Warum weiße Privilegien ein Mythos sind – Teil 1

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Satirische Starbucks Anzeige, die den amerikanischen Diskurs über weiße Schuld auf’s Korn nimmt. Mit freundlicher Genehmigung von babylonbee.com

Sind weiße Privilegien schuld? In den USA, mittlerweile auch in Europa, wird vielfach behauptet, eine hinreichende kausale Erklärung für den unterschiedlichen gesellschaftlichen Erfolg verschiedener sozialer Gruppen sei die Tatsache, dass Weiße gegenüber anderen »Rassen« – wobei der Begriff der Rassen eigentlich als rassistisch gilt – privilegiert seien. Ersatzweise wird auch von »strukturellem oder systemischem Rassismus« oder »impliziten Ordnungen der Ungleichheit« gesprochen.

Das Problem dieser Behauptungen ist nicht nur, dass sie den Rassismus, den sie angeblich überwinden wollen, wieder in die soziologische und politische Diskussion einführen, wenn auch unter vermeintlich positiven Vorzeichen (Diskriminierung von Weißen, also gegen Weiße gerichteter Rassismus, sei legitim, weil durch sie früher oder immer noch vorhandener Rassismus gegen Nichtweiße im Namen sozialer Gerechtigkeit ausgeglichen werde; Stichwort: reverse racism), sondern auch, dass sie eine monokausale Erklärung komplexer gesellschaftlicher Sachverhalte konstruieren, die der tatsächlichen Komplexität des behaupteten Problems bei weitem nicht gerecht wird.

Hinzu kommt, dass dieselben politischen »Aktivisten«, die mit erheblicher Militanz die These vom weißen Privileg vertreten, häufig gleichzeitig Verfechter einer konstruktivistischen Weltsicht sind, von der die ontologische Validität der Begriffe, die das Fundament ihrer Vorwürfe bilden, in Abrede gestellt wird. Zu behaupten, »Rassen« seien »soziale Konstrukte«, und daher nicht real, und gleichzeitig zu behaupten, die Unterdrückung oder Diskriminierung von Menschen, die bestimmten »Rassen« angehörten, sei eine Realität, ist eine contradictio in adiecto (ein Selbstwiderspruch, der darin besteht, das zu bejahen, was man verneint oder umgekehrt). Aber nicht nur die Gesetze der Logik (die ebenfalls als eurozentrische Erfindung denunziert werden) führen die enragierten Antifaschisten ad absurdum, sondern auch ein Blick auf die politische und soziale Realität der Vereinigten Staaten von Amerika. Während hierzulande jeder, der es wagt, auszusprechen, was er sieht, des Rassismus geziehen wird, gehört bei unserem transatlantischen Nachbarn die Diskussion über »Rassenunterschiede« (racial disparities, race differences) zum politischen und wissenschaftlichen Alltag.

Die offensichtlichen theoretischen Mängel ihrer Weltsicht hindern jedoch die genannten Aktivisten nicht daran, ihren Thesen durch direkte Aktionen Nachdruck zu verleihen, die darauf abzielen, jegliche Kritik an ihrer Weltsicht ihrerseits als Reproduktion der behaupteten Unterdrückung zu delegitimieren. Jüngstes Beispiel für diese blindwütige Militanz ist die Antwort einiger Aktivisten auf den Vorschlag Steven B. Gerrards, eines Philosophieprofessors am Williams College in Massachusetts, der anregte, Studenten zu einem Gelöbnis auf die Redefreiheit an der Universität zu bewegen, da diese Privilegierte wie Minderheiten gleichermaßen schütze. »Redefreiheit«, schallte ihm da entgegen, sei »von rechtsgerichteten und liberalen Gruppen als diskursiver Deckbegriff für Rassismus, Xenophobie, Antisemitismus, Homophobie, Transphobie, Ableismus und Klassismus kooptiert worden« und deswegen abzulehnen.[1] Auch hier liegt der performative Selbstwiderspruch auf der Hand: die Studenten beanspruchen für sich selbst grenzenlose Rede- und mehr noch: Handlungsfreiheit, sprechen sie aber allen anderen, die ihren Ansichten widersprechen, ab. Inzwischen wird die Meinungs- und Redefreiheit von solchen Aktivisten gar nicht mehr ins Feld geführt, da sie ohnehin eine Erfindung »alter (oder schon längst toter) weißer Männer«, ein »eurozentrisches« und damit »rassistisches« Konzept sei, stattdessen plädieren sie für so etwas wie vernünftigen Zwang oder schlicht eine Meinungsdiktatur.[2]

Screenshot eines Tweets von Sibel Schick

Die Übersetzung der alogischen Rhetorik dieser Extremisten, die für sich gerne in Anspruch nehmen, für Demokratie [!], Vielfalt [!], Buntheit usw. einzustehen, ist regelmäßig rohe Gewalt, wie sie auch in Deutschland mittlerweile gang und gäbe ist, was die jüngsten Aktionen in Hamburg gegen Bernd Lucke und in Göttingen gegen Thomas de Maizière erneut bezeugen.[3] Was neudeutsch als »Deplatforming« bezeichnet wird, ist in Wahrheit eine Neuauflage von politischen Strategien, die schon von den Nationalsozialisten exzessiv praktiziert wurden. Parallelen lassen sich nicht nur an den Aktionsformen (Verhinderung von Auftritten durch Gröhlen, Lärmen, körperliche Angriffe), sondern auch an den Argumentationsstrukturen aufzeigen, durch die solche »Boykotte« gerechtfertigt werden.[4]

Doch kommen wird zum eigentlichen Thema zurück. Als Regel darf gelten, dass komplexe Phänomene selten oder nie auf eine einzige kausale Variable zurückzuführen sind. Das gilt nicht nur für die Klimadiskussion, in der die Veränderungen eines »rückgekoppelten, nichtlinearen chaotischen Systems« aus einer einzigen Variablen (CO2) erklärt werden sollen, sondern auch für die sozialen Beziehungen unterschiedlicher Gruppen innerhalb einer Gesellschaft, die selbst als chaotisches nichtlineares System beschrieben werden kann, in dem unüberschaubar viele Teilprozesse durch fortwährende Rückkoppelungen aufeinander Einfluss nehmen und nicht nur die Bedingungen der untersuchten Phänomene, sondern auch die Bedingungen ihrer Untersuchung beeinflussen. »Die Diagnose der Komplexität«, schreibt der Soziologe Armin Nassehi in Die letzte Stunde der Wahrheit in Bezug auf die Gesellschaft, »schließt die Möglichkeit einer linearen Beschreibung aus …«.[5] Entsprechend schrieb das IPCC noch 2001 im dritten Klimabericht: »Wir sollten in der Klimaforschung und -modellierung anerkennen, dass wir es mit einem rückgekoppelten, nichtlinearen chaotischen System zu tun haben, und daher die langfristige Vorhersage künftiger Klimazustände nicht möglich ist.«[6]

