Innen und Außen. Zur »Corona-Krise«. Eine Momentaufnahme

Wohin gehen wir?

Murnauer Moos. Blick auf Ester- und Ammergebirge © 2020. Lorenzo Ravagli

Innen und Außen. Leere Betten, leere Schulen, leere Straßen. Corona-Krise. Wo gehen wir hin?

In unserer Zeit ist der Autoritätsglaube ungeheuer gewachsen, ungeheuer intensiv geworden, und unter seinem Einfluss entwickelt sich eine gewisse Hilflosigkeit der Menschen in Bezug auf das Urteilen. (…) Auf dem Gebiet der Medizin, auf dem Gebiet der Jurisprudenz, aber auch auf allen sonstigen Gebieten erklären sich die Menschen von vorneherein für unzuständig, ein Verständnis zu erwerben, und nehmen dasjenige nun, was die Wissenschaft sagt, hin.

aus: Rudolf Steiner, Vortrag vom 10. Oktober 1916 in Zürich, GA 168 – Die Verbindung zwischen Lebenden und Toten)

… schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!
Seid misstrauisch gegen ihre Macht, die sie vorgeben für euch erwerben zu müssen!
Wacht darüber, dass eure Herzen nicht leer sind, wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird!
Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet!
Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!

aus: Günter Eich, »Träume«, 1953

Gastbeitrag von Andreas Laudert

1

Leere Betten oder Was ist wirklich?

Mitte bis Ende März machte ich einen Test. Nicht systematisch, mit ausgefeilter Statistik, sondern mehr beiläufig, und dennoch aber stetig. Ich fragte, wenn es sich ergab, Nachbarn oder Kollegen, die ich beim Einkauf traf, nach Corona-Vorfällen in ihrem Bekanntenkreis. Ich fragte ebenso aus Anteilnahme wie aus »Forschungsinteresse«. Kaum jemand wusste von gravierenden Fällen zu berichten. Zwar kam es vor, dass jemand milde Symptome zeigte, positiv getestet worden war oder sich in Quarantäne aufhielt. Solche Fälle flossen von Anfang an, wenn ich es als Laie richtig verstand, in die in den Abendnachrichten unentwegt aktualisierte Zahl der Infizierten ein. Aber Infizierte waren – zumindest ergab dies ein schlichter Abgleich an der Wirklichkeit des eigenen Umfelds – nicht automatisch auch Erkrankte, und Erkrankte waren nicht automatisch Behandlungsbedürftige.

Zweimal kam ich mit Menschen ins Gespräch, die gute Freunde hatten, die in Kliniken arbeiten. Diese Ärztinnen und Pfleger, also Menschen im Innersten, an der Quelle, berichteten – es handelte sich um Krankenhäuser im Hamburger Raum – von leeren Betten. Wie kann das sein, fragten wir uns, da doch alle Nachrichtensendungen immerzu mit viel Drastik das Gegenteil hervorheben?

Einmal hatte ich ein kritisches Video auf YouTube gesehen, wo auf die Schilderungen eines Oberarztes hingewiesen worden war, dem eine dringende OP nicht erlaubt wurde, weil die entsprechenden Betten freibleiben sollten für mögliche Corona-Patienten. Dieses Video trat nun gewissermaßen in Dialog mit meinem Erlebnis beim Bäcker, mit den Gesprächen mit »wirklichen« Menschen. Die Menschen, denen ich sonst beim Thema Corona begegnete, waren Menschen auf Bildern, Menschen auf Titelseiten, Menschen als Zahlen, Menschen in Videos, und bald kamen – was für viele wohl besonders wirkungsmächtig war – die ersten Prominenten dazu.

Ich will damit nicht suggerieren, dass die eine Wirklichkeit die andere an Bedeutung überragt, oder dass alles, was wir im globalen Maßstab medial erfahren, falsch ist oder nicht aussagekräftig. Aber ebenfalls aussagekräftig ist das, was wir im »regionalen« Maßstab wahrnehmen, was wir mit unseren Sinnen auf den Straßen, in den Häusern, in den Städten und Dörfern sehen und hören. Natürlich war und ist bei dem angeführten Beispiel die moralische Begründung: Die Betten sind leer wegen des zu erwartenden bzw. wegen des möglichen Ansturms der Kranken. Aber warum war es deswegen nicht mehr möglich, akut wirklich Kranke auf der Intensivstation zu behandeln?

