Die Unsicherheit über den epistemischen Status der Rassen

Veronika Lipphardt, Mitarbeiterin im BMBF-geförderten Forschungsverbund »Imagined Europeans« an der Humboldt-Universität zu Berlin, schreibt in ihrem Beitrag zum Sammelband »Pseudowissenschaft«, der sich mit der Rassenbiologie im 20. Jahrhundert befasst: »Die Grobeinteilung der Menschheit in einige wenige Gruppen – eben ›Rassen‹ – hat sich bis heute in verschiedenen akademischen wie nichtakademischen Kontexten erhalten. Ungeachtet des politischen Konsenses des späten 20. Jahrhunderts hat sie offenbar weiterhin so viel Plausibilität, dass sie heute, z.B. in der Diskussion um ethnienspezifische Medikamente, wieder als legitimes Einteilungskriterium gehandelt werden kann.«

»Bis zu den Herausforderungen der Populationsgenetik in den späten 1970er Jahren«, so Lipphardt, »erkannten die führenden Biowissenschaftler die Existenz und die wissenschaftliche Erforschbarkeit von rassischen Unterschieden an.«

Seit Beginn der 1970er Jahre setzte sich in der Humanbiologie das Paradigma der Populationsgenetik durch. Die Menschheit besteht nach dieser aus zahlreichen Populationen, die nicht durch klare Grenzen voneinander geschieden, sondern durch kontinuierliche Übergänge miteinander verbunden sind. Die Antirassismuspädagogik hat dieses Paradigma dankbar aufgegriffen, und mit dem Argument, Rassen existierten nicht, den Rassismusvorwurf schon auf den bloßen Gebrauch des Wortes Rasse ausgedehnt. »Dennoch«, so Lipphardt, »werden rassenbiologische Klassifikationen in praktischen Zusammenhängen genutzt, weil dort das Postulat der kontinuierlichen Übergänge nicht praktikabel erscheint. So haben die letzten zehn Jahre eine neue intensive Debatte über die molekulargenetische Grundlage ›rassischer Differenzen‹ gebracht.« (Siehe: Steven Epstein, Inclusion: The Politics of Difference in Medical Research, Chicago 2007). »Diese neue Rassendiskussion, die sich um ›Pharmacogenetics‹ und speziell für bestimmte Ethnien entwickelte Medikamente herum entsponnen hat, hält derzeit noch an, und es ist unklar, wo in diesem neuen Forschungsfeld der molekulargenetischen Bestimmung von Rassenmerkmalen später einmal die« – ihrerseits problematischen – »Grenzen zwischen Wissenschaftlichkeit und Pseudowissenschaftlichkeit gezogen werden«, so Lipphardt.

Die von Lipphardt referierte Diskussion hat eine Reihe von Mitgliedern des Lehrkörpers der Stanford-Universität, darunter renommierte Genomforscher wie Luca Cavalli-Sforza, unter Federführung von George M. Fredrickson dazu veranlasst, im Sommer 2008 ein Manifest zur »Ethik der Charakterisierung von Differenz« zu veröffentlichen, in dem zehn Grundsätze zum »Gebrauch von Rassenkategorien in der Humangenetik« formuliert werden, das den Gebrauch solcher Kategorien nicht gänzlich verwirft, sondern u.a. eine ausreichende wissenschaftliche Begründung für deren Verwendung einfordert. (Genome Biology 2008, 9, 404).

»Der epistemische Status von Rasse«, so Lipphardt, bleibt bis heute »ungewiss«. »Wollte man die jüngsten Behauptungen akzeptieren, dass Rassen sich genetisch unterscheiden lassen, würde das die Unterscheidung zwischen vergangener, pseudowissenschaftlicher Rassenforschung und heutiger guter Diversitätsforschung noch verkomplizieren. Hinzu kommt, dass heute zahlreiche Laien und Wissenschaftler schon auf der Grundlage von Alltagserfahrungen nicht bereit sind, dem sozialkonstruktivistischen Blick auf Klassifikationen der Menschheit zu folgen, wie die Geistes- und Kulturwissenschaften ihn anmahnen.« Mit anderen Worten: sowohl Wissenschaftler als auch Laien sind nicht bereit, jenen zu glauben, die ihnen ein X für ein U vormachen. Sie sind nicht bereit, zu glauben, dass etwas, was sie sehen, inexistent sei.

Ein gutes Beispiel für diese Resistenz gegen den »sozialkonstruktivistischen Blick« findet sich im selben Band, im Gespräch zwischen Peter Galison und Christina Wessely. Galison, seit 2006 Pellegrino University Professor in History of Science and Physics in Harvard, lässt sich über den Gebrauch umstrittener begrifflicher Kategorien in der wissenschaftlichen Diskussion und im Alltag aus: »Es ist oft der Fall, dass eine Kategorie nicht besonders gut fundiert und geschärft ist, dass sie aber in unserer sozialen, lebensweltlichen Realität eine bedeutende Rolle einnimmt und diese so zentral mitbestimmt, dass wir absolut weltfremd wären, würden wir eine solche Kategorie ignorieren oder grundsätzlich nicht anerkennen. Nehmen Sie nur die Kategorie ›Rasse‹. Ich denke, dass nur eine kleine Minderheit von Forschern der Meinung ist, dass ›Rasse‹ eine zentrale Kategorie der wissenschaftlichen Analyse ist. Aber, wenn man hinausgeht in die Welt, nach Wien, Berlin, Paris, London, New York oder Boston und auf der Straße behaupten würde, dass es so etwas wie Rasse nicht gäbe, würden die Menschen wahrscheinlich denken, man wäre verrückt, weil Rasse eben so sehr Teil unserer gelebten Alltagswirklichkeit ist. Bedeutet das nun, dass jedes Mal, wenn jemand von Rasse spricht, das gesamte Rassenkozept bestätigt und bekräftigt wird? Natürlich nicht – aber das bringt uns nichtsdestoweniger in eine heikle und merkwürdige Position. Denn bedeutet das jetzt, dass wir jedes Mal, wenn wir ›Rasse‹ schreiben, Anführungszeichen verwenden müssen? Das würde einigermaßen gekünstelt erscheinen …«

Nun, nichts zwingt uns dazu, die Kategorie »Rasse« überhaupt zu verwenden, auch wenn sie in der heutigen Pharmakogenetik wieder eine Rolle zu spielen beginnt. Wir sollten aber den Rassismusbegriff nur dort verwenden, wo er tatsächlich angebracht ist: gegenüber Ideologien und politischen Gruppierungen, die eine dauerhafte Hierarchie als Rassen definierter Gruppen herbeiführen wollen oder eine solche verteidigen (George M. Fredrickson). Das war in der Quintessenz auch der Kern der realhistorischen Rassenregime im 19. und 20. Jahrhundert.

Literatur:

Dirk Rupnow et al.: Pseudowissenschaft: Konzeptionen von Nichtwissenschaftlichkeit in der Wissenschaftsgeschichte, Frankfurt a. M. 2008.
Steven Epstein, Inclusion: The Politics of Difference in Medical Research
The ethics of characterizing difference: guiding principles on using racial categories in human genetics, Genome Biology 2008, 9, 404.
George M. Fredrickson, Rassismus: Ein historischer Abriß

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