Das Weihnachtsfest – ein ewiges Symbol

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Das Weihnachtsfest – ein ewiges Symbol

Weihnachten orthodox

In einem Satz verdichtet Rudolf Steiner am 17. Dezember 1906 in Berlin den Gang der Menschheitsentwicklung: »Vom Lichte durch die Finsternis zum Lichte«. Das Weihnachtsfest, so erzählt er, sei ein uraltes Fest, das schon lange vor der Ära des Christentums in allen Mysterien gefeiert wurde. Es ist ein ewiges Symbol. Es bringt das Verhältnis der Menschheit zum Kosmos zum Ausdruck, ihre Beziehung zur Sonne.

Einst befand sich die Sonne im Inneren des Menschen – oder der Mensch im Inneren der Sonne – denn Sonne und Erde waren eins. Damals gab es keine Trennung zwischen innerem und äußerem Licht, denn Innen und Außen waren nicht unterschieden. Aber die Sonne trennte sich von der Erde und damit der Menschheit, sie begann die Erde, die in der Finsternis zurückblieb, von außen zu beleuchten – sie weckte die Sinne des Menschen, sie bildete das Auge, jenes Organ, das imstande ist, das äußere Licht zu sehen.[1]

Nun wächst und schwindet das Licht der Sonne aufgrund der komplizierten, wundersam-wunderbaren Drehbewegungen der Erde um sich selbst und das Zentralgestirn unseres Planetensystems in rhythmischem Wechsel. Die Zunahme und Abnahme des Lichtes (und der Wärme) korrespondiert mit dem Wechsel der Jahreszeiten, die in unterschiedlichen Breiten unterschiedlich stark ausgeprägt sind und auf der Nord- und Südhalbkugel der Erde spiegelbildlich verlaufen.

Dieser merkwürdige Zyklus, der in den gemäßigten Zonen temperiert verläuft, korrespondiert auch mit wechselnden Zuständen in den Seelen jener Menschen, die in diesen Gegenden leben. Wir bedürfen eines gewissen Maßes des Wechsels zwischen Licht und Finsternis, um jenes Leben führen zu können, das uns als Menschen auszeichnet. Nicht nur der Wechsel von Tag und Nacht, auch jener der lichtreichen und lichtarmen Jahreszeiten ist die Grundlage unserer menschlichen Existenz. Finsternis und Schlaf ermöglichen das wache Tagesbewusstsein, Winter und Sommer im Wechsel die Verinnerlichung des Gemüts und die Hingabe an die Schönheit der sinnlichen Welt. Im Grunde findet das »Weihnachtsmysterium« jede Nacht statt: jede Nacht wird das Licht von der Finsternis bezwungen, um bei Tagesanbruch siegreich neu geboren zu werden. Nicht nur am kürzesten Tag des Jahres kann die Sonne um Mitternacht von jenen geschaut werden, deren Geistesaugen geöffnet sind, sondern jede Nacht, in der dunkelsten Stunde.

Ein Übermaß des Lichtes und der Wärme ist uns Menschen ebensowenig zuträglich, wie deren Mangel. Ein Übermaß des Lichtes nennen wir Blendung, dessen Untermaß Blindheit. Auch zu viel oder zu wenig Wärme wirkt sich ungünstig aus: jenes führt zu Verbrennung, dieses zu Erstarrung. Goethes Faust erlebt eben dies beim Aufgang der Sonne: kaum tritt die sehnsüchtig Erwartete hinter »der Berge Gipfelriesen« hervor, wird er schon durch sie geblendet, und muss sich, »von Augenschmerz durchdrungen«, von ihr abwenden. »So bleibe denn die Sonne mir im Rücken!«, ruft er aus und wendet sich dem Wassersturz zu, aus dessen Schäumen ein Regenbogen aufsteigt, »bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend«. Und aus der Betrachtung dieses flüchtigen Gebildes gewinnt er eine tiefsinnige Maxime: »Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.«

Was hier von der äußeren Sonne gesagt wird, dürfte auch von der inneren gelten: solange wir in ihr lebten, vermochten wir sie nicht wahrzunehmen, wir waren zwar Licht, aber wir hatten ebendeswegen kein Bewusstsein von diesem Licht. Erst im Kontrast zur Finsternis ist das Licht als solches wahrnehmbar, erst in der Trennung von ihm vermögen wir es zu erkennen. Und die Wahrnehmung des äußeren Lichtes leitet uns zur Suche nach dem inneren Licht an, das in der Finsternis leuchtet.

Was war nun der Inhalt des Weihnachtsfestes in den vorchristlichen Mysterien? Die Erweckung des »höheren Menschen«, jenes Menschen, der imstande ist, das Licht in der Finsternis zu sehen, das geistige Licht, das auch leuchtet, wenn das äußere erloschen ist, der auch dann noch zu sehen vermag, wenn sein Auge erblindet ist, wie der blinde Seher Teiresias zum Beispiel. Überhaupt ist der Blinde nicht nur ein Sinnbild für den, der nicht sieht, sondern auch für den, der wahrhaft sieht.

