»Bei der Weltschöpfung darbey gewesen« – Neues aus Provo – (1)

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Anzuzeigen sind hier die beiden neuen Bände der Kritischen Ausgabe mit Schriften Steiners zur Kosmogonie und Anthropogonie. Aufgrund des Umfangs auf zwei Bände verteilt, enthalten sie neben den Originaltexten Rudolf Steiners (kosmogonisches Fragment von 1903/4, Aus der Akasha-Chronik, Geheimwissenschaft im Umriss) auch eine Reihe von theosophischen Quellentexten von A. P. Sinnett, H. B. Blavatsky und W. Scott-Elliot. Dem ersten Teilband steht ein kurzes Vorwort Wouter Hanegraaffs voran, dem zweiten eine 200seitige Einleitung des Herausgebers Christian Clement.

Eingegangen sei als erstes auf das Vorwort Hanegraaffs, der als einer der führenden Esoterikforscher der Gegenwart bezeichnet werden darf. Mit seinen Publikationen zur New Age-Bewegung (New Age Religion and Western Culture. Esotericism in the Mirror of Secular Thought) und zur Geschichte der westlichen Esoterik (Esotericism and the Academy. Rejected Knowledge in Western Culture) – die in diesem Blog ausführlich gewürdigt wurde –, trug er entscheidend dazu bei, die genannten, von der Aufklärung und vom Szientismus ins Abseits gedrängten geistigen Strömungen, wieder in die Mitte der Kultur und der Gesellschaft zurückzuholen. Zumindest schuf er von seiten der akademischen Wissenschaft die Voraussetzung dazu, den verdrängten Schatten der Ratio in sie zu reintegrieren und sie mit ihrer verschmähten besseren Hälfte wieder zu versöhnen. Ob die akademische Welt den von ihm (und der Esoterikforschung insgesamt) gebahnten Pfad durch das Dickicht der Vorurteile und geistigen Selbstbeschränkung beschreiten wird, hängt natürlich von der akademischen Welt ab.

Obwohl Hanegraaff im ersten der genannten Bücher die Spuren der New Age-Bewegung bis in die Romantik zurückverfolgte und Theosophie bzw. Anthroposophie als eine ihrer Hauptquellen benannte, spielten letztere im zweiten, einer großen Erzählung der gegen das »Andere« der Rationalität geführten Ausgrenzungsdiskurse, durch die sich diese »Rationalität« erst konstituierte, merkwürdigerweise keine Rolle. Um so gespannter durften mit seinem Werk vertraute Leser auf sein Vorwort zum vorliegenden Band der SKA sein, das Gelegenheit geboten hätte, die sprechende Lücke von Esotericism and the Academy zu füllen. Leider hat er diese Gelegenheit nicht ergriffen. Stattdessen vertritt er eine exotische These – die Herkunft der geisteswissenschaftlichen Forschungsmethode der Anthroposophie aus der sogenannten Psychometrie –, die auch noch vergleichsweise nonchalant abgehandelt wird.

1849 veröffentlichte der amerikanische Alternativmediziner Joseph Rodes Buchanan einen Artikel über Psychometrie, eine von ihm entdeckte »neue Wissenschaft«, die es erlauben sollte, die Abbilder, die alle Ereignisse, Handlungen oder Wechselwirkungen von Gegenständen in der Welt hinterlassen, zu beobachten und sie damit zum Inhalt von Erkenntnis zu machen. Buchanan bezeichnete die Fähigkeit zur Psychometrie als »Hellsicht« und betonte, sie verlaufe –im Unterschied zu den vom Mesmerismus hervorgerufenen Bewusstseinszuständen – im vollen Wachbewusstsein. In einem 1885 veröffentlichten Handbuch der Psychometrie vertrat er sogar die Auffassung, diese erlaube die Erkenntnis der gesamten kosmischen und menschlichen Geschichte, ja, sie vermittle ein »universelles«, also göttliches »Bewusstsein«: »[…] eine intellektuelle Allwissenheit scheint vom Menschen erworben zu werden; und entweder bringt sich der Mensch in Übereinstimmung mit dieser unbegrenzten Sphäre des Intelligiblen, oder diese Intelligenz ruht in ihm und wird durch die Anstrengung, sich seine Kräfte anzueignen, erweckt«. 1863 popularisierten der Geologieprofessor William Denton und seine Ehefrau die Psychometrie, indem sie sich in ihrem Buch The Soul of Things auf deren Anwendung beriefen. »In der Welt um uns herum gehen strahlende Kräfte von jedem Objekt zu jedem anderen Objekt in seiner Nähe aus, und diese bringen in jedem Moment, bei Tag und bei Nacht, gegenseitig Daguerrotypien ihrer Erscheinung hervor. Die so erzeugten Bilder liegen nicht an der Oberfläche, sondern sinken in das Innere der Dinge; dort werden sie mit erstaunlicher Beharrlichkeit festgehalten und warten nur auf eine passende Gelegenheit, um sich dem forschenden Blick zu offenbaren«, schrieben sie in ihrem Buch. Diese Passage zitierte H. P. Blavatsky in der Entschleierten Isis, und Wouter Hanegraaff leitet aus den damit umrissenen Vorstellungen die später entstandene Idee einer »Akasha-Chronik« ab. »Die Psychometrie«, so Hanegraaff, »öffnete unerhörte Horizonte für historische Forschungen jener Art, wie sie schon bald von Theosophen wie Blavatsky, Charles Webster Leadbeater – und auch von Rudolf Steiner – umgesetzt werden sollten.«[1]

