Die absolute Wahrheit

Was sind Feindbilder, wie kommen sie zustande und wann beginnen sie in Dämonisierung und Diabolisierung von Gegnern überzugehen? Und inwieweit sind Feindbilder, Bilder von Feinden, berechtigt und sogar notwendig? Lohnende Fragen, mit denen sich Peter Tepe und Tanja Semlow in einem neuen Band der Reihe »mythos« auseinandersetzen.

Tepe und  Semlow leiten aus ihrer Untersuchung die Notwendigkeit ab, grundsätzlich auf Absolutheitsansprüche zu verzichten. Sie begründen ihr »Plädoyer für eine Position ohne Absolutheitsanspruch« in ihrem durchaus lesenswerten Aufsatz »Dämonisierung des Gegners: Feindbilder« mit folgendem Argument: »Es ist unmöglich, einen weltanschaulichen Absolutheitsanspruch mittels kognitiver Kriterien zu begründen. Daher sollte auf solche Ansprüche generell verzichtet werden. Man kann es durchaus lernen, das eigene Weltbild, seine Werte und Ziele engagiert zu vertreten, ohne sie für definitiv richtig zu halten und höhere Weihen für sie zu beanspruchen, d.h., ohne sie mit Letztbegründungen auszustatten (z.B. durch Verankerung im Wesen des Menschen, der Natur, der Geschichte) und so unanfechtbar zu machen. Dann kann man Andersdenkende und -wollende grundsätzlich respektieren und tolerieren.« (mythos no. 3, S. 31, Würzburg 2011)

Die Autoren scheinen tatsächlich der Auffassung zu sein, dass es prinzipiell unmöglich ist, einen Absolutheitsanspruch mittels »kognitiver Kriterien« zu begründen. Sonst hätten sie wohl geschrieben: »uns ist es unmöglich«. Nein, nicht nur ihnen, sondern allen soll es unmöglich sein. Also: es ist prinzipiell unmöglich. Nun handelt es sich bei diesem Satz: »Es ist unmöglich, einen weltanschaulichen Absolutheitsanspruch mittels kognitiver Kriterien zu begründen«, um eine selbstwidersprüchliche Aussage. Entweder, er gilt absolut und stellt damit einen mittels kognitiver Kriterien aufgestellten Absolutheitsanspruch dar, oder er wurde nicht mittels kognitiver Kriterien aufgestellt und wäre irrational, also eine Glaubensüberzeugung, die »höhere Weihen beansprucht« und sich »unanfechtbar« macht. Mit dem Satz verhält es sich wie mit dem bekannten Beispiel des Kreters, der behauptet, »alle Kreter lügen«. Entweder er lügt, dann sagt er die Wahrheit oder er sagt die Wahrheit, dann lügt er. Entweder, der Satz, »es gibt keine absolut gültige Wahrheit«, gilt, dann muss er falsch sein, weil er eine absolut gültige Wahrheit ist, oder er gilt nicht, dann ist das Gegenteil von dem wahr, was er behauptet.

Wenn also der Satz: »Es ist unmöglich, einen weltanschaulichen Absolutheitsanspruch mittels kognitiver Kriterien zu begründen«, richtig ist und gilt, und wenn er mittels kognitiver Kriterien begründbar ist, dann widerlegt er sich selbst. Es ist offensichtlich doch möglich, einen weltanschaulichen Absolutheitsanspruch mittels kognitiver Kriterien zu begründen, aber dann ist der Satz falsch. Er ist falsch, dann und gerade dann, wenn er gilt. Oder aber, die Autoren beanspruchen gar nicht, dass dieser Satz selbst auf kognitiven Kriterien aufgebaut ist, dann fragen wir uns, warum wir ihn glauben sollen.

