Philosophische Esoterik

Ein verbreitetes Vorurteil über Rudolf Steiner und die »Theosophie« räumt Robin Schmidt in einer kleinen, aber inhaltsreichen Studie beiseite. Das Vorurteil besteht in der Annahme, Steiner habe vor 1900 weder mit »Theosophie« noch mit Esoterik etwas anfangen können und kaum mehr als oberflächliche Kenntnisse beider besessen.

Dass das Gegenteil der Fall war, zeigt der Autor in seiner quellengesättigten Studie, die sich mit der Geschichte der »Theosophie« (gemeint ist die von H.P. Blavatsky ausgegangene spirituelle Bewegung) im deutschen Sprachraum und Rudolf Steiners Auseinandersetzung mit dieser Bewegung vor 1900 beschäftigt. Die Studie ist Teil einer umfassenderen Untersuchung zur Geschichte der Anthroposophie. Sie wurde aber aufgrund der Veröffentlichung von Helmut Zanders Zettelkästen vorab publiziert, – nicht zuletzt, um dessen gravierenden Fehlurteilen die historischen Tatsachen entgegenzusetzen. Sie befasst sich mit der Entstehung der Blavatsky-Theosophie aus der Abgrenzung gegen den Spiritismus, der Ende des 19. Jahrhunderts Züge einer Volksreligion angenommen hatte, mit der Geschichte der Theosophischen Gesellschaft und den in ihr geführten Richtungskämpfen, den Auseinandersetzungen und Spaltungen nach dem Tod der überragenden Gründerin und den verschiedenen theosophischen Gruppierungen nach 1900, in deren Dickicht sie etwas Licht bringt. Sie befasst sich auch mit Steiners Zugang zur Theosophie in der Zeit zwischen 1885 und 1890, seinem Begriff der Esoterik, der bereits in den 1890er Jahren deutlich ausgebildet war und schließlich mit den langwierigen Auseinandersetzungen um die Gründung einer Deutschen Sektion und die Wahl Rudolf Steiners zum Generalsekretär. Damit umfasst sie einen Zeitrahmen von nahezu 60 Jahren, der souverän auf einige Kernmotive reduziert wird.

Schmidt gelingt es nicht nur, einige Hauptfiguren des geistesgeschichtlichen Dramas, das den Titel »Theosophie« trägt, mit wenigen Pinselstrichen zu porträtieren, er arbeitet auch, im wohl spannendsten Kapitel, den Begriff der Esoterik heraus, den Steiner bereits vor 1900 entwickelt hatte. Der Boden, auf dem dieser Begriff stand, war philosophischer Natur. Bereits Hegel hatte von einer philosophischen Esoterik gesprochen: »Philosophie ist die esoterische Betrachtung Gottes und der Wahrheit.« Damit meinte er eine voraussetzungslose Entwicklung von Begriffen, durch die sich die dem bloßen Verstand verschleierte Wahrheit von selbst enthüllen sollte. In diesem Sinne entwickelte auch Steiner einen voraussetzungslosen Esoterikbegriff, der allerdings – im Gegensatz zur esoterischen Philosophie Hegels – das erkennende Subjekt in den Mittelpunkt stellte. Nach Schmidts Auffassung enthielt Steiners Esoterikbegriff fünf Kernelemente: der Überzeugung, eine wissenschaftliche Erkenntnis des Geistes sei möglich, einer hierfür eigens entwickelten Methode, die an Fichtes Philosophie der ideellen »Thathandlung« anknüpfte, der Auffassung, Esoterik bringe die gewonnene Erkenntnis in bildlicher Form zum Ausdruck, der Anerkennung kulturell unterschiedlicher Wege zur Wahrheit und der Einsicht in die transformierende Wirkung esoterischen Wissens. Dieser Begriff von Esoterik wurde sowohl den wissenschaftlichen Standards der Zeit gerecht als auch ihren religiösen Bedürfnissen, da er die unbefriedigten Sehnsüchte »heimatloser Seelen« mit dem empiristischen Objektivitätsideal versöhnte. Die Kluft zwischen Glauben und Wissen besteht auch noch heute in der exoterischen Kultur und insofern ist diese Auffassung von Esoterik so aktuell wie vor hundert Jahren. Mehr noch: sie stellt gegenüber dem Schwall spiritistischer Auffassungen des Geistigen, der aus den Massenmedien quillt, ein notwendiges Korrektiv dar. Auch die gegenwärtige Esoterikforschung hat mit genau diesem Problem zu kämpfen: ihre Methodendiskussionen zeigen, dass die Dualität von Glauben und Wissen, Wissenschaft und Offenbarung nach wie vor nicht überwunden ist. Dass es eine wissenschaftliche Esoterik bzw. eine esoterische Wissenschaft gibt, diese Einsicht beginnt sich erst allmählich durchzusetzen. Steiner war auch in dieser Hinsicht seiner Zeit um ein gutes Jahrhundert voraus.

Hervorgehoben sei, dass sich Schmidts Studie insofern wohltuend von manchen anderen Werken abhebt, als sie nicht in das antitheosophische Narrativ verfällt, sondern ihrem Gegenstand mit Empathie begegnet. Solche Empathie ist einem der führenden amerikanischen Esoterikforscher, Arthur Versluis, zufolge eine unabdingbare Voraussetzung dafür, dass sich der Gegenstand dem Wissenschaftler überhaupt erschließt. Auf Schmidt »eigenständige Geschichte der Anthroposophie«, die sich hoffentlich bis in die Gegenwart erstrecken und die vielfältigen Konflikte nicht aussparen wird, darf man gespannt sein.

Robin Schmidt, Rudolf Steiner und die Anfänge der Theosophie, Rudolf Steiner Verlag 2010,207 S.

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