Die ersten Vertreter der Psychometrie gingen davon aus, die Bilder alles Geschehens würden einem ätherischen Fluidum eingeprägt, Elizabeth Denton unterschied zwischen dem gewöhnlichen Licht, in dem alle Dinge gesehen würden und einem verborgenen Licht, in dem die Psychometriker ihre Visionen wahrnähmen. Gleichzeitig mit den Dentons schrieb der französische Okkultist Eliphas Lévi über das »Astrallicht«, in dem Bilder gesehen würden, die das Tageslicht überdecke. Das innere Licht der Seele führe in die Provinz der okkulten Wissenschaft. Die Theosophen der 1880er Jahre setzten diese verschiedenen Konzepte in eins.

Bald aber schloss sich eine methodische Differenzierung an diese anfängliche Gleichsetzung an. Diese wurde von der Frage nach der Verlässlichkeit der hellsichtigen Wahrnehmungen angestoßen. Während Buchanan und die Dentons die Fähigkeit zur psychometrischen Wahrnehmung grundsätzlich jedem Menschen zugeschrieben hatten, sprach Blavatsky in ihrer Geheimlehre von einem niederen Reich des Astrallichts und einem höheren des Akasha, das nur aufgrund hoher spiritueller Reife zugänglich sei, während das erstere, das lediglich verworrene Spiegelbilder des höheren Reichs enthalte, sogar im herabgedämpften medialen Bewusstsein seine – allerdings trügerischen – Spuren hinterlasse. In der Sphäre des Akasha hingegen, der Sphäre des göttlichen Bewusstseins, siedelte sie die »Urbilder oder Ideen der Dinge« an. Wer nicht über die illusionäre Sphäre des Astrallichts hinausgelange, könne niemals die Wahrheit sehen, sondern versinke »in einem Meer von Selbsttäuschung und Halluzination«. Damit fügte Blavatsky nach Hanegraaffs Interpretation in die ursprünglich egalitäre Konzeption der hellsichtigen Erkenntnis eine hierarchische Komponente ein und erlaubte es höhergestellten Theosophen, Vertreter konkurrierender Ansichten als unentwickelt oder irrtumsbehaftet abzuqualifizieren.

