Sockenpuppen und Infokrieger – Wikipedia als Propagandainstrument

Wikipedia-Screenshot vom 7.12.2017

Derzeit wirbt Wikipedia wieder, wie jedes Jahr, um Spenden. Der Begründer der Online-»Enzyklopädie«, Jimmy Wales, weist die Besucher darauf hin, dass Wikipedia zwar zu den Top-Webseiten weltweit gehöre, aber kein kommerzielles Projekt sei, sondern vielmehr »gemeinnützig«. Und deshalb sei es auf Spenden angewiesen.[1] Wikipedia könnte, so Wales, mit Werbung sehr viel Geld verdienen. Aber »dann wäre es komplett anders«. »Wir könnten ihm nicht mehr vertrauen«. Aber können wir Wikipedia vertrauen?

Maren Lorenz, die an der rechtswissenschaftlichen Fakultät in Hamburg lehrt, hat in der Zeitschrift Forschung & Lehre ein entscheidendes Problem der Online-»Enzyklopädie« bereits 2011 auf den Punkt gebracht: »Es gibt kein Qualitätsmanagement«. Die Betreuer der Lemmata berufen sich selbst und »technische Eingriffsrechte« werden aufgrund eines »fragwürdigen Abstimmungssystems« erlangt. Außerdem seien »das hierarchische Prinzip der verschiedenen technischen Zugriffs-, Lösch- und Sperrrechte für Artikel oder Nutzerkennungen … hochkomplex« und das Backend von Wikipedia und seine Funktionsweisen schwer durchschaubar. »Nicht einmal die Identitäten der … Aktiven … sind innerhalb der Community transparent«.

Lorenz hält daher auch die Frage nach Objektivität oder Neutralität der Artikel für müßig. Denn die Entstehung von »Entscheidungsmacht und Deutungshoheit« sei bei Wikipedia intransparent, nicht nachvollziehbar. In den Edit-Wars um Inhalte setze sich am Ende stets der »Hartnäckigste mit der meisten Zeit« durch. Wikipedia versage »in puncto Objektivität« durch »gezielte, oft politisch, ideologisch und ökonomisch motivierte Manipulationen, vor allem bei technischen und soziokulturellen Themen«. »Geschickte Manipulationen« seien nur »zeitlich aufwendig und technisch im strafbaren Einzelfall nur durch richterliche Genehmigung teuer nachzuweisen« – wenn überhaupt, muss man hinzufügen. Daher verbietet sie ihren Studenten auch konsequent, Wikipedia als Referenz zu nutzen.

Eine Illustration dieser Bedenken von Seiten der Wissenschaft bietet das Beispiel Daniele Ganser. Ich höre schon, wenn ich diesen Namen niederschreibe, wie bei vielen die Denkschablonen einrasten. Ganser – das ist doch dieser Verschwörungstheoretiker! Das ist doch der, der sich mit Rechtsextremen trifft – und hat er nicht den Holocaust geleugnet? Allein die Tatsache, dass ich hier seinen Namen erwähne, wird in vielen Nutzern – die den Eintrag zu Ganser bei Wikipedia gelesen haben – entsprechende Reflexe auslösen: »Wenn jemand Ganser verteidigt, dann muss er ebenfalls ein Verschwörungstheoretiker, Rechtsextremer oder Holocaustleugner sein«. Nun, ich hege keinerlei Sympathien für den Rechtsextremismus, ich bin kein Anhänger von Verschwörungstheorien und erst recht zweifle ich nicht an der historischen Realität des Holocaust. (Diesen Satz darf man gerne – nicht sinnentstellend oder verkürzt – bei Wikipedia zitieren).

