Das göttliche Schöpfungswort und der Baum des Lebens – 1909 – (18)

Christus als Lebensbaum

Christus als Lebensbaum. Mosaik, Basilika San Clemente, Rom

Wie bereits erwähnt, fanden im Mai 1909 zwölf Vorträge über die Apokalypse des Johannes in Kristiania und im September vierzehn zum Lukas-Evangelium in Basel statt. Obwohl die ersteren tiefe esoterische Bedeutungsschichten des siebenfach versiegelten Buches freilegen, lassen sich aus ihnen keine unsere wesenskundliche Fragestellung weiterführenden Hinweise gewinnen, ganz abgesehen davon, dass die veröffentlichten Aufzeichnungen von äußerst fragwürdiger Qualität sind. [1] Auch die Vorträge über das Lukas-Evangelium führen in unserer Fragestellung nur bedingt weiter, da in ihnen hauptsächlich (und erstmals ausführlich) die esoterische Jesulogie – die vielschichtige Genealogie des irdischen Aspekts des Erlösers – im Kontext von Untersuchungen zur »spirituellen Ökonomie« [2] entfaltet wird. So bemerkenswert und fruchtbar für das Verständnis der Metageschichte die hier vorgetragenen Forschungsergebnisse zu den beiden Jesusknaben, zur Adamsseele, zu Zarathustra, Hermes, Moses, Buddha, Elias und Johannes auch sind – sie gewähren keine neuen Einblicke in die Frage: Wer war Christus? – sofern sie als Frage nach jenem Gott verstanden wird, der Mensch wurde. Nur an einer Stelle in dieser Reihe, im siebten Vortrag vom 21. September 1909, geht Steiner auf sie ein, ja wirft sie sogar selbst auf: »Wer ist diese Wesenheit, die sich damals mit dem Ätherleibe des nathanischen Jesus [3] vereinigte?« Die weit ausgreifende Antwort, die zuletzt zum Logos, zum »göttlichen Schöpfungswort« hinführt, wird auf den folgenden zwölf Seiten gegeben.

Die geistige Individualität des Zarathustra, des Inaugurators der »urpersischen Kulturepoche«, war zwischen dessen zwölftem und dreißigsten Lebensjahr im nathanischen Jesus verkörpert. Zum Zeitpunkt der Taufe am Jordan verließ diese Individualität Jesus und die Christus-Wesenheit zog in ihn ein. In manchen Evangelienhandschriften [4] lauten die Worte, die bei diesem Anlass aus dem Himmel erklingen: »Dies ist mein vielgeliebter Sohn, heute habe ich ihn gezeugt« (Lk 3,22). Gezeugt wurde laut Steiner »der Sohn des Himmels, der Christus«. Erzeuger des Sohnes war »die einheitliche Gottheit, die durch die Welt webt« – dabei kann es sich nur um die Vatergottheit handeln, die von ihm häufig als einheitliche Gottheit angesprochen wird, in der wir leben, weben und sind[5] Empfangen wurde der Sohn des Himmels von den leiblichen Hüllen Jesu.

Wer also ist diese »Wesenheit, die sich mit dem Ätherleib des nathanischen Jesus vereinigte?« Eine Wesenheit, die man nur verstehen kann, wenn man den Blick in den Kosmos richtet. Sie ist »der Führer« jener himmlischen Mächte, die einst »die Sonne aus der Erde herausgezogen haben«, um von außen ihre wohltätigen Wirkungen auf letztere herabzusenden (aber wer war dieser Anführer und wer genau jene Mächte?). Den Eingeweihten war dieses Wesen stets mehr oder weniger zugänglich, aber es offenbarte sich in der unterschiedlichsten Weise und wurde daher mit den verschiedensten Namen benannt.

Die heiligen Rischi, die Begründer der urindischen Kulturepoche, bezeichneten es als Vishvakarman, – es befand sich aber »jenseits der Regionen«, die sie zu erkennen vermochten. Zarathustra erschien es als »Licht-« oder »Sonnengeist«, als »Ahura Mazdao«, dessen Leib aus Licht die Erde umschließt. Moses erlangte eine »deutliche Erkenntnis« von ihm, als er im Blitzesfeuer des Sinai »seine Offenbarungen« empfing. Ihm zeigte sich »die Christus-Wesenheit«, die sich der Erde näherte, »wie in einem Spiegelbild«, so, wie das Sonnenlicht vom Mond gespiegelt wird. Im brennenden Dornbusch und dem Feuer auf dem Sinai »sah Moses das Spiegelbild Christi«. Und dieses Spiegelbild wurde von ihm als »Jahwe« bezeichnet. »Jahwe«, so Steiner, »ist nichts anderes, als die Widerspiegelung des Christus, bevor dieser selbst auf der Erde« erscheint.

