Die Große Voreinstellung – Nachdenken über Verschwörung

Die Große Voreinstellung – Nachdenken über Verschwörung. Dem Großen Neustart ging eine Große Voreinstellung voraus. Worin bestand sie? Und wo verbirgt sich die Verschwörung?

Gastbeitrag von James Alexander.

Die Große Voreinstellung – Nachdenken über Verschwörung

Alexis de Tocqueville 1805-1859, Verfasser des Klassikers »Die Demokratie in Amerika«.

1858 schrieb Alexis de Tocqueville an einen Freund über un virus d’une espèce nouvelle et inconnue, »ein neuartiges und bisher unbekanntes Virus«. Er bezog sich dabei nicht auf etwas Biologisches, sondern auf die Französische Revolution. Und es sollte uns allen am Ende des Jahres 2020 klar sein, dass das bedeutende »Virus einer neuen und unbekannten Art« in diesem Jahr nicht das Coronavirus war, sondern die politische Reaktion auf das Coronavirus.

Bei dem Versuch, einen Sinn in den extremen Ereignissen zu finden, sind wir auch auf das Gerede von einem »Great Reset« (Großen Neustart) gestoßen: Das ist der Name für die angebliche Verschwörung einer globalen Clique von Superreichen, die die gegenwärtige Krise nutzen wird, um die Menschen zu kontrollieren und zu befrieden, indem sie sich unser Eigentum aneignet, das Finanzwesen reguliert, uns durch das Panoptikum der modernen Technologie überwacht, unsere Bewegung mit Gesundheitspässen kontrolliert, den Fluss von Luxusgütern fortsetzt, uns unsere Unterwerfung durch die Verwendung von Masken, Impfungen und Implantaten signalisiert und uns eine einzige technokratische Weltregierung auferlegt.

Es gibt mehrere selbstverständliche Dinge, die man über jede Verschwörung sagen muss. Das erste ist, dass »Verschwörung« eine Übertreibung darstellt, die gleiche Übertreibung wie ihr Gegenteil, der »Murks« (»cock-up«). Wer von Verschwörung spricht, will glauben, dass alles eine Folge von Kontrolle ist. Wer von Murks spricht, will uns glauben machen, dass alles eine Folge von Chaos ist. Aber hinter der vordergründigen Differenz von Kontrolle und Chaos liegt eine wichtigere, nämlich die Differenz von Kompetenz und Inkompetenz. Um an eine Verschwörung zu glauben, müssen wir nicht nur glauben, dass alles eine Folge von Kontrolle ist: Wir müssen auch glauben, dass die Kontrolle kompetent ist. Eine Verschwörungstheorie ist eigentlich ein Glaube an die Kompetenz der Verschwörer. Auf der anderen Seite nimmt eine Murkstheorie an, dass alle Kontrolleure und Verschwörer inkompetent sind.

In einem früheren Beitrag habe ich als Alternative eine dritte Möglichkeit vorgeschlagen, die Murksverschwörung (cockupspiracy). Dies ist offensichtlich eine Kompromisstheorie: Sie besagt, dass wir in einer Welt der Teilkompetenzen leben, in der rivalisierende Teilkompetenzen ständig im Krieg miteinander liegen. In diesem Beitrag benutze ich dies als Ausgangspunkt für weitere Überlegungen zur Verschwörung.

Es gibt etwas, das zuerst über Verschwörung in Bezug auf die aktuelle Krise gesagt werden muss. Die aktuelle Krise ist die Umwandlung einer scheinbaren Krise, die durch die Krankheit COVID-19 verursacht wurde, in eine echte Krise durch die politische Reaktion, die ich Polis-20 genannt habe. Diese Krise ist die Folge eines ungewöhnlich intensiven Versuchs, wissenschaftliche und politische Imperative unter Zuhilfenahme einer sensationalistischen Presse miteinander zu verknüpfen. Es ist nicht leicht, eine kausale Erklärung zu formulieren: soll man den Wissenschaftlern oder den Politikern die Schuld zuweisen, oder jenen, die wissenschaftliche und politische Argumente medial aufbereiten und sie damit sanktionieren und zur öffentlichen Meinung verfestigen? Wir können eine einseitige Schuldzuweisung vermeiden, indem wir sagen, dass die Politik wissenschaftliche Behauptungen ebenso infiziert hat wie wissenschaftliche Modelle politische Behauptungen infiziert haben. Das Wort »infiziert« ist natürlich eine Metapher, abgeleitet von Viren. Es sollte offensichtlich sein, warum es uns in den Sinn kommt.