Ebenso wie in der Frage der Klimaentwicklung sind daher auch bei sozialen Phänomenen Theorien, die wechselseitige Beeinflussungen unterschiedlicher Faktoren berücksichtigen, besser geeignet, diese zu erklären, als monokausale Theorien. Was die sozialen Unterschiede anbetrifft, so gibt es eine Reihe von Variablen, die durch ihr Zusammenwirken diese plausibler erklären können, als die angeblichen »weißen Privilegien«. Mehr noch, es existieren klare empirische Befunde, die den Realitätsgehalt dieses Begriffs überhaupt in Frage stellen.

Diese Ansicht vertreten zumindest zwei Doktoranden an der Universität Cambridge, Vincent Harinam und Rob Henderson, die in einem Beitrag[7], für das Online-Magazin Quillette eine Reihe dieser empirischen Befunde in bezug auf die USA zusammengestellt haben und dabei zu Ergebnissen kommen, die nicht nur den gesunden Menschenverstand bestätigen, sondern auch mit entsprechenden Modifikationen auf europäische Gesellschaften übertragbar sein dürften.

Die beiden Autoren sind nicht etwa der Auffassung, »Rassendiskriminierung« sei inexistent oder es gebe keinerlei Privilegien. Sie bestreiten jedoch, dass der unterschiedliche gesellschaftliche Status ethnischer (oder, wie sie in amerikanischem Stil schreiben, »rassischer«) Gruppen ausschließlich auf die explizite oder implizite Privilegierung Weißer zurückzuführen sei. Diese Einschätzung versuchen sie durch eine geballte Ladung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse zu untermauern. Sie führen dabei statistische Generalisierungen gegen politische Generalisierungen ins Feld. Bedauerlicherweise kann Politik auf solche Generalisierungen nicht verzichten, da sie stets Gruppen adressieren muss, die zwar aus Einzelnen bestehen, als solche aber nicht Gegenstand von Gesetzgebung sein können. Zu bezweifeln ist allerdings, ob Harinam und Henderson mit ihrer Argumentationsstrategie im politischen Feld irgendetwas ausrichten, da es in ihm nicht um Wissenschaft geht, sondern um die Bewirtschaftung von Emotionen, wofür »Klimapolitik« oder »Migrationspolitik« die besten Beispiele wären. »Der Tanz ums goldene Kalb der Identität«, schrieb Peter Sloterdijk 1983 hellsichtig in seiner Kritik der zynischen Vernunft, »ist der letzte und größte Taumel der Gegenaufklärung.« Dass es in der Klimapolitik längst nicht mehr um das Klima geht, sondern um Identität, nämlich die westliche, weiße, die für Industrialisierung und Konsumgesellschaft verantwortlich gemacht wird, diese Einsicht brachte der Ökonom Ottmar Edenhofer bereits im Jahr 2010 zum Ausdruck: »Man muss sich von der Illusion freimachen, dass internationale Klimapolitik Umweltpolitik ist … Wir verteilen durch die Klimapolitik de facto das Weltvermögen um.«

Weiße Privilegien und der Glaube an sie

Das Schlagwort vom »weißen Privileg«, so schreiben Harinam und Henderson, wurde von der amerikanischen Genderforscherin Peggy McIntosh 1989 in die Diskussion eingeführt.[8] Es unterstelle die Existenz einer Reihe von impliziten Vorteilen, von denen Weiße in einer von Weißen dominierten Gesellschaft profitierten. Diese reichten von fleischfarbenen Heftpflastern, die nur auf die Hauttöne von Weißen abgestimmt seien, bis hin zu niedrigeren Anteilen an Inhaftierten aufgrund der Hautfarbe. Unter dieser Voraussetzung sei der gesellschaftliche Erfolg von Weißen und das Versagen von Nichtweißen das Ergebnis eines angeblich seit Jahrhunderten andauernden weißen Rassismus.

E. Kendall drücke das diesem Vorwurf zugrunde liegende Ressentiment in einem Artikel über White Privilege wie folgt aus: »Beim Privileg der Weißen handelt es sich um ein Bündel institutionalisierter (und weniger persönlicher) Bevorzugungen, die jenen gewährt werden, die aufgrund ihrer Rassenzugehörigkeit jenen ähnlich sehen, die die Machtpositionen in unseren Institutionen innehaben.«[9] Daher müssten Unterschiede beim gesellschaftlichen Status von Gruppen die Folge historischer gruppenbezogener Diskriminierung und nicht etwa individueller Mehr- oder Minderleistungen sein.

Wer glaubt an weiße Privilegien? Harinam und Henderson führen einige aktuelle Zahlen an: Es sind vor allem weiße Liberale (Demokraten, Linke).[10]

Laut Daten des PEW Research Centers aus dem Jahr 2017[11] stimmten 79,2% der weißen Linken in den USA der Aussage zu, »Diskriminierung« sei »der Hauptgrund, warum viele Schwarze heutzutage nicht vorankommen.« Diesem Prozentsatz stünden 59,9% der Schwarzen gegenüber, die Diskriminierung als Hauptgrund sähen, warum ihr eigener gesellschaftlicher Aufstieg zu wünschen übrig lasse. Die Linken stünden in dieser Frage also weiter links als die Schwarzen, als deren Anwälte sie auftreten. Vergleichbare Ergebnisse zeitigte eine ANES-Umfrage im Jahr 2018, bei der 87% der weißen Linken die Meinung vertraten, eine Zunahme der ethnischen Vielfalt würde die USA zu einem »lebenswerteren Ort« machen.

Weiße Linke gehörten auch zu den stärksten Befürwortern der auf der Existenz von Rassenunterschieden basierenden »Affirmative Action«[12] und der Aussonderung »rassistischer« Bücher aus öffentlichen Bibliotheken[13]. Allgemein sei der Anteil der weißen Linken, die Diskriminierung von Schwarzen als »sehr ernstes Problem« betrachteten, von 25% im Jahr 2010 auf 58% im Jahr 2016 gestiegen[14], wobei 70% der Meinung seien, die Strafjustiz sei gegen Schwarze negativ voreingenommen. Dem stünden wiederum 75% unter den Minderheiten gegenüber, die selten oder nie in ihrem Alltag Diskriminierung aufgrund ihres Minderheitenstatus erführen.

