Die Linke gebar ein Monstrum. Lässt es sich noch einhegen?

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Goya, Der Schlaf der Vernunft

Helen Pluckrose[1], Herausgeberin des libertär-humanistischen Onlinemagazins Areo, das nach einer Rede Miltons zur Verteidigung der freien Meinungsäußerung benannt ist, erregte mit einigen Gleichgesinnten weltweit Aufsehen durch eine Aktion, die sich zur sogenannten Quengelstudien-Affäre (grievance studies affair) auswuchs. Zusammen mit James Lindsay und Peter Boghassian reichte sie unter wechselnden Pseudonymen Fakestudien bei sozialwissenschaftlichen Fachzeitschriften ein, die auf Genderstudies und identitätspolitische Themen spezialisiert sind. Im Herbst 2018, als die Aktion enttarnt wurde, waren vier von 20 eingereichten Artikeln bereits veröffentlicht, drei zur Veröffentlichung angenommen, sieben weitere befanden sich noch im Review-Prozess, die restlichen sechs waren abgelehnt worden.

Vorausgegangen war dem systematischen Versuch der Demaskierung von Pseudowissenschaft im Jahr 2017 die Publikation eines Fakeartikels über den Theoretischen Penis als soziales Konstrukt (»The conceptual penis as social construct«[2]) in der Zeitschrift cogent social sciences, in dem die Autoren behaupteten, dieser sei mit einer »performativen toxischen Maskulinität« gleichzusetzen und stehe in enger Beziehung zum Klimawandel. Das Abstract des Artikels lautete: »Anatomische Penisse mögen existieren, aber da auch Transgender-Frauen vor der Operation einen Penis besitzen, stellt dieser in Bezug auf die Männlichkeit ein inkohärentes Konstrukt dar. Wir treten daher dafür ein, den konzeptuellen Penis nicht als anatomisches Organ, sondern als soziales Konstrukt zu betrachten, das mit performativer toxischer Männlichkeit isomorph ist. Durch eine detaillierte poststrukturalistische Diskurskritik und das Beispiel des Klimawandels stellt diese Untersuchung den vorherrschenden, schädlichen sozialen Topos in Frage, der den Penis als männliches Sexualorgan auffasst und weist ihm eine zutreffendere Funktion als Typus männlicher Performanz zu«.

Die eingereichten Artikel vertraten abstruse Thesen, die sich der modischen Genderstudies-Terminologie und -Begrifflichkeit bedienten, um herauszufinden, ob Jargon und politische Ausrichtung genügten, um in den ausgewählten Zeitschriften publiziert zu werden – trotz offenkundiger Absurdität des Inhalts. In einem ihrer Artikel behaupteten die Autoren, sie hätten das Verhalten von Hunden in verschiedenen Hundeparks beobachtet sowie 10.000 Hundepenisse untersucht und seien zu dem Ergebnis gekommen, in den genannten Parks herrsche eine Vergewaltigungskultur (rape culture), die der menschlichen vergleichbar sei. Daher könne das Verhalten von Männern mit den Methoden der Hundedressur verändert werden. Der Artikel wurde von der Zeitschrift Gender, Place & Culture veröffentlicht. Das Bekanntwerden des Projekts löste weltweite Diskussionen über Forschungsethik, Qualitätsstandards und Ideologiebestimmtheit sozial- und geisteswissenschaftlicher Forschung aus.

Die Zeitschrift Novo veröffentlichte im Mai 2017[3] die Übersetzung eines Artikels von Pluckrose über die Abwicklung der Aufklärung durch die Postmoderne (die vom linken Portal Ruhrbarone übernommen wurde[4]), in der sie letztere (die Postmoderne, nicht die Ruhbarone) für die Verabschiedung von Vernunft und Wissenschaft und die Retribalisierung der westlichen Gesellschaften verantwortlich machte. Dieser These sind wir auch schon bei Bernd Stegemann begegnet.[5]

Gehen wir hier dem Gedankengang von Pluckrose nach, die – soweit sie die Grundgedanken einiger postmoderner Philosophen wiedergibt –, einige lesenswerte Überlegungen anstellt, aber mit dem Versuch, die Schuld für die genannte Tribalisierung von der Linken auf die »Rechte« abzuwälzen, gründlich scheitert. Einige Feinheiten unserer Relektüre erschließen sich nur durch gründlichen Vergleich mit der bei Novo veröffentlichten deutschen Übersetzung.[6]