Steiner nun, der laut Hanegraaff in der Tradition der okkultistischen bzw. theosophischen Psychometrie stand[2], habe diese jedoch nicht naiv positivistisch vertreten, wie die amerikanischen Autoren, die sich aufgrund ihres Mangels an Selbstreflexion allzuleicht im Labyrinth der Subjektivität verirrten, sondern im Bewusstsein der kantschen Erkenntniskritik. Während jene, ebenso wie in ihrem Gefolge auch theosophische Psychometriker, wie Leadbeater oder Scott-Elliot, keinerlei Rücksicht darauf genommen hätten, dass »die Form der objektiven Realität vom beobachtenden Bewusstsein abhängig« sei, verwandelte Steiner dieses Defizit in einen Vorzug, indem er mit dem früheren Kant gegen den späteren die Einbildungskraft (Phantasie) zu einer konstitutionellen Quelle der Erkenntnis erklärte. In der ersten Fassung der Kritik der reinen Vernunft hatte jener noch von drei Erkenntnisquellen gesprochen: dem Sinn, der Einbildungskraft und der Apperzeption, angesichts der Träume eines Geistersehers (Swedenborgs) seine Erkenntnislehre jedoch revidiert und die Phantasie in das Reich der Phantastik und des Wahnsinns verbannt. Während der spätere Kant, so Hanegraaff, die Möglichkeit habe ausschließen wollen, »dass Einbildungen reale Wahrnehmungen sein könnten«, habe Steiner eine solche Möglichkeit »ausdrücklich anerkannt« und »ins Zentrum seiner Theorie des Hellsehens« gestellt. Er habe »die Einbildungskraft als wichtige, ja zentrale Erkenntnisfähigkeit« verstanden. Mit dieser Auffassung habe Steiner nicht etwa an die »romantische Theorie der Imagination« angeknüpft, sondern an den britischen Empirismus und die deutsche Aufklärungsphilosophie – an Kant gegen Kant, die Aufklärung gegen die (vereinseitigte) Aufklärung. Allerdings habe er die ursprüngliche egalitäre Konzeption der Psychometrie abgelehnt, »nach der jeder Mensch mit entsprechendem Talent verlässliche hellseherische Beobachtungen machen könne«, und sich stattdessen dem hierarchischen Modell Blavatskys angeschlossen, das diese Verlässlichkeit an die Bedingung einer entsprechenden spirituellen – und vor allem: moralischen – Entwicklung knüpfte. Steiners Ziel sei es gewesen, »die theosophische Praxis der Psychometrie mit Hilfe der Philosophie des deutschen Idealismus auf eine solide epistemologische Grundlage zu stellen«.[3]

»Durch diesen besonderen Beitrag – durch den die Anthroposophie in der Geschichte des Okkultismus eine Sonderstellung« einnehme, habe Steiner jedoch »zugleich eine solide Grundlage für seinen eigenen Anspruch auf charismatische Autorität« geschaffen. Dieser Anspruch immunisiere Steiners kosmogonische und metahistorische Schilderungen aber auch gegen jegliche Kritik, die nicht derselben Stufe innerer Entwicklung entspringe, aus der sie selbst hervorgegangen seien. Im Umkehrschluss bedeute dies, dass jeder, der seine Lehren nicht anerkennen oder deren Wahrheitsgehalt nicht akzeptieren könne, nicht auf derselben Stufe der Einsicht stehe. Hanegraaff bezeichnet dies als die »klassische Logik« hierarchischer Einweihungssysteme und als »Dilemma«, von dem er in einer Anmerkung (SKA 8.1, S. XX) unter Verweis auf die Vorbemerkungen der Geheimwissenschaft im Umriss von 1909 schreibt, es sei Steiner durchaus bewusst gewesen sei. Den Implikationen der sich aus diesem »Dilemma« ergebenden »Berufung auf die Autorität« für Steiners Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, werde kein Leser entgehen können. Hanegraaff lässt sich nicht weiter über diese Implikationen aus, da er aber den Standpunkt der Wissenschaft, des methodischen Agnostizismus, vertritt, der alle Autoritätsansprüche von sich weist (außer seine eigenen), kann der nicht ausgesprochene, aber zweifellos vorausgesetzte Schluss nur als Vorwurf an die Adresse Steiners gerichtet sein.

Es ist in diesem Zusammenhang lohnenswert, über jene Formulierungen in der Geheimwissenschaft nachzudenken, die dieses angebliche »Dilemma« thematisieren. In den von Hanegraaff zitierten Vorbemerkungen heißt es: »Der Verfasser sagt es unumwunden: er möchte vor allem Leser, welche nicht gewillt sind, auf blinden Glauben hin die vorgebrachten Dinge anzunehmen, sondern welche sich bemühen, das Mitgeteilte an den Erkenntnissen der eigenen Seele und an den Erfahrungen des eigenen Lebens zu prüfen. [Hier wurde 1913 in einer Anmerkung ergänzt: »Gemeint ist hier nicht etwa nur die geisteswissenschaftliche Prüfung durch die übersinnlichen Forschungsmethoden, sondern vor allem die durchaus mögliche vom gesunden, vorurteilslosen Denken und Menschenverstand aus.«] Er möchte vor allem vorsichtige Leser, welche nur das logisch zu Rechtfertigende gelten lassen. Der Verfasser weiß, sein Buch wäre nichts wert, wenn es nur auf blinden Glauben angewiesen wäre; es ist nur in dem Maße tauglich, als es sich vor der unbefangenen Vernunft rechtfertigen kann.«

