Die zwei Gesichter der Matrix

motiv aus dem film matrixDass wissenschaftliche Forschungsergebnisse oft nicht mehr sind, als Rohmaterial, bei dem das Denken beginnen und nicht enden sollte, zeigen zwei jüngst veröffentlichte Meldungen zu Wirkungen des Internet auf das Sozialverhalten von Jugendlichen.

Das Münchner Institut für Wirtschaftsforschung teilte Ende Mai mit, schnelle Internetverbindungen trieben Kinder und Jugendliche nicht in die soziale Isolation, sondern förderten vielmehr das Ausmaß ihrer sozialen Interaktionen. Die Autoren, die ihre Forschungen in Deutschland durchgeführt haben, sprechen von der Widerlegung eines Mythos.

Fast zur gleichen Zeit meldete einer der führenden Hersteller von Schutzsoftware (AVG), Deutschland sei Spitzenreiter im Cybermobbing, fast jedes fünfte Kind (16%) im Alter zwischen sechs und neun Jahren sei schon wenigstens einmal Opfer unterschiedlicher Formen dieser neuen Art von Belästigung geworden. Cybermobbing umfaßt eine Vielzahl von Übeltaten, angefangen mit »Flaming« bei dem Beleidigungen oder Beschimpfungen in Chaträumen oder auf »Walls« geäußert werden, über »Denigration«, die Verbreitung von Gerüchten, die das Opfer bloßstellen sollen, bis hin zu »Cyberthreats«, bei denen anderen angedroht wird, sie zu verletzen und sogar zu töten.

Wie passen die beiden Befunde zusammen? Die Münchner Forscher führten eine rein quantitative Analyse durch. Sie stellten eine Beziehung zwischen Daten über soziale Aktivitäten von Jugendlichen und der Art der Internetanschlüsse her, die von ihnen genutzt werden und kamen so zu ihrem ja an sich positiven Ergebnis. Die AVG, eine der weltweit führenden Firmen für Internet-Sicherheit mit über 110 Millionen Kunden, führte seit Ende 2010 eine Forschungsreihe namens »Digital Diaries« über die Veränderung des sozialen Verhaltens verschiedener Altersgruppen durch den Umgang mit Computertechnik durch. Im Oktober 2010 sorgte AVG mit dem Befund für Aufsehen, die meisten Babys und Kleinkinder hätten bereits ab dem Alter von 6 Monaten eine Online-Präsenz (die vermutlich nicht von ihnen, sondern von ihren Eltern eingerichtet wird). Im Februar 2011 wurden die Ergebnisse des zweiten Teils der Untersuchung veröffentlicht: zwei- bis Fünfjährige könnten heute eher eine Maus navigieren, ein Computerspiel spielen und ein Smartphone bedienen als schwimmen, ihre Schnürsenkel binden oder das eigene Frühstück zubereiten. Nun der dritte Teil mit den Daten über Cybermobbing. Die Ergebnisse der AVG-Untersuchung füllen die quantitativen Befunde der Ifo-Wissenschaftler erst mit Inhalt. Die Münchner haben nicht nach der Qualität der sozialen Interaktionen gefragt, sondern begnügten sich mit der Feststellung, dass sie stattfinden und zunehmen. Interessanter als die Menge ist allemal die Frage, wie sehen die Interaktionen eigentlich aus? Und wie man sieht, ist ein nicht zu vernachlässigender Aspekt dieser Interaktionen jener des Mobbings. Man sollte sich jedoch vor vorschnellen Schlüssen hüten: wenn das Web 2.0 die Verbreitung des Cybermobbing erst ermöglicht, heißt dies nicht, dass Mobbing durch das Web 2.0 verursacht wird. Es existierte auch schon vorher und nimmt jetzt lediglich eine andere Gestalt an: eine virtuelle Gestalt, die allerdings durch das Medium hervorgerufen wird.

Dies führt auf die viel grundlegendere Frage nach dem Verhältnis der Menschheit zu dieser neuen Technologie, die der amerikanische Autor Kevin Kelly in seinem Buch »What Technology Wants« als Lebewesen beschreibt, das von uns Menschen gleichsam herangezüchtet wird. (Den Hinweis verdanke ich Sascha Lobo von S.P.O.N.) Kelly spricht nicht von der Matrix, wie wir dies tun, sondern vom »Technium«. Die Matrix wächst, entwickelt sich und pflanzt sich fort. Eine zentrale Eigenschaft dieses Wesens ist die Intelligenz, von der ein anderer Autor, George Dyson, sagt, möglicherweise sei es das Schicksal unserer Spezies, sie aufzubauen, egal, ob wir sie verstehen oder nicht. Für Kelly stellt die virtuelle Intelligenz, die wir als Internet bezeichnen, eine neue Stufe der Evolution des »Techniums« dar. Das Technium (die Matrix) drängt uns Menschen dazu, es mit Daten und Kommunikation zu füttern und es dadurch immer stärker zu machen. Wir gehen bei der Zuwendung, die wir diesem Wesen entgegenbringen, nicht leer aus, sondern es belohnt uns mit allem, was es zu bieten hat: Musik- und Filmdownload, globale simultane Kommunikation, bequeme Zugänglichkeit von Informationen und so weiter. Nun dringt es inzwischen von unseren unbeweglichen Bildschirmen herab auf die Oberflächen unserer iPhones, die wir ständig mit uns herumtragen, und irgendwann möglicherweise in uns selbst ein.