Laut Pluckrose stellt die Postmoderne eine Bedrohung nicht nur der liberalen Demokratie, sondern der Moderne überhaupt dar. Leicht zu erkennen seien die »irrationalen und identitären Symptome des Postmodernismus«, umso schwerer das ihm zugrunde liegende Ethos. Das liege nicht zuletzt an der »inhärenten Widersprüchlichkeit« dieser Denkweise, für die es keine objektiven Wahrheiten gebe. Da die Grundgedanken der Postmoderne aber zur Basis heutiger Protestkulturen geworden seien, untergrüben sie »die Glaubwürdigkeit der Linken« und drohten, die westliche Zivilisation in eine tribalistische, prämoderne Ära zurückzuwerfen.

Den Ursprung der Postmoderne als philosophischer Strömung ortet Pluckrose in Pariser Intellektuellenzirkeln der 1960er Jahre. Diese hätten sich einige Intuitionen Nietzsches und Heideggers zu eigen gemacht, um damit einen Begriffsnominalismus und die Negation des Ich zu begründen. Sie hätten dem »liberalen Humanismus« vorgeworfen, »westliche, männliche Mittelschichtserfahrungen« zu verallgemeinern und für diese Mittelschicht angeblich typische Formen des Denkens attackiert, die »Ethik, Vernunft und Klarheit« in den Mittelpunkt stellten. Zu diesen gehörten der Strukturalismus, der versucht habe, die tieferliegenden Gesetzmäßigkeiten der Kultur- und Mythenproduktion zu analysieren, der Marxismus, der etwas ähnliches in Bezug auf die Gesellschaft und ihre ökonomisch-politischen Machtverhältnisse versucht habe, schließlich die Wissenschaft insgesamt mit ihrem Objektivitätsanspruch. Dass die Postmoderne aufgrund ihrer »revolutionären«, ja sogar »nihilistischen« Ausrichtung »dezidiert links« war, stellt Pluckrose nicht in Abrede, ebensowenig, dass er mit dem postkolonialen Zeitgeist harmonierte, wenn nicht sogar sein Ausdruck war. Im Verlauf seiner Entwicklung sei der ursprünglich vorherrschende Dekonstruktivismus allerdings von der revolutionären Identitätspolitik abgelöst worden.

Ob man die Postmoderne als eine Erscheinungsform der Moderne oder als Antimoderne interpretiert, hängt laut Pluckrose von der Definition der Moderne ab.

Lässt man diese kanonisch aus dem Humanismus der Renaissance, der Aufklärung, der »wissenschaftlichen Revolution« und dem politischen Liberalismus hervorgehen, der zur Entwicklung von Demokratien und Menschenrechten führte und an die Stelle des Glaubens, der Kollektive und der Hierarchien Vernunft und Wissenschaft und das freie Individuum setzte, kann man an ihr sowohl eine konstruktive als auch eine destruktive Tendenz erkennen.

Blickt man auf die positiven Errungenschaften der Moderne, also auf die Vernunft, den Universalismus der Rechte und der wissenschaftlichen Erkenntnis sowie den Humanismus, scheint die Postmoderne in Opposition zu ihr zu stehen. Blickt man allerdings auf die Zerstörung der vorausgehenden Ordnung durch die Moderne – die Destruktion des Feudalismus, des Glaubens, des Patriarchats und des Imperialismus –, könnte die Postmoderne als konsequente Fortsetzung der kritischen Moderne erscheinen, die sich gegen ihre eigenen Errungenschaften und die aus ihr entstandenen Herrschaftsansprüche (der Vernunft, der Wissenschaft, des Rechts usw.) wendet.

Pluckrose greift drei »Meisterdenker« der Postmoderne heraus: Lyotard, mit seiner These vom Ende der »großen Erzählungen«, Foucault, mit seiner Auffassung, Wissen und Identität seien Produkte gesellschaftlicher Diskurse, diese ein Abbild von Machtverhältnissen und insoweit »Konstrukte« ohne Grundlage in einer objektiven Realität, schließlich Derrida, der auch noch das Subjekt demontierte.