Aber ich bin empört. Empört darüber, wie es einem mafiösen Netzwerk von anonymen Denunzianten offenbar gelungen ist, Wikipedia, diese angeblich demokratische Plattform der Wissensgenerierung zu kapern, um Verleumdungen über Personen des öffentlichen Lebens zu verbreiten, die ihnen aufgrund ihrer eigenen ideologischen Verbohrtheit als verdächtig erscheinen. »In der deutschen Wikipedia wird mittlerweile eine ganze Reihe von öffentlichen Personen … als ›Rechtspopulisten‹, ›Antisemiten‹ oder ›Verschwörungstheoretiker‹ verunglimpft. Die Wikipedia-Autoren sind der Öffentlichkeit nie mit ihrem Klarnamen bekannt. Sie alle kämpfen mit Pseudonymen quasi mit geschlossenem Visier und sind juristisch nicht zu belangen«, so Hermann Ploppa 2015 auf Telepolis.[2] Dass die betreffenden anonymen Autoren solche Auffassungen vertreten, wäre ja noch tolerabel, denn jedem sei die Freiheit seiner eigenen Meinung gegönnt, möge sie auch noch so abwegig sein – aber dass sie Wikipedia als Plattform missbrauchen, ihren kruden Ansichten und Gruppendogmen den Anschein objektiver Wahrheiten zu geben, ist der eigentliche Skandal. Wer dies für belanglos hält, sollte bedenken, dass Wikipedia aufgrund seiner Monopolstellung als einzige übriggebliebene »Enzyklopädie« im deutschsprachigen Raum eine nie dagewesene Deutungsmacht besitzt. Deutungsmacht heißt in diesem Zusammenhang, über die Art und Weise zu bestimmen, wie wir die geschichtliche, soziale und politische Wirklichkeit wahrnehmen und was wir über sie denken. So gesehen, erscheint Wikipedia – zumindest bei gewissen, besonders virulenten Themen – als eine Abteilung jenes Wahrheitsministeriums, dessen Tätigkeit laut George Orwell darin besteht, die Vergangenheit permanent umzuschreiben, denn wer die Erinnerung beherrscht, beherrscht die Gegenwart und mit ihr die Zukunft. Ein Hinweis auf die Versionshistorie von Artikeln kann diesen Vergleich nicht ad absurdum führen, da es Hierarchieebenen in der Wikipedia-Bürokratie gibt, die die Machvollkommenheit besitzen, auch die Versionshistorie zu bereinigen, ohne Spuren zu hinterlassen. Von einer radikalisierten, sektiererischen Minderheit wird offenbar – wenn wir einer zweiteiligen Filmdokumentation, die bei youtube öffentlich zugänglich ist, Glauben schenken dürfen – bestimmt, was die große Masse der Wikipediabesucher, die ja keine Editoren oder Admins sind, als Wahrheit betrachten soll, und die von ihren Verleumdungen Betroffenen haben keinerlei Möglichkeit, dies zu korrigieren. Sie haben sie deswegen nicht, weil, wie gesagt, eine sektiererische Meinungsmafia dafür sorgt, dass jeder Versuch, auch nur eine ausgewogene oder neutrale Darstellung in dieser sogenannten Enzyklopädie durchzusetzen, systematisch abgeblockt und diejenigen, die ihr Gehör verschaffen wollen, schon nach dem ersten Versuch ausgesperrt werden. Sie werden als »Sockenpuppen« beschimpft, als Personen mit multiplen pseudonymen Identitäten, die versuchen, bestimmte Deutungen von Personen oder Themen in Wikipedia-Einträgen zu verändern oder als »Vandalen«, die Einträge mutwillig verwüsten.

»Um den Wikipedia-Eintrag des Schweizer Historikers Dr. Daniele Ganser tobt ein erbitterter Edit-War«, erfahren wir in der genannten Filmdokumentation von Markus Fiedler und Frank Michael Speer. »Auf der einen Seite finden sich Autoren, welche die Neutralität der Wikipedia durch das [auf ihn angewendete] Wort ›Verschwörungstheorie‹ als nicht gewahrt ansehen. Auf der anderen Seite finden sich … ›Sichter‹ und ›Administratoren‹, die Wikipediabenutzer umgehend sperren, falls diese es wagen, Unsachlichkeit in Artikeln zu bemängeln«.[3]

Wie vertrauenswürdig – um den Ausdruck von Wales aufzugreifen – ist eine »Enzyklopädie«, deren Autoren anonym sind, die man also nicht identifizieren und deren Expertise man nicht überprüfen kann, weil man nicht weiß, ob sie überhaupt Fachkenntnisse besitzen oder über die nötige Ausbildung verfügen, die sie dazu befähigt, sich über das von ihnen bearbeitete Sachgebiet zu verbreiten? An die Stelle von Sachkenntnis tritt häufig genug »politisch motivierte Manipulation«. Dass es sich bei Ganser so verhält, ist keine bloße Vermutung, sondern wird durch die akribische Untersuchung bestätigt, die Fiedler und Speer in Form einer Filmdokumentation bereits im Jahr 2015 vorgelegt haben.[4]