Damit dieses erhabene Wesen überhaupt in einen Menschen einziehen konnte, bedurfte es umfassender Vorbereitungen. Die spirituelle Genealogie des Menschen, der Träger jenes Wesens werden sollte, wird in den Vorträgen über das Lukas-Evangelium ausführlich dargestellt. Sein physischer Leib, sein Ätherleib und sein Astralleib mussten durch lange Zeiträume hindurch präpariert werden. Bei dieser Vorbereitung spielte nicht nur Zarathustra eine Rolle, sondern auch Buddha. Buddha, der seinerseits einen vollkommen zum Geistselbst umgewandelten Astralleib besaß – also den Astralleib eines Engels – »bearbeitete« den nathanischen Jesus von der Geburt bis zum zwölften Lebensjahr. Auch Buddha, erzählt Steiner, sei mit Vishvakarman, der später »Christus« genannt werden sollte, in Berührung gekommen. Bei seiner letzten Ausfahrt, in seinem 29. Lebensjahr, als er Alter, Krankheit und Tod begegnete, sei er laut der Legende »von einer Kraft« geschmückt worden, die der »Götterkünstler Vishvakarman« auf ihn herabsandte. Geschmückt mit der Kraft Vishvakarmans wurde Buddha, diese Kraft vereinigte sich jedoch nicht mit ihm, sie blieb seinem Wesen noch äußerlich. Jesus aber, der Christus in sich aufnahm, wurde nicht bloß geschmückt, sondern gesalbt, das heißt, sein ganzes Wesen wurde von Vishvakarman, »von Christus«, »durchdrungen, durchtränkt«.

Der Tod Buddhas entspreche der Verklärung Jesu, hieß es im Christentum als mystische Tatsache … 1902. Buddha sei so weit gelangt, dass das »göttliche Licht« in ihm zu leuchten begonnen habe, er sei zum »Weltlicht« geworden und gestorben. Jesus hingegen sei gestorben, ohne dass das Weltlicht, das Geistige verschwand. Buddha sei in das »selige Leben des Allgeistes« zerflossen [6], Jesus habe »diesen Allgeist noch einmal in menschlicher Gestalt ins gegenwärtige Dasein« erweckt. Buddha habe »durch sein Leben erwiesen, dass der Mensch der Logos« sei und dass er bei seinem Tod »in diesen Logos, in das Licht« zurückkehre. Jesus dagegen sei »Logos selbst, persönlich geworden«. In ihm sei das Wort Fleisch geworden.

Das Wesen, das bei der Taufe am Jordan Einzug in Jesus hielt, war laut Steiner »Vishvakarman, Ahura Mazdao«. Den nathanischen Jesus »durchleuchtete, durchströmte die Wesenheit, die sich früher in den … wärmenden Sonnenstrahlen verbarg, die aus dem Kosmos herunterleuchteten, jene Wesenheit …, welche mit der Sonne bei ihrer Trennung von der Erde weggegangen war«.

Die Unterscheidung zwischen »Weltlicht« und »Wort« oder »Logos« taucht nun in einem längeren Exkurs über die Folgen des Sündenfalls wieder auf, der von Steiner in seine Ausführungen eingeflochten wird. Dieser Exkurs gipfelt in der Differenzierung dreier ontologischer Schleier oder Offenbarungsschichten der »Christus«-Wesenheit bzw. Vishvakarmans alias Ahura Mazdaos; Licht und Wärme der Sonne sind das physische Kleid der geistigen Sonnenwesenheit Ahura Mazdao; »hinter« dieser geistigen Sonnenwesenheit, »hinter« Ahura Mazdao wiederum verbirgt sich der Logos, das göttliche Schöpfungswort, das Fleisch geworden ist. Dieses göttliche Schöpfungswort wird mit dem Baum des Lebens und dem Sinngehalt des Kosmos in Beziehung gebracht.

