Die »Philosophie der Freiheit« Rudolf Steiners und die »Strukturphänomenologie« Herbert Witzenmanns

Ideelle Kontinuität als Wissenschaftsprinzip

Gastbeitrag von Reto Andrea Savoldelli

»Ein Denken, das dem Organismus nicht unterworfen ist, lebt für das gewöhnliche Bewusstsein nur, während der Mensch im sinnlichen Wahrnehmen begriffen ist«.

Rudolf Steiner[1]

Zu H. Witzenmanns Tätigkeit im Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft hat der Verfasser dieses Artikels eine dreibändige Dokumentation verfasst. Bezugsmöglichkeit siehe Anmerkung 12.

Zum dreißigsten Todestag Herbert Witzenmann am 24. September 2018.

Die Zahl der Menschen, die ihr Leben nur noch aus einem Sinngehalt, der jenes überdauert, sinnvoll führen können, hat seit dem Tod von Herbert Witzenmann zugenommen. Die Einsicht, welche jene von sich selber fordern, kann nur eine im vollen Licht der Erkenntnis errungene sein, denn sie soll sich nicht bloß für das Vorstellen, sondern auch in der biographischen Lebensführung bewähren. Sie muss in einer wirklichen Erfahrung des Menschen begründet und unter unterschiedlichen Gesichtspunkten darstellbar sein. Also nicht bloß ein solches sein, das der an die Vorstellung Gebundene in der Vorstellung vor sich hinstellend von sich ablöst. Der gesuchte, erfahrene und weitergebildete Gehalt soll an den Prozessen bewusst gemacht werden können, in denen der ideell-intuitive Gehalt durch den ausdruckswilligen Menschen zum frei strukturierten Gedanken ausgereift wird.

Das Gefühl, das ohne diesen Gehalt in unbestimmte Ferne hinschweift, kommt in ihm zur Ruhe, ist er doch für dieses ein durchaus offener. Es versenkt sich in ihm und wird nicht (wie bei der intellektuell-unbelebten Vorstellung) ins unbestimmt Dunkle des persönlich Unverbindlichen zurückgebannt. Vielmehr vermag es sich an ihm zu durchlichten. – Und auch der Wille, innerhalb des Leibeslebens entfacht, findet sich in jenem Sinngehalt geborgen, denn er selbst ist es ja, der sich unablässig jenem anheimgeben muss, anheimgeben kann, da Gewissheit verleihende Einsicht nur dann menschliches Bewusstsein betritt, wenn ihm der Denkwille entgegengeht; nur in der Läuterung des Willens von unfreier Zwecksetzung verwirklicht sich jener Gehalt. Und nur dadurch, dass der Mensch dasjenige, was er als notwendig erkannt hat, zu seiner eigenen Aufgabe macht.

Wohl bezeichnen das Erkennen und das erkennende Handeln verschiedenartige Aktionsbereiche des Menschen, doch sind sie durch höheren Wechselbezug geeint. Dabei stellt die sich auf das Seelenleben erweiternde Beobachtung fest, dass die zusammenhangsstiftende, lebendige Idee sich jeder Zwangseinwirkung entäußert, wenn sie in das menschliche Denken aufgenommen wird. Denn die hierzu notwendige Hingabe des Denkwillens an das die Welt ordnend Geistige vollzieht sich außer in Freiheit nicht. Bei Willkür und Gewalt bleibt das gesetzmäßig Ordnende vom menschlichen Denken ausgeschlossen.

Der Egoist wie der Tyrann fliehen beide die Sphäre des sich selbst bestimmenden Geistes und gedeihen allein in einem auf sie zwingend einwirkenden Schicksalsverlauf. Da wir Menschen somit zur Hingabe an das Wesentliche nicht gezwungen werden, können wir sie nur in Liebe zum sich selbst bestimmenden, umfassend in sich ruhenden Geist vollbringen. In ihrer Fortbildung zu Taten aus moralischen Intuitionen versöhnen sich Freiheit und Gesetzmäßigkeit.

Wer sich auf den über allen Zwist erhabenen, die Widersprüche des Lebens übergreifenden Sinn besinnt, wird vorerst nicht viel sprechen wollen. So ist auch Herbert Witzenmann im Schweigen zur Größe gereift. Er hat den Selbstausdruck in der Stille errungen. Wer mit ihm näheren Umgang hatte, erfuhr seine Kraft des Umschweigens, das den anderen zur freien Selbstbestimmung ermunterte.

Seine erste buchförmige Veröffentlichung (der einige Aufsätze in Zeitschriften vorangingen), mit der er sich an die volle Öffentlichkeit gewandt hat, erschien 1974 in seinem 69. Lebensjahr.[2] – Daraufhin ist bis zu seinem Tode am 24. September 1988 im 84. Lebensjahr die Reihe der Veröffentlichungen, zunächst durch die Verlage »Gideon Spicker« und »Freies Geistesleben« besorgt, nicht abgebrochen: ein innerhalb des zeitgenössischen Geisteslebens, so weit mir bekannt ist, beispielloser Vorgang!

Witzenmanns in hohem Alter dargelebtes Schöpfertum gründete in jahrzehntelang geübter Disziplin. Wer in geistigen Dingen etwas zu sagen hat, vermag dies aufgrund einer in Freiheit und Liebe zum höheren Menschen vollzogenen Umwandlung des eigenen Wesens. An Persönlichkeiten, die Interessantes zu verstehen geben, leiden wir keine Not. Sehr hingegen an denjenigen, deren freilassend originäres Handeln unser Interesse zu wecken vermag.

