Individuen, Völker, Volksgeister, Zeitgeister und die Menschheit

Fragment eines Kommentars zu Rudolf Steiners Vortragsreihe »Die Mission einzelner Volkseelen im Zusammenhange mit der germanisch-nordischen Mythologie«, Kristiania 1910.

Rudolf Steiner, Menschheitsrepräsentant (Ausschnitt)

Das Verständnis der Ausführungen Steiners über die »Mission« einzelner Völker und Volksgeister wird heute durch politische Sprachregelungen und Normierungen des Denkens erschwert, wenn nicht sogar verhindert. Die Begriffe »Volk«, »Volksseele« und »Volksgeist« sind durch den Missbrauch, den »völkische Tollheit« (Steiner, 17.12.1916, GA 173, S. 165) mit ihnen getrieben hat – besonders im deutschen Sprachraum – belastet. Die manchmal geradezu pathologische Ablehnung dieser Begriffe geht sogar so weit, dass manche Extremisten Deutschen den »Volkstod« wünschen, ohne zu bemerken, dass sie noch in ihrer Negation das Abgelehnte affirmieren. Eine Erläuterung dieser Begriffe und ihrer Bedeutung im Kontext von Steiners Werk scheint deshalb geboten.

Steiners Vorträge wurden am Vorabend des großen Weltbürgerkrieges gehalten, um die Zuhörer zur Besinnung auf die guten Genien der Völker aufzurufen, während die europäischen Nationen auf dem Vulkan eines hochgesteigerten Nationalismus tanzten und kurz davor standen, im Taumel des chauvinistischen Größenwahns und der entfesselten Blutgier übereinander herzufallen. Die Vorträge sollten, nach Steiners erklärter Absicht, die Völker im Bewusstsein ihrer »gemeinsamen Menschheitsmission zusammenführen«. (GA 121, 7.6.1910, S. 17, zitiert nach der Ausgabe 1982) Nur dann könnten die Angehörigen der einzelnen Völker ihren »freien, konkreten Beitrag« zu ihrer gemeinsamen Menschheitsaufgabe leisten, wenn sie sich um eine »Selbsterkenntnis ihres Volkstums« bemühten.

Die Grundintention seiner Ausführungen ist also eine universalistische. Der Einzelne, der sich um eine solche Selbsterkenntnis bemüht, kann durchschauen, was ihn an die sprach- und traditionsgebundene Sphäre kollektiver Identitäten und Mentalitäten fesselt, inwieweit diese die Entfaltung seiner individuellen Freiheit behindern und ihn davon abhalten, sich dem guten Genius seines Volkes zuzuwenden, der zwischen ihm und dem Genius der Menschheit vermittelt.

Steiner beansprucht für sich eine universelle Perspektive, den Standpunkt des »Heimatlosen«, des »Eingeweihten«, der sich von allen Bindungen an nationale oder religiöse Partikularismen befreit hat, der die »große Mission der Gesamtmenschheit in sich aufzunehmen vermag«. (GA 121, 7.6.1910, S. 16) Mit dem Hinweis auf diese universelle Perspektive greift Steiner ein Motiv auf, das er bereits in seinen Aufsätzen »Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?« mit der Einweihung in Beziehung brachte. Schon dort führt die Einweihung den individuellen Menschen aus Sklaverei der Naturtriebe und der Obhut geistiger Mächte heraus und will ihn zum autonomen Gestalter seines geschichtlichen und sozialen Lebens machen.[a] Aus dieser Perspektive, die die Menschheit als große Familie der Völker in den Blick nimmt, in der die einzelnen Glieder aneinander gebunden und aufeinander angewiesen sind, erscheinen die einzelnen Völker nicht als isolierte Kollektive, deren Vorteil, Glück oder Wohlfahrt von der Wohlfahrt der anderen unabhängig ist. Die einzelnen Völker sind um der Menschheit willen da, sie sind wie die Organe eines Lebewesens, die gemeinsam das Leben des Ganzen ausmachen. Was das Leben des einzelnen Organs beeinträchtigt, beeinträchtigt auch das Leben des Ganzen. Die einige Menschheit differenziert sich seelisch in Völkern. Die Vielfalt dieser seelischen Differenzierung ist Voraussetzung für die Entfaltung der Totalität des seelischen, kulturellen Lebens der Menschheit. Ohne Unterschiede könnte es keinen Einklang, keine Harmonie, sondern nur Einförmigkeit und Eintönigkeit geben. Steiner bejaht die Differenz, aber er macht auch deutlich, dass diese nur in ihrer Bezogenheit auf das Andere und das Ganze lebensfähig ist. Wer seinen geistigen Blick auf die Gesamtmenschheit richtet, dem enthüllt sich das offenbare Geheimnis der Erde: sie soll durch die Arbeit des Menschen zum Planeten der Liebe werden.

Eine »Mission«, eine Sendung oder Aufgabe, ist der Gesamtmenschheit zugedacht. Bereits 1908 schildert Steiner die Liebesschule, in die die Schöpfermächte den Menschen führten. Mit jenem Bruch der Gefäße, von dem die Kabbala spricht, dem Auseinanderfallen des hermaphroditischen Urmenschen Platos, in die Vereinseitigungen des Männlichen und Weiblichen in weit zurückliegender Zeit begann die Erziehung des Menschengeschlechts, von der auch Lessing spricht. Die Kraft der Liebe wurde dem Menschen in ihrer naturhaftesten Form, als »sinnliche Liebe« eingepflanzt. Die gesamte weitere Entwicklung der Menschheit beruht auf der fortschreitenden Bewusstwerdung oder Individualisierung dieser Kraft. Die Vorschule der freien Liebe ist jene unter Blutsverwandten, den durch Abstammung verbundenen Familien- und Clangemeinschaften. In der Zeit der Clangemeinschaften, die sich einst überall auf der Erde fanden, revoltierten im Inneren des Menschen aufrührerische »luziferische« Engel gegen die »Blutsbande«, die nicht nur verbanden, sondern auch banden, und pflanzten dem Einzelnen das Bedürfnis ein, sich aus Stamm und Volk herauszulösen. Das Bewusstsein der Persönlichkeit und ihrer individuellen Freiheit reifte heran: die Geschichte ist eine Geschichte der Freiheit. So wurde die Menschheit fähig, die Liebe in ihrer höchsten Potenz mit der Menschwerdung Gottes in sich aufzunehmen, jene Liebe, die angesichts des Todes nicht schwindet, sondern wächst. Zur Liebe von Seele zu Seele wurde der Mensch vom Gottesselbst befähigt, das sich in die durch die Individualisierung zerrissene Menschheit ergoss. Am Ende der Erdenentwicklung wird die vom Menschen ausgehende Liebe alles Geschaffene durchdrungen haben. So wie heute die gesamte Natur von Weisheit durchdrungen ist, die die Naturwissenschaft aus ihr abliest, wird den Bewohnern des künftigen Himmelskörpers, zu dem die Erde geworden sein wird, überall die Liebe entgegenströmen. Ja, mehr noch: die von den Menschen auf der Erde empfundene Liebe ist Nahrung für die Götter. Je mehr Liebe der Menschen auf Erden untereinander, desto mehr Nahrung für die Götter im Himmel. Vom Menschen hängt es ab, ob die Engelwelt gedeiht. (GA 105, 12. und 13.8.1908).