Der »Sündenfall« von dem die Genesis spricht, besteht darin, dass geistige Wesenheiten, die auf der Stufe der alten Mondentwicklung stehengeblieben waren – luziferische Engel – in der lemurischen Zeit in den Astralleib des Menschen Einzug hielten und letzterer »tiefer in die Erdenangelegenheiten verstrickt« wurde, als dies ohne den Einfluss dieser Wesen der Fall gewesen wäre. Aufgrund dieses Einflusses stieg der Mensch früher als von den führenden Schöpfermächten beabsichtigt aus dem Paradies, das sich im Umkreis der Erde befand, auf diese herab. Die Einflüsse jener luziferischen Engel wirkten sich auch auf den Ätherleib des Menschen aus. Um sie einzudämmen, wurde dem Menschen der Zugriff auf einen Teil seines Ätherleibs entzogen. Imaginativ drückt die Genesis dies wie folgt aus: nachdem Adam und Eva im Paradies vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, wurde ihnen der Genuss der Früchte des Lebensbaumes vorenthalten, sie wurden aus dem Paradies vertrieben und ein Cherub mit Flammenschwert verwehrte ihnen die Rückkehr, d.h. den Genuss der Früchte des Lebensbaumes.

Diese Imaginationen verweisen auf eine Differenzierung innerhalb des menschlichen Ätherleibes bzw. der ätherischen Welt. So wie es vier physische Elemente gibt – Erde, Wasser, Luft und Feuer –, gibt es auch vier Ätherarten: den Wärmeäther, den Lichtäther, den Klangäther und den Lebensäther. Physische Wärme ist die Offenbarung des Wärmeäthers, sichtbares Licht die Offenbarung des Lichtäthers, Ton oder Schall der Abglanz des Tonäthers (Zahlenäthers, chemischen Äthers) und das Leben, das sich in der physischen Welt offenbart, ist ein Abbild des Lebensäthers. Auch das Seelenleben des Menschen steht zu diesen Ätherarten in Beziehung: der Wärmeäther ist Träger der Willenstätigkeit, die wiederum auf ihn zurückwirkt, das Gefühlsleben manifestiert sich im Lichtäther, weswegen Willensimpulse des Menschen dem Hellseher, der dessen Ätherleib beobachtet, als »Feuerflammen« erscheinen und Gefühle als »Lichtformen«. Die Worte, die »Schattenbilder des Denkens«, die vom Menschen ausgesprochen werden, erfüllen den Raum, »indem sie ihre Schwingungen durch den Tonäther schicken«. Der Sinngehalt der Worte und Gedanken dagegen gehört dem Lebensäther an.

Der Cherub mit dem Flammenschwert stellte sich nach dem Sündenfall mitten im menschlichen Ätherleib auf und zog eine Scheidewand zwischen den beiden unteren und den beiden oberen Ätherarten. Die beiden oberen – Ton- und Lebensäther, wurden der Willkür des Menschen entzogen, auf die beiden unteren vermochte er weiterhin einzuwirken. Was dem Menschen verblieb, war der Baum der Erkenntnis, entzogen wurde ihm der Baum des Lebens, der »Gedanken- und Sinnäther« (Ton- und Lebensäther). [7]

Psychologisch ausgedrückt bedeutet dies, dass der Mensch in seinen Willensimpulsen und seinen Gefühlen seine Persönlichkeit auszudrücken vermag, während Sprache und Denken diesem persönlichen Einfluss entzogen sind. »Während jeder Mensch seine Gefühle und seinen Willen persönlich hat«, so heißt es wörtlich, »kommen wir sofort in etwas Allgemeines hinein, wenn wir in die Wortwelt und in die Gedankenwelt hinaufrücken. Es kann nicht jeder sich seine eigenen Gedanken machen. Wenn die Gedanken so individuell wären wie die Gefühle, so würden wir uns nie verstehen. Es wurden also Gedanke und Sinn der menschlichen Willkür entzogen und vorläufig in der Göttersphäre aufbewahrt, um später erst dem Menschen gegeben zu werden«. Die Menschen unterscheiden sich durch ihre individuellen Gefühle und Willensimpulse, die gesamte Menschheit hat aber an ein und derselben überindividuellen Sphäre des Denkens teil [8], während die Sprache der »Logos« großer Kollektive ist. »Wo eine gemeinsame Sprache ist, da herrscht eine gemeinsame Volksgottheit. Diese Sphäre ist der menschlichen Willkür entzogen; da wirken vorläufig die Götter hinein«.