Der von Rudolf Steiner zu seinem Stellvertreter in der Führung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft ernannte Albert Steffen hat 1963, kurz vor seinem Tode, der Mitgliedschaft Herbert Witzenmann als neues Mitglied des Goetheanumvorstandes vorgeschlagen. Er erwähnt ihn als einen »einsamen Menschen« oder vielmehr sei seine Einsamkeit im Hinblick auf die anstehende Nomination kritisiert worden, um dann fortzufahren: »Aber wenn man in Betracht zieht, Einsamkeit ist doch die Vorbedingung, dass man ein schöpferischer Mensch wird und auf sich selbst stehen kann, denn erst, wenn man ein einsamer, ganz einsamer Mensch ist, kann man das ›Du‹ so recht vollständig und in seiner Größe oder in seinen Möglichkeiten lieben«.[3]

Hingebungsvolle Aufmerksamkeit für die mitmenschliche Individualität hat Herbert Witzenmann während seines überreichen Lebens in einem hohen Masse ausgebildet. Er hat sie jedoch selbst als Jüngling von Rudolf Steiner und kurz danach auch von Albert Steffen auf sich gerichtet empfinden dürfen. Sein erstes Gedicht, das Albert Steffen 1931 in die durch ihn redigierte Zeitschrift »Das Goetheanum« hat aufnehmen lassen, ist an die im Magdkleid erscheinende Gottesmutter gerichtet. – »Sie weigert das Rasche und teilt das Stetige zu«, heißt es da. Die Geduld und die Ergebenheit des Erkennens, das sich das wahrhaftig Seiende zu ergründen vornimmt, sind Tugenden, die Herbert Witzenmann in vorbildlicher Art ausgebildet hat. Sie wandeln sich zu Organen, welche geistige Führung im eigenen Wesen gewahren und sie vor geschwätzigem Handeln zu bewahren wissen. Sie eröffnen dem »Daimonion« in jedem Menschen seine Wirksamkeit. Mit diesen Umschreibungen ist, was ich in Herbert Witzenmann als das eigenhaft Wesentliche erfahren habe, noch keineswegs ausgesprochen.

Albert Steffen versäumt es in der erwähnten Ansprache an die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, von dem Dichter Herbert Witzenmann zu sprechen, obwohl er ihm vor über drei Jahrzehnten als einem Dichter bereits hohe Anerkennung gezollt hatte.[4] – Er sprach bei jener Gelegenheit gegenüber den Versammelten nur dasjenige an, was dem damaligen Selbstverständnis der durch ihn vorgestellten Persönlichkeit entsprach. Herbert Witzenmann hat zwar den sprachlich-dichterischen Ausdruck sein ganzes Leben lang geschult. Nach seinem Tod hat Jutta Knobel-Weitz sein dichterisches Werk – es umfasst viele hunderte von Gedichten, Kurzgeschichten, Romanfragmente und den Roman »Silberlöffelchen« – im SeminarVerlag/Basel herausgegeben. Doch scheinen seine Dichtungen zumindest zu Lebzeit kein zur Publikation bestimmtes Übungsfeld dargestellt zu haben. Seine Mitarbeiter und Schüler wussten darüber kaum etwas. Jedoch fand sich in den hinterlassenen Papieren, damit kontrastierend, auch diese Notiz »Für einen etwaigen Finder«: »Alle diese Gedichte sind, mit ganz wenigen Ausnahmen, flüchtige Notizen, dazu bestimmt, erst durch mehrfache Umschmelzung und sorgfältige Ausführung Gestalt zu erlangen. Das Gleiche gilt für fast alles von mir Geschriebene. Denn bisher waren meine Lebensverhältnisse der Ausgestaltung der aus mir hervordrängenden Gebilde, die mein Leben sind, nicht nur ungünstig, sondern vielmehr feindlich … «[5]

Albert Steffen erwähnte im Goetheanum bei seiner Ernennung in den Vorstand die in Herbert Witzenmanns ursprünglicher Intention gelegene musikalische Ausbildung. Und wie diese (nachdem sie zurückgestellt werden musste), einem Ratschlag Rudolf Steiners folgend, durch ein grundwissenschaftlich philosophisches und kunstgeschichtliches, wie durch eines mehr auf die wirtschaftliche Praxis des Familienbetriebes hingerichtetes Studium (Maschinenbau) abgelöst worden war.[6] – Mit Herbert Witzenmanns zustimmendem Verständnis zur Empfehlung Rudolf Steiners war der Keim gelegt, der, auch von seiner nächsten Lebensumgebung weitgehend unbemerkt, in unermüdlich übendem Fortschritt und von einem reichen Fähigkeitserbe genährt, zu den wissenschaftlich erstrangigen Leistungen gedieh, die heute vornehmlich in den Publikationen des Gideon Spicker Verlages zur Verfügung stehen.

Rudolf Steiner hat mehreren ihm nahestehenden Personen die Aufgabenstellung einer spirituellen Erkenntnistheorie charakterisiert. So 1913 etwa gegenüber dem 22-jährigen Walter Johannes Stein mit folgenden Worten: »Schaffen Sie eine Erkenntnistheorie der spirituellen Erkenntnis. Gehen Sie dazu aus von einem Studium Lockes und Berkeleys«. (Lockes und Berkeleys Anschauungen der Funktionen von Verstand und Sinnlichkeit beim Zustandekommen des menschlichen Erkennens sind einander polar entgegengesetzt. Anm.)[7] – Dieselbe Aufgabenstellung durchzieht bereits 1908 den später zur Schrift ausgearbeiteten Vortrag Rudolf Steiners »Philosophie und Anthroposophie«, der insbesondere an den anwesenden erkenntniswissenschaftlich tätigen Carl Unger gerichtet war. Sie mag auch bei dem ersten Gespräch des 18-jährigen Herbert Witzenmann mit Rudolf Steiner in Stuttgart im Hintergrund geschwebt haben, das durch die Mitwirkung Walter Johannes Steins zustande kam.

Als Albert Steffen auf die von ihm in den Dornacher Vorstand gebetene Persönlichkeit und auf das mit der Annahme der Anfrage verbundene Opfer zu sprechen kam, macht er auf das jeder Individualität zugrundeliegende Geheimnis aufmerksam.

Er nahm die nach längerem Abwägen erfolgte Zusage Herbert Witzenmanns wie er sagt »dankbar und beschämt« an. Dabei blickt Albert Steffen nicht allein auf den von Herbert Witzenmann bearbeiteten geistigen Aufgabenbereich, von dem seinen verschieden genug, sondern ebenso auf die dabei wirksame Individualisierung eines Allgemein-Menschlichen, auf den in ihr vollzogenen Freiheitsausdruck. Denn dies verschaffte ihm Grund zu der Hoffnung, in Herbert Witzenmann, nach dem für ihn unersetzlichen Verlust des kurz zuvor tödlich verunglückten Louis Locher-Ernst, einen hervorragenden Mitstreiter in einem Kampf an die Seite gestellt zu sehen, welcher die unablässige Mehrung selbstverwandelnder Produktivität mit der Abwehr von Nutzungsabsichten und Gruppenbedürfnissen verbindet, die jedem Aufbau einer dem Real-Geistigen verpflichteten Erkenntnisgemeinschaft wie der Anthroposophischen Gesellschaft entgegenstehen. So ist unvermittelt – noch immer im erwähnten Nominierungsvorschlag Albert Steffens – die Rede von dem Hegelschüler Clausewitz, dem großen Feldherrn, dessen Ausspruch unter Bezugnahme auf die großen Hegel- und Marxkenntnisse Herbert Witzenmanns zitiert wird, »dass man, natürlich in geistigem Bezug, auf verschiedenen Wegen anmarschieren muss, aber dann gemeinsam schlagen, die Schlacht gemeinsam gewinnen muss«.

