Von der Schrumpfung des Weltgeistes – Neues aus Provo (5)

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Das Kapitel über Hegel und Schelling in Clements Einleitung birgt eine Überraschung: Steiner musste sich selbst des Vorwurfs des Solipsismus erwehren. Eine erstaunliche Parallele! Wie kommt es dazu? Aufgrund einer Untersuchung der Verwandtschaft der steinerschen Kosmogonie mit den identitätsphilosophischen, naturphilosophischen und bewusstseinsphilosophischen Systemen der beiden großen Idealisten.

Offensichtlich ist für Clement die Orientierung Steiners an Hegels Philosophie des Geistes, der sich in der Natur entäußert, um in dieser Entäußerung zu sich selbst zu kommen. Andererseits bietet Steiner eine mit Schellings Naturphilosophie verwandte Auffassung des Verhältnisses von Geist und Kosmos. Schließlich greift er Schellings Bewusstseinsgeschichte auf, in der die Menschheit als Spiegel des absoluten Geistes fungiert, der sich am Ende in Gestalt der Philosophie selbst transzendiert.

Zentral ist laut Clement für Steiner die These, die sich schon bei Kant, Fichte, Schelling und Hege findet, dass die Erfahrung von Wirklichkeit vom Bewusstsein abhängt, das sie erlebt, ja dass diese Wirklichkeit im Erkennen des Menschen erst geschaffen wird. Schon in Steiners Erstlingsschrift von 1886 könne man lesen:

»Im Erkennen schafft der Mensch nicht für sich allein etwas, sondern er schafft mit der Welt zusammen an der Offenbarung des wirklichen Seins. Was im Menschen ist, ist ideeller Schein; was in der wahrzunehmenden Welt ist, ist Sinnenschein; das erkennende Ineinanderarbeiten der beiden ist erst Wirklichkeit. […] [Man] setzt doch voraus, dass die Wirklichkeit irgendwo außer dem Erkennen vorhanden sei, und in dem Erkennen eine menschliche, abbildliche Darstellung dieser Wirklichkeit sich ergeben soll, oder auch, sich nicht ergeben kann. Dass diese Wirklichkeit durch das Erkennen nicht gefunden werden kann, weil sie als Wirklichkeit im Erkennen erst geschaffen wird, das wird kaum irgendwo empfunden.«

Nun stehen diese Sätze nicht in Steiners Erstlingsschrift von 1886, sondern in einer Anmerkung, die er 1924 zu dieser Erstlingsschrift hinzufügte. Dies zu bemerken ist nicht ohne Bedeutung, denn der chronologische Anachronismus hebelt Clements weitere Argumentation aus, Steiner habe sich mit solchen Äußerungen, die nahelegten, Wirklichkeit sei nur die Modifikation des subjektiven Bewusstseins, den Vorwurf des »Phänomenalismus, Illusionismus, Solipsismus« zugezogen – so wie Clement mit seiner Steinerdeutung. Schon Eduard von Hartmann habe Steiner diese Kritik nach seiner Lektüre der Philosophie der Freiheit entgegengehalten. In einer Randbemerkung zu diesem Buch habe er dem Verfasser vorgeworfen, sein Phänomenalismus führe »mit unausweichlicher Konsequenz zum Solipsismus, absoluten Illusionismus und Agnostizismus«. Steiner habe, so Hartmann, »nichts getan, um diesem Rutsch in den Abgrund der Unphilosophie vorzubeugen, weil er die Gefahr gar nicht« erst »erkannt« habe. Clement befindet sich also in bester Gesellschaft. Auch er sieht sich mit seiner ideogenetischen Interpretation der Anthroposophie ebendieser Kritik ausgesetzt. Wie gut, dass Steiner sich gegen Hartmanns Kritik zur Wehr setzte. Wie tat er dies?

In Clements Worten mit dem Argument: »Diejenige Welt, in welcher der Mensch mittels seines vorstellungsgebundenen Bewusstseins lebt, ist in der Tat seine Schöpfung und besteht nur durch ihn und für ihn. Aber der Akt der Vorstellungsbildung selbst setzt die Tätigkeit des Denkens voraus, und das Wesen dieses Denkens erweist sich […] als dem Erkennen vorausgehend, weil dieses überhaupt erst ermöglichend, und somit als Ausdruck objektiver Wirklichkeit« (S. XLVIII).

Wo behauptet Steiner dies? Zum Beispiel in den Grundlinien … von 1886. Hier heißt es im Kapitel Berichtigung einer irrigen Auffassung der Gesamt-Erfahrung (die Leser mögen diesen etwas längeren Auszug, wie auch den folgenden verzeihen):

»Hier ist nun der Ort, auf ein seit Kant bestehendes Vorurteil hinzuweisen, das sich bereits in gewissen Kreisen so eingelebt hat, dass es als Axiom gilt. Jeder, der es bezweifeln wollte, würde als ein Dilettant hingestellt, als ein Mensch, der nicht über die elementarsten Begriffe moderner Wissenschaft hinausgekommen ist. Ich meine die Ansicht, als ob es von vornherein feststünde, dass die gesamte Wahrnehmungswelt, diese unendliche Mannigfaltigkeit von Farben und Formen, von Tönen und Wärmedifferenzen usw. nichts weiter sei als unsere subjektive Vorstellungswelt, die nur Bestand habe, solange wir unsere Sinne den Einwirkungen einer uns unbekannten Welt offen halten. Die ganze Erscheinungswelt wird von dieser Ansicht für eine Vorstellung innerhalb unseres individuellen Bewusstseins erklärt, und auf Grundlage dieser Voraussetzung baut man weitere Behauptungen über die Natur des Erkennens auf. […]

