Die Auferstehung des Menschen in der Anthroposophie

Zuletzt aktualisiert am 5. April 2021.

Die großen Schöpfungsmythen, derer wir uns heute erinnern, erzählen von der Entstehung des himmlischen und des irdischen Menschen. Sie alle münden in die Auferstehung des Menschen in der Anthroposophie.

DIe Auferstehung des Menschen

Isenheimer Altar. Ostersonntag.

Aus dem Licht und dem Wort ist der himmlische Mensch entstanden. Gott sprach: Es werde Licht. Und er sprach: Lasset uns den Menschen machen. Und er schuf ihn zu seinem Bilde, männlich-weiblich schuf er ihn, als Androgyn, als Wesen, das beide Geschlechter in sich vereinte, das weder männlich, noch weiblich war. Am Anfang war der Logos, das Wort. Und das Wort war das Leben und das Licht. Alles ist aus dem Wort entstanden, auch der Mensch, gewoben aus dem Wort und dem Licht. Sein Leib bestand aus Licht und das Wort beseelte ihn.

Vom himmlischen Menschen, dem Makroanthropos ist in den Mythen die Rede, der im Licht und in der göttlichen Weisheit lebte, aus welchen er hervorgegangen war. Erfüllt war er von der Weisheit der Götter, die zueinander gesprochen hatten und indem sie zueinander sprachen, ihr eigenes Bild erzeugten und dieses Bild war der Mensch. Auch der Logos, aus dem der Mensch hervorging, war das, was der Anfang sprach. Der Logos war bei Gott und ein Gott war er; oder wie Gott war er. Denn er entstand, indem Gott sein eigenes Wesen aussprach. Und indem er sein Wesen aussprach, wurde der Logos zum Bild dieses Wesens, seinerseits sprechend, eben das Wort Gottes. Das Wort war aus dem Wesen Gottes herausgestellt, es war neben Gott, er war sein sprechendes Bild. Er war wie Gott und war doch nicht wie jener, denn er war sein ausgesprochenes Wesen, im Unterschied zum Unausgesprochenen. Im Logos, im Sprechen Gottes, entfaltete sich die Schöpfung, aus dem Einen ging das Viele hervor, aber das Viele war nur das Eine, ausgesprochen als die Fülle seines Wesens, überschäumend, unausschöpfbar. All die Bestimmungen des Seins, die zuerst im Verborgenen in unausgesprochener Einheit existierten oder auch nicht existierten, da sie nicht ausgesprochen, nicht in Erscheinung getreten waren, sie traten ins Licht hervor und bildeten die Welt, die Schöpfung in der unabsehbaren Mannigfaltigkeit ihrer Widersprüche.

Ewig war der himmlische Mensch, da sein Leib aus Licht gewoben war, weise war dieser Mensch, da er von der Weisheit der Schöpfermächte beseelt war, ein Bild Gottes, aber eben nur ein Bild.

Auch von der Entstehung des irdischen Menschen redet der Schöpfungsmythos. Und Gott der Herr, Jahwe, nahm Staub der Erde und schuf aus ihm den Menschen. Auch dieser Mensch, der irdische, fleischliche, war anfangs androgyn. Aber Jahwe schuf ihm eine Gefährtin, indem er einen Teil aus ihm entnahm, eine Rippe und aus ihr ein zweites Bild schuf, das dem ersten ebenbürtig war und sich doch von ihm unterschied. Jetzt erst gab es zwei Geschlechter, die sich mehren sollten. Nicht der himmlische Mensch war es, der sich geschlechtlich vermehrte, sondern der irdische Mensch. Der himmlische Mensch, der Mensch, der aus Licht gewoben war, den der Logos beseelte, bedurfte keiner Vermehrung, er war bereits vermehrt: in ihm lebte die Fülle des Menschseins, er fasste die Menschheit in sich, er kannte keinen Anfang, außer seinen Anfang in Gott und kein Ende, da er nie aus dem Reich der himmlischen Heerscharen, der Elohim, dem Logos, heraustrat, sondern in ihnen lebte, Teil von ihnen war.