Der Linksruck der Demokraten im letzten Jahrzehnt sei darauf zurückgeführt worden[15], dass nichthispanische Weiße Rassen- und Genderfragen inzwischen größere Bedeutung zumässen[16]. Laut Gallup stuften sich zwischen 2001 und 2005 39% der Demokraten als linksstehend in sozialen Fragen ein, 2015 war diese Zahl auf 61% gestiegen[17]. Mehr noch: Fast 60% der jungen weißen Linken betrachteten sich selbst als »Aktivisten« in bezug auf die »soziale Gerechtigkeit«[18].

Die Autoren werfen die Frage auf, warum weiße Progressive so erpicht darauf sind, das Evangelium der »weißen Privilegien« zu verbreiten. Aus ihrer Sicht ist sie leicht zu beantworten. Denn das Bekenntnis zur eigenen Privilegiertheit führe zu einem Statusgewinn und nicht etwa zu einem Statusverlust.

Dem ist zuzustimmen: in einer Schuldökonomie sammelt das größte soziale Kapital an, wer sich zur größten moralischen Schuld bekennt, unabhängig davon, ob er sich einer zurechenbaren moralischen Verfehlung schuldig gemacht hat oder nicht, während auf der Gegenseite den größten Gewinn erzielt, wer sich in der Hierarchie der Opfer an die Spitze der Pyramide emporzuarbeiten vermag.

Da auch die Weißen »einer Art Stamm« angehörten und auf die Anerkennung ihrer Stammesmitglieder angewiesen seien, so die Autoren, ließen sie sich vom positiven Zuspruch, den Schuldbekenntnisse in einer von Schuld- und Opferdiskursen dominierten Gesellschaft nach sich zögen, leicht beeinflussen.

Aus der Sicht weißer Progressiver stelle das »weiße Privileg« einen institutionellen Überbau dar, der die ungerechte Überlegenheit der Weißen in der von ihnen dominierten Gesellschaft aufrecht erhalte. Tatsächlich übe eine Gruppe, die eine Reihe von Privilegien besitze, Macht in der betreffenden Gesellschaft aus.

Harinam und Henderson machen an dieser Stelle darauf aufmerksam, dass die These vom »weißen Privileg« eine unheimliche Ähnlichkeit mit der These der rassischen Überlegenheit aufweise, die von weißen Suprematisten vertreten werde. Sowohl weiße Demokraten als auch weiße Suprematisten glaubten an die Überlegenheit der Weißen. Der einzige Unterschied bestehe darin, dass die einen diese Überlegenheit als etwas Schlechtes betrachteten, die anderen hingegen nicht. »Weiße Privilegien und weiße Vorherrschaft sind zwei Seiten derselben Medaille«.

Abgesehen davon hält das Autorengespann beide Interpretationen aus ähnlichen Gründen für falsch. Wenn es um Unterschiede von Gruppen gehe, verwechsle die Linke ebenso wie die Rechte ihre Vorurteile mit der Realität. Aus der Sicht von Neonazis und extremen Rechten liege ihre vermeintliche Überlegenheit in ihren Genen begründet. Aus der Sicht der extremen Linken beruhe die ungerechte Vorherrschaft der Weißen auf systemischer Diskriminierung. Beide irrten sich angesichts der empirischen Evidenz »gewaltig«. Worin besteht diese Evidenz?

Privilegien und Benachteiligungen

Entgegen der Unterstellung weißer Privilegiertheit übertreffen einige ethnische Gruppen in den USA Weiße in einer Reihe von Bereichen. Vier dieser Bereiche werden von den Autoren näher beleuchtet: Wirtschaft, Bildung, Kriminalität und Gesundheit.

1. Ökonomie

Nach Angaben des U.S. Volkszählungs-Büros habe das durchschnittliche Haushaltseinkommen der nichthispanischen Weißen im Jahr 2017 68.145 US-Dollar betragen. Damit lag ihr Einkommen zwar höher als das nationale Durchschnittseinkommen von 59.039 US-Dollar, aber deutlich niedriger als dasjenige anderer ethnischer Gruppen. Indische, pakistanische, philippinische und taiwanesische Amerikaner (d.h. Immigranten aus den betreffenden Ländern) verdienten 2017 jeweils mehr als die Weißen: in der Reihe ihrer Aufzählung 110.716 USD, 83.956 USD, 83.256 USD und 81.903 USD. Libanesische (76.805 USD), sri-lankische (73.856 USD), chinesische (72.927 USD) und iranische Amerikaner (72.733 USD) verdienten im Durchschnitt ebenfalls mehr als Weiße.

Im Allgemeinen verfügten laut U.S. Volkszählungs-Büro Asiaten seit Mitte der 1980er Jahre über ein höheres mittleres Haushaltseinkommen als Weiße. Zahlen des staatlichen Büros für Arbeitsstatistik belegten, dass weiße Männer im Jahr 2017 80% des Einkommens asiatischer Männer erzielten[19].

Auch die wirtschaftliche Kluft zwischen Weißen und Hispanics scheine abzunehmen. Laut einer Studie, die von den Universitäten Stanford und Harvard zusammen mit dem Volkszählungs-Büro durchgeführt worden sei, glichen sich die Einkommen von weißen und hispanischen Haushalten an, wobei etwa 45% der Hispanics, die in Armut aufgewachsen seien, den Aufstieg in die Mittelschicht oder höher schafften, verglichen mit 46% der Weißen. Darüber hinaus sei das Medianeinkommen der hispanischen Haushalte seit drei Jahren kontinuierlich gestiegen, 2017 allein um 3,7% und habe damit den Anstieg von 1,8% aller US-Haushalte übertroffen[20].

Die Annahme, Weiße seien privilegiert, werde auch durch ein stabiles Muster der Aufwärtsmobilität unter Nicht-Weißen widerlegt. In seinem Buch Reichtum, Armut und Politik habe Thomas Sowell den meteorhaften Aufstieg der Libanesen, Chinesen und europäischen Juden in den USA dokumentiert.[21] Kubanische Amerikaner blickten auf eine ebenso inspirierende Geschichte zurück. Aufgrund der Einführung des Kommunismus 1959 wanderten viele von ihnen in die USA aus. Im Jahr 1990 verfügten die Kinder dieser Exilanten doppelt so häufig als Weiße über Jahresgehälter von mehr als 50.000 US-Dollar. Innerhalb von vier Jahrzehnten überstieg der Gesamtumsatz der kubanisch-amerikanischen Unternehmen außerdem die Gesamteinnahmen der Insel Kuba.

