Wie frei ist die Wissenschaft oder Occupy the Academies

Wie sakrosankt ist uns die Wissenschaft?

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft ist ein Verein, der jährlich rund 2,5 Milliarden Euro an staatlichen Subsidien verteilt, um die Wissenschaft zu fördern. Seine Verfahren sind aber alles andere als transparent und gefährden die Freiheit der Forschung. Dies zumindest meinen der Germanist Roland Reuß und der Jurist Volker Rieble, die ihre fundamentale Kritik an der deutschen Forschungsförderung Mitte Oktober in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorgetragen haben.

Mitglieder dieses Vereins sind Universitäten, Forschungseinrichtungen, Akademien und wissenschaftliche Verbände. Der Verein erteilt das Exzellenzprädikat an Universitäten und richtet Sonderforschungsbereiche ein.

Was Reuß und Rieble vor allem kritisieren, ist die für eine wissenschaftliche Institution bemerkenswerte Intransparenz der Verfahren. Anträge auf Förderung werden von fachwissenschaftlichen Gutachtern beurteilt, deren Identität und Urteile geheim sind. Über die Auswahl der Gutachter entscheiden Fachreferenten in der Geschäftsstelle in Bonn. Und die lassen sich nicht in die Karten schauen. Wenn ein Gutachten positiv ausfällt, befindet darüber ein Fachkollegium weiter, dessen Mitglieder gewählt werden. An den Wahlen können Professoren der Mitgliedsuniversitäten und Wissenschaftler angeschlossener Forschungseinrichtungen teilnehmen. Für die Fachkollegien kandidieren kann man aber nicht selbst, sondern man muss vorgeschlagen werden, und zwar von solchen Mitgliedern, denen die DFG das Vorschlagsrecht erteilt, unter anderem von Leibniz-Preisträgern – die ihrerseits von der DFG erkoren werden. Aber wer kandidieren darf, darüber bestimmt der Senat der DFG. Über die Förderung entscheidet zuletzt ein Ausschuss, der aus den 39 gewählten akademischen Senatoren und 32 Angehörigen der Wissenschaftsbürokratie gebildet wird.

Eigentlich soll die »Selbstverwaltung« in einem nichtstaatlichen Verein solche Irrwege wie die Instrumentalisierung der Wissenschaft im Nationalsozialismus oder auch in der DDR verhindern. Reuß und Rieble halten aber die gesamte Struktur der DFG für untauglich, um dieses Ziel zu erreichen.

Inzwischen ist die Deutsche Forschungsgemeinschaft eine behördenähnliche Organisation mit einer Vielzahl von Gremien und 750 Mitarbeitern geworden, die eine beträchtliche Macht besitzt, die keiner demokratischen Kontrolle unterliegt und sich auch keiner öffentlichen Diskussion stellt. Und das bei einer Verfügung über immerhin 2,5 Milliarden Euro jährlich, die aus Steuergeldern stammen. Zwar gibt es eine Datenbank, aus der man zum Beispiel entnehmen kann, dass das Projekt von Helmut Zander »Theosophie in Deutschland. Eine historiographische Studie zur kulturellen Pluralisierung um 1900« seit 1999 gefördert wurde, aber das ist auch schon alles. Der Bundesrechnungshof kontrolliert die Verwendung der Mittel, aber über seine Befunde erfährt die Öffentlichkeit nichts. Auch der Bundestag besitzt kein Kontrollrecht.

Da die begutachteten Wissenschaftler nicht erfahren, wer sie begutachtet, wissen sie nicht, wer über ihre Förderung entscheidet. Möglicherweise ein Konkurrent, der ihnen die staatlichen Pfründe vorenthalten will. Ausserdem erhalten sie keinen Einblick in die Gutachten und können zu ihnen keine Stellung nehmen, denn die Gutachten sind, angeblich zum Schutz der Gutachter, geheim. Ausserdem findet nach der Förderung keine Bewertung der Forschungsergebnisse statt. Was am Ende herauskommt, interessiert die DFG offenbar nicht. Seit 2006 gibt es zwar ein Institut, das die Qualität der Forschungsförderung untersuchen und sicherstellen soll, finanziert wird es aber wiederum von der DFG – die Generalsekretärin des DFG führt den Vorsitz im Trägerverein des Instituts und dessen wissenschaftlichem Beirat Peter Weingart, der wiederum üppig von der DFG gefördert wird. Interessenkonflikte sind also programmiert.

