»Eine Rückkehr zum Mythos mag wohl angezeigt sein«

Paul Feyerabends Naturphilosophie

Paul Feyerabend, einer der führenden Wissenschaftstheoretiker des 20. Jahrhunderts, beschäftigt sich in seinem nachgelassenen Fragment einer Naturphilosophie mit dem Verhältnis von Mythos und Logos. Dieses Verhältnis ist »eines der großen Themen der Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts und der Gegenwart. Es ist noch keineswegs abschließend geklärt, was im Übergang von der ›mythisch‹ zur ›logisch‹ verfassten Bewusstseinsstufe, wie er sich im Griechenland des 7. bis 5. vorchristlichen Jahrhunderts ereignete, eigentlich geschehen ist.« (Timo Kölling in Leopold Ziegler, eine Schlüsselfigur im Umkreis des Denkens von Ernst Jünger und Friedrich Georg Jünger).

Ähnlich wie Steiner 1895 in seinem Buch Goethes Weltanschauung, sieht Feyerabend in der Philosophie des Parmenides den Beginn eines jahrhundertelangen Irrwegs des abendländischen Denkens. »Eine wahre Odyssee muss das Denken durchschreiten, eine lange Kette von Irrtümern, bevor es sich der wirklichen Welt wieder nähert und die Züge in ihr wiedererkennt, die Schöpfungs- und Entwicklungsmythen einst so lebendig beschrieben haben. Die Odyssee beginnt mit Parmenides … Parmenides ist der Mann, der unveränderliche und rein begrifflich formulierte Gesetze anstelle anschaulicher Ereignisfolgen setzt und der so Wirklichkeit und Welterfahrung, Denken und Anschauung, Wissen und Handeln entschieden voneinander trennt … Ihm verdankt die Wissenschaft den Glauben an ewige Gesetze und die axiomatische Darstellungsweise, die nun als die allgemeingültige Grundlage des Verstehens angesehen wird.« Nich viel anders schrieb Steiner 1895: »In einem verhängnisvollen Augenblicke bemächtigte sich eines griechischen Denkers ein Mißtrauen in die menschlichen Sinnesorgane. Er fing an zu glauben, dass diese Organe dem Menschen nicht die Wahrheit überliefern, sondern dass sie ihn täuschen … Es wird schwer zu sagen sein, in welchem Kopfe sich dieses Mißtrauen zuerst festsetzte. Man begegnet ihm in der eleatischen Philosophenschule … Als die wichtigste Persönlichkeit dieser Schule erscheint Parmenides. Denn er hat mit einer Schärfe wie niemand vor ihm behauptet, es gäbe zwei Quellen der menschlichen Erkenntnis. Er hat erklärt, dass die Eindrücke der Sinne Lug und Täuschung seien, und dass der Mensch zu der Erkenntnis des Wahren nur durch das reine Denken, das auf die Erfahrung keine Rücksicht nimmt, gelangen könne. Durch die Art, wie diese Auffassung über das Denken und die Sinnes-Erfahrung bei Parmenides auftritt, war vielen folgenden Philosophien eine Entwicklungskrankheit eingeimpft, an der die wissenschafliche Bildung noch heute leidet.«

Parmenides wandte sich laut Feyerabend vom mythischen Weltbild ab, das noch in Hesiods Kosmogonie erkennbar ist. In diesem Weltbild sind nicht nur das Tier- und Pflanzenreich, sondern auch die Menschen und der Kosmos Glieder einer Evolution, der nichts entgeht. Raum, Zeit und Stoff ändern sich zusammen mit den Gesetzen, die sie bestimmen, schöpferische Umbildungen sind an der Tagesordnung. Jeder Teil der Welt hat eine Geschichte, die seine eigene Struktur erklärt, Entwicklungsreihen verbinden Belebtes und Unbelebtes, Zerstreutes und Geordnetes, führen von kosmischen Katastrophen zu Stadien der Ruhe, in denen ernorme Kräfte einander das Gleichgewicht halten, zu weiteren Katastrophen, verursacht von einer Störung des Gleichgewichtszustandes. »Zug für Zug«, so Feyerabend, »wiederholt die moderne Kosmogonie und Kosmologie … die allgemeinen Prinzipien der alten mythischen Theorien, und selbst die moderne Theorie von Katastrophen und dazwischen liegendem Gleichgewicht findet in der Geschichte vom Titanenkampf und der Bändigung … der Titanen durch einen mächtigen Gott … ein mythologisches Analogon.« Selbst die Belebtheit der Welt, die Existenz von Schöpferkräften auch in der unbelebten Materie, die in ununterbrochenem Strom ständig neue Formen in diese Welt werfen, eine Grundeinsicht des Mythos, »wird heute zu guter Letzt als richtig erkannt.«