Was weißen Privilegien den Anschein empirischer Glaubwürdigkeit verleihe, seien jedoch vor allem statistische Vergleiche zwischen Schwarzen und Weißen. Diese Statistiken würden aber laut Harinam und Henderson häufig dekontextualisiert, indem z.B. die Grundgesamtheiten und Vergleichswerte der Schlüsselgruppen unterschlagen würden. Thomas Sowell schreibe über dieses Problem: »Die bloße Auslassung einer entscheidenden Tatsache kann genaue Statistiken in Fallen verwandeln, die zu Schlussfolgerungen führen, die sich nachweislich als falsch erwiesen, wenn die vollständigen Daten bekannt wären.«

Ein Beispiel sind die Anteile Schwarzer und Weißer an bewilligten Hypothekendarlehen.

Im Jahr 2000 zeigten Daten der US-Kommission für Bürgerrechte, dass 44,6% der schwarzen Antragsteller Hypotheken verweigert wurden, jedoch lediglich 22,3% der weißen. Obwohl andere Daten belegten, dass in schwarzem Besitz befindliche Banken in höherem Maß schwarze Bewerber abgewiesen hätten, als in weißem Besitz befindliche, seien Diskriminierungsvorwürfe im Bankensektor weit verbreitet. Derselbe Bericht der US-Bürgerrechtskommission enthielt eine weitere interessante Statistik: Die Ablehnung asiatischer Amerikaner lag zur gleichen Zeit bei 12,4%[22], ihnen wurden also in einem höheren Maß Hypotheken gewährt, als Weißen. Dieser Tatbestand wurde jedoch laut den Autoren so gut wie nie von Zeitungen oder Fernsehsendern thematisiert.

Überhaupt würden Daten, die asiatische Amerikaner betreffen, selten in Zeitungsreportagen oder akademischen Studien berücksichtigt, die behaupteten, Diskriminierung erkläre viele oder die meisten Unterschiede zwischen Schwarzen und Weißen. Die Berichterstattung über solche Daten würde die Schlussfolgerungen der Befürworter dieser These untergraben, wenn nicht gar zunichte machen. Dies sei laut dem Journalisten (koreanischer Herkunft) Wesley Yang der Grund, warum sie oft unberücksichtigt blieben. Asiaten störten das Narrativ über weiße Privilegien.[23]

2. Bildung

Die Bildung sei ein weiterer Bereich, in dem asiatische Amerikaner Weiße überträfen. Dies zeigten die Quoten der Studienabbrecher. Nach Angaben des National Student Clearinghouse Research Center brechen 23% der weißen im Gegensatz zu nur 16 Prozent der asiatischen Studenten das College ab[24]. Weiße tun dies also um 44 Prozent häufiger als Asiaten.

Ein ähnliches Muster zeige die Verteilung der akademischen Abschlüsse. Laut dem U.S. Volkszählungs-Büro verfügten 2018 22% der Weißen im Alter von 25 Jahren und mehr über einen Bachelor-Abschluss, während 9,5% einen Master und 2,1% eine Promotion erlangten. Im Vergleich dazu befanden sich 31% der Asiaten im Besitz eines Bachelor-Abschlusses, 18% im Besitz eines Masters und 5% eines Doktortitels[25]. Mithin haben asiatische Amerikaner eine 40% höhere Chance als Weiße, einen Bachelor, fast doppelt so viele, einen Master und mehr als doppelt so viele, einen Doktortitel zu erwerben.

Möglicherweise würden die weißen Privilegien aber auch erst an Eliteuniversitäten sichtbar. Wäre dies der Fall, müsste man erwarten, dass solche Universitäten die meisten ihrer Plätze an weiße Bewerber vergäben. Aber die Daten unterstützten diese Erwartung nicht. Während Amerikas Bevölkerung zu etwa 60% weiß sei, bestehe Harvards Studentenschaft aus weniger als 50 Prozent Weißen[26]. Darüber hinaus stellten Asiaten, die 6% der Bevölkerung repräsentierten, 19% der Studenten in Harvard, 19% in Princeton und 19% in Stanford. In einem Land, das von weißen Privilegien beherrscht werde, so die Autoren, mute es seltsam an, dass asiatische Studenten mit dem Faktor 3 in Yale[27] und dem Faktor 9 am MIT[28] überrepräsentiert seien.

Aber dies gelte nicht nur für Asiaten. Obwohl sie nur 0,7 Prozent der schwarzen amerikanischen Bevölkerung ausmachten, seien Nigerianer unter schwarzen Studenten an amerikanischen Elite-Colleges und Universitäten um den Faktor 10 überrepräsentiert. Darüber hinaus stellten sie 20 bis 25 Prozent der schwarzen Studenten an der Harvard Business School, 10 Prozent der schwarzen Ärzte des Landes und schienen bei Amerikas Top-Anwalts-Kanzleien um den Faktor sieben oder mehr zu überwiegen. Daten der Volkszählung zeigten, dass mehr als 43 Prozent der afrikanischen Einwanderer einen Bachelor-Abschluss oder einen höheren Abschluss besäßen und fast zwei Drittel der Nigerianer einen Hochschulabschluss[29]. Schließlich sei der Anteil der schwarzen High-School-Absolventen, die an einem College eingeschrieben waren, im Jahr 2013 auf 70,9% gestiegen und habe damit die Einschreibequote der Weißen (67,3 Prozent) übertroffen, wie das US-Büro für Arbeitsstatistik mitteilte.

3. Kriminalität

Der folgende Abschnitt dürfte für manche deutschen Leser schockierend sein. Er spiegelt aber lediglich die soziologische Diskussion einer multiethnischen Gesellschaft wieder, in der der Besitz von Schusswaffen zu den von der Verfassung verbrieften Grundrechten gehört und tödliche Gewalt zum Alltag.