Die »großen Erzählungen« sind für Lyotard umfassende Theorien mit dem Anspruch, eine Vielzahl von Einzelerscheinungen oder geschichtlichen Entwicklungen zusammenzufassen und zu erklären. Zu ihnen gehören Religionen, aber auch Wissenschaften oder politische Theorien, die ihre Gegenstände auf einige Grundideen zurückführen, und versuchen, aus diesen das gesamte Leben zu rekonstruieren. An die Stelle solcher Meta-Erzählungen sollten laut Lyotard Minierzählungen treten, die lediglich Ausdruck persönlicher Wahrheiten seien. Schon Lyotard sah in der wissenschaftlichen Wahrheit einen Ausdruck von Machtinteressen und entzog ihrem Objektivitätsanspruch den Boden.

Dem Rückbezug des Wissens auf den sozialen oder geschichtlichen Ort, in dem es situiert ist, liegt laut Pluckrose ein erkenntnistheoretischer Relativismus zugrunde, der zugleich der allgemeinen Wahrheit den Todesstoß versetzt. Eine solche kann es nicht geben, wenn Wahrheit stets nur Bild einer Epoche, einer Gesellschaft oder der persönlichen Lebensgeschichte ist. Folge dieses Relativismus ist Pluckrose zufolge ein »Glaube an persönliche oder kulturelle Wahrheiten«, der »gelebte Erfahrungen« über empirische Nachweise stelle, sowie ein gesellschaftlicher Pluralismus, der Minderheiten gegenüber dem Konsens der Wissenschaften und den Grundsätzen liberaler Ethik bevorzuge, mit dem Argument, letztere seien »autoritär und dogmatisch«.

Aus der Sicht Foucaults entsteht Wissen aus Diskursen, deren Gegenstände und Regeln durch Formen institutionalisierter Macht festgelegt werden. Wissen ist also nicht Macht, sondern Abbild von Macht. Dies gilt auch für die Identität des Einzelnen: »Das Individuum, mitsamt seiner Identität und all seinen Charaktereigenschaften, ist das Produkt eines Machtverhältnisses, welches über die Körper, Mannigfaltigkeit, Bewegungen, Begehren und Kräfte herrscht.« Damit ist die Möglichkeit der Selbstbestimmung, der Freiheit aufgehoben. Dieser Annahme entsprechend sind liberale Demokratien nicht weniger repressiv als autoritäre Gesellschaften, da auch sie die Identität der Individuen durch die Diskurse formen, die sie beherrschen. Kritisiert werden muss also die strukturelle Macht, die den Institutionen immanent ist, auf welchen eine Gesellschaft fußt, seien es nun Gefängnisse, psychiatrische Anstalten, Sportvereine oder Finanzämter.

Pluckrose wirft Foucault »extremen Kulturrelativismus« vor. Individuen verschwinden in den anonymen Machtstrukturen der jeweiligen Kultur, der sie angehören und durch die sie bestimmt werden, ohne es zu ahnen. Die grundlegende Struktur der Macht legt Verhältnisse der Über- und Unterordnung fest, nach welchen sich das Individuum als Unterdrücker oder Unterdrückter konstruieren muss, Verhältnisse, die sich auch in den Beziehungen zwischen Kulturen reproduzieren. Die Autorin erkennt den Einfluss Foucaults in Judith Butlers Queer-Theorie[7], die Geschlechtsrollen als gesellschaftliche Konstruktionen interpretiert, in Edward Saids Kritik[8] an der Konstruktion eines dem Okzident prinzipiell unterlegenen Orients oder in Kimberlé Chrenshaws[9] Konzepten der Intersektionalität und Identitätspolitik. Zwei weitere Konsequenzen der Foucaultschen Voraussetzungen sind ihrer Einschätzung nach die Gleichsetzung von Sprache und Gewalt sowie jene des »liberalistischen Universalismus« mit Unterdrückung.