Der Herbert Witzenmann schwer gefallene Eintritt in den Vorstand am Goetheanum bezeichnet einen bedeutungsvollen Entwicklungspunkt der von ihm bisher weitgehend allein verfolgten Aufgabenstellung. Sein Wirken innerhalb der Leitung der Freien Hochschule in Dornach zu würdigen, sowie die maßlosen Beeinträchtigungen, Widerstände und Widerwärtigkeiten, die sich gegen ein Handeln aus Erkenntnis richteten, findet sich in meiner Dokumentation seines Wirkens am Goetheanum dargestellt.[8]

Am 17. Juni 1923, einige Wochen vor Ausbruch seiner endgültigen Erkrankung, spricht Rudolf Steiner in Dornach im letzten Vortrag einer dem Thema »Die Geschichte und Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Verhältnis zur anthroposophischen Gesellschaft« gewidmeten Vortragsreihe das Folgende aus: »Mit der Philosophie der Freiheit war die Anthroposophie dem Leben nach, nicht der Theorie nach, begründet … Diejenigen, die nicht mit dem Leben zu tun haben, sondern mit Schulstaub-Logik, sagen: aus der Philosophie der Freiheit folgt logisch nicht die Anthroposophie. – Wenn es logisch folgen würde, dann hätten Sie nur sehen sollen, wie all die Schulmeister im Jahre 1894 aus der Philosophie der Freiheit heraus die Anthroposophie deduziert hätten. Das haben sie hübsch bleiben lassen. Aber hinterher gestehen sie ein, sie können es nicht deduzieren, sie bringen das nicht zusammen, machen das zu einem Widerspruch zwischen dem Späteren und dem Früheren«.

Witzenmanns Leben zeigt, wie Geisteswissenschaft zwar nicht logisch aus den erkenntniswissenschaftlichen Grundlagen der »Philosophie der Freiheit«, sondern lebensgemäß aus der Verwirklichung des durch sie wissenschaftlich aufgewiesenen »Ausnahmezustandes« in fortwährender Steigerung der dafür notwendigen, freien Zurückdrängung der natürlichen Organisation entsteht. Und wie sie daher nur in individualisierter, nicht in generalisierter Form, vorliegen kann.

In Steiners »Philosophie der Freiheit« wird die Bildung einer Vorstellung als Festlegung eines allgemeinen Begriffs durch den Akt des Wahrnehmens beschrieben. Die Vorstellung eines Gegenstandes wird innerseelisch als Fähigkeitsgewinn, ein den wirklichen Gegenstand repräsentierendes Bild hervorzubringen, aufgefunden. Als Gegenstand gilt alles erinnerungsmäßig Reproduzierbare, somit auch die sich assoziativ einstellenden, zuvor erfassten begrifflichen Zusammenhänge, die ohne Inanspruchnahme des entgegenständlichenden Denkwillens bewusst werden. Das erwähnte seelische Vermögen, einzelne Tatsachen und Vorgänge zu erinnern, hat sich durch die Vereinigung allgemeiner Begrifflichkeiten mit den innerhalb des Sinnesfeldes aufgefundenen Wahrnehmungen gebildet. Rudolf Steiner hat es vermieden, dabei nachdrücklich von Erinnerungsvorstellung zu sprechen, da jede Vorstellung »erinnert«, das Wahrnehmbare »verinnerlicht«, weshalb er den pleonastischen Ausdruck vermied. Das Vermögen zur Vorstellungsbildung nennt er in seiner Philosophie auch »subjektive Wahrnehmung«, da jene durch die Wahrnehmung am Erkenntnissubjekt selbst festgestellt werden kann. Hingegen spricht er in entsprechendem Unterschied von »objektiver Wahrnehmung« bei Anwesenheit des Gegenstandes innerhalb des Beobachtungshorizontes.[9] – Die Wahrnehmung der Vorstellung, ihr Bewusstwerden, ist subjektiv bedingt, ihr Gehalt jedoch liegt in der Individualisierung eines objektiv-allgemeinen Begriffes. In dieser individualisierten Form lebt der Begriff als Vorstellung eines bestimmten Gegenstandes im Menschen weiter. Er repräsentiert dem Menschen die volle Wirklichkeit, an der er unter Beobachtung des Vereinigungsgeschehens von Begriff und Wahrnehmung selbst Anteil genommen hat. Wirklichkeitsmitvollzug und dessen Repräsentanz sind dabei zu unterscheiden. Das erste nennt Rudolf Steiner Erkennen, das zweite Erinnern (Vorstellen).

Fünfundzwanzig Jahre später führt Rudolf Steiner in einem Vortrag vom 22. August 1919 in Stuttgart über das Vorstellen das Folgende aus: »Wovon ist das Vorstellen Bild? Vorstellen ist Bild von all den Erlebnissen, die vorgeburtlich beziehungsweise vor der Empfängnis von uns erlebt sind … Wenn Sie heute als physische Menschen vorstellen, so stellen sie nicht mit einer Kraft vor, die in ihnen ist, sondern mit der Kraft aus der Zeit vor der Geburt, die noch in ihnen nachwirkt«.

Dies gilt laut Rudolf Steiner für das dem Gedächtnis und der Begriffsbildung zugrundeliegende Vorstellen. Für das die äußere Welt inhärent erfassende Vorstellen gilt anderes: »Bekommen sie die Phantasie genügend stark, was beim gewöhnlichen Leben nur unbewusst geschieht, wird sie so stark, dass sie wieder Ihren ganzen Menschen durchdringt bis in die Sinne, dann bekommen sie die gewöhnlichen Imaginationen, durch die sie die äußeren Dinge vorstellen. Wie der Begriff aus dem Gedächtnis, so geht aus der Phantasie die Imagination hervor, welche die sinnlichen Anschauungen liefert. Die gehen aus dem Willen hervor. Dass wir zum Beispiel die Kreide weiß empfinden, das ist hervorgegangen aus der Anwendung des Willens, der über Sympathie und Phantasie zur Imagination wird. Was ist der Wille eigentlich? Er ist nichts anderes, als der Keim in uns für das, was nach dem Tode in uns geistig- seelische Realität sein wird«.