Diese spirituelle Mission der Gesamtmenschheit zeichnet die Umrisse, in denen die Schicksale der Völker und Individuen ihren Platz finden. So wie der einzelne Mensch mit seiner Erinnerung seine individuelle Biografie, seine persönliche Existenz umfasst, so umfassen die Engel die gesamte Inkarnationsreihe der menschlichen Individualität, die Erzengel Gruppen und Gemeinschaften von Menschen, sowie kürzere geschichtliche Epochen, die von ihnen »inspiriert« werden. Zeitgeister, Archai schließlich, umspannen das Wirken der Erzengel und »intuieren« größere geschichtliche Epochen, die sogenannten Kulturepochen.

Jahrtausende hindurch waren Völkerengel (Volksgeister) ein Instrument religiös-theologischer Geschichtsdeutung. Ausgehend vom Alten Testament fanden sie Eingang in das Denken des christlichen Abendlandes. Sie vermittelten zwischen dem Schöpfer und der Schöpfung, zwischen Ewigkeit und Geschichte, Einheit und Vielfalt, Vorsehung und Kontingenz[1]. Im Deuteronomium hat der Allerhöchste »nach der Zahl der Gottessöhne« die Völker zerteilt.[2] Die Herleitung der Vielfalt von Sprachen und Völkern aus der Vielfalt intermediärer Götter lässt sich auf der ganzen Welt nachweisen, auch in nicht-christlichen Traditionen. Im Zeitalter der Aufklärung finden diese Völkerengel als »Volksgeister« oder »Völkergenien« durch Herder und Hegel Eingang in die Geschichtsphilosophie und in der Mitte des 19. Jahrhunderts durch Moritz Lazarus und Heymann Steinthal unter dem Titel »Völkerpsychologie« in die empirische Forschung. Lazarus definierte die Völkerpsychologie geradezu als »Wissenschaft von den Volksgeistern«.[3] Zwischen 1900 und 1909 publizierte Wilhelm Wundt, der Begründer der Psychologie als akademischer Disziplin, seine monumentale »Völkerpsychologie«, eine »Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythos und Sitte«, als deren Träger er die »Volksseele« betrachtete. Soziologen wie Émile Durckheim und Georg Simmel studierten Völkerpsychologie, letzterer bei Lazarus. Die Frage nach dem Volksgeist und seinem Verhältnis zu Recht und Staat war vor dem ersten Weltkrieg auch ein unter Juristen lebhaft diskutiertes Problem.[4] Steiner griff also 1910 in einen wissenschaftlichen Diskurs ein, wenn er von »Volksgeistern« sprach. Indem er diese als Erzengel identifiziert, greift er allerdings auf ältere Traditionen, eben die christlichen oder allgemeiner, die religiös-mythischen, zurück.[5] Insbesondere in der Bestimmung des Verhältnisses zwischen Volksgeistern und universellem Geist oder »Weltgeist« ist Steiner Hegel verpflichtet. Wenn für letzteren die Volksgeister »ihre Wahrheit und Bestimmung« im Weltgeist haben, »um dessen Thron sie als die Vollbringer seiner Verwirklichung und als Zeugen und Zierraten seiner Herrlichkeit stehen«[6], so ist es bei Steiner Christus, zu dem als ihrem Lehrer und Vorbild »alle wahren Volksgeister« aufblicken, denn Christus führt jeden einzelnen Menschen zum Bewusstsein seiner Freiheit und zur brüderlichen Liebe, die alles überwindet, was die Menschen von einander trennt.[7]

Terminologisch präzis ist es, von »Volksgeistern« zu reden, auch wenn Steiner zuweilen den Ausdruck »Volksseele« verwendet. Volksgeister sind in der Regel Erzengel, die so weit über dem Menschen stehen, wie dieser über dem Pflanzenreich, denn sie vermögen die kosmischen Lebenskräfte zu individualisieren, sie in individuelle Fähigkeiten umzuwandeln. Dies bedeutet, dass sie zu »Gestaltern des Lebens« werden, die mit ihrer individualisierten Lebenssphäre umbildend in den Lebewesen wirken, so wie das Ich des Menschen an seinen Vorstellungsinhalten und damit seinem »Astralleib« umbildend arbeitet. Das Bewusstsein dieser Erzengel ist nicht auf die Erde beschränkt, sondern erstreckt sich auf die Region der Wandelsterne. Ihre Lebenssphären (Ätherleiber) umspannen jene Planeten, über die sie die Regentschaft ausüben und sie wirken in vielen Naturvorgängen, zum Beispiel im Umlauf der Jahreszeiten, deren Aufeinanderfolge sie regeln, aber sie prägen auch als »Zeitalterregenten« kleinere Geschichtsepochen von rund dreihundert Jahren.[8] Erzengel gehören zu den Trägern einer Moralität, die Kosmos, Natur und Geschichte durchdringt, deren Quelle Christus, die Zentralsonne des Universums ist.

Die besonderen »charakteristischen Eigenschaften« der Völker, so Steiner im ersten Vortrag (GA 121, 7.6.1910, S. 27), sind ein »Abbild der Missionen« der Volksgeister. Diese sind »Inspiratoren« der Völker. Sie sind es, weil sie über ein »inspiratives« Bewusstsein verfügen, jenes Bewusstsein, das unentfaltet auch im menschlichen Ätherleib veranlagt ist. Gelegentlich bezeichnet Steiner den Ätherleib des Menschen sogar als eine vorübergehende »Ausstülpung« aus dem Reich der Erzengel.[9] Letztere stellen das höhere Bewusstsein dar, das im menschlichen Ätherleib wirkt, der nicht nur Träger der Lebensvorgänge, sondern auch des Gedächtnisses, der Gewohnheiten und des Temperamentes ist. Die Lebensleiber der Erzengel erheben sich über den Landschaften, in denen die von ihnen umfassten Menschen wohnen, als wolkenartige Auren, in die ihre Schützlinge mit ihren eigenen Lebensleibern eingebettet sind. Die Ätherauren der Landschaften sind ein Zusammenfluss aus den Lebenskräften der jeweiligen Landschaft (zu der die jeweilige Flora und Fauna gehört), den Lebenssphären der Erzengel und den individuellen Ätherleibern der Menschen. Die Ätheraura des Volkes wirkt auf den Ätherleib des einzelnen Menschen und »färbt« dessen individuelles Temperament. Der Mensch wirkt aber auch auf diese Ätheraura zurück, indem er von seinem Ich aus seinen eigenen Ätherleib bearbeitet und ihm neue Gewohnheiten und Fähigkeiten einprägt. Die Färbungen des individuellen Temperamentes durch die Ätheraura des Volkes machen den »Volkscharakter« des Menschen aus (GA 121, 8.6.1910, S. 38 f.) Im Ineinanderwirken von individuellem Ätherleib und Volksätherleib, in der Spiegelung des Volksätherleibes im Volkstemperament »ist der Volksgeist innerhalb seines Volkes« erlebbar. Damit sind auch bereits die für den Menschen im Unbewussten verlaufenden Wirkungen des Volksgeistes erschöpft (sieht man einmal davon ab, dass der Mensch ja zunächst unbewusst in die Kultursphäre des Volkes hineinwächst, in das er hineingeboren wird). Der besondere Charakter eines Volkes ist aus Steiners Sicht an dessen geistigem Leben ablesbar und äußert sich in Erinnerung, Sitte und Tradition, deren individueller Träger der menschliche Ätherleib ist sowie in der Spur der Handlungen, die es in der Geschichte hinterlässt. Der »eigentümliche Charakter« eines Volkes ist aus dessen Geschichte und kultureller Produktivität, sowie aus seiner habituellen Stimmungsfärbung erkennbar.