Halten wir also fest: Wärme- und Lichtäther vermag der Mensch persönlich zu beeinflussen, während der Tonäther sich in überindividuellen (Sprach-)Kollektiven und der Lebensäther in der Gedankensphäre manifestiert, die für die gesamte Gattung gleichartig ist.

Zarathustra nun sprach ebenfalls von diesen vier Ätherarten: Wärme (Feuer) und Licht, die aus dem Himmel herunterströmten, waren für ihn »Kleider« des Ahura Mazdao. Ahura Mazdao ist als Wesen von diesen Kleidern unterschieden. Hinter diesen Kleidern, hinter Sonnenwärme und Sonnenlicht, verbirgt sich, »was im Ton, im Sinn lebt«. Nur jenen, die »hinter das Licht« zu schauen vermochten, war dieses Verborgene zugänglich, das sich »zu dem irdischen Wort [so verhält] wie das himmlische Wort zu dem vor der Menschheit vorläufig bewahrten Teil des Lebens«. Für Zarathustra offenbarte sich Ahura Mazdao im physischen Kleid des Lichtes und der Wärme. Ahura Mazdao offenbart und verbirgt sich zugleich als Wesen hinter Licht und Wärme. Aber hinter Ahura Mazdao verbirgt und durch ihn offenbart sich zugleich, was im Ton- und Lebensäther lebt: der »Baum des Lebens«, »das göttliche Schöpfungswort«, das sich der Erde annähert.

»Was«, frägt Steiner, »ist Vishvakarman, was ist Ahura Mazdao, was ist der Christus in seiner wahren Gestalt? Das göttliche Schöpfungswort«. Die tiefste Schicht, die sich in all diesen Offenbarungen verhüllt und enthüllt, die »wahre Gestalt« Vishvakarmans, der sich jenseits der Sphäre der Rischi befindet, des Sonnengeistes, der in Licht und Wärme lebt, des Spiegelbildes, das sich in Jahwe, im Licht des Mondes, offenbart, ist der Logos. In den Überlieferungen zu Zarathustra sei, so Steiner, »eine merkwürdige Mitteilung« enthalten: dieser sei eingeweiht worden, um im Licht Ahura Mazdao wahrzunehmen, »aber auch noch das göttliche Schöpfungswort, Honover (Ahuna-Vairya), das niedersteigen sollte auf die Erde« –  das bei der Johannes-Taufe tatsächlich in einen einzelnen menschlichen Ätherleib herabstieg. Honover ist nicht einfach mit Ahura Mazdao gleichzusetzen, sondern eine von diesem unterschiedene Wesenheit. [9] »Was seit der lemurischen Zeit aufgespart worden ist, das Wort, das Geistwort, drang bei der Johannes-Taufe aus den Ätherhöhen ein in den Ätherleib des nathanischen Jesus. Und als die Taufe vollendet war, was war geschehen? Das Wort war Fleisch geworden«.

»Was haben Zarathustra oder die, welche um seine Geheimnisse wussten, von jeher verkündet? Als Sehende haben sie verkündet das Wort, das sich hinter der Wärme und dem Licht verbirgt … Was wegen des luziferischen Prinzips so lange der Menschheit vorenthalten werden musste, das war in einer einzelnen Persönlichkeit zunächst Fleisch geworden, war heruntergestiegen auf die Erde, lebte auf der Erde. … Wir aber haben unsere Geisteswissenschaft zusammenzunehmen, haben unsere Weisheit, unsere Kenntnisse, die Ergebnisse der Geistesforschung dazu zu benutzen, um Wesen und Natur des Vishvakarman, des Ahura Mazdao – des Christus zu durchdringen«.

Vorheriger Beitrag: Das wahre Bild des Todes

Folgender Beitrag: Trinität und Engelwesen

Anmerkungen:

[1] Dies stellen sogar die Herausgeber fest, die in den editorischen Hinweisen zu den erstmals 1991 veröffentlichten Notizen schreiben: »Die sehr knappen Hörernotizen der Osloer Vorträge geben die Vortragsinhalte nur sehr mangelhaft wieder. Lücken, stilistische Unebenheiten und hier und da schwerverständliche Passagen dürfen deshalb nicht dem Vortragenden zur Last gelegt werden«. GA 104a, Dornach 1991, S. 133.

