Steiner, in Fichtes Ich gesetzt. Eine Polemik

Warum schreibt ein Philosoph ein tausendseitiges Buch über einen Autor, den er für philosophisch vollkommen inkompetent, geistig verwirrt und größenwahnsinnig hält? Warum sollte man für ein solches Buch 79 Euro ausgeben und es auch noch lesen? Nun, als Rezensent erhält man ein solches Buch geschenkt und muss es lesen. Ich habe das getan, von der ersten bis zur letzten Zeile. Aber auf die Frage, warum Hartmut Traub dieses Buch geschrieben hat, habe ich keine Antwort erhalten. Dafür wurde mir etwa 200 mal mitgeteilt, dass Rudolf Steiner Kant, Fichte (Vater) und eine Reihe weiterer Philosophen entweder überhaupt nicht oder wenn, dann falsch verstanden hat. Und etwa 340 mal wurde mir mitgeteilt, dass Steiner die Gedanken, die er in seiner Dissertation und in der »Philosophie der Freiheit« zum Ausdruck brachte, von jenen Philosophen übernommen hat, die er angeblich nicht oder falsch verstand. Man kann die tausendseitige Untersuchung Traubs, die sich als Beitrag zur »Steinerforschung« versteht – über die sie, nebenbei gesagt, ein vernichtendes Urteil fällt, da diese Forschung (mit Ausnahme von Zander, der aber auch nur erwähnt wird, wenn er kritisiert wird) durchgehend »apologetisch« sei –, tatsächlich in dieses Bonmot zusammenfassen: Was Steiner selbst gedacht hat, ist falsch, und was in den beiden von Traub untersuchten Werken richtig ist, stammt nicht von ihrem Autor.

Aber benötigt man, um diese These auszubreiten, wirklich tausend Seiten? Gibt es nichts Wichtigeres zu tun? Muss man soviel Lebenszeit verschwenden, um einen solchen Nachweis zu führen und muss man noch mehr Lebenszeit verschwenden, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen, warum der Autor, der diesen Nachweis zu führen glaubt, die genannten Bücher zwar gelesen, aber offenbar so gut wie gar nicht verstanden hat, weshalb sie seine Kriterien guten Philosophierens nicht erfüllen, auch wenn er ihren Gedankengang manchmal glänzend ins Fachphilosophische übersetzt? Auch hierzu fällt mir wieder ein Bonmot ein: Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt philosophisch, dann ist das nicht immer die Schuld des Buches.

Muss man, wenn der eigene Kopf mit diesem Buch zwangsweise zusammengestoßen wurde, ihn auch noch darüber zerbrechen, warum es, obwohl es sich auf lediglich hundert von tausend Seiten mit dem Verhältnis von Steiners Philosophie zur Anthroposophie beschäftigt, den Titel »Philosophie und Anthroposophie« trägt? Und was soll man von einem Autor halten, der auf diesen hundert Seiten, die sich angeblich mit Philosophie und Anthroposophie befassen, lediglich nachzuweisen versucht, dass das, was Steiner als »Anthroposophie« bezeichnete, bereits bei Fichte (Vater und Sohn) zu lesen ist? Und der einem auf den übrigen neunhundert Seiten seines Buches mitteilt, dass alles, was man an Steiners Philosophie irgendwie – trotz all des aufeinandergetürmten Unsinns, der in den von ihm analysierten und kritisierten Büchern enthalten sein soll –, als zutreffend bezeichnen kann, im wesentlichen von Fichte (Vater) stammt? In Traubs Augen ist Steiner offenbar vollkommen überflüssig, denn alles, was man an seiner Philosophie oder Anthroposophie bejahen kann, gab es schon und alles, was er selbst hinzugefügt hat, ist Unsinn. Aber wird damit dieses Buch nicht seinerseits vollkommen überflüssig? Traub sieht das vermutlich anders. Denn immerhin bietet es Gelegenheit für zweierlei: man kann als Autor zeigen, dass man unendlich viel mehr von Philosophie versteht, als Steiner das getan hat und man kann Fichte ins Gespräch bringen, der im Bewusstsein des Autors offenbar denselben Platz einnimmt, wie Rudolf Steiner im Bewusstsein mancher Anthroposophen.

Aber ich will das Gute, das dieses Buches an sich hat, nicht verschweigen, auch wenn ich gestehen muss, dass ich das schon vorher wusste, und zwar von Steiner selbst. Dieses Gute besteht darin, dass es einen tausendseitigen Nachweis darüber führt, dass sowohl Steiners Philosophie als auch die Anthroposophie mit allen denkbaren Wurzeln und Fasern in der Philosophie des deutschen Idealismus verwurzelt ist – auch wenn Steiner diese Philosophie nach der Auffassung des Autors überhaupt nicht verstanden hat – und dass die zuletzt von Helmut Zander wieder weitschweifig erhobene Behauptung, die Anthroposophie sei ein Abklatsch der Adyar-Theosophie, offenbar auf einem grundlegenden Vorurteil beruht.

Traub selbst drückt diese Einsicht wie folgt aus: »Entgegen der verbreiteten Überzeugung, dass Rudolf Steiner erst um die Jahrhundertwende sein theosophisch-anthroposophisches Welt- und Menschenbild zu formieren und auszugestalten beginnt, lassen sich dafür zweifelsfrei weit frühere Ursprünge nachweisen. Die Anfänge und Grundlagen der Theosophie und Anthroposophie Rudolf Steiners sind seine frühen enthusiastischen Studien der Werke Johann Gottlieb Fichtes und hier, neben den ›Einleitungsvorlesungen zur Wissenschaftslehre‹ (1813), vor allem dessen populärphilosophische Schriften, insbesondere die ›Anweisung zum seligen Leben‹ und die ›Bestimmung des Menschen‹.

