selbst Fleisch werden. Und diese Fleischwerdung vollzog sich in Jesus. In ihm verkörperten sich »die Kräfte der sechs Elohim oder des Logos« – Sie waren »real da in der Welt der Sichtbarkeit«. »Darauf kommt es an«. Jesus von Nazareth, in dem »Christus oder der Logos inkarniert war«, ließ das, was früher immer nur von der Sonne auf die Erde niederströmte, in das Menschenleben, in die Menschheitsgeschichte einfließen: »Der Logos ward Fleisch«. Jesus war – seit der Taufe am Jordan – eine »wirkliche Verkörperung der sechs Elohim der Sonne, des Logos«.

Nicht ein »Feuergeist«, ein Erzengel also, nicht der »Regent der alten Sonne«, hatte sich in Jesus verkörpert, sondern die Elohim, die führenden Lichtgeister, die Geister der Form der Sonne und diese Elohim offenbarten den Logos. Hinter dem, was Steiner früher als Erzengel erschienen war, leuchtet eine tiefere Wirklichkeit auf, eine geistige Wirklichkeit, als deren Organ oder Träger der Erzengel erscheint, von dem er früher als dem »Christus« gesprochen hatte. Einen Monat vor den hier behandelten Vorträgen, am 20. April 1908, hatte Steiner erstmals in Berlin die Elohim der Genesis mit den Exusiai, den Geistern der Form der christlichen Hierarchienlehre identifiziert. [1]

Immerhin, könnte angesichts dieser Ausführungen eingewendet werden, ist Christus inzwischen in den Rang der Gewalten, der Exusiai, aufgestiegen, aber dadurch wird er noch lange nicht zur zweiten Person der Trinität und als solche versteht ihn doch das Dogma. Zwar nimmt er nun einen höheren Rang ein als 1906, bleibt aber doch ein hierarchisches, ein kosmisches Wesen, im eigentlichen Sinn des Wortes ein kosmischer Christus. Der Sohn aber, als persona trinitatis, ist ein überkosmisches Wesen, von dem es im Johannes-Prolog heißt, er habe alles erschaffen, er sei anfangs bei Gott (προς τον θεον) gewesen.

Ist mit Steiners Interpretation die Wesenheit des Logos, des Wortes, bereits ausgeschöpft, das Leben und Licht ward, das etwas anderes als Leben und Licht gewesen sein muss, um beides werden zu können, das schon vor dem Saturn als Schöpfungswort existiert haben muss, um diesen zu seinem Abbild zu machen? Und wer ist jener Gott, bei dem der Logos war? Ist der Logos des Saturn der Sonnenlogos des jetzigen Kosmos? Berechtigte Fragen für jemanden, der die Entwicklung der Darstellungen Steiners zur Christologie nachzuvollziehen versucht, der seine Maxime Ernst nimmt, »die wahre Rosenkreuzerei« lehre exoterisch nichts, »was nicht mit dem gewöhnlichen, allgemeinen logischen Verstande begriffen werden« könne.

Zudem hatte Steiner am 27. Januar 1908 in Berlin [2], rund vier Monate vor den hier besprochenen Vorträgen, durch die Geister der Bewegung einen Ausblick auf die überkosmische Wesenheit des Sohnes eröffnet, während Christus hier gleichsam wieder um eine Stufe herabgestiegen ist. Aber genau davon ist ja auch die Rede: vom sukzessiven Abstieg einer göttlichen Wesenheit durch alle Hierarchienstufen hindurch bis zum Menschen Jesus von Nazareth, die auf jeder dieser Stufen die Form oder Gestalt ihrer Gefäße annimmt, um schließlich im Menschen als Mensch zu erscheinen.

Denn was ist ein hierarchisches Wesen? Was schließt der Begriff der Exusiai in sich? Sind die Exusiai nur Exusiai? Ist nicht jedes hierarchische Wesen eine Leiter, die zu Gott führt, dessen Kern, dem es seinen Rang verdankt, diesem mehr oder weniger nahesteht? Ist nicht die gesamte Hierarchienwelt eine Analogie, eine Epiphanie der Trinität? Tragen die Exusiai nicht andere hierarchische Wesen in sich, deren Glieder und Offenbarungsträger sie sind? Wenn das physische Sonnenlicht der physische Leib der Exusiai ist, was ist dann ihr Ätherleib, ihr Astralleib, ihr Ich usw.? Wohin führt diese Leiter, wenn man annimmt, die Elohim besitzen sieben oder gar neun Wesensglieder? Wo haben wir den Wesenskern der Exusiai zu suchen, der wohl kaum in ihrem physischen Leib bestehen wird? Wenden wir das siebengliedrige Modell an, dann führt uns dies von den Exusiai bis zum Heiligen Geist, nicht aber zum Sohn.