In Anknüpfung an die Eröffnung des zweiten Teils der Tragödie beschreibt Steiner in seinem Vortrag über die »Zeichen und Symbole des Weihnachtsfestes« 1906 die Vorgänge in den großen Mysterien: »Die großen Mysterien bestanden darin, dass der Mensch jenes Ereignis erlebte, wo er die wirkenden Kräfte in farbigem Glanze, in hellem Lichte erblicken durfte, wo er die Welt um sich her sehen durfte angefüllt mit geistigen Eigenschaften, mit geistigen Wesenheiten, wo er schauen durfte die Geisterwelt um sich herum, wo er erlebte das Größte, das ein Mensch erleben kann.« Dieses Erlebnis der Erweckung wird von ihm schon in seinen philosophischen Schriften beschrieben: dort, wo vom Denken als einer »höheren Erfahrung in der Erfahrung« die Rede ist oder vom »Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit als der wahren Kommunion des Menschen«. Erst recht natürlich in seinen Werken über die Mystik und das Christentum zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zum Beispiel so: »Ein Ding, das mir gegenübersteht, ist nicht mehr getrennt von mir, wenn ich es erkannt habe. Das, was ich von ihm aufnehmen kann, gliedert sich meinem eigenen Wesen ein. Erwecke ich nun mein eigenes Selbst, nehme ich den Inhalt meines Innern wahr, dann erwecke ich auch zu einem höheren Dasein, was ich von außen in mein Wesen eingegliedert habe. Das Licht, das auf mich selbst fällt bei meiner Erweckung, fällt auch auf das, was ich von den Dingen der Welt mir angeeignet habe. Ein Licht blitzt in mir auf und beleuchtet mich, und mit mir alles, was ich von der Welt erkenne. Was immer ich erkenne, es bliebe blindes Wissen, wenn nicht dieses Licht darauf fiele. Ich könnte die ganze Welt erkennend durchdringen: sie wäre nicht, was sie in mir werden muss, wenn die Erkenntnis nicht in mir zu einem höheren Dasein erweckt würde.

Was ich durch diese Erweckung zu den Dingen hinzubringe, ist nicht eine neue Idee, ist nicht eine inhaltliche Bereicherung meines Wissens; es ist ein Hinaufheben des Wissens, der Erkenntnis, auf eine höhere Stufe, auf der allen Dingen ein neuer Glanz verliehen wird. So lange ich die Erkenntnis nicht zu dieser Stufe erhebe, bleibt mir alles Wissen im höheren Sinne wertlos.« (Die Mystik im Aufgang des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung, Dornach 1960, S. 22.)

In seinem Vortrag setzt er dieses Erlebnis mit der »Geburt des lebendigen Christus im Inneren« des Menschen gleich.

Die Frage, warum gerade in der dunkelsten Nacht des Jahres die Feier der Geburt des inneren Lichtes stattfand – es daher einen Unterscheid macht, ob wir der Sonne um Mitternacht in der Nacht des Tages oder der Nacht des Jahres begegnen – beantwortet er mit einem vielsagenden Hinweis: »Nur diejenigen, die nichts davon wissen, dass neben den chemischen und physikalischen Kräften auch geistige wirken, und dass ebenso wie die chemischen und physikalischen Kräfte in ihrem Wirken ihre bestimmten Zeiten im Kosmos haben, so auch die geistigen – nur diese können glauben, dass es gleichgültig sei, wann die Erweckung des höheren Selbstes stattfinde.«

Neben den chemischen und physikalischen Kräften wirken stets auch geistige – oder in den ersteren stets auch letztere. Oder: erstere sind ein Ausdruck der letzteren und wir haben jene nicht verstanden, wenn wir sie nicht als eine Erscheinungsform spiritueller Prozesse auffassen. Das dürfte – nebenbei gesagt – auch für klimatische Vorgänge gelten. Auch sie sind Ausdruck spiritueller Prozesse. Wer von »Erderwärmung« spricht, sollte sich fragen, welche Vorgänge im Astralleib oder im Ich der Erde – an welchen er selbst durch seinen Astralleib und sein Ich Anteil hat – ihr zugrunde liegen. Der begierdenentwickelnde Astralleib, der Träger des Tagesbewusstseins, ist für die Umwandlung von Sauerstoff in Kohlenstoffdioxid verantwortlich; die jungfräulichen Ätherleiber der Pflanzen, die sich im Dauerschlaf befinden, für dessen Umwandlung in Sauerstoff. Eingebettet aber sind beide in die Sphäre des Ich, das steuernd für Ausgleich zwischen Ausatmung und Einatmung sorgt und dessen Tätigkeit sich in der Produktion von Wärme manifestiert. Das gilt sowohl im Makrokosmos als auch im Mikrokosmos. Die Sonne ist das Ich des Makrokosmos, so wie das Ich des Menschen die Sonne des Mikrokosmos ist. Dies deutet auch das Mantram an, das Steiner in diesem Vortrag rezitiert, in dem die Mysterienschüler dazu aufgerufen werden: »Im Dunkel lebend« »eine Sonne« zu »erschaffen« und »im Stoffe webend« des »Geistes Wonne« zu erkennen.

Diese wenigen Hinweise genügen, um deutlich zu machen, wie weit entfernt Steiners Geisteswissenschaft von einer konfessionellen Deutung des Weihnachtsmysteriums entfernt ist. Das Weihnachtsfest ist »ein Fest des höchsten Ideals der Menschheit«, wie er sagt. Umso entsetzlicher sind Attacken auf Weihnachtsmärkte im Namen eines Gottes. Die Geburt des höheren Menschen – des »lebendigen Christus« – geht jeden Menschen an, gleichgültig, welcher Konfession, welcher Religion er angehört. Nicht auf den Namen kommt es an, sondern auf die Sache. Auch in der Seele des Moslem, des Buddhisten oder des Juden kann – und muss – diese innere Sonne geboren werden, wenn sie nicht in den Fluten des Astralmeeres untergehen sollen. Statt von der Geburt des lebendigen Christus könnte man auch von der Geburt des ewigen Imam in der Seele, der Geburt des inneren Messias oder des Bodhisattva sprechen. Ebenso bedarf dieser Geburt die westliche Welt, die zwar von den Traditionen des Christentums geprägt wurde, aber jegliches Verständnis dieser Traditionen nahezu vollkommen verloren und verraten hat. Die Friedensfähigkeit ist schließlich keine Qualität des Astralleibes, der unter dem Gesetz des Begehrens und Entbehrens steht, sondern eine Qualität des Ich, das jenseits von Lust und Schmerz jene Geisteswonne zu erkennen vermag, die aus dem Weben im Stoffe entspringt …

(Im Folgenden der Vortrag Rudolf Steiners:)


Das Weihnachtsfest, das zu begehen wir uns jetzt anschicken, bekommt durch die geisteswissenschaftliche Weltanschauung wieder eine tiefe Bedeutung und ein neues geistiges Leben.