Nun ist es aber doch für ein unbefangenes Denken ganz unerfindlich, was die unmittelbar an uns herantretende Form der Wirklichkeit (die Erfahrung) an sich trage, das uns irgendwie berechtigen könnte, sie als bloße Vorstellung zu bezeichnen.«[1]

Noch deutlicher vielleicht heißt es in der Philosophie der Freiheit im Kapitel Das Erkennen der Welt:

»Der kritische Idealist kann aber so weit gehen, dass er sagt, ich bin in meine Vorstellungswelt eingeschlossen und kann aus ihr nicht hinaus. Wenn ich ein Ding hinter meinen Vorstellungen denke, so ist dieser Gedanke doch auch weiter nichts als meine Vorstellung. Ein solcher Idealist wird dann das Ding an sich entweder ganz leugnen oder wenigstens davon erklären, dass es für uns Menschen gar keine Bedeutung habe, das ist, so gut wie nicht da sei, weil wir nichts von ihm wissen können.

Einem kritischen Idealisten dieser Art erscheint die ganze Welt als ein Traum, dem gegenüber jeder Erkenntnisdrang einfach sinnlos wäre. Für ihn kann es nur zwei Gattungen von Menschen geben: Befangene, die ihre eigenen Traumgespinste für wirkliche Dinge halten, und Weise, die die Nichtigkeit dieser Traumwelt durchschauen, und die nach und nach alle Lust verlieren müssen, sich weiter darum zu bekümmern. Für diesen Standpunkt kann auch die eigene Persönlichkeit zum bloßen Traumbilde werden. Gerade so wie unter den Bildern des Schlaftraums unser eigenes Traumbild erscheint, so tritt im wachen Bewusstsein die Vorstellung des eigenen Ich zu der Vorstellung der Außenwelt hinzu. Wir haben im Bewusstsein dann nicht unser wirkliches Ich, sondern nur unsere Ichvorstellung gegeben. Wer nun leugnet, dass es Dinge gibt, oder wenigstens, dass wir von ihnen etwas wissen können: der muss auch das Dasein beziehungsweise die Erkenntnis der eigenen Persönlichkeit leugnen. Der kritische Idealist kommt dann zu der Behauptung: ›Alle Realität verwandelt sich in einen wunderbaren Traum, ohne ein Leben, von welchem geträumt wird, und ohne einen Geist, dem da träumt; in einen Traum, der in einem Traume von sich selbst zusammenhängt‹ (vergleiche Fichte, Die Bestimmung des Menschen).

Gleichgültig, ob derjenige, der das unmittelbare Leben als Traum zu erkennen glaubt, hinter diesem Traum nichts mehr vermutet, oder ob er seine Vorstellungen auf wirkliche Dinge bezieht: das Leben selbst muss für ihn alles wissenschaftliche Interesse verlieren. Während aber für denjenigen, der mit dem Traume das uns zugängliche All erschöpft glaubt, alle Wissenschaft ein Unding ist, wird für den andern, der sich befugt glaubt, von den Vorstellungen auf die Dinge zu schließen, die Wissenschaft in der Erforschung dieser ›Dinge an sich‹ bestehen. Die erstere Weltansicht kann mit dem Namen absoluter Illusionismus bezeichnet werden, die zweite nennt ihr konsequentester Vertreter, Eduard von Hartmann, transzendentalen Realismus.

Diese beiden Ansichten haben mit dem naiven Realismus das gemein, dass sie Fuß in der Welt zu fassen suchen durch eine Untersuchung der Wahrnehmungen. Sie können aber innerhalb dieses Gebietes nirgends einen festen Punkt finden.

Eine Hauptfrage für den Bekenner des transzendentalen Realismus müsste sein: wie bringt das Ich aus sich selbst die Vorstellungswelt zustande? […]

Falls er überhaupt ein seiendes Ich gelten lässt, dann wird er nicht fragen, wie hängt eine seiner Vorstellungen mit einer anderen zusammen, sondern was geht in der von ihm unabhängigen Seele vor, während sein Bewusstsein einen bestimmten Vorstellungsablauf enthält. […]

Schlimmer steht die Sache allerdings, wenn der Illusionismus das Ich an sich hinter den Vorstellungen ganz leugnet, oder es wenigstens für unerkennbar hält. Zu einer solchen Ansicht kann sehr leicht die Beobachtung führen, dass es dem Träumen gegenüber zwar den Zustand des Wachens gibt, in dem wir Gelegenheit haben, die Träume zu durchschauen und auf reale Verhältnisse zu beziehen, dass wir aber keinen zu dem wachen Bewusstseinsleben in einem ähnlichen Verhältnisse stehenden Zustand haben. Wer zu dieser Ansicht sich bekennt, dem geht die Einsicht ab, dass es etwas gibt, das sich in der Tat zum bloßen Wahrnehmen verhält wie das Erfahren im wachen Zustande zum Träumen. Dieses Etwas ist das Denken[2]