Es ist möglich, die Schuld der Verschwörung oder dem Murks zuzuschreiben, ich bevorzuge jedoch die Murksverschwörung, die Ansicht, dass es in jeder menschlichen Aktivität nicht nur Kompetenz oder Inkompetenz gibt, sondern tausend Kombinationen von Kompetenz und Inkompetenz. Der vorliegende Fall, in dem Politiker, Wissenschaftler und Medien sich so eifrig gegen das Volk verbündet haben, zeigt meines Erachtens, dass die Inkompetenz im Umgang mit den Dingen an jedem Punkt der Entwicklung die despotische Tendenz der Politik, die ursprünglich durch den kompetenten Umgang mit den Dingen legitimiert sein sollte, noch verstärkt hat.

Obwohl ich behaupte, dass es klüger ist, von einer Murksverschwörung auszugehen, als von einer bloßen Verschwörung oder bloßem Murks, denke ich, dass es wichtig ist, das Folgende zu sagen. Was den Bevölkerungen im Jahr 2020 überall auf der Welt an bewusst despotischer Politik der Maskierung, Distanzierung und Absonderung auferlegt wurde, ist so signifikant und hat ein solches Ausmaß, dass wir selbst dann, wenn keine Verschwörung vorliegt (und ich behaupte, dass keine vorliegt), sicherlich nicht falsch liegen, wenn wir das Geschehen als Verschwörung betrachten. Das Ausmaß der Kontrollen, die Bürgern durch Staaten auferlegt wurden, ist – abgesehen von Kriegs- oder Revolutionszeiten – so beispiellos, dass die Suche nach Schuld unvermeidlich, ihre Zuschreibung notwendig und Wut eine Pflicht ist. Denn auch wenn jemand nur aus Gedankenlosigkeit oder lokalem Eigeninteresse die gegenwärtige Politik verstetigt, macht er sich doch schuldig an der Verstetigung einer der gefährlichsten Tendenzen der Politik, die mir untergekommen sind, seit ich Geschichte unterrichte.

Die Große Voreinstellung

Auch wenn wir nicht an eine Verschwörung des Weltwirtschaftsforums oder der Trilateralen Kommission glauben, denke ich, dass wir genauso wachsam sein sollten, als ob es eine Verschwörung gäbe. Eine Möglichkeit, wachsam zu sein, besteht darin, der Geschichte etwas Aufmerksamkeit zu schenken. Politiker und Wissenschaftler wissen selten viel über die großen Traditionen der Politik im Westen. Ich denke, wir können in dieser Geschichte einige nützliche Anregungen finden, die es uns erlauben, unsere aktuelle Situation zu verstehen. Insbesondere denke ich, dass die Aufmerksamkeit auf das gelenkt werden sollte, was ich die Große Voreinstellung (Great Preset) nennen möchte.

Der Große Neustart strebt eine Weltregierung der extremen Kompetenz an. Wenn er auch keine Verschwörung ist, so liegt ihm sicherlich das Verlangen nach einer solchen zugrunde.

Die Große Voreinstellung ist keine Zielsetzung. Es ist die Welt, in der wir leben. Es ist noch keine Weltregierung. Es ist eine Welt von souveränen Einzelstaaten.