Wie kam der himmlische in den irdischen Menschen? Indem Jahwe dem Leib aus Staub eine Seele einhauchte. Mit dem Odem zog der himmlische in den irdischen Menschen ein. Erst in Adam, dem von der Erde genommenen, alsdann, nach seiner Teilung, auch in Eva. Und es entstand die irdische Sprache. Auch sie zuerst ein Abbild der himmlischen, denn der Mensch vermochte allen Wesen ihre Namen zu geben. Und gesetzt waren beide ins Paradies, den Garten Eden, das irdische Abbild des Himmels, in dem der himmlische Mensch gelebt hatte, bevor Jahwe sein irdisches Abbild schuf, das erst vollendet war, nachdem die beiden Geschlechter, die der himmlische Mensch als Androgyn in sich trug, aus ihm herausgesetzt waren und sich gegenübertraten. Nackt waren sie und ohne Schuld. So wanderten sie im Paradies umher, im himmlischen Frieden unter allen Geschöpfen. In diesem Paradies standen zwei Bäume: Jener des Lebens und jener der Erkenntnis. Und das Verbot wurde ausgesprochen, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Denn die Erkenntnis würde die Harmonie zerstören, die Harmonie des Paradieses. Die Erkenntnis würde Entzweiung bringen, war sie doch wie ein Spiegel, der einen Doppelgänger schuf, ein Bild dessen, was schon da war, Falschheit im Wahren, weil es etwas vorspiegelte, was es nicht war, nicht sein konnte, indem es vorgab, das zu sein, was es nicht war. Das Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen, wäre nicht zum Problem geworden, hätte sich nicht in der Seele, in Eva, die Versuchung geregt. Empfänglich wie sie war, für die Eingebungen des Geistes, nahm sie den Gedanken der Schlange auf, der ihr verhieß, wie Gott zu werden. Der Geist der Negation, der stets verneint, der stets das Böse will und doch das Gute schafft, musste wirken, damit aus dem allgemeinen Wesensbild des Menschen der individuelle, sich am anderen bildende Mensch, das Inbild des sich selbst bildenden Wesens werden konnte. Die Schlange pflanzte die Begierde in die Seele des Menschen nach Erkenntnis. Und sie wandte sich der Erkenntnis zu, indem sie von der Frucht jenes Baumes kostete. Plötzlich wurden ihr die Augen aufgetan, sie erkannte, dass sie nackt war und schämte sich.

Solange der himmlische Mensch im irdischen den irdischen nicht als solchen erkannte, schämte er sich nicht. Nun aber sah er, dass er sich von sich selbst unterschied. Er war nicht mehr androgyn, allumfassend, von der Entzweiung frei, sondern in die Entzweiung eingetreten, unvollkommen; zwar noch immer ein Bild Gottes, aber ein unvollkommenes, mit Widerstreit und Widerspruch behaftetes. Was der eine an sich trug, trug der andere nicht mehr an sich und umgekehrt. Was der eine vermochte, vermochte der andere nicht mehr. Der eine war Krug, der andere Wasser; der eine zeugte, der andere empfing. Der irdische Mensch fiel durch die Erkenntnis, dadurch, dass er umging mit dem Schatten, den er erschuf, durch den Doppelgänger, der neben ihm herging, aus dem Paradies. Der Doppelgänger der Erkenntnis war es, der ihn herabzog. Und Jahwe vertrieb sie aus dem Paradies, umkleidete sie mit Kleidern aus Fell und hieß sie, im Schweiße ihres Angesichts zu säen und zu ernten. Vor dem Eingang zum Garten Eden wacht seither ein Cherub, heißt es. Bald traten Kain und Abel, die ungleichen Brüder, in die Welt jenseits des Paradieses und der erste Mord geschah. Mit der Erkenntnis, dem Verlust des Paradieses, war dem in die Geschlechterentzweiung herabgefallenen Menschen auch der Zugang zum Baum des Lebens entzogen. Zwas vermochte er das Leben weiterzugeben, aber es war nicht das himmlische. Vergängliche Abbilder seiner selbst erzeugte er. Sterblich wurde er, Krankheit, Alter und Tod befielen ihn. Er lebte nicht mehr ewig, sondern nur noch in den Geschlechtern fort, die aus ihm durch Zeugung hervorgingen. Der irdische Mensch; nicht jedoch der himmlische, jener, der dem Leib aus Staub eingehaucht worden war. Aber dieser vergaß sich selbst, verstrickt in die Spiegelbilder der Erkenntnis, wie er war. Mit der Vertreibung aus dem Paradies und dem Erwachen für die Schattenwelt war jener Krug der Pandora geöffnet, aus dem alle Übel hervorstürmten, die den Menschen seitdem plagten. Mit der Vermehrung entstand Entzweiung über Entzweiung. Der erste Brudermord zeugte sich ebenso fort, wie die Geschlechter. Stets ist der Mord ein Mord unter Brüdern, denn alle Geschlechter gingen aus dem ersten hervor. Stämme entstanden, Völker entstanden, Rassen entstanden. Und alle bekriegten sich. Schließlich folgte die Sintflut und der erste Versuch einer Erneuerung der Welt.