Nehmen wir aber – hypothetisch – an, die Exusiai bestünden tatsächlich aus neun Gliedern – wohin führt uns dies? Zu den Dynamis und Kyriotetes, zu den Thronen, Cherubim und Seraphim – zu Heiligem Geist, Sohn und Vater! In den Exusiai, die als Sonnenlogos bezeichnet werden, wäre tatsächlich – in Form »höherer Wesensglieder« – die gesamte Trinität präsent. Ist der Sonnenlogos lediglich eine Erscheinungsform des Logos, aber keineswegs seine höchste, so wie Jesus eine Erscheinungsform dieses Sonnenlogos war – was natürlich nicht bedeutet, dass er nur einen gnostischen Scheinleib besaß?

Nun, diese Fragen werden 1908 nicht beantwortet. Aber die Entwicklung der Christologie Steiners – der Darstellung dieser Christologie – ist 1908 auch nicht abgeschlossen. Wir haben lediglich eine bestimmte Stufe erreicht. Noch 1909 wird es in den Kasseler Vorträgen über das Johannes-Evangelium heißen: »In bezug auf das Christus-Verständnis sind wir wirklich heute noch auf die Anfänge angewiesen. Immer größer und größer wird dieses Verständnis werden, aber heute kann der Mensch nur die allerersten Anfänge sich zu eigen machen«. [3] Wie können wir also erwarten, dass diese Entwicklung 1908 schon abgeschlossen war?

Anthroposophische Hermeneutik oder eine hermeneutische Esoterikforschung, die sich mit der Erscheinung der Anthroposophie im Werk Rudolf Steiners beschäftigt, muss eine Eigentümlichkeit dieser Erscheinung erkennen und anerkennen, die darin besteht, dass sie schrittweise, sukzessive im gesprochenen Wort, durch seine mündlichen Ausführungen vor unterschiedlichem Publikum in immer größerer Tiefe enthüllt wurde. Wer damals an einzelnen Vorträgen oder Vortragsreihen teilnahm, konnte nur Bruchstücke dieser Erkenntnis kennenlernen, wir Heutigen, denen die Gesamtausgabe zur Verfügung steht, sehen eine Entwicklung, die sich von Jahr zu Jahr fortsetzt, die im Grunde nie abbricht, die auch kein Ende findet, da das »geisteswissenschaftliche Lehrsystem« der Anthroposophie unvollendet blieb. Was Zander und seine Zöglinge abschätzig als »Patchwork«, als »additive Aneinanderreihung von Lesefrüchten« und ähnliches bezeichnen, ist in Wahrheit die sukzessive Enthüllung von Mysterien, die sich dem »hinter tausend Schleiern« verborgenen Wesen der Gottheit immer mehr annähert. [4] Ähnliches ließe sich auch über die schriftlichen Darstellungen Steiners sagen. Selbst die Geheimwissenschaft im Umriss 1909, die erste und einzige öffentliche Darstellung des gesamten »Lehrsystems« der Anthroposophie in Buchform, erschöpft bei weitem nicht dessen Inhalt – sie bietet lediglich einen »Umriss«.

Doch kehren wir zum Vortrag zurück.

Da »Christus« die Substanz der göttlichen Liebe ist, erscheint er im Johannes-Evangelium als der große »Bringer und Verlebendiger« des selbstbewussten freien Menschenwesens. Fasst man seine Lehre in kurze, paradigmatische Sätze zusammen, dann lautet sie: Die Erde ist dazu da, dem Menschen das Selbstbewusstsein, das »Ich-bin« zu geben. »Christus ist derjenige, der den Impuls gibt, dass die Menschen alle – jeder als einzelnes Wesen – empfinden können das ›Ich-bin‹«. Der »Christus-Impuls«: hier wird er paradigmatisch definiert – er ist der Impuls zur Ichwerdung, zur Entwicklung des freien Selbstbewusstseins, das fähig ist, die göttliche Liebe als freie Gabe zu empfangen und zu geben.