Derrida schließlich fokussierte sich auf die Sprache, besonders auf verschriftlichte (Texte). Er vertrat eine Art Wortnominalismus, der jeden Sinnbezug zwischen Bezeichnungen und dem Bezeichneten leugnete. Sätze und Ansammlungen von Sätzen bilden absolute Kontexte, außerhalb derer es keine Wirklichkeit gibt. Folglich kann Texten auch nicht eine Intention zugeschrieben werden, die vom Verfasser stammt. Vielmehr bildet sich deren Bedeutung im Bewusstsein der Leser stets neu und quasi von selbst, aus dem Zusammentreffen unaufhebbarer Differenzen (différances), im vorliegenden Fall zwischen Text und Leser. Das Kunstwort »différance« bezeichnet sowohl Verschiebung (von Bedeutung), als auch Unterscheidung. So unaufhebbar der Unterschied zwischen Text und Leser, ist auch jener zwischen den Worten – eine Horizontverschmelzung im Gamaderschen Sinn gibt es in dieser systematisch auf Missverstehen angelegten Theorie nicht. Worte sind darüberhinaus kulturell mit negativen oder positiven Konnotationen aufgeladen: Mann und Okzident positiv, Frau und Orient negativ. Zwischen beiden besteht keine friedliche Koexistenz, sondern eine Hierarchie der Gewalt. Positiv geladene Termini beherrschen negative. Um solche sprachlich fixierten Gegensätze zu dekonstruieren, »muss die Hierarchie umgestürzt werden«. Daher müssen die negativen Konnotationen in positive umgewandelt werden. Das Mittel der Wahl ist die Ironie.

Laut Pluckrose ist auch Derrida ein Verfechter jenes »kulturellen und erkenntnistheoretischen Relativismus«, der die Grundlage der Identitätspolitik bildet. Dass Unterschiede nicht Gegensätze, sondern auf einander bezogene, sich ergänzende Polaritäten sein könnten (wie im Fall von Mann und Frau), sei für ihn undenkbar. Infolge seiner Vorbehalte gegen das Universelle, das sich über Gegensätze hinwegsetzt, lehne Derrida auch den Liberalismus der Aufklärung ab, der lediglich Ausdruck eines okzidentalen Willens zur Herrschaft über die Différance sei. Pluckrose sieht in ihm den Urheber der »ironischen Männerfeindlichkeit«, der Behauptung, es gebe keinen »umgekehrten Rassismus« (da dieser immer nur in eine Richtung funktioniere) und der Vorstellung, die Erkenntnis eines Menschen werde durch seine Identität, seine unaufhebbare Andersartigkeit, bestimmt. Auf der Grundlage solcher Überlegungen sei Vermittlung von Gegensätzen und Verstehen nicht mehr möglich. Die Intention des Sprechers sei irrelevant, es komme nur auf die Wirkungen an, die sein Sprechen in anderen hervorrufe: für Pluckrose ist dies die Grundlage des »modischen Glaubens an die zerstörerische Wirkung sogenannter ›Mikroaggressionen‹« und des falschen Gebrauchs von Begriffen, »die sich auf Geschlecht, Rasse oder Sexualität beziehen«.

Die Grundgedanken der französischen Postmoderne diffundierten Ende des 20. Jahrhunderts in die akademische Welt, zunächst in den USA, naheliegenderweise besonders in die Geistes- und Sozialwissenschaften. Sie führten zu einer Hypersensibilität gegenüber Sprache und der Überzeugung, die Rezeption von Texten sei wichtiger als die Intention ihres Verfassers, selbst wenn die Interpretation allem ins Gesicht schlug, was man vernünftiger Weise als deren Bedeutung aus ihnen herauslesen konnte.

Was ist die Folge dieser Ideologie? In den Worten von Pluckrose: »Mitmenschlichkeit und Individualität verkommen zu Illusionen und Menschen zu Initiatoren oder Opfern von Diskursen. Determiniert wird ihre Rolle durch die soziale Identität und nicht durch individuelles gesellschaftliches Engagement.« Moral erscheint ebenso wie die Realität, in der Menschen leben, kulturell geprägt. »Empirische Belege gelten als verdächtig, wie jede kulturell dominante Idee, Wissenschaft, Vernunft und Liberalismus miteingeschlossen. Die Werte der Aufklärung werden als naiv, totalisierend und repressiv betrachtet, weswegen eine moralische Notwendigkeit bestehe, diese zu zerschlagen. Eine viel größere Relevanz wird den gelebten Erfahrungen, Erzählungen und Vorstellungen ›marginalisierter‹ Gruppen beigemessen, welche über die Werte der Aufklärung gestellt werden müssen, um unterdrückende, ungerechte und willkürliche Konstrukte umzustoßen.«