Im geistigen Sinne ist das Weihnachtsfest ein Sonnenfest, und als Sonnenfest wollen wir es heute kennenlernen. Zum Beginne wollen wir die schönste Apostrophe an die Sonne anhören, diejenige, welche Goethe seinem Faust in den Mund legt:

Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig,
Ätherische Dämmerung milde zu begrüßen;
Du, Erde, warst auch diese Nacht beständig
Und atmest neu erquickt zu meinen Füßen,
Beginnest schon mit Lust mich zu umgeben,
Du regst und rührst ein kräftiges Beschließen,
Zum höchsten Dasein immerfort zu streben. –

In Dämmerschein liegt schon die Welt erschlossen,
Der Wald ertönt von tausendstimmigem Leben;
Talaus, talein ist Nebelstreif ergossen,
Doch senkt sich Himmelsklarheit in die Tiefen,
Und Zweig und Äste, frisch erquickt, entsprossen
Dem duft’gen Abgrund, wo versenkt sie schliefen;
Auch Farb’ an Farbe klärt sich los vom Grunde,
Wo Blum’ und Blatt von Zitterperle triefen,
Ein Paradies wird um mich her die Runde.

Hinaufgeschaut! – Der Berge Gipfelriesen
Verkünden schon die feierlichste Stunde;
Sie dürfen früh des ewigen Lichts genießen,
Das später sich zu uns hernieder wendet.
Jetzt zu der Alpe grüngesenkten Wiesen
Wird neuer Glanz und Deutlichkeit gespendet,
Und stufenweis herab ist es gelungen; –
Sie tritt hervor! – und, leider schon geblendet,
Kehr ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen.

So ist es also, wenn ein sehnend Hoffen
Dem höchsten Wunsch sich traulich zugerungen,
Erfüllungspforten findet flügeloffen;
Nun aber bricht aus jenen ewigen Gründen
Ein Flammenübermaß, wir stehn betroffen:
Des Lebens Fackel wollten wir entzünden,
Ein Feuermeer umschlingt uns, welch ein Feuer!
Ist’s Lieb? ist’s Haß? die glühend uns umwinden,
Mit Schmerz und Freuden wechselnd ungeheuer,
So dass wir wieder nach der Erde blicken,
Zu bergen uns in jugendlichstem Schleier.

So bleibe denn die Sonne mir im Rücken!
Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend,
Ihn schau ich an mit wachsendem Entzücken.
Von Sturz zu Sturzen wälzt er jetzt in tausend,
Dann abertausend Strömen sich ergießend,
Hoch in die Lüfte Schaum an Schäume sausend.
Allein wie herrlich, diesem Sturm ersprießend,
Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer,
Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend,
Umher verbreitend duftig kühle Schauer!

Der spiegelt ab das menschliche Bestreben.
Ihm sinne nach, und du begreifst genauer:
Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.

Diese gewaltigen Worte legt Goethe seinem Repräsentanten der Menschheit in den Mund gegenüber der am Morgen heraufstrahlenden Sonne.

Doch nicht um diese Sonne, die jeden Morgen neu erwacht, handelt es sich bei dem Fest, von dem heute die Rede sein soll. Wir wollen die Wesenheit der Sonne in viel tieferem Sinne auf uns wirken lassen. Und das, was diese Sonne sein soll, das soll das Leitmotiv zu unserer heutigen Betrachtung bilden.

Wir werden jetzt jene Worte hören, die den tiefsten Sinn des Weihnachtsmysteriums widerspiegeln. Diese Worte ertönten vor den andachtsvoll lauschenden Schülern der Mysterien aller Zeiten, bevor sie in die Mysterien selbst eintreten durften:

Die Sonne schaue
Um mitternächtige Stunde.
Mit Steinen baue
Im lebenlosen Grunde.

So finde im Niedergang
und in des Todes Nacht
Der Schöpfung neuen Anfang,
Des Morgens junge Macht.

Die Höhen lass offenbaren
Der Götter ewiges Wort,
Die Tiefen sollen bewahren
Den friedensvollen Hort.

Im Dunkel lebend
Erschaffe eine Sonne.
Im Stoffe webend
Erkenne Geistes Wonne.

Viele, die heute nur noch den Weihnachtsbaum kennen mit seinen Lichtern, viele haben heute den Glauben, dass der Weihnachtsbaum eine aus alter Zeit überkommene Einrichtung sei. Doch das ist nicht der Fall. Der Weihnachtsbaum ist vielmehr eine der jüngsten europäischen Einrichtungen. Selbst der älteste Christbaum ist kaum älter als hundert Jahre. Doch so jung der Baum ist, so alt ist die Weihnachtsfeier.

Die Weihnachtsfeier ist ein Fest, das in den ältesten Mysterien aller Religionen allenthalben bekannt war, das immer gefeiert wurde. Es ist kein bloßes äußeres Sonnenfest, sondern es ist ein Fest, welches die Menschheit hinführt zu einer Anschauung oder wenigstens einer Ahnung von den Quellen des Daseins. Es ist ein Fest, das begangen wurde alljährlich, wenn die Sonne ihre geringste Kraft der Erde zusandte, ihre geringste Wärme spendete, von den höchststehenden Eingeweihten in den Mysterien. Aber auch von denjenigen wurde es gefeiert, die noch nicht teilnehmen konnten an der ganzen Feier, die nur den äußeren bildlichen Ausdruck erleben durften von den höchsten Mysterien. Und diese Mysteriengeheimnisse haben sich durch alle Zeiten hindurch erhalten und haben Gewand angenommen bei allen Völkern, je nach den verschiedenen Glaubensbekenntnissen. Weihnachtsfeier heißt das Fest der Weihe-Nacht, dieser Weihe-Nacht, die begangen wurde in den großen Mysterien. Das sind diejenigen Veranstaltungen gewesen, wo der Initiator in solchen Persönlichkeiten, die dazu genügend vorbereitet waren, den höheren Menschen im Inneren auferstehen ließ; oder, wenn wir ein heutiges Wort gebrauchen wollen: in denen der lebendige Christus im Inneren geboren wurde.

