Finanzkrise und Dreigliederung

Spätestens seit 2008 haben wir eine weltweite Finanzkrise, und viele Phänomene zeigen, dass sie nach wie vor fortbesteht. Sie hat nicht zu einem Zusammenbruch wie 1929 geführt, weil staatliche Maßnahmen und immer weitere Verschuldung ein »Weiter wie bisher« ermöglicht haben. Vielleicht geht das noch eine Weile gut; aber das Problem wird nicht an der Wurzel gepackt und wirklich gelöst.

Die »soziale Dreigliederung« ist eine radikal neue Sicht auf den sozialen Organismus, die auch eine radikale Lösung in dieser Situation anbietet. Sie wurde ab 1917 von Rudolf Steiner propagiert. Ihre äußere Verwirklichung ist 1919 gescheitert, und seither hat es keine weitere Möglichkeit dafür gegeben. Aus dieser Bewegung ging, als »Keimzelle eines freien Geisteslebens«, die erste Freie Waldorfschule in Stuttgart hervor.

Um beim Versuch einer Lösung nicht an der Oberfläche des sozialen Lebens zu bleiben, muss man zu den »Urgedanken« des Sozialen zurückgehen. Hier soll in knapper Form versucht werden, deren Gesamtzusammenhang, als Lösung der Finanzkrise, zu skizzieren. Diesen Zusammenhang kann man vertiefen v.a. anhand des Buches Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, und des Vortragszyklus Nationalökonomischer Kurs, beide von Rudolf Steiner.

Der erste wichtige Punkt ist, dass die Lösung der Krise nicht allein im Wirtschaftsleben gefunden werden kann! Der soziale Organismus ist polar aufgebaut: es stehen sich gegenüber das Wirtschaftsleben, das die Waren produziert, und das Geistesleben, das z.B. »Ideen« produziert, aber keine Waren. Das heißt, dass das Geistesleben, wirtschaftlich gesehen, ein reiner Konsument ist. Zwischen den beiden, vermittelnd, steht das Rechtsleben, das, wenn es richtig funktioniert, d.h. kräftig und selbständig ist, das Wirtschaftsleben in seiner Tätigkeit begrenzt, und das Geistesleben schützt. Der soziale Organismus ist nur gesund, wenn ein organisches Gleichgewicht herrscht zwischen Wirtschaftsleben und Geistesleben. Schon hier sieht man, dass ständiges Wachstum der Wirtschaft nicht zur Gesundung führen kann. Und exponentielles Wachstum der Schulden ist ein Alarmzeichen ersten Ranges!

Wie erreicht man dieses Gleichgewicht? Grundsätzlich ist heute die Wirtschaft viel zu mächtig – sie überflutet den gesamten sozialen Organismus – und das Geistesleben ist viel zu schwach. Seit dem Beginn der Industriellen Revolution, vor ca. 250 Jahren, ist die Produktionsseite des Wirtschaftslebens eine einzige Erfolgsgeschichte gewesen! Es gibt einen Faktor des Wirtschaftens, der seit damals jedes Jahr stetig gestiegen ist: die Produktivität! Jedes Jahr sind immer besser, immer rationeller, immer arbeitssparender die Waren produziert worden. Das ist eigentlich zum Segen der Menschheit! Allein wir haben das Problem auf der anderen Seite: wer soll das Produzierte konsumieren? Wie kann der Konsum genau so schnell steigen? Denn Produktion ohne Konsum ist sinnlos, und natürlich auch unwirtschaftlich. Deswegen haben wir in Deutschland heute vor allem eine Krise der Überproduktion, und gleichzeitig viele Bedürftige, die mehr konsumieren müssten, und es nicht können. Wenn wir die Gesamtmenschheit betrachten  – und wir haben ja eine Weltwirtschaft heute – ist dieses Problem noch sehr viele krasser, v.a. im Verhältnis der Ersten zur Dritten Welt. Aber wirtschaftlich gesehen ist es nur dort »gesund«, Einkommen zu gewähren, wo Werte für den sozialen Organismus geschaffen werden.