Das ist die eine Frage, die sich in mir zu regen begann: Was ist hier die wahre Wirklichkeit? In welchem Verhältnis stehen sie zueinander? Und welche Rolle spielt hier das Mögliche? Wie wirkt es mit hinein?

Die andere Frage, die damit zusammenhängt, war: Welche Wirklichkeit wird in diesen Monaten geschaffen? Unabhängig von der eigenen Einschätzung der Notwendigkeit oder Unverhältnismäßigkeit der Maßnahmen: Was macht das alles gerade mit unserer Seele?

2

Leere Schulen oder Zwischenbilanz eines Lehrers

Wenn mir meine 9jährige Tochter zuletzt mit Abscheu erklärte, wie böse und dumm Donald Trump sei, dann beunruhigte mich das mehr als dass es mich amüsierte oder freute. Ein Kind muss zu einem US-Präsidenten noch keine Meinung haben. Es spricht nach, was es offenbar überall schlagwortmäßig umgibt. Auch wenn sich meine eigene Wertschätzung Donald Trumps in Grenzen hält, behagt es mir nicht, dass meine Tochter die Urteile der Erwachsenen und der medialen Umwelt wie selbstverständliche »Fakten« verinnerlicht. Es geht eben immer noch um einen Menschen.

Schaue ich – als Lehrer – in die untere Oberstufe, las ich in den ersten Wochen des Online-Unterrichts viele Deutschaufsätze, die bezüglich Corona den Konsens der Talkshows und der öffentlichen Appelle auf kindliche Weise reproduzierten.

Jugendliche sind empfänglich für moralische Fragen. Es entzündet ihren Idealismus. Werte wie Solidarität, Menschenrechte und Menschenwürde bewegen sie. Das war und ist »leicht« gewesen beim Thema AfD, Geflüchtete, Klimawandel. Es war kraftvoll und aufweckend. Jetzt aber besteht die Gefahr, dass die Komplexität und wohl auch Hintergründigkeit der Lage, und vor allem die Angst, die wie das eigentliche Virus alles durchzieht, zusammen mit den Berichten über fehlende Solidarität mancher Bundesbürger die Kinder und Jugendlichen – sicher nicht alle – zu rein seelischen Protesten treibt (wie es ihrem Alter entspricht), wenn sie etwa gefühlsmäßig empört sind, dass jemand »nur an sich denkt«. Dadurch wird aber die geistige Urteilsbildung, das Erkennen von tieferen Zusammenhängen vernachlässigt – doch dies erst macht unsere Kinder zukunftsfähig.

Im Fach Ethik und Deutsch, auch und erst recht digital, möchte ich ihnen eigentlich auf eine ruhige, sachliche und der jeweiligen Jahrgangsstufe angemessene Weise Gesichtspunkte zur Verfügung stellen, die sie zu individuellen Fragen ermutigen – damit sie diesen Fragen mündig und eigenständig für sich nachgehen und sie am Ende auf ihre individuelle Weise beantworten, umformulieren oder auch zurückgeben.

Ich beginne mich zu sorgen, dass ich mich an meinen Schülern schuldig mache, wenn ich ihnen dabei Informationen nicht zugänglich mache, die sie einbeziehen könnten. Ich möchte, dass meine elften oder zwölften Klassen sich zumindest aufklären über die vielschichtigen Dimensionen der aktuellen politischen Entschlüsse, ganz gleich, ob sie bestimmte Ansichten anschließend verwerfen oder ob sie diese in ihr Nachdenken mithineinnehmen.

Man mag nun sagen: Ja, das ist doch selbstverständlich, diesen Anspruch haben doch alle Unterrichtenden! Doch die ersten Wochen und Diskussionen seit der Schulschließung haben gezeigt, dass es hier sehr wohl entweder Empfindlichkeiten und auch Aggression und Unmut gibt, sobald man entsprechende Links postet, oder auch eine sonderbare Gleichgültigkeit. Warum?

3

Leere Straßen oder »Wo gehn wir denn hin?« – »Immer nach Hause.« (Novalis, 1802)

Die Lehrer im Land sind mit ihren online-Aufgaben beschäftigt, die Abiturienten mit dem Abitur, die Eltern mit der neuen Situation zuhause, die existenziell bedrohten Künstler und Freischaffenden mit der »menschenverachtenden« (Süddeutsche Zeitung, 26.3.) Bürokratie der angeblichen Soforthilfen, nicht zuletzt die Pfleger und Pflegerinnen sind bis an die Grenze beschäftigt – und viele andere auch, ganz zu schweigen von der Reaktion des menschlichen Gemüts auf diese bedrückende Situation, die nur an der Oberfläche mit neuer Gelassenheit einhergehen mag, weil es zu Erfahrungen einer Verlangsamung führt, die wir irgendwie auch gut finden.