Die Erzengel sind als Bewusstseinswesen keine statischen Größen, sie befinden sich selbst in Entwicklung. Diese hängt davon ab, dass sie sich an verschiedenen Orten der Erde betätigen, und kommt darin zum Ausdruck, dass sie sich zeitweise oder für immer in den Rang von Zeitgeistern erheben und nicht mehr Völker und Kulturen, sondern ganze Geschichtsepochen oder Ströme geistiger Entwicklung »intuieren«. Ein Beispiel ist der Erzengel des »keltischen« Volkes, der – indem er darauf verzichtete, zum Zeitgeist aufzusteigen – zum Inspirator des »esoterischen« Christentums wurde, das im Schatten der römischen Staatskirche wirkte, sich im frühen Mittelalter in den Imaginationen des Gral verdichtete und heute vom »rosenkreuzerischen Christentum« fortgesetzt wird. Als dieser Erzengel sich seiner neuen Aufgabe zuwandte, »verschwand« das keltische Volk als abgrenzbare, erkennbare geschichtliche Größe (GA 121, 12.6.1910, abends, S. 127 f.) Ein anderes Beispiel bietet der Volksgeist des urindischen Volkes, der im Verlauf dieser Kulturepoche zum »leitenden Geist der gesamten Evolution der nachatlantischen Menschheit« aufstieg – den wir also auch heute noch als leitenden Geist unserer gesamten Epoche anzusehen haben (GA 121, 7. Vortrag, S. 122).

Ein »Volk« ist aber nicht allein durch die Tätigkeit des Volksgeistes bestimmt, vielmehr wirkt eine Reihe weiterer Wesenheiten mit an der Ausgestaltung seiner in ständigem Fluss befindlichen, geschichtlich-kulturellen Eigentümlichkeit[10]: »irreguläre« Erzengel und zwei Arten von Zeitgeistern. Bei den »irregulären Erzengeln« (»Sprachgeistern«) handelt es sich um »Geister der Form« (Exusiai), die auf der Stufe der Erzengel »stehengeblieben« sind (die darauf verzichtet haben, als Exusiai zu wirken). Sie verfügen, wie alle Exusiai, über die Fähigkeit, nicht nur auf den Ätherleib des Menschen zu wirken, sondern auch auf dessen physischen Leib. Daher vermögen sie auf die Bildung der Sprachwerkzeuge einzuwirken und dem Menschen die Sprache »einzuverleiben«.

Daneben wird die Geschichte eines Volkes oder der Völker auch durch zwei Arten von »Zeitgeistern« beeinflusst: die »rechtmäßigen« und die »abnormen« Zeitgeister. Die ersteren »intuieren« den »Menschheitsfortschritt«, indem sie den einzelnen Menschen mit bestimmten physischen Gegebenheiten zusammenführen, durch die er zu Erkenntnissen angeregt wird, die er aber durch seine eigene Intuitionsfähigkeit gewinnen muss. Da die Zeitgeister, an deren Wirken alle Völker und Individuen einer bestimmten Epoche teilhaben, die Sphären der Erzengel übergreifen, gibt es eine Ebene, auf der die Angehörigen der einzelnen Völker sich verstehen und verständigen können. Die Zeitgeister eröffnen den Menschen eine Wirklichkeitsschicht, die allen gemeinsam ist, auf der sie, frei von den partikulären Eigentümlichkeiten ihrer Völker, als Individuen, als Angehörige der allgemeinen Menschheit, mit einander kommunizieren können. Substantiell repräsentieren die Zeitgeister das, was Teilhard de Chardin als »Noosphäre« bezeichnet hat, eine Sphäre, die sich über der Biosphäre und der Psychosphäre erhebt, das universelle Denken, in das jedes individuelle Denken eingebettet ist und aus dem es auf je individuelle Weise schöpft.[11] Die »rechtmäßigen Zeitgeister« erzeugen also nicht Gedanken im Menschen, sondern sie schaffen die Veranlassungen, durch die er die Gedanken, die »an der Zeit sind«, selbst zu finden vermag.

Die »abnormen« Zeitgeister, auf der Archaistufe stehende Geister der Form, verändern die innere Konfiguration der menschlichen Denkorgane, insbesondere des Gehirns, sodass sich die Form des menschlichen Denkens, indem es sich an den Denkorganen spiegelt, im Lauf der Epochen wandelt. Auf diese Weise lassen sich beispielsweise geografische Regionen übergreifende Veränderungen paradigmatischer Art, die mit solchen Begriffen wie »Achsenzeit« oder »Neuzeit« umschrieben werden, verstehen, ohne dass man zu Diffusionstheorien Zuflucht nehmen oder Archetypen postulieren muss.

Bei allen Völkern wirken (mindestens) diese vier Arten von Wesen im Lauf der Zeit auf unterschiedliche Art zusammen, was sich am permanenten Wandel aller kulturellen Erscheinungsformen ablesen lässt. Die »wahre Erkenntnis eines Volkes« beruht darauf, dass »diese Kräfte im Innern belauscht« werden, dass der »Anteil, den ein jeder Faktor an der Konstitution des Volkes hat« geprüft wird. Aus dem Volksgeist allein können die Geschichte oder die Eigentümlichkeiten eines Volkes also nicht abgeleitet werden (GA 121, 8.6.1910, S. 49 f.) Bei der Selbsterkenntnis des »eigenen Volkstums« handelt es sich um einen hochkomplexen Vorgang, bei dem Sprache und Temperament, Sitte und geschichtliche Erinnerung, spezifische Eigentümlichkeiten des Denkens und die Beziehung des Volkes als geschichtlicher Größe zur allgemeinen Weltgeschichte, zu den Geistern der aufeinanderfolgenden Epochen berücksichtigt werden müssen.

