Fallende Schleier: Die Geburt der Anthroposophie

»Lehrt die Religion, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen hat, so lehrt uns unsere Erkenntnistheorie, dass Gott die Schöpfung überhaupt nur bis zu einem gewissen Punkt geführt hat. Da hat er den Menschen entstehen lassen, und dieser stellt sich, indem er sich selbst erkennt und um sich blickt, die Aufgabe, fortzuwirken, zu vollenden, was die Urkraft begonnen hat.« Das schrieb der 26-Jährige Steiner im zweiten Band seiner »Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften«.

Die Schöpfung ist unvollendet, die Rede vom Menschen als Ebenbild Gottes schließt die schöpferische Potenz ein, aus der er hervorgegangen ist. Gott hat sich vom Menschen zurückgezogen und es ihm überlassen, die Schöpfung als erkennendes und handelndes Wesen zu vollenden. Die dem Weltprozess innewohnenden schöpferischen Prinzipien sind wie die Wachstums- und Lebenskräfte eines Baumes. Im Menschen erblüht er und trägt Früchte, wenn dieser die Kräfte, die den Baum beleben, in sich zur Ent faltung bringt. Als erkennendes Wesen hat er die Aufgabe, »seinen Geist so auszubilden, dass er imstande ist, alle ihm gegebene Wirklichkeit in der Art zu durchschauen, wie sie von der Idee ausgehend erscheint«. Dieser Grundsatz gilt für alle Wissenschaften, denn die wirkenden Prinzipien sind in der gesamten Natur, im gesamten Kosmos, ideeller Art, ob wir sie »Information«, »Naturgesetz« oder »Instinkt« nennen.

Der Vergleich des Menschen mit einer Pflanze, die sich bildet und umbildet, taucht einige Jahre später in der »Philosophie der Freiheit« wieder auf. Der nunmehr 33-Jährige schreibt: »Es ist in dem Wahrnehmungsobjekt Mensch die Möglichkeit gegeben, sich umzubilden, wie im Pflanzenkeim die Möglichkeit liegt, zur ganzen Pflanze zu werden. Die Pflanze wird sich umbilden wegen der objektiven, in ihr liegenden Gesetzmäßigkeit; der Mensch bleibt in seinem unvollendeten Zustande, wenn er nicht den Umbildungsstoff in sich selbst aufgreift, und sich durch eigene Kraft umbildet … ein freies Wesen kann er nur selbst aus sich machen.«

Steiner sah im Menschen schon vor 1900 Entwicklungsmöglichkeiten, die er zur Entfaltung zu bringen vermag, wenn er sie ergreift. Seine Erkenntnisfähigkeit vermag er zu steigern bis hin zum Erleben einer »in sich geschlossenen Totalexistenz im Universum«. Und sich selbst, als leiblich-seelisches Wesen, wird er wie ein Alchemist umwandeln, transformieren, je mehr er sein Handeln durch den intuitiv erlebten Weltzusammenhang bestimmt sein lässt, statt durch seine dumpfen Triebe oder Emotionen. Die »Summe der in uns wirksamen Ideen« ist das Individuellste in uns, das Ausleben dieser Ideen ist für den freien Geist die stärkste moralische Triebfeder. Natürlich handelt der freie Geist nicht wie ein blindwütiger Fanatiker, der bei der Verwirklichung seiner Ideen über Leichen geht, sondern er berücksichtigt »das Gesetzmäßige« im Handeln der Individuen, Völker und Zeitalter und passt seine Intuitionen durch seine moralische Phantasie und seine moralische Technik den historischen und sozialen Gegebenheiten an. Unübertrefflich präzisiert Steiner 1918 in der Neuauflage der »Philosophie der Freiheit« die Maxime des freien Menschen: »Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens.«

Nach der Jahrhundertwende entwickelt er diese Motive weiter. In seiner Schrift »Mystik im Aufgang des neuzeitlichen Geisteslebens« heißt es: »Wer den Weg der inneren Erfahrung betritt, in dem erlangen die Dinge eine Wiedergeburt … Von diesem Punkte aus öffnet sich eine unendliche Perspektive für die menschliche Erkenntnis … Nennt man das Höchste, das dem Menschen erreichbar ist, das Göttliche, dann muss man sagen, dass dieses Göttliche nicht als ein Äußeres vorhanden ist, um bildlich im Menschengeiste wiederholt zu werden, sondern dass dieses Göttliche im Menschen erweckt wird.« Wir erinnern uns: die Ebenbildlichkeit des Menschen bestand darin, dass er die in ihn gelegte schöpferische Potenz zu entfalten vermochte. Das »mit dem Gedankeninhalt erfüllte Leben in der Wirklichkeit« war 1894 für Steiner »zugleich das Leben in Gott«. 1901 spricht er von der Wiedergeburt der Dinge im menschlichen Erkennen und von einer unendlichen Perspektive für den mensch lichen Geist – einer unendlichen Perspektive!

Noch einmal findet Steiner 1904 eine geradezu klassische Formulierung für diese Einsichten. »Es schlummern in jedem Menschen Fähigkeiten, durch die er sich Erkenntnisse über höhere Welten erwerben kann. Der Mystiker, der Gnostiker, der Theosoph sprachen stets von einer Seelen- und einer Geisterwelt, die für sie ebenso vorhanden sind wie diejenige, die man mit physischen Augen sehen, mit physischen Händen betasten kann.« So beginnt die Aufsatzreihe »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?« Hier metamorphosiert sich die Liebe zu den Ideen zur Verehrung von Wahrheit und Erkenntnis, zum Pfad der Devotion, aber ein Unterschied liegt darin nicht, außer, dass vielleicht das lodernde Feuer der Begeisterung zu einer belebenden, alles durchdringenden Wärme herabgedämpft ist. Hier begegnen wir dem Menschen, der sich auf dem Weg zur Freiheit befindet, als »Geheimschüler« oder »Geistesschüler« wieder. Der Eingeweihte ist eine Metamorphose des freien Geistes.

Was die Begriffe früher verbargen, das enthüllen sie nun: Es ist nicht mehr vom »blinden Trieb«, sondern vom »Doppelgänger« die Rede, nicht mehr vom »Gesetzmäßigen« im Leben der Völker und Zeiten, sondern von Volks- und Zeitgeistern, von realen geistigen Wesenheiten, deren Intuitionen der freie Geist in sein Bewusstsein aufnehmen muss, wenn er im Einklang mit dem Weltganzen handeln will. Die Schleier sind gefallen.

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