Die große Voreinstellung führte zu einer Zivilisation, die sich absolut souveränen Staaten verschrieben hat, die erstens versuchten, die Kirchen zu unterwerfen und zweitens darauf abzielten, die Bevölkerung immer rationeller und systematischer für die Mehrung des Staatsvermögens zu nutzen. Das Zweite konnte nicht getan werden, ohne die Bevölkerungen davon zu überzeugen, dass es sich lohnte, dies zu tun. Die Art und Weise, wie dies geschah, war drittens, dem Volk formale Gleichheit und einen gewissen Wohlstand anzubieten. Mit »einem gewissen Wohlstand« will ich sagen, dass der angebotene Wohlstand nicht unbedingt ein gleicher Wohlstand war. Die Genialität von Marx bestand darin, klar zu sehen, dass die Französische Revolution und die späteren englischen Reformen den Bevölkerungen Frankreichs und Englands eine Art Gleichheit ohne Gleichheit des Wohlstandes angeboten hatten. Sie boten den Menschen in der Tat ein formales Recht auf Wohlstand an, zusammen mit einigen Trostpflastern für den Fall, dass sie nicht zu Wohlstand gelangten. Was sie im neunzehnten Jahrhundert z.B. in Form des Armenrechts begrenzt anboten, boten sie im zwanzigsten Jahrhundert in Form von Altersrenten, Arbeitslosenunterstützung, kostenloser Bildung und kostenloser Gesundheitsfürsorge in noch geringerem Maße an.

Unter dem Einfluss von Jordan Peterson und einigen anderen wird vieles in unserer zeitgenössischen Kultur, vor allem in der Hochschulbildung, dem »kulturellen Marxismus« angelastet. Das ist zweifellos polemisch nützlich, aber geht am Sachverhalt vorbei. Wir sind immer noch auf der Suche nach einem guten Vokabular, um die lärmenden und launenhaften Parasiten in der, aber nicht der liberalen Kultur zu beschreiben: Manchmal nennen wir sie »politisch korrekt«, manchmal »politisch erwacht« (»woke«), und wir assoziieren sie mit »Identitätspolitik«, »Intersektionalität« und »Gutmenschentum« (»virtue signalling«). Sie sind nicht liberal im klassischen Sinn, obwohl sie von der Nachsicht profitieren, die ihnen von Liberalen entgegengebracht wird, und sie setzen sich militant für Dinge ein, um die sich Liberale ebenfalls kümmern, wenn auch eher passiv: gegen die Unterdrückung sexueller, rassischer, kultureller, religiöser Minderheiten durch vermeintliche Mehrheiten. Das ist kein Marxismus in irgendeinem sinnvollen Sinne. Die Begriffe sollten nicht so sehr verdreht werden. Ich denke, wir verwenden das Wort »Marxismus«, weil die Marxisten ein Jahrhundert lang der Feind des Westens waren, und weil es bestimmten Akademikern aus berechtigten oder unberechtigten Gründen nützlich erschien, an Universitäten eine intellektuelle Minderheitenkultur des Marxismus aufrechtzuerhalten. Sie erpressen die liberale Kultur in gewisser Weise, indem sie der Kritik die Revolte hinzufügen. Sie revoltieren manchmal im pejorativen Sinn. Die neueren »Kulturmarxisten« revoltieren grundsätzlich, aber sie sind keine Marxisten.

Ich sage dies, weil das, was Marx als Notwendigkeit betrachtete – die Vollendung der Revolution –, von einigen anderen Kommentatoren als Möglichkeit betrachtet wurde. Diese Möglichkeit bestand darin, dass der Staat despotischer sein würde, als jede Herrschaftsordnung vor ihm. Diese Möglichkeit nenne ich die Große Voreinstellung. Und im Jahr 2020 wurde diese bloße Möglichkeit zur Realität. Ich werde hier eine kurze Charakterisierung der Großen Voreinstellung geben. Vier oder fünf Faktoren halte ich für besonders wichtig.

