Sloterdijks Ethik

Peter Sloterdijk legt in seinem neuen Buch einen ambitionierten Versuch vor, Ethik angesichts der bevorstehenden Apokalypse neu zu denken. Wie stets bei seinen Projekten, durchdringen sich exzentrische Reformulierungen des Bekannten und genialische Vorstöße in unbekannte Dimensionen der Theorie. Seit längerem schon bemüht sich der Kulturphilosoph, der seine biografie-entscheidende, »autooperative Krümmung« durch Bhagwan in Poona erhalten hat, darum, alle kulturellen, geschichtlichen und theoretischen Gegenstände im Lichte einer von ihm als »work in progress« entwickelten, »blasen«artigen Denkweise zu reinterpretieren. Nachdem er sich im »Weltinnenraum des Kapitals« an der beherrschenden universalhistorischen Tendenz der Gegenwart, der Globalisierung, und in »Gottes Eifer« an den drei abrahamitischen Monotheismen versucht hat, wendet er sich nun dem Anruf des Ungeheuren an die Menschheit zu, dem drohenden »Totalzusammenbruch« des menschheitlichen Immunsystems und den aus diesem resultierenden ethischen Forderungen.

Der Struktur des von ihm angewandten Denkens entsprechend, das durchsichtige Hohlräume und schillernd-spiegelnde Oberflächen bildet, beschäftigt sich Sloterdijk aber nicht nur mit den kategorischen Imperativen, die uns das sich abzeichnende Schreckgesicht der Menschheitskatastrophe auferlegt, er streift nebenher und doch grundschürfend eine Fülle von Fragestellungen, die der Ersten Wissenschaft, als die ihm die Ethik erscheint, zufallen. Da es diese mit der entscheidenden Frage nach dem guten oder besser: dem richtigen Leben zu tun hat, gibt es eigentlich nichts Menschliches, das ihr fremd wäre, schließt doch die menschliche Existenz alles ein, was den Menschen ermöglicht und durch ihn ermöglicht wird.

Die umgreifende Geste seines Denkens lässt ihn die Frage nach dem richtigen Leben als Kapitel einer »allgemeinen Immunologie« abhandeln, die nach dem Überlebenswert der Ethik, nach ihrem Sinn innerhalb der Lebenszyklen sich selbst hervorbringender und erhaltender menschlicher Organismen sucht. Ethiken, Lehren vom richtigen Leben, sind, wie alle anderen symbolischen Systeme auch, »psycho-immunologische Praktiken, mit deren Hilfe es den Menschen von alters her gelingt, ihre Verwundbarkeit durch das Schicksal, die Sterblichkeit inbegriffen, in Form von imaginären Vorwegnahmen und mentalen Rüstungen mehr oder weniger zu bewältigen.« Als solche gehören sie zu den »Anthropotechniken«, den mentalen und physischen Übungsverfahren, mit denen die Angehörigen der verschiedenen geschichtlichen Kulturen versucht haben, »ihren kosmischen und sozialen Immunstatus zu optimieren«. Ebenso wie die sogenannten Religionen sind die Ethiken »spirituelle Übungssysteme«, die die Menschheit im Lauf ihrer Geschichte erzeugt hat, um sich selbst zu formen und den Anforderungen einer fragilen Existenz in einer stets prekären Um- und Mitwelt zu genügen. Mit den humanen Organismenreihen evolvieren ihre symbolischen Immunsysteme und deren rituelle Hüllen im Fortgang der Zeit. Das wirklich Wiederkehrende, die Grundwahrheit, zu der die Aufklärungsarbeit der letzten Jahrhunderte nach Sloterdijk geführt hat, ist die Einsicht in die immunitäre Verfasstheit des Menschen. Sie ist die »conditio humana«, aus der sich alle kulturellen Leistungen ableiten und verstehen lassen. Werden die symbolischen Systeme als Ausdrucksleistungen eines evolvierenden, immunitären Wesens verstanden, lässt sich die Frage nach der richtigen Lebensführung als fortwährende Erprobung neuer Immunantworten auf sich verändernde Umweltbedingungen verstehen. Sie sind Schöpfungen des Menschen, die es ihm ermöglichen, sich an seine prekären Existenzbedingungen mehr oder weniger erfolgreich anzupassen.

