Was wir brauchen ist Mut, nicht noch mehr Angst

Der streitfreudige Soziologe Frank Furedi, dessen Eltern mit ihm 1956 vor den Truppen des Warschauer Pakts aus Ungarn nach Kanada flohen, blickte Ende Dezember 2020 in einem Beitrag für das Magazin spiked auf das vergangene Jahr zurück und in die unerfreuliche Zukunft voraus, die der westlichen Gesellschaft seiner Auffassung nach bevorsteht, wenn sie weiterhin von der Angst vor dem Leben gelähmt wird. Er sprach aber auch deutlich aus, was wir dieser Lähmung entgegenstellen müssen: Was wir brauchen ist Mut, nicht noch mehr Angst.

Was wir brauchen ist Mut

München, Englischer Garten. © Lorenzo Ravagli

Schon die weit verbreitete Bereitschaft, die ersten Lockdowns zu akzeptieren, die im Frühjahr 2020 verhängt wurden, habe ihn in Erstaunen versetzt, erzählt der Autor. Erst recht, dass sich auch nach bald einem Jahr mehr oder weniger permanenter Einschränkungen und erneuter Verschärfungen kaum Widerstand rege. Ihm scheint es, als hätten sich Millionen von Menschen inzwischen daran gewöhnt, unter restriktiven Bedingungen zu leben, ja als hießen die meisten die auferlegten Einschränkungen sogar willkommen.

Seiner Beobachtung nach hat die öffentliche Gesundheit im vergangenen Jahr den Charakter eines geheiligten Gutes angenommen. Die »moralische Autorität«, die sie erlangt habe, sei inzwischen so gewaltig, dass selbst die drakonischsten Maßnahmen, wie die Begrenzung der zwischenmenschlichen Kontakte auf einen einzelnen Angehörigen eines anderen Haushalts oder wochenlange, häusliche Quarantäne durch sie gerechtfertigt werden könnten.

Die Sorge um die öffentliche Gesundheit sei im Verlauf weniger Monate zur alles dominierenden Frage geworden, die das politische, wirtschaftliche und soziale Leben bestimme. Nicht wenige behaupteten sogar, so sehe die »neue Normalität« aus und die Gesellschaft müsse in Zukunft entlang der Imperative der öffentlichen Gesundheit neu definiert werden.

Furedi hält diese Zukunftsvision für »fatalistisch« und »moralisch armselig«.

Tyrannei der öffentlichen Gesundheit

Und zwar deswegen, weil sie das Leben auf das bloße Überleben reduziere und die Politik auf die Organisation der öffentlichen Gesundheit. Tatsächlich sei eines der bedeutsamsten Ergebnisse all der Versuche, die Pandemie zu bewältigen, dass sich die Scheidelinie zwischen Politik und Gesundheit aufgelöst habe, indem die Gesundheit politisiert und die Politik medikalisiert worden sei. Das Verschwimmen dieser Grenzen oder besser die Durchdringung dieser von vorneherein nicht identischen Sphären habe zu einer »Tyrannei der öffentlichen Gesundheit« geführt.

Die Medikalisierung der Politik zeige sich im inflationären Gebrauch rhetorischer Beschwörungen, die die Bürger ermahnten, sich selbst und andere vor Ansteckung zu schützen. Jede Aktivität, die dieser Aufforderung auch nur entfernt zuwiderlaufe, ziehe per se das Verdikt auf sich, rücksichtslos, verantwortungslos, eine Bedrohung der Volksgesundheit zu sein.

Laut Furedi ist aber diese Gesundheitstyrannei nicht erst in der »Coronakrise« entstanden, diese hat lediglich ein Paradigma zum Vorschein gebracht, das sich seit längerem darauf vorbereitete, die Herrschaft in den westlichen Gesellschaften anzutreten. Große Teile dieser Gesellschaften, so Furedi, und viele ihrer Institutionen, hätten sich bereits zuvor dem Primat des Schutzes und der Sicherheit zuungunsten der Freiheit unterstellt.