Und an dieser Stelle greift ein wesentlicher Lösungsgedanke Steiners: Woher kommt denn seit 250 Jahren die Produktivitätssteigerung des Wirtschaftslebens? Von Erfindungen, Rationalisierung, Arbeitsteilung …. von lauter Ideen. Es ist also das Geistesleben, das diesen Wertzuwachs bewirkt hat! Man muss erkennen, dass das Geistesleben zwar in der Gegenwart keine Waren produziert; aber für die Zukunft den Boden bereitet, dass die Waren produziert werden können. Das bewahrheitet sich auch, wenn man an das Schulwesen denkt: in der Gegenwart werden die Schüler erzogen und gebildet; in 30 Jahren werden sie die Arbeiter und Wirtschaftskapitäne sein.

Ein anderes Beispiel ist der Arzt, der heute einen kranken Menschen gut kuriert, und dadurch dafür sorgt, dass er sich um so schneller wieder in den Wirtschaftsprozess eingliedern kann. Steiner bringt das in seiner Wertbildungstheorie zum Ausdruck: es gibt nicht nur Wert 1, der dadurch entsteht, dass ein Stück Natur durch menschliche Arbeit verändert wird (das ist die einzige Art der Wertbildung, die Karl Marx kennt); es gibt auch Wert 2, »Geist auf Arbeit angewandt«, wodurch Arbeit eingespart wird. Das ist das Wesen der Industriellen Revolution. (Das ist auch m.E. der Grund, dass Steiner nicht sagt, er sei gegen »Kapitalisten«; denn sie schaffen Wert 2!).

Wenn wir das eingesehen haben, wissen wir eigentlich schon, was die Aufgabe ist: welche Maßnahmen müssen wir treffen, um das Geistesleben angemessen zu »entlohnen«? Wie viel ist »angemessen«? Und wer gehört alles zum Geistesleben? Wenn wir es schaffen, das organische Gleichgewicht herzustellen, dann haben wir auch die Konsummöglichkeit geschaffen für die ständig wachsende Produktion. Diesen Ausgleich herzustellen ist Aufgabe der Finanzwirtschaft. Dafür schlägt Steiner eine Neuordnung des Geldwesens vor: die organische Geldordnung. Er macht darauf aufmerksam, dass das Geld dreierlei verschiedene Funktionen erfüllt; dass es drei Arten von Geld gibt:

a) Kaufgeld: das Gegenstück zur Ware, ihr Repräsentant; es wird gegen die Ware getauscht.

b) Leihgeld: dieses Geld wird bei jeder Investition geschöpft. Durch die dadurch entstandene wirtschaftliche Verbesserung wird es möglich, dieses Geld, mit Zins, zurückzuzahlen. Es ist Ausdruck dafür, dass das Geistesleben wertsteigernd im Wirtschaftsleben tätig wird.

c) Schenkungsgeld: diesen Ausdruck meint Steiner rein technisch, ohne jede moralische Konnotation: »Geld, das gegeben wird, ohne dafür eine Ware zu bekommen«. Es ist eine Notwendigkeit in jeder Wirtschaft. Zum Einen für alle, die keine Waren produzieren können: Kinder, Alte, Kranke, nicht Leistungsfähige. Zum Anderen für alle, die etwas gesellschaftlich Wertvolles tun, ohne eine Ware zu produzieren: Philosophen, Künstler, Wissenschaftler, Tätige in den Bereichen Religion, Schule, Gesundheit, etc.

Wie viel Schenkungsgeld ist für das Geistesleben angemessen? Es gibt dafür ein organisches Maß: da jeder Leihgeldvorgang Ausdruck davon ist, dass das Geistesleben wertsteigernd in das Wirtschaftsleben eingegriffen hat, müsste die Summe aller Investitionen nochmal in das Geistesleben fließen. Dadurch wird das Geistesleben in die Lage versetzt, weiterhin in die Zukunft hinein für die Leistungsfähigkeit des Wirtschaftslebens zu sorgen. Wie kann man das bewerkstelligen? Da ja niemand sein Geld »für nichts« hergeben will! Hier macht Steiner einen Vorschlag zur Änderung der Geldordnung. Er weist darauf hin, dass es nicht realistisch ist, dass das Geld ewig seinen Wert behält, während die Ware, die es repräsentiert, irgendwann verbraucht wird oder verdirbt. Deswegen ist es angemessen, dass das Geld ein Ablaufdatum bekommt. Dadurch bekommen wir »junges« und »altes« Geld. Und wenn das Geld genügend gealtert ist, d.h. sein Ablaufdatum überschritten hat, dann kann es nochmal bewertet werden: aber nur für das Geistesleben!  Das ist ein Vorschlag, wie hier der Egoismus in Bezug auf das Geld überwunden werden könnte. Man könnte vielleicht auch eine andere Lösung finden. Wesentlich ist aber die Einsicht in den organischen Zusammenhang, dass die Steigerung der Wirtschaftsproduktivität ihre Entsprechung finden muss in der Finanzierung des Geisteslebens in gleichem Umfang.