So erzählt es der Mythos. Er schildert nicht etwa die Vergangenheit, sondern die Gegenwart. Denn was er als Geschehnis der Vergangenheit erzählt, verbirgt sich als esoterisches Geheimnis in unserer Gegenwart. Wir müssen nur die Augen auftun, um zu sehen. Alle besitzen wir diese Augen. Die Genesis ist eine Zustandsbeschreibung unserer Welt, nicht ein Schauermärchen für Kinder. Von Tod, Hass, Neid, Lüge und Gier wird die Welt beherrscht. Das erkannte auch Buddha. Deshalb lehrte er einen Weg der Befreiung, der auf dem Durchschauen der Täuschungen der Schattenwelt beruhte. Öffnet eure Augen, sagte er, auf dass ihr erkennt, dass Gier und Hass nur auf Verblendung beruhen, dass sich alles als Schein erweist, sobald ihr euch von der Illusion der Spiegelwelt befreit. Befreit euch von den Begierden des Fleisches, befreit euch zuletzt vom Fleisch und ihr findet euer Heil.

Aber der Mythos enthält mehr. Er enthält die Botschaft der Hoffnung, der Zuversicht, inmitten der Verblendung und des Todes. Denn das Wort ward Fleisch. Der Logos wurde Mensch. Hier wird nicht jene Geschichte erzählt, die wir eben hörten, die Geschichte von der ersten Menschwerdung Gottes in der Schöpfung, sondern die Geschichte von seiner zweiten Menschwerdung. Denn Gott sandte seinen Sohn aus, um die irdisch gewordene Menschheit, die in Streit und Hass zerfiel, die vom unendlichen Leid heimgesucht wurde, das sie auf sich gezogen hatte, indem sie sich in der selbst geschaffenen Schattenwelt verstrickte, zu heilen. Und der Logos ward Mensch und wohnte unter uns, in all seiner Herrlichkeit, der Herrlichkeit des einzigen Sohnes, die vom Vater kommt, voller Gnade und Wahrheit. Dieser Logos, der Mensch wurde, war das wahre Licht, das alle Menschen zu erleuchten vermag. Er war das Licht und das Leben, aus dem die Welt entstanden war. Er kam in sein Eigentum und gab jedem die Macht, ein Kind Gottes zu werden. Aus Gott wiedergeboren zu werden.

Jener Logos, aus dem der Mensch entstanden war, als himmlisches Wesen, gewoben aus der Weisheit des Wortes und dem Licht, bekleidet mit einem unsterblichen Leib, lebend in der Fülle der lebendigen, schöpferischen Weisheit der himmlischen Heerscharen, jener Logos, der dieses himmlische Wesen in sich zusammenfasste, der sein Urbild, sein Ursprung, sein Vater war, er wurde Sohn, er ward Fleisch, er inkarnierte sich. Um des Menschen willen – gleichgültig, ob Mann oder Frau, ob Jude, Heide oder Grieche. Er kam, um jene ursprüngliche Integrität des himmlischen Menschen wiederherzustellen – im irdischen Menschen. Um das Bild Gottes in seiner Herrlichkeit wieder aufzurichten, um das Licht der wahren Erkenntnis inmitten der Schattenwelt anzuzünden, um die Kinder Gottes an ihr wahres Wesen zu erinnern.