In welchem Umfang einzelne Gutachter gefördert werden, ist ebenfalls geheim. Nur über die genannte Datenbank lässt sich eruieren, ob und in welchem Ausmaß Funktionsträger der DFG selbst gefördert werden. Vizepräsidenten und Präsidenten der DFG wie – laut Reuß und Rieble – Matthias Kleiner gehören zu den Empfängern von Subsidien. Da die Anträge nicht anonymisiert werden, wissen sowohl die Gutachter als auch die anderen Entscheidungsgremien, wer in den Genuss potentieller Förderungen kommt und wer nicht. Je prominenter ein Wissenschaftler im Apparat der DFG, umso größer seine Chancen auf einen positiven Bescheid.

Auf ein weiteres Problem machen die Autoren aufmerksam: Gutachter, die bestimmte Anträge ablehnen, können sich die Ideen der betreffenden Wissenschaftler aneignen und selbst als Anträge einreichen. Die anonymen Gutachter könnten bereits publizierte fremde Forschungsergebnisse als eigene ausgeben. Reuß und Rieble legen nahe, dass bereits durchgeführte Forschungen als künftige Projekte deklariert wurden, um Förderungen zu erschleichen. In solchen Fällen gebe es zwar staatsanwaltliche Ermittlungen, aber die DFG spreche lediglich eine Rüge aus und schütze die Täter durch – Anonymität.

Da die Bundesländer ihre Forschungsförderung zunehmend reduzieren, sind die Wissenschaftler auf Drittmittel angewiesen. Der größte Drittmittelgeber ist wiederum die DFG. Dies hat laut Reuß und Rieble zur Folge, dass ein nicht unerheblicher Teil der Wissenschaftler sich in einem Ausmaß an die Vorgaben der DFG anpasst, das die Freiheit der Forschung gefährdet. Ministerialbeamte können auf diese Weise grundlegende Richtungen der Forschung festlegen, ohne dass über ihre Wissenschaftspolitik eine öffentliche Diskussion geführt wird. Die DFG gibt Themen, Methoden und Sprache der Wissenschaften vor und lenkt auf diese Weise die Generierung »wissenschaftlicher Erkenntnisse«. Schließlich nimmt die DFG über die Exzellenzinitiative auch auf die Entwicklung der deutschen Universitäten Einfluss. Über die Förderung von Graduiertenkollegs wirkt sie sogar bis in die Promotionsgestaltung von Fakultäten hinein. »Die DFG«, so Reuß und Rieble, »schreibt die Gestaltung der Förderanträge bis in die Sprachgebung hinein vor und reglementiert dadurch Argumentationsstrukturen und Denkmuster in der Wissenschaft.«

Alles in allem ist die Selbstverwaltung der deutschen Wissenschaft im Rahmen der DFG  eine scheindemokratische Veranstaltung, die nur notdürftig autoritäre, korrupte Strukturen bemäntelt. Das ist die Grundaussage der beiden Kritiker. Als Abhilfe schlagen die jedoch nicht etwa die Abschaffung der DFG vor, sondern eine öffentliche Diskussion über deren Verfassung. Sie sind damit weitaus weniger radikal als zum Beispiel Paul Feyerabend, der 1979 in seinem Manifest Erkenntnis für freie Menschen postulierte: »Eine freie Gesellschaft trennt Staat und Wissenschaft« und die Konsequenz dieser Forderung wie folgt beschrieb: »Erhält der Bürger das Recht, seiner Tradition gemäß zu leben, dann hängt auch der Betrieb der Institutionen, zu denen er entweder als Steuerzahler oder als Privatmann einen Beitrag leistet, von seinem Urteil ab: Oberschulen, Volksschulen, Landesuniversitäten, Institutionen wie die National Science Foundation [die der DFG ungefähr entsprechende amerikanische Wissenschaftsförderung], die von Steuergeldern finanziert werden, unterliegen alle dem Urteil der Steuerzahler. Wenn die Steuerzahler in Kalifornien [oder in Bayern] wünschen, dass ihre Landesuniversitäten Woodoo, Volksmedizin, Astrologie, Regentanzzeremonien lehren, dann müssen diese Gegenstände eben in den Lehrplan eingegliedert werden.«