Was daher im ersten Vortrag wie eine Definition des Volksbegriffes vorgetragen wird: »Ein Volk ist eine zusammengehörige Gruppe von Menschen, die von einem Erzengel geleitet wird« (GA 121, 7.6.1910, S. 27), ist nur ein erster Hinweis auf ein viel komplexeres Beobachtungsfeld. Bildet eine solche Gruppe von Menschen ein Kollektiv, in dem die Individualität des einzelnen Angehörigen dieser Gruppe verschwindet? Ist das Volk ein opaker Körper, der die Autonomie des Einzelnen verschlingt oder außer Kraft setzt? Wird das Volk von Steiner »naturalisiert«? Das Gegenteil ist der Fall. Die Beziehung eines Menschen zu seinem Volksgeist tritt um so deutlicher hervor, je mehr er sich aus der anonymen Masse, den dumpfen Instinkten erhebt. Nicht durch die Abstammung, sondern durch seinen Geist ist ein Volk bestimmt. »Ein Volk ist keine Rasse. Der Volksbegriff hat nichts zu tun mit dem Rassenbegriff« (GA 121, 9.6.1910, S. 66) Damit erteilt Steiner jedem völkischen Verständnis eine klare Absage, für das der Begriff des Volkes wesentlich durch Rassenmerkmale bestimmt war. Die geistige, spirituelle Bestimmung des Volksbegriffs ist eine Bestimmung von oben, nicht von unten. Nicht aus der dumpfen Sphäre des Blutes und der Instinkte empfängt das Volk seinen substantiellen Gehalt, sondern aus der lichten, überbewussten Welt des Geistes. Diese Bestimmung aus der Welt des Geistes ist eine Bestimmung aus der Sphäre der Individualität, nicht der Kollektivität. Erhebt man sich über das Ichbewusstsein des Menschen zu den Engeln und Erzengeln, dann nimmt der Grad der Individualisierung nicht ab, sondern zu. Der Volksgeist greift von oben, aus der Sphäre zunehmender Individuiertheit in die von ihm inspirierte Menschengruppe ein und nicht von unten, aus der Sphäre des Gattungswesens und der Kollektivität. Er offenbart seinen substantiellen Gehalt nicht durch Kollektive, sondern durch Einzelne, die dank ihrer geistigen und moralischen Kreativität als Angehörige eines bestimmten Volkes zum sittlichen und kulturellen Fortschritt dieses Volkes und der gesamten Menschheit beitragen. Von diesen Einzelnen spricht Steiner explizit als den »Völkerpersönlichkeiten«, »die das Volk ausmachen« (GA 121, 9.6.1910, S. 58).

Das »Wirken« der Volksgeister

Das »Wirken« der rechtmäßigen Erzengel darf also nicht deterministisch oder fatalistisch verstanden werden, nicht in der Vergangenheit und noch viel weniger in neuerer Zeit. In früheren geschichtlichen Epochen konnten Erzengel zwar auf die tieferen Schichten des Seelenlebens einzelner Menschen wirken und diese inspirieren, sie mit bestimmten moralischen Impulsen oder Ideen durchtränken, die sie zu bedeutenden geschichtlichen Handlungen befähigten. Aber die »Inspiration« ist heute keine Inkorporation oder Besessenheit mehr, kein Stimmenhören oder Channeln. Sie verläuft in den Gedanken, die der Mensch selbst hervorbringt. Die Sinnstiftung durch das menschliche Erkennen, die moralische und künstlerische Produktivität, greifen auf Ideenformen zurück, die gewissermaßen die Leiber der Erzengel sind. Ihr Lebensgeist ist aus der Substanz von Sinn gewoben, die der Mensch ergreift, wenn er denkt. Das individualisierte Bewusstsein muss die Inspirationen der Erzengel heute selbst hervorbringen. Ein Beispiel für das alte inspirierende Wirken eines Erzengels ist die Jungfrau von Orleans, die ihre Inspirationen, die durch eine bestimmte geschichtliche Konstellation in ihr aufgerufen wurden, bereits vor der Geburt im Mutterleib empfing.[12]

Aber in unserer Zeit muss das Wirken der höheren Hierarchien verstanden werden. Der moderne Mensch muss sich mit seinem freien Selbstbewusstsein zu den hierarchischen Wesen erheben, um ihren Bewusstseinsinhalt in sich aufzunehmen und im Sinne des Intuitionsgehaltes des wahren Zeitgeists zu handeln. 1913 weist Steiner auf diese Wandlung hin, deren Verständnis von grundsätzlicher Bedeutung ist. Die Engel, Erzengel und Zeitgeister haben durch das »Ereignis von Golgatha« gelernt, den Menschen so zu führen, daß sie dessen Selbständigkeit achten. »Immer selbständiger und selbständiger sollten die Menschen auf der Erde leben.«[13] Dies gilt insbesondere seit 1879, als der Erzengel Michael die Zeitalterregentschaft von Gabriel übernahm. Michael kann dem Menschen seine Gaben nur zuteil werden lassen, wenn dieser sich ihm aus Freiheit zuwendet.[14] Demgegenüber erscheinen geistige Wesen, die diese Freiheit des Menschen nicht achten, zunehmend als Widersacher, deren dämonische Natur sich darin zeigt, daß sie sich und ihre Bewusstseinsinhalte dem Menschen aufdrängen.

»Volksgeist« und individuelles Bewusstsein

Wie sieht die Beziehung zwischen dem einzelnen Menschen und dem Volksgeist im Zeitalter der Menschenfreiheit aus? Das Bewusstsein der Erzengel ist mit reinen Gedanken erfüllt. Sie vermögen die Welt, die der Mensch durch seine Sinne wahrnimmt, nicht zu erfassen, zumindest nicht so wie dieser. Dagegen liegt das seelische Leben der Menschheit in ihrem »Wahrnehmungsfeld«. Allerdings nur insoweit, als sich der Mensch in seiner Verstandes- und Bewusstseinsseele mit moralischen Ideen, »Weistümern«, dem Ideengehalt der Mythologie, den Vorstellungen der Religion, dem Inhalt der Wissenschaften erfüllt. Der Erzengel blickt auf das menschliche Ich, seine moralischen und religiösen Ideale, seine Erkenntnisse: diese allein nimmt er wahr. Die menschlichen Bewusstseinskerne und jener Teil der Seele, den der Mensch mit seinem Ich und dessen ideellem Inhalt durchdrungen hat, scheinen im Weltbild der Erzengel als Mittelpunkte auf. Der menschliche Bewusstseinsinhalt ist für den Erzengel etwas Gegebenes, nicht etwas, was er selbst hervorbringt, vielmehr wird der Bewusstseinsinhalt des Erzengels vom menschlichen Ich hervorgebracht. Menschen mit einem reichen Seeleninhalt, die von »innerer Aktivität« beseelt sind, machen auf ihn einen intensiven Eindruck. Menschen, die »lethargisch, lässig« sind, wirken auf ihn nicht anziehend. Je mehr sie sich mit ihrem Bewusstsein seiner Sphäre annähern, kann er für die Menschen tätig werden (GA 121, 9.6.1910, S. 59).