Wie aus der Großen Voreinstellung der Große Neustart wird

Der erste Faktor ist, dass uns ein öffentlicher Glaube aufgezwungen wird, der gegenüber dem privaten Glauben Vorrang hat. Vor dreihundertfünfzig Jahren schlug Hobbes vor, dass der Souverän – die Regierung oder der Staat – uns bestimmte Überzeugungen zum Zwecke des öffentlichen Bekenntnisses auferlegen sollte. Alle anderen Überzeugungen könnten zwar auch vertreten werden, aber nur privat, das heißt, sie sollten nicht öffentlich bekundet werden. Orwells Gedankenpolizei riss lediglich die Barriere des Schädelknochens nieder, der die Privatsphäre schützt. Wahrscheinlich ging Hobbes davon aus, dass die meisten von uns in der Lage sein würden, sich anderen gegenüber privat zu äußern, weil zu seiner Zeit die private Sphäre viel umfangreicher war als die eher begrenzte öffentliche Sphäre. Erst mit dem Aufkommen der Presse, der Medienstufe 1, änderte sich alles, da nun auch private Meinungen ihre eigene Öffentlichkeit erlangen konnten, auch wenn sie von Mitgliedern bestimmter Eliten kanalisiert wurden. Später, mit dem Aufkommen moderner technologischer Geräte, erlebten wir den Aufstieg dessen, was wir als Medienstufe 2 bezeichnen könnten, als plötzlich jeder in der Lage war, sein privates Leben öffentlich zu machen, indem er das Internet und verschiedene Foren nutzte, die das Internet voraussetzen, wie Myspace, Facebook, Youtube, Twitter, Instagram, Tiktok und so weiter. Wie nun alle feststellen, werden diese zunehmend zu »Verlagen«, statt »Plattformen«, was bedeutet, dass sie dazu übergehen, »Inhalte« zu zensieren, die nicht mit den ideologischen Vorstellungen der politischen Klasse übereinstimmen. Wie viele jetzt erkennen, sind diese Verlage zu sehr merkwürdigen permanenten Aufbewahrungsorten unserer Meinungen geworden, der ehemals privaten, jetzt öffentlichen Meinungen: also eine Art unsterbliches Panoptikum, das nicht nur alles sehen, sondern auch nichts vergessen kann.

Die Große Voreinstellung – Nachdenken über VerschwörungDer zweite Faktor ist die Etablierung der Gleichheit als Prinzip der Solidarität innerhalb einer modernen politischen Ordnung. Hier können wir uns an Tocqueville halten, dessen berühmtes Buch »Democracy in America« als die große Studie über die »Große Voreinstellung« betrachtet werden kann. Tocqueville beobachtete, dass die Heraufkunft der Gleichheit als Grundlage der sozialen Ordnung eine Bedrohung für die Freiheit bedeutete. Mit ihr entstand eine neue menschliche Erfahrung, die »Tyrannei der Mehrheit«. Er glaubte, die moderne Gesellschaft könnte ein Maß an Stabilität und Wohlstand erreichen, das die Bereitschaft eines jeden abstumpfen würde, sich die Missbilligung der anderen Mitglieder der Gesellschaft zuzuziehen. Er sah die Freiheit in einem Spannungsverhältnis zur Bequemlichkeit. Dies war eine klassische alte Unterscheidung, berühmt durch den Satz Benjamin Franklins, den viele während der COVID-19-Krise zitierten, der ungefähr lautet: »Wer Freiheit für Sicherheit opfert, verdient weder das eine noch das andere«.