Was wir brauchen ist Mut Symptomatisch dafür erscheint ihm die Idee der »safe spaces«, der »geschützten Räume«. Sie habe sich, ausgehend von den Universitäten, mit enormer Geschwindigkeit in der restlichen Gesellschaft verbreitet. Dies lasse sich nicht anders erklären, als dadurch, dass in ihr bereits eine Empfänglichkeit für die Idee vorhanden gewesen sei, weil viele Menschen die alltägliche Begegnung als »risikoreich« empfunden hätten und den Schutz vor diesem Risiko als ihr vordringlichstes Interesse. Ihm scheint es naheliegend, dass Menschen, die »geschützte Räume« für wünschenswert halten, die Stilllegung des gesellschaftlichen Verkehrs und die erzwungene Isolation begrüßen, da sie sich von der Vitalität anderer ohnehin bedroht fühlen.

Warum dies so ist und woher diese Sehnsucht nach geschützten Räumen stammt, dazu bietet der Soziologe ebenfalls eine Erklärung an, wenn auch erst nach gewissen gedanklichen Umwegen.

Tatsächlich, so Furedi, hätten manche ihre Lockdown-Erfahrungen mit Hilfe des Narrativs der »geschützten Räume« interpretiert. Jonathan Mayer beispielsweise, Emeritus für Geographie und Epidemiologie an der Universität Washington, habe davon gesprochen, das Näherrücken einer tatsächlichen oder vermeintlichen Gefahr dehne den Raum der Unsicherheit aus, bis er alles umfasse, was außerhalb der eigenen vier Wände liege.[1] Die allgemeine Unterbindung des gesellschaftlichen Lebens, der Lockdown, werde so als die Erzeugung eines die gesamte Gesellschaft umfassenden geschützten Raums imaginiert.

Wer die Sicherheit zum Götzen erhebt, opfert ihm die Freiheit

Dieser Vorstellung imaginärer Sicherheit hält Furedi entgegen: Wer die Sicherheit zum Götzen erhebe, opfere ihm die Freiheit. Begünstigt werde dieses Opfer durch eine im Westen vorherrschende Moral, die Schutz und Sicherheit über alles schätze, während sie Freiheit höchstens an die zweite Stelle setze. Deswegen würden auch einst selbstverständliche Freiheiten wie jene der Rede oder der Meinungsäußerung von Befürwortern der Absagekultur (»cancel culture«) so häufig und erfolgreich angegriffen, weil inzwischen der Schutz von Zuhörern vor Verletzungen höher gewertet werde, als die Freiheit des Sprechers.

Zwar sei das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit selten unproblematisch gewesen. Oft genug sei das Verlangen der Menschen nach Sicherheit von den herrschenden Mächten dazu missbraucht worden, ihre Freiheit einzuschränken. Schon Alexander Hamilton, einer der Gründungsväter der Vereinigten Staaten, habe diese Gefahr gesehen.[2] »Schutz vor einer äußeren Gefahr«, so schrieb er im November 1787, sei »der mächtigste Lenker des Verhaltens einer Nation«. Und er habe davor gewarnt, dass »selbst die feurigste Liebe zur Freiheit« mit der Zeit dem Diktat der Sicherheit weichen werde, was Nationen dazu bewege, »ihre bürgerlichen und politischen Rechte zu zerstören«. Ja, sie würden mit der Zeit sogar bereit sein, ihre Freiheit gegen ihre Sicherheit einzutauschen. Benjamin Franklin habe erwidert, wer bereit sei, »wesentliche Freiheiten« aufzugeben, um sich »ein wenig vorübergehende Sicherheit« zu erkaufen, verdiene »weder die Freiheit noch die Sicherheit«.

Befürworter des Tauschs Freiheit gegen Sicherheit behaupteten, bürgerliche Freiheiten müssten gegen das Bedürfnis nach Sicherheit abgewogen werden. Manchmal führe dies zu ausgesprochenem Autoritarismus, wenn Herrscher das Volk von der Last der Freiheit zu erlösen versprächen, indem sie ihnen dafür Sicherheit anböten. Aber die Abwägung müsse nicht zu so dramatischen Folgen führen.

Einen solchen Handel habe es beispielweise auch während des Krieges gegen den Terror nach den Anschlägen des 9.11. gegeben. Auch damals seien die Erfordernisse von Schutz und Sicherheit benutzt worden, um Gesetze und Verfahren zu rechtfertigen, die die bürgerlichen Freiheiten einschränkten.