Sloterdijks Buch ist nicht nur der Versuch einer Grundlegung der Ethik aus dem Geist der Immunologie, sondern auch ein Versuch, die Geschichte der Moralität neu zu deuten. Obwohl es mit der »asketologischen Wende« im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert einsetzt, für die Rilke, Nietzsche, Unthan, Kafka und Cioran stehen, denen die ersten hundert Seiten gewidmet sind, greift es im Folgenden bis in die Jaspersche Achsenzeit zurück, um der Entstehung jener »Vertikalspannung« auf den Grund zu gehen, die allen »Anforderungssystemen« der Geschichte innewohnt. Die ersteren markieren die aus Sloterdijks Sicht für ein modernes Verständnis von Ethik maßgeblichen Exponenten, wird an ihnen doch die doppelte Entwicklung sichtbar, die das Wesen der übungsgeschichtlichen Wende des letzten Jahrhunderts ausmacht: die »Entspiritualisierung der Askesen« und die »Informalisierung der Spiritualität«. Die großen Lehrer der Achsenzeit dagegen, einschließlich Plato, Lao Tzu, Buddha und Jesus, schließlich auch Mohammed, sind »im strengen Wortsinn« keine Zeitgenossen mehr, weil sie einer Zeit angehören, die Ethik noch spirituell verstanden und aus der Beziehung auf eine Überwelt begründet hat. Die Entspiritualisierung der Askesen wird am deutlichsten am Massenphänomens des Sports sichtbar, die Informalisierung der Spiritualität in der Konjunktur der Mystiken, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Erscheinung traten. Exemplarisch für viele andere steht hier Scientology, die Sloterdijk als »erfundene« Religion einer eingehenden Analyse unterzieht. En passant schließt er Theosophie und Anthroposophie in diesen Typus mit ein.

Vertikalspannungen und Hierarchiephänomene sind für den Asketologen so etwas wie eine anthropologische Konstante, die in der Tatsache begründet liegt, dass der Mensch als immunitäres System stets Bezug auf etwas Transzendentes (eine »Umwelt«) nehmen muss, das sich unter Hinzutritt der Sprache, des symbolischen Ursystems, in Spiritualität verwandelt. Aber all jene Übermenschlichkeiten, die das ethische Denken der zweieinhalb vergangenen Jahrtausende bestimmt haben, sind im Grunde nichts als »Schäume«, Häute des »ältesten Parasiten« des Menschen, der Überwelt. Alle Kulturen und Subkulturen bauen auf »Leitdifferenzen« auf, der Mensch als kulturelles Wesen (als Organismus, der sich mit symbolischen und rituellen Hüllen umgibt, die sein psychobiologisches Immunsystem darstellen) bedarf dieses Bezugs auf das »Höhere«, doch ist heute der selbstkritische Umgang mit symbolischen Immunsystemen zu einer Überlebensbedingung der Menschheit geworden. »Wer die Gärten des Menschlichen betritt, stößt auf die mächtigen Schichten geregelter innerer und äußerer Handlungen mit immunsystemischer Tendenz über biologischen Substraten«, so Sloterdijk. Menschen stehen unumgänglich in vertikalen Spannungen, in allen Epochen und Kulturräumen. »Wo immer man Menschenwesen begegnet, sind sie in Leistungsfelder und Statusklassen eingebettet. Der Verbindlichkeit solcher Hierarchiephänomene kann sich selbst der äußere Beobachter nicht ganz entziehen, sosehr er sich um die Einklammerung seiner Stammesidole bemüht.« Die Anthropologie darf die Wirklichkeit dieser Konstanten nicht länger außer Betracht lassen, will sie an den »entscheidenden Vektoren« der »conditio humana« nicht vorbeireden.

Der Mensch, so die Grundeinsicht der allgemeinen Asketologie, ist ein übendes Wesen, das sich selbst hervorbringt, darauf lässt sich der Diskurs über Ethik (auch der über Pädagogik) reduzieren, wenn man alles »Geschwätz« hinter sich lässt. Es ist an der Zeit, den Menschen als selbstformendes und selbststeigerndes Wesen zu denken, das aus der Wiederholung entsteht. Allgemeine Asketologie meint eine umfassende Theorie des »übenden Daseins«, durch die sich alle religiösen, spirituellen und ethischen Tatsachen in die Sprache einer Übungstheorie übersetzen lassen. Durch eine solche Übersetzung lässt sich auch das weit verbreitete Missverständnis ausräumen, es gebe »Religion«, »Glauben« oder »Aberglauben«: in Wahrheit gibt es nur mehr oder weniger ausbreitungsfähige oder ausbreitungswürdige »spirituelle Übungssysteme«.