Dass die amerikanische Strafjustiz negativ voreingenommen gegenüber Schwarzen sei und Weiße bevorzuge, sei eine weit verbreitete Ansicht. Laut Harinam und Henderson stützt sich diese Annahme auf »dekontextualisierte Statistiken und unvollständige statistische Modelle«. Ein tieferer Blick in die Kriminalstatistik offenbare eine Geschichte, die sich erheblich von der unterscheide, die die Propagandisten weißer Privilegien verträten. Auch bei dieser Frage geht es den Autoren nicht darum, tatsächliche Rassendiskriminierung in der Strafjustiz in Abrede zu stellen. Sie sehen aber die Gründe für ungleiche Ergebnisse – die man in diesem Fall nicht als Erfolge bezeichnen kann – weniger in systemischer Diskriminierung, als in »umstandsabhängigen Wahrscheinlichkeiten«.

Da in den letzten Jahren Todesopfer von Polizeigewalt in den USA ein heiß umkämpftes Thema waren, betrachten die Autoren zunächst Schusswechsel der Polizei mit tödlichem Ausgang. Für die Befürworter des Mythos weißer Privilegien sei die Erschießung von Minderheitsangehörigen durch Polizisten ein Beweis für ein Rechtssystem, das Weiße begünstige. Jedenfalls scheine das Medienecho auf solche Gewalt nahezulegen, dass Nicht-Weiße überproportional von tödlicher Polizeigewalt betroffen seien. Aber wie so oft stehe das, was Aktivisten und Nachrichtensprecher behaupteten, im Widerspruch zu dem, was die Statistiken zeigten.

So habe der Harvard-Ökonom Roland G. Fryer in einer Studie zu »Rassenunterschieden« beim Einsatz tödlicher Polizeigewalt in den Rohdaten keine Disparitäten zwischen den »Rassengruppen« gefunden, auch nicht bei der Berücksichtigung des jeweiligen Kontextes[30]. Tatsächlich sei die Wahrscheinlichkeit, von der Polizei erschossen zu werden, bei Schwarzen um 23,5% geringer als bei Weißen. Selbst bei der Kontrolle von Waffenbesitz sei es für schwarze Verdächtige weniger wahrscheinlich, erschossen zu werden, als für weiße.

Zwei Studien, die mit Hilfe von High-Fidelity-Computer-Simulatoren durchgeführt wurden, die Begegnungen im wirklichen Leben nachstellten, seien sogar zum Ergebnis gekommen, dass Polizeibeamte eine erhebliche Voreingenommenheit zugunsten schwarzer Verdächtiger zeigten.[31] Die Offiziere brauchten länger, um bewaffnete oder unbewaffnete schwarze Verdächtige zu erschießen, als Weiße. Doch selbst wenn schwarze Verdächtige getötet würden, seien sie in der Regel bewaffnet und würden von einem Polizisten »der gleichen Rasse« erschossen[32].

Dennoch scheine es klare Anzeichen für eine rassistische Voreingenommenheit zu geben, wenn man die Bevölkerungsanteile berücksichtige. Schwarze Amerikaner, die 13% der US-Bevölkerung repräsentierten, stellten 26% der Opfer von Schusswaffeneinsatz durch die Polizei, während nichthispanische Weiße, die 60% der Bevölkerung ausmachten, lediglich 50% der Opfer beisteuerten. Aber auch hier verschleierten entkontextualisierte Statistiken die Wahrheit.

Die Autoren argumentieren wie folgt: Die Verwendung von Vergleichen zur Gesamtbevölkerung als Maßstab für Hinweise auf rassistische Voreingenommenheit beruhe auf der Annahme, dass Menschen aller Rassen in gleichem Ausmaß in Situationen verwickelt seien, in denen Polizisten wahrscheinlich tödliche Gewalt anwenden. Bevölkerungsanteile seien jedoch ein untauglicher Bezugswert für die Beurteilung von Polizeischusswechseln, weil sie den Kontext ausblendeten, in dem tödliche Polizeigewalt zur Anwendung komme[33].

Plausibel gemacht wird dies durch ein Gedankenexperiment: Angenommen, man wollte feststellen, ob es Rassenunterschiede in der Behandlung einer Krankheit gibt. Man fände heraus, dass 13% der Schwarzen behandelt werden. Im Vergleich zu einer US-Bevölkerung, die zu 13% aus Schwarzen bestehe, dränge sich der Schluss auf, dass es keine rassistische Voreingenommenheit gebe. Stelle sich aber heraus, dass Schwarze 75% der Menschen mit der betreffenden Krankheit ausmachten, ändere sich alles. Der Grund sei der, dass der richtige Maßstab nicht ein Vergleich der Bevölkerungsanteile sei, sondern der Anteil derjenigen, die aufgrund der entsprechenden Erkrankung eine Behandlung benötigten.

Im Fall von Polizeischießereien, so die Autoren weiter, bestehe kein Zweifel, dass tödliche Schüsse mit Situationen in Verbindung stünden, in denen Gewaltverbrechen begangen würden. Angesichts dieser Tatsache müsse die Frage lauten: »Werden Schwarze in größerer Zahl erschossen als Weiße, wenn sie in Situationen verwickelt sind, in denen die Polizei wahrscheinlich von Schusswaffen Gebrauch macht?« Diese Frage hätten drei Wissenschaftler untersucht[34]. Sie analysierten Vorfälle von Schusswaffengebrauch durch die Polizei mit tödlichem Ausgang im Zeitraum von zwei Jahren und fanden keinerlei Hinweise auf Ungleichgewichte bei tödlichen Schüssen, Erschießungen unbewaffneter Bürger oder tödlichen Schüssen aufgrund falsch (als Waffen) identifizierter Gegenstände. Tatsächlich seien die Chancen, bei Verhaftungen wegen Mordes oder Gewaltverbrechen durch Schüsse der Polizei getötet zu werden, bei Weißen 3,9- bzw. 4,8-mal höher als bei Schwarzen.

In einer neueren Untersuchung zu Polizeischießereien stellten die Autoren fest: »Eines unserer klarsten Ergebnisse ist, dass die Raten der Gewaltverbrechen starke Voraussagen bezüglich der Rasse einer Person zulassen, die erschossen werden wird. Mit hoher Wahrscheinlichkeit dürfte die Verringerung der rassenspezifischen Gewaltkriminalität ein wirksames Mittel sein, um tödliche Schüsse auf schwarze und hispanische Erwachsene zu reduzieren.«[35]

Das Problem der fehlerhaften statistischen Beurteilung, so die Autoren weiter, bestehe nicht nur bei Schießereien, in die die Polizei verwickelt sei. Es betreffe auch den statistischen »heiligen Gral des weißen Privilegs«: die Inhaftierungsquoten. Bei einer Vorwahldebatte im Jahr 2008 behauptete der damalige Kandidat Obama, Schwarze und Weiße würden zu »sehr unterschiedlichen Quoten verhaftet, zu sehr unterschiedlichen Anteilen verurteilt, [und] zu sehr unterschiedlichen Strafen … für das gleiche Verbrechen verurteilt.« Auch andere demokratische Spitzenkandidaten wie Bernie Sanders, Elizabeth Warren und Cory Booker benutzten bei der Diskussion über Inhaftierungsquoten proportionale Bevölkerungszahlen. In der Tat machen Schwarze 40% aller Staats- und Bundesgefangenen aus[36], obwohl sie nur 13% der US-Bevölkerung stellen. Aber der richtige Vergleichsmaßstab für die Inhaftierung sei auch hier nicht ihr proportionaler Anteil an der Gesamtbevölkerung, sondern ihr Anteil an Straftaten. Und hier beginne die Erzählung von weißen Privilegien zu bröckeln.