Nur diejenigen, die nichts davon wissen, dass neben den chemischen und physikalischen Kräften auch geistige wirken, und dass ebenso wie die chemischen und physikalischen Kräfte in ihrem Wirken ihre bestimmten Zeiten im Kosmos haben, so auch die geistigen – nur diese können glauben, dass es gleichgültig sei, wann die Erweckung des höheren Selbstes stattfinde. Die großen Mysterien bestanden darin, dass der Mensch jenes Ereignis erlebte, wo er die wirkenden Kräfte in farbigem Glanze, in hellem Lichte erblicken durfte, wo er die Welt um sich her sehen durfte angefüllt mit geistigen Eigenschaften, mit geistigen Wesenheiten, wo er schauen durfte die Geisterwelt um sich herum, wo er erlebte das Größte, das ein Mensch erleben kann.

Für alle, alle wird dieser Zeitpunkt einmal kommen! Alle werden ihn einmal erleben, wenn auch vielleicht erst nach vielen Verkörperungen – aber der Augenblick wird kommen für alle, wo der Christus in ihnen auferstehen wird, wo neues Sehen, neues Hören in ihnen erwachen wird.

Diejenigen, die als Mysterienschüler vorbereitet wurden für die Erweckung, wurden zunächst belehrt, was diese Erweckung im großen Weltenall bedeutet. Dann erst wurden die letzten Handlungen zur Erweckung vorgenommen. Und diese Handlungen wurden vorgenommen dann, wenn die Finsternis am größten ist, wenn die äußere Sonne am tiefsten steht: zur Weihnachtszeit, weil diejenigen, welche die geistigen Tatsachen kennen, wissen, dass zu diesem Zeitpunkt durch den Weltenraum Kräfte ziehen, die solcher Erweckung günstig sind. In der Vorbereitung wurde dem Schüler gesagt, dass der, welcher wirklich wissen will, nicht nur das wissen darf, was sich seit Jahrtausenden auf dem Erdenrund zugetragen hat, sondern dass er den ganzen Gang der Menschheit überblicken lernen muss. Und wissen muss er auch, dass die großen Feste in den Jahreslauf von den führenden Individualitäten eingeordnet sind, und dass sie gewidmet sein müssen der Aufschau zu den ewigen großen Wahrheiten.

Über Millionen von Jahren wurde bei solcher Gelegenheit der Blick geleitet. Schaue hin auf jenen Zeitpunkt, wurde dem Schüler gesagt, wo unsere Erde noch nicht so war wie jetzt, wo es noch keine Sonne, keinen Mond gab, sondern beide noch vereinigt waren mit der Erde, wo die Erde noch einen Körper bildete mit der Sonne und mit dem Monde. Auch damals war der Mensch schon da, doch hatte er noch keinen Körper; er war ein geistiges Wesen, und auf diesen geistig-seelischen Menschen schien nicht von außen ein Sonnenlicht. Das Sonnenlicht war in der Erde selbst. Es war kein solches wie das heutige Sonnenlicht, das von außen auf die Wesen und Dinge fällt, sondern es war ein solches, das geistige Kraft in sich hatte, das zu gleicher Zeit im Inneren eines jeglichen Menschen erglänzte. Dann kam der Zeitpunkt, wo die Sonne sich heraushob aus der Erde. Sie trennte sich von ihr, und ihr Licht fiel von außen auf die Erde herab. Die Sonne hatte sich zurückgezogen von der Erde. Im Inneren des Menschen war es jetzt finster geworden.

Das war der Beginn seiner Entwickelung zu jenem Zukunftszeitpunkt hin, wo er das innere Licht leuchtend wiederfinden soll im Inneren. Der Mensch musste mit seinen äußeren Sinnen die Dinge der Erde erkennen lernen. Er entwickelt sich dahin, wo im Inneren wieder glüht und leuchtet der höhere Mensch, der Geistesmensch. Vom Lichte durch die Finsternis zum Lichte – das ist der Gang der Entwicklung der Menschheit.

Nachdem die Schüler so vorbereitet worden waren, führte man sie zur Erweckung an jenem Zeitpunkte, an dem sie als eine auserlesene Schar im Inneren das erleben sollten, was die übrige Menschheit erst in ferner Zukunft erleben soll: wo sie das geistige Licht durch die geöffneten geistigen Augen erblickten. Und dieser heilige Augenblick sollte dann sein, wenn das äußere Licht am schwächsten war, an dem Tage, wo die äußere Sonne am wenigsten scheint. Dann, an diesem Tage, wurden die Schüler der Mysterien vereinigt, und das innere Licht eröffnete sich ihnen. Und diejenigen, die noch nicht teilnehmen konnten an dieser Feier, sollten wenigstens ein äußeres Abbild erleben, das ihnen sagen sollte: Auch für euch wird der große Zeitpunkt kommen. Heute seht ihr ein Abbild. Später werdet ihr erleben, was ihr jetzt im Bilde seht.

Das waren die kleinen Mysterien. Die zeigten im Abbilde, was der Einzuweihende später erleben sollte. Und das wollen wir heute miterleben, was in den kleinen Mysterien um die mitternächtige Stunde sich zutrug. Es war dasselbe allenthalben: in den ägyptischen Mysterien, in den Eleusinischen Mysterien, in den Mysterien Vorderasiens, in den babylonisch-chaldäischen ebensowohl als in den Mysterien des persischen Mithrasdienstes und den indischen Brahmamysterien. Überall erlebten die Schüler dieser Mysterienschulen dasselbe um die mitternächtige Stunde der Weihe-Nacht.