In seiner eben erwähnten Anmerkung bemerkt Hanegraaff, dem aufmerksamen Leser werde nicht entgehen, dass Steiner in der Geheimwissenschaft zwischen der »unmittelbaren hellsichtigen Schau« und der »Fähigkeit, die in diskursiver Sprache mitgeteilten Ergebnisse solcher Schau zu verstehen«, unterschieden habe und sich die Prüfung durch die eigenen Lebenserfahrungen nur auf das Verstehen beziehen könne, nicht auf die »unmittelbare Schau«. Diese Unterscheidung ist aber insofern unsinnig, als für das Verstehen überhaupt keine Prüfung nötig ist, Verstehen kann man alles, was halbwegs verständlich ausgedrückt wird, die Prüfung kann sich daher nicht auf das bloße Verstehen des Dargestellten, sie muss sich auf den Gegenstand der Darstellung selbst beziehen. Das Problem des Verstehens und die ihm entgegenstehenden Hindernisse thematisiert Steiner an anderer Stelle, im Kapitel Charakter der Geheimwissenschaft – diese Hindernisse sind aber in der zitierten Passage, wie dem aufmerksamen Leser nicht entgangen sein dürfte, nicht gemeint.

Unterstrichen wird dies durch den 1913 hinzugefügten Satz: »Gemeint ist hier nicht etwa nur die geisteswissenschaftliche Prüfung durch die übersinnlichen Forschungsmethoden, sondern vor allem die durchaus mögliche vom gesunden, vorurteilslosen Denken und Menschenverstand aus«. Was sollte dieser Satz für einen Sinn haben, wenn er sich auf das Verstehen der diskursiven Form der Darstellung bezöge? In Bezug auf dieses Verstehen wären die »übersinnlichen Forschungsmethoden« nicht nur überflüssig, da es sich ja gerade um einen Zugang zu Erkenntnisinhalten unter Ausschluss dieser Methoden handelt, es wäre aus demselben Grund auch widersinnig, sie überhaupt zu erwähnen. Die Prüfung kann sich daher nur auf die Ergebnisse der hellseherischen Forschung beziehen.

Die Rede ist von einer Prüfung »vom gesunden, vorurteilslosen Denken … aus«, und diese Prüfung betrifft denselben Gegenstand, wie die »geisteswissenschaftliche Prüfung« im ersten Teil des Satzes. Die Prüfung durch das vorurteilslose Denken und den gesunden Menschenverstand wird durch diesen Satz darüber hinaus mit der geisteswissenschaftlichen implizit als gleichwertig erklärt. Steiner unterscheidet nicht nur zwischen der hellseherischen Forschung und der Fähigkeit des Verstehens der diskursiven Darstellung dieser Forschung, sondern zwischen zwei unterschiedlichen Formen der Prüfung der geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnisse: derjenigen durch die Anwendung übersinnlicher Forschungsmethoden und derjenigen durch das eigene Denken des Lesers, durch die Erkenntnisse der eigenen Seele und die Erfahrungen des eigenen Lebens. Sein Buch, so Steiner, wäre nichts wert, wenn es sich nicht vor der unbefangenen Vernunft rechtfertigen könnte, die Leser sollten nur das logisch zu Rechtfertigende gelten lassen.

Eine solche Prüfung durch den gesunden Menschenverstand setzt eine immanente Logizität (Rationalität) der übersinnlichen Forschungsresultate (der übersinnlichen Welt) voraus, die jener des »gesunden Menschenverstandes« entspricht und von diesem so überprüft werden kann, wie er irgendeine philosophische Abhandlung überprüft. Die Annahme einer solchen Logizität, die alles durchdringt, ist nicht abwegig, wenn man davon ausgeht, dass die Welt einschließlich der Logik aus dem Logos hervorgegangen ist. (Diese These wiederum ist nicht obskur oder dogmatisch, wenn man aufgrund der Denkbeobachtung einmal begriffen hat, dass das Denken sich selbst voraussetzt, dass es das nicht hintergehbare Fundament der Ordnung der Welt ist). Der gesunde Menschenverstand – ein Verstand also, der sich von seiner immanenten Logizität leiten lässt und nicht von Vorurteilen, Emotionen oder intellektuellen Kollektivneurosen – ein solcher Verstand wird in der Logizität der übersinnlichen Welt nur seine eigene wiederfinden. Die Überprüfung durch den gesunden Menschenverstand kann daher zum Resultat führen, dass die Leser aufgrund der Gesetze des Denkens und der Logik die Geltung des logisch zu Rechtfertigenden anerkennen. Angesichts solcher Sätze ist die Auffassung Hanegraffs, Steiner habe sich auf das Argument ad verecundiam, auf Autorität berufen, eine solche Art von »etischer« Interpretation, die ihre Lizenz über die Maßen strapaziert, indem sie dem Interpretandum das Gegenteil dessen unterstellt, was es tatsächlich aussagt.