In diesem Satz wird die Paradoxie des prinzipiellen Relativismus sichtbar. Der prinzipielle Relativismus läßt sich prinzipiell nicht begründen, weil jede prinzipielle Begründung der prinzipiellen Relativität widerspricht. Mit anderen Worten: der prinzipielle Relativismus ist irrational. Es ist ebenso irrational, zu behaupten, es gebe keine absolute Wahrheit und man müsse auf absolute Wahrheitsansprüche generell verzichten. Denn abgesehen davon, dass der Satz sich selbst aufhebt, widerspricht ein solcher Verzicht dem Begriff der Wahrheit und dem der Erkenntnis. Wenn etwas wahr ist, dann ist es immer und in jeder Hinsicht wahr. Wenn wir einsehen und erkennen, dass das Ganze größer als sein Teil ist, dann ist dies eine Einsicht in eine Wahrheit, die absolut und in jeder Hinsicht gültig ist und jede Behauptung, diese Wahrheit sei nicht kognitiv begründet, ist absurd. Der Absolutheitsanspruch wird von der Wahrheit selbst erhoben, nicht von uns, die wir sie erkennen. Sie ist absolut in dem Sinn, dass sie allein in sich selbst und durch sich selbst begründet und nur aus sich selbst eingesehen werden kann. So verhält es sich prinzipiell mit jeder Wahrheit.

Das Problem der Autoren ist, dass sie Kategorien mit einander verwechseln, eine Verwechslung, die heute ständig begegnet. Weil sie verhindern wollen, dass andere zur Anerkennung von Wahrheiten gezwungen werden, die jemand eingesehen zu haben behauptet, leugnen sie, dass es absolute Wahrheiten gibt. Absolute Wahrheitsansprüche sind aber weder irrational noch führen sie zwangsläufig zu Gewalt oder Zwang. Man kann nämlich ebensogut sagen: »Ich weiß, dass ich eine absolute Wahrheit erkannt habe, aber ich toleriere absolut, dass Du eine andere Wahrheit als absolut betrachtest, die der meinen widerspricht«. Toleranz und absolute Wahrheitsansprüche lassen sich ohne weiteres miteinander verbinden. Man kann Andersdenkende- und wollende nicht nur dann respektieren und tolerieren, wenn man auf weltanschauliche Absolutheitsansprüche verzichtet, sondern auch dann, wenn man diese anerkennt. Ja, man kann Andersdenkende gerade dann erst wirklich anerkennen und tolerieren, wenn man nicht prinzipiell verneint, dass Absolutheitsansprüche kognitiv zu begründen sind. Denn damit unterstellt man jedem Menschen, der solche Ansprüche erhebt, dass er irrational sei – und wie kann jemand, der so bedingungslos an die Irrationalität des Anderen glaubt, diesen »respektieren« und »tolerieren«? Im Gegenteil, wir behaupten, dass wirkliche Toleranz und wirklicher Respekt nur möglich sind, wo man die Möglichkeit absoluter Wahrheiten anerkennt. Wir bringen Toleranz gegenüber dem Wahrheitsanspruch des anderen auf, weil wir anerkennen, dass seine Wahrheit in der Totalität aller Wahrheiten aufgehoben ist und die unsere nur ein Teilaspekt der totalen Wahrheit ist. Niemand, der die Absolutheit einer Wahrheit anerkennt, wird glauben, er habe die Wahrheit in ihrer Totalität erkannt. Denn jede Wahrheit, die in ihrer Absolutheit erkannt wird, macht uns auch bewußt, wie relativ unser Vermögen ist, die Wahrheit in ihrer Totalität zu erfassen. Setzen wir voraus, dass absolute Wahrheitsansprüche nicht prinzipiell irrational, sondern begründbar sind, dann wird es darum gehen, uns mit diesen Begründungen argumentativ auseinanderzusetzen, wenn wir glauben, dass sie nicht richtig begründet sind. Wir müssen also nicht die Wahrheitsansprüche außer Kraft setzen, sondern unsere mangelnde Bereitschaft, uns mit anderen und ihren Wahrheitsansprüchen argumentativ auseinanderzusetzen. Das ist natürlich erheblich anstrengender, als mit einem Federstrich alle Wahrheitsansprüche zu relativieren, und damit jedem Blödsinn die gleiche Toleranz entgegenzubringen.