Was als Volksindividualität, als Völkerpersönlichkeit im Wahrnehmungsfeld des Erzengels auftritt, erlebt er »wie etwas Fremdes«, so, wie wir Einfälle in unserem Bewusstsein erleben. Das »Auf- und Absteigen« eines Volkes, seine »jugendliche Produktivität« und sein »Niedergang« erscheint ihm als Vorgang, der sich unabhängig von ihm in seinem Wahrnehmungsfeld abspielt, ihn aber veranlasst, sich einem Volk zu einer bestimmten Zeit anzunähern bzw. sich von diesem wieder zurückzuziehen. Aus Steiners Sicht durchlebt jedes Volk, jede Kultur solche Phasen der Jugend, der Reife und des Verfalls. Die einstigen Träger der urindischen, der urpersischen, der ägyptischen und griechisch-römischen Kultur sind nur noch Erinnerung, an den geografischen Schauplätzen dieser geschichtlichen Kulturen haben sich inzwischen andere etabliert, auch wenn die heute dort lebenden Völker mitunter an ihre mythischen Ursprünge anknüpfen. Die alten Inder, die alten Ägypter sind ebenso untergegangen, wie die alten Griechen und die alten Germanen, an der Stelle ihrer Vorläufer leben heute Menschen, die im Zeitalter der Bewusstseinsseele sich individualistisch – aus dem Geist der Zeit – mit ihren geschichtlichen Vorfahren auseinandersetzen oder gänzlich von ihnen verabschiedet haben, um sich dem Amalgam jener aus dem Geiste Michaels entstehenden, kosmopolitischen Weltkultur zuzuwenden, über deren Status sich die Philosophen, Soziologen, Historiker und Fundamentalisten streiten.

Geist und Geschichte

Da der gesamte Geschichtsprozess für Steiner ein Individualisierungsprozess ist, bei dem die einzelne Persönlichkeit immer mehr aus dem Kollektiv heraustritt und ihr Leben zunehmend selbständig gestaltet, ist die Vergangenheit durch den stärkeren Zusammenhalt von Kollektiven, von Familien, Stämmen und Völkern geprägt. Je weiter der Blick in der Geschichte zurückgeht, um so mehr erscheinen aber gleichzeitig die zusammengehörigen Gruppen von Menschen durch einzelne Menschen geleitet, die geradezu Träger von Erzengeln, Inkorporationen von Göttern (oder Ahnen) sein können. Diese Einzelnen erlangten durch bestimmte Initiationen das Bewusstsein des Stammes- oder Volksgeistes und wurden auf diese Weise zu Anführern ihrer Stämme oder Völker. So charakterisiert Steiner beispielsweise die Pharaonen oder Moses.

Aber selbst in dieser vorchristlichen Zeit waren die Menschen nicht willenlose Werkzeuge der Erzengel. Die Volksgeist-Initiierten, die in die Sphäre der Erzengel hinaufwuchsen und an deren Leben teilnahmen, erwarben durch die Einweihung einen Seeleninhalt, in dem der Volksgeist »lesen konnte, wie in einem Buch«. »Was ein Volk brauchte, das lasen die Archangeloi in den Seelen« der Volksgeist-Initiierten[15]. Wenn die Erzengel aus den Seelen der menschlichen Initiierten erst ablesen mussten, was sie dem von ihnen geleiteten Volk zukommen lassen konnten, kann man sich deren Wirken nicht anders vorstellen, als ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Erst wenn der Mensch mit seinem Seelenleben dem Erzengel entgegenkommt, ist dieser überhaupt imstande, den geistigen Inhalt seines Wesens jenem zuteil werden zu lassen, der ihn aufsucht. Die Erzengel sind in hohem Grade abhängig von der Bewusstseinsverfassung der Menschen und können diese nicht einfach unter Umgehung ihrer Freiheit wie Marionetten bewegen.

Die nachatlantische Geschichte der Völker und Kulturen rekonstruiert Steiner als Bewusstseinsgeschichte, als Geschichte des menschlichen Ich. Hier muss man sich vor einer Fehlinterpretation hüten. Man könnte nämlich meinen, bei der Rekonstruktion der Geschichte der nachatlantischen Menschheit tauche jene Hierarchisierung wieder auf, die Steiner bei der Charakterisierung der Rassen vermieden hat. Seine Auffassung der Völkergeschichte sei linear, teleologisch und eurozentrisch.