In diesen Ausführungen haben wir ein Beispiel, welches zeigt, wie die Inhalte der »Philosophie der Freiheit« in einer später von Rudolf Steiner vorgenommenen Darstellung eine weiterentwickelte Form annehmen. Wenn wir nicht zur Resignation, welche frühere und spätere Darstellungen als nicht in Zusammenhang zu bringende nebeneinander hergehen lässt, Zuflucht nehmen wollen, so muss in der simpel klingenden Unterscheidung zwischen »subjektiver« und »objektiver Wahrnehmung«, richtig durchgeführt, der Ansatz für die Erforschung der Anteile des vorgeburtlichen und des nachtodlichen Lebens an dem irdischen Bewusstseinsalltag liegen.

Ihn aufsuchen, heißt auch dem Leben des die »Philosophie der Freiheit« durchziehenden Beobachtungs- und Ideenorganismus nachspüren. Grundlage, Methode und Vertrauen zu dem produktiven Brückenschlag zwischen dem vermeintlich Erledigten und dem illusionär Okkultisierten geliefert zu haben, bezeichnen zwar Auftrag und Gültigkeit des Werkes von Herbert Witzenmann, doch noch nicht seinen vollen Gehalt.

Im Frühling des Jahres 1914 hielt Rudolf Steiner in Herbert Witzenmanns Vaterstadt Pforzheim einen bedeutenden Vortrag[10], der dem Prolog des Johannes-Evangeliums gewidmet war und in dem er »Logos« in Wort, Gedanke und Erinnerung gliederte. Die vorgebrachten Variationen bildeten die früheste Vorform der Mantren, mit denen Rudolf Steiner neun Jahre später die Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft vollzog. Herbert Witzenmann selber zählte, als jene Worte in seinem nächsten Lebensumkreis erklangen, neun Jahre. Sie sollten später Herbert Witzenmanns zentrales Forschungsgebiet bezeichnen. Der in ihnen veranlagte, umfassende Ideenorganismus bedeutet für jede echte Anthropologie Aufgabe wie Orientierung. Witzenmann brachte im Verlauf seiner geisteswissenschaftlichen Arbeit sowohl hinsichtlich der reinen Begriffe (der Universalien), wie auch der Sprache (der allgemeinen Linguistik) und der Erinnerungsforschung (der Strukturphänomenologie) neuartige Ergebnisse zur Darstellung.[11]

Doch auch auf dem Gebiet der Sozialwissenschaft hat Witzenmann mit der Darlegung der sozialästhetischen Gestaltungsprinzipien, wie sie Rudolf Steiner dem Entwurf einer modernen Erkenntnisgemeinschaft in der Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft zu Grunde gelegt hatte, neuartig in die Zukunft Weisendes geleistet, was an dieser Stelle immerhin angedeutet sein soll.[12]

Hier sollen hingegen einige Streiflichter auf die strukturphänomenologisch gewonnene Vorstellungs- bzw. Erinnerungslehre geworfen werden, so wie sie Herbert Witzenmann in seiner »Strukturphänomenologie« entwickelt. Ich werde dies im Hinblick auf deren Veranlagung in der »Philosophie der Freiheit« Rudolf Steiners tun, der einzigen Schrift, welche die »Strukturphänomenologie« positiv erwähnt.

Rudolf Steiner bringt uns in seinem Werk das Folgende zum Bewusstsein: Unser Selbsterkennen und Welterfassen sind erweiterungsfähig, da wir die Zusammenhänge, in die hinein wir unseren Denkwillen beim Erfassen evidenter Begriffe verweben, vertiefen und unsere Beobachtung durch die Verstärkung der Intentionalität geistiger Elemente auf sinnlich Wahrnehmbares hin verschärfen können. Intuition und Beobachtung sind die Grundtätigkeiten des Erkennens. In verschiedenen Schriften hat Herbert Witzenmann die in der »Philosophie der Freiheit« stark konturierte Zweiheit auf ihren Zusammenhang hin dargestellt und dabei den sie durchziehenden rhythmischen Prozess hervorgehoben.[13]

Der Beobachtungsfortschritt der »Philosophie der Freiheit« ist daraufhin angelegt, die Beobachtungsorgane für den Evidenzbereich nachzuweisen und stufenweise durch die Betätigung der begrifflichen und moralischen Intuition zu erweitern und zu vertiefen. Rudolf Steiner tut dies oft durch ein markant gehaltenes Aussprechen von an der Oberfläche widersprüchlich Erscheinendem. Das verleiht seinem Werk die eigentümliche, unter der Oberfläche seiner verstandesmäßig erfassbaren Aussagen ruhende Rätselhaftigkeit. Das Paradoxal-Widersprüchliche kann Schwäche des logischen Sinns wie auch Gestaltungsmittel des mit der geistigen Erfahrung Vertrauten sein. An den von Skepsis durchzogenen Grenzerfahrungen des Widersprüchlichen kann die Eigentätigkeit erkraftet werden. Steiner stellt seine ideellen Erfahrungen oft so dar, dass von einem ihrer Momente in einer Art gesprochen wird, die ihre Beleuchtung von einem anderen, oft polar entgegengesetzten Beobachtungsstandpunkt her erfährt. Wer sich auf das Schwimmen im von geistiger Bewegung durchzogenen Meer des Denkens nicht einlassen will, wird dabei nichts als Widersprüche finden. Rudolf Steiner berücksichtigt diese Tatsache in pädagogisch geradezu schockierender Weise. So nimmt er z. B. in die Neuauflage seiner Schrift »Goethes Weltanschauung« mit Nachdruck eine Stelle aus einer anderen seiner Schriften auf, die man ihm als im Widerspruch zu dem in »Goethes Weltanschauung« Ausgeführten stehend angekreidet hatte und schreibt dazu: »Wer nun aber doch den Geschmack hat, in solchen Dingen Widersprüche zu finden, dem habe ich dadurch die Mühe erspart, sie erst aus zwei Büchern zusammensuchen zu müssen«.