Kolonisierung des Privatlebens

Eine der besorgniserregendsten Auswirkungen der Höherwertung des Schutzes gegenüber der Freiheit ist Furedi zufolge die »permanente Kolonisierung des Privatlebens«. Befürworter von Überwachung, die in die Privatsphäre eindringe, verteidigten auch den Primat der Sicherheit gegenüber der Freiheit. Viele Bürger seien inzwischen davon überzeugt, dass sie um ihrer Sicherheit willen die permanente Überwachung »durch den Großen Bruder« akzeptieren müssten.

Was wir brauchen ist MutNäher betrachtet trage die Einschränkung der Freiheit jedoch nichts dazu bei, dass sich irgend jemand sicherer fühle. Im Gegenteil. Die unentwegte Beschäftigung von Politikern mit der Frage des Schutzes vermehre vielmehr die Ängstlichkeit und Unsicherheit in der Bevölkerung. Dies deswegen, weil die Gestaltung der Zukunft, die zu einem primären Ziel des bevormundenden Staates geworden sei, von diesem als sein Privileg beansprucht und damit der Bevölkerung entzogen werde. Sie erscheine um so unsicherer und bedrohlicher je mehr der Bevölkerung das Recht abgesprochen werde, sie zu beeinflussen. Die Menschen seien durch das Handeln des Staates genötigt, sich so sehr auf ihr alltägliches Überleben zu konzentrieren, dass ihre zunehmend passive und fatalistische Fixierung auf die Zukunft sich nur noch verstärke.

All dies sei in der kollektiven Antwort auf die Pandemie deutlich geworden. Die Fixierung auf Schutz und Sicherheit habe sich auf die Gesellschaft lähmend ausgewirkt. Vor der Unsicherheit und den großen Herausforderungen seien viele ausgewichen und abgetaucht. Und dies habe die Fähigkeit der Gesellschaft untergraben, sich mit den gegenwärtigen widrigen Umständen auseinanderzusetzen. Der Gesellschaftskritiker Christopher Lasch habe davon gesprochen, dass »die Sorge ums Überleben zu einer Abwertung des Heroismus« führe.

Zwar ist es auch nach Furedis Auffassung nötig, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, um Menschenleben zu schützen. Zugleich hält er es aber auch für notwendig, auf das Reservoir des Mutes und den Geist der Solidarität zurückzugreifen, um den unsichtbaren Feind bezwingen zu können. Um die »ungesunde Besessenheit« von Sicherheit überwinden zu können, müssten die Menschen wie Erwachsene handeln und die Illusion geschützter Räume hinter sich lassen.

Die Konjunktur der Verletzlichkeit

Seitdem die Sicherheit zum Sinn des Lebens erhoben worden sei, scheine die Verletzlichkeit zur conditio humana geworden zu sein. Entgegen weitverbreiteter Vermutungen sei diese Ansicht relativ neu. Noch in den 1970er Jahren sei selten von der »Verletzlichkeit des Menschen« die Rede gewesen.[3] Erst im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts habe die Vorstellung der Verletzlichkeit eine Konjunktur erlebt. Inzwischen sei sie geradezu zu einem Wesensmerkmal des Menschen erhoben worden. In der Öffentlichkeit würden Menschen andauernd als »zerbrechlich«, »geschädigt«, »zerbrochen« oder »traumatisiert« beschrieben, ja sogar gefeiert.

Was wir brauchen ist MutBedauerlicherweise sei dies auch die Botschaft, die Kindern von Geburt an vermittelt werde. Das Gefühl der »Schutzbedürftigkeit« breite sich mit jedem Jahr mehr aus, je mehr die heranwachsende Generation dazu erzogen werde, sich selbst als »zerbrechlich«, »verletzlich« und »gefährdet« wahrzunehmen.

Bei der Etablierung der Schutzbedürftigkeit als Grundwert der westlichen Gesellschaften kommt – Furedis Auffassung nach – gewissen Leitideen der Kindererziehung eine zentrale Rolle zu. Sie hätten die Gefühle der Verletzlichkeit und Ängstlichkeit in jungen Menschen systematisch genährt. Gleichzeitig seien durch sie Ideale wie Mut oder Selbstbehauptung marginalisiert worden, die einst zentrale Bedeutung für die Sozialisierung gehabt hätten. P.N. Stearns, ein Historiker, der die Kindheit in Amerika erforsche, habe dies ebenfalls festgestellt: »Das Kind davon zu überzeugen, dass seine Umgebung keine Risiken birgt, war einst essenziell; Gefahren mutig entgegenzutreten, wird nun nicht mehr beigebracht – ein wahrlich grundlegender Wandel.«[4]

Inzwischen hat sich laut Furedi die Überzeugung verbreitet, dass etwas bei der Sozialisierung von Kindern schiefgegangen ist. Versäumt werde es, in Kindern und Jugendlichen das Selbstbewusstsein und das Gefühl der Unabhängigkeit zu stärken.