Schon zeitig am Vorabend versammelten sie sich. In stillem Denken mussten sie sich klarmachen, was dies wichtigste Ereignis bedeute. Sie saßen in tiefem Schweigen im Dunkeln beieinander versammelt. Wenn dann die Mitternacht herankam, hatten sie schon stundenlang so gesessen im dunklen Räume. Gedanken der Ewigkeit durchzogen ihr Inneres. Dann, gegen Mitternacht, erhoben sich geheimnisvolle Töne, sie durchfluteten den Raum, im Anschwellen und Abschwellen. Die Schüler, die diese Töne hörten, wussten: Das ist die Sphärenmusik. Tiefe, weihevolle Andacht erfüllte ihre Herzen. Dann wurde es schwach hell. Das Licht ging aus von einer schwach erhellten Scheibe. Diejenigen, die das sahen, wussten, dass diese Scheibe die Erde vorstelle. Die erhellte Scheibe wird dann dunkler und dunkler, bis sie zuletzt ganz schwarz ist. Zugleich wurde es im Raum ringsum heller. Diejenigen, die das sahen, wussten, dass das schwarze Rund die Erde darstelle. Die Sonne, die sonst aber die Erde durchleuchtet, ist verhüllt. Die Erde kann die Sonne nicht mehr sehen. Dann bildete sich um die Erdscheibe, nach außen verlaufend, Kreis um Kreis in Regenbogenfarben. Diejenigen, die das sahen, wussten: das ist die Iris. Dann erhob sich um Mitternacht allmählich, anstelle des schwarzen Erdkreises, ein violett-rötlich leuchtender Kreis; auf dem stand ein Wort.

Dies Wort war verschieden, je nach den Völkern, deren Glieder dies Mysterium erleben durften. In unserer heutigen Sprache würde das Wort lauten »Christos«. Diejenigen, die das sahen, wussten: das ist die Sonne.

Sie erschien ihnen in der mitternächtigen Stunde, wenn die Welt ringsum im tiefsten Dunkel ruht. Den Schülern wurde klargemacht, dass sie jetzt in Bildern erlebt hätten das, was man in den Mysterien nennt: die Sonne um Mitternacht schauen.

Derjenige, der wirklich eingeweiht ist, lernt die Sonne um Mitternacht wahrhaftig schauen, denn in ihm ist das Materielle ausgelöscht. Nur die Sonne des Geistes lebt in seinem Inneren und überstrahlt alle Dunkelheit der Materie.

Seligster Moment ist dieser Moment in der Menschheitsentwickelung, wo der Mensch erlebt, dass er losgelöst von der Dunkelheit in ewigem Lichte lebt. Und dieser Moment wurde im Bilde also dargestellt in den Mysterien, Jahr für Jahr, um die mitternächtige Stunde in der Weihe-Nacht. Dieses Bild stellte dar, dass es neben der physischen Sonne eine Geistessonne gibt, die ebenso wie die physische Sonne aus dem Dunkel, aus der Finsternis heraus geboren werden muss. Um den Schülern das noch klarer zu machen, wurden sie, nachdem sie den Aufgang der Sonne, des Christos, erlebt hatten, in eine Höhle geführt, in der scheinbar nichts vorhanden war als Stein, erstorbene, leblose Materie. Dort sahen sie aus den Steinen Ähren erstehen, als Zeichen des Lebens, als symbolische Andeutung, dass aus dem scheinbaren Tode das Leben ersteht, dass geboren wird in totem Gestein das Leben. Es wurde ihnen dann gesagt: So wie die Sonnenkraft von diesem Tage an, nachdem sie scheinbar erstorben war, neu erwächst, so erhebt sich immerdar aus dem ersterbenden Leben das neue.

Es ist dasselbe Ereignis, das im Johannes-Evangelium angedeutet wird in den Worten: »Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen.« Der Johannes, der Vorherverkündiger des kommenden Christus, des geistigen Lichtes, dessen Höhetag im Jahreslauf in die Mitte des Sommers fällt, dieser Johannes muss abnehmen, und in seinem Abnehmen wächst zugleich die Kraft des kommenden Lichtes, die immer stärker und stärker wird, je mehr der Johannes abnimmt. So bereitet sich das neue, das kommende Leben vor im Samenkorn, das verfaulen und vergehen muss, um die neue Pflanze erstehen zu lassen.

Das sollten die Schüler empfinden: dass im Tode das Leben ruht, dass aus dem Verfaulenden, Verwesenden heraus die neuen herrlichen Blüten und Früchte erstehen, dass die Erde voll ist von Geburtskraft. Sie sollten glauben lernen, dass in diesem Zeitpunkt im Inneren der Erde etwas vor sich geht: die Überwindung des Todes durch das Leben. Das Leben, das im Tode vorhanden ist, das wurde ihnen gezeigt im überwindenden Lichte. Das empfanden, das erlebten sie, als sie im Dunkel das Licht erstehen, erstrahlen sahen. Nun schauten sie in der Steinhöhle das sprießende Leben, das aus dem scheinbar Toten in Pracht und Fülle ersteht.

So erzog man in den Schülern heran diesen Glauben an das Leben, so ließ man in ihnen ersprießen das, was der Glaube an das größte Menschenideal genannt werden darf. So lernten sie hinaufschauen zu diesem höchsten Menschheitsideal, zu jenem Zeitpunkt, wo die Erde ihre Entwickelung vollendet haben wird, wo das Licht in der ganzen Menschheit erstrahlen wird.

Die Erde selbst wird dann in Staub zerfallen, aber eine geistige Essenz der Erde wird bleiben mit allen Menschen, die im Inneren durch das geistige Licht leuchtend geworden sind.

Und die Erde und die Menschheit werden dann erwachen zu einem höheren Dasein, zu einer neuen Daseinsphase.

Als das Christentum im Laufe der Entwickelung entstand, trug es in sich dieses Ideal im höchsten Sinne. Man empfand, dass der Christos, als der unsterbliche Geist der Erde, als Träger nicht nur des materiellen, sprießenden Lebens, sondern als Träger der geistigen Wiedergeburt, als das große Ideal aller Menschen auftreten solle, dass er um die Weihnacht geboren ward, in der Zeit der größten Finsternis, als Zeichen, dass aus der Finsternis der Materie ein höherer Mensch in der Menschenseele geboren werden kann.