Was die Autoren als Pädagogik des Relativismus vorschlagen, halten wir für eine Anleitung zu Heuchelei und Verlogenheit: »Man kann es durchaus lernen, das eigene Weltbild, seine Werte und Ziele engagiert zu vertreten, ohne sie für definitiv richtig zu halten …« Wie soll man etwas engagiert vertreten, das man nicht für definitiv richtig hält? Ist nicht jedes Engagement für etwas, an dessen definitive Richtigkeit man nicht glaubt, im besten Fall pure Zeitverschwendung und im schlimmsten Fall ein Betrug an sich selbst und anderen? Werte und Ziele zu vertreten, ja sogar engagiert zu vertreten, an deren Wahrheit oder Richtigkeit man nicht glaubt, kommt einem Schwindel gleich. Wollen wir Menschen heranbilden, die sich für etwas einsetzen, weil sie nicht an dessen Richtigkeit glauben? Wollen wir nicht lieber Menschen, die sich für Dinge einsetzen, von deren Richtigkeit und Wahrheit sie überzeugt sind, und die gerade deswegen bereit sind, andere in ihren andersgearteten Überzeugungen bedingungslos zu respektieren und zu tolerieren? Was wir benötigen, sind größtmögliche Überzeugungskraft und größtmögliche Toleranz, nicht größtmögliche Unsicherheit und größtmögliches Desinteresse.

Nicht unerwähnt bleiben soll eine Einsicht der Autoren, die wir teilen. Ihr Ausgangspunkt ist nämlich das Theorem von der »konstitutiven Gebundenheit aller menschlichen Lebensformen« an ein »Überzeugungssystem«, »an einen weltanschaulichen Rahmen« (S. 12). Einen Menschen ohne Weltanschauung gibt es nicht. Daher ist auch die Rede von der »weltanschaulichen Neutralität« oder »Weltanschauungsfreiheit« Makulatur. Allerdings halten wir die Auffassung der Autoren für problematisch, dass es grundsätzlich nur zwei Arten von »Überzeugungssystemen« gibt, rationale und irrationale, wobei die rationalen solche sind, die »ausschließlich natürliche Kräfte« gelten lassen, währen die irrationalen »mit übernatürlichen Kräften irgendwelcher Art« rechnen. Die ersteren nennen sie areligiös, die letzteren religiös (S. 12). Diese Zweiheit, die es ermöglicht, Konflikte zwischen (rationalen) Wertesystemen und Konflikte auf »irrationalen oder illusionären Grundlagen« zu unterscheiden, halten wir, mit Verlaub gesagt, für genauso irrational, wie die kritisierte Behauptung von der Unmöglichkeit der kognitiven Begründung absoluter Wahrheitsansprüche. Die Autoren legen ihrer Unterscheidung zwischen rational und irrational das Kriterium der Empirie zugrunde. Alles, was nicht »empirisch« ist, steht »unter dem Verdacht« irrational oder illusionär zu sein. »Beim Antichrist«, schreiben die Autoren, »ist fraglich, ob es ihn gibt.« Diesen Satz halten wir für so gut, das wir ihn fast zur Überschrift gemacht hätten. Aber ist es nicht ebenso fraglich, ob es so etwas wie die »empirische Perspektive« gibt? Hat jemand schon einmal die empirische Perspektive angefaßt oder gesehen, geschmeckt, getastet? Ist die empirische Perspektive irgendwo situiert? Ist die empirische Perspektive mehr als nur ein Gedanke? Lässt sich die Existenz der »empirischen Perspektive« mit empirischen Mitteln nachweisen? Ist sie mehr, als der Glaube von Empirikern daran, dass sie wirklich ist? Ist also »aus empirischer Perspektive« nicht ebenso zweifelhaft, »ob es sie gibt«? Oder ist sie nicht im selben Sinne wirklich, wie der Glaube an den Antichrist? Jedenfalls hätte die empirische Sozialforschung keinerlei Schwierigkeiten, die Existenz des Antichristen in den Überzeugungen amerikanischer Evangelikaler oder polnischer Katholiken nachzuweisen. Auf keine andere Weise existiert aber die empirische Perspektive. Sie ist nicht mehr und nicht weniger übernatürlich als der Antichrist, weil sie ebensowenig wie dieser »empirisch« nachweisbar ist. Sie ist aber natürlich nicht minder empirisch, wenn wir uns von der willkürlichen, irrationalen Verengung des Empiriebegriffes verabschieden, den Tepe und Semlow voraussetzen.

Peter Tepe, Tanja Semlow: Mythos No. 3. Mythos in Medien und Politik, Würzburg 2011

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