»Tut nichts, der Ketzer wird verbrannt«

»Wie ungerecht kann die Presse sein?« frägt Michael Hanfeld in der FAZ im Hinblick auf die Berichterstattung über den Kachelmann-Prozess in anderen Blättern. »Parteiischer und einseitiger«, fährt er fort, »kann man sich die Arbeit von Vertreterinnen der ›vierten Gewalt‹ jedenfalls nicht vorstellen.« »Wer sich in den vergangenen Monaten über diesen Prozess allein aus ›Spiegel‹, ›Zeit‹, ›Bild‹ oder ›Bunte‹ informierte, war ziemlich schief gewickelt. Keine Rede mehr von der gebotenen journalistischen Distanz.«

Parteiischer und einseitiger kann man nicht? Doch man kann. Man muss sich nur einem anderen Prozeß zuwenden, dem Prozeß, den die »ZEIT« mal wieder »der Esoterik« macht. Unter dem Titel »Esoteriker unterwandern die deutschen Hochschulen« breitet sich Bernd Kramer über »Pseudowissenschaften« aus, die angeblich eine Bedrohung für die bundesdeutsche Universitätslandschaft, diese Hochburg der Rationalität und Wissenschaftlichkeit darstellen, wie wir ja spätestens seit Guttenberg & Co. wissen.

Kramer – offenbar ein Mitglied der ZEIT-Redaktion – fährt bei seinem Kampf gegen die »esoterische Unterwanderung« schwere Geschütze auf und greift tief in die Trickkiste der irrationalen Überzeugungssysteme. Er bedient sich alter Stereotype, die schon im Mittelalter von der katholischen Kirche angewendet wurden, um in der Bevölkerung Ängste vor dunklen Bedrohungen zu schüren, die damals angeblich von den »Gottesmördern«, den Juden, ausgehen sollten. So wie die mittelalterlichen Antisemiten dieser verfolgten Minderheit vorwarfen, Brunnen zu vergiften, ja sogar rituelle Kindesopfer zu vollziehen, so wirft Kramer heute den Esoterikern vor, sie würden den klaren Brunnen der Rationalität vergiften und das unschuldige Kind der Wissenschaft auf dem Altar ihres Aberglaubens opfern. Dabei beruft er sich auf besonders lautere Gewährsmänner: auf eine Internetseite namens esowatch.com, gegen die die Berliner Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Cyberverbrechen, Verleumdungen, Urheberrechtsverletzungen und vielem mehr führt (Aktenzeichen 3031 PLs 453/11) und auf die »Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften« (GWUP), ein Sammelbecken fanatischer Skeptiker, die bei ihrem irrationalen Kampf gegen alles, was sie für irrational halten, vor keiner noch so verwegenen Behauptung zurückschrecken. Ebendies tut auch Kramer, in dessen Artikel sich Suggestivbegriffe wie »irrationale Lehren«, »Hokuspokus«, »Aberglauben«, »Glaube an Globuli«, »Ersatzreligion« und »Pseudowissenschaft« zu einer Schreckgestalt des Grauens zusammenballen, der die Lichtgestalt der Wissenschaft und Rationalität gegenübersteht. Kramer stilisiert sich selbst als edlen Recken oder wachsamen Mahner, der berufen ist, über die finsteren Bedrohungen »aufzuklären«, die andere nicht sehen oder sehen wollen.

Wie jedes Bedrohungsszenario beruht auch das von Kramer auf einem dualistischen Konstrukt: hier die Guten und Reinen, dort die Bösen und Unreinen, deren Ansteckungsgift die Gemeinschaft der Guten gefährdet – ein EHEC-Diskurs im Felde der Hochschulpolitik. Wie jede Verschwörungstheorie bedarf auch Kramers Mahnrede der schwarzgezeichneten Feindfiguren, des metaphysisch Bösen, aus dessen Vernichtung allein das Heil kommen kann. Die Esoteriker sind der dunkle Feind, das schlechthin Verwerfliche, das virulente geistige Bakterium, das, wenn man es nicht ausmerzt, die gesamte abendländische Gesellschaft ins Unglück stürzen wird. Früher hieß es: »Die Juden sind unser Unglück«, heute haben im Weltbild der Skeptiker und Rationalitätsfundis die Esoteriker diese Rolle übernommen.