[2] Der Begriff der »spirituellen Ökonomie« mag anstößig erscheinen. Da aber ohnehin alle »materiellen Werte« aus geistigen abgeleitet sind, lässt sich dieser Gebrauch rechtfertigen. Außerdem hat die spirituelle Ökonomie es nicht mit handelbaren Waren, sondern mit der »spirituellen Haushaltung« zu tun: damit, dass spirituelle Güter nicht verloren gehen oder verschwendet, sondern aufbewahrt und wieder verwendet werden. Man könnte also auch von einem »spirituellen Recycling« sprechen, wenn dies nicht als noch anstößiger empfunden würde. Der Begriff bezieht sich u.a. auf menschliche Wesensglieder, die aufgrund der geistigen Arbeit, die ihre Besitzer in sie gesteckt haben, so »wertvoll« sind, dass sie sich nach deren Tod nicht im Kosmos auflösen, sondern anderen zur Verfügung gestellt werden können. Dieses Prinzip spielt in der Rekonstruktion der spirituellen Geschichte der Menschheit durch Steiner eine große Rolle. – In der christlichen Theologie sind die Begriffe der »Heilsökonomie« oder »Heilsgeschichte« gebräuchlich.

[3] Von zwei Söhnen Davids gehen die Vorfahrenlinien zweier Jesusknaben aus, vom Priester Nathan und dem späteren König Salomo. Der »nathanische Jesus« geht aus der priesterlichen Linie Nathans hervor und wird im Lukas-Evangelium porträtiert, das in seinem Geschlechtsregister Nathan als Vorfahren des Jesus aufführt. Der »salomonische Jesus« ist Gegenstand des Matthäus-Evangeliums, dessen Jesus aus der königlichen Linie Salomos hervorgeht. Die Register reichen über Nathan bzw. Salomo hinaus, verzweigen sich aber in dieser Generation. Matthäus geht durch dreimal vierzehn Glieder bis zu Abraham zurück, Lukas bis zu Adam, der »Gottes war«. Steiner ergründet auf einzigartige Weise die esoterische Bedeutung dieser unterschiedlichen Register.

[4] Im Codex Bezae Cantabrensis aus dem 5. Jahrhundert. Diese Lesart wird von Justinus, Clemens und Origenes bezeugt, aber als »orientalisch« verworfen.

[5] Die paulinische Formel von der Gottheit, in der wir leben, weben und sind [ἐν αὐτῷ γὰρ ζῶμεν καὶ κινούμεθα καὶ ἐσμέν], die aus der platonischen Philosophie geschöpft ist, verwendet Steiner vielfach in Vorträgen. Auf dem Areopag verkündete Paulus laut Apostelgeschichte 17,24-28: »Der Gott, der die Welt gemacht hat [der Vatergott] und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde ist, wohnt nicht in Tempeln, die von Händen gemacht sind; er lässt sich auch nicht von Menschenhänden bedienen, als ob er etwas benötigen würde, da er doch selbst allen Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Blute jedes Volk der Menschheit gemacht, dass sie auf dem ganzen Erdboden wohnen sollen, und hat im voraus verordnete Zeiten und die Grenzen ihres Wohnens bestimmt, damit sie den Herrn suchen sollten, ob sie ihn wohl umhertastend wahrnehmen und finden möchten; und doch ist er ja jedem einzelnen von uns nicht ferne; denn in ihm leben, weben und sind wir, wie auch einige von euren Dichtern gesagt haben: ›Denn auch wir sind von seinem Geschlecht‹«.