Er trat ein in die Welt des Fleisches, er ward Fleisch. Er nahm den Tod auf sich, er durchlitt ihn, um ihn zu überwinden. Nur wer stirbt, kann auferstehen. Wörtlich und metaphorisch. Nur wer krank ist, kann geheilt werden. Nur wer den irdischen Leib ablegt, kann in seinem himmlischen aus ihm hervorgehen. Der Logos, aus dem alles Leben und alles Licht entstanden war, er kam; die Fülle des Lebens kam, um sich auszugießen, in eine dahinsiechende Menschheit, um ihr den Samen der Auferstehung einzupflanzen. Und die, in deren Seelen der Samen auf fruchtbaren Boden fiel, blühten auf. In ihnen ging das Licht einer höheren Erkenntnis auf, der Erkenntnis, dass der Geist stärker ist als das Fleisch, die Liebe mächtiger als der Tod.

Er kam zur ganzen Menschheit, nicht nur zu einem auserwählten Teil. Er kam zu keinem Geschlecht, zu keinem Volk, zu keiner Rasse, er kam zur Menschheit als Ganzer, denn er trug diese ganze Menschheit in sich. Seine Liebe umschloss und umschließt alle. Der schöpferische Weltengrund hat sich in seiner unendlichen Liebe ausgegossen in die Menschheit, auf dass wir aus ihm schöpfen immerdar, so wir denn zur Quelle gehen und unsere Hände in sie eintauchen und daraus trinken. Und er kam, um uns die Erkenntnis eben dieser Tatsache zu ermöglichen: dass wir aus ihm trinken können, um unseren Durst zu stillen, dass wir Nahrung aus ihm schöpfen können, Trost, der uns tröstet in unserem Leid, Heilung der Aussätzigen, der Lahmen, der Blutflüssigen, der Besessenen. Unerschöpflich ist diese Quelle, zugänglich allen, die sie aufsuchen, immer neue Offenbarungen gehen aus ihr hervor, bis eine neue Welt enstanden ist aus dem Menschen.

Und dies alles nur, indem wir auf ihn hinblicken: den Menschen, der Fleisch wurde, um das Kreuz des Leides auf sich zu nehmen, um zu sterben und aufzuerstehen. Um uns die Botschaft nahezubringen, dass das Unsichtbare, das Unbeweisbare, das Unwägbare, das Irrationale, das Unwissenschaftliche größer ist, als alles, was uns aus der Schattenwelt, über die die Schlange regiert, als angebliche Wahrheit entgegenklingt. Um uns die Botschaft nahezubringen, dass sich die Mächte der Täuschung und der Lüge, die Kosmokratoren, gegen uns verschworen zu haben, um uns in die Irre zu führen. Metanoeite, ändert euren Sinn, blickt auf eure Wahrheit, die Wahrheit, die ihr in euch findet, nicht draußen – aus der ich spreche, der Logos, der kam, um euch zu Kindern Gottes zu machen, um euch zu ermächtigen gegen die Herrscher der Finsternis, in eurer Gotteskindschaft euch zu vereinen in Liebe und Freiheit. Vereinigt euch mit jenem Urwesen, das alles durchdringt, in eurem Denken. Sprecht euer Wesen in Freiheit aus, die Sophia, die in euch lebt, euch Anthropoi, zeugt von eurem Freiheitswesen, das aus mir lebt, das keine Macht dieser Welt euch rauben kann, denn ich bin bei euch, bis ans Ende aller Tage.

Und er sagte: Ich bin die Wahrheit und das Leben. Dort ist die Wahrheit, wo das Leben ist. Im Tod ist die Unwahrheit. Der Tod ist die Unwahrheit. Die Wahrheit des Todes ist das Leben. Diese Botschaft ruft uns der Auferstandene zu. Er ist hier, er ruft uns jetzt zu: Aufersteht!

Literaturhinweis: Frank Linde: Auferstehung.


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