Genug der Ironie. Wie der aufmerksame Leser unschwer erkennen wird, kritisiert Steiner in diesem Text genau jene Positionen, von welchen Clement behauptet, er habe sie vertreten. Es ist eben alles eine Frage der richtigen Hermeneutik. Einem guten Hermeneuten wird es nicht schwerfallen, die Auffassungen eines Autors so lange umzuinterpretieren, bis er am Ende das Gegenteil dessen vertritt, was er tatsächlich vertrat. Diese Art von Interpretation ist auch das gute Recht eines Interpreten, denn wie wir wissen, kann der Interpret den Autor sogar besser verstehen, als er sich selbst verstanden hat.[3]

Nun verteidigte sich Steiner aber nicht nur gegen den Vorwurf des Solipsismus, sondern interessierte sich auch für Schellings Theorie der Evolution des Bewusstseins. Der späte Schelling deutete die Entwicklung der religiösen Vorstellungen vom Henotheismus über den Polytheismus zum Monotheismus als Ausdruck einer sich in Stufen vollziehenden Selbstentäußerung des Geistes (»Gottes«). Diese Vorstellung Schellings sei bei der Geburt der ideogenetischen Perspektive Steiners Pate gestanden, wie Clement auch schon in früheren Darstellungen behauptete. Da seine ideogenetische These, alle Erscheinungsformen der Wirklichkeit seien nach Steiners Auffassung unbewusste Projektionen des menschlichen Geistes, die massivste Kritik auf sich gezogen hat, trifft es sich gut, dass es einen Vortrag aus dem Jahr 1903 gibt, der gewissermaßen als Kronzeuge für die ideogenetische Lesart von Steiners Wirklichkeitsbegriff angerufen werden kann. Diesen zieht unser Interpret überraschend aus der Tasche.

Sehen wir uns diesen Vortrag und Clements Umgang mit ihm etwas näher an. Es handelt sich um den in GA 88 (Dornach 1999) veröffentlichten Vortrag Über frühere Gottesvorstellungen vom 2. November 1903. Wie den editorischen Notizen zu entnehmen ist (ebd., S. 248), stammt der Titel dieses Vortrags vom Stenographen Franz Seiler, der den Text aufgrund seiner Notizen in den Jahren 1952-53 »ausarbeitete«. Bei dem in GA 88 abgedruckten Text handelt es sich »nicht um eine wortwörtliche, sondern um eine inhaltliche Wiedergabe der Ausführungen Rudolf Steiners«. Was auch immer der Unterschied zwischen einer »wortwörtlichen« und einer »inhaltlichen« Wiedergabe sein mag: der im Druck rund sechsseitige Text ist selbst ein hermeneutisches Problem (was darin stammt von Steiner, was von Franz Seiler?), ein Problem, das Clement, der doch ansonsten so großen Wert auf kritischen Umgang mit Steiners Texten legt, nicht einmal eine Randbemerkung oder Anmerkung Wert ist. Welche Bedeutung er diesem problematischen Text (problematisch nicht wegen seines genialischen Inhalts, der deutlich Steiners souveräne Diktion erkennen lässt, sondern wegen seiner Entstehungsgeschichte) zuschreibt, geht aus folgenden Sätzen hervor:

»Dieser Vortrag kann verstanden werden als Art ideogenetische Fallstudie, in welcher Steiner versucht, die Entwicklung des religiösen Bewusstseins der Menschheit durch die verschiedenen Stufen vom Henotheismus, über die Ahnen- und Heldenverehrung zum Polytheismus und schließlich zum Monotheismus und darüber hinaus als Ergebnis ideogenetischer Selbstprojektion des absoluten Geistes im menschlichen Bewusstsein [= These 1] zu erklären.«

Immerhin ist es hier – noch – der absolute Geist, der sich in das menschliche Bewusstsein hineinprojiziert und nicht etwa umgekehrt. Dabei bleibt es jedoch nicht, wie sich noch zeigen wird. Außerdem bietet der Vortrag die einmalige Gelegenheit, wie Clement schreibt, »Rudolf Steiner in seiner Gedanken-Werkstatt, in der er die anglo-indische Theosophie in ein philosophisch fundiertes System umzuschmieden versuchte, über die Schulter zu schauen«. (S. LI)

Am 2. November also sprach Steiner über »die Entwicklung der Gottesvorstellungen« und »deutete diese als Ausdruck der allgemeinen Bewusstseinsentwicklung der Menschheit« [= These 2], so Clement. Schon hier findet eine subtile Akzentverschiebung gegenüber der eben zitierten These 1 statt. Während zuvor von einer »Selbstprojektion des absoluten Geistes im menschlichen Bewusstsein« (müsste es nicht heißen: in das menschliche Bewusstsein?) die Rede war, heißt es jetzt: »Ausdruck der allgemeinen Bewusstseinsentwicklung der Menschheit«.

Noch einmal formuliert Clement auf der folgenden Seite (LII):

»Die religionsgeschichtlichen Entwicklungsstufen des Henotheismus, Polytheismus und Monotheismus werden [von Steiner] als sukzessive Manifestationen einer sich in verschiedene Gottesvorstellungen projizierenden Selbstwahrnehmung des Geistes im sich entwickelnden menschlichen Bewusstsein [= These 3] gedeutet.«

Dies klingt nun schon wie das Gegenteil von These 1. Während die Formulierung von These 3 noch etwas ambivalent oder mehrdeutig scheint, lassen die folgenden Entwicklungsstufen dieser These keinen Zweifel mehr offen.