Steiner greift diese Formel z.B. in öffentlichen Vorträgen in Berlin auf. So am 28. April 1904: »Was der äußere sinnliche Mensch schaut, gibt Sinnesweisheit, und das, was der innere göttliche Mensch schaut, ist, im Gegensatz zur sinnlichen Weisheit, Theosophie, göttliche Weisheit. So ist es gemeint, wenn man von Theosophie spricht. Man spricht von Theosophie nicht deshalb, weil der Gegenstand der Forschung Gott ist, denn Gott ist etwas, was erst am Ende der Dinge, auf dem Gipfel der Vollkommenheit dem Okkultisten offenbar werden könnte. Gott zu erforschen, obgleich wir wissen, dass wir in ihm leben, weben und sind, das wird sich am wenigsten der Theosoph vermessen. Ebensowenig wie derjenige, der am Strande des Meeres sitzt und seine Hand in das Meer hineinsenkt, glauben wird, dass er das ganze Meer ausschöpfen kann, ebensowenig wird der Theosoph glauben, dass er Gott umfassen kann. Wie aber der, welcher am Strande des Meeres sitzt und eine Handvoll Wasser herausholt, weiß, dass das, was er herausnimmt, an Wassermasse von gleicher Wesenheit ist wie das ganze große umfassende Meer, so weiß auch der Theosoph, dass das, was er als göttlichen Funken in sich trägt, von gleicher Art und Wesenheit ist wie die Gottheit. Nicht wird der Theosoph behaupten, dass seine Wesenheit die Gottheit umfassen könne, er wird auch nicht behaupten, dass in seiner menschlichen Seele die unendliche Gottheit wohne, oder dass der Mensch selbst der Gott sei. Niemals wird ihm solches einfallen. Was er aber sagt, was er erleben und erfahren kann, das ist etwas anderes, das ist eben das, dass im Menschen lebt ein Teil der Gottheit, der gleicher Art und Wesenheit ist mit der ganzen Gottheit, so wie gleicher Art und Wesenheit die Wassermasse ist in der Hand mit dem ganzen umfassenden Weltmeer«. GA 52.

Am 16. November 1905, ebenfalls in Berlin: »Wir müssen voraussetzen, dass ein gewöhnlicher Gebildeter unter uns auch einen anderen Begriff hat von dem göttlichen Wesen, als ihn Goethe hatte. So können wir uns auch vorstellen, dass der Mensch immer weiter und weiter schreitet, dass in der Zukunft Fähigkeiten in dem Menschen ausgebildet sein werden, gegen welche die intuitive und imaginative Kraft Goethes noch etwas sehr Unentwickeltes ist. Da können wir eine Ahnung davon haben, um wieviel erhabener und großartiger der Gottesbegriff jener Menschen sein wird als unser eigener. Wir können sagen, dass wir in ihm leben, weben und sind, dass aber die Erkenntnis von ihm niemals abgeschlossen sein kann«.

Schließlich am 14. Dezember 1905 erneut; hier ist allerdings nicht vom Vatergott, sondern vom Logos die Rede. Da aber der Logos beim Vater ist und als das schöpferische Wort von ihm ausgeht, stellt dies keinen Widerspruch dar: »Es gab eine Zeit – so lehrte man in diesen alten Zeiten –, da war die Erde noch eins mit Sonne und Mond. Da waren sie noch ein Körper. Da waren die Wesenheiten auch noch von anderer Gestalt und von anderem Aussehen als die heute auf der Erde lebenden, denn sie waren dazumal angepasst jenem Weltenkörper, der aus Sonne, Mond und Erde gemeinschaftlich bestand. Alles, was auf dieser Erde lebt, erhielt seine Wesenheit dadurch, dass zuerst die Sonne und dann der Mond sich abtrennte, und dass diese beiden Himmelskörper in eine äußere Beziehung zu unserer Erde traten. Und in dieser Beziehung liegt sogleich das Geheimnis der Zusammengehörigkeit des Menschengeistes mit dem ganzen Universalgeist, den man in der Geisteswissenschaft den Logos nennt, und der die Sonne, den Mond und die Erde zu gleicher Zeit umfasst. Dadrinnen leben, weben und sind wir.« Beide Stellen in GA 54. –

Aber auch 1913 wird die Formel verwendet, z.B. in einem Vortrag über die Vorstufen des Mysteriums von Golgatha am 20. Mai in Stuttgart. Hier setzt Steiner dem Vorwurf, er rede zu wenig von Gott und zu viel von Volks- oder Zeitgeistern entgegen: »Die Leute merken nicht, warum man nicht von Gott redet: weil kein menschlicher Begriff wirklich umfassen kann dasjenige, in dem wir leben, weben und sind … In den Zeiten, wo die Menschen dem Geistigen noch näherstanden, da hatte man noch ein Gefühl der Ehrerbietung für das Göttliche, in dem wir leben und weben und sind, das nicht immer mit Namen benannt werden soll, und deshalb bediente sich das althebräische Altertum, um den Namen nicht auszusprechen, des Ausdrucks: ›Das Angesicht Jahwes‹«. GA 152.