Die Autoren ziehen das Buch von Heather MacDonald The War on Cops und die darin veröffentlichten Statistiken heran, um ihre These zu untermauern. Von 1976 bis 2005 verübten MacDonald zufolge schwarze Amerikaner mehr als 52% aller Tötungsdelikte in den USA. Sie machten auch ungefähr die gleiche Anzahl von Mordopfern aus, da diese Verbrechen oft in denselben Wohngegenden (communities) begangen werden. Im Jahr 2005 war die Mordrate bei Schwarzen mehr als siebenmal so hoch wie die der Weißen und Hispanics zusammen. Im Jahr 2006 stellten Schwarze 39,3% aller Festgenommenen bei Gewaltverbrechen, darunter 56,3% aller Festnahmen aufgrund von Raubüberfällen, 34,5% wegen schwerer Körperverletzung und 29,4% aufgrund von Eigentumsdelikten.

Die Kriminologen Robert Sampson and Janet Lauritsen überprüften 1997 Verurteilungen und kamen zum Schluss, die Tatsache, dass mehr Schwarze als Weiße in Gefängnissen säßen, erkläre sich nicht aus einem – unterstellten – Rassismus, sondern aus »großen Rassenunterschieden bei kriminellen Vergehen«[37]. Alfred Blumstein stellte 1993 fest, dass schwarze Gefängnisinsaßen aufgrund von Mord deutlich unterrepräsentiert waren, verglichen mit ihrer Präsenz in den Verhaftungsstatistiken[38]. Schließlich habe eine Erhebung des Justizministeriums zu Kapitalverbrechen in den 75 größten städtischen Agglomerationen der USA 1994 ergeben, dass Schwarze im Vergleich zu Weißen von einer geringeren Verfolgungsquote aufgrund von Kapitalverbrechen betroffen waren und sie weniger häufig vor Gericht für schuldig befunden wurden.

4. Gesundheit

Das vierte Feld, auf dem sich weiße Privilegien zeigen müssten, wäre das der Gesundheit. Es wäre zu erwarten, dass in einer Gesellschaft, in der solche Privilegien vorherrschen, Weiße länger und gesünder leben als Nicht-Weiße. Aber auch das sei nicht der Fall. Die Statistiken zum Gesundheitszustand von »Rassengruppen« wiesen vielmehr »auf eine weitere Lücke im Narrativ der weißen Privilegien«.

In Hillbilly Elegy (J.D. Vance) und in Alienated America (Timothey P. Carney) diskutieren die Autoren den Befund, dass weiße Amerikaner mittleren Alters heute in größerer Zahl als in früheren Jahrzehnten sterben. Im Jahr 2015 veröffentlichten die Ökonomen Anne Case und Angus Deaton eine Studie, die »eine deutliche Zunahme der Gesamtsterblichkeit weißer nicht-hispanischer Männer und Frauen mittleren Alters in den Vereinigten Staaten zwischen 1999 und 2013 nachwies[39]. Weiße Amerikaner lebten zwar immer noch länger als schwarze Amerikaner. Doch während sich die Trends für Schwarze verbessert hätten, verschlechterten sich jene für Weiße.

Während die Sterblichkeitsrate der Weißen im Alter von 45-54 Jahren in den USA zwischen 1978 und 1998 im Durchschnitt um 2 Prozent pro Jahr gesunken sei, habe sich dieses Muster nach 1998 umgekehrt; die Sterblichkeitsrate dieses Teils der Bevölkerung sei jedes Jahr um ein halbes Prozent gestiegen. Anders ausgedrückt: Die Gesamtsterblichkeit in der Mitte des Lebens sank um mehr als 200 pro 100.000 bei Schwarzen und 60 pro 100.000 bei Hispanics, stieg jedoch bei Weißen um 34 pro 100.000. Ein solches Muster gebe es nirgendwo sonst in der industrialisierten Welt[40]. Zurückzuführen sei es hauptsächlich auf die Zunahme von Drogen- und Alkoholvergiftungen, Selbstmord und chronischen Lebererkrankungen bei nicht-hispanischen Weißen[41]. In den Appalachen, die zu mehr als 80 Prozent weiß sind[42], war die kombinierte Sterblichkeitsrate dieser »Krankheiten der Verzweiflung« um 37 Prozent höher als im Rest Amerikas[43]. Tatsächlich entfielen 57% der Selbstmorde, Alkohol- und Drogentode zwischen 2010 und 2014 auf weiße Männer, die 29,5% der jungen erwachsenen Bevölkerung (25-34 Jahre) ausmachen. Darüber hinaus stieg die altersbereinigte Selbstmordrate bei weißen Männern und Frauen zwischen 1999 und 2014 um 28 bzw. 60%[44]. Nur die indigene Bevölkerung der USA verzeichnete höhere Zuwächse.

Schließlich überleben asiatische Amerikaner Weiße um durchschnittlich 8 Jahre[45]. Das ist mehr als die Lebensspanne zwischen Männern und Frauen in den USA. (5 Jahre[46]).

Ohne Zweifel, so die Autoren, gebe es Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen in den USA. Aber das weiße Privileg erkläre diese Unterschiede nicht. Stattdessen verdichte der Mythos vom weißen Privileg die Komplexität der Gruppenunterschiede zu einer einfachen Erzählung, die niemandem helfe. Darüber hinaus biete er keinerlei sinnvollen Vorschläge, wie Disparitäten zwischen Gruppen vermindert werden könnten. »Ironischerweise profitieren nur diejenigen vom weißen Privileg, die gegen es agitieren«, bemerken sie.