Den Henotheismus versteht Steiner laut Clement »als veräußerlichte Selbstprojektion einer Menschheit [= These 4], die noch keine wirkliche Gedächtnisfähigkeit entwickelt hat«. Seinem damaligen Bewusstseinszustand gemäß habe der vorzeitliche (lemurische) Mensch die Idee einer »diffusen, omnipräsenten Göttlichkeit als höchsten Begriff für die Wirklichkeit entwickelt«.

Da das Bewusstsein der Menschheit sich weiter entwickelte, entwickelte sich mit diesem auch die Gottesvorstellung. Die Atlantier bildeten das Gedächtnis, das Bewusstsein der Sukzessivität, aus, und damit auch die Vorstellung einer sich in Zeit und Raum vervielfältigenden Gottheit, einer Ahnen- und Götterreihe = Polytheismus.

Gegen Ende der atlantischen Zeit wuchs aus dem Gedächtnis das abstrakte Denken hervor, daher vermochten schon die späten Atlantier aus der Vielheit der Götter »die Idee des einen und einzigen Gottes zu abstrahieren«. »Die Idee des Monotheismus, als Selbstprojektion des mit der Fähigkeit zu begrifflicher Synthese begabten nachatlantischen Menschen in eine entsprechende Gottesvorstellung [These 5]« war geboren.

Wie man sieht, hat sich hier die Ursprungsthese 1 (Selbstprojektion des absoluten Geistes im menschlichen Bewusstsein oder in das menschliche Bewusstsein) in ihr Gegenteil (Selbstprojektion des Menschen in eine Gottesvorstellung) verkehrt.

Steiner richtet seinen Blick aber nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf die Gegenwart und Zukunft. Denn aus dem abstrakten Denken ist in der nachatlantischen Zeit das Selbstbewusstsein hervorgewachsen. Nunmehr sei der Mensch – sage Steiner laut Clement – mit Hilfe dieses Selbstbewusstsein imstande, »die ideogenetische Konstitution seines eigenen Bewusstseins zu durchschauen, mittels derer er auf den früheren Kulturstufen ihm unbewusst, die verschiedenen mythischen und religiösen Systeme hervorgebracht« habe [diese Formulierung entspricht These 5]. Auf diese Weise entwickelte er langsam aber sicher ein Bewusstsein »seiner eigenen götterbildenden Tätigkeit«.

Was ist nun die adäquate Gottesvorstellung eines zum Selbstbewusstsein gekommenen Bewusstseins? Die »theosophische Meister-Vorstellung«! D.h. »die Repräsentation des Göttlichen in Form eines zu höherer Erkenntnis gelangten Menschen«. Das religiöse Bewusstsein der Gegenwart und Zukunft gipfele, so erzählt Clement, für Steiner »in der Einsicht in den menschlichen Ursprung aller Gottesvorstellungen« [= These 5].

Um diese Ausführungen zu belegen, werden von Clement sogar einige Sätze aus Steiners Vortrag zitiert (= Zitat A):

»Die Verehrung des Alten [d.h. der ›Götter‹ bzw. des ›Gottes‹, C.C.] verschwindet, und nur das, was tief innerlich in der Seele als Manas lebt und als Manas sich ankündigt, wird dasjenige, an das die Verehrung sich haftet. Daher kommt die fünfte Menschenrasse dazu, das Manas als das Göttliche zu erkennen. […] Daher kommt er auch zur Anerkennung des Mahatmatums [d.h. der Meisterverehrung].«

Die Zusätze in eckigen Klammern sind erklärende Zusätze des kritischen Herausgebers C.C.

Er kommentiert dieses Zitat außerdem wie folgt:

»Die unter Theosophen gepflegte Verehrung von ›Meistern‹ und ›großen Eingeweihten‹ sah Steiner also 1903 als adäquate Form eines fortgeschrittenen Bewusstseins, welches […] begreift, dass es in den verschiedenen historisch aufgetretenen Götterbildern – und natürlich ebenso in seinen verschiedenen ›Natur‹-, ›Welt‹- oder ›Jenseits‹-Bildern – immer nur Projektionen der Entwicklung seines eigenen transpersonalen Wesenskerns [= These 6] und nicht Repräsentationen einer transzendenten Wirklichkeit geschaffen und verehrt hat«.

Der Leser liest richtig: Clements Ausgangsthese, die sich inzwischen in ihr Gegenteil verkehrte, taucht am Ende des Gedankengangs noch einmal in einer neuen Fassung auf, die wie bei einer gedanklichen Springprozession wieder in die Gegenrichtung (zu These 1) zurückhüpft, ohne doch beim Ausgangspunkt anzugelangen. Denn an die Stelle des »absoluten Geistes« von These 1 ist nunmehr in These 6 der »transpersonale Wesenskern des Menschen« getreten, der zum Schöpfer aller Projektionen ernannt wird – was immer dieser Wesenskern auch sein mag.

