Herzmitte der anthroposophischen Esoterik

Der Herzmitte der anthroposophischen Esoterik, Christus, ist das Buch Rudolf Steiners Weg zu Christus gewidmet. Bertram Herr rezensierte das Buch in der Zeitschrift Gnostika. Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift und des Autors. Ein Gastbeitrag.


Herzmitte der anthroposophischen Esoterik

Lorenzo Ravagli: Rudolf Steiners Weg zu Christus

Der Herzschlag der Anthroposophie – Rudolf Steiner gelang es in erstaunlicher Weise, Projekte der Lebensreform aufzugreifen und in seine Esoterik zu integrieren: Landwirtschaft, Heilkunst, Pädagogik, künstlerischer Ausdruck … Einen vergleichbaren Versuch unternahm neben ihm nur noch seine Zeitgenossin Katherine Tingley in Lomaland[1]. Gleich Steiner war sie in die Führungselite der Theosophischen Gesellschaft aufgestiegen; ihren Projekten war aber nicht der gleiche nachhaltige Erfolg beschieden, wie den steinerschen.

Noch nach hundert Jahren florieren Steiners lebenspraktische Initativen.[2] Sie bleiben nach wie vor in einem Mindestmaß aufeinander bezogen. Denn ihr ständiger Rekurs auf ihre Gründungsfigur eint sie ebenso wie die koordinierende Zentrale in Dornach, die trotz mancher Auseinandersetzungen und ungeachtet der Streitbarkeit so manches anthroposophischen Kopfes dem Zusammenhalt der anthroposophischen Bewegung dient.

Die äußeren Klammern – Dornacher Zentralinstanz und das schriftliche Vermächtnis Steiners – können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das, was von Steiner als verbindende Mitte aller lebenspraktischen Aktivitäten gedacht war, momentan eher blass daherkommt: nämlich eine lebendige Esoterik, um die sich Steiner so mühte. Kaum ein Anthroposoph wird bestreiten, dass sie ihre Zentralstellung nicht wirklich einnimmt. Und als Herzmitte dieser Esoterik gilt für Steiner, und mit ihm auch für Lorenzo Ravagli, das »Christus-Ereignis«. Es ist die Sinnmitte der Erdgeschichte.

Es bedarf daher keiner besonderen Rechtfertigung, wenn Ravagli dem Thema 547 Textseiten widmet. Sie verlangen eine intensive Lektüre. Nicht nur, weil Steiner seine Christologie über die Jahre zu einem höchst komplexen Gebilde entfaltet hat, dem Ravagli chronologisch nachgeht, sondern auch, weil Ravagli Steiners christologische Entwürfe immer aufs Neue im Kontext der jeweiligen Vorträge oder Schriften entwickelt. Bei jedem Vortrag und bei jeder Publikation Steiners rollt Ravagli die entsprechenden kosmogonischen, anthropologischen, angelologischen und soteriologischen Zusammenhänge erneut auf. Anspruchsvoll ist das Buch aber auch, weil sich seine Ordnung nicht unbedingt auf Anhieb erschließt. So unternimmt das Vorwort (11–15) einen ersten Wurf über den jugendlichen Steiner, geprägt vom deutschen Idealismus, bis zu seiner »Geheimwissenschaft im Umriss«.

Der zweite – umfangreichste – Teil (16–480) verfolgt die Ausfaltung von Steiners Christologie, beginnend mit seinen goetheanischen und philosophischen Entwürfen bis in das Jahr 1914 hinein. Der dritte und letzte Teil (»Die Trinität im Werk Rudolf Steiners. Rückblick und Ausblick«, 481–558) greift das Vortragswerk ab 1906 wieder auf und leitet chronologisch fortschreitend hin zum Grundsteinmantra von 1923. Ravaglis Buch nimmt also mit der hier nur andeutungsweise umrissenen dreigliedrigen Steigerung selbst die Form einer Initiationsschrift auf.

Im Mittelteil der Studie durchmustert Ravagli Jahr für Jahr das Werk Steiners mit der leitenden Frage nach dessen Christusbild. Regelmäßig macht Ravagli auf die unterschiedliche Qualität der Vortragsmitschriften aufmerksam.