Bevor man von einem Christos sprach, sprach man schon in den alten Mysterien von einem Sonnenhelden; man verband mit ihm dasselbe Ideal wie das Christentum mit dem Christos. Sonnenheld wurde der Träger des Ideals genannt. Wie die Sonne ihren Gang im Laufe des Jahres vollendet, wie sie in ihrem Lichte zunimmt und abnimmt, wie ihre Wärme sich scheinbar der Erde entzieht und dann wieder von neuem erstrahlt, wie sie in ihrem Tode das Leben enthält und neu ausströmt, so ist der Sonnenheld durch die Kraft seines geistigen Lebens Herr geworden über Tod und Nacht und Finsternis.

In den persischen Mithrasmysterien unterschied man sieben Einweihungsgrade. Zuerst den Grad der »Raben«, die nur bis zur Pforte des Einweihungstempels vordringen konnten. Sie werden die Vermittler zwischen der äußeren Welt des materiellen Lebens und der inneren Welt des geistigen Lebens; sie gehören nicht mehr der materiellen und noch nicht der geistigen Welt an. Diese Raben finden wir allenthalben wieder; sie spielen überall dieselbe Rolle als Boten, die hin und her gehen zwischen den zwei Welten und Kundschaften übermitteln. Auch in unseren deutschen Sagen und Mythen finden wir sie: die Raben des Wotan, die Raben, die um den Kyffhäuser fliegen. Der zweite Grad, der Grad des »Okkulten«, führte den Jünger von der Pforte hinweg in das Innere des Einweihungstempels. Dort reifte er entgegen dem dritten Grade, dem des »Streiters«, der hinaustrat vor die Welt, um die okkulten Wahrheiten, die er im Inneren des Tempels erleben durfte, zu verkünden. Den vierten Grad, den Grad des »Löwen«, errang sich der Mensch, dessen Bewusstsein sich nicht auf einen einzelnen Menschen, sondern auf einen ganzen Stamm erstreckte. So wurde der Christus »der Löwe aus dem Stamme Juda« genannt. Im fünften Grade befindet sich der Mensch, dessen Bewusstsein sich noch mehr erweitert, der in seinem Bewusstsein ein ganzes Volk umfasst. Dieser Mensch hatte keinen eigenen Namen mehr. Er wurde mit dem Namen des Volkes bezeichnet, dem er angehörte. Man redete so vom »Perser«, vom »Israeliten«. Wir verstehen so zum Beispiel, dass Nathanael ein »echter Israeliter« genannt wurde, weil er den fünften Grad der Einweihung erlangt hatte. Der sechste Grad war der Grad des »Sonnenhelden«, und wir müssen uns klarmachen, was dieser Name bedeutet. Wir werden dann verstehen lernen, dass ein Schauer der Ehrfurcht durch die Seele eines Schülers der Mysterien gehen musste, der etwas wusste von einem Sonnenhelden und der im Weihnachtsfeste das Geburtsfest eines Sonnenhelden erleben konnte.

Alles im Kosmos geht seinen rhythmischen Gang. Alle Gestirne ebenso wie die Sonne folgen einem großen Rhythmus. Würde die Sonne nur einen Moment diesen Rhythmus verlassen, nur einen Moment aus ihrer Bahn gehen, so würde das eine Revolution von ganz unerhörter Bedeutung im ganzen Weltall zur Folge haben. Der Rhythmus beherrscht die ganze Natur, die leblose bis zum Menschen hinauf. Er ist in der Pflanzenwelt da: das Veilchen, die Lilie blühen zur selben Zeit. Die Tiere haben ihre Brunstzeit zu bestimmten Zeiten des Jahres. Erst beim Menschen wird die Sache anders: der Rhythmus, der bis zum Tier hinauf durch den Gang der Jahreszeiten hindurch in den Kräften des Wachstums, der Fortpflanzung und so weiter herrscht – beim Menschen hört er auf!

Der Mensch soll eingebettet werden in Freiheit, und je höher zivilisiert der Mensch ist, um so mehr ist dieser Rhythmus im Abnehmen.

Wie das Licht zur Weihnachtszeit verschwindet, so ist der Rhythmus schließlich scheinbar ganz aus dem Leben des Menschen verschwunden, ein Chaos herrscht.

Dann soll aber der Mensch diesen Rhythmus aus eigener Initiative aus seinem Inneren heraus gebären. Er soll sein Leben aus eigenem Willen so gestalten, dass es in rhythmischen Grenzen abläuft.

Fest und sicher wie der Lauf der Sonne sollen sich die Ereignisse seines Lebens abspielen in Regelmäßigkeit. Und ebenso wie es undenkbar ist, dass der Lauf der Sonne sich ändere, ebenso undenkbar soll es sein, dass der Rhythmus eines solchen Lebens unterbrochen werden könne.

Im Sonnenhelden fand man die Verkörperung eines solchen Lebensrhythmus. Durch die Kraft des in ihm geborenen höheren Menschen gewann er die Kraft, den Rhythmus seines Lebenslaufes selbst zu beherrschen. Dieser Sonnenheld war auch der Christus Jesus für die ersten zwei Jahrhunderte. Daher wurde sein Geburtsfest verlegt in die Zeit, in der seit Urzeiten begangen wurde das Geburtsfest des Sonnenhelden. Daher auch alles, was mit der Lebensgeschichte des Christus Jesus verknüpft wurde, daher auch die mitternächtige Messe, welche die ersten Christen in Höhlen begingen in Erinnerung an das Sonnenfest. In dieser Messe leuchtete um die Mitternacht aus dem Finstern heraus ein Lichtmeer als Erinnerung an den Aufgang der Geistessonne in den Mysterien. Daher lässt die Erzählung den Jesus geboren werden in einem Stalle, als Erinnerung an die Steinhöhle, aus der heraus – in den erwachsenden Ähren, den Sinnbildern des Lebens – das Leben geboren wurde.