Warum verbergen sich die Autoren von Wikipedia hinter Pseudonymen? Was haben sie denn zu verbergen? Muss jemand, der über Sach- und Fachkenntnis verfügt, seine Identität verschleiern? Kann oder darf er sich nicht zu dem bekennen, was er weiß? Die Autoren der französischen Aufklärung, die in einem Zeitalter staatlicher Zensur an Diderots »Encyclopédie« mitschrieben, standen – bei relevanten Themen jedenfalls – mit ihrem bürgerlichen Klarnamen zu ihren nicht immer ungefährlichen Überzeugungen. Anonymität war hingegen schon immer das Prinzip der Denunziation.

Schon die katholische Kirche, die im 13. Jahrhundert die »heilige« Inquisition schuf, etablierte das Institut der anonymen Denunzianten. Hier genügten nichtsignierte Zettel, um eine Maschinerie von Befragungen und Folterung in Gang zu setzen, an deren Ende oft genug erpresste Schuldeingeständnisse und der Scheiterhaufen standen – um die irregeleiteten Seelen von Ketzern zu retten. Besser, so argumentierten manche Vertreter der Kirchenmacht, sei es, wenn der Leib auf dem Scheiterhaufen schmore, als die Seele im ewigen Höllenfeuer. Auch heute werden »Häretiker« von einer Meinungskirche und ihren umtriebigen Schnüfflern verfolgt, die sich nichts zuschulden kommen ließen, als dass sie die herrschenden Dogmen in Frage stellten. An die Stelle des Scheiterhaufens ist der Internetpranger und die soziale Isolation getreten. Das Verbrechen besteht nicht mehr im Abfall vom alleinseligmachenden Glauben oder im Bund mit dem Teufel, sondern in der Inanspruchnahme der verfassungsmäßig verbrieften Meinungs- und Redefreiheit. Phänomenologisch betrachtet besteht jedoch kein Unterschied zwischen den damals wie heute zugrundeliegenden Dispositiven und angewandten Verfahren. Die totalitäre Struktur ist dieselbe geblieben. Ein besonderer Fall von »longue durée«. So wie in der Hochzeit der Hexenverfolgungen das Verbrechen in der abweichenden Meinung und in der aus ihr erfolgenden unterstellten Praxis bestand, werden auch heute die abweichenden Meinungen angeprangert und verfolgt. Die Kataloge der Rechtgläubigkeit sind lang, mögen sie nun positiv oder negativ formuliert sein.

Zu Zeiten, als die Kirche die Hegemonie über die öffentliche Meinung ausübte, pflegten die klügeren Autoren der Scholastik ihre philosophischen oder theologischen Publikationen mit salvierenden Formeln zu garnieren, um sich vorsorglich vor Verfolgung zu schützen. Sie unterwürfen sich in allen strittigen Fragen der Autorität des Lehramtes und trügen im übrigen ihre Überlegungen nicht als theologische Wahrheiten, sondern lediglich als philosophische Etüden vor, pflegten sie zu schreiben. Dass sie ihre Bücher mit einem Bekenntnis zur Orthodoxie eröffneten oder abschlossen, verstand sich von selbst. Manchen half es trotzdem nicht. Ihre Ansichten wurden von Synoden oder Bischöfen verurteilt, sie selbst mit Publikationsverbot belegt und in den Kerker geworfen, wenn nicht gar auf den Scheiterhaufen.

