Leitkultur

Die Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Claudia Roth, kritisiert in der FAZ den Begriff der Leitkultur. Ihrer Ansicht nach bedeutet dieser Begriff »Hierarchisierung und Ausgrenzung von Kulturen«. Dem Begriff der Leitkultur stellt sie den angelsächsischen Begriff des »overlapping consensus« gegenüber, der den »freiheitlich-demokratischen Minimalkonsens« festlege.

Der Vorwurf gegen den Begriff der Leitkultur, er hierarchisiere und grenze Kulturen aus, ist unsinnig. Roth kann ihn nur erheben, weil sie das Grundgesetz aus der Leitkultur ausschließt. Wenn aber das Grundgesetz ein Teil der Leitkultur ist, dann schließt diese Leitkultur natürlich die Freiheit und Gleichberechtigung der Kulturen ein, soweit sie sich mit dem Grundgesetz vereinbaren lassen. Andererseits könnte man – wenn man ihrem Argumentationsmuster folgen wollte – den von ihr favorisierten angelsächsischen Minimalkonsens ebenfalls als eine Form der Hierarchisierung und Ausgrenzung auffassen. Denn er schließt alle Kulturformen aus, die sich nicht diesem Minimalkonsens fügen wollen. Der angelsächsische Kulturraum, aus dem sie den Begriff entlehnt, ist im übrigen ein von starken Identitäten und integrativen Leitkulturen geprägter Raum, wie man an den USA oder an Großbritannien sehen kann.

Ohne Leitkultur kann eine Gesellschaft nicht bestehen. Die Leitkultur, die Einheit aus Sprache, Tradition, Geschichte und sozialen Beziehungsformen einer Gesellschaft definiert ihre Identität. Ohne Identität muss eine Gesellschaft orientierungslos werden. Aus der Identität entspringt auch die Motivation für bürgerschaftliches Handeln. Warum sollen die Individuen sich für eine Gesellschaft einsetzen, wenn sie sich nicht mit ihr identifizieren können? Eine starke Leitkultur ist Voraussetzung für eine vitale Gesellschaft.

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