Was heißt links? Eine Antwort von Roger Scruton

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Roger Scruton

Roger Scruton in Prag, 2015. CC BY SA 4.0, Wikipedia

Was heißt links? Roger Scruton gibt auf diese Frage eine Antwort. Sir Roger Scruton ist ein englischer Philosoph und Romanautor, der einige bemerkenswerte Bücher zur Politiktheorie, zur Ästhetik, zur Philosophie der Liebe, zu Umwelt und Tierschutz und zur Kulturgeschichte verfasst hat. Er ist Mitglied der Königlichen Gesellschaft für Literatur, der Britischen Akademie der Wissenschaften und Ehrenmitglied des Inner Temple, einer der vier britischen Anwaltskammern. 1998 verlieh ihm Václav Havel (Verfasser des Buches Versuch, in der Wahrheit zu leben) die Ehrenmedaille der tschechischen Republik für seine aktive Beteiligung am Aufbau eines Untergrund-Dissidenten-Netzwerkes in der sozialistischen Diktatur zwischen 1979 und 1989, 2019 erhielt er aus ähnlichen Gründen den polnischen Verdienstorden. Seine Erlebnisse im kommunistischen Prag verarbeitete er in einem Roman mit dem Titel Notes from Underground.

Und er war 2019 Anlass für einen kurzlebigen Skandal, als ein Journalist des New Statesman angebliche Äußerungen von ihm über ein »Soros-Imperium« in Ungarn, die »Islamophobie« als von der Muslimbruderschaft erfundenen Kampfbegriff sowie über Chinesen twitterte, die sich so glichen, wie eine Kopie der anderen. Im April 2019 wurde er wegen dieser (angeblichen) Äußerungen seines Amtes als Vorsitzender einer Baukommission enthoben, die sich um die Verschönerung und Verbesserung der Architektur in England kümmern soll. Die Vorwürfe: Antisemitismus, Rassismus und »Leugnung« der Existenz von Islamophobie.[1]

Schon damals, als Abgeordnete der Labourpartei seinen Rücktritt forderten, konnte man sich fragen, was seine Bemerkungen über Soros (einen ungarischen Juden, der in den USA Karriere als Finanzspekulant machte und weltweit FFUNGO’s[2] fördert, die sich für eine »offene Gesellschaft« einsetzen), die kritische Nachfrage nach der Begriffsgeschichte der Islamophobie und seine Äußerungen über die chinesische Regierung, die versuche, mit ihrer Politik ihre Untertanen in Klone zu verwandeln, mit der Beurteilung seiner Eignung als Vorsitzender eines Bauverschönerungskomitees zu tun haben sollten. Als er aber im Juli 2019 von der Regierung Boris Johnsons wieder in sein Amt eingesetzt wurde, weil sich herausstellte, dass er sinnentstellend zitiert worden war[3], entpuppte sich die Kampagne gegen ihn vollends als Farce. Der eigentliche Grund für sie dürfte gewesen sein, dass Scruton ein ingeniöser und wortmächtiger Konservativer ist, der sich unmissverständlich gegen die Verfallserscheinungen einer Gesellschaft ausspricht, die sich entschlossen hat, im Namen des Fortschritts ihre kulturellen und spirituellen Fundamente zu zertrümmern.

How to be a conservative

Scruton, How to be a conservative

Scruton, dessen Bücher nur zum Teil ins Deutsche übersetzt worden sind, zuletzt How to be a Conservative[4], wartet im deutschen Sprachraum noch auf seine Entdeckung. Die Übersetzung seines Manifestes des Konservatismus dürfte dieser Entdeckung förderlich sein.

Ein Autor, der solche Sätze schreibt wie: »Ohne die Erfahrung der Zugehörigkeit werden die Toten entrechtet, und die Ungeborenen, deren metaphysische Wächter die Toten sind, werden ihr Erbe verlieren«[5] oder: »Die freundliche Befürwortung der Inklusion ist nur eine Maske für den gar nicht freundlichen Wunsch, jene auszuschließen, die früher zu den Ausschließenden gehört haben. Mit anderen Worten, das kulturelle Erbe zu verleugnen, das uns geformt hat«[6] – ein solcher Autor hat auch Mitteleuropäern etwas zu sagen, die der deutschen Sprache mächtig sind und nach wie vor glauben, dass sie Schätze in sich birgt, die nicht nur die Seele zu nähren vermögen, sondern auch das geeignete Instrument für die Pflege einer Kultur ist, die durch eine Jahrtausende währende Geschichte gespeist wurde.

All jenen, die diese Kultur lieben, und die Sprache, durch die sie sich manifestiert, als ein heiliges Gut betrachten[7], liefert Scruton, wie Douglas Murray, der Autor von The Strange Death of Europe[8], in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe von How to be a Conservative sagt, das intellektuelle Rüstzeug, um sich am »komplizierten Kampf für die Wahrheit« wirkungsvoll zu beteiligen. Dieser Kampf ist laut Murray deswegen kompliziert, »weil die intellektuelle Kultur – mit ihren verheerenden Auswirkungen sowohl auf Intellektuelle als auch Nicht-Intellektuelle – gegen die natürlichen Instinkte der Menschen argumentiert. Wenn Menschen aus einem natürlichen Instinkt heraus an der traditionellen Familie festhalten wollen, wird ihnen erklärt, dass diese Teil eines abscheulichen Netzes von naturwidriger Unterdrückung und Hierarchie sei. Wenn sie Loyalität gegenüber einer Nation empfinden, wird ihnen erklärt, dass diese Loyalität nur in eine Richtung führe, nämlich in die Hölle. Wenn sie an einer Kultur festhalten wollen, die ihre Vorfahren als Bereicherung empfanden und von der sie deshalb annehmen, auch sie könnten durch diese bereichert werden, dann sagt man ihnen, dass diese Kultur nicht nur bedeutungslos, sondern auch beispiellos bösartig und aus der Sünde geboren sei.«[9]

Zu dem erwähnten Rüstzeug gehört zweifellos auch die kritische Analyse jener intellektuellen Kultur, von deren »verheerenden Auswirkungen« Murray spricht. Sie ist von der Geschichte dessen, was gemeinhin als »links«, »progressiv«, »aufklärerisch«, »emanzipatorisch« usw. bezeichnet wird, nicht zu trennen. Sie verfolgt ein nihilistisches Programm, das auf die Zerstörung der liberalen Gesellschaft abzielt, an die manche von uns sich noch dunkel erinnern können.