Tocqueville befürchtete, dass der moderne egalitäre Staat so gut darin sein könnte, Sicherheit oder Komfort oder Wohlstand für sein Volk zu erreichen, dass die Freiheit verloren gehen würde. Er achtete darauf, den neuen Despotismus, der damit einherging, vom alten Despotismus der Kaiser und Khans zu unterscheiden. Der neue Despotismus war eine Folge des Vertrauens in den Staat und des Fehlens einer anderen Quelle der Autorität, die ihn herausfordern konnte. Der Erfolg des Staates bei der Eliminierung der Kirche und der Durchsetzung seiner eigenen Ideologie (die wir heute als »politische Korrektheit« bezeichnen würden) war so groß, dass er in dem Maße, in dem er an effektiver Macht gewann, sich selbst eine Gesellschaft gegenüberstellte, die ihm keinen Widerstand mehr leisten konnte. Das Leben der Individuen in der Gesellschaft, kommentierte Tocqueville, ist »unsicherer, untergeordneter und prekärer« als je zuvor. Es herrscht Uniformität, der Staat mischt sich in jede Institution ein und macht jede Institution zu einem Verfechter der Staatsideologie – und das ist, zweihundert Jahre nach Tocqueville, der Grund, warum die Polizeikräfte, wie auch bei Orwell, zu Vollstreckern der Staatsideologie geworden sind, anstatt sich mit altmodischen Dingen wie Verbrechen und Bestrafung zu beschäftigen. Bei all dem verfolgt der Staat seine Aktivitäten »mit größerer Geschwindigkeit, Kraft und Handlungsfreiheit als je zuvor«. Aber dieser Staat ist gütig und fürsorglich: Sein Despotismus ist einer der Blockierung, Bändigung und Abstumpfung der Bevölkerung durch die Auferlegung von Regeln und die Aufrechterhaltung der modernen Äquivalente von Brot und Zirkus. Tocqueville nannte dies »friedliche Versklavung«. Und ich denke, wir sollten uns darauf einigen können, dass Polis-20 die größte friedliche Versklavung ist, die es in der Geschichte der Welt je gegeben hat.

Der dritte Faktor, auf den bereits Tocqueville hingewiesen hat, ist der Aufstieg und Fall des Liberalismus. Der Liberalismus erscheint heute als Übergangsstadium, und zwar als Übergangsstadium, das nur den Westen betroffen hat. Obwohl er im Westen für das Erreichen der Moderne notwendig war, wurde die Moderne anderswo – etwa in Osteuropa, der Türkei, China und Russland – auch ohne ihn erreicht. Und im Westen ist er im Niedergang begriffen. Der Liberalismus beruhte auf der Idee, dass der Glaube keine Rolle spielt. Er war eine Antwort auf Hobbes. Während Hobbes der Meinung war, dass der Glaube eine Rolle spielt und vom Staat öffentlich aufgezwungen werden sollte, sagten die Liberalen von Locke über Mill bis hin zu John Rawls und Jordan Peterson, dass der Glaube keine Rolle spielt: oder vielmehr, dass es nicht so sehr darum geht, welcher bestimmte Glaube geglaubt wird, sondern dass eine Vielzahl von Überzeugungen geglaubt und sogar öffentlich geäußert werden kann, solange sie nicht die Grundlage unserer Verfassung bilden. Unsere Verfassungen sollten liberal sein – das heißt, sie sollten sich von jedem Glauben unterscheiden, den jemand innerhalb dieser Verfassung vertritt. Dies würde, so die Theorie, die Koexistenz von Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen ermöglichen. Wie schon Tocqueville sah, gibt es immer Druck- und Zugfaktoren, so dass es zwar so aussieht, als ob der Liberalismus die Erhaltung der Vielfalt fördert, es aber eine konkurrierende Tendenz bestimmter Glaubensmonopole gibt, die Offenheit der Arena auszunutzen, um sie sich zu unterwerfen. Nicht etwa des Christentums, denn das Christentum war das Fundament des Establishments, das die Liberalen zu ersetzen suchten: aber interessanterweise der Islam (zu dem unsere politische Klasse fast nichts zu sagen hat außer: »Kapituliert!«) und Varianten der »politischen Korrektheit«.