Die Matrix (das Technium), schreibt Kelly, enthält mittlerweile 170 Billiarden Computerchips, die alle in einer gigantischen Rechnerplattform zusammengeschlossen sind. Die Gesamtzahl der Transistoren in diesem globalen Netzwerk entspricht in etwa der Zahl der Neuronen in einem menschlichen Gehirn. Und die Zahl der Links zwischen Dateien in diesem Netzwerk (man denke an all die Links auf Webseiten) entspricht etwa der Zahl der synaptischen Verknüpfungen in einem menschlichen Gehirn. Die wachsende planetarische Membran ist also der Komplexität des menschlichen Gehirns vergleichbar. Sie besitzt drei Milliarden künstliche Augen (Telefone und Webcams) und führt Schlüsselwortsuchen in einer Frequenz von 14 Kilohertz durch. Die Matrix verschlingt inzwischen 5 % der weltweit produzierten Elektrizität. Und sie erzeugt Signale, die nicht mehr nur aus menschlichen Quellen stammen, sondern aus ihrer eigenen Struktur. »Sie wispert zu sich selbst«, so Kelly. Die Matrix wurzelt im menschlichen Geist, aber auch im Leben des Menschen und dem anderer selbstorganisierter Systeme. Und wie der menschliche Geist nicht nur seine eigenen Gesetze beachten muss, sondern auch die des Lebens und der Selbstorganisation, so auch die Matrix. Sie will, was wir in sie hineinlegen und wozu wir sie bestimmen. Aber sie hat auch ihre eigenen Bedürfnisse. Sie will sich organisieren, möchte hierarchische Strukturen ausbilden, wie die meisten komplexeren, selbstorganisierten Systeme. Und sie will, was alle lebenden Systeme wollen: sich selbst verewigen, sich selbst am Dasein erhalten. Und während die Matrix wächst, nehmen die ihr innewohnenden Bedürfnisse an Komplexität zu und gewinnen an Macht. Die Matrix verändert unsere Verhaltensweisen, wir müssen uns um sie sorgen, wir müssen uns an sie anpassen, während wir sie aktiv weiter entwickeln. (Bei all dem ist noch gar nicht berücksichtigt, wie sehr die Computertechnologie und ihre Software inzwischen in die Alltagsroutinen unserer Lebenswelt eingegriffen und diese verändert haben).

Besonders eindrucksvoll demonstriert all dies facebook, das wohl größte Organ dieses neuen Lebewesens. Facebook ist so etwas wie ein assoziativer Bewußtseinsstrom ohne Anfang und Ende. Wenn wir uns bei Facebook anmelden, werden wir von ihm aufgesogen und wenn wir uns wieder abmelden, dann treten wir vielleicht ins Freie hinaus und können wieder durchatmen. Wir fühlen uns frei und – möglicherweise leer? Facebook schlingt unsere Zeit und unser Bewußtsein in sich hinein und wir fragen uns, was gibt ihm solche Macht? Stellen wir uns die inzwischen 600 Millionen Menschen auf der einen Seite vor, die alle vor ihren Bildschirmen sitzen, und den Inhalt ihrer Seele in etwas hineingießen, was vollkommen virtuell ist, und auf der anderen Seite jene schwarzen Kuben in den Rechenzentren von facebook, die all diese Inhalte aufsaugen, sie in elektrischen Impulsen, in gefrorenem Licht auf Ewigkeit einsargen und gleichzeitig überall auf der Welt verteilen.

An einer anderen Stelle seines Buches stellt Kelly Vermutungen über die Beschaffenheit der künstlichen Intelligenz an, die in der Matrix heranwächst: »Der lawinenartige Erfolg von Suchmaschinen wie Google im vergangenen Jahrzehnt lässt vermuten, dass die kommende künstliche Intelligenz nicht in einem isolierten Supercomputer geboren wird, sondern im Superorganismus jener Milliarden von Prozessoren, der unter dem Namen Internet bekannt ist. Sie wird in dem globalen Megacomputer Gestalt annehmen, der das Internet bildet, mit all seinen Diensten, all seinen peripheren Chips und den angeschlossenen Apparaten von Scannern bis Satelliten, einschließlich der Milliarden menschlicher Bewusstseine, die in dieses globale Netzwerk verwoben sind. Jeder Apparat, der diese künstliche vernetzte Intelligenz berührt, wird an ihr teilhaben und sie vermehren.