Fools, Frauds and Firebrands

Scruton, Fools, Frauds and Firebrands

Mit der Geschichte jenes Denkens hat sich Scruton in einem anderen Buch auseinandergesetzt, das bislang nicht ins Deutsche übersetzt worden ist: Fools, Frauds and Firebrands. Thinkers of the New Left (etwa: Verrückte, Betrüger und Brandstifter. Denker der neuen Linken), dessen Lektüre sich jedoch aus den angedeuteten Gründen lohnt. Es setzt sich in acht Kapiteln mit allen maßgeblichen Denkern der Neuen Linken auseinander: von Hobsbawm und Thompson über Galbraith und Dworkin, Sartre und Foucault, Lukács, Adorno und Habermas, Althusser, Lacan und Deleuze bis zu Gramsci und Žižek. Um die potentiellen Leser zur Lektüre zu ermuntern, werden im Folgenden einige Auszüge aus dem ersten Kapitel dieses Buches, das den Titel trägt: What is Left? vorgestellt.

Scruton erinnert zu Beginn des Kapitels durch einen ironischen Perspektivwechsel an den Ursprung der Begriffe »links« und »rechts«. Sie bezeichneten in der Versammlung der französischen Generalstände im Jahr 1789 eine Sitzordnung, bei der der Adel rechts vom König saß und der »dritte Stand« links. Es hätte auch umgekehrt sein können. »In der Tat war es für alle außer den König umgekehrt.« Die Revolutionäre saßen also aus ihrer eigenen Perspektive rechts und die Reaktionäre links. Die Begriffe »links« und »rechts« transportierten jedoch in der Folgezeit die Perspektive des Königs und wurden »auf Fraktionen und Meinungen innerhalb jeder politischen Ordnung angewendet«, auch unabhängig von irgendeiner Sitzordnung.

Es gibt gewisse Grundüberzeugungen der Linken, die so alt sind, wie die politische Anwendung dieses Begriffs: »Linke glauben mit den Jakobinern der Französischen Revolution, die Güter dieser Welt seien ungerecht verteilt und die Schuld dafür liege nicht in der menschlichen Natur, sondern bei einer herrschenden Klasse, die sich ihrer bemächtigt habe. Sie definieren sich selbst im Gegensatz zur etablierten Macht als Verfechter einer neuen Gesellschaftsordnung, die die alten Beschwernisse der Unterdrückten korrigieren wird.«

Zwei Argumente werden zur Rechtfertigung dieser neuen Ordnung ins Feld geführt: »Befreiung und ›soziale Gerechtigkeit‹ […]« Aber beide Begriffe wurde im Lauf des 20. Jahrhunderts umgedeutet.

»Die Befreiung, die heute von linken Bewegungen befürwortet wird, bedeutet nicht einfach Freiheit von politischer Unterdrückung oder das Recht, seinen eigenen Geschäften ohne Dazwischenkunft des Staates nachzugehen. Sie bedeutet vielmehr Emanzipation von ›Strukturen‹ – von den Institutionen, Bräuchen und Konventionen, welche die ›bürgerliche‹ Ordnung prägten und ein umfassendes System von Normen und Werten im Herzen der westlichen Gesellschaft etablierten.« Ein großer Teil linker Publikationen ist »der Dekonstruktion von Institutionen wie der Familie, der Schule, des Gesetzes und des Nationalstaats gewidmet, der das Erbe der westlichen Zivilisation an uns weitergegeben hat.« Diese Literatur »stellt als ›Strukturen der Herrschaft‹ dar, was andere lediglich als Mittel betrachten, die bürgerliche Ordnung der Gesellschaft aufrecht zu erhalten.«

»Die ›Befreiung der Opfer‹« ist ein endloses Unterfangen, »weil immer neue Opfer am Horizont erscheinen, sobald die letzten in die Leere entkommen sind. Die Befreiung der Frauen von männlicher Unterdrückung, der Tiere von menschlichem Missbrauch, der Homosexuellen und Transsexuellen von ›Homophobie‹, ja sogar der Muslime von der ›Islamophobie‹ – all das wurde in die neuere linke Agenda aufgenommen, um Gesetzen und Kommissionen einverleibt zu werden, über die eine zensierende Beamtenschaft wacht. Schritt für Schritt wurden die alten Normen der sozialen Ordnung an den Rand gedrängt, ja sogar als Verletzungen der ›Menschenrechte‹ unter Strafe gestellt.« Hier folgt eine treffende Beobachtung: »In der Tat hat das Anliegen der ›Befreiung‹ zur Verabschiedung von mehr Gesetzen geführt, als jemals erfunden wurden, um sie zu unterdrücken – man denke nur an das, was jetzt im Interesse der ›Nichtdiskriminierung‹ alles angeordnet wird.«

Ebenso hat sich das Verständnis von Gerechtigkeit im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts verändert. Das Ziel der »sozialen Gerechtigkeit« ist »nicht mehr die Gleichheit vor dem Gesetz oder der gleiche Anspruch auf die Rechte des Staatsbürgers, wie sie von der Aufklärung gefordert wurden. Ziel ist vielmehr eine umfassende Neuordnung der Gesellschaft, die Privilegien, Hierarchien und sogar die ungleiche Verteilung von Gütern entweder überwindet oder zumindest in Frage stellt.«

Hinter dem Ideal der »sozialen Gerechtigkeit« verbirgt sich eine »egalitäre Mentalität, die glaubt, Ungleichheit in welcher Sphäre auch immer – Eigentum, Muße, Recht, sozialem Rang, Bildungschancen […] – sei bis zum Beweis des Gegenteils ungerecht. In allen Bereichen, in welchen die soziale Stellung des Einzelnen verglichen werden kann, ist Gleichheit die Standardposition.«

Der wichtigste Punkt in dieser Standardposition ist, »dass das Argument nichts gelten lässt, was ihm im Weg steht. Keine überlieferte Gewohnheit, keine Institution, kein Gesetz oder irgendeine Hierarchien; keine Tradition, Unterscheidung, Regel oder Rücksichtnahme kann die Gleichheit übertrumpfen […] Alles, was nicht dem egalitären Ziel entspricht, muss niedergerissen und wieder aufgebaut werden, und die bloße Tatsache, dass ein Brauch oder eine Institution seit langem existiert und akzeptiert wurde, ist kein Argument zu ihren Gunsten. Auf diese Weise wird ›soziale Gerechtigkeit‹ zur kaum verschleierten Forderung nach einer vollständigen Auslöschung der Geschichte, die Revolutionäre immer angestrebt haben.«

Pseudomanichäische Utopie

Zwar stehen viele Linke »utopischen« Bestrebungen skeptisch gegenüber. »Gleichzeitig werden sie – nachdem sie sich unter ein moralisierendes Banner geschart haben – unweigerlich von den glühendsten Mitgliedern ihrer Sekte galvanisiert, inspiriert und schließlich regiert. Denn linke Politik ist Politik mit einem Ziel: Dein Platz im Bündnis wird daran gemessen, wie weit Du im Namen der sozialen Gerechtigkeit zu gehen bereit bist – wie auch immer diese definiert wird.