Bereits die Theosophie geht in ihrem Schulungskapitel auf das hier angesprochene Problem ein. Auch hier beruft sich der Autor nicht auf das argumentum ad verecundiam (»Ihr müsst glauben, was ich sage, weil ich die höhere Einsicht besitze«), sondern tritt dem Leser mit der »Zumutung« entgegen, zu denken, was er verstehen soll. »Der Geistesforscher tritt seinem Schüler entgegen mit der Zumutung: nicht glauben sollst du, was ich dir sage, sondern es denken, es zum Inhalte deiner eigenen Gedankenwelt machen, dann werden meine Gedanken schon selbst in dir bewirken, dass du sie in ihrer Wahrheit erkennst. Dies ist die Gesinnung des Geistesforschers.«[4] – Diesem Resümee gehen folgende Überlegungen voraus: »›Einsehen‹ kann man nicht nur das, was man selbst, sondern auch, was ein anderer aus den Seelengründen heraufgeholt hat. Selbst dann, wenn man selbst noch gar keine Veranstaltungen zum Betreten des Erkenntnispfades gemacht hat. Eine richtige geistige Einsicht erweckt in dem nicht durch Vorurteile getrübten Gemüt die Kraft des Verständnisses. Das unbewusste Wissen schlägt der von andern gefundenen geistigen Tatsache entgegen. Und dieses Entgegenschlagen ist nicht blinder Glaube, sondern rechtes Wirken des gesunden Menschenverstandes.«[5]

Das unbewusste Wissen, das einer von andern gefundenen Einsicht »entgegenschlägt«, ist eines jener Phänomene, das dem gesunden Menschenverstand vertraut ist: auch wer die Ausführungen seines Mathematiklehrers zum Satz des Pythagoras versteht, kann dies, ohne dass er den Satz selbst gefunden hätte. Es ist der Zusammenhang selbst, der die Fähigkeit erweckt, ihn zu verstehen, wenn er sich im Bewusstsein entfaltet. Die Verhältnisse der Quadrate aus Katheten und Hypotenuse müssen denkend hervorgebracht und verstanden werden. Wer hätte diese Verhältnisse jemals gesehen? »In diesem gesunden Begreifen« so Steiner weiter, »sollte man einen weit besseren Ausgangsort auch zum Selbsterkennen der Geistwelt sehen als in den zweifelhaften mystischen ›Versenkungen‹ und dergleichen, in denen man oft etwas Besseres zu haben glaubt als in dem, was der gesunde Menschenverstand anerkennen kann, wenn es ihm von echter geistiger Forschung entgegengebracht wird.

Man kann gar nicht stark genug betonen, wie notwendig es ist, dass derjenige die ernste Gedankenarbeit auf sich nehme, der seine höheren Erkenntnisfähigkeiten ausbilden will. Diese Betonung muss um so dringlicher sein, als viele Menschen, welche zum ›Seher‹ werden wollen, diese ernste, entsagungsvolle Gedankenarbeit geradezu geringachten. Sie sagen, das ›Denken‹ kann mir doch nichts helfen; es kommt auf die ›Empfindung‹, das ›Gefühl‹ oder ähnliches an. Demgegenüber muss gesagt werden, dass niemand im höheren Sinne (das heißt wahrhaft) ein ›Seher‹ werden kann, der nicht vorher sich in das Gedankenleben eingearbeitet hat.«

Entsprechend heißt es in der Geheimwissenschaft im Umriss: »Man lebt im Lesen von geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen auf andere Art, als in demjenigen der Mitteilungen sinnenfälliger Tatsachen. Liest man Mitteilungen aus der sinnenfälligen Welt, so liest man eben über sie. Liest man aber Mitteilungen über übersinnliche Tatsachen im rechten Sinne, so lebt man sich ein in den Strom geistigen Daseins. Im Aufnehmen der Ergebnisse nimmt man zugleich den eigenen Innenweg dazu auf. Es ist richtig, dass dies hier Gemeinte von dem Leser zunächst oft gar nicht bemerkt wird. Man stellt sich den Eintritt in die geistige Welt viel zu ähnlich einem sinnenfälligen Erlebnis vor, und so findet man, dass, was man beim Lesen von dieser Welt erlebt, viel zu gedankenmäßig ist. Aber in dem wahren gedankenmäßigen Aufnehmen steht man in dieser Welt schon drinnen und hat sich nur noch klar darüber zu werden, dass man schon unvermerkt erlebt hat, was man vermeinte, bloß als Gedankenmitteilung erhalten zu haben.«[6]