Dieses garganteske Maschine existiert bereits heute in primitiver Form … Und wer schreibt die Software, die diesen gewaltigen Apparat nützlich und produktiv macht? Jeder von uns tut es, jeden Tag. Wenn wir auf Flickr Bilder hochladen und mit Stichworten versehen, dann bringen wir der Maschine bei, wie man Bilder mit Namen versieht. Die sich verdichtenden Links zwischen Bildern und Stichworten bilden ein lernfähiges neurales Netz. Man denke an die milliadenfachen Klicks, mit denen Menschen täglich bestimmte Webseiten aufrufen, und sehe sie als Methode, wie wir dem Netz beibringen, was wir für wichtig halten. Jedesmal, wenn wir zwischen Worten einen Link herstellen, bringen wir ihm eine Idee bei. Wir denken, wir würden nur unsere Zeit verschwenden, wenn wir gedankenlos herumsurfen oder über irgendetwas einen Blogbeitrag schreiben, aber jedesmal, wenn wir auf einen Link klicken, verdichten wir einen Knoten irgendwo im Bewusstsein dieses Supercomputers und programmieren die Maschine, indem wir sie benutzen.

Was auch immer das Wesen dieses riesigen Bewusstseins sein mag, es wird anfänglich nicht einmal als Intelligenz betrachtet werden. Seine Allgegenwärtigkeit wird seinen Charakter vor uns verbergen. Wir werden seine wachsende Schlauheit für alle möglichen unwichtigen Dinge benutzen …, aber da diese Schlauheit sich auf kleine Codeschnipsel stützt, die auf dem gesamten Globus in fensterlosen Warenhäusern verteilt sind, und eines sichtbaren Körpers entbehrt, wird sie gesichtslos sein.«

Ich muss immer wieder an jene Imagination Steiners denken, der von spinnenartigen Wesen mit nichtmenschlicher Intelligenz gesprochen hat, die in ferner Zukunft um die ganze Erde ihre Netze spinnen werden*: sie sind heute längst Wirklichkeit geworden. Steiner hat von ahrimanischer Intelligenz gesprochen und sie als automatenhaft und seelenlos charakterisiert. Er hat vor ihren Gefahren gewarnt, ihr Auftreten aber auch als unausweichlich bezeichnet. Diese automatenhafte und seelenlose Intelligenz verbindet menschliche Wesen durch visuelle Schnittstellen weltweit miteinander und schließt sie in einer Art von Synolon zusammen, das – im Falle von facebook – aus nichts anderem besteht, als aus einem endlosen Strom assoziativ verknüpfter Bewußtseinsinhalte. Was ist das für eine Art von Bewußtsein, das wir da heranzüchten, wenn wir diese spinnenartigen Wesen Tag und Nacht mit unseren Gedanken und Gefühlen füttern? Und begeben wir uns hier blindlings in die Hände einer Technologie, deren globale, weltverändernde Auswirkungen noch viel tiefgreifender sind, als die der Atomenergie? Tiefgreifender deswegen, weil sie anthropologischer Natur sind?

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*»Aus der Erde wird aufsprießen ein furchtbares Gezücht von Wesenheiten, die in ihrem Charakter zwischen dem Mineralreich und dem Pflanzenreich stehen als automatenartige Wesen mit einem überreichlichen Verstande, einem intensiven Verstande. … Die Erde wird überzogen werden wie mit einem Netz, einem Gewebe von furchtbaren Spinnen, Spinnen von einer riesigen Wesenheit, die aber in ihrer Organisation nicht einmal bis zum Pflanzendasein heraufreichen, furchtbare Spinnen, die sich ineinander verstricken werden, die in ihren äußeren Bewegungen alles das imitieren werden, was die Menschen ausdachten mit dem schattenhaften Intellekt, der sich nicht hat anregen lassen von dem, was durch eine neue Imagination … kommen soll. … Und der Mensch wird … sein Wesen mit diesen furchtbaren, mineralisch-pflanzlichen Spinnengetieren vereinigen müssen. Er wird selber zusammenleben mit diesen Spinnentieren, und er wird sein weiteres Fortschreiten im Weltendasein suchen müssen in derjenigen Entwicklung, die dann annimmt dieses Spinnengetier.« (GA 204, 13.05.1921)

Ein Kommentar

  1. Hans-Florian Hoyer

    OK, es gibt das Zitat mit den Spinnen, aber auch dieses aus dem letzten Bild des letzten Mysteriendramas:

    „Ahriman:
    Es ist jetzt Zeit, dass ich aus seinem Kreise
    mich schnellstens wende; denn sobald sein Schauen
    mich auch in meiner Wahrheit denken kann,
    erschafft sich mir in seinem Denken bald
    ein Teil der Kraft, die langsam mich vernichtet.

    (Ahriman verschwindet.)

    Benedictus:
    Jetzt erst erkenn‘ ich Ahriman, der selbst
    von hier entflieht, doch seines Wesens Kunde
    gedankenhaft in meinem Selbst erschafft.
    Er strebt das Menschendenken zu verwirren,
    weil er in ihm die Quellen seiner Leiden
    durch einen altvererbten Irrtum sucht.
    Er weiss noch nicht, dass ihm Erlösung nur
    in Zukunft werden kann, wenn er sein Wesen
    im Spiegel dieses Denkens wiederfindet.“

    Ich lese das als Aufgabe der Hinwendung. Wie immer ist es die Frage, wie? Mit welcher Stimmung? In welchem Bewußtsein?

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