Schaubild aus dem Film »Zensur«

Wie aus der zweiten, 2017 veröffentlichten Filmdokumentation von Fiedler und Speer hervorgeht,[5] agieren in manchen Bereichen von Wikipedia klandestine Netzwerke, die einer gemeinsamen – linken oder skeptischen – Agenda folgen und sich gegenseitig zuarbeiten. Sie haben in der Hierarchie der Online-»Enzyklopädie« durch fleißige, teilweise manische Mitarbeit besondere Privilegien erworben und vermögen nun ihre Machtstellung zu missbrauchen, um jene inquisitorischen Praktiken zu reproduzieren, von denen eben die Rede war. Die Ausmaße des Netzwerkes werden erkennbar, wenn man die gegenseitigen Verlinkungen und den Austausch von Inhalten untersucht, die leicht am Vorkommen identischer Meme abzulesen sind. Fiedler und Speer decken auf, wie bestimmte Schlagworte, Inhalte und Argumente zwischen Webseiten wie Psiram, GWUP, Ruhrbarone, Brightsblog, hpd und Wikipedia hin- und herwandern, sich dabei vervielfältigen und das Suchmaschinenranking der beteiligten Seiten optimieren. Dank der Technik der massenweisen gegenseitigen Verlinkung und der Einbindung in Wikipedia springen ansonsten relativ obskure und unbedeutende Internetpräsenzen auf die vordersten Plätze in Suchmaschinen wie google oder bing und werden entsprechend oft konsultiert. Naive Nutzer bekommen von all dem nichts mit. Psiram erweckt durch seine Wikipedia-Mimikry sogar den Eindruck, es handle sich um einen Teil der »Enzyklopädie«, und bei manchen Besuchern wird dieser Eindruck vermutlich verfangen. Die Multiplikation von Querverweisen dient der Verstärkung der Wirkung von Rufmordkampagnen, die mit Hilfe »falscher« oder »sinnentstellender Zitate«, »selektiver Negativquellenauswahl«, der »Zulassung von Quellen aus unsachlichen und meinungsmachenden Zeitungsartikeln«, »absichtlich falscher Auslegung von Wikipediaregeln« sowie »versteckter semantischer Textverknüpfungen, die im Subtext Negativinformationen transportieren« vorangetrieben werden, wie Fiedler und Speer in ihrer zweiten Dokumentation ausführen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass manche verleumderischen Zeitungsartikel nur publiziert werden, damit sie anschließend bei Wikipedia oder auf den einschlägigen Webseiten als Quellen zitiert werden können.

Linke – die sich bei genauerem Hinsehen mitunter als verkleidete Neocons, als »Transatlantifa«, wie es in der Dokumentation heißt, entpuppen – und Skeptiker beherrschen inzwischen Teile von Wikipedia und benutzen die beliebte »Enzyklopädie« systematisch zur Manipulation der öffentlichen Meinung. Manche dieser anonymen Agenten, wie beispielsweise der an der Uni Osnabrück beschäftigte Musiklehrer Gerhard Sattler, der unter dem Pseudonym »kopilot« operiert, konnten von Fiedler und Speer sogar enttarnt werden.[6] In seinem Film »Zensur« zieht das Autorenduo folgendes Fazit aus seinen cyberkriminologischen Untersuchungen: »Dass in der Wikipedia mehrere zig Tausende Benutzer zur Niederschrift des Allgemeinwissens beitragen, ist ein gern erzähltes Märchen. So versuchte auch ein Gerhard Sattler nach unserem letzten Film seine dominierende Position damit kleinzureden, dass er nur ein Nutzer von 300.000 registrierten Wikipedianern sei. Tatsächlich beschränkt sich der wirklich aktive Benutzerkreis auf eine Gruppe von weniger als 2000 Menschen. Im Artikel von Daniele Ganser haben zwar mehrere Hundert mitgeschrieben, es gibt aber nur 9 Benutzer die einen Textanteil am Artikel von mehr als 1% haben, darunter Gerhard Sattler mit dem mit Abstand größten Textanteil. Und unter den 9 Benutzern sind ohne Ausnahme Benutzer, die entweder zum linksradikalen Lager oder zum Lager der Skeptikerbewegung gehören. Der Fall Ganser zeigt unserer Meinung nach exemplarisch das Vorgehen dieser Organisationen«. (Filmskript, S. 255-256)

Ist man als Nutzer der Manipulation wehrlos ausgeliefert? Nicht unbedingt. In ihrem ersten Film geben die Autoren einige beherzigenswerte Hinweise zum Umgang mit der »Enzyklopädie«: »Wenn Sie einen Wikipedia-Artikel lesen, prüfen Sie minutiös, ob Behauptungen mit Literaturverweisen untermauert sind. Aber auch hier kann man manipulieren und einfach falsch ausgewählte Verweise einfügen. Es bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als den Inhalt der Literaturquellen selbst nachzuprüfen.

