Der Uroboros unseres Äons

Der Uroboros unseres Äons

Verblendung, Gier und Hass treiben den endlosen Kreislauf der Illusionen an, aus dem es kein Entrinnen gibt, wenn nicht die erlösende Einsicht gewonnen wird. Diese Erkenntnis wurde nicht von einem Analysten unseres heutigen globalen Wirtschafts- und Finanzsystems formuliert, sondern vor Jahrtausenden von einem indischen Weisen. Und dennoch läßt sich diese Weisheit ohne Abstriche auf die gegenwärtige Lage des kapitalistischen Weltwirtschaftssystems anwenden.

Verblendung läßt das Wesenlose als bedeutsam und erstrebenswert erscheinen, dieser Schein weckt das Begehren, das zum Anhaften an das Vorübergängliche führt, und der Verlust oder Entzug des Vorübergänglichen ruft Hass hervor, Hass gegen andere, von denen man glaubt, sie nähmen es einem weg, Selbsthaß und Welthaß.

Nachdem vor zwanzig Jahren die ideologisch-politischen Systeme der zwangsverordneten Selbstlosigkeit zusammengebrochen sind, und die Selbstsucht mit Siegesgeheul ihren Triumphzug begann, schlagen die Heldengesänge des Kapitalismus immer mehr in Jammern und Zähneklappern um. Grund dafür ist, dass die dem Kapitalismus zugrunde liegenden Verblendungen zu einem immer rasenderen Kreislauf von Spekulation und Depression geführt haben, wie bei einem Fieberkranken, der von seinen Paroxysmen geschüttelt wird. Die angeschwollenen Fluten des vagabundierenden Kapitals stürzen sich in immer kürzeren Abständen auf immer neue Objekte der Begierde, die sich in immer kürzerer Zeit als wertlos erweisen, was zu Beinahezusammenbrüchen des gesamten überhitzten Organismus führt. In diesem Kreislauf der Illusionen nach Schuldigen zu suchen, ist müßig, denn alle sind Getriebene und Treibende zugleich.

Alle, die in irgendeiner Form an diesem Kreislauf teilnehmen, sind auch in ihn verstrickt und für ihn mit verantwortlich. Es gibt kein Entrinnen, es sei denn, man gewänne die rettende Einsicht und handelte nach ihr. Die rettende Einsicht wäre: loszulassen, was man ohnehin nicht besitzen kann. Sich vom Haften am Vorübergänglichen zu befreien, durch die Erkenntnis, dass, was vergeht, weder dauernden Besitz anhäufen, noch dauernd besessen werden kann. Das Vergängliche haftet uns an, so wie wir ihm anhaften. Allem, was wir als Vergängliche hervorbringen können, drücken wir den Stempel unserer Vergänglichkeit auf. Alles Entstandene an uns vergeht, und da es vergeht, sollten wir nicht an ihm haften.

Wir sollten unsere Begierde dem zuwenden, was nicht vergeht. Nur was nicht entstanden ist, kann auch nicht vergehen. Wir haben am nicht Entstandenen und nicht Entstehenden ebenso Anteil, wie am Entstehenden und Vergehenden. Wie sonst könnten wir Entstehen und Vergehen, Nicht-Entstehen und Nicht-Vergehen unterscheiden, wenn wir in uns und an uns nicht das Entstehende und Nicht-Entstehende trügen? Haften wir dem Nicht-Entstehenden, dem Nicht-Vergehenden an, jenem, was schon vor Jahrtausenden wahr war und was heute noch ebenso wahr ist, weil es außer aller Zeit ist, weil die Zeit aus ihm hervorgeht. Durchschauen wir die Illusionen, die das Vorübergängliche in uns hervorruft, befreien wir uns von der Begierde nach dem Wandelbaren, um sie auf das Unwandelbare zu richten. Indem wir dies tun, erlischt die Begierde, denn wie sollte etwas, das immer da ist, unsere Begierde erwecken, und nicht vielmehr stillen? Nur, was uns fortwährend entweicht, ruft das Bedürfnis hervor, ihm nachzulaufen. Was aber immer da ist und uns immerzu erfüllt, weckt keine Begierde, sondern stillt sie, immerfort. Es ruft nicht das Leid der Begierde hervor, sondern das Glück der Befriedigung. Was ist immer gegenwärtig und vermag uns andauernd zu erfüllen, ohne dass wir es suchen, ohne dass wir nach ihm verlangen, weil es alles Verlangen stillt?