Über die Auswahl der ausgewerteten Schriften und Vorträge legt Ravagli nicht eigens Rechenschaft ab; so ist etwa ein derart bedeutendes Werk wie die »Theosophie« nicht mitbehandelt (erst auf S. 497 ein Abschnitt). Der Leserschaft wird zugetraut, sich über die Gründe selbst klar zu werden. Auch die Schriften, in denen sich Steiner mit Nietzsche und Stirner identifiziert, bleiben außer Acht, obwohl sie als Negativ der steinerschen Christologie interessant sein könnten (eine Ausnahme bildet hier ein Seitenblick auf S. 492f).

In seinen Schriften und Vorträgen zu Jahrhundertbeginn sah Steiner das Christus-Ereignis auf einer Linie mit den antiken Mysterien, in denen der Weltengrund sich seiner bewusst wird, nur dass mit Christus das Mysterium öffentlich für alle Menschen zugänglich wurde. Das ändert sich mit dem Jahr 1903. Von da an gewinnt das Christus-Geschehen etwas Einzigartiges: In den antiken Mysterien war nur vorgebildet, was in Christus Realität wurde, vielleicht darf man so Steiners neue Sicht etwas zuspitzend zusammenfassen. In den Folgejahren kommt es zu einer Gleichsetzung des Christus mit dem großen Schwellenhüter, einer zentralen Instanz in der Bewusstseinsentwicklung, und dem höheren Ich »in seiner Vollendung« (98). Christus gilt als Erzengel (158 f) und verkörpert das »Ideal des Erden- und Menschheitsbewusstseins« (148). Doch »wird Christus in den folgenden Jahren immer weiter auf der Leiter der Hierarchien hinaufsteigen« (185). Im Rückblick kann Ravagli das so erklären, dass die höheren Wesen die unteren durchdringen und wie Glieder integrieren (158–160). Die Engelwelt erscheint »als Gliedorganismus …, der von einem umfassenden Bewusstsein durchdrungen und umschlossen wird« (285). Als Teil der »Trinität« steht Christus am Ende dieser Entwicklung über den Hierarchien und jenseits von ihnen.

In der Hauptsache versteht Ravagli den frühen Steiner vom späten her, der die Wahrheiten schrittweise enthüllte (212 f) oder von verschiedenen Seiten aus betrachtete (187f, 303ff, vgl. 480). Er habe »den Weg einer immer tiefergehenden Christuserkenntnis, aus der sich die geisteswissenschaftliche Christologie entwickelte« (480), zurückgelegt. Das mag einen Gutteil der Inkonsistenzen und Widersprüche im Opus Steiners erklären. Zudem deklariert Steiner selbst die zuweilen schwierige Darstellungsform als didaktisches Mittel, um den Geist zu trainieren und besser zum Gemeinten vorzudringen (vgl. 249).

Wenn Ravagli keine kritische Vivisektion Steiners anstrebt, sondern eine »von Empathie geleitete Tiefenhermeneutik« (482), dann entspricht das ganz anthroposophischer Herangehensweise und passt auch zu einem Steiner-Liebhaber (im besten Sinne des Wortes), wie Ravagli einer ist. Dennoch darf dieses werkimmanente Vorgehen ein anderes nicht entwerten, das Steiner von seinen kulturellen Kontexten her zu verstehen sucht, was auch inneranthroposophisch hin und wieder angemahnt wird,[3] das Ravagli jedoch nur leise anklingen lässt. Diese Herangehensweise könnte aber helfen, Aussagen Steiners besser einzuordnen. Denn die betreffenden Beiträge Steiners sind sowohl in Anlehnung als auch in Abgrenzung zur Theosophischen Gesellschaft und anderen esoterischen Bewegungen entstanden, während sich die Anthroposophische Gesellschaft nach und nach aus der Theosophischen löste. Das sind Hintergründe, die verständlich machen können, weshalb Steiner so und nicht anders formulierte und gerade diese Themen und nicht andere in den Vordergrund rückte. Bereits im Vorfeld der Loslösung Steiners von der Theosophie besannen sich weite Kreise der europäischen Esoterik auf westliche Traditionen und auf das Christentum zurück. Das darf man als eine bewusste Gegenbewegung zu den zunehmenden orientalisierenden und antichristlichen Tendenzen in der Theosophischen Gesellschaft werten[4]. In Frankreich könnte der Name Papus[5] für diesen Trend stehen, in England etwa Anna Bonus Kingsford[6] oder Arthur Edward Waite[7]. Die Bewegungen in der esoterischen Szene Europas sind also immer auch als Horizont von Steiners Ausführungen mitzubedenken.