The Soul of the World

Roger Scruton, The Soul of the World

Konservatismus – zumindest Konservatismus im britischen Sinn – ist eine Politik des Herkommens, des Kompromisses und der ständigen Unentschlossenheit. Der Konservative betrachtet den politischen Zusammenschluss genauso wie die Freundschaft: Sie hat keinen übergeordneten Zweck, sondern ändert sich von Tag zu Tag, entsprechend der unvorhersehbaren Logik eines Gesprächs.«

Schon Marx setzte sich mit dem Problem der Utopie auseinander. »Er verwarf die verschiedenen Sozialismen seiner Zeit als ›utopisch‹ und stellte dem ›utopischen Sozialismus‹ seinen eigenen ›wissenschaftlichen Sozialismus‹ gegenüber, der den ›vollkommenen Kommunismus‹ als sein voraussagbares Ergebnis versprach. Die ›historische Unvermeidlichkeit‹ dieses Zustandes entlastete Marx von der Notwendigkeit, ihn zu beschreiben. Die ›Wissenschaft‹ besteht aus den ›Gesetzen der historischen Entwicklung‹, die im Kapital und anderswo dargelegt wurden. Nach diesen ›Gesetzen‹ führt die wirtschaftliche Entwicklung zu schrittweisen Veränderungen der wirtschaftlichen Infrastruktur der Gesellschaft, so dass sich vorhersagen lässt, dass das Privateigentum eines Tages verschwinden wird. Nach einer Periode sozialistischer Vormundschaft – einer ›Diktatur des Proletariats‹ – wird der Staat ›absterben‹, es wird weder Gesetze noch die Notwendigkeit für sie geben, und alles wird sich in gemeinsamem Besitz befinden. Außerdem wird es keine Arbeitsteilung mehr geben, und jeder wird die ganze Bandbreite seiner Bedürfnisse und Wünsche ausleben, ›morgens jagen, nachmittags fischen, am Abend Rinder hüten und sich nach dem Abendessen mit Literaturkritik beschäftigen‹, wie uns in der Deutschen Ideologie versichert wird.

Zu sagen, dies sei ›wissenschaftlich‹ und nicht etwa ›utopisch‹, ist im Nachhinein betrachtet kaum mehr als ein Witz. Marxens Bemerkung über das Jagen, Fischen, die Hobbylandwirtschaft und Literaturkritik ist sein einziger Versuch, zu beschreiben, wie das Leben ohne Privateigentum aussehen wird – und wer frägt, von wem er ein Jagdgewehr oder eine Angelrute erhält, wer die Hundemeute bereitstellt, wer die Straßen und Wasserwege unterhält, wer die Kühe melkt und die Kälber versorgt und wer die Literaturkritik publiziert, dem wird geantwortet, solche Fragen ›gehörten nicht zum Thema‹, und würden in einer Zukunft geklärt, die nicht seine Sorge sein müsse. Und wenn gefragt wird, ob die immense Organisation, die für diese Freizeitaktivitäten der universellen Oberschicht erforderlich ist, in einem Zustand möglich sein wird, in dem es kein Gesetz, kein Eigentum und damit keine Befehlskette gibt, wird geantwortet, solche Fragen seien zu trivial, um überhaupt erörtert zu werden. Oder besser gesagt, sie sind zu ernst, um berücksichtigt zu werden, und bleiben daher außer Betracht. Denn es erfordert nur die geringste kritische Aufmerksamkeit, um zu erkennen, dass Marxens ›vollkommener Kommunismus‹ einen Widerspruch enthält: er verheißt einen Zustand der Gesellschaft, in dem alle Vorteile der Rechtsordnung noch vorhanden sind, obwohl es kein Gesetz mehr gibt; in dem alle Produkte sozialer Zusammenarbeit immer noch existieren, obwohl niemand mehr Eigentumsrechte genießt, die bisher das einzige Motiv für ihre Herstellung waren.«

Scruton sieht einen Zusammenhang zwischen den immanenten Widersprüchen der sozialistischen Utopien und der beim Versuch ihrer Umsetzung regelmäßig auftretenden Gewalt. »Es braucht eine unendliche Kraft, um die Menschen dazu zu bringen, das Unmögliche zu tun.« Die barbarischen Exzesse des real existierenden Kommunismus und Sozialismus, die im Namen der Utopie verübten Genozide und Klassizide, sind jedoch nicht zu leugnen.[10] Daher bemühten sich sozialistische Historiker, die im Namen des Sozialismus begangenen Gräueltaten, nachdem sie bekannt geworden waren, »systematisch herunterspielen und die Katastrophen den ›reaktionären‹ Kräften anlasten, die den Vormarsch des Sozialismus behinderten. Statt die Ziele der Befreiung und Gleichheit zu definieren, schufen die Denker der Neuen Linken eine mythopoetische Erzählung über die moderne Welt, in der die Kriege und Völkermorde denen zugeschrieben wurden, die sich dem gerechten ›Kampf‹ für soziale Gerechtigkeit entgegenstellten. Die Geschichte wurde zu einem Konflikt zwischen Gut und Böse, zwischen den Kräften des Lichts und den Kräften der Finsternis umgeschrieben. Und so sehr diese manichäische Vision auch durch ihre vielen geistreichen Vertreter nuanciert und beschönigt worden sein mag, sie blieb uns in den Lehrplänen und Medien erhalten.«

Neusprech als Form magischer Beschwörung

Eine zentrale Rolle spielt in der mythopoetischen Erzählung der Linken von ihrem pseudomanichäischen Kampf gegen die Mächte der Finsternis natürlich die Sprache.

Das Wort »Kampf« gehört zu jenem hermetischen Vokabular, »das durch den Marxismus eingeführt wurde, um allmählich vereinfacht und reglementiert zu werden, als Sozialisten die intellektuellen Anhöhen erklommen, mit der Absicht, sie nicht wieder zu verlassen.