Darüber hinaus schlagen Reuß und Rieble vor, statt den Hochschulen und Institutionen den einzelnen Wissenschaftlern die wesentlichen Beteiligungsrechte zuzuweisen, besonders das passive Wahlrecht. Sie fordern außerdem freie Wahlen in die Entscheidungsgremien. Entgegen dem weitaus radikaleren Vorschlag Feyerabends, der auf eine Kontrolle der Wissenschaft durch die praktische Vernunft und den gemeinen Menschenverstand der Bürger hinauslief, die diese Wissenschaft auch finanzieren, also dem Slogan folgte »Occupy the Academies«, wollen Reuß und Rieble im Grunde die Bevormundung der Bürger durch die Wissenschaftselite fortführen. Daran ändern auch die sonstigen Vorschläge nichts, die das Autorenduo macht. Die Transparenz der Verfahren, die Abschaffung der Anonymität der Gutachter, die inhaltliche Neutralität der Forschungsförderung usw. werden das Grundproblem nicht lösen, dass die an Universitäten betriebene Wissenschaft mit dem realen Leben der Menschen sehr wenig bis nichts zu tun hat, und mit der Wirklichkeit nicht unbedingt mehr.

Hätte man bereits in der Vergangenheit den Steuerzahlern mehr Kontrolle über die Wissenschaften eingeräumt, wäre es denkbar, dass die heutigen Exzesse an den Finanzmärkten hätten verhindert werden können. Denn es waren Wissenschaften und Wissenschaftler, die die mathematischen und ökonomischen Modelle erst entwickelt haben, die von Spekulanten angewendet worden sind, um ganze Nationalökonomien in den Bankrott zu treiben. Es waren auch die Wissenschaften, die die ökologischen Katastrophen der Gegenwart erst ermöglicht haben. Es waren die Wissenschaften, die ein Gesundheitssystem hervorgebracht haben, das Patienten entmündigt und iatrogenes Siechtum in Gesundheit umdefiniert. Es waren die Wissenschaften, die ein Bildungswesen hervorgebracht haben, das Kinder und Jugendliche krankmacht und sie einer erbarmungslosen Selektion unterwirft. Die freien Bürger von heute sollten nicht nur die öffentlichen Plätze besetzen, sondern auch die Akademien. Die bürgerliche Gesellschaft muss sich endlich von der Bevormundung durch die akademische Klasse befreien, deren autoritäre Herrschaft bis in die Empfängnis, die Geburt und den Tod hineinreicht.

Siehe auch: Wissenschaft: Hermetische Strukturen

Inzwischen hat der DFG-Präsident Matthias Kleiner zum Artikel von Reuß und Rieble Stellung genommen. Er schreibt:

»Unrichtige und unsachliche Anwürfe werden dadurch nicht richtiger und sachlicher, dass sie nach dreieinhalb Monaten nur ausführlicher an prominenter Stelle wiederholt werden dürfen. Der in der heutigen FAZ erschienene Beitrag von Roland Reuß und Volker Rieble zeichnet erneut ein Zerrbild von der DFG, das mit der Realität nicht das Geringste zu tun hat. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft ist weder intransparent noch geheimbündlerisch, an öffentlich abgelegter Rechenschaft mangelt es bei ihr ebenso wenig wie an Kontrolle. Dies wissen auch all jene in Wissenschaft, Politik, Medien und Öffentlichkeit, denen es um die Stärkung von Wissenschaft und Forschung und ihrer Förderung in Deutschland geht, nicht aber um ihre Beschädigung. Ihre zahlreichen Reaktionen seit den ersten Anwürfen von Herrn Reuß und Herrn Rieble Anfang Juli zeigen auch, dass diese Anwürfe in ihrem Gehalt und ihrer Zielrichtung richtig eingeschätzt werden. Die DFG ist an jedem ernstgemeinten Diskurs über die Strukturen und die Qualität von Forschungsförderung hochinteressiert; an Skandalisierung und polemischem Disput wird sie sich hingegen nicht beteiligen.«

Der DFG-Präsident fügt hinzu:

»Persönlich lege ich Wert auf die Feststellung, dass ich vor Amtsantritt sämtliche DFG-geförderten Projekte abgegeben und seitdem eine neue Forschungsförderung weder erhalten noch beantragt habe.«

3 Kommentare

  1. Die Wissenschaft ist eben nicht politisch, sondern sie ist frei. Sie darf auch nicht von der Politik, d.h. den Verwaltern des Staates für ihre Zwecke missbraucht werden. Das Abstimmen mit den Füssen und den eigenen Geldgaben, das ist der rechte Weg, um „die Wissenschaft“ zu finanzieren. Das Gleiche gilt für Schulen und Universitäten, die nur der persönlichen Initiative der Lehrenden entspringen dürfen und die keinesfalls Einrichtungen des Staates sein dürfen. Das entspricht auch genau dem Grundgesetz der Bundesrepublik, in der das Schulwesen unter der Aufsicht des Staates steht. Man kann etwas nicht beaufsichtigen, was man selber veranstaltet. Die Polizei, das ist ein Teil des Szaates, beaufsichtigt den Verkehr, dass die vereinbarten Regeln eingehalten werden. Aber sie veranstaltet nicht den Verkehr. So einfache, logische Überlegungen, die jedem vernünftig denkenden Menschen einleuchten, scheinen vielen unzugänglich zu sein.
    Wenn man schon „die Anthroposophie“ als Zeugen heranzieht, dann sollte man sich zu Herzen nehmen, was Rudolf Steiner dem angehenden Geistesschüler – und das sind wir eigentlich alle in unterschiedlichen Stadien – dringend empfiehlt, nämlich nie seinen gesunden Menschenverstand oder das logische Denken zu verlassen. Auch die übrigen in „Wie erlangt man Erkentnisse der höheren Welten“ zu übenden Tugenden würden unserem Zusammenleben als Menschheit sehr förderlich sein.

    Gerhardus Lang, Bad Boll

  2. Die Finanzierung der Wissenschaft über Steuern ist unsinnig, da Steuern für die Tätigkeit des Staates erhoben werden. Der Staat hat jedoch in der Wissenschaft nichts zu suchen, denn laut Grundgesetz ist Wissenschaft und Forschung frei. Was da so frei ist, sollte auch aus freien Stücken finanziert werden, sprich, die aufzubringenden Mittel müssen aus der freien Entscheidung eines jeden Bürgers stammen. Also: Um einen Flug zum Mond zu finanzieren, müssen die vielen Bürger erst davon überzeugt werden, dass so etwas erstrebenswert ist, und sie müssen freiwillig ihren Obolus entrichten. Das gilt für alle Veranstaltungen der Wissenschaft. Da würden dann etwas bescheidenere Budgets entstehen und die Pfründe würden schwinden. Aber sicher würde auch der gesunde Menschenverstand wieder zu seinem Recht kommen, der heute systematisch unterdrückt wird. Das sieht man drastisch an der „Bewältigung“ der Euro-Krise, d.h. der Nichtbewältigung der Insolvenz Griechenlands durch die einfachen Überlegungen des gesunden Menschenverstands. Was da von der Wissenschaft und derselben hörigen Medien verzapft wird, spricht jeder Logik Hohn. Ohne ein staatsfreies Geistesleben wird sich nichts bewegen. Übrigens hat hier auch die Demokratie nichts zu suchen. Denn auch die Finanzierung der Wissenschaft darf nicht durch Mehrheitsbeschlüsse über die Verwendung von Zwangabgaben efolgen, sondern immer nur durch die persönliche Entscheidung eines jeden Bürgers. Er muss entscheiden, ob er den Mondflug oder den Fußballclub finanzieren will. Nur er höchstpersönlich ist zu fragen und sonst niemand.
    Gerhardus Lang, Bad Boll

  3. Der Punkt ist, dass die Wissenschaften /und die Finanzwelt eben auch/ nicht im Enferntesten demokratisch ist. Das sollte man ändern weil es unser Konzept von einer gerechten Gesellschaft mit realer Beteiligung der Bürger am politischen Geschehen ad absurdum führt – und ja, natürlich ist die Wissenschaft auch politisch.

Kommentare sind geschlossen