Abgesehen davon, dass unser Interpret sich offenbar nicht entscheiden kann, welche Variante seines ideogenetischen Grundgesetzes nun eigentlich – wenn auch nur für ihn selbst – Gültigkeit besitzt, macht den mit kritischem Bewusstsein begnadeten Leser vielleicht auch einiges andere stutzig. Fangen wir zur Abwechslung einmal hinten an. Steiner hätte 1903 »die theosophische Meisterverehrung« als »adäquate Form« eines modernen (zeitgenössischen) Bewusstseins betrachtet? Kommt ihnen das auch seltsam vor?

Zu Recht! Denn der Ausdruck »Meisterverehrung« stammt nicht aus dem Text von Seiler-Steiner, sondern von Clement. Er wurde als erklärender Zusatz in das Zitat A hineingeschmuggelt, in dem lediglich von der »Anerkennung des Mahatmatums« die Rede ist. »Anerkennung des Mahatmatums« und »Meisterverehrung« ist nicht dasselbe!

Sehen wir uns den Gedankengang des Vortrags, soweit er überhaupt rekonstruierbar ist, noch einmal an. Wie von Clement zitiert, verschwindet die »Verehrung des Alten« und nur das, »was tief innerlich in der Seele als Geistselbst (Manas) lebt, und als Geistselbst sich ankündigt, wird dasjenige, an das die Verehrung sich heftet.« Damit ist das Göttliche gemeint, das in der Seele eines jeden Menschen lebt – der Tropfen aus dem Meer des Göttlichen, wie es in der Geheimwissenschaft im Umriss heißt.[4] Dieses Geistselbst wird von der »fünften Rasse« – der nachatlantischen Menschheit, die das individuelle Selbstbewusstsein ausbildet – als das Göttliche erkannt. Sie strebt demgemäß danach, »die Meisterschaft des Innern zu gewinnen und den göttlichen Mittelpunkt des Menschen zu erkennen«. Meister ist also, wer sich selbst bemeistert, wer das Potential des Selbstbewusstseins zur Entfaltung bringt, im Sinne des in Anmerkung 4 zitierten Auszuges aus der Geheimwissenschaft im Umriss über Bewusstseinsseele und Geistselbst. Daher treten in der nachatlantischen Zeit auch die großen individuellen Religionsstifter, die »Meister« auf, die das Menschliche in sich bemeisterten, weil sie das Göttliche in sich ergriffen: »Laotse, Konfuzius, Buddha, Moses, Zarathustra« werden als Beispiele genannt – von »theosophischen Meistern« kein Wort.[5]

Noch einmal kommt Steiner auf diese Meisterschaft am Beispiel der griechischen Göttergenerationen zu sprechen, die den gesamten Gang der Menschheit durch aufeinanderfolgende Gottesvorstellungen im Kleinen widerspiegelt. Hier ist Dionysos der Repräsentant der Gottesvorstellung der nachatlantischen Menschheit:

»Dann kommt der Kult des Dionysos. Dionysos ist der Strebende, Leidende, Empfindende, der denkende Mensch selbst. Er ist so dargestellt, dass er ursprünglich getötet, zerstückelt wird, dann wieder auferstanden ist und nun wieder in der Welt emporstrebt. Er ist der Repräsentant der Meisterschaft, der Mahatmaschaft, der Repräsentant der Gottesvorstellung der fünften Rasse«.

Auch hier ist keine Rede von der »theosophischen Meisterverehrung«. Noch einmal, kurz darauf: »Der Eingeweihte der fünften Wurzelrasse«, d.h. der nachatlantischen Zeit, »ist voll ausgefüllt von der Anschauung, dass in ihm das fünfte Menschheitsprinzip [d.h. das Geistselbst, Manas] sich zum Dasein ringt, dass er der Träger des Menschentums der fünften Wurzelrasse ist. Dadurch kommt er auch zur Anerkennung des Mahatmatums«. Also zur Anerkennung des Göttlichen, das in jeder Menschenseele, in der Bewusstseinsseele aufleuchtet – oder aufleuchten kann. Auch hier ist nirgends von »theosophischer Meisterverehrung« die Rede.

Nun aber dieses Göttliche. Laut Clement vertritt Steiner die Auffassung, jede Gottesvorstellung sei eine Selbstprojektion des Menschen (These 5).

Liest man aber in den spärlichen Notizen nach, stößt man auf etwas ganz anderes. Wie nämlich kamen die »alten Rassen«, die Vorfahren der Jetztzeit, überhaupt zu ihren Gottesvorstellungen? Auch darüber lässt sich Steiner – soweit der Text verlässlich ist – deutlich aus.

»Woher und wie kamen die Menschen zu dieser Vorstellung, dass der Urgrund der Welt göttlich ist?« (Die Rede ist von den henotheistischen Lemuriern, den Urhebern der ältesten Gottesvorstellung überhaupt, von der im Vortrag gesprochen wird.)

Was Steiner zur Beantwortung dieser Frage beschreibt, ist die allmähliche Einwanderung eines universellen Göttlichen, das im Kosmos, in der Natur ausgebreitet ist, in die Seele des Menschen. Am Anfang steht nicht der Mensch, der sein Inneres in die Außenwelt hinausprojiziert, sondern das Göttliche, das in der Außenwelt ausgebreitet ist und sich in die Seele des Menschen hineinprojiziert. Wieder einmal steht bei Steiner der objektive Geist am Anfang und wieder einmal stellt Clement Steiners Ansichten auf den Kopf.