Das vierte ist etwas, das zunehmend von Kulturkommentatoren diskutiert wird, das aber – soweit ich sehe – noch nicht mit der aktuellen politischen Krise von Polis-20 in Verbindung gebracht wurde. Es ist die Tatsache, die von Michael Young in The Rise of the Meritocracy, Ferdinand Mount in Mind the Gap und David Goodhart in The Road to Somewhere beobachtet wurde, dass sowohl das aristokratische Streben nach einer liberal vielfältigen und abwechslungsreichen Gesellschaft als auch das demokratische Streben nach einer egalitären, wenn auch einheitlichen Gesellschaft von einer dritten Vision verdrängt wurde, in der die Bevölkerung in zwei Hälften geteilt wird, in Gebildete und Ungebildete, in Elite und bedauernswerte Abgehängte (»deplorables«) – in diejenigen, die von der etablierten Verfassungsordnung profitiert haben (nennen wir sie »Konstitutionalisten«) und diejenigen, die nicht von ihr profitieren, denen jene Akteure etwas zu bieten scheinen, die gewöhnlich als »Populisten« bezeichnet werden. Goodhart nennt die letzteren »somewheres« (Irgendwos) und die ersteren »anywheres« (Überalls). Die Amerikaner nennen sie manchmal Konservative und Liberale, wie wir es im England des neunzehnten Jahrhunderts getan hätten – allerdings nicht mit dieser speziellen Bedeutung. Die besondere moderne Bedeutung hat mit der Tatsache zu tun, dass die Universitäten sich nach dem Zweiten Weltkrieg nahezu überall ausgebreitet haben und die Ausweitung des Hochschulwesens fast überall dazu geführt hat, dass dort, wo früher nur eine kleine Minderheit an der Universität ausgebildet wurde, heute etwa die Hälfte jeder Bevölkerung eine Hochschulausbildung genießt. Das ist nicht nur eine Krise für die Universität, was ihre Funktion und ihren Status als Elite-Institution betrifft, sondern auch eine Chance, denn der soziale Status der Universität ist gestiegen, während ihr intellektueller Status gesunken ist, da der Staat in die Universität eingedrungen ist und die Universität nun benutzt, um seine eigene herrschende Klassenideologie von politischer Korrektheit, Despotismus, materiellem Wohlstand und Fürsorge zu perpetuieren.

Die Bedeutung dieser Entwicklung liegt darin, dass nun die Hälfte der Bevölkerung die Ideologie der herrschenden Klasse unterstützt. In den letzten ein oder zwei Jahrzehnten haben wir gesehen, wie diese herrschende Klasse durch Fundamentalismus, die Finanzkrise und insbesondere – was sie in der englischsprachigen Welt über die Klinge springen ließ – durch Brexit und Trump herausgefordert wurde. »Brexit und Trump« ist eine Kurzformel für den politischen Versuch der ungebildeten und daher ausgeschlossenen und entfremdeten und demoralisierten Klasse, der gebildeten Klasse Widerstand zu leisten. Es mag schwer sein, sich jetzt daran zu erinnern, welche Einstimmigkeit es unter den Gebildeten in der Frage des Brexit zugunsten von »Remain« (Verbleiben) im Gegensatz zu »Leave« (Verlassen) gab. In Amerika nannte Hillary Clinton die andere Hälfte der Bevölkerung »deplorables« (bedauernswerte Abgehängte). Trump hat es geschafft, einen Anspruch der Abgehängten auf das Zentrum der Macht zu etablieren. Das war eine Revolte des »Landes« gegen den »Hof«, obwohl es so aussieht, als ob sich der »Hof« mit Biden selbst wieder an die Macht gebracht hat. Die wichtigste politische Unterscheidung im Westen ist jetzt die Unterscheidung zwischen Konstitutionalisten und Populisten – denen von der Universität und denen, die nicht von ihr sind – denen, die sich der rezipierten Ideologie der politischen Klassen anschließen und denen, die das nicht tun.

Konstitutionalistische Agitatoren wie die BBC, der Guardian, amerikanische Late-Night-TV-Moderatoren und die Politikwissenschaftler, die den »Populismus« studieren (aber eigentlich dagegen sind) wie Jan-Werner Müller, Cas Mudde und so weiter fürchten, dass der Populismus zum Faschismus führen könnte. Aber sie erkennen nicht, dass es nicht nur einen möglichen Faschismus der Populisten gibt, sondern auch einen möglichen Faschismus der Konstitutionalisten, einen liberalen Faschismus, den Jonah Goldberg in einem Buch dieses Namens treffend beschrieben hat.

