Vom Übersinnlichen im Sinnlichen

Was mag wohl Karl Julius Schröer, der an der Technischen Hochschule in Wien deutsche Literatur unterrichtete, in seinem 21-jährigen Studenten gesehen haben, dass er ihn Joseph Kürschner als Herausgeber und Kommentator der naturwissenschaftlichen Werke Goethes empfahl? Schröer war selbst Goethekenner und -liebhaber, aber zu Goethe als Naturforscher fand er keinen Zugang, selbst wenn er davon überzeugt war, sein Genius habe auch auf diesem Gebiet Beachtliches geleistet. Die experimentellen Naturwissenschaften, die sich in der zweiten Hälfte den 19. Jahrhunderts anschickten, zu Leitwissenschaften zu werden, waren für ihn ein unerforschter, bedrohlicher Kontinent. Und so war er froh, als er Kürschner auf seinen begabten Studenten verweisen konnte, der auf der Höhe der naturwissenschaftlichen Bildung der Zeit stand.

Im Oktober 1882 machte Steiner sich an die Arbeit und Ende Februar 1883 war die Einleitung zum ersten Band, in dem Goethes Schriften zur Erkenntnis des Organischen enthalten waren, fertig gestellt. Mit seiner Einleitung greift Steiner engagiert in die weltanschaulichen Auseinandersetzungen seiner Zeit ein. Nicht viel anders als heute traten die Naturwissenschaften mit einem universellen Erklärungsanspruch auf. Die gesamte Natur sollte empirisch auf mechanische Gesetze zurückgeführt werden. Indem sie die sinnliche Beobachtung, das Experiment und quantitative Verfahren zur Norm wissenschaftlicher Erkenntnis schlechthin erhoben, grenzten sich die Heroen des Empirismus sowohl von den Offenbarungslehren der Kirche als auch einer Philosophie ab, für die die Natur lediglich eine Erscheinungsform der Idee oder des Geistes war.

Wenn Steiner Goethes Leistungen für die Wissenschaften des Lebens hervorhob, dann begründete und rechtfertigte er damit nicht nur eine andere Art von Naturerkenntnis, sondern auch jene Erfahrung des Geistigen, die ihm zugänglich war. Daher betont er in seiner Einleitung, dass Lebewesen anders gedacht werden müssen, als leblose, mechanische Gebilde. Lebewesen können nur verstanden werden, wenn man sie nicht als unveränderliche, in sich abgeschlossene Gegenstände, sondern als sich entwickelnde, in steter Veränderung begriffene Gebilde begreift. Sie sind Zeitwesen. Und doch bleiben sie, in all ihrer Veränderung, sich selbst gleich. Wenn alle äußerlich sichtbaren Eigenschaften sich im Lauf der Zeit verändern, was konstituiert dann die Einheit des Wesens? Es muss ein inneres Prinzip sein, das selbst nicht sichtbar wird, aber alle sichtbaren Veränderungen bewirkt. Dieses Prinzip bezeichnet Goethe als »Urorganismus«, als »Entelechie«. Die Urgestalt des Organismus differenziert sich auf unterschiedliche Weise in Pflanzen, Tieren, schließlich im Menschen, in dem sie sich zu einer solchen Vollkommenheit steigert, dass sie fähig ist, Träger eines freien geistigen Wesens zu sein. Steiner zitiert Lorenz Oken, einen Naturphilosophen in der Tradition Schellings, um diesen Gedanken zu verdeutlichen: »Das Tierreich ist nur ein Tier, d.h. die Darstellung der Tierheit mit allen ihren Organen jedes für sich ein Ganzes. Ein einzelnes Tier entsteht, wenn ein einzelnes Organ sich vom allgemeinen Tierleib ablöst und dennoch die wesentlichen Tierverrichtungen ausübt. Das Tierreich ist nur das zerstückelte höchste Tier: Mensch. Er gibt nur eine Menschenzunft, nur ein Menschengeschlecht, nur eine Menschengattung, eben weil er das ganze Tierreich ist.«