Mit anderen Worten, durch das »gedankenmäßige Aufnehmen« erhebt man sich bereits in die geistige Welt, man legt einen Innenweg zu den Ergebnissen der Geistesforschung zurück, und erlebt sie, indem man geistig – denkend – zu ihnen hin und durch sie hindurchschreitet. Schließlich: »Im geisteswissenschaftlichen Denken liegt […] die Betätigung, welche die Seele beim naturwissenschaftlichen Denken auf den Beweis wendet, schon in dem Suchen nach den Tatsachen. Man kann diese nicht finden, wenn nicht der Weg zu ihnen schon ein beweisender ist. Wer diesen Weg wirklich durchschreitet, hat auch schon das Beweisende erlebt; es kann nichts durch einen von außen hinzugefügten Beweis geleistet werden.«[7]

Im Aufnehmen der Ergebnisse nimmt man zugleich den eigenen Innenweg zu ihnen auf – dieser Innenweg ist selbst schon ein beweisender: von nichts anderem als der intuitiven Evidenz ist hier die Rede, die in jedem mathematischen oder philosophischen Gedankengang erlebt werden kann, einer Erkenntnisbewegung, die an keine andere Autorität appelliert als an die des Zusammenhangs, der sich im Verstehen, im mimetischen Hervorbringen ebendieses Zusammenhangs erschließt.

Sogar der achte Paragraph der Statuten der Anthroposophischen Gesellschaft von 1923 bringt diesen Gedanken zum Ausdruck, der von wohlmeinenden Interpreten gerne als Paradebeispiel von Diskursverweigerung und damit elitärer Selbstdisqualifikation herangezogen wird. Hier heißt es über die Publikationen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, diese seien durchaus öffentlich, aber die Leitung der Schule nehme für sich in Anspruch, » […] dass sie von vorneherein jedem Urteile über diese Schriften die Berechtigung bestreitet, das nicht auf die Schulung gestützt ist, aus der sie hervorgegangen sind. Sie wird in diesem Sinne keinem Urteil Berechtigung zuerkennen, das nicht auf entsprechende Vorstudien gestützt ist, wie das ja auch sonst in der anerkannten wissenschaftlichen Welt üblich ist.«

Ob Teilchenphysik oder Gendertheorie, ob Steuergesetzgebung oder Automechanik, ob Evolutionsbiologie oder Esoterikforschung: all diese Sprachspiele und Soziolekte beruhen auf regionalen Regelsystemen, die nicht nur die Beschaffenheit des von ihnen geführten Diskurses, sondern auch die Voraussetzungen zur Teilnahme an ihrem Diskurs regeln. Und diese Regeln sind in der Regel miteinander inkompatibel. Wer die Regeln des teilchenphysikalischen Diskurses in jene der Gendertheorie hineintrüge oder umgekehrt, gäbe sich der Lächerlichkeit preis, wer keine dieser Regeln beherrscht, kann zwar mitreden, er muss aber nicht ernstgenommen werden. Erkenntnis ist nicht demokratisch, sie ist elitär.

Rudolf Steiner, Band 8,1-2: Schriften zur Anthropogenese und Kosmogonie. Fragment einer theosophischen Kosmogonie – Aus der Akasha-Chronik – Die Geheimwissenschaft im Umriss. Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Christian Clement. Vorwort von Wouter J. Hanegraaff. Stuttgart-Bad Cannstatt 2018, 2 Bände, CCXXIV, 787 S., ISBN 978-3-7728-2638-2

Teil 2: Vom »kosmosgenetischen« Grundgesetz


Rezensionen früher erschienener Bände der SKA:

Dynamit, das dogmatische Bastionen sprengt

Die Anthroposophie: ein »Rückfall« in den Mythos?

