Im Wartesaal geboren

Im Februar 1913 hielt Steiner einen autobiographischen Vortrag, in dem er auf seine Kindheit zurückblickte. Darin teilte er einige Details mit, die sich sonst nirgends erwähnt finden.

Als Sohn eines kleinen Beamten der österreichischen Südbahn wuchs Rudolf Steiner auf Provinzbahnhöfen auf. Zu seinen bevorzugten Aufenthaltsorten gehörten die Wartesäle, die meistens leer waren. Obwohl es sich um kleine, unbedeutende Orte wie Mödling, Pottschach oder Neudörfl handelte, kam der kleine Rudolf dennoch mit den modernsten Techniken der damaligen Zeit in Berührung: mit der Eisenbahn und der Telegraphie. Mit diesen technischen Errungenschaften kontrastierte die Naturumgebung, in der er aufwuchs, besonders in der Zeit, als die Familie in Pottschach, am Fuß der steirisch-niederösterreichischen Kalkalpen lebte. Im Winter leuchteten die Schneefelder vom Sonnwendstein und anderen Gipfeln herunter und erweckten in ihm erste Ahnungen vom Erhabenen, das sich durch die Natur offenbart.

Die Familie, besonders der Vater, war freigeistig orientiert, hatte weder mit der Obrigkeit noch mit der Kirche etwas im Sinn. Selbst hier in der Provinz konnte Steiner die Auflösungserscheinungen des Katholizismus beobachten und Zeuge der weltanschaulichen Kämpfe zwischen Freimaurern und Jesuiten werden. Aus dem Nachbarort kam öfter ein Pfarrer zu Besuch, der die Sympathien seines Vaters genoss, weil er ebenso freigeistig dachte, wie er. Er schimpfte über die Jesuiten und hatte kaum ein gutes Wort für die Kirche übrig. Keiner wusste, warum er eigentlich Pfarrer war. Eines Tages erhielt der Pfarrer Besuch vom Bischof. Aber das schien ihn nicht sonderlich zu kümmern, denn man musste ihn mit der Nachricht, der hohe geistliche Würdenträger stünde schon in der Kirche, aus dem Bett holen.

Da die Einstellungen der Eltern in diesem Lebensalter mehr als später auf die Kinder abfärben, verwundert es nicht, dass auch der kleine Rudolf einen »gewissen Freiheitssinn im Leibe hatte«. Er weigerte sich, Vorgesetzte des Vaters oder Sommerfrischler zu grüßen und machte wohl kaum einen wohlerzogenen Eindruck. Er verkroch sich dann in eine Ecke des Wartesaals und studierte in einem Bilderbuch, das von einer Figur handelte, die eine Mischung aus Kasperl und Eulenspiegel war, wahrscheinlich ein Vorläufer des heutigen Comic.

Auch später, in Neudörfl, unweit von Wiener Neustadt, gehörte der Pfarrer gewissermaßen zum Inventar des Bahnhofs. Auch von diesem neuen Pfarrer erfuhr Steiner nichts über Religion, aber dafür brachte er ihm die Grundlagen des kopernikanischen Weltsystems bei, das damals noch als ketzerisch galt. Er war ein glühender magyarischer Patriot und ebenso glühend lehnte er die Freimaurer ab, die damals in Neudörfl eine Loge eröffnet hatten.

Schließlich berichtet Steiner über einen weiteren Geist­lichen, einen Zisterzienser, der es als Bauernsohn zum Geistlichen gebracht hatte, worauf das Dorf besonders stolz war. Weniger stolz dürfte es darauf gewesen sein, dass der Geistliche, der in jährlichen Abständen seinem Dorf einen Besuch abstattete, zusammen mit einer Frau einen Wagen vor sich her schob, der sich von Jahr zu Jahr mit mehr Kindern anfüllte. Ironisch bezeichnet Steiner diese Kinder als »Beigaben zum Zölibat«. Im Pfarrhaus lebte ein Knabe, der dieselbe Klasse wie Steiner besuchte. Zu Neujahr und den Namenstagen der Eltern mussten die Kinder immer Glückwünsche verfassen. Einmal warf der kleine Rudolf einen Blick in das Glückwunschschreiben des Knaben vom Pfarrhof und stellte fest, dass er im Unterschied zu den anderen Kindern mit »Ihr herzlich ergebener Neffe« unterzeichnete. Da er nicht wusste, was dieser Ausdruck bedeutete, aber vermutete, er könne nur eine besondere Form von Herzlichkeit beinhalten, unterschrieb er die Glückwünsche an seine eigenen Eltern ebenfalls mit »Ihr herzlich ergebener Neffe.« Seine Eltern klärten ihn dann allerdings über das Verhältnis jenes »Neffen« zu seinem »Onkel« auf.

Dieses Sittengemälde aus Österreich wäre nicht vollständig, wenn nicht auch noch eine Geschichte erwähnt würde, die die Kehrseite der freigeistigen Atmosphäre, in der der Knabe aufwuchs, spiegelte. Auch diese Episode spielt in einem Wartesaal.

Eines Tages saß der etwa siebenjährige Rudolf wieder einmal allein in dem kahlen, nur mit einem Ofen und Sitzbänken bestückten Raum. Da tat sich die Tür auf und eine Frau trat herein. Sie begann unter lebhaften Gebärden zu dem Knaben zu sprechen und bat ihn um Hilfe. Schließlich verschwand die Frau im Ofen. »Der Knabe hatte niemanden in der Familie, zu dem er von so etwas hätte sprechen können, und zwar aus dem Grunde, weil er schon dazumal die herbsten Worte über seinen dummen Aberglauben hätte hören müssen«, kommentiert Steiner. Tage später erfuhr Rudolf, dass sich ein nahestehendes Familienmitglied das Leben genommen hatte. In seinem Vortrag lässt er keinen Zweifel daran, dass ihm damals die Seele der Verstorbenen erschienen war. Von diesem Tage ab veränderte sich das Seelenleben des Knaben. Er sah in der äußeren Natur nicht mehr nur die Bäume, Bäche und Pflanzen, sondern auch die schaffenden Wesen, die Geister der Natur. Es wäre also nicht völlig verfehlt zu sagen, dass die Anthroposophie im Wartesaal eines Bahnhofs geboren wurde.

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