Lebewesen sind keine Maschinen

Was unterscheidet ein Lebewesen von einer Maschine? In der Maschine ist alles Wechselwirkung der äußerlich sichtbaren Teile, jeder Teil eines mechanischen Vorgangs ist durch einen anderen, ebenfalls der äußerlich sichtbaren Welt angehörigen Vorgang determiniert. Das einheitliche Prinzip, das die Wechselwirkung all dieser Teile beherrscht, ist nicht im Objekt vorhanden, sondern als abstrakter Begriff, als Plan im Kopf des Erbauers. Im Organismus dagegen existiert dieses Prinzip, das die Wechselwirkung aller Teile beherrscht, im sinnlich sichtbaren Gebilde selbst. Die Lebenszustände, die Wachstumsstadien eines Organismus, sind nicht Folge mechanischer, kausaler Wechselwirkung der Teile oder Ergebnis äußerer (exogener) Faktoren – zu denen übrigens auch Gene zu zählen sind –, sondern Erscheinungen eines dem Organismus selbst innewohnenden Bildeprinzips. Genauso wenig wie der abstrakte Bauplan des Ingenieurs ist dieses Bildeprinzip sinnlich sichtbar. Während jener aber nur im Kopf des Ingenieurs existiert, verkörpert sich das Bildeprinzip des Organismus in diesem und wirkt als lebendige, gestaltende Kraft.

Wie läßt sich dieses Bildeprinzip empirisch erfassen? Durch »anschauende Urteilskraft.« Goethe schildert das Wirken dieser Urteilskraft wie folgt: »Ich hatte die Gabe, wenn ich die Augen schloß und mit niedergesenktem Haupte mir in der Mitte des Sehorgans eine Blume dachte, so verharrte sie nicht einen Augenblick in ihrer ersten Gestalt, sondern sie legte sich auseinander und aus ihrem Innern entfalteten sich wieder neue Blumen. Es war unmöglich, die hervorquellende Schöpfung zu fixieren, hingegen dauerte sie so lange als mir beliebte, ermattete nicht und verstärkte sich nicht.« Steiner drückt sich in Anknüpfung an Spinoza etwas komplizierter aus. Dieser unterscheidet drei Erkenntnisarten, von denen die höchste aus einer zureichenden Vorstellung einiger Attribute Gottes zur zureichenden Erkenntnis des Wesens der Dinge fortschreitet. Der Gott Spinozas »ist der Ideengehalt der Welt«. Betrachtet man die endliche Welt als eine Offenbarung des Unendlichen, dann wäre Erkennen das Gewahrwerden des Unendlichen im Endlichen oder – wie Steiner einige Jahr später formuliert – das »Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit«, die »wahre Kommunion des Menschen«. Die Natur verbirgt nicht Gott, sondern offenbart ihn, auf dem Grund jedes Naturwesens ist das Unendliche zu finden – anders in der unbelebten, anders in der belebten und beseelten Welt.

Was ist demnach die Entelechie eines Lebewesens? Die Entelechie ist eine Idee, die angeschaut werden kann, eine Idee, die potentiell eine unbegrenzte Anzahl sinnlicher Gestaltungsformen enthält. Sie ist eine ideelle Einheit, die eine Reihe sinnenfälliger Zustände in der Zeit und in räumlichem Nebeneinander aus sich heraussetzt und sich von der umgebenden Natur als organische Individualität absetzt. Die Idee des Organismus trägt also, wenn wir Steiner hier richtig verstehen, die Idee der Entfaltung in der Form der Zeit und des Raumes in sich. Eine Entelechie läßt sich nur als Zeitwesen verstehen, das sich im Raum entfaltet. Die gesamte Welt der Organismen ist ein Zeitwesen, das sich im Raum entfaltet. Und da der Mensch, jeder einzelne Mensch, das gesamte Tierreich in sich zusammenfaßt, gilt von ihm: jeder einzelne Mensch ist eine Gattung für sich, ein ideelles Zeitwesen, das sich im Raum entfaltet und in der Reihe seiner Entfaltungen die unendliche Potentialität, die in ihm liegt, zur Erscheinung bringt.

Literatur:

Rudolf Steiner: Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften: Zugleich eine Grundlegung der Geisteswissenschaft
Ders.: Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung mit besonderer Rücksicht auf Schiller

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