An anderer Stelle hören wir von ihm: »Sie können nämlich dessen gewiss sein, dass eine Betrachtung, die so glatt verläuft, dass man mit dem gewöhnlichen Menschen-Alltags verstand keinen Widerspruch finden kann, nicht auf okkultem Boden steht«.[14]

In der »Philosophie der Freiheit« ist nun eine der verschiedenen Schwierigkeiten, die ohne erleichternde Bemerkung formuliert wird, die folgende: »Der Grund, der es uns unmöglich macht, das Denken in seinem jeweilig gegenwärtigen Verlauf zu beobachten, ist der gleiche wie der, der es uns unmittelbarer und intimer erkennen lässt als jeden anderen Prozess der Welt«. – Und dann: »Für jeden aber, der die Fähigkeit hat, das Denken zu beobachten – und bei gutem Willen hat sie jeder normal organisierte Mensch – ist diese Beobachtung die allerwichtigste, die er machen kann«.

Demnach soll das Denken von jedem beobachtbar sein, nur nicht in seinem jeweilig gegenwärtigen Verlauf. Das kann dem um Verständnis Bemühten Kopfzerbrechen verursachen, was vom Autor wohl auch erwünscht war. Er hat mit seiner Aussage darauf hingewiesen, dass die Denkinhalte nach entsprechender Schulung der Aufmerksamkeit wohl beobachtbar sind, nicht aber ihre vergegenwärtigenden Denkakte, die nur vollzogen werden können. Weshalb es dann im weiteren heißt: »Im intuitiv erlebten Denken ist der Mensch in eine geistige Welt auch als Wahrnehmender versetzt«.

Daraus entsteht die Aufgabe, die Metamorphose des Beobachtens in einer nicht gegenstandsbezogenen, vielmehr entgegenwärtigenden, vorgangsbezogenen Form darzustellen. Sie wird von der »Strukturphänomenologie« folgerichtig aufgegriffen und bearbeitet. – Die »Philosophie der Freiheit« ist willensbetont. Die Ausführungen, welche die Beobachtungen am erkennenden und vorstellenden Menschen enthalten, sind daraufhin angelegt, die Freiheitsidee zu stützen und das freie Handeln zu unterstützen. Sie regen zur Aktualisierung eines noch Unvollzogenen an. Sie wollen das naturwissenschaftliche, durch seelisches Beobachten disziplinierte Bewusstsein für eine in drei Stufen sich steigernde Vereinigung mit einem Geistig-Urbeweglichen fruchtbar machen.

Die »Strukturphänomenologie« zielt auf den Ausbau der naturwissenschaftlichen Erkenntnisart im Innewerden der gestaltbildenden Elemente der vierstufigen Wirklichkeit. Sie hellt den intuitiven, vom alltäglichen Bewusstsein jedoch verschlafenen Einschlag im beobachtend-vorstellenden Umgang mit den Gegenständen und Vorgängen auf. Wie die »Philosophie der Freiheit« gipfelt auch sie in der Steigerung des Bewusstseins für wesenhaft lebendige Urbilder, den Universalien. Sie erreicht die kathartische Befreiung von der Übermacht sinnlichkeitsgebundenen Vorstellens durch die vollständige Erforschung des gewöhnlichen, begehrenden und damit vergegenständlichenden Bewusstseins mittels der Methode der seelischen Beobachtung. Sie fügt dem von Rudolf Steiner rasch in höchste Höhen aufgerichteten Bau eines neuen wissenschaftlichen und zivilisatorischen Modells tragende Elemente ein, welche, sofern man ihre Stützfunktion erkennt, die Gefahr bannen, dass die gewaltigen Forschungsleistungen Rudolf Steiners als Angebot okkulter Konsumgüter zu Mitteln der Konditionierung von Gruppenenergien missbraucht werden. Weil jene dem gewöhnlichen Bewusstsein, jedoch im Vertrauen auf den guten Willen zur erkennenden Veränderungsleistung überantwortet wurden, sind sie nicht von alleine vor den selbstsüchtigen Interessen des unverwandelt niederen Seelenlebens gefeit.

Ein wichtiger Fortschritt der anthroposophisch orientierten Erkenntniswissenschaft liegt in der Analyse der in den unterschiedlichen Stufen des Wirklichkeitskontaktes wirksamen Bewusstseinsstufen. Die »Strukturphänomenologie« stellt sie als Metamorphose des denkenden Selbstbewusstseins in den unterschiedlichen Formen der Vorstellungsbildung dar (aktual, intentional, metamorphotisch, inhärent). Wiederholt beruft sich die »Philosophie der Freiheit« auf diejenige anthropologische Grundform der Wirklichkeit, die vor der individuell betätigten Leistung beobachtender Vergegenständlichung und damit vor der Trennung zwischen Wahrnehmung und Denken und vor der damit möglich werdenden Rückverbindung von Mensch und Welt durch das individuelle Erkennen wirksam ist.

»Es hat mit der Natur der Dinge nichts zu tun, wie ich organisiert bin, sie zu erfassen. Der Schnitt zwischen Wahrnehmen und Denken ist erst in dem Augenblick vorhanden, wo ich, der Betrachtende, den Dingen gegenübertrete«.[15]

Es ist nun entscheidend, sich Klarheit darüber zu verschaffen, wodurch sich die Natur der Dinge innerhalb einer »vorerkannten Wirklichkeit« – ein weiterer, widerspruchsvoller Begriff, da der »Philosophie der Freiheit« zufolge Wirklichkeit erst im Erkennen entsteht – zur Geltung bringt. Die »vorerkannte Wirklichkeit« erhält ihre volle Bedeutung erst, nachdem sie verlassen und erkannt wurde, nicht aber losgelöst von diesem Rückbezug. Zwar strebt auch das vor der unabdingbaren Trennung in Naivität verharrende Alltagsbewusstsein zur Auflösung der instinktiv versicherten Wirklichkeit hin. Doch muss der Schnitt des Beobachtens, wie auch Rudolf Steiner an anderem Ort deutlich macht,[16] künstlich (experimentell) gezogen werden. Daraufhin kann die erlangte Verselbständigung der beiden Wirklichkeitsfaktoren in einem erkannten Zusammenhang frei fortgebildet werden.

Die angedeutete bewusstseinsgeschichtliche Umwendung ist innerhalb der welthistorischen Entwicklungsphase des Individuationsvorganges zeitlich begrenzt. Der für die Vorstellungsentstehung unbewusste Mensch empfand sich gerade durch den Umstand, dass nicht er selbst die Begriffe zu bilden hatte, unterbewusst ganzheitgetragen. Wenn aber dieses dumpfe Ganzheitsempfinden gegenwärtig nicht in die völlig andere Art des bewussten Vollzugs erkennender Ganzheitstiftung umschlägt, wird es sich früher oder später mit Notwendigkeit gegen die allein sinnstiftende Evolutionsrichtung stellen. Ein das Beobachten seelisch nicht beobachtendes Bewusstsein umgeht die Mühen der Bewusstseinsanstrengung nur, um sich wehrlos der Irreführung des Menschen auszusetzen, die mit der eintretenden Ablösung von den ordnenden Ganzheiten verbunden ist. Für eine strukturphänomenologische Vorstellungslehre, dem Kernstück einer anthroposophisch orientierten Erkenntniswissenschaft, erweist sich unter verschiedenen Gesichtspunkten eine Morphologie der Bewusstseinsstufen als unentbehrlich.