Was ich konkret über diese neue Klassenspaltung zwischen Konstitutionalisten und Populisten sagen möchte – also jenen, die von der gegenwärtigen politischen Ordnung profitieren, und jenen, die das nicht tun –, ist, dass die Konstitutionalisten die angebliche COVID-19-Krise als Gelegenheit ergriffen haben, die wirkliche Polis-20-Krise anzuzetteln: ergriffen, sage ich, weil sie in ihr eine Gelegenheit erkannt haben, die Populisten von ihrem Krieg gegen die etablierte Ordnung abzulenken. Es ist eine Gelegenheit, weil die Konstitutionalisten in der Lage waren, sich als die Beschützer, Pfleger und Hirten der Gesellschaft auszugeben, besonders als die Beschützer derjenigen, die der Pflege bedürfen, derjenigen, die am verletzlichsten sind, die normalerweise, wenn es sich nicht um Alte oder Kinder handelt, Mitglieder der ärmeren, weniger gebildeten Klassen sind, d.h. der Populisten. Hier haben wir es mit einem Thema zu tun, bei dem sich die gebildeten Konstitutionalisten ständig auf technisches Wissen berufen können, um ihre Unterwerfung der ungebildeten Populisten zu rechtfertigen. Der alte ciceronische Spruch salus populi suprema lex, »das Wohl des Volkes ist das oberste Gesetz«, wurde um die Sorge um die Volksgesundheit, oder, sagen wir es deutlich, also biblisch, um die Angst vor der Pest, erweitert, um die Fähigkeit der Populisten, sich der politischen Dominanz der Konstitutionalisten zu widersetzen, zu unterminieren.

Neben diesen vier Faktoren gibt es zweifellos noch weitere. Der Aufstieg der Technologie und des Rationalismus oder der Einfluss des technischen Diskurses anstelle des deliberativen Diskurses in der Politik – all das wurde von Denkern wie Heidegger, Oakeshott und Habermas bemerkt – ist ebenfalls wichtig. Dem modernen Staat, diesem möglichen Übergangsgebilde, schien es opportun, sich den Rationalismus von Bacon und Descartes zu eigen zu machen, einen Rationalismus, der von Locke und Newton sanktioniert wurde, der das Zeitalter der Aufklärung beherrschte, der auf die Gesellschaft ausgedehnt wurde, um eine Wissenschaft der Politik zu rechtfertigen, die eigentlich eine Wissenschaft der Ökonomie war, so dass es den Politikern zur Zeit von Thatcher und Reagan schwer fiel, sich auf einen anderen Maßstab als den des statistischen Wohlstands zu berufen. Man könnte auch etwas über den Aufstieg der »Wissenschaft als Beruf« im 19. Jahrhundert sagen, zusammen mit ihren Schattenfächern der Sozialwissenschaften, in denen das Modell des individuellen Genies wie Bohr oder Einstein oder, früher, Galileo, Newton oder Gauß, durch die kollaborative und kollektivierte professionelle Arbeit von Labors ersetzt wurde, die von Staaten oder anderen großen Einheiten wie der Europäischen Union finanziert werden. Wissenschaftler haben als Klasse ein Interesse daran, die etablierte Ordnung aufrechtzuerhalten, die es ihnen ermöglicht, ihre Arbeit zu verrichten, und so dienen sie dem politischen System ideologisch zur gleichen Zeit, in der sie das betreiben, was weiterhin als »Wissenschaft« bezeichnet wird. Es ist schwer zu entscheiden, welche Haltung man zu modischen Monopolen wie der wissenschaftlichen Sicht auf den Klimawandel und COVID-19 einnehmen soll. Zweifellos gibt es so etwas wie Gewissheit, irgendwo, und es gibt auch Zweifel: Aber wenn es so viele Beweise dafür gibt, dass die Wissenschaftler politisch handeln, dann ist es kein Wunder, dass gewisse Populisten geneigt sind, sich der möglichen Verschwörung entgegenzustellen, indem sie einfach bestreiten, dass das, was die Wissenschaftler behaupten, so ist. Das mag den Wissenschaftlern unangenehm sein, aber sie haben sich das selbst zuzuschreiben, da sie von der Finanzierung durch die politische Klasse des modernen Staates abhängig sind, die bereit ist, für »große Wissenschaft« zu zahlen, wenn sie im Interesse des Staates ist.