Das, was durch sich selbst gegenwärtig ist, was nicht in seinem Entstehen oder Bestehen von einem anderen abhängt, weil es sich selbst ins Dasein ruft, weil es den Grund seines Daseins in sich trägt, weil es uns in sich trägt, die wir aus ihm sind, solange wir in ihm sind. So wenig dieses Etwas gegenständlich ist, so wenig können wir es anfassen oder verzehren. Unsere Hände greifen ins Leere, unsere Augen sehen es nicht, und dennoch ist es da. Denn wäre es nicht da, gäbe es keine Hände und keine Augen, niemanden der greift und niemanden der sieht. Was aber ist das Sehende und Greifende, das immer da ist, auch, wenn das, wodurch wir sehen und greifen, nicht mehr da ist, ebensowenig wie das Gesehene und Ergriffene? Woraus geht unablässig alles Greifbare und alles Ergriffene, alles Sichtbare und Gesehene hervor?

Während wir dem Reichtum und Besitz, der sich selbst ewig vermehrt, endlos hinterher rennen und ihn doch nie erreichen, da wir ihn verlieren, wenn wir ihn erlangen, ist etwas immer bei uns, aus dem wir die Kraft schöpfen, nach dem zu streben, was uns begehrenswert erscheint. Und mit jedem Augenblick entfernen wir uns von der Erfüllung mehr, die sich doch nie von uns entfernt, da sie uns immer schon erfüllt.

In dem Augenblick, in dem wir uns zurückwenden, unseren Blick nach innen kehren, um zu sehen, was sich in unserem Rücken befindet, in dem Augenblick halten wir die Zeit still und das Rad der Illusionen. Denn in diesem Augenblick sehen wir, was nicht sichtbar ist, ergreifen wir, was nicht greifbar ist, finden wir, was wir immer gesucht, aber nie gefunden haben, weil der Ort der falsche war, an dem wir suchten. In dem Augenblick, in dem der objekterzeugende Strom der Begierde in sich selbst zurückfließt, wird er sich selbst zum Subjekt und hört auf, von sich fortzuströmen. Indem er in sich selbst zurückfließt, wird er sich zum Subjekt aller Objekte, zum ewigen Subjekt, zum Subjekt, das nicht entsteht und nicht vergeht, da alle Objekte aus ihm entstehen, es selbst aber aus keinem.

Die erlösende Einsicht könnte zur erlösenden Tat führen: nichts mehr zu wollen, nichts mehr zu begehren. Wenn kein Gläubiger mehr seine Zinsen verlangt, kein Schuldner mehr seine Kredite: steht dann nicht der ganze Kreislauf des Irrsinns still? Bricht dann nicht alles in sich zusammen? Keineswegs. Vielmehr könnte dann das wahrhaft Seiende aus dem Schleier der Illusionen hervortreten, hinter dem es immer schon verborgen war. Zusammenbrechen würden die tönernen Paläste, die gläsernen Hallen, die Welten der Illusion und des Wahns. Aus ihren Trümmern erhöbe sich das Wahre, das ist und immer war.

»Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen und da die Diebe nachgraben und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, da sie weder Motten noch Rost fressen und da die Diebe nicht nachgraben noch stehlen. Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.

Das Auge ist der Leuchter deines Leibes. Wenn nun dein Auge durchsichtig ist, so wird dein ganzer Leib licht sein; ist aber dein Auge trübe, so wird dein ganzer Leib finster sein. Und wenn schon das Licht in dir zur Finsternis wird, wie groß wird erst die Finsternis selbst sein!

Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird dem einen anhangen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn Speise? und der Leib mehr denn die Kleidung? Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie? Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen möge, ob er gleich darum sorget?

Und warum sorget ihr für die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, daß auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist wie derselben eine. So denn Gott das Gras auf dem Felde also kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr euch tun, o ihr Kleingläubigen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allem trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr des alles bedürfet.

Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Ordnung, so wird euch solches alles zufallen. Sorget nicht für morgen; der morgige Tag mag für sich selber sorgen. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigenen Nöte hat.

Verurteilt nicht, damit das Urteil nicht auf euch zurückfällt. Denn jedes absprechende Urteil, das ihr fällt, trifft euch im Grunde selbst. Mit dem Maß, mit dem ihr messet, werdet auch ihr gemessen werden.« Matthäus, 6.19-7.2

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