Die »Philosophie der Freiheit« kennzeichnet einige allgemeine Merkmale des oberhalb des gewöhnlichen Wachens befindlichen Ausnahmezustandes. In ihm wird die unter der Decke des Alltagsbewusstsein regsame Denktätigkeit bewusst und individuell befreit. Das Alltagsbewusstsein ist sich selbst nicht als eines unwirklichen, sondern als eines anderen als das im freien Ausnahmezustand erzeugten bewusst. Ihre Inhalte sind verschieden geformt, oder wie die »Strukturphänomenologie« verdeutlicht, anders strukturiert. Die Strukturen der sich erhellenden und abdunkelnden Bewusstseinsstufen (die vollbewusste, die träumende und die schlafende, sowie die über der vollbewussten angesiedelten höheren) können nur immanent, als Metamorphose des Urbewussten und nicht im Wertbezug auf das ihnen jeweils noch nicht Bewusste beurteilt werden. Umso weniger, als dass kein Mensch des träumenden, schlafenden und des damit vielfältig verknüpften alltäglichen Bewusstseins entraten kann. Dies als Hinweis auf eine noch wenig bearbeitete Psychosophie.

Die »Philosophie der Freiheit« berücksichtigt mit Nachdruck diejenigen Beobachtungen, die sich aus der Befreiung des Denkens aus der Verhaftung in der Sinnlichkeit ergeben. Der »Ausnahmezustand« ist ein sich nach »oben« und »innen«, der allgemeinen geistigen Tätigkeit als der Grundlage individuellen Handelns zuwendender. – Die »Strukturphänomenologie« ergänzt ihn durch den (in verstärkter Betonung des nach »unten« und »außen«) Ausbau des Strukturnachweises, wodurch der intuitiv geistige Gehalt in den mensch- und naturgemäßen Wirklichkeitsstufen aufzufinden ist. Die »Philosophie der Freiheit« betont, dass die intuitive Tätigkeit einen sie rückbestimmenden Gehalt wahrnimmt, und dass dieser, wenn er erfahren wird, als Grundlage der Freiheit erscheint. Die »Strukturphänomenologie« stellt der praktizierten Freiheit das höchste Zeugnis aus, indem sie deutlich machen kann, wie der intuitive Gehalt, wenn auch durch den Sinneseinschlag in seiner Lebendigkeit abgelähmt, in der instinktiv geführten Leibesäußerung nicht zu versinken braucht, sondern dass er auch im Umgang mit dem nichtevident Wahrnehmbaren aufrecht erhalten werden kann. Damit wird die Motivation zur Erweiterung der Beobachtung auf einen nicht gegenständlichen Bereich vermittelbar.

Die durch die wissenschaftlich motivierte Meditation markierte Bewusstseinswende fordert eine »Strukturphänomenologie« nicht theoretisch, sondern erhellt den Weg, auf dem das oberflächliche, nach traumhaften Ganzheiten begehrliche (anstatt für seinen erzeugenden Anteil an deren Entstehung erwachende), naiv vergegenständlichende Vorstellen in seiner Unwirklichkeitsverhaftung durchschaut wird. Die gestaltbegehrende, den Grundvorgang der Wirklichkeitsentstehung (von Witzenmann »Grundstruktur« genannt) verschlafende naive Sinnlichkeit kann wie eine Eisfläche auf das untergründig strömende Wasser hin transparent gemacht werden. Die »Strukturphänomenologie« weist überzeugend alle zu Bewusstseinshinhalten einfrierenden Gestalten als unterbewusst verlaufende Urteile, als Inhärenzen eines Überzeitlichen und Überräumlichen nach. Damit erhärtet sie den wenig verstandenen, als Motto verwendeten, Ausspruch Rudolf Steiners: »Ein Denken, das dem Organismus nicht unterworfen ist, lebt für das gewöhnliche Bewusstsein nur, während der Mensch im sinnlichen Wahrnehmen begriffen ist«.

Das Bewusstsein, das sich schult, der Vorstellungsbildung als Eigenleistung und als Wirklichkeitsbildung inne zu werden, hebt die damit beobachtete Vorstellungsbildung in den einem Ich-Wesen entsprechenden Ausdrucksbereich.

Erkennen und Vorstellen beginnen sich gegenseitig zu durchdringen, wenn Vorstellungen als vollzogene Wahrnehmungsurteile die Form originärer Erkenntnisleistungen annehmen.

Die »Philosophie der Freiheit« äußert sich nicht über die eigentümliche Differenz zwischen Erkennen und Vorstellen. Beides sind ihr zufolge Vereinigungsformen von Begriff und Wahrnehmung. Betrachten wir in diesem Zusammenhang den oben erwähnten Satz Rudolf Steiners auf dem Hintergrund der strukturphänomenologischen Intention, wie sie in der »Philosophie der Freiheit« veranlagt ist.[17]

»Die volle Wirklichkeit eines Dinges ergibt sich uns im Augenblicke der Beobachtung aus dem Zusammenhang von Begriff und Wahrnehmung«.

Zu einem vollständigen Repräsentanten der »vollen Wirklichkeit« wird ein Bewusstseinsinhalt dann und nur dann, wenn er das Bewusstsein des Wechselprozesses zwischen Stoff und Form, zwischen Idee und Wahrnehmung mitumschließt.

»Der Begriff erhält durch eine Wahrnehmung eine individuelle Gestalt, einen Bezug zu dieser bestimmten Wahrnehmung. In dieser individuellen Gestalt, die den Bezug auf die Wahrnehmung als eine Eigentümlichkeit in sich trägt, lebt er in uns fort und bildet die Vorstellung des betreffenden Dinges«.