Von ihren frühesten Tagen an hat die kommunistische Bewegung um die Herrschaft über die Sprache gekämpft und sie hat die Marxschen Theorien zum Teil auch deswegen geschätzt, weil sie bequeme Etiketten zur Verfügung stellten, mit denen Freund und Feind markiert und der Konflikt zwischen ihnen dramatisiert werden konnte. Und diese Gewohnheit erwies sich als ansteckend, so dass alle nachfolgenden linken Bewegungen durch sie bis zu einem gewissen Grad verdorben wurden.

Tatsächlich war die Transformation der Sprache der Politik das wichtigste Vermächtnis der Linken, und es ist daher eine zentrale Aufgabe des Konservatismus, diese Sprache vor dem sozialistischen Neusprech zu retten.

Wir verdanken den Begriff ›Neusprech‹ (Newspeak) George Orwells erschreckendem Porträt eines fiktiven totalitären Staates. Aber die Eroberung der Sprache durch die Linke ist viel älter, sie beginnt mit der Französischen Revolution und ihren Parolen […] Diejenigen, die 1889 triumphierend aus der Zweiten Internationale hervorgingen, waren mit der Vision einer transformierten Welt beschenkt worden. Diese gnostische Offenbarung war so einleuchtend, dass kein Argument notwendig oder denkbar war, das für sie einen Beweis hätte liefern müssen. Es ging allein darum, diejenigen, die die Vision teilten, von jenen zu unterscheiden, die anderer Meinung waren. Und die gefährlichsten Abweichler waren diejenigen, deren Dissens so geringfügig war, dass sie drohten, ihre Energien mit denen der Rechtgläubigen zu vermischen und den reinen Strom des Handelns zu verschmutzen.

Von Anfang an waren daher Etiketten erforderlich, die die Feinde im Inneren stigmatisierten und ihre Vertreibung rechtfertigten: Sie waren ›Revisionisten‹, ›Abweichler‹, ›infantile Linke‹, ›utopische Sozialisten‹, ›Sozialfaschisten‹ und so weiter.« Ebenso die »Menschewiki« und »Bolschewiki«, jene »eigentümlichen, erfundenen Worte, die selbst kristallisierte Lügen waren, da die Menschewiki (Minderheit) in der Tat die Mehrheit darstellten […].

Der Erfolg dieser Etiketten bei der Marginalisierung und Verurteilung des Gegners stärkte die kommunistische Überzeugung, dass man die Realität ändern könne, indem man Worte ändere. Man könne eine proletarische Kultur schaffen, nur indem man das Wort ›Proletkult‹ erfinde. Sie könnten den Niedergang der freien Wirtschaft herbeiführen, indem man einfach jedes Mal, wenn das Thema aufkam, die ›Krise des Kapitalismus‹ beschrie. Man könne die absolute Macht der Kommunistischen Partei mit der freien Zustimmung des Volkes verbinden, indem man die kommunistische Herrschaft als ›demokratischen Zentralismus‹ bezeichne und die Länder, in denen sie verhängt wurde, als ›Volksdemokratien‹. Neusprech organisiert die politische Landschaft neu, indem er sie auf ungewohnte Weise einteilt und den Eindruck erweckt, dass sie, wie die anatomische Beschreibung des menschlichen Körpers, den verborgenen Rahmen offenbart, an dem die sichtbaren Glieder befestigt sind. Auf diese Weise fällt es leicht, die Realitäten, die unserem Leben zugrunde liegen, als Illusionen abzutun.

Neusprech tritt immer dann auf, wenn der primäre Zweck der Sprache – die Realität zu beschreiben – durch den rivalisierenden Zweck ersetzt wird, Macht über sie (die Realität) zu behaupten. […]

Neusprechsätze klingen wie Aussagen, aber die ihnen zugrunde liegende Logik ist die der Beschwörung. Sie beschwören den Triumph der Worte über die Dinge, die Sinnlosigkeit rationaler Argumente und auch die Gefährlichkeit des Widerstands. Im Ergebnis entwickelte Neusprech seine eigene spezielle Syntax, die – obwohl eng mit der Syntax gewöhnlicher Beschreibungen verbunden – sorgfältig jede Begegnung mit der Realität oder jede Exposition gegenüber der Logik rationaler Argumentation vermeidet. Françoise Thom hat dies in ihrer brillanten Studie La langue de bois [wörtlich: »hölzerne Sprache«, in der Bedeutung von »Phraseologie«, »Jargon«, »hohles Gerede«] aufgezeigt.[11] Der Zweck des kommunistischen Neusprech war, in Thoms ironischen Worten, die ›Ideologie vor den bösartigen Angriffen realer Dinge zu schützen‹.

Der einzelne Mensch ist das Wichtigste dieser ›realen Dinge‹, der Hindernisse, die alle revolutionären Systeme überwinden und alle Ideologien zerstören müssen. Seine Bindung an Einzelheiten und Kontingenzen; seine verstörende Neigung, das, was seiner Besserung dienen sollte, abzulehnen; seine Wahlfreiheit und die Rechte und Pflichten, durch die er sie ausübt – all dies sind Hindernisse für die gründlichen Revolutionäre, wenn sie versuchen, ihren Fünfjahresplan umzusetzen. Daher ist es notwendig, politische Alternativen so zu formulieren, dass der Einzelne darin keine Rolle spielt. Neusprech bevorzugt daher anonyme Kräfte, Klassen und den Marsch der Geschichte und akzeptiert die Handlungen großer Männer nur insofern, als sie – wie Napoleon, Lenin und Hitler –, als Ausdruck abstrakter Kräfte aufgefasst werden können, wie Imperialismus, revolutionärer Sozialismus und Faschismus.[12] Die ›Ismen‹, die den politischen Wandel herbeiführen, wirken durch die Menschen, aber nicht aus ihnen.«

»Viele Worte mit respektablen Ursprüngen enden als Bestandteile des Neusprech, und werden verwendet, um ohne Rücksicht auf beobachtbare Realitäten zu denunzieren, zu ermahnen und zu verurteilen. Von keinem Wort gilt dies mehr als vom Begriff ›Kapitalismus‹, wenn man ihn benutzt, um freie Volkswirtschaften als Formen der Sklaverei und Ausbeutung zu verdammen.« Zwar lässt sich eine Wirtschaft, in der sich »beträchtliches Kapital in den Händen von Privatpersonen befindet«, durchaus als kapitalistisch beschreiben, »solange dieser Begriff als neutrale Beschreibung gemeint ist […] Aber so wird der Begriff nicht in Formeln wie ›die Krise des Kapitalismus‹, ›kapitalistische Ausbeutung‹, ›kapitalistische Ideologie‹ usw. verwendet, wo er erneut als Beschwörung wirkt […] Wenn wir freie Ökonomien mit diesem Begriff beschreiben, sprechen wir die Beschwörung aus, die sie vernichten soll. Die Realität der freien Wirtschaft verschwindet hinter der Beschreibung, um durch ein seltsames barockes Gebäude ersetzt zu werden, das ständig in einem Traum seines Untergangs zu Staub zerfällt.«