Im zweiten Teil ihrer Untersuchung beschäftigen sich Harinam und Henderson mit einigen der Faktoren, die tatsächlich für den unterschiedlichen Status verschiedener ethnischer Gruppen in der amerikanischen Gesellschaft verantwortlich sein könnten.

Fortsetzung: Warum weiße Privilegien ein Mythos sind (2)


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Anmerkungen:


  1. An der Wohlfühluniversität sind unbequeme Gedanken unerwünscht, NZZ, 24.9.2019,
  2. Als ein Beispiel für viele sei hier Sibel Schick, eine taz-Autorin und feministische Selbstdarstellerin angeführt, die am 17.10.2019 zu twittern beliebte: »Lasst alles kurz liegen und denkt ein paar Minuten darüber nach, wie geil euer Leben wäre, wenn sich Deutsche tatsächlich nicht mehr trauen würden, offen ihre Meinung zu sagen.« Indessen ist, was die Provokationsnudel hier konjunktivisch euphorisch begrüßt (eine Meinungsdiktatur fände sie »geil«), längst Realität in Deutschland. Laut aktuellen Umfragen sind mittlerweile mehr als zwei Drittel der Deutschen der Überzeugung, man könne sich zu bestimmten Themen nicht mehr frei oder nur mit Vorsicht äußern. Laut einer Allensbach-Umfrage für die FAZ waren 78% [sic!] der Befragten dieser Ansicht, laut einer Umfrage von Infratest für den MDR 69% [sic!]. Die jüngste Shell-Jugendstudie zeigte, dass nicht nur »alte weiße Männer« dieser Ansicht sind, sondern inzwischen auch viele Jugendliche: 69% von ihnen – wohlgemerkt Jugendliche! – beklagen nämlich, dass man »nicht offen über Migrationsprobleme« reden dürfe. Hierzu passt ein Aperçu, das Idi Amin zugeschrieben wird: »There is freedom of speech. But i cannot guarantee freedom after speech.«
  3. Dieser »Aktivismus«, der allem ins Gesicht schlägt, was überzeugten Demokraten lieb und teuer ist, hat inzwischen Tradition. Bereits 2011 wurde an der Berliner Humboldt Universität mit Schreien und Johlen eine Vorlesung über Immanuel Kant verhindert, mit folgender Begründung: »Weltweit anerkannte Philosoph_innen wie Hegel, Rousseau oder Kant verbreiteten aus einer eurozentristischen weißen Perspektive rassistische Ansichten – so seien die Bewohner_innen von Afrika nicht reif genug für die Freiheit, daher wäre es notwendig, dass sie von den Europäer_innen ›erzogen‹ werden.« Zitiert nach einer Presse-Mitteilung des RefRats der HU vom 11.02.2014 (https://www.refrat.de/article/8765.html?1392145136). Siehe auch: Die Metamorphose der Hochschule zum ideologischen Shithole 
  4. Es sei nur an die »Aktion wider den undeutschen Geist« des Deutschen Studentenbundes (DSt) im Frühjahr 1933 erinnert, die unter der Parole stand: »Der jüdische Geist, wie er sich in der Welthetze [der Begriff der »Hetze« ist keine Erfindung der DDR, wie häufig behauptet wird] in seiner ganzen Hemmungslosigkeit offenbart, und wie er bereits im deutschen Schrifttum seinen Niederschlag gefunden hat, muss aus diesem ausgemerzt werden«. Die Aktion des DSt gipfelte in einer spektakulären Bücherverbrennung, bei der allein in Berlin etwa 25.000 Druckerzeugnisse vernichtet wurden. Den Auftakt bildete die Veröffentlichung von »12 Thesen wider den undeutschen Geist« (die heute ihre Parallele in »Thesen wider den deutschen Geist« oder das »deutsche Volk« finden), in denen es u.a. hieß: »Wir wollen die Lüge ausmerzen, wir wollen den Verrat brandmarken, wir wollen für den Studenten nicht Stätten der Gedankenlosigkeit, sondern der Zucht und der politischen Erziehung« – gemeint waren die Universitäten. Gefordert wurde außerdem eine »Auslese von Studenten und Professoren nach der Sicherheit des Denkens im deutschen Geiste«. Örtliche Kampfausschüsse des DSt sorgten dafür, dass diese politischen Forderungen an nahezu allen Universitäten umgesetzt wurden. Kurz nach der Veröffentlichung der 12 Thesen folgte der Professorenboykott, bei dem Studenten aufgerufen wurden, Hochschullehrer zu denunzieren, d.h. sie mit »belastenden Zitaten« aus Vorlesungen und Schriften an den Pranger zu stellen. Bei der Aktion, an der sich fast alle Universitäten beteiligten, kam es zu organisierten Übergriffen auf Dozenten, Mitarbeiter der Verwaltung und Mitstudenten, Vorlesungen wurden gestört und boykottiert, Professoren am Betreten ihrer Arbeitsstätte gehindert. An manchen Universitäten wurden »Schandpfähle« errichtet, an denen die Namen der angefeindeten Professoren und ihre Werke angeschlagen wurden. Schließlich folgten ab dem 10. Mai 1933 die Bücherverbrennungen in zahlreichen Universitätsstädten, zu deren Vorbereitung systematisch Bibliotheken und Buchhandlungen nach »zersetzender« Literatur durchsucht wurden, deren leichterer Auffindung »schwarze Listen« dienten. In dieselbe Richtung scheint inzwischen der bundesdeutsche Verfassungsschutz zu marschieren, der ein neues Kontakttelefon »RechtsEX« für Hinweise zu »Rechtsextremismus, Rechtsterrorismus, Reichsbürgern und Selbstverwaltern« (sic!) eingerichtet hat. In einer Presseerklärung vom 28. Oktober 2019 teilte der Präsident Thomas Haldenwang mit, es gehe bei diesem Telefon »nicht um Denunziantentum« (um was denn sonst?), sondern um Informationsbeschaffung. Das »neue Angebot« (Denunziation als staatliche Dienstleistung) sei »ein Zeichen für gemeinschaftliches Handeln von Staat und Zivilgesellschaft« – ein »Zeichen«, das all jene, die unter die zuvor genannten Kategorien subsumiert werden können, darunter »Selbstverwalter«, aus der Zivilgesellschaft und damit der Zivilisation ausschließt. Was versteht der Verfassungsschutz unter Rechtsextremismus? Bestrebungen, die sich »gegen die im Grundgesetz konkretisierte fundamentale Gleichheit der Menschen richten.