Das menschliche Seelenleben entsteht und entwickelt sich, wenn das logische Eigenwesen, der begriffliche Inhalt, der als solcher von seinem Ergriffenwerden durch den menschlichen Denkwillen unabhängig ist, durch den Erkennenden auf sinnlich vermittelte Weltinhalte hinorientiert wird. Das In-Gang-Bringen der rhythmischen Korrespondenz von Begriff und Wahrnehmung bedeutet gleichzeitig Zeitigung, Zeitwerden. Die ideelle Intentionalisierung der wesenhaft allgemeinen Gestaltungskräfte lebt als innerseelischer Gehalt fort und bildet die Grundlage für die Erinnerung. Auf die leiblichen Engramme des Gedächtnisses gestützt, bestimmt sie im irdischen Verlauf den größten Teil des menschlichen Seelenlebens.

»Treffen wir auf ein zweites Ding, mit dem sich derselbe Begriff verbindet, so erkennen wir es mit dem ersten als zu derselben Art gehörig«.

Im Wiedererkennen des Gleichen, der artbildenden Idee auf dem Feld ununterscheidbarer Unterschiede, wird die Gestalt- und die Umgestaltbarkeit der Idee aufgrund ihrer An- und Einpassung in verschiedene Wahrnehmungskomplexe erfasst und ausgebildet. Dabei werden auch vorangegangene individualisierende Metamorphosen erinnert. Durch die im Verhältnis zur grundstrukturellen Neubildung sekundäre »Erinnerungsbeaufschlagung« hindurch kann jene erblickt oder verdeckt werden. Die vollzugfernste Form des Wirklichkeitsbildevorganges, die jedoch, der Komplexität ihrer Gebilde wegen, die höchste Beobachtungsanforderung stellt, wird beim Wiedererkennen – nicht des Gleichen, sondern – desselben erreicht.

»Treffen wir dasselbe Ding ein zweites Mal wieder, so finden wir in unserem Begriffssystem nicht nur überhaupt einen entsprechenden Begriff, sondern den individualisierten Begriff mit dem ihm eigentümlichen Bezug auf denselben Gegenstand, und wir erkennen den Gegenstand wieder«.

Im Wiedererkennen desselben wachen wir für den in die Wahrnehmung bereits früher von uns vollständig inhärierten Begriff auf. Das setzt voraus, dass wir die Beobachtung für die sinnliche Qualität reinigen und verstärken. Dies geschieht durch die Zurückdrängung aller aus der Erinnerung aufsteigenden Vorstellungen und verstärkt sich durch das Entfachen des Gefühls, das sich auf den geheimnisvoll sich verhüllenden und enträtselnden Hintergrund der Sinnenwelt richtet. Wir schließen unser Ideenerleben den aufsteigenden Inhärenzen auf, die unsere vormalige Verbundenheit mit den Dingen bezeugen. Denn alles Wiedererkennen ist ein Erinnern unseres in den Dingen liegenden Tätigkeitanteiles. Wir überziehen nicht länger alle Farben, die unsere Wirklichkeitsverbindung schildern, mit dem grauen Gespinst subjektiv gebildeter Vorstellungen, die uns vom geistigen Leben der Wirklichkeit trennen.

Wir vermögen zu erfassen, was »im sinnlichen Beobachten Begriffen-Sein« heißt. Es ist jener Zustand, der den von der Frucht der Sinneswelt umschlossenen Keim eines höheren Beobachtens enthält. Doch erhält das im Umgang mit der Sinnlichkeit gereinigte Beobachten seine weitere, ihm erst die volle Bedeutung verleihende Entwicklungsstufe erst, wenn es sich umwendet und sich auf die Gebilde des seelischen Lebens selbst richtet. – Dabei treten weitere Anforderungen auf, die das zu beachtende Gleichgewicht zwischen selbstloser Offenheit und ichhafter Bewusstseinsbildung betreffen. Hier werden wir so oft von haltlos vagabundierenden Vorstellungen genarrt. Sie führen zu einem illusorischen Wiedererkennen, das uns von dem Eintritt in das »Begreifen sinnlicher Beobachtung« abhält. Wir vermeinen, dasselbe zu erfassen, doch träumen wir dabei ein vermeintliches Erinnern und gehen wie Schlafwandelnde an dem Neuartigen vorbei. Es lohnt sich, sich selbst in diesem Wiedererkennungstrug zu ertappen. Wer erkennt schon dieselbe Stecknadel wieder, doch wer lässt sich dadurch in seiner Auffassung stören, dass es bei einer Stecknadel nichts Neues wahrzunehmen gälte?

Der bewusstseinstrübende Einfluss, der von dem Umstand herrührt, dass wir es vermeiden, uns dem rein Wahrnehmlichen auszusetzen, macht sich in allen Naturreichen geltend. Habe ich nicht alle Tannen, Vögel, Wolken und Sterne für immer und ewig gesehen? Was können sie mir denn schon Neues vermitteln? – So spricht die Beobachtungsträgheit in uns. Offensichtlich bedürfen wir gar sehr der Verjüngung, welche das seit frühester Kindheit in die gegenständlich auftretende Gegenwart eingewobene und dann im abgegriffen scheinenden Lebensumfeld vergessen gegangene goldene Garn wiederzufinden vermag. Dem wirklichen erinnernden Rückbezug unseres ordnenden, im Sinnesteppich verwobenen Denkwillens entsteigen die schicksalkündenden Imaginationen, wickeln wir uns doch im Bewusstmachen unserer Wiedererkennungsleistung auf das alles gegenständliche Vorstellen überdauernde Himmelsknäuel, das wir selber sind.

Das Wiedererkannte ist unsere ewige Vorgeburt, aus der wir unseren irdischen Lebensfaden herausgeholt haben. Die Kraft für das Wiedererkennen jedoch schöpfen wir aus der Hingabe an das unendlich Unerreichbare, das mit jeder Wahrnehmung an uns herandringt. Nach Abstreifen der Wirkung unserer das Unauslotbare der Freiheitentstehung vermittelnden Leiblichkeit wird einstmals der religiös-erkennende Rückbezug zur ursprünglichen Welt unseres Eigenwesens zu ich-erfülltem Ausdruck gelangen. Er wird unsere Vorgeburt mit unserem Nachtod verweben.

Herbert Witzenmanns »Strukturphänomenologie« erhellt ein Forschungsgebiet, das dazu berufen ist, dem Menschen das Bewusstsein seiner Himmelsabkunft zurück zu gewinnen. Sie kommt in bewunderungswürdiger Art der Aufgabestellung nach, die durch Rudolf Steiner dem Kulturbewusstsein unserer Epoche überantwortet wurde. Sie zeugt selbst von der tiefen Einsicht in die Notwendigkeiten unserer Zeit. Schärft sich der Blick für herausragende geistige Leistungen, so wird einem deren Unvergleichbarkeit eindrucksvoll bewusst. Das Individuellste, welches in einer unvertauschbaren biographischen und geschichtlichen Situation errungen wird, ist das Einzige, dem Allgemeingültigkeit innewohnt. Es bewährt sich nicht in allgemeinen Wiederholungen, sondern in der Mitwirkung an der allein in individuellen Leistungen sich vollziehenden Evolution des Menschengeschlechts.