Aber überlegen Sie immer, ob die besagte Quelle auch für bestimmte Themenfelder verlässlich ist. Beispielsweise würde die amerikanische Administration niemals die US-Armee in ein schlechtes Licht rücken.  …  Die wichtigsten Werkzeuge, um in der Wikipedia einen guten von einem schlechten Artikel zu unterscheiden, liefert die Wikipedia selbst. Im Artikelarchiv und im Diskussionsarchiv zum Artikel erkennt man recht schnell, ob Einträge immer wieder gelöscht werden. Findet man unter den gelöschten Einträgen auch solche Textpassagen, die für sich genommen sachlich und richtig sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass jemand versucht, bestimmte Informationen zum Artikel zu unterdrücken bzw. den Artikel insgesamt manipuliert.

Screenshot des Tools wikibu.ch

Überprüfen Sie den Tonfall, der in der Diskussion herrscht. Unsachliche, emotionale Diskussionen deuten auf Fehlverhalten einiger Autoren hin und das kann sich sehr negativ auf die Objektivität des betreffenden Artikels auswirken«. (Filmskript, S. 165 f.)

Außerdem weisen sie auf das nützliche Tool wikibu.ch hin, das an der Pädagogischen Hochschule Bern entwickelt wurde. Es analysiert deutschsprachige Wikipedia-Artikel automatisch anhand von 6 Kriterien – Anzahl der Besucher und Autoren, Anzahl von Verweisen und Quellennachweisen, Bearbeitungsintensität und Wikipedia-interne Qualitätsauszeichnungen – und liefert Anhaltspunkte zur weiteren Überprüfung. In seinen Auswertungen finden sich auch Hinweise auf wichtige Autoren und ihre sonstigen Tätigkeiten in der »Enzyklopädie«. Wikibu, das für die geprüften Einträge Noten von 1 bis 10 – von miserabel bis ausgezeichnet – verleiht, ist für den Einsatz an Schulen geschaffen worden, um die kompetente Nutzung von Wikipedia zu fördern. Hinweise auf eine Reihe weiterer nützlicher Tools für den kritischen Umgang mit Wikipedia finden sich in der unten aufgeführten Studie von Marvin Oppong.

Kommen wir zum Schluss noch einmal auf Jimmy Wales, den Begründer von Wikipedia zurück, der sein Geld einst mit der Pornosuchmaschine Bomis verdiente und den Panegyrikus auf das freie Unternehmertum »Atlas Shrugged« von Ayn Rand als sein Lieblingsbuch bezeichnet. Wussten Sie, dass Wales mit der Privatsekretärin des ehemaligen englischen Premierministers Toni Blair verheiratet ist, der nach seiner Amtszeit hochdotiert für die amerikanische Investmentbank JP Morgan tätig war und heute unter anderem den kasachischen Diktator Nursultan Nasarbajew in PR-Fragen berät? Mehr dazu in »Zensur« und im zitierten Feature von Hermann Ploppa.

Weiterführende Literatur:

Marius Beyersdorff, Wer definiert Wissen? Wissensaushandlungsprozesse bei kontrovers diskutierten Themen in »Wikipedia – die freie Enzyklopädie« – Eine Diskursanalyse am Beispiel der Homöopathie. Münster 2011 (Bezug: http://www.lit-verlag.de/isbn/3-643-11360-3)

Marvin Oppong, Versteckte PR in Wikipedia. Das Weltwissen im Visier von Unternehmen. Eine Studie der Otto Brenner Stiftung, Frankfurt/M. 2014 |  https://www.otto-brenner-shop.de/publikationen/obs-arbeitshefte/shop/verdeckte-pr-in-wikipedia-ah76.html


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie den anthroblog durch eine Spende!


Ich will zwei- bis dreimal im Jahr einen readers Digest des anthroblog erhalten!


Anmerkungen:

[1] Hermann Ploppa schreibt zu dieser Spendensammelaktivität auf Telepolis: »In der Vorweihnachtszeit nutzt auch die Wikimedia Foundation die saisonal ansteigende Spendenfreudigkeit der Bürger durch eigene Spendenaufrufe für ihre Zwecke. Dabei wird immer wieder der unzutreffende Eindruck erweckt, das globale Projekt werde von seinen Nutzern alleine finanziert. Tatsächlich platzen die Geldspeicher der Lexikonstiftung aus allen Nähten«. Wikipedia wird von amerikanischen Stiftungen und Konzernen massiv unterstützt, unter anderem von der Alfred Sloan-Stiftung, der Ford Foundation, der Stanton Stiftung und google. Mehr dazu: https://www.heise.de/tp/features/Wikipedia-Zu-gross-um-zu-ueberleben-3377269.html?seite=2