Nun ist die Bestrebung, den »Status quo zu zerschlagen, verbreitete Annahmen und mächtige Institutionen herauszufordern« und sich für die Entrechteten und Zukurzgekommenen zu engagieren, durchaus »links« – und nicht etwa »liberal«, wie Pluckrose behauptet. Das Bedürfnis, sich dieser Tendenz entgegenzustellen, kann man dagegen als konservativ bezeichnen. Da es sich aber um Werte wie Freiheit und Gleichheit, unabhängig von Geschlecht, Religion oder Herkunft handelt, tritt das Paradoxon ein, dass Liberale, die diese Werte verteidigen, als konservativ erscheinen, weil eine radikalisierte Linke inzwischen die Errungenschaften des Liberalismus, die sie mit geschaffen hat, im Namen der différance in Frage stellt. Die Gegner des liberalen »Konservatismus« setzen sich dagegen ebenso paradox für den Irrationalismus und Illiberalismus ein, obwohl sie ursprünglich im Namen der Vernunft und der Liberalität gegen die Ordnungen der Ungleichheit zu Felde gezogen sind. Während die früheren Postmodernen noch auf das bessere Argument vertrauten, setzen ihre missratenen Enkel auf die Autorität der physischen Gewalt, des Geschreis und der Betroffenheit, da sie den Dialog und den Appell an die Vernunft inzwischen als Instrumente der (»weißen«, »männlichen«, »logozentrischen«, »phallozentrischen«) Herrschaft betrachten. Daher wird die freie Meinungsäußerung selbst zum Gegenstand der Kritik. Sie wird inzwischen als so gefährlich betrachtet, dass selbst Menschen, die sich als Liberale bezeichnen, es für gerechtfertigt halten, »sie mit Gewalt zu unterdrücken«. »An die Stelle von Diskussionen« so Pluckrose, »in denen wir versuchen, andere mit vernünftigen Argumenten zu überzeugen, treten heute Verweise auf die Identität (›Als lesbische Latina kann ich sagen …‹) und schiere Wut.«

Daraus erklärt sich für die Autorin, dass in westlichen Gesellschaften, in welchen »Rassismus, Sexismus, Homophobie, Transphobie« und Xenophobie praktisch verschwunden sind, linke Akademiker und Aktivisten so tun, als wären sie allgegenwärtig und kröchen stets von neuem aus ihrem furchtbaren Schoß. Gleichzeitig blenden sie die repressive Macht, die sie mit ihrem Aktivismus ausüben, vollkommen aus. Zustimmend zitiert sie Andrew Sullivan, der über die Intersektionalität sagt: »Es wird [von ihr] eine klassische Orthodoxie postuliert, welche jede erdenkliche menschliche Erfahrung erklärt, und durch die alle Aussagen gefiltert werden müssen. […] Wie einst der Puritanismus in Neu-England, kontrolliert Intersektionalität heute die Sprache und darüber hinaus die Bedingungen eines jeden Diskurses.«

Der einst linke, rebellische Postmodernismus, so das Fazit, »ist zur Lyotardschen Meta-Erzählung, zum Foucaultschen System diskursiver Macht und zur Derridaschen repressiven Hierarchie geworden«.

Pluckrose weist auch auf die logische Inkonsistenz des postmodernen Denkens hin. Eines seiner Probleme besteht darin, dass die Behauptung vom »Ende der großen Erzählungen« lediglich für eine kleine Minderheit Geltung besaß, nämlich eine Handvoll französischer Intellektueller, die ihre Werke im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts in Paris publizierten und auch heute keineswegs von einer Mehrheit akzeptiert wird. Außerdem ist sie selbst eine große Erzählung, die Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt. Die Behauptung, alles Wissen sei historisch bedingt oder eine soziale Konstruktion, ist ihrerseits historisch bedingt bzw. eine soziale Konstruktion.

Der Philosoph David Detmer, den Pluckrose zitiert, hielt der Postmoderne in seinem Buch Challenging Postmodernism das Argument entgegen: »Versuche ich erfolglos, einen Tennisball in eine Weinflasche zu quetschen, so benötige ich aufgrund von Mills Methoden der Induktion nicht mehrere Tennisbälle und Weinflaschen, bevor ich zur Hypothese gelange, dass Tennisbälle nun mal nicht in Weinflaschen passen. […] Wir können nun den Spieß [gegenüber dem postmodernen Kulturrelativismus] umdrehen und die Frage stellen: In welcher Weise untergraben mein Geschlecht, meine historische und räumliche Position, meine ethnische und meine Klassenzugehörigkeit etc. die Objektivität meines Urteilsvermögens, wenn ich zu dem Schluss komme, dass Tennisbälle nicht in Weinflaschen passen?«

Detmer berichtet von einer bizarren Diskussion mit der postmodernen Philosophin Laurie Calhoun, in der diese auf die Frage, ob Giraffen tatsächlich größer seien als Ameisen, antwortete, dieser Unterschied sei keine Tatsache, sondern »ein Glaubenssatz der westlichen Kultur«.