Dies zeige sich beispielsweise an der »verlängerten Adoleszenz«, die durch Furcht vor dem Erwachsenwerden gekennzeichnet sei und Heranwachsende dazu verführe, nicht länger nach Unabhängigkeit zu streben. Dies wirke sich auch tiefgreifend auf die Beziehungen zwischen den Generationen aus. In seinem Buch The Prime of Life betone Steven Mintz, die Trennung von den Eltern sei »essenziell für die Reifung der Persönlichkeit«, aber eine wachsende Zahl von Jugendlichen gelange »immer später zu seelischer Unabhängigkeit als frühere Generationen«.[5]

Besonders in der angelsächsischen Welt sei die Bereitschaft, Kinder zu sozialisieren, schwach ausgeprägt. David Walsh habe in seinem Buch The Growth of the Liberal Soul darauf hingewiesen, dass »die Unfähigkeit der liberalen Gesellschaft, irgendwelche Methoden zu entwickeln, ihre eigenen Tugenden an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben« eine kulturelle Krise heraufbeschworen habe.[6] Dies gilt laut Furedi insbesondere für das Versagen der englischsprachigen Gesellschaften, jungen Menschen die moralischen Werte der Aufklärung zu vermitteln.

Die Sozialisierung der Heranwachsenden, ohne dass ihnen die bisher geltenden Werte vermittelt würden, stelle ein ernsthaftes Problem dar. Denn der Zukunft vermöge nicht mit Selbstvertrauen entgegenzugehen, wer nicht auf die Einsichten und Erkenntnisse zurückzugreifen vermöge, die in jahrhundertelanger menschlicher Erfahrung gewachsen seien. So betrachtet, sei die Vergangenheit eine unverzichtbare Ressource des Menschen. Sie erlaube es Jugendlichen, ihr eigenes Selbstverständnis durch die Erfahrungen und Errungenschaften der Generationen zu erlangen, die ihnen vorangegangen seien. Dieses Selbstverständnis vermittle ihnen die Selbstsicherheit und die Stärke, die sie benötigten, um der Zukunft entgegenzutreten.

Aber die Gesellschaft der Erwachsenen habe es versäumt, die Heranwachsenden mit dem Erbe der Vergangenheit vertraut zu machen. Stattdessen habe sie sich um die Gefühle der Jüngeren gekümmert und versucht, sie mit Hilfe therapeutischer Techniken mit mehr Selbstbewusstsein, Vertrauen und Widerstandsfähigkeit auszustatten. Es gebe aber keine psychologische Technik, die Kindern Mut vermittle. Und ebensowenig gebe es ein therapeutisches Hilfsmittel, das ihre Sehnsucht nach Freiheit stärke.

Zwar sei vorgeschlagen worden, man müsse Kindern in der Schule Widerstandsfähigkeit (Resilienz) beibringen, was darauf hindeute, dass der Mangel an Selbstbewusstsein und Zielstrebigkeit und das Übermaß an Ängstlichkeit unter Jugendlichen implizit anerkannt werde. Aber der Versuch, Widerstandskraft pädagogisch zu vermitteln, gehe von der Voraussetzung aus, Charakterstärke könne durch technische Mittel angeeignet werden. Stattdessen sei sie eine moralische Eigenschaft. Urteilsfähigkeit und Mut seien keine Fertigkeiten, die man durch Übung antrainieren könne. Sie seien ein Produkt der Erfahrung, der Selbsterkenntnis und der Lebensweisheit.