Ein letztes Beispiel aus einem Vortrag, den Steiner in Liestal am 16. Oktober 1916 hielt und kurz darauf als Autoreferat publizierte: »Und kann es ein Vorwurf sein, sehr verehrte Anwesende, dass der Geistesforscher nur mit tiefer Ehrfurcht dann spricht, wenn er aus den Empfindungen, die seine Wissenschaft in ihm anregt, scheu zu dem Göttlichen hindeutet? Wie oft wird im Kreise unserer Freunde gesagt: ›In Gott leben, weben und sind wir.‹ Und derjenige, der da will Gott mit einem Begriffe umfassen, der weiß nicht, dass alle Begriffe Gott nicht umfassen können, weil alle Begriffe in Gott sind. Aber Gott anzuerkennen, als ein Wesen, das in einem viel höheren Sinne noch als der Mensch, in einem Sinne, den man auch durch Geisteswissenschaft nicht einmal voll ahnen kann, Persönlichkeit hat, das wird insbesondere durch die Anthroposophie so recht den Menschen, ich möchte sagen, natürlich«. GA 35. – Vom »einheitlichen Göttlichen« war bereits in den Kasseler Vorträgen über das Johannes-Evangelium am 30. Juni 1909 die Rede; siehe weiter oben.

[6] Hier nun wird deutlich, dass Buddha nicht im Sinne einer Annihilierung im Allgeist zerflossen ist, sondern die spirituelle Distinktion seines Wesens – seinen »Nirmanakaya«, seinen engelhaften Astralleib –behalten hat, und als Buddha weiter eine wesentliche Rolle im Geschehen der Metageschichte oder Hierohistorie spielt. Was die Hirten auf dem Felde vernahmen (Lk 2,13-14), war nach Steiner eine Offenbarung des »verklärten Buddha« (seines Nirmanakaya). Steiners Übersetzung des Lukas-Verses lautet: »Es offenbaren sich die göttlichen Wesenheiten aus den Höhen, auf dass Friede herrsche unten auf der Erde bei den Menschen, die durchdrungen sind von einem guten Willen«.

[7] Steiner beschreibt hier dieselben Vorgänge, von welchen bereits in den Kasseler Vorträgen über das Johannes-Evangelium die Rede war, wenn auch auf völlig unterschiedliche Weise. Im Juli sprach er vom Tod als einem »Wohltäter«, der vom Vater-Geist in die sinnliche Welt gewoben worden sei, damit die Menschheit die »Erinnerung an den göttlichen Ursprung« nicht verliere. Hier ist vom Baum der Erkenntnis und vom Baum des Lebens die Rede; der Baum der Erkenntnis ist der Baum des Todes.

[8] Diese Unterscheidung zwischen individualisierender Gefühls- und Willenstätigkeit auf der einen und universalisierender Denktätigkeit auf der anderen Seite findet sich bereits 1893 in der Philosophie der Freiheit: »Unser Denken ist nicht individuell wie unser Empfinden und Fühlen. Es ist universell. Es erhält ein individuelles Gepräge in jedem einzelnen Menschen nur dadurch, dass es auf sein individuelles Fühlen und Empfinden bezogen ist. Durch diese besonderen Färbungen des universellen Denkens unterscheiden sich die einzelnen Menschen voneinander … In dem Denken haben wir das Element gegeben, das unsere besondere Individualität mit dem Kosmos zu einem Ganzen zusammenschließt. Indem wir empfinden und fühlen (auch wahrnehmen), sind wir einzelne, indem wir denken, sind wir das All-Eine Wesen, das alles durchdringt«. 1. Aufl, S. 88-89; aktuelle Auflage S. 91-92 (Kapitel Das Erkennen der Welt).

[9] Erst 1912 in Helsingfors (Helsinki) erläuterte Steiner diese Differenz genauer. Davon wird noch zu sprechen sein. Siehe 13.04.1912, GA 136.

2 Kommentare

  1. Allerdings ist, wesenskundlich gesehen, in die Kristiania-Vorträge (1909) bereits die Rede vom geistigen Erscheinen der physischen Menschengestalt als Krönung der jüdischen Einweihung, d.h. vom ‘Phantom‘:
    “In der althebräischen Einweihung aber sah man immer als Krönung den physischen Menschen vergeistigt und in die geistige Welt versetzt. Usw.“ (104a.68 f.).

  2. Dorothea Birnbaum

    Danke jetzt have ich aber viel zu tun…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.