Die Sprache der Ideologie und die Alltagssprache

Green Philosophy

Roger Scruton, Green Philosophy

Im Gegensatz zum ideologiegeleiteten Neusprech, der sich im Austausch von Beschwörungsformeln erschöpft, die permanent die Realität des Alltags umdeuten, ergeben sich Lösungen, die im normalen Gespräch gefunden werden, »aus der Notwendigkeit, Kompromisse zu schließen, Vereinbarungen zu treffen, eine friedliche Übereinkunft mit Menschen zu erreichen, die unsere Ziele oder unsere Neigungen nicht teilen, aber ebenso viel Raum brauchen wie wir. Solche Lösungen haben wenig oder gar nichts mit den Entwürfen und Plänen der revolutionären Linken zu tun, da sie es jenen, die sie akzeptieren, erlauben, ihren Kurs zu ändern, ein Ziel fallen zu lassen und ein anderes zu anzustreben, ihre Wege zu ändern und jene Art von Flexibilität zu zeigen, von der dauerhafter Friede am Ende immer abhängt.«

»Alltagssprache wärmt und erweicht; Neusprech lässt frieren und verhärtet. Und die Alltagssprache erzeugt aus sich selbst die Begriffe, die Neusprech verbietet: fair/unfair; gerecht/ungerecht; Recht/Pflicht; ehrlich/unehrlich; legal/illegal; dein/mein. Solche Unterscheidungen, die zum freien Austausch von Gefühlen, Meinungen und Gütern gehören, schaffen auch, wenn sie frei ausgedrückt und dem Handeln zugrunde gelegt werden, eine Gesellschaft, in der Ordnung spontan und nicht geplant ist und in der die ungleiche Verteilung von Vermögenswerten ›durch eine unsichtbare Hand‹ entsteht.

Neusprech schreibt nicht nur einen Plan vor; es beseitigt auch den Diskurs, durch den Menschen auch ohne einen solchen leben können. Wenn in Neusprech auf Gerechtigkeit Bezug genommen wird, dann ist es nicht die Gerechtigkeit individueller Übereinkünfte, sondern die ›soziale Gerechtigkeit‹, die Art von ›Gerechtigkeit‹, die durch einen Plan auferlegt wird, die unweigerlich beinhaltet, dass Einzelpersonen der Dinge beraubt werden, die sie durch fairen Handel auf dem Markt erworben haben. Nach Ansicht fast aller Denker der Linken besteht Regieren in der Kunst, Dinge, auf die angeblich alle Bürger Anspruch haben, zu beschlagnahmen und dann umzuverteilen. Es ist nicht Ausdruck einer bereits bestehenden Gesellschaftsordnung, die durch unsere freien Übereinkünfte und unsere natürliche Bereitschaft geprägt ist, gegenüber uns selbst und unseren Nachbarn verantwortlich zu sein. Es schöpft und lenkt eine soziale Ordnung, die nach einer Vorstellung ›sozialer Gerechtigkeit‹ gestaltet und den Menschen durch eine Reihe von Top-down-Verordnungen aufgezwungen wird.«

»Intellektuelle werden natürlich von der Vorstellung einer geplanten Gesellschaft angezogen, wenn sie glauben, dass sie für deren Umsetzung verantwortlich sein werden. Infolgedessen neigen sie dazu, die Tatsache aus den Augen zu verlieren, dass der reale gesellschaftliche Diskurs Teil der täglichen Problemlösung und der Suche nach Übereinstimmung in vielen besonderen Fällen ist. Der reale gesellschaftliche Diskurs scheut vor ›irreversiblen Veränderungen‹ zurück, betrachtet alle Arrangements als veränderbar und gewährt denjenigen, deren Zustimmung er braucht, eine Stimme.«

»Neusprech ist unter linken Denkern allgegenwärtig. Wo Konservative und altmodische Liberale von Autorität, Regierung und Institutionen sprechen, sprechen Linke von Macht und Vorherrschaft. Gesetze und Ämter spielen nur eine marginale Rolle in der linken Vision des politischen Lebens, während ›Klassen‹, ›Mächte‹ und die ›Formen der Kontrolle‹ als Wurzeln der bürgerlichen Ordnung beschworen werden, zusammen mit der ›Ideologie‹, die diese ›Dinge‹ mystifiziert und sie vor einer nüchternen Beurteilung schützt.«

Der Kampf gegen die spontane Ordnung der Freiheit

»Neusprech stellt den politischen Prozess als ständigen ›Kampf‹ dar, der durch Fiktionen der Legitimität und Loyalität verdeckt wird. Entferne die Ideologie, und die ›Wahrheit‹ der Politik kommt ans Licht. Die Wahrheit ist Macht und die Hoffnung, sie zu entmachten.

Daher findet fast nichts vom politischen Leben, wie wir es kennen, einen Platz im Denken derer, die sich als Linke verstehen. Institutionen wie das Parlament und die Gerichte des Common Law; spirituelle Berufungen, die mit Kirchen, Kapellen, Synagogen und Moscheen verbunden sind; Schulen und Berufsverbände; private Wohltätigkeitsorganisationen, Vereine und Gesellschaften; Pfadfinder, Fremdenführer und Dorfturniere; Fußballmannschaften, Blaskapellen und Orchester; Chöre, Theatergruppen und Philateliegruppen – kurz gesagt, all jene Tätigkeiten, durch die Menschen sich verbinden und durch ihr einvernehmliches Zusammenwirken die Muster der Autorität und des Gehorsams hervorbringen, durch die sie leben, all die ›kleinen Gemeinschaften‹ Burkes und Tocquevilles – sie fehlen in der linken Weltanschauung oder, wenn sie vorhanden sind (wie bei Gramsci und E. P. Thompson zum Beispiel), dann werden sie sentimentalisiert und politisiert, um Teil des ›Kampfes der Arbeiterklasse‹ zu werden.