Aus diesen Arbeiten hat Steiners Theosophie und Anthroposophie nicht nur ihre grundsätzliche methodische und inhaltliche Geistesrichtung empfangen, sondern auch ihre zentralen, insbesondere religionsphilosophischen Themen aufgesogen. Steiners ›asiatische Phase‹ zu Beginn des 20. Jahrhunderts war demnach nicht der initiale Ausgangspunkt für seine Theosophie und Anthroposophie, sondern lediglich ein episodisches Zwischenspiel auf dem Weg der Entwicklung einer deutlich euro-, man kann auch sagen, christozentrischen Weltanschauung. Und für diese liegen die elementaren Ursprünge vor allem in der esoterischen Deutung eines dominant johanneisch erschlossenen Christentums, wie es Steiner in Fichtes ›Anweisung‹ vorgefunden hat.« Zu den Themen, die Steiner aus Fichtes Schriften »aufgesogen« hat, gehören laut Traub die »Wiedergeburts- und Reinkarnationslehre«, das »unvergängliche Wesen des Ich«, die »Gegenwärtigkeit der übersinnlichen Welt und des ewigen Lebens« und die »geistigen Organe«, die diese Welt erschließen. Ihnen begegnete Steiner in den genannten Werken Fichtes, »die er lange vor seinem Studium der mystischen, esoterischen und indischen Schriften gelesen hat …« »Aus ihnen«, so Traub, »stammt der philosophische Halt in Steiners Weltanschauung, der ihn in die Lage versetzt hat, sich auch nach der Begegnung mit den asiatischen Reinkarnationslehren als europäischer, und verstärkt auch als christlicher Denker zu verstehen und sich gegen die außereuropäischen Strömungen der Theosophie und Anthroposophie behaupten zu können.« Gegen die »außereuropäische Anthroposophie« behaupten zu können? Eine merkwürdige Aussage, nachdem Traub auf den 968 vorangehenden Seiten nachzuweisen versucht hat, dass alles, was er unter Anthroposophie versteht, seine Wurzeln im deutschen Idealismus, im Wesentlichen in Fichte (Vater) hat.

Mag die Anthroposophie nun aus dem Missverständnis des deutschen Idealismus geboren sein oder nicht, aus ihm geboren ist sie in jedem Fall – man könnte aber auch sagen, durch Steiner wurde der deutsche Idealismus erst zu einer gesellschaftlichen Bewegung. Und erst heute, muss man hinzufügen, bricht die Zeit an, in der sich die Wahrheit dieses »Missverständnisses«, wenn es denn eines ist, in ihrer Fruchtbarkeit zu zeigen beginnt, was man von jenem anderen großen Missverständnis des deutschen Idealismus, das behauptete, ihn wieder auf die Füße zu stellen und das uns lange genug terrorisiert hat, nicht gerade behaupten kann.

Auch wenn Traubs Buch als eine nicht enden wollende Aneinanderreihung vernichtender Urteile über die philosophische Inkompetenz Steiners eine einzige Zumutung ist, müssen wir ihm doch irgendwie dankbar sein, dass er uns aus den Höhen der philosophischen Reflexion, auf denen er sich ohne Zweifel bewegt, daran erinnert, dass aus der Inkompetenz, der geistigen Verwirrung und dem Größenwahnsinn Rudolf Steiners etwas Gutes entstehen konnte.

Auch wenn wir dieser Erinnerung vielleicht nicht bedurft hätten, da wir dieses Gute auch schon ohne Traubs Hinweis kannten, mag sein Hinweis für all jene nützlich sein, die sich in der gleichen Welt bewegen, in der Traub sich bevorzugt aufhält. Das werden vermutlich nur wenige sein, aber diese Wenigen, die außerdem bereit sein müssen, 79 Euro für ein tausendseitiges Buch aufzubringen, werden, wenn sie dieses Buch zu Ende lesen, mit der Einsicht belohnt, dass Steiner doch Recht hatte, wenn er behauptete, seine Anthroposophie sei eine Weiterentwicklung des deutschen Idealismus. Und sie werden mit einem Paradoxon beschenkt, das gewiss eine Reihe weiterer, tausendseitiger Bücher generieren wird: dem Paradoxon nämlich, dass es offenbar möglich ist, den deutschen Idealismus zu einer weltumspannenden spirituellen Erneuerungsbewegung zu machen, obwohl man ihn gründlich missverstanden hat.

Siehe auch die Rezension des Buches auf erziehungskunst.de

Hartmut Traub, Philosophie und Anthroposophie. Die philosophische Weltanschauung Rudolf Steiners – Grundlegung und Kritik, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2011, 1040 S., 79 Euro.

2 Kommentare

  1. „Ich“ als meme—-fait accompli !

  2. Habe selten über eine philosophische Polemik so lachen müssen. Woraus entstehen nur diese Widersprüche, die Traub bei sich nicht zu bemerken scheint? Wenn er sich für berechtigt hält, Steiner für einen philosophischen Stümper zu halten, so mag er auch mal daran denken, dass er von anderen für einen anthroposophischen Stümper gehalten werden könnte. Er hat jetzt die 1040 philosophischen Seiten abgelegt, da wird er vielleicht zukünftig Zeit haben, nun auf dem Gebiet der Anthroposophie seine Urteilskraft zu entwickeln.

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