Natürlich dürfen in Kramers Artikel, der abweichende Minderheiten diskriminiert, indem er ihnen jegliche Gesprächsfähigkeit und Diskussionswürdigkeit abspricht, die anerkannten Autoritäten nicht fehlen, die seine paranoide Weltsicht beglaubigen. Diesmal treten Ernst-Ludwig Winnacker, ehemaliger Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Heiner Ullrich als Autoritätschargen auf. Auch die Antisemiten versäumten es nicht, sich stets auf »anerkannte Autoritäten« zu berufen, die ihre kruden Weltsichten angeblich bestätigten.

Eine Hauptrolle bei der gegenwärtigen Verschwörung gegen die Rationalität spielen in Kramers Augen offenbar »die« Anthroposophen: sie gehören nach seiner Meinung zu der »am besten vernetzten Esoterikfraktion Deutschlands«. Die Anthroposophie, so Kramer, sei eine »Ersatzreligion des Bildungsbürgertums«, »ihre Anhänger« gehörten »zur Elite des Landes.« Wie schön, möchte man da ausrufen, dass inzwischen die Elite des Landes sich für eine spirituelle, ganzheitliche Erweiterung des Weltbildes und eine integrale Lebenspraxis einsetzt, die versucht, das ganze Elend zu überwinden, das uns die ach so rationale Wissenschaft und ihre Lehren beschert haben. Die Frage ist: wo siedelt sich Kramer selbst in dieser Topographie des Diskurses an, wenn er seine echauffierten Mahnungen in die bundesdeutsche Meinungslandschaft hineinruft? Betrachtet er sich als Mitglied des Bildungsbürgertums oder der Elite? Sieht hier ein Bildungsbürger sein eigenes Überzeugungssystem durch ein anderes bedroht? Was hat die Stigmatisierung Andersdenkender als Agenten der Irrationalität, mit denen ein rationaler Diskurs nicht möglich ist, noch mit gelebtem Pluralismus zu tun, auf den uns das Grundgesetz verpflichtet? Oder mit Objektivität der Berichterstattung, zu der die vierte Gewalt nach ihrem Selbstverständnis aufgerufen ist? Oder ist die ZEIT inzwischen zu einem Meinungsblatt degeneriert, wie Michael Hanfeld – wie mir scheint zu Recht – behauptet?

Dass Kramer Frontstellungen in einem Glaubenskrieg errichtet, die die arrivierte Wissenschaftsforschung längst hinter sich gelassen hat, ist nur ein Aperçu am Rande. Führende Wissenschaftshistoriker haben längst durchschaut, dass der Begriff der »Pseudowissenschaften« obsolet ist, ein politischer Kampfbegriff, der im Wettbewerb um Forschungspfründe und Machtpositionen in staatlichen Wissenschaftsverwaltungen eine Rolle spielt, aber nicht im wissenschaftstheoretischen Diskurs. So wenig es heute noch möglich ist, einen allgemein verbindlichen Begriff der Wissenschaft, der wissenschaftlichen Methode oder Rationalität zu definieren, so wenig ist es, möglich Wissenschaft von Pseudowissenschaft abzugrenzen. Die Welt befindet sich im Umbruch, die Wissenschaften sind davon nicht ausgenommen. Wer das nicht wahrhaben will, den bestraft das Leben. Mehr dazu: Wissenschaftstheorie I, Wissenschaftstheorie II.

Nachtrag: Wie nicht anders zu erwarten, ergießt sich seit Veröffentlichng dieses Beitrags eine Flut von Beschimpfungen, Diffamierungen und Verleumdungen auf den einschlägigen Blogs der Skeptikerbewegung (blog.gwup.net | ruhrbarone.de | brightsblog.wordpress.com) über den Autor, auf die näher einzugehen der Anstand verbietet.

Siehe auch:
Nationalsozialismus als Entfesselung einer Massenpathologie
Ketzerjagd und die geistigen Ursprünge des Totalitarismus

Friedrich Nietzsche

Kommentare sind geschlossen