Es gibt eine Art Verschwörung, und wir alle waren Teil davon, und sind weiterhin Teil davon – vor allem diejenigen unter uns, die eine Universitätsausbildung haben. (Ich sage das als jemand, der von der Universität geprägt und ihr verpflichtet ist.) Daran ist nichts Zwingendes: Es hat sich aus tausend Zufällen ergeben; und in diesen Zufällen müssen wir die Hoffnung finden, dass all dies rückgängig gemacht werden kann. Es gab eine Große Voreinstellung. Sie hat Polis-20 möglich gemacht. Aber, wie Tocqueville erkannte, trug sie Tendenzen in sich, die in verschiedene Richtungen wiesen und sie gab uns eine gewisse Handlungsfreiheit gegenüber dem Staat. Jetzt gibt es einen Großen Neustart, der darauf abzielt, den Staat loszuwerden und etwas Höheres, Reineres, Fürsorglicheres, Abstumpfenderes zu etablieren.

Aber es gibt Kräfte, die sich dagegen auflehnen, im Populismus und in dem, was wir als ordentliche Wissenschaft bezeichnen könnten, einer skeptischen Wissenschaft, die sich jederzeit der Möglichkeit ihrer eigenen Korruption bewusst ist – und sogar in der verbleibenden Sturheit des Einzelnen, der nicht zustimmen will, nur weil alle anderen zustimmen: all jene Lakaien und Speichellecker, all jene Schriftgelehrten und Heuchler.

Ein letzter Gedanke zum Thema Verschwörung

Wenn Sie die Etymologie des Wortes »Verschwörung« untersuchen, werden Sie feststellen, dass es sich von con-spirare ableitet, dem lateinischen Wort für »gemeinsam atmen«, also im weiteren Sinne »gemeinsam planen«. Das ist ein gutes shakespearsches Bild: Macbeth, der sich mit den Mördern berät, dicht beieinander stehend, so dass sie nicht gehört werden können. Atmen – und zwar gemeinsam. Ist es nicht amüsant, dass das Wort »Verschwörung« etwas mit Atem zu tun hat? Aber es bedeutet, dass die Verschwörung hier und jetzt, die Verschwörung der Masken, der Distanzierung und des Einsperrens, ironischerweise eigentlich eine Antiverschwörung ist.

Sie wollen, dass wir gemeinsam aufhören zu atmen.

James Alexander ist Assistenzprofessor in der Abteilung für Politikwissenschaft an der Bilkent Universität in der Türkei. Sein Beitrag wurde zuerst auf lockdown sceptics (https://lockdownsceptics.org/the-great-preset-reflections-on-conspiracy/) unter dem Titel »The Great Preset« veröffentlicht. Er erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Autors und von lockdown sceptics. Der erste Teil, »Die Murksverschwörung«, erschien hier in deutscher Übersetzung.

Ein interessantes Video zum Thema findet sich hier: Pandemie-Planspiele – Vorbereitung einer neuen Ära?


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Ein Kommentar

  1. The most elegant and compelling analysis that I have as yet read about the political ecology of the present moment. Now all we need is Lorenzo Ravagli’s metahistorical commentary, I.e., the intersection of this human-created (‘botched’ or ‘semi-botched’ ) Zeitgeist with the Grail story – Ahura Mazda’s 3000-year-old wager with Angra Mainyu. Lorenzo, I know that you are not wearing a mask, and that you continue to con-spire with us, so please, let us hear you! Many thanks Prof. James Alexander and Lorenzo for your truth–telling!

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