Wie das irdische Leben aus dem toten Gestein, so wurde herausgeboren aus dem Niederen das Höchste, der Christus Jesus. An sein Geburtsfest wurde geknüpft die Legende von den drei Priesterweisen, den drei Königen aus dem Morgenlande. Sie brachten dem Kinde Gold, das Symbol der äußeren, weisheitsvollen Macht, Myrrhen, das Symbol des Sieges des Lebens über den Tod, und endlich Weihrauch, das Symbol des Weltenäthers, in dem der Geist lebt.

So fühlen wir in dem Sinn des Weihnachtsfestes etwas herüberklingen aus den ältesten Zeiten der Menschheit. Und das ist zu uns herübergekommen in der besonderen Färbung des Christentums. In seinen Symbolen finden wir Sinnbilder für die ältesten Symbole der Menschheit. Auch der Lichterbaum ist ein solches Symbol. Er ist uns ein Sinnbild für den Paradiesesbaum. Dieser Paradiesesbaum stellt innerhalb des Paradieses das Belebende und Erkennende dar. Das Paradies selbst stellt dar die ganze umfassende materielle Natur. Die Darstellung der geistigen Natur ist der Baum inmitten derselben, der die Erkenntnis umschließt, und der Baum des Lebens. Errungen werden kann die Erkenntnis nur auf Kosten des Lebens.

Eine Erzählung gibt es, die den Sinn dessen gibt, was der Baum der Erkenntnis und der Baum des Lebens bedeuten: Seth stand vor dem Tore des Paradieses und begehrte Einlass. Der Cherub, der den Eingang hütete, ließ ihn herein. Das will sagen: Seth wurde ein Eingeweihter. Als Seth nun im Paradiese war, fand er, dass der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis fest ineinander verschlungen waren. Der Erzengel Michael – der vor Gott steht – erlaubte ihm, dass er drei Samenkörner nehmen dürfe von diesem verschlungenen Baume.

Dieser Baum steht da als prophetischer Hinweis auf die Zukunft der Menschheit: wenn die ganze Menschheit die Erkenntnis gefunden hat und eingeweiht sein wird, dann wird sie nicht nur den Baum der Erkenntnis in sich tragen, sondern auch den anderen Baum, den des Lebens. Der Tod wird dann nicht mehr sein. Vorläufig aber darf nur der Eingeweihte von diesem Baum die drei Samenkörner nehmen, diese drei Körner, die da bedeuten die drei höheren Glieder des Menschen.

Als Adam starb, gab Seth diese drei Körner ihm in den Mund, und es erwuchs aus dem Grabe Adams heraus ein flammender Busch, der die Eigenschaft hatte, dass sich aus dem Holz, das von ihm abgeschnitten wurde, immer neue Triebe und Blätter entwickelten. Innerhalb des Flammenkreises des Busches aber steht geschrieben: »Ehjeh asher ehjeh«, das heißt: Ich bin, der da war, der da ist, der da sein wird.

Das bedeutet dasjenige, was durch alle Inkarnationen durchgeht: die Kraft des sich immer wieder erneuernden, werdenden Menschen, der herniedersteigt aus dem Lichte zur Finsternis und hinaufsteigt aus der Finsternis zum Lichte.

Jener Stab, mit dem Moses seine Wunder verrichtet hat, ist geschnitten aus dem Holz dieses Busches. Das Tor des Salomonischen Tempels ist aus ihm bereitet. Hinausgetragen wurde dieses Holz in den Teich Bethesda, und der Teich erhielt von ihm jene Kraft, von der uns erzählt wird. Und von demselben Holz ist geformt das Kreuz des Christus Jesus, das Holz des Kreuzes, das uns zeigt das absterbende, das im Tode vergehende Leben, das aber die Kraft in sich hat, neues Leben hervorzubringen. Das große Weltensymbolum steht da vor uns: das Leben, das den Tod überwindet. Das Holz dieses Kreuzes, das ist erwachsen aus den drei Samenkörnern des Paradiesesbaumes.

Auch im Rosenkreuz ist jenes Symbolum ausgedrückt, jenes Ersterben des Niederen, und daraus hervorsprießend die Auferstehung des Höheren, in den roten Rosen, was Goethe ausgedrückt hat in den Worten:

Und so lang du das nicht hast, Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast Auf der dunklen Erde.

Ein wunderbarer Zusammenhang zwischen dem Baum des Paradieses und dem Kreuzesholz! Ist auch das Kreuz ein Symbolum für Ostern, empfangen wir doch auch für die Weihnachtsstimmung aus ihm eine Vertiefung. Wir empfinden in ihm, was in der Christus-Idee in dieser Geburtsnacht des Christus Jesus im neuen, quellenden Leben uns entgegenströmt. Angedeutet sehen wir diese Idee in den lebenden Rosen, die diesen Baum hier schmücken. Sie sagen uns: der Baum der Weihe-Nacht ist noch nicht zum Holze des Kreuzes geworden, aber die Kraft, zu diesem Holz zu werden, beginnt in ihm ihren Aufstieg zu nehmen. Die Rosen, die aus dem Grün erwachsen, sind ein Symbol des Sieges des Ewigen über das Zeitliche.

Weihnachtsfest Symbole

Symbole am Weihnachtsbaum

In dem pythagoreischen Quadrat finden wir das Symbol, das die Vierheit des Menschen deutet: den physischen Leib, den Ätherleib, den Astralleib und das Ich.

Für die höhere Dreiheit des Menschen steht das Dreieck als Symbol für das Geistselbst, den Lebensgeist und den Geistesmenschen.

Das, was darüber steht, ist das Symbol für Thoth. Diejenigen, die eingeweiht waren in die ägyptischen Mysterien, verstanden das Zeichen zu lesen. Sie verstanden auch das Buch Thoth (Tarot) zu lesen, das aus achtundsiebzig Kartenblättern bestand, in welchen alle Weltgeschehnisse vom Anfang bis zum Ende, von Alpha bis Omega A O, verzeichnet waren und die man lesen konnte, wenn man sie in der richtigen Reihenfolge verband und zusammensetzte. Es enthielt in Bildern das Leben, das zum Tode erstirbt und wieder aufsprießt zu neuem Leben. Wer die richtigen Zahlen und die richtigen Bilder miteinander vereinen konnte, der konnte in ihm lesen. Und diese Zahlenweisheit, diese Bilderweisheit, wurde seit Urzeiten gelehrt. Sie spielte noch im Mittelalter eine große Rolle, zum Beispiel bei Raimundus Lullus, doch heute ist nicht mehr viel davon vorhanden.