Um Heranwachsenden mehr Selbstbewusstsein und Zielstrebigkeit zu vermitteln, und sie zu entängstigen, müsse die Art und Weise überdacht werden, wie sie sozialisiert würden. Insbesondere müsse sich die Gesellschaft von der einseitigen Anwendung therapeutischer Kriterien verabschieden. An die Stelle therapeutischer Interventionen, die auf Verletzlichkeit abstellten, müsse eine ernsthafte moralische Erziehung treten, die Mut, Selbstvertrauen, Pflichtbewusstsein und Urteilsfähigkeit fördere.

Die meisten Eltern würden dies anerkennen. Sie seien überzeugt, dass viel mehr getan werden müsse, um ihren Kindern zu mehr Selbstständigkeit zu verhelfen. Und sie sähen auch ein, dass unabhängiges Denken und Verhalten der Schlüssel für den Umgang mit Ängsten seien. Schon Aristoteles habe darauf hingewiesen, dass »Selbstvertrauen das Gegenteil von Mut« sei, und dass »dessen Ursache das Gegenteil dessen« sei, »was Furcht erzeuge«.

Die gegenwärtige Kultur sei aber dem Selbstvertrauen gegenüber feindselig eingestellt. Durch ihre Fixierung auf emotionale Verletzlichkeit verstärke sie das Gefühl der Bedrohung und unterminiere die Fähigkeit, tatsächlichen Bedrohungen standzuhalten. Die bisherige Art der Sozialisation fördere ungewollt die Sehnsucht nach »geschützten Räumen« und schließlich nach einem »Leben im Lockdown«.

Wie befreien wir uns von der Fixierung auf die eigene Verletzlichkeit?

Was bietet Furedi nach dieser Diagnose für eine Abhilfe an?

Die Erwartungen an Kinder und junge Menschen müssten gesteigert werden, um ihnen in Zukunft wieder mehr Mut zu vermitteln. Einfach werde dies nicht sein.

Der Wunsch von Eltern und Erziehern, Kinder vor Schaden zu bewahren, sei verständlich und gerechtfertigt. Wer sie aber von vorneherein nur als verletzlich oder gefährdet wahrnehme, trage nicht zu ihrer Sicherheit bei, sondern unterwerfe vielmehr die Erwachsenen dem Diktat, unentwegt für ihre Sicherheit zu sorgen. Diese permanente Obsorge vertiefe in Wahrheit die Abhängigkeit der Heranwachsenden von ihren Eltern und Erwachsenen im Allgemeinen. Und es beraube sie vieler Möglichkeiten, ihre eigenen Stärken und Schwächen kennenzulernen, ihre Fähigkeit der selbständigen Urteilsbildung zu entwickeln und moralische Autonomie zu erwerben.

Und die permanente Sorge um die Sicherheit sei in Wahrheit überflüssig. Kinder müssten nicht als emotional zerbrechliche, verletzliche Kreaturen behandelt werden, die nicht in der Lage seien, mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen. Unter entsprechender Anleitung vermöchten sie durch ihre Interaktionen mit Gleichaltrigen und Familienmitgliedern zu gedeihen. Sie seien imstande, den Umgang mit Risiken zu erlernen und mit den unvorhersehbaren Prüfungen des Lebens fertig zu werden. Solche Herausforderungen seien zwar manchmal beunruhigend und beängstigend. Aber Kinder sollten die Möglichkeit haben, die Fähigkeit zu entwickeln, mit Enttäuschungen und schmerzhaften Erfahrungen umzugehen.

Die Jugendlichen benötigten eine risikofreudigere und herausforderndere Umgebung, damit sie sich entwickeln könnten. Dies erfordere eine grundlegende Neuorientierung bei der Art und Weise, wie die Erwachsenenwelt mit ihnen umgehe und einen optimistischeren Blick auf die Fähigkeit der Menschen, die Hindernisse zu überwinden, die sich ihnen im Laufe ihres Lebens in den Weg stellten.

Eine Warnung vor einem Missverständnis scheint Furedi dennoch angebracht: Der Appell, sich vom Paradigma der Verletzlichkeit abzuwenden, dürfe nicht mit dem Versuch verwechselt werden, das Selbstbild des Menschen künstlich zu optimieren. Zweifelhafte psychologische Techniken seien wenig hilfreich. Vielmehr beruhe die Überwindung der Verletzlichkeit darauf, Kindern mehr Gelegenheit zum Experimentieren und zum Eingehen von Risiken zu geben. Nur durch Erfahrung vermöchten junge Menschen das Selbstvertrauen zu entwickeln, dass sie mit allem umgehen könnten, was das Leben ihnen abverlange. Ein solches Selbstvertrauen werde sie in die Lage versetzen, viele jener Tugenden zu schätzen, die es der Menschheit ermöglicht hätten, unter schwierigen Umständen voranzukommen – zu diesen gehörten vor allem Mut, Pflichtbewusstsein und der Gebrauch des eigenen Verstandes.

Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen

Bereits Kant habe im 18. Jahrhundert die Frage: »Was ist Aufklärung?« damit beantwortet, sie beruhe auf der Bereitschaft und Fähigkeit des Menschen, für die eigene Sache einzutreten. Dieser Bereitschaft stehe der »Mangel an Entschlusskraft« oder an »Mut« entgegen, sich auf das eigene Verständnis der Welt zu stützen. Aus diesem Grund habe Kant das Wesen der Aufklärung auf die Formel »Sapere Aude«, »Wage zu wissen« oder »Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen« gebracht. Aus der Sicht Kants gingen Mut und die Entwicklung der menschlichen Urteilsfähigkeit Hand in Hand.

Darüber hinaus, so Furedi, sei er der Auffassung gewesen, selbst zu denken und »das Joch der Unmündigkeit abzuwerfen« bedeute, erwachsen zu werden. Es bedeute, sich bei den eigenen Entscheidungen und Urteilen nicht mehr auf die »Leitung eines anderen« zu verlassen. Dies sei für Kant die Grundlage der moralischen Autonomie, des Grundsteins der Aufklärung.

Kant habe aber auch die Hindernisse gesehen, die der Unabhängigkeit des Denkens und Handelns im Wege stünden. Aber diese seien seiner Auffassung nach »selbstverschuldet«. Wenn man dem Einzelnen die Freiheit gebe, seine Vernunft öffentlich zu gebrauchen, dann könne er sich der Herausforderung gewachsen zeigen. Der Mensch könne das »Wagnis der Erkenntnis« ertragen. Diese Auffassung, so Furedi, sei für den Versuch relevant, die Lockdown-Mentalität in Frage zu stellen.

Es falle den Menschen leicht, sich verletzlich und ängstlich zu fühlen, wenn von ihnen nicht erwartet werde, Verantwortung für die Sicherheit ihrer Gemeinschaft oder für ihr persönliches Leben zu übernehmen. Und in der Konfrontation mit COVID sei genau das geschehen. Den Menschen werde eingetrichtert, passiv zu bleiben, sich an immer neue Regeln und Richtlinien zu halten und letztlich den Umgang mit der gegenwärtigen Herausforderung anderen zu überlassen. Damit aber würden Werte wie Pflicht, Mut und Risikobereitschaft irrelevant. Dabei seien gerade diese Werte für die Entwicklung einer effektiven gemeinschaftlichen Antwort auf die COVID-Pandemie entscheidend.

Laut Furedi ist es nur natürlich, wenn der Mensch die Bedrohung durch COVID fürchtet. Genauso natürlich sei es, sich um die persönliche Sicherheit zu sorgen und den Versuch zu unternehmen, Risiken zu minimieren. Das entbinde den Einzelnen jedoch nicht von der Verantwortung, sich um die zahlreichen Herausforderungen zu kümmern, mit denen alle konfrontiert würden. Die Welt lasse sich nicht abriegeln und die Folgen – von der mangelnden Bildung der Kinder bis hin zur Hilflosigkeit derjenigen Teile der Gesellschaft, die wirklich nicht auf sich selbst achten können – ließen sich auch nicht auf andere abwälzen.

Deshalb, so Furedi, sei die Freiheit nicht weniger wichtig als Sicherheit. Nur wer frei lebe – seine eigenen Urteile fälle, seine eigenen Entscheidungen treffe und selbstbewusster werde –, könne aus den selbst auferlegten Grenzen heraustreten, in die er sich durch den Lockdown eingeschlossen habe.

Daher müsse das Gleichgewicht zwischen öffentlichem Leben und öffentlicher Gesundheit wiederhergestellt werden. Wir dürften uns nicht als eine Gesellschaft potenzieller Patienten sehen, die den Schutz und die Führung der Behörden benötigten. Vielmehr müssten wir uns als eine Gesellschaft mündiger Bürger betrachten. Daher müssten wir sicherstellen, dass unsere Kinder ermutigt werden, unabhängig zu sein, zu experimentieren und frei zu leben. Die Pandemie dürfe nicht als Vorwand dienen, um potenziell mutige junge Menschen zu vorschnellen Verfechtern der Sicherheit zu machen.