« Das GG spricht jedoch nicht von der »fundamentalen Gleichheit aller Menschen«, sondern von der Gleichheit vor dem Gesetz – und nicht aller Menschen, sondern der deutschen Staatsbürger. Außerdem sollen Rechtsextreme die »universelle Geltung der Menschenrechte« ablehnen – was auf alle zutrifft, die die Kairoer Erklärung der Menschenrechte für verbindlich betrachten, die die »universellen Menschenrechte« der Scharia unterstellt – und generell »offen oder immanent antisemitisch« eingestellt sein, was ebenfalls auf einen Großteil der in Deutschland lebenden Muslime zutreffen dürfte. Schließlich träten beim Rechtsextremismus »individuelle Rechte und gesellschaftliche Interessenvertretungen … zugunsten kollektivistischer ›volksgemeinschaftlicher‹ Konstrukte zurück (Antipluralismus).« Wie antipluralistisch inzwischen der »Mainstream« geworden ist, davon kann man sich durch einen oberflächlichen Blick in die Tagespresse überzeugen, in der über Forderungen nach Einschränkungen der Meinungsfreiheit, ja sogar nach dem Entzug von Grundrechten für »Gedankenverbrecher« (Hassverbrecher) (FAZ: Seehofer will Entzug von Grundrechten prüfen) debattiert wird. (Zu diesem Phänomenkomplex gehört auch das an Orwells »1984« erinnernde Plädoyer Jens Balzers im Deutschlandfunk für den »richtigen Hass«: Hassen? Ja, aber das Richtige!) Der Bremer Verfassungsschutz eilte wie die taz am 17.10. berichtete, dem BfV voran, indem er »die Zivilgesellschaft« dazu auffordere, um »einer weiteren Radikalisierung von Extremisten entgegenzutreten«, »auffällige Signale, Äußerungen oder Verhaltensweisen telefonisch oder per Mail bei der Behörde« zu »melden«. Neonazi-Melder gesucht. – Wer angesichts der durch die Universitätsleitung und den Wissenschaftssenat (Dieter Lenzen, Katharina Fegebank [Grüne]) fahrlässig mit herbeigeführten Situation, vor der Bernd Lucke in Hamburg steht, die Parallele zu 1933 abstreitet, leidet offensichtlich unter Blindheit. Einer der wenigen, die sich nicht scheuen, darauf hinzuweisen, war jüngst der Landesvorsitzende der Jungen Union (JU) in Hamburg, Philipp Heißner: »Das ist eine zutiefst totalitäre Einstellung des AStA an der Uni Hamburg. Wenn ein Professor unter Polizeischutz vom Campus fliehen muss, sind das unhaltbare Zustände. Freiheit von Forschung und Lehre muss für alle gelten!«. (Siehe »Lucke und die Universität HH: Ein Schritt vor und zwei zurück«).  
  5. Armin Nassehi, Die letzte Stunde der Wahrheit, Hamburg 2015, S. 24.  
  6. »In climate research and modelling we should recognize, that we are dealing with a coupled non-linear chaotic system, and therefore that the long-term prediction of future climate states is not possible.« IPCC, Third Assessment Report, 2001, Section 14.2.2.2, S. 774.
  7. Teil 1: https://quillette.com/2019/08/22/why-white-privilege-is-wrong-part-1/ Teil 2: https://quillette.com/2019/10/16/why-white-privilege-is-wrong-part-2/
  8. Peggy McIntosh, White Privilege: Unpacking the Invisible Knapsack 
  9. E. Kendall, Understanding White Privilege, 2002. 
  10. Grafik. Die Autoren sprechen durchgehend von »Liberals« oder »Democrats«. Dieser Ausdruck entspricht im amerikanischen Sprachgebrauch der kontinentaleuropäischen Linken, daher ist im Folgenden zur Präzisierung auch von »Linken« die Rede.
  11. The Partisan Divide on Political Values Grows Even Wider. Sharp shifts among Democrats on aid to needy, race, immigration  
  12. Grafik.  
  13. Grafik
  14. Grafik.  
  15. Conservative Lead in U.S. Ideology Is Down to Single Digits
  16. The Democrats’ Left Turn Is Not an Illusion  
  17. Social Liberals Nearly Tie Social Conservatives in U.S. 
  18. https://twitter.com/ZachG932/status/1108559448665190406
  19. Asian women and men earned more than their White, Black, and Hispanic counterparts in 2017 
  20. Hispanic Household Income Climbs 
  21. Thomas Sowell, Wealth, Poverty and Politics 
  22. New information reported under HMDA (Home Mortgage Disclosure Act) and its application in fair lending enforcement 
  23. Wesley Yang, The Souls of Yellow Folk: Essays 
  24. Completing College – National – 2018 
  25. https://www.census.gov/data/tables/2018/demo/education-attainment/cps-detailed-tables.html
  26. Harvard College, Admission Statistics 
  27. Yale News, Class of 2022: By the Numbers 
  28. MIT Facts  
  29. It Isn’t Just Asian Immigrants Who Thrive in the U.S.
  30. An Empirical Analysis of Racial Differences in Police Use of Force 
  31. The Reverse Racism Effect: Are Cops More Hesitant to Shoot Black Than White Suspects?  sowie: Results from experimental trials testing participant responses to White, Hispanic and Black sespects in high-fidelity deadly force judgement and decision making simulations  
  32. Do White Law Enforcement Officers Target Minority Suspects?  
  33. A new look at racial disparities in police use of deadly force, The Conversation, 31. July 2018,  
  34. Is There Evidence of Racial Disparity in Police Use of Deadly Force? Analyses of Officer-Involved Fatal Shootings in 2015-2016 
  35. Officer characteristics and racial disparities in fatal officer-involved shootings  
  36. Breaking Down Mass Incarceration in the 2010 Census: State-by-State Incarceration Rates by Race/Ethnicity 
  37. Racial and Ethnic Disparities in Crime and Criminal Justice in the United States 
  38. On the Racial Disproportionality of United States’ Prison Populations 
  39. Rising morbidity and mortality in midlife among white non-Hispanic Americans in the 21st century, https://www.pnas.org/content/112/49/15078
  40. Grafik bei pnas.org 
  41. Grafik bei pnas.org 
  42. Appalachia’s Population  
  43. Appalachian Diseases of Despair, Final Report, August 2017
  44. Suicide Rates for Females and Males by Race and Ethnicity: United States, 1999 and 2014 
  45. Pinpointing the Sources of the Asian Mortality Advantage in the United States  
  46. Why Do Women Live Longer Than Men?  

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