Die Antwort im Steiner-Seilerschen Wortlaut (die relevanten Sätze kursiv):

»Gehen wir zu den Lemuriern, so treffen wir auf einen Zeitpunkt, wo der Übergang stattfindet von dem allgemeinen Wirken der kosmischen Weisheit zu dem Wirken von Kama-Manas in der einzelnen Menschenseele. Vorher ist die Weisheit ein universelles Wesen, ein Wesen, das gleichsam über dem Ganzen schwebt als Geist. Es ist noch nicht sehr verschieden von dem Universalgeist, der während der Mondepoche gewirkt hat.

Gerade in der lemurischen Zeit geschieht das Einträufeln des Allgeistes in die menschlichen Seelen. Stellen Sie sich das so vor: Vorher sahen die Lemurier den einheitlichen Geist, den sie sich noch nicht vorstellen konnten, außer sich; er schwebte über ihnen. Und in ihrer weiteren Entwicklung finden sie dasselbe in sich, was sie früher außer sich haben wahrnehmen können; sie finden es in sich selbst, in ihrer eigenen Seele widergespiegelt. Vor ihrer Entwicklung zu vorstellenden Wesen war das Schauen der Lemurier ein halb-astrales Schauen; die Einheits-Gottheit sahen sie über sich schwebend. Indem sie jetzt in sich sehen, spiegelt sich das, was sie früher außer sich sahen, in ihrer eigenen Seele. Es ist der Inhalt, der früher draußen war, derselbe, der jetzt in der eigenen Seele aufleuchtet. Die erste Gottesvorstellung ist nichts anderes als eine Wiederholung dieses Prozesses. […]«

Nach dieser Pionierleistung der Lemurier, die darin bestand, den kosmischen Geist in sich aufzunehmen, ihn in ihrer eigenen Seele mimetisch zu spiegeln, wie Kinder im ersten Jahrsiebt, gehen die Atlantier, die Kinder des zweiten Jahrsiebts, diese geborenen Polytheisten, einen Schritt weiter, indem sie sich des Gespiegelten erinnern:

»Mit ihrem vorzüglichen Gedächtnis erinnerten die Atlantier sich an die Bilder, welche sich ihre Vorfahren, die Lemurier, gemacht hatten. Das ist ungefähr so [vorzustellen], wie wenn Sie zum Beispiel im Wassertropfen die Sonne sich spiegeln sehen, aber nicht die Sonne selbst sehen. Daher entwickelten die Atlantier ein zweifaches Bewusstsein: In unseren Vorfahren ergriff das Göttliche Platz; sie waren unsere Ahnen, in deren Seelen Göttliches lebte. Das war die Zeit, in der man begann, die Ahnen zu verehren; der Ahnenkult trat da auf. Die Ahnen wurden verehrt, weil man das Göttliche in deren Seelen aufblitzen sah […] Damit wird aber auch die Vielheit der Götter eingeführt. Wir finden da das Einfließen der wirklichen Geistigkeit in die Menschenseele …«[6]

Was die Lemurier vorher außer sich sahen, den Universalgeist, die Einheits-Gottheit, das spiegelte sich in ihrer Seele und sie sahen es in sich. Was früher draußen war, das war später in ihnen. Die Atlantier wiederum erinnerten sich an die Bilder des Universalgeistes in der Seele der Lemurier: auch hier ein objektiver Inhalt, der sich subjektivierte, in die Seelen der Menschen hineinprojizierte. In ihren Vorfahren ergriff das Göttliche, der Universalgeist Platz, daher verehrten sie die Ahnen – weil sie viele Ahnen hatten, in denen sich das Göttliche auf unterschiedliche Weise spiegelte, hatten sie auch viele Götter. Wirklicher, objektiver, kosmischer Geist floss in die Seelen der Menschen hinein. Aus dem Kosmos in den Menschen, das war der Weg – nicht aus dem Menschen in den Kosmos.

Die Pointe kommt aber erst ganz am Ende des Vortrages. Hier geht Steiner auf Ludwig Feuerbach ein, jenen Philosophen, dem Clement seine These von den in den Himmel projizierten Göttern verdankt.[7]

Die Rede ist von den tiefen Einblicken in den geistigen Weltzusammenhang, die von der Theosophie vermittelt würden. Während der Blick der Naturwissenschaften ins Universum den Menschen zum Staubkorn schrumpfen lasse, füge die Theosophie eine weitere Perspektive hinzu, indem sie in diesem Staubkorn einen göttlichen Funken erkenne.

Der Text endet mit den Sätzen:

»Dieser göttliche Funke, den wir im Mittelpunkt unseres Bewusstseins finden, ist nicht in uns entstanden, sondern er ist von außen in uns hereingezogen; er ist dasselbe, was draußen im Makrokosmos lebt. Es ist keine besondere Weisheit, zu der Feuerbach gekommen ist, [wenn er meint]: Die Alten hatten unrecht, wenn sie sagten, die Gottheit habe den Menschen nach ihrem Ebenbilde geschaffen, denn der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde. – Ganz richtig, der Mensch schafft die Gottheit wieder aus sich heraus. Aber: das ist die Gottheit, die das schafft. So dürfen wir sagen: Feuerbach hat recht, nur dass er sich nicht selbst recht gibt.