Die nächste Frage ist: wohin soll dieses Geld fließen? Wer ist berechtigt, dieses institutionalisierte Schenkungsgeld zu bekommen? Die Erfinder, die Manager (die zum Geistesleben gehören) werden teilweise schon fürstlich entlohnt. Die Universitäten bekommen reichlich »Drittmittel«, wenn sie etwas Nützliches für die Wirtschaft hervorbringen. Hier greift eine grundsätzliche Neuerung der sozialen Dreigliederung. Diese Dreigliederung ist erst verwirklicht, und führt zu einer Gesundung des sozialen Organismus, wenn jedes der drei Glieder völlig selbständig konstituiert ist, sich selbst verwaltet und ein eigenständiges Entscheidungszentrum bildet; die drei Glieder sollen, wie Steiner sagt, »wie souveräne Staaten« miteinander verkehren.

Diese Selbstverwaltung des freien Geisteslebens haben wir heute nicht. Es gibt, wie Steiner das ausdrückt, das »halbfreie Geistesleben«, das auf Verbesserung der Wirtschaft gerichtet ist; und es gibt das »ganz freie Geistesleben«, wie Kunst, Wissenschaft, Religion und Bildung. Beide gehören zusammen. Das halbfreie Geistesleben, mit all seinen wirtschaftlichen Neuerungen, hängt -und das ergibt sich, wie Steiner sagt, nur der intimeren Beobachtung -mit »tausend Fäden« an dem ganz freien Geistesleben. Im Geistigen hängt alles mit allem zusammen: auf tausend verborgenen Wegen enthält das halbfreie Geistesleben Inspirationen aus dem, was aktuell in einer Gesellschaft in Philosophie, Dichtung, Wissenschaft und Kunst gearbeitet wird. Ein Lieblingsbeispiel von Steiner ist die Infinitesimalrechnung, die zunächst als Entdeckung der reinen Mathematik von G.W. Leibniz gefunden wurde. Seither hat sich ergeben, dass man diese Rechenart bei jedem Tunnelbau braucht. Angemessen wäre es, für jeden Tunnel einen finanziellen Beitrag an Leibniz, oder an seine Erben abzuführen! Das ist natürlich nicht sinnvoll; aber einen Beitrag an das Gesamt-Geistesleben, auf dass neue Leibnize ihre Arbeit tun können, das ist sinnvoll!

Halbfreies Geistesleben und ganz freies Geistesleben gehören also zusammen unter eine Verwaltung des freien Geisteslebens. Wohin das institutionalisierte Schenkungsgeld fließen soll, wird diese Verwaltung entscheiden. Ein freies Geistesleben wird wohl kaum der Einsicht entbehren, dass auch das ganz freie Geistesleben angemessen unterhalten werden muss. So gewinnt das Geistesleben seine angemessene Stellung und seine Würde in der Gesellschaft. Die Schulen, zum Beispiel, hängen nicht am Tropf des Rechtslebens, um sich mit dem zu begnügen, was das Ministerium ihnen kärglich zuteilt. Das Ministerium, das selber mit den anderen Ressorts ringen muss um die Zuteilung der missmutig gegebenen Steuergelder. Nein, viel besser ist es, wenn das Geistesleben seine Finanzierung aus Anerkennung und Begeisterung erhalten kann! (Mit dem institutionalisierten Schenkungsgeld etwas nachgeholfen!).

Die Behandlung der Finanzkrise hat am Ende zu Änderungsnotwendigkeiten vor allem beim Geistesleben geführt. Mit Recht, denn das ist heute das unterversorgte Glied des sozialen Organismus. Es wird aber hoffentlich klar, wie seine Befreiung auch zu einer organischen Lösung der Wirtschafts- und Finanzprobleme führen wird. Ungeheure Geldmengen vagabundieren heute in den »Finanzmärkten«, ohne Bezug zu den Realitäten des Wirtschaftslebens. Um sie zu bändigen und zu verwandeln, bedarf es auch der Maßnahmen im Wirtschaftsleben und im Rechtsleben: z.B. eine Verwandlung des Privateigentums an den Produktionsmitteln (der Grundlage von Aktienbesitz und Börse; hier kommt Karl Marx zu seinem Recht)  -überhaupt der Käuflichkeit von  Natur, Arbeit und Kapital. Indem es diese in Waren verwandelt, greift das Wirtschaftsleben in ungeheuer krankmachender Weise über das ihm zugemessene Wirkungsgebiet im sozialen Organismus hinaus, und fördert hemmungsloses, unsoziales Gewinnstreben.