Wir sollten uns nicht wundern, dass die Kommunisten, als sie die Macht in Osteuropa übernahmen, ihre erste Aufgabe darin sahen, diese kleinen Gemeinschaften zu vernichten – wie Kadar, der 1948 als ungarischer Innenminister innerhalb eines einzigen Jahres fünftausend dieser Gemeinschaften zerstörte. Neusprech, das die Welt aus der Perspektive von Macht und Kampf sieht, fördert die Ansicht, dass alle Vereinigungen, die nicht von den rechtmäßigen Führern kontrolliert werden, eine Gefahr für den Staat darstellen. Und wenn man nach dieser Ansicht handelt, lässt man sie wahr werden. Wenn das Seminar, die Gruppe oder der Chor nur mit Erlaubnis der Partei zusammenkommen können, wird die Partei automatisch ihr Feind.

Daher scheint es kein Zufall, dass der Triumph linker Denkweisen so oft zu einer totalitären Regierung geführt hat. Das Streben nach abstrakter sozialer Gerechtigkeit geht Hand in Hand mit der Ansicht, dass Machtkämpfe und Herrschaftsverhältnisse die Wahrheit unserer sozialen Lage ausdrücken und dass die einvernehmlichen Bräuche, ererbten Institutionen und Rechtssysteme, die realen Gemeinschaften Frieden gebracht haben, nur die Verkleidungen der Macht sind. Das Ziel ist es, diese Macht zu übernehmen und sie zu nutzen, um die Unterdrückten zu befreien und alle Vermögenswerte der Gesellschaft nach den gerechten Anforderungen des Plans zu verteilen.«

Die Verwissenschaftlichung des Ressentiments

Face of God

Roger Scruton, The Face of God

Eine der anthropologischen Wurzeln des linken Aufstands gegen die Ordnung der Welt ist das Ressentiment, das, was Sloterdijk als Zorn bezeichnet.[13] »Hinter der leidenschaftlichen Rhetorik des Kommunistischen Manifests, hinter der Pseudowissenschaft von Marxens Theorie des Warenwertes der Arbeit und hinter der Klassenanalyse der Menschheitsgeschichte verbirgt sich eine einzige emotionale Quelle – das Ressentiment gegenüber jenen, die die Dinge kontrollieren. […]

Der Theorie zufolge besitzt die ›bürgerliche‹ Klasse eine gemeinsame moralische Identität, einen gemeinsamen und systematischen Zugang zu den Hebeln der Macht und ein gemeinsames Bündel von Privilegien. Darüber hinaus werden all diese guten Dinge erworben und bewahrt durch die ›Ausbeutung‹ des Proletariats, das nichts zu teilen vermag, als seine Arbeit und daher immer um die Befriedigung seiner legitimen Bedürfnisse gebracht wird.

Diese Theorie war nicht nur deshalb so wirksam, weil sie der Schürung und Legitimierung von Ressentiments dient, sondern auch, weil sie in der Lage ist, ihre Rivalen als ›bloße Ideologie‹ zu entlarven. Hierin scheint die größte List des Marxismus zu liegen: dass er sich als Wissenschaft ausgeben konnte. Nachdem Marx die Unterscheidung zwischen Ideologie und Wissenschaft getroffen hatte, wollte er beweisen, dass seine eigene Ideologie an sich eine Wissenschaft war. Darüber hinaus untergrub seine angebliche Wissenschaft die Überzeugungen seiner Gegner. Die Theorien der Rechtsstaatlichkeit, der Gewaltenteilung, des Eigentumsrechts usw., wie sie von ›bürgerlichen‹ Denkern wie Montesquieu und Hegel dargelegt worden waren, wurden durch die marxistische Klassenanalyse als nicht wahrheitsgemäß, sondern machtgemäß dargestellt: als Methoden, an den Privilegien der bürgerlichen Ordnung festzuhalten. Indem sie diese Ideologie als eigennützigen Vorwand entlarvte, rechtfertigte die Klassentheorie ihre eigenen Ansprüche auf wissenschaftliche Objektivität.

Es liegt eine Art theologischer Schläue in diesem Aspekt des marxistischen Denkens, eine Schläue, die sich auch in Foucaults Konzept der ›episteme‹ findet, das eine aktualisierte Version von Marxens Ideologietheorie ist. Da die Klassentheorie eine echte Wissenschaft ist, ist bürgerliches politisches Denken Ideologie. Und da die Klassentheorie das bürgerliche Denken als Ideologie entlarvt, muss sie Wissenschaft sein. Wir sind in den magischen Kreis eines Schöpfungsmythos eingetreten. Darüber hinaus hat Marx die Theorie, indem er sie in eine wissenschaftliche Sprache kleidete, zu einem Zeichen der Initiation gemacht. Nicht jeder kann diese Sprache sprechen. Eine wissenschaftliche Theorie definiert die Elite, die sie verstehen und anwenden kann. Sie liefert den Beweis für das aufgeklärte Wissen der Eliten und damit für ihren Anspruch auf Herrschaft. Es ist dieses Merkmal, das den Vorwurf von Eric Voegelin, Alain Besançon und anderen rechtfertigt, dass der Marxismus eine Art Gnostizismus ist, ein Anspruch auf ›Herrschaft durch Wissen‹.«[14]

»Das Ressentiment ist nichts Gutes, weder für sein Subjekt noch für sein Objekt. Die Aufgabe der Gesellschaft besteht darin, unser Zusammenleben so zu gestalten, dass kein Groll entsteht: von gegenseitiger Hilfe und Kameradschaft zu leben, nicht damit alle gleich und unanstößig mittelmäßig sind, sondern um andere an unseren kleinen Erfolgen zu beteiligen. Wenn wir auf diese Weise leben, schaffen wir die Kanäle, durch die Ressentiments von selbst abfließen: Kanäle wie Brauchtum, Geschenk, Gastfreundschaft, gemeinsame Andacht, Buße, Vergebung und das gemeinsame Gesetz, die alle sofort beseitigt werden, wenn die Totalitaristen die Macht erlangen.

Ressentiments sind für den politischen Körper, was Schmerzen für den Körper sind: es ist schlecht, sie zu fühlen, aber gut, sie fühlen zu können, denn ohne die Fähigkeit, sie zu fühlen, werden wir nicht überleben. Daher sollten wir uns nicht darüber ärgern, dass wir uns ärgern, sondern den Ärger als Teil unseres Menschseins akzeptieren, als etwas, das mit all unseren anderen Freuden und Bedrängnissen durchlebt werden muss.