Vom Gott, der im Denken gegeben ist und anderen Dingen

Notwendig ein Torso

Nichts weniger als irrational

Reduktionen und Versteifungen

Projektive Ausstülpungen


Anmerkungen:


  1. Dass die Geschichte der Akasha-Chronik nicht erst im 19. Jahrhundert beginnt, sondern mindestens bis in das alte Ägypten zurückverfolgt werden kann, wo sie den Verstorbenen in Gestalt des Osiris, der lebendigen Erinnerung ihres verflossenen Lebens, entgegentrat, die ablegen musste, wer die Götter von Angesicht zu Angesicht schauen wollte, wurde vom Autor dieser Rezension verschiedentlich vorgetragen. Das Totengericht hält dem Verstorbenen einen Spiegel vor, durch den er hindurchgehen muss, um in die Welt des ewigen Lebens einzutreten. Aus dem Herz des Kosmos, der Sonne, muss er wiedergeboren werden. Vgl. Jan Assmann, Tod und Jenseits im Alten Ägypten, München 2001. Erik Hornung, Das Totenbuch der Ägypter, Düsseldorf und Zürich 2000. – In der Merkaba-Mystik des ersten nachchristlichen Jahrtausends schildert der Offenbarungsengel Metatron Rabbi Ismael den kosmischen Schleier oder Vorhang vor dem Thron Gottes, der diesen von den Engelscharen, die die planetarische Welt bevölkern, trennt. Von der Existenz solcher Vorhänge in der Lichtwelt der Äonen berichtet auch das in koptischer Sprache erhaltene gnostische Werk Pistis Sophia, auf das Steiner sich gelegentlich in seinen Vorträgen bezieht. Siehe z.B. GA 165, 27.12.1915. Nach dem Henochbuch enthält der kosmische Vorhang die Urbilder aller Dinge, die von Anbeginn in der himmlischen Welt präexistieren. Alle Generationen und ihre Taten auf Erden sind in diesen Vorhang eingewoben. Wer ihn schaut, dringt damit zugleich in das Geheimnis der messianischen Erlösung ein. Der Verlauf der Geschichte, die Kämpfe der Endzeit und die Taten des Messias sind in den Einzeichnungen dieses Vorhangs bereits präformiert. Siehe: Gershom Scholem, Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen, Frankfurt a. M., 1967, S. 77/78. Auch im deutschen Chassidismus des Mittelalters waren Kenntnisse oder Theorien über diesen Vorhang verbreitet. Scholem schreibt darüber in seinem Werk Die jüdische Mystik …: »Alles Untere, auch das Leblose, hat sein Urbild … Die Urbilder sind in den Vorhang vor dem Thron der Glorie eingewirkt oder eingezeichnet. Nach der Meinung der Chassidim ist dies ein Vorhang aus blauem Feuer, der den Thron von allen Seiten, außer von Westen her, umgibt. Die Urbilder stellen eine besondere Sphäre der unkörperlichen, gottnahen Existenz dar. In anderen Zusammenhängen wird geradezu von einem okkulten ›Buch der Urbilder‹ [kursiv L.R.] gesprochen. Das Urbild ist der tiefste Quell der verborgenen Seelentätigkeit. Die Schicksale sind in den Urbildern schon enthalten, ja sogar jede Veränderung im Zustand eines Wesens hat ihr eigenes Urbild. Nicht nur die Engel und Dämonen schöpfen ihr Vorwissen vom menschlichen Schicksal aus der Wahrnehmung dieser Urbilder, sondern auch der Prophet wird mit ihrer Schau begnadet. [kursiv L.R.] Von Moses wird ausführlich berichtet, dass ihm Gott die Urbilder gezeigt habe. Sogar Schuld und Verdienst haben, wie dunkel angedeutet wird, ›Zeichen‹ [kursiv L.R.] in den Urbildern.« Gershom Scholem: ebd., S. 127. Dieses »Buch der Urbilder« bezeichnet Steiner als »Akasha-Chronik«. – Im Sohar III, 128a/b heißt es: »Der Alte der Alten, der Verborgene der Verborgenen, das Mysterium der Mysterien nahm eine Gestalt an und ist daher gegeben; er ist da und ist doch nicht da. Keiner kann ihn erkennen, denn er ist der Entrückte der Entrückten, aber in seinen Gestalten wird er erkennbar, ohne doch erkennbar zu sein«. Gershom Scholem kommentiert: »Was an Gott Gestalt wird, ist das, was er kommuniziert und worin er sich selbst ausdrückt. Was aber wäre solche Kommunikation, wenn nicht der Name Gottes? Seine Elemente, die Buchstaben des hebräischen Alphabets sind, so gesehen, die wahren Elemente der Gestalt […] Diese Gestalt ist die symbolische Gestalt der Gottheit …« Scholem, Von der mystischen Gestalt der Gottheit, Frankfurt 1977, S. 39 f.
  2. »Rudolf Steiners Anspruch auf eine überlegene Hellsichtigkeit […] steht zweifellos in dieser okkultistischen und theosophischen Tradition der Psychometrie«. Zweifellos? Müsste Steiner nicht, um »zweifellos« in dieser Tradition stehen zu können, diese in irgendeiner Form rezipiert oder reflektiert haben? Von einer solchen Rezeption ist dem Verfasser dieser Rezension nichts bekannt. Vielmehr legte Steiner Wert darauf, zu betonen, dass die von ihm vertretene Schulungsmethode sich von der in der theosophischen Gesellschaft praktizierten generell unterscheide. Ja, sogar Annie Besant schrieb 1907 an Hübbe-Schleiden: »Dr. Steiners okkulte Schulung ist von der unsrigen sehr verschieden. Er kennt den östlichen Weg nicht, daher kann er ihn auch nicht lehren. Er lehrt den christlich-rosenkreuzerischen Weg …« Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904-1914, GA 264, Dornach 1984, S. 270.
  3. Die Frage ist, wie sich diese Interpretationen Hanegraaffs mit dem Grundmotiv der anthroposophischen Erkenntnisschulung vereinbaren lassen, wonach in jedem Menschen die Fähigkeiten übersinnlicher Erkenntnis schlummern, die durch ebendiese Schulung erweckt werden können (vgl. den ersten Satz von Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? oder den ersten Satz des Schulungskapitels der Theosophie). Diese Vereinbarkeit ist aber nicht Hanegraaffs Problem, da er sich auf eine »etische« Interpretation – im Unterschied zu einer »emischen« – beruft. Die erstere soll »wissenschaftlich« sein, da sie eine »Außenperspektive« einnimmt, die letztere nicht, da sie in der »Binnenperspektive« befangen bleibt. »Um zu einem tieferen Verständnis zu gelangen«, so Hanegraaff in seinem Vorwort, »muss man Steiners eigene Ansichten bewerten, kontextualisieren und deuten. Dazu ist eine weitere Perspektive erforderlich: eine ›etische‹ oder wissenschaftliche, welche einer Frage unabhängig davon nachgeht, ob Steiner selbst mit den Ergebnissen einverstanden gewesen wäre, zu denen man kommt. [kursiv L.R.]« Mit anderen Worten: die »etische oder wissenschaftliche Perspektive« verleiht dem Interpreten die Lizenz zur Willkür, einen Autor gegen seine erklärten Ansichten und Absichten zu »interpretieren«. Dabei ist klar, dass solche Interpretationen stets nur so weit reichen, wie der Horizont des Interpreten.
  4. Theosophie, GA 9, Dornach 2003, S. 176.
  5. Ebd., S. 173 f.
  6. Geheimwissenschaft im Umriss, GA13, Dornach 1989, S. 49.
  7. Ebd., S. 40.