Aber weil wir eben alle damit befasst sind, unseren Alltag, unseren Beruf, unsere Beziehungen neu organisieren zu müssen, sind die Kraft und Kapazität des Einzelnen verständlicherweise begrenzt, andere als die von der Politik moralisch sehr massiv nahegelegten Sichtweisen zu entwickeln und z.B. Blickwinkel mitzuberücksichtigen, aus denen heraus Wissenschaftler – nur eben andere – die Maßnahmen der Regierung für unangemessen halten.

Die Zukunft der jetzigen Jugend wird von den gegenwärtigen rechtlichen Weichenstellungen geprägt sein. Als Waldorflehrer fühle ich eine gesellschaftspolitische und pädagogische Verantwortung, ein zunächst fragendes, nicht emotionales oder missionarisches, Gespräch anzuregen über die Implikationen dessen, was hier gerade geschieht. Ich kann verstehen, dass in einem Kollegium, in einer Familie, in den Freundeskreisen nicht jeder dazu die Kraft – vielleicht ja auch nicht den Mut? – und die Zeit hat – ich weiß auch nicht, ob ich all das habe. Aber ich möchte zu bedenken geben, dass man genau diese Lähmung auch als beabsichtigt empfinden kann.

Der oben zitierte Vortrag Rudolf Steiners, gehalten drei Jahre vor Gründung der Waldorfschule, wurde bekannt unter dem Titel »Wie kann die seelische Not der Gegenwart überwunden werden?« Im Moment hat man den Eindruck, als würde eine seelische Not generiert. Während in den letzten Jahren das vorherrschende Thema die Geflüchteten an den Außengrenzen waren, also die Frage, ob und wie viele »rein« dürfen, stehen wir heute vor der Frage, ob wir selber in Zukunft noch ohne Erlaubnis »raus« dürfen.

In dem Vortrag spricht Steiner von einem »geistigen Band«, das besteht zwischen den übersinnlichen Wesen und uns Menschen. Dieses geistige Band erst, sagt er dort, macht uns »urteilsfähig«: »Wir werden nicht dasjenige wissen, was die Autorität wissen kann; aber wenn die Autorität etwas weiß und im einzelnen Falle dies oder jenes tut, werden wir fähig sein, es zu beurteilen.« – Heilsam sei, »was die geistigen Wesen in unserem Verstande zu wirken vermögen, wenn wir von ihnen wissen. (…) Die geistige Welt hilft uns.«

Es ist insofern durchaus mehr als nur ein Ausweg, sich nach innen zu wenden, um das Außen zu verstehen. Auch im Geistigen lebt eine Wirklichkeit, auch sie ist für manche Menschen ein Faktum und stärkt ihr Ich. Flüchten können wir dorthin nicht. Soziale Distanzierung mögen sich diejenigen leisten können, die sich als Kernfamilie in sich selber einhüllen. Andere gründen sich auf nichts als auf sich selbst und stehen für keine Gruppe, keine Theorie, nur für ihr Gewissen. Irgendwann werden wir alle gemeinsam vor der Aufgabe stehen, die Sprache wiederzufinden im Schlagwortekrieg und unser soziales Leben mit dem zu erfüllen, was es braucht: Vertrauen, Beziehung und Freiheit.

Andreas Laudert studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin und arbeitet als Oberstufenlehrer an einer Waldorfschule. Er veröffentlichte Essays, Drehbücher, Theaterstücke und Prosatexte u.a. im Merlin Verlag und im Futurum Verlag Basel.

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2 Kommentare

  1. Many thanks Andreas for this „Vox clamantis in deserto,“ a welcome pause within the globally-enforced anti-Lenten pause of Corona Time. Here in NYC I find also that the „regional“ picture does not at all match up with the hysterical media propaganda. New Yorkers are supposed to be independent, feisty, anti-authoritarian, but all I see is passive compliance in every direction. Our city may be the locus of the most virulent vectors of the virus of fear – our media and our position as „epicenter“ – and so it must be metamorphosed into the locus of courage. It is also the epicenter of world financial control – the Federal Reserve is just a five minute walk from where I work – and we have yet to see how this center of control has exploited the Corona crisis to essentially seize the reins of global finance. I wholeheartedly agree with your intuition that our outer and inner realities at this time have been CREATED, quite consciously, by a very small circle of evil actors.

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