Die »Strukturphänomenologie«, dieses großartige, die wissenschaftlich motivierte Meditation anregende und ihr entsprungene Konzentrat, ist wahrhaft unvergleichlich. Die Bemühung um die geistige Mitarbeit des Lesers durch ihre oft formelhaft, doch gleichwohl vollständige Vermittlung schwieriger Ideenbildungen ist erstaunlich. Die Vergleiche zwischen der »Strukturphänomenologie« Herbert Witzenmanns und der »Philosophie der Freiheit« Rudolf Steiners habe ich im Bewusstsein angestellt, dass der Nachweis der Beziehungen, ihrer gegenseitigen Beleuchtung, der Gründe für die Verschiedenartigkeit der Gesichtspunkte usw. letztlich vor dem Gewahren des einheitlich geistigen Stromes, dem beide Werke entstammen, zurücktreten muss. Wenn auch die äußere Anknüpfung immer notwendig sein wird, lässt sich Anthroposophie, allein auf sie gestützt, weder erweitern noch entwickeln, sondern nur verwässern und verfälschen.

Anthroposophie als geistiger Auftrag lässt sich nur im Ausdruck des unvergleichlich Individuellen unter Gestaltung der ideellen Kontinuität fortbilden. Über diesen Punkt kann sich jeder klar werden, der den zeitgeisthaften Impuls in seinem Erkennen würdigen will.


Hinweis: Eine erste Fassung dieses Essays erschien in der Festschrift zum 80.Geburtstag für Herbert Witzenmann »Ein Weg in die Zukunft«, herausgegeben 1985 von Dr. E. Schenkel und R. A. Savoldelli. Sie wurde gründlich überarbeitet und für den gegenwärtigen Anlass aktualisiert.


Anmerkungen:

  1. Rudolf Steiner, frühere Geheimhaltung und jetzige Veröffentlichung übersinnlicher Erkenntnisse. Aufsatz in der Zeitschrift »Das Reich«, München, 1918.
  2. Herbert Witzenmann, Vererbung und Wiederverkörperung des Geistes. 3. Auflage in der Reihe »Perspektiven der Anthroposophie«, Fischer-Verlag, 1984.
  3. Siehe Nachrichtenblatt »Was in der Anthr. Gesellschaft vorgeht« vom 28.April 1963
  4. Siehe die redaktionelle Vorbemerkung Albert Steffens zu den Gedichten von Witzenmann in der Zeitschrift »Das Goetheanum« vom 16.August 1931.
  5. Wie diese Äußerung im Zusammenhang zu verstehen ist, habe ich versucht, im dritten Band der Dokumentation von Witzenmanns Tätigkeit im Vorstand des Goetheanum »Die geistige Persönlichkeit Herbert Witzenmann – ein Beitrag zum Verständnis der europäischen Kulturgeschichte« darzustellen. http://www.das-seminar.ch/page/
  6. Seine beiden einschneidenden persönlichen Begegnungen mit Rudolf Steiner wurden von ihm in privaten Briefen an Jutta Knobel-Weitz beschrieben, die sie aus Anlass seines 100.Geburtstages unter dem Titel »Lichtmaschen« veröffentlicht hat.
  7. Zitiert aus dem Vorwort von Thomas Meyer zu den autobiographischen Aufzeichnungen W. J. Steins in »Der Tod Merlins« Verlag am Goetheanum, Dornach, 1984.
  8. Siehe dazu etwa die Rezension von Ralf Sonnenberg in die Drei 11/2017 »Quo vadis, Freie Hochschule für Geisteswissenschaft?« – Zum Erscheinen einer dreibändigen Dokumentation zur Vorstandstätigkeit Herbert Witzenmanns – und zu einem verdrängten Kapitel der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft.
  9. Siehe R. Steiner, Die Philosophie der Freiheit, Ende des 5.Kapitels: »Das Erkennen der Welt«.
  10. Rudolf Steiner, Vortrag vom 7.3.1914 in Pforzheim: »Der Christus-Impuls im Zeitenwesen und sein Walten im Menschen«, Philosophisch-Anthroposophischer Verlag, Dornach, 1930 (1. A.)
  11. Siehe etwa H. Witzenmann, Die Voraussetzungslosigkeit der Anthroposophie, 2. A. Verlag Freies Geistesleben,1985, – H. Witzenmann, Die Egomorphose der Sprache in Intuition und Beobachtung II, Verlag Freies Geistesleben 1978 – H. Witzenmann, Strukturphänomenologie, Gideon Spicker 1985 – H. Witzenmann, Die Philosophie der Freiheit Rudolf Steiners als Grundlage künstlerischen Schaffens, 2.Auflg. Gideon Spicker Verlag, 1988.
  12. Siehe dazu R.A. Savoldelli, Die Tätigkeit von Herbert Witzenmann im Vorstand am Goetheanum 1963-1988. Dreibändige Dokumentation SeminarVerlag, Basel 2017 
  13. Siehe z. B. Herbert Witzenmann, »Intuition und Beobachtung« in der gleichnamigen Schrift, Bd. l, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1977 oder die beiden Texte »Über Umstülpung« in »Goethes universalästhetischer Impuls«, Dornach 1987.
  14. R. Steiner im Vortrag vom 16. Aug. 1908 in Stuttgart, GA 104
  15. Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit, Kapitel 5: »Das Erkennen der Welt«
  16. Rudolf Steiner, Wahrheit und Wissenschaft, 18: »Die Grenze zwischen Gegebenem und Erkanntem wird überhaupt mit keinem Augenblick der menschlichen Entwicklung zusammenfallen, sondern sie muss künstlich gezogen werden. Dies aber kann auf jeder Entwicklungsstufe geschehen, wenn wir nur den Schnitt zwischen dem, was ohne gedankliche Bestimmung vor dem Erkennen an uns herantritt, und dem, was durch letzteres erst daraus gemacht wird, richtig führen«.
  17. Die folgenden Sätze finden sich in Rudolf Steiner, die Philosophie der Freiheit, Kapitel »Die menschliche Individualität«.

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