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3 Kommentare

  1. ‘Die Verhältnisse der Quadrate aus Katheten und Hypotenuse müssen denkend hervorgebracht und verstanden werden. Wer hätte diese Verhältnisse jemals gesehen?‘

    Hat Steiner nicht gerade den anschaulichen Beweis mit gezeichneten Quadraten über die Seiten und nicht den denkenden Beweis betont (293.210f., 311.90f.)?

    Wenn auch nicht aus Buchanans Psychometrie, so kommt Steiners Empirismus vielleicht aus seinem ‘Seelenumschwung‘ (Mein Lebensgang Kap.XXII und XXIII) hervor: “Ich fand bald, daß ein solches Beobachten der Welt wahrhaft in die geistige Welt hineinführt.“.

    • Didaktik für elf- bis zwölfjährige Kinder (GA 311) ist das eine; sich die gedanklichen Operationen bewusst zu machen, die dem Beweis des pythagoreischen Lehrsatzes durch Flächenkonstruktion zugrundeliegen, etwas ganz anderes. Auch diese Konstruktion setzt eine Vielzahl von Begriffen voraus (Linie, Länge, Fläche, Größe, Dreieck, Spiegelung, Kongruenz usw.), die alle nicht gesehen werden können …

      • Ja, klar. Ich deute mehr auf Steiners selbstentdeckten phänomenologischen Weg, in Geheimwissenschaft und Grenzen der Naturerkenntnis erwähnt, der nicht auf Psychometrie und nicht auf den christlich-rosenkreuzerischen Weg zurückführt.

        Es ist der Weg, welcher durch die Mitteilungen der Geisteswissenschaft in das sinnlichkeitsfreie Denken fuhrt, ein durchaus sicherer. Es gibt aber noch einen andern, welcher sicherer und vor allem genauer, dafür aber auch für viele Menschen schwieriger ist. 13.343, vgl. 322.110 f.

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