Mit dieser Spiritualität ist es aber nicht weit her, da Sloterdijk der Bezug auf das real Spirituelle entglitten ist. Einem radikalen Immanentismus verpflichtet, kann er den ethischen »Attraktoren« keinen Ursprung außerhalb des Menschen zugestehen. Seine Beobachtungen über das Hervortreten des Beobachters durch die ethische »Sezession« in der Achsenzeit, über die Verdopplung des Selbstes, das Heraustreten aus dem Strom der Gewohnheiten, enthalten zwar genialische, phänomenologisch-hermeneutische Miniaturen, sie greifen aber historisch zu kurz. Sie blenden gerade jene geschichtlichen Epochen aus, die erkennen ließen, dass das Ethische auf der Verinnerlichung einer im Kosmos ausgebreiteten Moralität beruht und nicht auf einer Veräußerlichung biologischer Strukturen durch Projektion in symbolische Schaumsphären. Nicht in der Achsenzeit ist der Anfang des ethischen Phänomens zu suchen, sondern weit davor: die im Verlauf dieser Zeit erwachende ethische Reflexion beruht auf einer Einstülpung kosmoethischer Strukturen in das Seeleninnere des Menschen. Wird die den Menschen umgreifende Sphäre des Moralischen zu einem Produkt der Evolution erklärt, entzieht man der Spiritualität jede Grundlage. Wenn das Subjekt, das Selbst oder die Seele letztlich nur aus der organischen Materie emanieren, erhebt sich die Frage nach dem Wirklichkeitsgehalt all dieser »spirituellen« Übungssysteme. Zwar lässt sich durch die immunologische Umdeutung der »Religionen« die Frage nach der Gültigkeit von Offenbarungswahrheiten umgehen – sind doch alle nur noch miteinander im symbolischen Immunitätsraum konkurrierende Motivations- oder Identitätskonstrukte – , aber der Einzelne steht dennoch vor der Notwendigkeit der ethischen Unterscheidung. Warum entscheidet er sich für das eine oder das andere dieser symbolischen Systeme? Was haben all diese symbolischen Explikationssysteme der Welt, in der das immunitäre Wesen Mensch lebt, mit dieser und seiner Verfasstheit zu tun?

Wenn die Seele, das »mikrokosmische Organ zur Verdoppelung des Seienden«, lediglich als das Symptom einer »Überreizung« durch das unausweichliche Paradox entsteht, »dass sich das Begehren an unmöglich nachzuahmenden Beispielen ausrichten soll«, wenn das Subjekt letztlich nur ein »Träger von Aktivitätsserien« ist, das Selbst nichts als ein »Gewitter aus Wiederholungen unter einem Schädeldach«, die personale Identität nicht Ausdruck einer psychischen Essenz, sondern lediglich die »tätige Überwindung einer Zerfallswahrscheinlichkeit«, ein »funktionierendes Expertensystem, das auf fortlaufende Selbstwiederherstellung« spezialisiert ist, dann frägt sich, wer eigentlich vom neuen Ethos der »Ko-Immunität«, das Sloterdijk allein für zukunftsfähig hält, noch angesprochen werden soll. Diese »Ko-Immunität« nämlich ist laut Sloterdijk in unserer Epoche, in der die Weltgesellschaft den Limes erreicht und sich erwiesen hat, daß die Erde mitsamt ihren fragilen atmosphärischen und biosphärischen Systemen ein für alle Mal den begrenzten gemeinsamen Schauplatz menschlicher Operationen darstellt, der neue moralische Imperativ. Die Zeit, in der sich der Protektionismus allein auf das lokale Eigene und die Externalisierung des Fremden auf eine anonyme Umwelt beziehen konnte, ist in der Epoche der Globalisierung endgültig vorüber. Nun geht es darum, eine »globale Ko-Immunitätsstruktur unter respektvollem Einbezug der Einzelkulturen, der Partikularinteressen und der lokalen Solidaritäten« zu entwickeln, die planetarisches Format annimmt. Diese allein wird das Überleben der Menschheit im Zeitalter ihrer epochalen Bedrohung sichern können. Doch welche Subjekte werden zu Trägern der neuen Übungsprogramme, die die bevorstehenden Katastrophen abwenden, wenn es solche Subjekte in Wahrheit gar nicht gibt? Was hindert uns daran, auf dem Meer der symbolischen Schäume dahinzutreiben, bis der Untergang uns ereilt?

Peter Sloterdijk, Du mußt dein Leben ändern: Über Religion, Artistik und Anthropotechnik. Suhrkamp Verlag 2009, Frankfurt a.M.2009 , 723 S.

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