Steiner gliedert den Verlauf der Geschichte in Epochen. Diese Epochen stehen unter der Leitung von Zeitgeistern, deren globale Gedankensphären (Intuitionen) von Erzengeln in die Partikularräume von Sprach- und Erinnerungsgemeinschaften (Völkern) individualisiert werden, die er als »Kulturen« bezeichnet. Deswegen spricht er stets von »Kulturepochen«. Diese Kulturepochen tragen die Namen von Völkern, die Steiner als besonders repräsentativ für die jeweilige Epoche erachtet. Sie sind aber nicht mit den Völkern identisch, die heute diese Namen tragen. Und diese sind nicht die einzigen Menschengruppen, die in den jeweiligen Kulturepochen die beschriebene Entwicklung durchlaufen. Die Kulturepochen sind globale Epochen, an denen im Prinzip die gesamte Menschheit teilnimmt, wenn man einmal von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen absieht. Auch wenn eine bestimmte Kulturepoche, wie zum Beispiel die urindische, durch die indische Kultur charakterisiert wird, in der sie paradigmatisch in Erscheinung trat (deren heutige Überreste allerdings nur ein schwacher Abglanz sind), durchläuft doch die ganze Menschheit die betreffende Epoche, wenn auch mit völlig unterschiedlichen Ausdrucksformen. Vom Menschen aus gesehen werden diese Epochen durch das jeweils unterschiedliche Verhältnis des Ich zu den verschiedenen Wesensgliedern konstituiert (10. Vortrag). In der urindischen Epoche, zwischen dem 7. und 5. Jahrtausend vor Christus, spiegelt sich das Ich am Ätherleib, was den erinnerungshaften Charakter dieser Epoche erklärt. Aber nicht nur in Indien durchlebt die Menschheit eine solche Epoche, sondern überall auf der Welt in mehr oder minder ausgeprägter Form. In der urpersischen Epoche (5. bis 3. Jahrtausend vor Christus) spiegelt sich das menschliche Ich im Astralleib, was den dualistischen Charakter dieser Epoche erklärt, der im kosmisch-moralischen Dualismus der zoroastrischen Religion am prägnantesten zum Ausdruck kam. In der ägyptisch-babylonischen Epoche (3.-1. Jahrtausend vor Christus) spiegelt sich das menschliche Ich in der Empfindungsseele, die das Geistige im Kosmos, die »Götterschrift im Weltenraum« wahrnimmt, und aus dieser Wahrnehmung der Götterweisheit jene Kulturen erbaut, die die Himmelsordnung auf der Erde abbilden. Auch für diese Epochen gilt, dass sie zwar paradigmatisch in den von Steiner beschriebenen Kulturen in Erscheinung treten, dass sie aber auch anderswo auf der Erde in mehr oder minder ausgeprägtem Maß gefunden werden können, teilweise gleichzeitig, teilweise zeitlich versetzt. In der griechisch-lateinischen Epoche (1. Jahrtausend vor bis ca. 1400 nach Christus) spiegelt sich das Ich des Menschen in der Verstandes- und Gemütseele, was zum Hervortreten des Logos aus dem Mythos in der Achsenzeit führt, die, wie aus der kulturgeschichtlichen Forschung bekannt, nahezu auf dem gesamten Globus ihre Spuren hinterlassen hat. Mit dem Beginn der abendländischen Neuzeit, dem 15. Jahrhundert, bricht die germanisch-angelsächsische Epoche, das Zeitalter der Bewusstseinsseele an, in dem das Ich sich in der Bewusstseinsseele spiegelt, jenem Seelenglied, in dem das von Leib und Seele unabhängige Geistige, der Inhalt der Noosphäre der Zeitgeister, in Gedankenform vom individuellen Menschen erfasst werden und die Brücke vom tagwachen Sinnesbewusstsein zum Erleben des Geistes gebaut werden kann. Auf diese Epoche werden zwei weitere, die sogenannte »slawische« und die »amerikanische« folgen, in denen sich das Ich im Geistselbst und im Lebensgeist spiegeln wird.

Betrachtet man den Seelenleib der Menschheit, die durch die aufeinanderfolgenden Kulturepochen hindurchgeht, wie Steiner dies tut, als Ganzheit, dann erscheinen die verschiedenen geographischen Räume, in denen die von ihm beschriebenen Kulturen in Erscheinung treten, wie Brennpunkte, an denen das, was die Menschheit durch die Spiegelung des Ich an den verschiedenen Wesensgliedern erlebt, sich verdichtet. Die Aneinanderreihung dieser Knotenpunkte in der Zeit ergibt eine Linie, die von Osten nach Westen verläuft, um in einer kleineren Amplitude wieder nach Osten zurück und dann erneut nach Westen zu schwingen. Die Kulturentwicklung der Menschheit beginnt mit einer Jugendepoche und endet mit dem Greisenalter. Je mehr der Schwerpunkt der kulturgenetischen Zonen sich in den Westen verlagert, um so mehr überwiegen die »Alterskräfte«, um so »unproduktiver« wird die Kultur. Die ersten nachatlantischen Kulturen, die urindische und urpersische waren also viel produktiver als die späteren. Was die Produktivität, die kreative Jugendlichkeit der Kulturen anbetrifft, befindet sich die Menschheit seit der Mitte der nachatlantischen Zeit, die im vierten Jahrhundert nach Christus lag, bereits wieder im Abstieg, im Niedergang (GA 121, 4. Vortrag, S. 81-84).

»Aufstieg« und »Niedergang«

Entlang dieser Linie lässt sich nun sowohl eine Aufstiegs- als auch eine Abstiegserzählung konstruieren. Je »tiefer« nämlich das Wesensglied, an dem das Ich des Menschen sich spiegelt, um so höher reicht das Bewusstsein in die spirituelle Welt, in die Sphären der Hierarchien hinauf. Deswegen kann man sagen, die Menschheit sei im Lauf der Kulturepochen von spirituellen Höhen abgestiegen, um in der vierten Epoche einen tiefsten Punkt zu erreichen, von dem aus sich sowohl die Perspektive eines neuen Aufstiegs als auch die eines noch tieferen Abstiegs eröffnet. Steigt sie auf, wird sie sich den Zusammenhang alles Lebens auf der Erde zum Bewusstsein bringen und die schon in den Evangelien angekündigte Brüderlichkeit verwirklichen. Steigt sie tiefer, wird sie sich immer mehr in der von ihr selbst geschaffenen Technosphäre verstricken, in der Naturkräfte und das menschliche Denken miteinander verschmelzen. Andererseits kann man auch sagen, das menschliche Ich sei auf der Leiter der Wesensglieder immer mehr aufgestiegen, um im Zeitalter der Bewusstseinsseele zu jenem individuellen denkenden Bewusstsein von sich selbst zu gelangen, das den abendländischen Individualismus kennzeichnet. Dieses neuzeitliche »Individuum« war es auch, das die koloniale Expansion vorantrieb, die alle Kontinente unter europäischen Einfluss brachte und erst das alles zusammenschließende Bewusstsein herbeiführte, das im Zeitalter der globalen Verkehrs- und Kommunikationsnetze entsteht. Diese »Globalisierung« war eine der entscheidenden Innovationen der germanisch-angelsächsischen Kulturepoche, auch wenn man die moralischen Aspekte dieser »Innovation« im Rückblick kritisch beurteilen mag. Inzwischen ist sie aber unabhängig von ihrem Ausgangspunkt zur Signatur des gesamten Globus geworden. Obwohl Steiner dem europäischen Abendland für einige Jahrhunderte eine gewisse führende Rolle zuspricht (die im übrigen keine Fiktion ist), nimmt es diese doch nur vorübergehend wahr, da die Saat der Bewusstseinsseele in unserer geschichtlichen Gegenwart in der gesamten Menschheit aufgeht.