Deutlich wird der Unterschied im Gottesbewusstsein, das sich durch Jesus manifestiert, wenn man es mit jenem des Alten Testamentes vergleicht. Als es entstand, war der Mensch noch nicht zum persönlichen Selbstbewusstsein erwacht. Sein Ich war eingebettet in die Erzengelwesenheit des Stammes oder Volkes. Von der Gruppenseele gingen die Menschen aus, zum individuellen, selbständigen Dasein, zur Empfindung des »Ich-bin« in jedem einzelnen Menschen schritten sie fort. Seine Einbettung in die Gruppenseele brachte der Angehörige des Alten Judentums zum Ausdruck, indem er sagte: »Mein Bewusstsein reicht hinauf bis zum Vater des ganzen Volkes, bis zu Abraham – ich und der Vater Abraham sind eins«. Ein gemeinsames »Ich« umfasste alle Angehörigen der Gemeinschaft; der Einzelne fühlte sich »geborgen in der geistigen Substantialität der Welt, wenn er in der ganzen Volkssubstanz aufgehoben war«. »Den Vater Abraham fühlte er wie die Wurzel, aus der jeder einzelne Abrahamite als ein Glied hervorging«. Was Steiner hier am Beispiel des »alttestamentlichen Volkes« erläutert, ist keine Besonderheit dieses Volkes, sondern findet sich in dieser Zeit überall auf der Erde in allen Stammesgesellschaften, deren Leben durch die Endogamie, die Blutsverwandtschaft bestimmt war, wie wir aus seiner Interpretation der Hochzeit zu Kana wissen[5]

Christus hingegen sagte zu seinen »intimsten Eingeweihten«: Bisher hätten die Menschen sich aufgrund der Blutsverwandtschaft verbunden, sie habe ihnen das Bewusstsein vermittelt, einem größeren Zusammenhang anzugehören. Nun aber sollten seine Jünger sich eines geistigen Zusammenhangs unter den Menschen bewusst werden, der über jenen hinausging, den die Blutsverwandtschaft vermittelte. »Ihr sollt an einen geistigen Vatergrund glauben, in dem das Ich wurzelt, der geistiger ist als jener Grund, der das Volk als Gruppenseele verbindet. Ihr sollt glauben an das, was in mir und in jedem Menschen ruht, und das ist nicht nur eins mit Abraham, das ist eins mit dem göttlichen Weltengrund«. Daher betonte er im Johannes-Evangelium: »Bevor der Vater Abraham war, war das ›Ich-bin‹! Nicht nur bis zum Vater-Prinzip, das bis zu Abraham reicht, geht mein Ur-Ich hinauf, sondern mit dem, was den ganzen Kosmos durchpulst, ist das Ich eins; bis zu dem geht meine Geistigkeit hinauf. ›Ich und der Vater sind eins‹« (10, 30).

»Christus«, so Steiner, »war der große Beleber des ›Ich-bin‹«.

4. Die Erhöhung des Menschensohnes

Noch einmal kommt der Vortragende auf diesen bewusstseins- und gottesgeschichtlichen Prozess im sechsten Vortrag zurück, im Zusammenhang mit Ausführungen über den »Menschensohn« und seine Erhöhung.

Wer war der Menschensohn, was ist mit seiner Erhöhung gemeint?

So wie Moses in der Wüste die Schlange aufrichtete, so richtete Christus den »Menschensohn« auf. Was dieser Menschensohn bedeutet, lässt sich nur aus der Bewusstseinsgeschichte verstehen.

Einstmals war die Seele des Menschen mit dem Ich eingebettet in den Schoß der Weltseele. Auf Erden bildete sich eine Schale aus physischem und ätherischem Leib. Die Seele des Menschen senkte sich in diese Schale hinab, und wurde von der Weltenastralität abgeschnürt, wie Wasser, das aus dem Meer in ein Gefäß geschöpft wird. Sie wurde selbstständig, gleichzeitig verdunkelte sich das astralische Bewusstsein; dafür gingen die Augen auf, die das physische Licht zu sehen vermochten.