[2] https://www.heise.de/tp/features/Wikipedia-Zu-gross-um-zu-ueberleben-3377269.html?seite=all

[3] Die dunkle Seite der Wikipedia. Eine detaillierte Analyse am Fallbeispiel des Wikipedia-Artikels zum Historiker Dr. Daniel Ganser. Eine Dokumentation von Markus Fiedler und Frank Michael Speer, 2015. https://www.youtube.com/watch?v=5vdHiPGhIc0&app=desktop

[4] Der Vollständigkeit halber muss hier erwähnt werden, dass der Verfasser des Filmmanuskripts, der Biologe Markus Fiedler, gleich zu Beginn des ersten Films feststellt: »Bei unserer eingehenden Analyse des elektronischen Nachschlagewerks ist uns aufgefallen, dass dieses im Bereich Naturwissenschaften und Technik eine vorbildliche Enzyklopädie darstellt. In einigen von mir gesichteten Biologieartikeln, werden Themen teilweise besser diskutiert als in so manch etabliertem Lehrbuch. Sämtliche Artikel zum Fach Biologie, die wir bisher gelesen haben, glänzten durch Objektivität und sehr detailreiches Fachwissen«. Allerdings hat Marius Beyersdorff 2011 in seiner Dissertation »Wer definiert Wissen?« (siehe: Weiterführende Literatur) anhand einer Analyse des Artikels über Homöopathie nachgewiesen, dass auch dieser Eindruck hinterfragt werden muss.

[5] Zensur. Die organisierte Manipulation der Wikipedia und anderer Medien. Filmdokumentation von Markus Fiedler, 2017. https://www.youtube.com/watch?v=tef7bgwInjY

[6] Die spannende Geschichte dieser Entlarvung wird in »Die dunkle Seite der Wikipedia« erzählt. Im November 2015 veröffentlichte eine Studentengruppe der Uni Osnabrück einen Email-Wechsel mit Gerhard Sattler, der als Klavierlehrer an der Universität beschäftigt ist, in dem dieser zugab, »kopilot« zu sein. Zitat aus einer Email Sattlers vom 1.11.2015: »Das Video verwendet viel Zeit darauf, meine ‚Enttarnung‘ vorzuführen. Dumm nur, dass weder ‚Phi‘ noch ‚Kopilot‘ sich je getarnt hatten. Jeder hätte meinen Klarnamen in Wikipedia mit etwas Spürsinn finden können, ich hatte ihn selbst veröffentlicht«. Siehe: http://www.studentenleben-os.de/news/allgemein/unwahrheiten-auf-wikipedia-stellungnahme-des-klavierlehrers.html. Siehe auch: https://www.youtube.com/watch?v=mHlhJbmg7kM


Literatur:

Ein Kommentar

  1. Christoph Holtermann

    Trotz Schattenseiten ist Wikipedia ein hochinteressantes Projekt. Es lebt von dem Ideal, daß Menschen ohne Zugangsbeschränkungen an einem Werk zusammenarbeiten können. Wikipedia hat seine eigenen Regeln. Ein Neueinsteiger muß sie sich mit der Zeit erst erarbeiten. Bei Wikipedia bilden sich wie in jedem sozialen Zusammenhang auch bestimmte Hierarchien / Sozialstrukturen heraus. Neben dem Schwierigen, was es zweifellos dort gibt, gibt es auch das beglückende Potential der Zusammenarbeit über Barrieren hinweg. Ich habe auch in schwierigen Themenbereichen dort wiederholt erlebt, daß es auch möglich ist, sich mit gutem Willen mit den anderen Nutzern, die am Artikel arbeiten, zu verständigen – denn die Hauptrolle spielen bei Wikipedia die Nutzer und nicht die Administratoren. Gehe ich mit der Erwartung einer Verschwörung bei Wikipedia an die Sache heran, werde ich sie wahrscheinlich auch finden. Ich habe danach nicht gesucht, sie hatte in meiner Arbeit dort für mich wenig Relevanz. Wikipedia ist groß, es mag in verschiedenen Themenbereichen andere soziale Situationen geben, das wurde im Artikel ja auch schon angedeutet. Ich habe mich im Bereich Anthroposophie / Anthroposophische Medizin bewegt, was auch kein einfaches Pflaster ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.