Dieser Gedanke vom impliziten Wissen des Mythos, zu dem die wissenschaftliche Entwicklung nach langen Umwegen erst wieder hinführt, findet sich ebenfalls bei Steiner. 1906 bemerkte er in einem Vortrag: »Die echten Mythen stammen von den Eingeweihten als deren Schöpfung … Und wenden sie die Mythen um, so haben sie, ihrem Begriffe nach, die heutige Naturwissenschaft. In der Naturwissenschaft treten ihnen dieselben Wahrheiten entgegen – die Evolutionswahrheiten, die in den Mythen enthalten sind. Daher kommt die merkwürdige Übereinstimmung des tiefer verstandenen Entwicklungsgedankens mit den urältesten Lehren der Menschheit. (GA 96, S. 137, 1906)

Die Parallelen ließen sich noch weiter verfolgen, etwa, wenn man die Einschätzung des Aristoteles durch beide Autoren vergleicht, der die abendländische Philosophie nach Steiner vor dem Parmenideischen Irrtum hätte bewahren können und der aus der Sicht Feyerabends den »grandiosen Versuch« unternahm, eine Kosmologie aufzubauen, »die sich überall ganz nahe an die Anschauung hält, die den Argumenten des Parmenides gerecht wird, und die doch reich genug ist, um die zahlreichen neuen Tatsachen« der Forschung in sich aufzunehmen. Vergleichbar ist auch die Deutung Bacons durch die beiden Denker.

Erst im Lauf des 20. Jahrhunderts, so Feyerabend, hat man wieder eingesehen, »dass die Idee eines unveränderlichen Gesetzes oder eines absolut stabilen Elementes nur approximative Gültigkeit besitzt, dass die Grundform der Materie die Bewegung ist, dass diese Bewegung alle Bereiche des Lebens umfasst, Belebtes mit Unbelebtem verbindet, und dass auch das Universum als ganzes mit allen seinen Gesetzen ihr unterliegt. Alle diese Ideen sind in Hesiod mit nicht zu übertreffender Klarheit ausgedrückt.« Diese Einsicht von der abgründigen dynamischen Struktur der Wirklichkeit hat Steiner in Anknüpfung an Goethe bereits 1890 zum Ausdruck gebracht: »Das sinnenfällige Weltbild ist die Summe sich metamorphosierender Wahrnehmungsinhalte ohne eine zugrunde liegende Materie«. (Nachzulesen in seinen Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften).

Ein deutliches Plädoyer enthält Feyerabends Studie auch für die Anerkennung der mit der mathematisch-rationalen Weltinterpretation inkommensurablen, aber nichtsdestoweniger originären Form der Wirklichkeitserfahrung des mythischen Bewusstseins: »Belebtheit der Welt, Eingriffe der Götter, ›Offenheit‹ des Seelenlebens sind nicht die Vorurteile oder Irrtümer oder Ergebnisse einer oberflächlichen Betrachtungsweise, sie sind deutlich feststellbare Teile dieser Welterfahrung und ihre Beseitigung ist die Beseitigung von wichtigem Wissen.« Die Welt, so Feyerabend, »erscheint diesen frühen Denkern wirklich als ein ›Du‹ und nicht als ein ›Es‹, der Himmel ist ein ›Bilderbuch‹ und nicht ein ›Rechenbuch‹, jedes beschriebene Phänomen ›ist vorhanden‹, ›wird wahrgenommen‹ und entsprechend behandelt.«

Das Fragment schließt mit einem visionären Ausblick. In der Gegenwart ist eine neue Naturphilosophie und Wissenschaft im Entstehen begriffen. In ihr werden die Mittel wissenschaftlicher Forschung zur Ermöglichung eines Prozesses verwendet, »der Mensch und Natur zu einer höheren, aber keineswegs totlitären Einheit verschmilzt. In diesem Prozess verliert der Mensch weder seine Freiheit noch jenes Ausmaß an Wissen, das er braucht, um seine Probleme in stets wechselnder sozialer und natürlicher Umwelt zu bewältigen. Noch auch gewinnt er dieses Wissen unter Ausschluss weiter Bereiche seiner Menschlichkeit und durch Vergewaltigung der Natur, die ihn umgibt. Sympathie mit dieser Natur, intuitives Verständnis des mannigfachen Lebens, das sie enthält, volle Entwicklung der eigenen Persönlichkeit sind wesentliche Teile der neuen philosophisch-mythologischen Wissenschaft, die sich heute erst undeutlich am Horizont abzeichnet.«

Was dem Wissenschaftsphilosophen hier vorschwebt, ist nichts anderes als jene Form einer spiritualisierten Wissenschaft, die die Anthroposophie anstrebt: eine Synthese von Logos und Mythos, in der Subjektivität und Objektivität, Bild und Begriff, Leben und Reflexion zu einer neuen, höheren Einheit verschmelzen.

Literatur:
Paul Feyerabend, Naturphilosophie
Timo Kölling, Leopold Ziegler: Eine Schlüsselfigur im Umkreis des Denkens von Ernst und Friedrich Georg Jünger
Lorenzo Ravagli, Aufstieg zum Mythos: Ein Weg zur Heilung der Seele in apokalyptischer Zeit

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