Andere Autoren, die Pluckrose ebenfalls zitiert, wie die Physiker Alan Sokal und Jean Bricmont, hielten den Vertretern der Postmoderne entgegen: »Wer, außer den Anhängern weitaus weniger plausibler Erzählungen wie des Kreationismus, würde heute ernsthaft das ›große Narrativ‹ der Evolution in Frage stellen? Und wer zweifelt heute noch ernsthaft an der Wahrheit der Grundlagen der Physik? Die Antwort lautet: ›ein paar Postmodernisten‹.«

Wenn Demonstranten bei Protesten gegen einen Vortrag des (»umstrittenen«) Politikwissenschaftlers Charles Murray skandieren: »Die Wissenschaft wurde schon immer genutzt, um Rassismus, Sexismus, Klassismus, Ableismus und Homophobie zu legitimieren – alles als rational und faktisch verpackt und durch den Staat legitimiert. Heutzutage gibt es so gut wie nichts, das wir als Fakt betrachten können«, dann sieht Pluckrose in diesem Verhalten eine ernste Bedrohung der Wissenschaft.

Eine Studentenbewegung in Südafrika – auch dies ein von Pluckrose herangezogenes Beispiel – die sich unter den Schlagworten (Hashtags) »#ScienceMustFall« und »#DecolonizeScience« versammelt, verkündete jüngst, »die Wissenschaft sei nur eine akzeptierte Möglichkeit, die Welt zu verstehen. Die Hexerei sei eine gleichwertige Alternative.«

Allerdings, so Pluckrose, besitze die (Natur-)Wissenschaft ein enormes Beharrungsvermögen. Sie grenze sich weiterhin vom erkenntnistheoretischen Relativismus oder »alternativen Formen des Wissens« ab. Sie könne aufgrund der lautstarken Kritik allerdings öffentliches Vertrauen und damit staatliche Unterstützung verlieren, was eine ernsthafte Bedrohung für sie darstelle. Allerdings, so kann man hier das Argument von Pluckrose umformulieren, besteht in einer Zeit, in der führende Politiker an die Klimakatastrophe glauben, Eltern überzeugt sind, Impfungen würden gesund machen und Menschen mit schwerwiegenden Erkrankungen einer Medizin ausgeliefert sind, die Gesundheit zu Krankheit und Krankheit zu Gesundheit umdefiniert, keine ernsthafte Gefahr für diese Wissenschaft.

Ernsthaft in Gefahr befinden sich allerdings die Sozial- und Geisteswissenschaften, die »bis zur Unkenntlichkeit entstellt« werden. Bei einigen sozialwissenschaftlichen Disziplinen sieht Pluckrose den worst case bereits eingetreten. »Kulturanthropologie, Soziologie, Kulturwissenschaften und Gender Studies, um nur einige Beispiele zu nennen, sind beinahe gänzlich einem moralischen wie erkenntnistheoretischen Relativismus erlegen.«

Die Postmoderne stellt jedoch aus Sicht der Autorin nicht nur für die Universitäten oder den politischen Aktivismus eine Gefahr dar. Vielmehr verbreiteten sich »relativistische Ideen, extreme Sprachsensibilität und ein Fokus auf Identität statt Menschlichkeit oder Individualität« in weiten Teilen der Gesellschaft. Schließlich sei es einfacher, seine eigene Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen, als mühsam nach den besseren Argumenten oder gar nach empirischen Beweisen zu suchen.