An die Stelle des alten hellseherischen, aber traumhaften Bewusstseins trat das selbständige individuelle Menscheninnere, das zum Träger des Ich werden konnte. Noch heute kehren Astralleib und Ich jede Nacht in die göttliche Substanz der Welt zurück, um sich in ihr zu stärken, ohne dass die erworbene Selbstständigkeit bei dieser periodischen Rückkehr verloren geht. Dem physischen und ätherischen Leib verdankt das selbständige, individuelle Menscheninnere sein Dasein. Die beiden Leiber wirkten als principium individuationis und wirken noch heute als solches, weil sie das dem Kosmos zugewandte, seelisch-geistige Wesen des Menschen mit der Erde verbinden. Physischer und ätherischer Leib sind der eigentliche Erdenmensch, aus ihnen wurde, wie aus einem Mutterschoß, herausgeboren, was sie aus dem Kosmos empfingen: Astralleib und Ich des Menschen, die sich an ihnen individualisierten. Diese individualisierte Form des himmlischen Anteils des Menschen wurde als »Menschensohn« bezeichnet. Ein Himmels- oder Göttersohn, von der Menschenmutter empfangen und ausgeboren, wurde zum Menschensohn.

Dieser Menschensohn, der sich aus dem Schoß der Gottheit losgelöst hatte, um in der physischen Welt sein Ichbewusstsein zu erobern, sollte durch die Kraft Christi, der auf der Erde erschien, wieder zum Bewusstsein seines göttlichen Ursprungs zurückgeführt werden. Nicht nur mit den Augen des Leibes sollte er sehen, die Augen seines Geistes sollten wieder sehend werden, damit er sowohl die irdische als auch die himmlische Welt, die himmlische in der irdischen zu sehen vermochte. Während in den Zeiten der Dunkelheit nur wenige Auserlesene durch die Mysterieneinweihung die Reiche der Himmel zu schauen vermochten, sollte diese Fähigkeit allmählich allen Menschen zuteilwerden. Die Eingeweihten wurden »Schlangen« genannt. Wer die Schlange aufrichtete, erweckte die Kraft des geistigen Sehens in sich. Moses richtete vor seinem Volk die Schlange auf, um sich als Eingeweihter auszuweisen, der berufen war, sein Volk zu führen (4. Mose 21, 8-9). Diese Einzelnen waren Vorläufer Christi, durch den die Schlange für alle Menschen aufgerichtet werden sollte. Dies drückte er mit den Worten aus: »Wie einstmals durch Moses die Schlange erhöht worden ist, so soll der Menschensohn erhöht werden!« (3, 14)

Propheten, Vorherverkündiger des »Ich-bin« waren diese Eingeweihten, herausragende Individuen, die vorlebten, was einst Allgemeingut werden sollte. Deshalb kündigten sie die Ankunft dieses Ich-bin auch auf Art der Propheten an, deshalb kündigte es sich ihnen prophetisch an. Moses gehörte zu diesen Propheten. Er sollte verkünden, »dass der Spruch ›Ich und der Vater Abraham sind eins‹ ersetzt wird durch den anderen: ›Ich und der Vater sind eins!‹, das heißt: ›Ich und der geistige Urgrund der Welt sind unmittelbar eins‹«. Inmitten des Gruppenseelenbewusstseins seines Volkes »ertönte die Verkündigung des Gottes, der in das Ich des Menschen einziehen sollte«.

»Moses sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Kindern Israels komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt! und sie mir sagen: Wie heißt sein Name? Was soll ich ihnen sagen?

Gott sprach zu Moses: Ich bin der ›Ich-bin‹! Also sollst du zu den Kindern Israels sagen: Der ›Ich-bin‹ hat es mich gelehrt.« (2. Mose 3, 11-14)

Aus dem brennenden Dornbusch erklingt der Name des Logos, der Moses zuruft: »Ich bin« – »Ich bin, der ich bin«. Er teilt Moses seinen Namen mit, das, was vom Verstand aufgefasst werden kann. Und was da gerufen hatte, was gerufen wurde, das erschien nicht nur für den Verstand, sondern für die Sinne in sichtbarer Form als der verkörperte Logos in Jesus von Nazareth.