Schließlich sollte nicht ignoriert werden, dass Steiner in seinen Vorträgen, wenn er von »Entwicklungsstufen« der Völker spricht, die Träger bestimmter Kulturen waren, diese nicht, wie man vielleicht erwarten würde, in der Zeitreihe aufsteigend anordnet. Nicht nur die hierarchischen Wesen, auch die Völker als Träger der nachatlantischen Kulturen, standen auf den unterschiedlichsten Entwicklungsstufen. Während die Erzengel der »asiatischen Völker« schon lange zu Zeitgeistern oder – wie der indische – gar in den Rang der Exusiai aufgestiegen waren, standen die leitenden geistigen Wesen der europäischen Völker noch auf der Stufe von Erzengeln. Erst in der vierten nachatlantischen Epoche stieg der Erzengel des griechischen Volkes in den Rang eines Zeitgeistes auf, der des germanischen Volkes sogar erst in der fünften Kulturepoche. (GA 121, 7. Vortrag, S. 126). Was die Völker anbetrifft, so standen die asiatischen und afrikanischen auf einer weit höheren Entwicklungsstufe, als die europäischen. Die Völker des alten Indien waren »sehr weit in der menschlichen Entwicklung fortgeschritten«, am »weitesten waren die Inder entwickelt«, als ihr Ich mit vollem Selbstbewusstsein erwachte, sie hatten geistige Fähigkeiten erlangt, »die viel reicher waren, als die Seelenfähigkeiten der westlichen Völker«. Sie vermochten ihrer Kultur eine Weisheit einzupflanzen, die sie aus dem Reich der Geister der Weisheit, der Kyriotetes schöpften. »Weit weniger entwickelt« waren die Völker der persischen Kultur, »eine Stufe tiefer als die Inder erwachten die Völker der persischen Gemeinschaften«, der essentielle Gehalt ihrer Kultur stammte aus der Region der Geister der Form. Wiederum eine Stufe tiefer standen die chaldäisch-babylonischen Völker, die mit ihrem Bewusstsein nur noch in die Region der Archai, der Zeitgeister aufragten. Gegenüber den Griechen, die nur noch in Erinnerungen an die Wirksamkeit von Erzengeln und Engeln lebten, standen die Germanen zwar auf einer »höheren Stufe«, da sie diese Tätigkeit der Engel und Erzengel noch unmittelbar erlebten, auf einer niedrigeren jedoch als alle vorangegangenen. Ja, sie standen, verglichen mit allen anderen Völkern, dem alten atlantischen Bewusstsein »sogar noch am nächsten«. Die germanisch-angelsächsischen Völker, die so spät zu ihren Kulturleistungen erwachten, waren in gewisser Hinsicht die »am meisten zurückgebliebenen« Völker in dieser Reihe. (GA 121, 8. Vortrag, S. 137-142; ebenso 10. Vortrag, S. 170-171). Aus den diversen Erzengeln, die die verschiedenen germanischen Völkerschaften inspirierten, ging der vom griechischen und römischen Zeitgeist erzogene Zeitgeist der fünften nachatlantischen Epoche hervor, der unter dem Einfluss des »christlichen« Zeitgeistes, zu dem der Erzengel der griechischen Kultur geworden ist, danach strebt, »sich in spirituelle Höhen zu erheben«, dessen Wirken aber vom Zeitgeist der ägyptischen Epoche beeinflusst wird, was dazu führt, dass diese fünfte Epoche eine ebenso starke Neigung zum Materialismus wie zur Spiritualität durchzieht.

Abgrenzung vom Nationalismus

Der Nationalismus ist für Steiner eine Pervertierung des Volkstums. Die Nationalitätsidee ist »eigentlich keine Idee«, sie ist die »materialistische Widerspiegelung der Verdunkelung des spirituellen Lebens«, nur der »Mangel spiritueller Impulse« hat dazu geführt, »die in den Instinkten liegenden Nationalitätsprinzipien an die Oberfläche zu bringen.« Allein das »Freiwerden von diesem Instinktleben« kann die Menschheit vorwärtsbringen.[16] Die »Erfindung der Nation« als »imaginäre Gemeinschaft« (Benedict Anderson, Eric Hobsbawm) ist in Wahrheit auf eine dämonische Gegeninspiration zurückzuführen.[17] Die Verbindung zu den Volksgeistern hebt den Einzelnen aus seiner nationalen Partikularität heraus. Während des Schlafs hat der Mensch an der Versammlung aller Volksgeister teil – mit Ausnahme seines eigenen –, er taucht in den Chor oder Reigen dieser Volksgeister unter, die auf das Urbild des über den Völkern stehenden Menschen hinblicken, aus dessen Anschauung sie wirken. Wenn man aber eines oder mehrere Völker im Wachbewusstsein hasst, verurteilt man sich dazu, mit deren Volksseelen die Zeit des Schlafs zu verbringen. Der Chauvinismus, der Hass gegen eine andere Nationalität, das Wüten gegen sie, ist Ausdruck des Vorgefühls, daß man sich in der nächsten Inkarnation mit dem gehassten Volk verbinden wird, sich in dem betreffenden Volk inkarniert.[18]

Die »rechtmäßigen« Volksgeister und Zeitgeister dienen dem universellen Geist der Menschheit, der verborgenen Essenz des Göttlichen, das den Menschen zu seinem Bilde geschaffen hat, denn sie betrachten »Christus als ihren Lehrmeister«, wie Steiner unmittelbar nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs hervorhebt.[19] Der Lehrer aller Volksgeister ist Christus: sie sind alle auf ein Allgemeinmenschliches hingeordnet, das über die Differenzierung und Absonderung hinausführt, das darauf hinwirkt, die einzelnen Völker in einem Bund des Friedens und der Eintracht zusammenzuschließen.

Was ist die praktische Konsequenz dieses Strebens nach harmonischem Zusammenwirken unter den wahren Volksgeistern? »Solange es für uns Menschen die Möglichkeit gibt, einen Schmerz bei einem anderen zu sehen, den wir nicht mitfühlen als unseren eigenen Schmerz, so lange ist der Christus noch nicht völlig in die Welt eingezogen.«[20]

Inspiratoren des Nationalismus und Chauvinismus

Der Erzengel ergreift nicht Besitz von Menschen. Besessenheit ist keine Inspiration. Vom Ich des Menschen Besitz zu ergreifen, entspricht nicht dem Wesen der »regulären Volksgeister«, sondern dem Wesen der »Volksdämonen«. Solche Volksdämonen, Doppelgänger des Volksgeistes, gibt es unterschiedliche. In der Entwicklung zurückgebliebene, »luziferische« Volksdämonen wirken durch Kräfte, die dem Sexualleben verwandt sind, die das klare und selbstbestimmte Ichbewusstsein des Menschen betäuben und überwältigen.[21] Wirkten nur die regelmäßigen Engel, Erzengel und Archai, würden sich die Menschen auf der Erde friedlich nebeneinander entwickeln. Aber es gibt Erzengel, die »auf der Stufe von Menschen stehen«. Sie wandeln unsichtbar unter den Menschen, sie »fahren« geradezu in sie hinein. Diese zurückgebliebenen Erzengel sind es, die Hass zwischen den Völkern schüren. Ohne diese Volksdämonen käme der Mensch gar nicht in Versuchung, sein »Menschentum« mit seinem »Volkstum zu identifizieren«. Er würde sein Volkstum als eine Art »geistiger Nahrung« betrachten, könnte jedoch nicht seine persönliche Identität mit seiner nationalen verwechseln. Während die rechtmäßigen Erzengel die völkische Partikularität also stets zur Universalität der Menschheit in Beziehung setzen, versuchen die Volksdämonen die homogene Nation, die »Volksrasse« an die Stelle der Menschheit zu setzen. »Geisteswissenschaft« lehrt den Menschen, sich über das bloß Nationale zu erheben. Wirkte der regelmäßige Volksgeist allein, dann würde der Angehörige eines Volkes seine Gaben ohne Fanatismus entgegennehmen. Aber er wird durch seinen »luziferischen Beigesellen« fortwährend in seinem Wirken beeinträchtigt, der in den Menschen »hineinfährt« und in ihm den nationalen, völkischen Furor weckt.