All diese Überlegungen von Pluckrose legen den Schluss nahe, in der akademischen Welt setze sich langsam die Einsicht durch, Identitätspolitik und erkenntnistheoretischer Relativismus seien irrationale und antiwissenschaftliche Sichtweisen, die Rasse, Geschlecht und Sexualität benutzen, um die Gesellschaft zu spalten. Ob diese Einsicht allerdings nicht zu spät kommt, ist angesichts der Hegemonie linksidentitärer Phantasmen die Frage. Auch Pluckrose sieht die Gefahr, dass die westliche Gesellschaft in die Zeit vor der Aufklärung zurückfällt, »als sich die Vernunft dem Glauben unterwerfen musste und gar als Sünde galt«. Schon längst berufen sich Angehörige religiöser oder ethnischer Parallelgesellschaften auf die Argumente der linken Identitären, wenn sie sich gegen die Zumutungen des Universalismus der Menschenrechte und die bürgerliche Ordnung, für welche die Gleichheit vor dem Gesetz konstitutiv ist, zur Wehr setzen. Und sogar die Rechte hat die Identitätspolitik für sich entdeckt.

Die Linken müssen sich fragen lassen, was für ein Monstrum sie da in die Welt gesetzt haben. Fast ist man geneigt, Goya zu zitieren: »Der Schlaf der Vernunft gebar Ungeheuer«, denn offenbar ist die Vernunft im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts in Tiefschlaf verfallen. Inzwischen gibt es sogar einen linken Populismus und Antinationalismus, der sich offen für die Abschaffung des Rechts- und Verfassungsstaates ausspricht und paradoxerweise von diesem auch noch finanziert wird, angeblich, um die »offene Gesellschaft« gegen ihre Feinde zu verteidigen. Hier wird offensichtlich der Bock zum Gärtner gemacht. Denn nüchtern betrachtet, ist die Linke für das Erstarken der religiöse Rechten in Gestalt des Islam, den zunehmenden Rechtextremismus und die Rückkehr des Souveränismus verantwortlich, hat sie ihnen doch durch den Kampf für partikuläre Identitäten und die Verleumdung des liberalen Universalismus den Boden bereitet. Und man muss ihr den Vorwurf machen, dass sie auf begründete Sorgen völlig vernunftlos reagiert, nicht mit stichhaltigen Argumenten, sondern mit blindem Aktionismus, mit Hetze und moralischer Ächtung.

Anstatt den Menschen ständig Rassismus, Sexismus, Homophobie oder verbale Gewalt vorzuwerfen, sollte die Linke die durch Migration, Globalisierung und rassistische Identitätspolitik hervorgerufenen berechtigten Sorgen ernstnehmen. Sie kann dies tun, indem sie sich ihren eigenen autoritären Zügen und ihren Vorurteilen gegenüber Männern, Heterosexuellen und der Mehrheitsgesellschaft stellt.

Was sich in unseren westlichen Gesellschaften abspielt, ist nicht, wie Pluckrose zu Recht betont, ein Konflikt zwischen Links und Rechts, sondern ein Konflikt »zwischen Kohärenz, Demut und universalem Liberalismus« auf der einen Seite und »Inkohärenz, Irrationalität und prämodernem Autoritarismus« auf der anderen. Ob die postmoderne Linke oder die voraufklärerische Internationale aus diesem Konflikt als Sieger hervorgeht, ist irrelevant. Für die Anhänger von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit sind beide Optionen gleichermaßen trostlos. Diejenigen, die an die Werte der liberalen Demokratie, der Aufklärung, der wissenschaftlichen Erkenntnis und der Moderne glauben, müssen diese verteidigen und sich zu ihrem Konservatismus bekennen.

Das passende Interview zu diesem Beitrag mit Slavoj Žižek veröffentlichte die NZZ am 13.04.2019

Weiterführende Artikel: Autoritäre Sprachregime | Genderismus und Geschlechter-Apartheid | Moral als Falle


Anmerkungen:


  1. https://areomagazine.com/author/hpluckrose/
  2. Vom Herausgeber zurückgezogen, aber hier noch zugänglich: https://www.skeptic.com/downloads/conceptual-penis/23311886.2017.1330439.pdf
  3. https://www.novo-argumente.com/artikel/wie_der_postmodernismus_die_aufklaerung_abwickelt
  4. https://www.ruhrbarone.de/wie-der-postmodernismus-die-aufklaerung-abwickelt/142698
  5. Autoritäre Sprachregime, Tugendterror und identitäre Erregungen | Moral als Falle
  6. Das englische Original wurde in der Zeitschrift Areo veröffentlicht und ist ebenfalls lesenswert.
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