Was ich Ihnen immer wieder sagte: Gedankenkontrolle ist das, was nötig ist. Und Gedankenkontrolle besteht nicht nur darin, dass ein Gedanke klar ist, sondern dass jeder Gedanke einen Kontrollgedanken hat. Man sollte nie einen Gedanken denken oder aussprechen, ohne den dazugehörigen Kontrollgedanken anzuwenden. Der Mensch wirkt Wunder, wenn er sich nicht gestattet, nur einseitige Gedanken zu fassen.«[8]

Diese Sätze stellen in mehrerlei Hinsicht ein gutes Schlusswort unserer kritischen Würdigung des neuerlichen Versuchs eines Zwerges dar, dem Geistesriesen Rudolf Steiner über die Schulter zu blicken.[9] Wie gesagt, handelt es sich beim Vorgebrachten lediglich um einige Schlaglichter.

Hingewiesen sei an dieser Stelle auf zwei weitere Rezensionen der hier besprochenen Bände, die unterschiedlich kritisch an sie herangehen:

Andreas Neider: Wie kann Wesenhaftes geistig erfasst werden?

Katharina Dehmelt: Rudolf Steiner. Schriften. Kritische Ausgabe (SKA). Band 8


Vorheriger Beitrag: Fast alles ist subjektiv – Neues aus Provo (4)


Rudolf Steiner, Band 8,1-2: Schriften zur Anthropogenese und Kosmogonie. Fragment einer theosophischen Kosmogonie – Aus der Akasha-Chronik – Die Geheimwissenschaft im Umriss. Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Christian Clement. Vorwort von Wouter J. Hanegraaff. Stuttgart-Bad Cannstatt 2018, 2 Bände, CCXXIV, 787 S., ISBN 978-3-7728-2638-2

Die beiden Einleitungen zu Band 8 sind auf der SKA-Website zu finden:
https://www.steinerkritischeausgabe.com/leseproben-einleitung-band-8
https://www.steinerkritischeausgabe.com/leseproben-einleitung-ii-band-8


Rezensionen früher erschienener Bände der SKA:

Dynamit, das dogmatische Bastionen sprengt

Die Anthroposophie: ein »Rückfall« in den Mythos?

Vom Gott, der im Denken gegeben ist und anderen Dingen

Notwendig ein Torso

Nichts weniger als irrational

Reduktionen und Versteifungen

Projektive Ausstülpungen


Anmerkungen:


  1. Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, Dornach 2003, S. 36-37.
  2. Die Philosophie der Freiheit, Dornach 1995, S. 82-85.
  3. Clement beruft sich explizit auf diese Lizenz zur Willkür, wenn er in einer Anmerkung (65) auf S. LI schreibt: »Indem hier und anderswo von einem ›ideogenetischen‹ Charakter des steinerschen Denkens ab 1900 gesprochen wird, wird der Versuch unternommen, sich diesem auf eine ähnliche Weise zu nähern, wie Steiner selbst mit den naturwissenschaftlichen Schriften Goethes umgegangen ist, indem er darin eine implizite, von Goethe selbst nicht ausgesprochene Erkenntnistheorie zu identifizieren versuchte. Es ist der Versuch einer Markierung der von Steiner selbst nicht explizit gemachten, in seinen Texten aber deutlich zum Ausdruck kommenden bewusstseinsphilosophischen Dimension seines Denkens ab der Jahrhundertwende«. Wenn er also Steiner das Gegenteil der Ansichten unterstellt, die dieser tatsächlich vertrat, dann markiert er damit, dass er diesen besser versteht, als er sich selbst verstanden hat.
  4. »Mit der Wahrnehmung des ›Ich‹ – mit der Selbstbesinnung – beginnt eine innere Tätigkeit des ›Ich‹. Durch diese Tätigkeit hat die Wahrnehmung des Ich in der Bewusstseinsseele für den Menschen eine ganz andere Bedeutung als die Beobachtung alles dessen, was durch die drei Leibesglieder und durch die beiden andern Glieder der Seele an ihn herandringt. Die Kraft, welche in der Bewusstseinsseele das Ich offenbar macht, ist ja dieselbe wie diejenige, welche sich in aller übrigen Welt kundgibt. Nur tritt sie in dem Leibe und in den niederen Seelengliedern nicht unmittelbar hervor, sondern offenbart sich stufenweise in ihren Wirkungen. Die unterste Offenbarung ist diejenige durch den physischen Leib; dann geht es stufenweise hinauf bis zu dem, was die Verstandesseele erfüllt. Man könnte sagen, mit dem Hinansteigen über jede Stufe fällt einer der Schleier, mit denen das Verborgene umhüllt ist. In dem, was die Bewusstseinsseele erfüllt, tritt dieses Verborgene hüllenlos in den innersten Seelentempel. Doch zeigt es sich da eben nur wie ein Tropfen aus dem Meere der alles durchdringenden Geistigkeit. Aber der Mensch muss diese Geistigkeit hier zunächst ergreifen. Er muss sie in sich selbst erkennen; dann kann er sie auch in ihren Offenbarungen finden.Was da wie ein Tropfen hereindringt in die Bewusstseinsseele, das nennt die Geheimwissenschaft den Geist. So ist die Bewusstseinsseele mit dem Geiste verbunden, der das Verborgene in allem Offenbaren ist […]Es kann sich der Mensch aber nicht nur durch die Arbeit an seiner Seele vom Ich aus zum Herrscher über diese Seele machen, so dass diese aus dem Offenbaren das Verborgene hervortreibt, sondern er kann diese Arbeit auch erweitern. Er kann übergreifen auf den Astralleib. Dadurch bemächtigt sich das Ich dieses Astralleibes, indem es sich mit dessen verborgener Wesenheit vereinigt. Dieser durch das Ich eroberte, von ihm umgewandelte Astralleib kann das Geistselbst genannt werden. (Es ist dies dasselbe, was man in Anlehnung an die morgenländische Weisheit ›Manas‹ nennt.) In dem Geistselbst ist ein höheres Glied der Menschenwesenheit gegeben, ein solches, das in ihr gleichsam keimhaft vorhanden ist und das im Laufe ihrer Arbeit an sich selbst immer mehr herauskommt.« GA 13, Dornach 1989, S. 70-71.
  5. GA 88, S. 204.
  6. GA 88, S. 202-203.
  7. In seinem Hauptwerk Das Wesen des Christentums (1841) schrieb der Linkshegelianer und geistige Vater des Marxismus über das Wesen der Religion im allgemeinen: »Wie der Mensch denkt, wie er gesinnt ist, so ist sein Gott: so viel Wert der Mensch hat, so viel Wert und nicht mehr hat sein Gott. Das Bewusstsein Gottes ist das Selbstbewusstsein des Menschen, die Erkenntnis Gottes die Selbsterkenntnis des Menschen.« Dies ist die Grundintuition Feuerbachs, mit der sich seine philosophische Produktivität erschöpfte. Hinzu kommt die unbewusste Projektion: »Die Religion geht überall der Philosophie voran, wie in der Geschichte der Menschheit, so auch in der Geschichte der Einzelnen. Der Mensch verlegt sein Wesen zuerst außer sich, ehe er es in sich findet […] Der geschichtliche Fortgang in den Religionen besteht deswegen darin, dass das, was der früheren Religion für etwas Objektives galt, jetzt als etwas Subjektives, d.h. was als Gott angeschaut und angebetet wurde, jetzt als etwas Menschliches erkannt wird.« Ausgabe 1904, S. 68-69. Diese Grundintuition wird im Wesen des Christentums endlos abgewandelt; etwa so: »Der Mensch – dies ist das Geheimnis der Religion – vergegenständlicht sein Wesen und macht dann wieder sich zum Gegenstand dieses vergegenständlichten, in ein Subjekt, eine Person verwandelten Wesens …« Wie schon dieser Satz spricht auch der folgende von Personifikation: »Das unendliche Wesen ist nichts als die personifizierte Unendlichkeit des Menschen, Gott nichts als die personifizierte, als ein Wesen vorgestellte Gottheit oder Göttlichkeit des Menschen.« Ebd., S. 401. – Die Idee des Anthropomorphismus, die sich in Feuerbach zur Besessenheit steigerte und von Marx in die Formel gegossen wurde, Religion sei Opium für das Volk, ist allerdings nicht neu. Bereits Xenophanes brachte sie im 6. Jahrhundert v. Chr. zum Ausdruck: »Hätten die Ochsen, Rosse und Löwen Hände und könnten malen und Werke sie schaffen und bilden gleich Menschen, dann würde das Pferd wie ein Ross und ähnlich dem Ochsen der Ochse seine Götter gestalten und Körper würden sie bilden, so wie jegliches selbst das eigene Aussehen kennt. Äthiopier sehn ihre Götter stumpfnasig, schwarz, glänzenden Augs, rothaarig stellen die Thraker sie dar. Wahrlich nicht alles enthüllten die Götter den Menschen von Anfang. Erst im Laufe der Zeit und suchend finden sie Bessres.« Allerdings führte, wie man den letzten beiden Sätzen entnehmen kann, der kritische Geist Xenophanes keineswegs zum Atheismus. – Zum Problem der Personifikation sei eine Berichtigung des Gräzisten Karl Reinhardt in Erinnerung gerufen: »Eins war der späteren Praxis wie der späteren Theorie entschwunden: dass die Personifikationen des Theaters und der Fabel ursprünglich und eigentlich doch Götter waren! Dass der Personifikation der Bühne der Gott selbst unter der Maske vorausging; dass allein als Götter all dergleichen zur Person geworden und nicht umgekehrt erst als Person zu Göttern. Hätte man nicht besser getan, dieses Zusammenhangs sich bewusst, anstatt von einer Personifikation von vornherein von einer ›Deifikation‹ zu reden? Wort und Begriff der Prosopopöie, gleich Personifikation, ist die Erfindung einer Zeit, die den Zusammenhang mit Sinn und Ursprung dessen, was es zu erklären galt, verloren hatte. Man sah in den Göttern des Theaters statt der Götter nur noch deren Masken, prosopa, ›Personen‹« – mit einem Wort: »die Personifikationen« »stammen« »von den Göttern«, »und nicht umgekehrt die Götter von den Personifikationen«. Karl Reinhardt, Vermächtnis der Antike, Göttingen 1960, S. 11.
  8. GA 88, S. 206-207.
  9. »Bernhard von Chartres sagte, wir seien gleichsam Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen, um mehr und Entfernteres als diese sehen zu können – freilich nicht dank eigener scharfer Sehkraft oder Körpergröße, sondern weil die Größe der Riesen uns emporhebt.« Johannes von Salisbury, Metalogicon 3,4,46-50

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