Nachtrag: der esoterische Aspekt

Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit: dieses Dreigestirn leuchtet der Menschheit seit der Französischen Revolution voran. Wir haben es noch nicht verwirklicht. Die Französische Revolution selbst versank im »terreur« des Regimes von Robespierre, und mündete dann in den Napoleonismus. Seither haben wir  untaugliche Versuche, einseitig einzelne dieser Ideale zu verwirklichen. Der Kommunismus ist der Versuch, zwangsweise die Brüderlichkeit (»Sozialismus«) ohne die Freiheit einzuführen. Er hat dadurch dieses Brüderlichkeitsideal massiv in Misskredit gebracht. Zur Illustration ein derber Witz aus dem kommunistischen Rumänien:

Treffen sich drei Zahnärzte: ein Franzose, ein Amerikaner, ein Rumäne. Sagt der Franzose:

– »Wir haben die schönsten Ersatzzähne! Nachdem ich den Zahn gezogen habe, verläßt jede meiner Kundinnen die Praxis mit einem strahlenden Gebiss!« Sagt der Amerikaner:

– »Wir haben die wirkungsvollsten Betäubungsmittel. Beim Zähneziehen haben meine Kunden nur süße Träume!« Sagt der Rumäne:

– »Wenn ich einen Zahn ziehen will, gehe ich durch den Hintern hinein, arbeite mich nach vorne, und gehe dann ans Werk!«

– »Iiih, wie eklig! Wieso denn das?!«

– »In Rumänien darf niemand den Mund aufmachen!«

(Man vergegenwärtige sich, dass dieser Witz, dem Falschen erzählt, einen für mehrere Jahre ins Gefängnis gebracht hätte!). Der Kapitalismus huldigt allein der Freiheit, und nimmt an, dass im Ausleben der egoistischen Interessen von alleine, durch die »unsichtbare Hand des Marktes« die Brüderlichkeit sich einstellen wird. Er gibt den Freibrief zur Ausbeutung. Die Krise dieses Systems erleben wir heute. 1919 hat Rudolf Steiner die Lösung gegeben, wie alle drei Ideale nebeneinander, zur Gesundung des gesamten sozialen Organismus, verwirklicht werden können. Jedes Ideal gehört in eines der Glieder des sozialen Organismus: die Freiheit in das Geistesleben; die Gleichheit in das Rechtsleben; die Brüderlichkeit in das Wirtschaftsleben. Die soziale Dreigliederung ist nicht, laut Steiner, ein ausgedachtes System; sie ist die praktische Ausgestaltung von etwas, was die heutige Menschheit auf dem Grunde ihrer Seele unterbewusst anstrebt. Warum das so ist, führt er aus in dem Vortrag Was tut der Engel in unserem Astralleib? vom 9. Oktober 1918. Bei jedem gegenwärtigen Menschen webt sein Engel, in seine unbewusste Seele hinein, drei Idealbilder, die die künftige soziale Gestaltung des Menschenlebens auf der Erde betreffen. Die Grundlagen dieser drei Bilder sind: 1) ein Impuls absolutester Brüderlichkeit; 2) jeder Mensch soll in jedem Menschen ein verborgenes Göttliches sehen; 3) der Mensch soll die Möglichkeit haben, durch das Denken zum Geist zu gelangen.

»Geisteswissenschaft für den Geist, Religionsfreiheit für die Seele, Brüderlichkeit für die Leiber, das tönt wie eine Weltenmusik durch die Arbeit der Engel in den menschlichen astralischen Leibern. Man braucht, möchte ich sagen, nur sein Bewusstsein bis zu einer gewissen anderen Schichte hinaufzuheben, dann fühlt man sich hineinversetzt in diese wunderbare Arbeitsstätte der Angeloi in dem menschlichen astralischen Leibe.« (R. Steiner, GA 182, Seite 146). Wie sich das in die exoterische soziale Dreigliederung umsetzt, kann sich jeder selber klarmachen. Mehr braucht jetzt, denke ich, dazu nicht gesagt werden.

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