Vor allem müssten wir damit beginnen, die Gesundheit zu entpolitisieren und die Politik zu entmedikalisieren. Dies sei unerlässlich, damit die freie Gesellschaft in der Post-COVID-Ära wiedergeherstellt werden könne.

Frank Furedi hat zuletzt das Buch Democracy Under Siege: Don’t let Them Lock It Down (Demokratie im Belagerungszustand: Lasst nicht zu, dass sie abgeschafft wird) veröffentlicht.

Der hier referierte Artikel »Towards a fearless future« ist am 25.12.2020 in spiked erschienen.


Siehe auch: Geheimdienste gegen Pharmakritiker | Die Große Voreinstellung – Nachdenken über Verschwörung | Die Murksverschwörung. COvid-19 und Polis-20 | Der Streit um die Herdenimmunität | Plädoyer für eine evidenzbasierte Pandemie-Politik | Wem gehört der Leib? Nachdenken über das Gesundheitsregime | Täuschung durch Weglassen und Zwang zur Gesundheit | Von todbringenden Minimonstern. Der Viruswahn | Aufruf zur Verteidigung der Demokratie | Gefährdete Freiheit – Steiners Rede von drohenden Denkverboten | Gefährdete Freiheit an Hochschulen und Universitäten | Gefährdete Freiheit – Vorschläge zu ihrer Verteidigung | Tödliche Medikamente – organisierte Kriminalität | Wer kontrolliert die Gesundheits-Regime? | Freiheit schadet der Gesundheit | Auf dem Weg in eine Hygiene-Diktatur? | Die Angstepidemie ist viel ansteckender als das Virus | Die aktuelle Corona-Krise zeigt vor allem Angst | Über das geborgte Leben der Untoten | Innen und Außen. Zur »Corona-Krise«. Eine Momentaufnahme | Von der Notwendigkeit, Schichtenurteile zu bilden | Die Göttinger Sieben und die Corona-Krise


Anmerkungen:

  1. https://www.wired.com/story/amid-pandemic-geography-returns-with-a-vengeance/
  2. https://avalon.law.yale.edu/18th_century/fed08.asp
  3. Siehe Frank Furedi, »Vulnerability – Analytical concept or rhetorical idiom« in Talking Truth, Confronting Power, Trentham Books 2008.
  4. P.N. Stearn, American Fear: The Causes and Consequences of High Anxiety, Routledge 2006.
  5. S. Mintz, The Prime of Life, Harvard University Press 2015.
  6. D. Walsh, The Growth of the Liberal Soul, University of Missouri Press 1997

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3 Kommentare

  1. ronald wüthrich

    dazu genosse rudolf:
    „Kant hat ja eigentlich im Leben und in der Erkenntnis alles verkantet. Es ist alles eckig und kantig in der Erkenntnis durch Kant geworden, und so auch das menschliche Handeln: «Pflicht, du erhabener, großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fas­sest.. .» und so weiter. Ich habe die Stelle in meiner «Philosophie der Freiheit» zum geheuchelten Arger vieler Gegner – nicht zum wirk­lichen, zum geheuchelten Arger vieler Gegner – zitiert und habe das­jenige dagegengestellt, was ich selber als meine Anschauung aner­kennen muß: Liebe, du warm zur Seele sprechender Impuls – und so weiter.
    Schiller, gegenüber dem starren, trockenen Pflichtbegriffe Kants, hat ja die Worte geprägt: «Gerne dien‘ ich den Freunden, doch tu‘ ich es leider mit Neigung, und so wurmt es mich oft, daß ich nicht tugendhaft bin.» Denn nach Kantscher Ethik ist dasjenige, was man aus Neigung tut, nicht tugendhaft, sondern dasjenige, was man aus dem starren Pflichtbegriff heraus tut.“
    GA 235-071

  2. ronald wüthrich

    hat uns nicht kant schon in den lockdown von raum und zeit verbannt.
    – wenn dem so wäre, ist der aktuelle LD nur seine vorerst letzte zuspitzung …

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