Darüber steht das Taozeichen, jenes Zeichen, das uns an die Gottesbezeichnung unserer uralten Vorfahren erinnert. Bevor Europa, Asien, Afrika Kulturland war, lebten diese alten Vorfahren in der Atlantis, die in Fluten untergegangen ist. In den germanischen Sagen lebt noch die Erinnerung an diese Atlantis in den Sagen von Nifelheim, dem Nebelheim. Denn Atlantis war nicht von reiner Luft umgeben. Große, mächtige Nebelmassen umwogten das Land, ähnlich wie man sie heute sieht, wenn man im Hochgebirge durch Wolken und Nebelmassen zieht. Sonne und Mond standen nicht klar am Himmel, sie waren für die Atlantis umgeben von Regenbogenringen – von der heiligen Iris. Damals verstand der Mensch noch viel mehr die Sprache der Natur. Was heute im Plätschern der Wellen, im Rauschen des Windes, im Säuseln der Blätter, im Grollen des Donners zum Menschen spricht, aber nicht mehr von ihm verstanden wird, das war dem alten Atlantier damals verständlich. Er empfand aus allem heraus ein Göttliches, das zu ihm redete. Innerhalb all dieser sprechenden Wolken und Wasser und Blätter und Winde ertönte den Atlantiern ein Laut: Tao – das bin ich.

In diesem Laut lebte das eigentliche Wesen, das durch die ganze Natur geht. Atlantis vernahm ihn. Dieses Tao drückte sich später aus in dem Buchstaben T. Auf ihm steht ein Kreis, das Zeichen der alles umfassenden göttlichen Vaternatur.

Endlich alles, was das Weltall durchsetzt und was da ist als der Mensch, ist bezeichnet in dem Symbol des Pentagramms, das uns von der Spitze des Baumes herunter grüßt. Der tiefste Sinn des Pentagramms darf jetzt nicht besprochen werden. Es zeigt uns den Stern der sich entwickelnden Menschheit. Es ist der Stern, das Symbol des Menschen, dem alle Weisen folgen, so wie ihm in Vorzeiten die Priesterweisen folgten. Es ist der Sinn der Erde, der große Sonnenheld, der geboren wird in der Weihe-Nacht, weil das höchste Licht aus der tiefsten Finsternis herausstrahlt.

Der Mensch lebt hinein in eine Zukunft, wo das Licht in ihm geboren werden soll, wo abgelöst werden soll ein bedeutungsvolles Wort durch ein anderes, wo es nicht mehr heißen wird, dass die Finsternis das Licht nicht begreifen kann, sondern wo die Wahrheit hinaustönen wird in den Weltenraum und wo die Finsternis das Licht, das uns entgegenstrahlt in dem Stern der Menschheit, begreifen wird, wo die Finsternisse weichen und das Licht begreifen, das heißt, von ihm ergriffen werden.

Und das soll uns aus der Weihnachtsfeier entgegentönen aus unserem Inneren. Dann wird das Weihnachtsfest in seiner tiefen, uralten Bedeutung erst richtig gefeiert werden von uns, denn dann weist es uns darauf hin, dass aus dem Inneren des Menschen hervorleuchten wird das geistige Licht, hinausstrahlen wird in alle Welt.

Und als ein Fest des höchsten Ideals der Menschheit werden wir das Christfest feiern können. Es wird dann wieder eine Bedeutung für uns haben, es wird wieder lebendig werden in unserer Seele, und auch der Weihnachtsbaum wird dann wieder als Symbol des Paradiesesbaumes eine richtigere Bedeutung haben, als sie ihm selbst in der sinnvollsten Weise heute gegeben wird. In unserer Seele wird aber die Feier der Weihe-Nacht entstehen lassen die freudevolle Zuversicht: Ja, auch ich werde in mir dasjenige erleben, was man nennen muss die Geburt des höheren Menschen, auch in mir wird stattfinden die Geburt des Heilandes, die Geburt des Christos.

Rudolf Steiner: Zeichen und Symbole des Weihnachtsfestes, Berlin, 17. Dezember 1906, in: Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft, GA 96, Dornach 1989. GA 96 enthält auch den für das Verständnis der Christologie Steiners grundlegenden Vortrag Die Reinigung des Blutes von der Ich-Sucht durch das Mysterium von Golgatha.


Anmerkung:


  1. »Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus gleichgültigen tierischen Hilfsorganen ruft sich das Licht ein Organ hervor, das seinesgleichen werde; und so bildet sich das Auge am Lichte fürs Licht, damit das innere Licht dem äußeren entgegentrete. Hierbei erinnern wir uns der alten ionischen Schule, welche mit so großer Bedeutsamkeit immer wiederholte: nur von Gleichem werde Gleiches erkannt, wie auch der Worte eines alten Mystikers, die wir in deutschen Reimen folgendermaßen ausdrücken möchten:

Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Lebt’ nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt’ uns Göttliches entzücken?

Johann Wolfgang von Goethe: Zur Farbenlehre, Bd. 1, Tübingen 1810, Einleitung, S. XXXVII f.


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Ein Kommentar

  1. HERZLICHEN DANK für diese Geschichte!!!!!
    ich habe noch nie so verständnisvoll Erklärung der Weihnachstmysterien gelesen!!!
    DANKE DANKE DANKE!!!!
    So gut, beeindruckend…. mir fehlen die Worte, hat noch keiner es erklärt!

    ich freue mich,dass ich diesen Text entdeckt habe.
    Ist es alles von R.Steiner oder Ł.Ravagli ?
    Herzliche Grüße
    Barbara Grauer

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