Angriff auf die Individualität I – diagnostiziert?

Google ist im Begriff, ein Monopol der Bewusstseinsindustrie zu erlangen.

Die amerikanische Rechtsprofessorin Pamela Samuelson warnt davor, Google sei im Begriff, ein Monopol der Bewusstseinsindustrie zu erlangen, wenn es dem Internetkonzern gelinge, das Wissen der Welt zu digitalisieren. Der »Börsenverein des Deutschen Buchhandels« spricht davon, Google trete an, die weltweite Wissens- und Kulturverwaltung zu übernehmen.

Worum geht es? Google, einer der größten Anbieter von Internetdiensten der Welt, der als Suchmaschine herangewachsen ist, digitalisiert gegenwärtig sämtliche Bücher, die jemals erschienen sind, um sie Internetnutzern anzubieten. Autoren, die dieser Digitalisierung nicht zustimmen, können bis zum 5. Mai Widerspruch einlegen. Gegen ein bescheidenes Entgelt sollen Ansprüche der Urheber abgegolten werden. Das Projekt einer digitalen globalen Bibliothek läuft auf eine universelle Enteignung hinaus. Es ist ein Angriff auf die Individualität des Autors, dem als Urheber seiner Werke das Recht zusteht, über das Wann, Wo und Wie der Veröffentlichung seiner Werke zu verfügen. Rund 1500 namhafte Verleger, Autoren und Wssenschaftler haben sich im »Heidelberger Appell« zu Wort gemeldet, um die durch Google drohende Untergrabung der Grundrechte von Dichtern, Künstlern und Wissenschaftlern zu verhindern.

Im Google-Projekt offenbart sich die Dialektik der netzgestützten Informationstechnologie. Nach Auffassung seiner progressistischen Befürworter ist das weltweite Netz ein Vehikel zur Vermehrung der Freiheit, da es den Zugang zu Wissen und Information demokratisiert. An jedem Ort, zu jeder Zeit, ohne besondere Hürden soll es jedermann ermöglichen, Zugriff auf alle relevanten Informationen zu erlangen, die für sein Handeln als mündiges Subjekt erforderlich sind. Es soll außerdem jedermann ermöglichen, ohne besondere Hindernisse die Spur seiner eigenen Individualität in den globalen Wissensraum einzutragen. Ebendiese »Open-Access-«Ideologie erweist nun ihr Doppelantlitz: indem sie die Autoren des Wissens, das allen zugänglich gemacht werden soll, enteignet, untergräbt sie nicht nur ihre eigenen Voraussetzungen, sondern auch die Individualität der Urheber. Das weltweite Netz, das bereits in der Metapher, die es bezeichnet, seine Natur kenntlich macht – ist es doch ein Gewebe aus Knotenpunkten, das keinerlei Abgrenzung mehr zulässt, weil es der Idee nach alles in sich verschlingt, – greift nun nach der Individualität, deren geistige Autonomie es plattzuwalzen droht. Dass das Netz individualitätsfeindlich ist, war aufmerksamen Beobachtern schon lange klar. Nicht zuletzt zeigt sich dies an der Fragmentierung des Wissens, der spezifischen Struktur der Informationsdarbietung, den soganennten Hyperlinks, in der beliebigen Veränderbarkeit der dargebotenen Inhalte, die der Erinnerung den Boden entziehen und in der Erzeugung von Scheinidentitäten, in deren Schutz jegliches verbriefte Recht unterwandert werden kann. Die Verständigen, die die Errungenschaften der Aufklärung verteidigen, müssen sich gegen die Piraterie des Netzes zur Wehr setzen, die alle Autorschaft vernichtet. Sie müssen sich auch gegen die totalitäre Propaganda zur Wehr setzen, die im Namen der Freiheit alle Freiheits- und Persönlichkeitsrechte aushöhlt. Was im Fall der Kinderpornografie in zaghaften Ansätzen gelungen ist, muss auf andere schutzwürdige Bereiche ausgedehnt werden. Das Internet ist nicht ein rechtsfreier Raum, es muss muss ebenso reguliert werden, wie die Globalisierung und die Finanzwirtschaft. Global vernetzte Systeme fordern global ausgreifende Gestaltung durch die Menschen, die sie nicht nur hervorbringen, sondern ihnen zugleich ausgesetzt sind.

Unterstützt den Heidelberger Appell: »Für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte«

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