Ein Zeichen des Herunterströmens des Logos auf die Israeliten ist der Regen des Manna, der in der Wüste niedergeht. Manna ist Geistselbst. Der erste Anflug dieses Geistselbstes wird vom Volk in der Wüste, von der Menschheit, die in der Wüste der ägyptischen Finsternis wandelt, aufgenommen. Was aber im Geistselbst als höhere Kraft lebt und wirkt, und was sich der Erde nähert, ist etwas, das nicht bloß gedacht oder erkannt, sondern vom Menschen so aufgenommen werden kann, wie er die Nahrung aufnimmt. Als der Logos Fleisch wird und innerhalb der Menschheit als »Kraftimpuls« erscheint, der ihr Leben erneuert und ihm eine neue Richtung, die Richtung nach oben gibt, da bezeichnet er sich nicht als Manna, sondern als »Brot des Lebens«. Das, so Steiner, »ist der technische Ausdruck für den Lebensgeist«.

»Das durch den Geist verwandelte Wasser, das der Samariterin gereicht wird, und das Brot des Lebens sind die erste Verkündigung des Einfließens des Lebensgeistes in den Menschen«.

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Anmerkungen:

[1] Das Hereinwirken geistiger Wesenheiten in den Menschen, 20. April 1908, GA 102. Zu den »Offenbarungen» oder »Exusiai«, so heißt es hier, »gehört zum Beispiel die Wesenheit, die wir … kennengelernt haben als Jahwe … und auch seine Genossen, die Elohim. Die Lichtgeister gehören zu der Ordnung der Gewalten oder Offenbarungen. Wir wissen, dass Jahwe sechs Genossen hatte, die für sich die Sonne [von der Erde] lostrennten. Jahwe selbst ging mit dem Monde, der das reflektierte Licht der Sonne der Erde zuströmt; aber er ist ein Genosse der anderen Elohim«.

[2] GA 102. Siehe weiter oben.

[3] Das Johannes-Evangelium …, 30. Juni 1909, GA 112.

[4] Das Motiv des Schleiers ist für Mystik und Esoterik gleichermaßen zentral. Der sechste Imām der Zwölferschia, Dscha’far al-Sādiq, sagte von der islamischen Esoterik: »Unsere Gnosis ist ein Geheimnis in einem Geheimnis, ein Geheimnis, das verschleiert bleibt, ein Geheimnis, das lediglich durch ein anderes Geheimnis angedeutet werden kann; sie ist ein Geheimnis in einem Geheimnis, das hinter dem Schleier eines Geheimnisses verborgen ist.« Vgl. https://anthroblog.anthroweb.info/?s=Esoterik+des+Islam. – Von diesen Schleiern spricht Steiner auch in der Geheimwissenschaft im Umriss, wenn er »das Allerheiligste« des Menschen, das sich in der Bewusstseinsseele enthüllt, charakterisiert: »Die Kraft, welche in der Bewusstseinsseele das Ich offenbar macht, ist ja dieselbe wie diejenige, welche sich in aller übrigen Welt kundgibt. Nur tritt sie in dem Leibe und in den niederen Seelengliedern nicht unmittelbar hervor, sondern offenbart sich stufenweise in ihren Wirkungen. Die unterste Offenbarung ist diejenige durch den physischen Leib; dann geht es stufenweise hinauf bis zu dem, was die Verstandesseele erfüllt. Man könnte sagen, mit dem Hinansteigen über jede Stufe fällt einer der Schleier, mit denen das Verborgene umhüllt ist. In dem, was die Bewusstseinsseele erfüllt, tritt dieses Verborgene hüllenlos in den innersten Seelentempel«. Hier ist also von fünf Schleiern die Rede. GA 13.

[5] So heißt es zum Beispiel in den früher behandelten Münchner Vorträgen am 31. Oktober 1906, GA 94: »In der Urzeit aller Völker haben wir die Erscheinung der sogenannten Nahehe. Wir haben die kleinen Volksgruppen, die alle innerhalb der Blutsverwandtschaft heiraten. Bei jedem Volke treffen wir aber den Übergang zur Fernehe, so dass eine intensive Blutmischung eintritt. Frühere Völkergruppen waren also stammverwandt; sie hatten einen gemeinsamen Ahnherrn, der besondere Verehrung genoss, zum Beispiel bei den deutschen Stämmen der Stammvater Tuisto«.

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