Wissenschaftstheorie I

In der Wissenschaftstheorie hat ein Umdenken eingesetzt. Während noch Ende der 1980er Jahre Wissenschaftstheoretiker wie Gerhard Vollmer glaubten, eine wesentliche Aufgabe seiner Zunft sei es, »Hypothesen und Theorien zu beurteilen und dabei echte von unechter Wissenschaft zu unterscheiden«, wurde dieser Glaube inzwischen aufgegeben.

Das 2003 erschienene Oxford Companion to the history of Science bekennt in seinem Artikel »Pseudoscience and quackery«, es trage nichts zur historischen Erkenntnis bei, wenn man Phrenologie, Mesmerismus oder Parapsychologie retrospektiv nach den Kriterien von »wahrer« und »Pseudo-Wissenschaft« beurteile.

Das offizielle Organ der amerikanischen »History of Science Society«, die Zeitschrift ISIS, hat den Begriff der Pseudowissenschaft völlig aufgegeben. Ihr jährlich erscheinender bibliographischer Anhang wurde 2002 einer grundlegenden Reform unterzogen. Während die Bibliographie früher in historische Epochen unterteilt war, und jeder Epoche auch bestimmte »Pseudowissenschaften« zugeordnet wurden, ist sie jetzt nach Wissensgebieten gegliedert. In der neuen Systematik finden sich Okkulte Wissenschaften, Magie, Alchemie und Astrologie einträchtig neben Chemie und Astronomie. Die verschiedensten Formen der Alternativmedizin sind der Kategorie »Medical Sciences in General«, Phrenologie und Psychoanalyse der »Psychology«, der Kreationismus der Rubrik »Science and Religion« zugeordnet. Ein einziges Mal taucht der Begriff der »pseudosciences« noch auf, und zwar in Anführungszeichen in der Rubrik »Interdisciplinary works and borderline sciences«, wodurch die Distanzierung von der Annahme, es gebe Pseudowissenschaften noch unterstrichen wird.

Damit, so deutet der Wissenschaftstheoretiker Michael Hagner von der ETH Zürich diese Entwicklung, »hat sich die Wissenschaftsgeschichte eines Begriffs entledigt, den sie jahrzehntelang benutzt, aber nicht weiter hinterfragt hat.« Die wissenschaftstheoretische Verabschiedung des Ordnungsbegriffs »Pseudowissenschaft« »ist Ausdruck einer Skepsis gegenüber der klaren Eingrenzung von Wissenschaft hinsichtlich ihrer Gegenstände und Bedingungen, Methoden und Konsequenzen«,  stellt Hagner fest. Die Untersuchung von Wissenskulturen hat zur Einsicht geführt, dass Erkenntnisprozesse und Erkenntnisbegriffe nicht von ihren soziokulturellen und anthropologischen Bedingtheiten getrennt werden können. Sie hat außerdem die »historische Variabilität von wissenschaftlichen Normen und Werten« erwiesen.

Dass die Wissenschaften zwar ein bevorzugtes, »aber kein ausschließliches Abonnement auf Erkenntnis und Wissenszuwachs« haben, wird inzwischen nicht mehr ernsthaft infrage gestellt. Kein Wissenschaftstheoretiker, so Hagner, würde heute wohl mehr die oben zitierte Aufgabenstellung Gerhard Vollmers unterschreiben.

Ihren Aufstieg verdankte die Wissenschaftstheorie Hagner zufolge nach dem Zweiten Weltkrieg politischen Gründen. Sie etablierte sich als »erkenntnistheoretischer Gesetzgeber« und »Diskurspolizei«, um künftig politische Instrumentalisierungen der Wissenschaften zu verhindern. Karl Popper versuchte mit seinem Falsifikationismus eine klare Demarkationslinie zwischen wahrer und falscher Wissenschaft zu ziehen. Aber Poppers Falsifikationskriterium hielt der Kritik der nachfolgenden Generation nicht stand. Die Vorschläge der Kritiker waren auch nicht besser. Imre Lakatos schlug als Kriterium der Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft die jeweilige Produktivität vor. Diese lässt sich aber immer erst retrospektiv feststellen. Thomas Kuhn glaubte, Wissenschaft zeichne das Vorhandensein zu lösender Rätselfragen aus. Die gibt es aber auch in der Astrologie. Außerdem wären nach Kuhns Auffassung große Teile der Human- und Geisteswissenschaften den Pseudowissenschaften zuzuzählen.

Die Konsequenzen aus der Unmöglichkeit, einen allgemein verbindlichen Begriff der Wissenschaft zu formulieren, zog Paul Feyerabend: »Es gibt keinen klar formulierbaren Unterschied zwischen Mythen und wissenschaftlichen Theorien. Die Wissenschaft ist eine der vielen Lebensformen, die die Menschen entwickelt haben, und nicht unbedingt die beste. Sie ist laut, frech, teuer und fällt auf. Grundsätzlich überlegen ist sie aber nur in den Augen derer, die bereits eine gewisse Position bezogen haben oder die die Wissenschaft akzeptieren, ohne jemals ihre Vorzüge und ihre Schwächen geprüft zu haben.« (Paul Feyerabend, Wider den Methodenzwang, Frankfurt 1976, S. 385) Feyerabend setzte sich daher für die Maxime ein: »anything goes«, alles ist erlaubt.

»Pseudowissenschaft«, so das Fazit Hagners, ist ein »Kampfbegriff, der auf die politische Bühne gehievt wird, wenn es opportun erscheint, und wieder verschwindet, wenn sich die Bedingungen ändern und kein Bedarf mehr vorhanden ist … Er sagt mehr über diejenigen aus, die ihn benutzen, als über diejenigen, auf die er angewendet wird.« Er dient dazu, »Diskurshoheit in einem bestimmten Feld zu erlangen oder einen unliebsamen Gegner auszugrenzen«.

Paul Feyerabend: Wider den Methodenzwang

Kommentare sind geschlossen