Ressentiments können jedoch zu einer herrschenden Emotion und einem sozialen Anliegen umgewandelt und dadurch von den Einschränkungen befreit werden, die sie normalerweise im Zaum halten. Dies geschieht, wenn das Ressentiment vom spezifischen Gegenstand auf das es gerichtet ist, abgelöst und auf die Gesellschaft als Ganzes gerichtet wird. Dies scheint der Fall zu sein, wenn linke Bewegungen die Macht übernehmen. In solchen Fällen hören Ressentiments auf, eine Antwort auf den unverdienten Erfolg eines anderen zu sein, und werden zu einer existenziellen Haltung: der Haltung desjenigen, den die Welt verraten hat. Eine solche Person versucht nicht, innerhalb bestehender Strukturen zu verhandeln, sondern totale Macht zu erlangen, um die Strukturen selbst abzuschaffen. Er wird sich gegen alle Formen der Vermittlung, des Kompromisses und der Debatte sowie gegen die rechtlichen und moralischen Normen stellen, die dem Andersdenkenden eine Stimme und dem einfachen Menschen Souveränität geben. Er wird den Feind, den er als Kollektiv begreift, zerstören wollen, als Klasse, Gruppe oder Rasse, die bisher die Welt beherrschte und die nun wiederum kontrolliert werden muss. Und alle Institutionen, die dieser Klasse Schutz gewähren oder eine Stimme im politischen Prozess, werden Ziele für seine destruktive Wut sein.«

Diese Haltung ist nach Scrutons Auffassung »der Kern einer schweren sozialen Störung«. »Unsere Zivilisation hat diese Störung nicht ein- oder zweimal, sondern ein halbes Dutzend Mal seit der Reformation durchlebt. Wenn wir die linken Denker betrachten, lässt sich diese Unordnung auf eine neue Art und Weise verstehen – nicht nur als fehlgeleitete Religion oder eine Form des Gnostizismus, wie andere Kommentatoren glaubten, sondern auch als eine Ablehnung dessen, was wir, die Erben der westlichen Zivilisation, als unser historisches Vermächtnis empfangen haben. Ich erinnere an die Worte von Goethes Mephistopheles, der von sich selbst sagt: ›Ich bin der Geist, der stets verneint‹ – der Geist, der Etwas auf Nichts reduziert und dadurch das Werk der Schöpfung rückgängig macht.

Diese wesentliche Negativität kann in vielen Autoren der Linken wahrgenommen werden. Ihre Stimme ist die der Opposition, ein Aufschrei gegen das Tatsächliche im Namen des Unerkennbaren. Die Generation der 1960er Jahre war nicht bereit, die grundsätzliche Frage zu stellen, wie soziale Gerechtigkeit und Befreiung miteinander in Einklang gebracht werden können. Sie suchte nur nach Theorien, die ihren Widerstand gegen die bestehende Ordnung legitimieren würden, so undurchsichtig und unverständlich diese auch sein mochten.[15] Diese Generation sah die Belohnungen des intellektuellen Lebens in einer imaginären Einheit zwischen den Intellektuellen und der Arbeiterklasse und suchte nach einer Sprache, die jene Mächte entlarven und delegitimieren konnte, die die ›bürgerliche‹ Ordnung aufrechterhielten. Neusprech war ein wesentlicher Bestandteil ihres Programms, das Autorität, Rechtmäßigkeit und Legitimität auf Macht, Kampf und Herrschaft reduzierte. Und als in den Werken Lacans, Deleuzes und Althussers die Unsinnsmaschine begann, ihre undurchdringlichen Sätze hervorzuwürgen, von denen nichts verstanden werden konnte, außer dass sie alle gegen den ›Kapitalismus‹ gerichtet waren, sah es so aus, als hätte das Nichts endlich seine Stimme gefunden. Von nun an würde die bürgerliche Ordnung verdampfen und die Menschheit siegreich in die Leere marschieren.«

Scruton hat auch eine Antwort auf die Frage gegeben Was ist rechts? Sie findet sich im letzten Kapitel des hier vorgestellten Buches. Ausführlicher wird sie aber in Von der Idee, konservativ zu sein beantwortet.

Douglas Murray im Gespräch mit Roger Scruton

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Anmerkungen:


  1. The Guardian, 10. April 2019, Government sacks Roger Scruton after remarks about Soros and Islamophobia
  2. Foreign-Funded Non-Governmental Organisations, also aus dem Ausland durch Stiftungen finanzierte Nicht-Regierungsorganisationen, im Unterschied zu QUANGO’s (Quasi Non-Governmental Organisations), die zwar zu großen Teilen vom Staat (durch zweckentfremdete Steuergelder) finanziert werden, aber behaupten, unabhängig zu sein und GONGO’s (Government Organized Non-Governmental Organisations), die zwar nicht zum Staatsapparat gehören, aber mit ihm organisatorisch verbunden sind oder GRINGO’s (Government Run/Inspired Non-Governmental Organisations), die vom Staat betrieben werden, aber den Anschein erwecken, sie seien von ihm unabhängig.
  3. The Guardian, 23. Juli 2019, Roger Scruton gets government job back after ‚regrettable‘ sacking sowie der ausführliche englische Wikipedia-Artikel über Scruton.
  4. Roger Scruton, Von der Idee, konservativ zu sein. Eine Anleitung für Gegenwart und Zukunft. Leider enthält die Übersetzung zahlreiche sinnentstellende Grammatikfehler, was bei einem formbewussten Stilisten wie Scruton besonders bedauerlich ist. Daher ist die englische Version vorzuziehen. Ebenfalls in Deutsch erhältlich: Bekenntnisse eines Häretikers. Zwölf konservative Streifzüge, Grüne Philosophie. Ein konservativer Denkansatz und Ich trinke, also bin ich. Eine philosophische Verführung zum Wein.
  5. Von der Idee, konservativ zu sein, S. 52.
  6. Ebd., S. 138.
  7. »In gewisser Beziehung hat der Mensch seine Sprache innig zu lieben, und zwar aus dem Grunde, weil sozusagen aus Liebe bei ihm geblieben sind hohe Wesenheiten, die verzichtet haben auf gewisse Eigenschaften, damit der Mensch sich so entwickeln kann, wie das der Weisheit entspricht.« Rudolf Steiner in Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhange mit der germanisch-nordischen Mythologie bei der Schilderung der Entstehung der Volkssprachen aus dem Zusammenwirken von Archangeloi und Exusiai. GA 121, Dornach 2017, S. 50.
  8. Douglas Murray, The strange Death of Europe. Immigration, Identity, Islam. Die deutsche Übersetzung dieses Buches ist leider mit ähnlichen Mängeln behaftet, wie die Übersetzung von Scrutons Buch über den Konservatismus.
  9. Ebd., S. 8 f.
  10. Siehe: Stephan Courtois, Nicolas Werth et al, Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror. 
  11. Françoise Thom, La langue de bois. Dass im spiegelbildlichen Totalitarismus dasselbe Phänomen auftrat, wurde eindringlich von Victor Klemperer dokumentiert: Victor Klemperer, LTI (Lingua Tertii Imperii). Notizbuch eines Philologen. 
  12. Siehe den berühmten Brief von Engels an Borgius, übersetzt Sidney Hook, New International 1 (3) (September-Oktober 1934), S. 81-5.
  13. Sloterdijk, Zorn und Zeit. Politisch-psychologischer Versuch. 
  14. Siehe Eric Voegelin, Science, Politics and Gnosticism; Alain Besançon, Les Origins intellectuelles du Léninisme. 
  15. Siehe Peter Collier and David Horowitz, Destructive Generation: Second Thoughts about the Sixties