Den rechtmäßigen Erzengeln stehen aber nicht nur luziferische, sondern auch »ahrimanische Doppelgänger«, ahrimanische Volksdämonen zur Seite, die die Menschheit in Nationalitäten zerklüften, indem sie einen »falschen Differenzierungswahn« bewirken. Sie sind auf einer früheren Entwicklungsstufe, auf der Engelstufe, stehengeblieben und beeinflussen das Verhältnis des Menschen zu seiner Sprache.[22] Sie versuchen, sich einzelner Volksgruppen zu bemächtigen, diese voneinander abzuspalten und sie in gegenseitigen Hass zu treiben. Auf sie geht die Zerklüftung der Menschheit in Sprachnationalitäten zurück. Sie beeinflussen Menschengruppen so, daß diese sich über die Identifikation mit ihrer Sprache zu fanatischen Verfechtern ihrer Nationalität entwickeln. Besonders seit Beginn des 19. Jahrhunderts »stemmen« sie sich gegen die Wirksamkeit des »Christus-Prinzips«, das die Menschheit trotz der Völkerdifferenzierung zu einem harmonischen Zusammenleben führen möchte. »Ahriman geht um unter den Völkern« und verführt sie dazu, den Ruf nach Absonderung aufgrund des Nationalitätenprinzips zu erheben. Als »gewaltige Ideale« werden die Intentionen Ahrimans »verbrämt«. Mit dem »Wahnwort« schleicht er sich in die Herzen: Die Völker sollen sich »in besonderen Gebieten auf der Erde als Nationalitäten absondern« und »wertvoll« seien nur jene Gruppen, die in sich geschlossene (»homogene«) Nationalitäten darstellen. Dies ist laut Steiner ein »furchtbar verführerisches Ideal«. Die Anthroposophie sei dazu berufen, das Verführerische und Versucherische solcher Wahnworte zu durchschauen und dabei mitzuwirken, daß die Menschheit sich von ihnen befreit.


Anmerkungen:


[a] Die so verstandene »Einweihung« ist ihrerseits eine Vertiefung bzw. Erweiterung der Freiheitsidee der »Philosophie der Freiheit«, in der es hieß: »Die Natur macht aus dem Menschen ein bloßes Naturwesen, die Gesellschaft ein gesetzmäßig handelndes, ein freies Wesen kann er nur selbst aus sich machen«.

[1] 1 Mose 10-11,9.

[2] 5 Mose 32,8. Die Thora spricht von »Söhnen Israels«, die griechische Septuaginta von »Gottessöhnen«.

[3]  Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, 1. Bd., Berlin 1860, S. 28.

[4] Siehe: Hermann U. Kantorowicz, Volksgeist und historische Rechtsschule, in: Historische Zeitschrift, Bd. 108, H. 2 (1912).

[5] Vgl. Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 11, Sp. 1102-1107, Darmstadt 2001; Arno Borst, Der Turmbau von Babel. Geschichte der Meinungen über Ursprung und Vielfalt der Sprachen und Völker, München 1995.

[6] G.W.F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, § 352, Frankfurt a.M. 1970.

[7] GA 174 a, 13.9.1914, S. 22-23.

[8] Bereits Johannes Trithemius von Sponheim hatte 1508 in seinem »Traktat über die Sekundärursachen, Intelligenzen oder Geister, die die Sphären bewegen« auf diese Zeitalterregentschaft der Erzengel hingewiesen. Text in deutscher Übersetzung.

[9] GA 205, 17.7.1921, S. 231-232.

[10]  Dass »alle Kultur im Flusse ist«: siehe 4. Vortrag, S. 81.

[11] Pierre Teilhard de Chardin, Der Mensch im Kosmos. München 1988. S. 183.

[12] GA 159/60, 13.5.1915, S. 220.

[13] GA 141, 14.1.1913, S. 128.

[14] GA 26, S. 59 ff.

[15] GA 148, 3.10.1913, S. 43-47.

[16] Vortrag vom 19.9.1914, zitiert nach Karl Heyer, Rudolf Steiner über den Nationalismus, Basel 1993, S. 43 f.

[17] Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Berlin 1998; Eric Hobsbawm, Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität, Frankfurt a. M. 1991.

[18] GA 157, 28.11.1914, S. 32.

[19] GA 174 a, 13.9.1914, S. 22-23.

[20] GA 174 a, 13.9.1914, S. 25.

[21] Grundlegend GA 159/60, 13.5.1915 sowie GA 174, 14.1.1917, S. 142-143.

[22] GA 162, 18.7.1915, S. 147-153.


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2 Kommentare

  1. ‘Damit erteilt Steiner jedem völkischen Verständnis eine klare Absage, für das der Begriff des Volkes wesentlich durch Rassenmerkmale bestimmt war.‘
    Was noch fehlt in diesem Aufsatz über Völker und Gesamtmenschheit ist , denke ich, ein Satz über normale (und abnorme) Geister der Form und ihr stereotypes Wirken auf den physischen Leib des Menschen während der Erdenentwicklung (121.66 f.). Das ethnisch-völkische Denken beschäftigt sich vielfach mit diesem Aspekt und wirft ihn zusammen mit dem Völkeraspekt.

  2. Caroline Sommerfeld

    Diese Zusammenstellung ist hilfreich! Danke Ihnen. Mich interessiert davon ausgehend: wie verhält es sich mit dem „Internationalismus“? Steiner sparte ja nicht mit harscher Kritik an Wilson, dem „Völkerbund“ und den marxistischen Internationalen. Was genau ist der Punkt, wann und warum „Internationalismus“ seinerseits destruktiv ist? Übersieht er die Volksgeister? Ist er auch ahrimanisch? Wie unterscheidet er sich vom „Weltgeist“?
    Und: ich glaube, sozialkonstruktivistische Vorstellungen über den Nationalstaat als „Konstrukt“ verwechseln oftmals „Konstruiertheit“ mit „Nichtexistenz“, über die argumentative Gelenkstelle „was bloß konstruiert ist, gibt es in Wirklichkeit gar nicht“. Da muß man, denke ich, aufpassen, denn natürlich sind Nationen geistige „Konstrukte“ oder Emanationen, aber eben nicht im Sinne von „abschaffenswerte Illusionen, die uns hemmen, die Neue Weltordnung durchzusetzen.“
    Würd mich über eine Antwort freuen,
    Caroline Sommerfeld

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