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Ein Kommentar

  1. Die Themen im ANTHROBLOG haben generelle Bedeutung und beleuchten in ihren Erörterungen beachtenswerte Wirklichkeit. So auch hier. Mein Kompliment an den Autor! Und jeder Leser könnte zu den Artikeln mit Sicherheit etwas beitragen.
    Konservative Haltungen sind überall gesamtgesellschaftlich fest verankert und gehören als starke Bewegungen dazu; sie gestalten maßgebend mit. Dabei ist zu berücksichtigen die jeweilige Persönlichkeit, das Individuelle, was sich grundsätzlich in keine „Schubladen“ hineinzwingen lässt. Man muss es immer gesondert anschauen mit seinen Impulsen und so zu Urteilen finden. Letzten Endes gestaltet der Mensch entsprechende Kultur und Zivilisation. Derselbe ist komplex auch in seinen Emotionen und dazugehörigen Willenskräften. Der mehr konservativ Ausgerichtete pflegt seine ART in einer Nähe zu der ihn umgebenden Wirklichkeit und beharrt auf für ihn sinnvollen Traditionen. Revolutionärer Intellekt ist ihm zuwider. Er sucht mehr die Wirklichkeiten aus dem gesamt Menschlichen heraus. Solcher Konservativer bevorzugt absolut die für ihn sinnvollen Reformen, denn genauso er muss Zukunft gestalten. Dieser Zwang aus Verantwortungen heraus ist durchgehend wirksam.
    Was ist kennzeichnend für solche Reformen und wo führen sie hin? Sind sie in ihrem Wert für die Gesellschaft konstruktiv hilfreich? Das ist unter anderem entscheidend. Usw. … .
    Ich halte den ergebnisoffenen Dialog mit Konservativen für existentiell und damit hervorragend wichtig, unverzichtbar. Er lässt sich auch nur durch nackte Gewalt eindämmen und keinesfalls komplett abschalten. Ignoranz diesbezüglich führt in verhängnisvolle Einseitigkeiten hinein und zeigt Intoleranz. Das gilt auch für die anthroposophische Bewegung; denn Rudolf Steiner offenbart in seinem Werk genauso das Konservative und aus ihm gestaltete Reformen. Grade mit Blick auf entsprechende Kunstgeschichte und generell ist das zu bedenken. Hier ist manches unberechtigt zur Seite geschoben worden mit den Folgen, dass man durch dominant „progressive“ Stimmungen nur unscharf erkennt bedeutende Interpretationen und damit gültige weiterführende Erkenntnisse. ( Der Aufbruch in die Moderne ist hier eine Hürde, weil er auch Missverständnisse provoziert(e)). So ist zum Beispiel der von Rudolf Steiner geprägte (gepflegte) Realismus weitgehend in seiner ART kaum „Bausubstanz“ in den öffentlich geführten Diskussionen für Erkenntnisse hin zum Verständnis teilweise der Traditionen, mit denen Anthroposophie eng verbunden ist. Dieser reformierte Realismus (klar und damit detailliert analysiert) hat aber gleichzeitig seinen in die Zukunft weisenden Aspekt.- Die progressive Seite hat berechtigt ihre Stärke in der Meinungsvielfalt. Ich möchte sie in ihrem Wert hier keinesfalls kritisieren. Aber das Konservative ist gleichermaßen eine geistige Macht. Irgendwie muss sich der Mensch in diesem Mix zurechtfinden.

    Das Phänomen Neusprech, was ich hier mit einem abgemilderten Verständnis begreife, entspricht sicher kaum dem Geschmack konservativer Gesinnung. Die Belebung der Sprache mit entsprechenden Innovationen, wie sie Rudolf Steiner am Herzen lag, schöpft letzten Endes aus anderen Quellen. Intellektuelle Wort-Erfindungen und -Konstellationen (bei allem Respekt) usw. gehören nicht dazu. Sie sind auch ungeeignet, tiefgreifend zu begeistern besonders, wenn sich politische Strategien und ergänzende Willensbekundungen damit verbinden.

    Marxismus und aus ihm geborener Kommunismus sind weiterhin extremer Dünger für die sogenannte Linke, die ja differenziert angeschaut werden muss. In ihren theoretischen Überbauten spielt die Gerechtigkeit für eine weitgehend mittellose angestellte Bevölkerung (zusätzlich andere bedrängte Gruppen) primär hinein, dementsprechend dann konkrete Menschenrechte. In der heutigen Zeit ist der Begriff Proletarier, diese Tatsache, durch diverse Initiativen zum Beispiel in Deutschland aufgeweicht. Wer fühlt sich heute genauso in Mitteleuropa als Proletarier? Doch in der Tendenz ist dieser weiterhin gültig und besonders global betrachtet. Deshalb will ich hier eine Wort-Kombination einbringen als Brücke hin zum Konservativen. Es geht bezüglich der „Arbeiterfrage“ auch um die wahrhaftige proletarische Freiheit. Was ist diese? Man kann sie neben vielen anderen Aspekten mit dem anthroposophischen Freiheitsbegriff erklären, dementsprechender Selbstverantwortung und Sozialität umfassend. Proletarische Freiheit ist ein allgemein menschliches hohes Gut, was letzten Endes auch die Lebensentscheidungen von kapitalkräftigen Konservativen betreffen könnte. Dementsprechend ist die gesunde wirtschaftliche Absicherung jedes Menschen ein fortschrittliches Thema, die angemessene Grundsicherung, eventuell ein menschenwürdiges Grundeinkommen, was die hiergemeinte Freiheit des Einzelnen maßgebend unterstützt. Es ist letzten Endes eine banale Tatsache für jede Biografie: Der Mensch reist vorteilhaft mit möglichst leichtem Gepäck (materiellem und anderem hinderlichen).

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