Nicht hoch genug würdigen kann man aber einen weiteren methodischen Aspekt, den Ravagli herausarbeitet: Steiner »war sich der Vorläufigkeit und Unabgeschlossenheit seiner Darstellungen … mehr als bewusst« (169). Seine Vortragstätigkeit ist »als fortlaufender Forschungsbericht aufzufassen« (478). Aus dem wissenschaftlichen Anspruch ergibt sich ständige Revidierbarkeit und Vorläufigkeit. Diese Haltung eröffnet m. E. eine tragfähige Gesprächsbasis für einen Austausch mit nichtanthroposophischen Vertretern von Wissenschaft oder Kirchen.

Der letzte Hauptabschnitt von Ravaglis Studie setzt unter der Überschrift »Die Trinität im Werk Rudolf Steiners. Rückblick und Ausblick« (481–558) neu beim voresoterischen Werk Steiners an. Der Bogen reicht diesmal bis zur Grundsteinmeditation von 1923. Hier entfaltet Ravagli die Dreigliedrigkeit im Denken und Wirken Steiners. Zunächst zeichnet er die Entwicklungslinien in Steiners Hauptwerken nach (486– 498), um dann Steiners Entfaltung der Gotteslehre ab 1906 anzuschließen. Solches vermag nur ein Steiner-Kenner, wie es Ravagli ist. Ravagli versucht, die Trinitätstheologie in die abendländische Geistesgeschichte einzuordnen (484f). Sein Angebot, die Anthroposophie als Ausweg aus den bisherigen Irrwegen wahrzunehmen, überzeugt mich allerdings nicht. Manchmal klingt die Sicht Steiners modalistisch (die drei göttlichen Personen sind bloße Erscheinungsweisen des Göttlichen), zuweilen subordinatianistisch (der Sohn ist dem Vater untergeordnet) oder tritheistisch (die göttlichen Personen sind eigenständige Gottheiten). – Alles Positionen, die die frühe Kirche mit Grund zurückwies. Nicht alles, was dreigliedrig ist, ist auch dreifaltig.

Überblickt man jedoch (nun Dank der Ausarbeitung Ravaglis) den Weg, der Steiner von der Vorstellung eines idealistisch-monistischen Urgrundes in einen Bereich führte, der allem Erkennen und Sein vorausliegt und ihm enthoben ist, und bedenkt man die unabgeschlossene Prozesshaftigkeit seines Forschens, dann erahnt man das enorme Entwicklungspotenzial, das seinem Entwurf innewohnt. Ein Potenzial, das bisher noch kaum realisiert wurde.[8]

Der Schlussabschnitt des Buches befasst sich mit Steiners Grundsteinmeditation von 1923 (547–558). Im Schlussakkord heißt es darin:

Göttliches Licht, Christus-Sonne,
Erwärme unsere Herzen;
Erleuchte unsere Häupter …

Das Mantra will bewirken, was es beschwört. Es will Sinn und Herz erheben. Die Christologie in Steiners Opus, wie sie Ravagli präsentiert, steht dazu in einem Kontrast. Sie ist geeignet, den Verstand zu beschäftigen, sogar zu strapazieren. Aber Herzenswärme geht von ihr nur wenig aus. Erklärt sich das allein aus dem oben bereits erwähnten didaktischen Anliegen, den Geist zu schulen? Hängt die Kühle eventuell damit zusammen, dass bei Steiner Erlösung gleichbedeutend ist mit Bewusstseinsentwicklung? Und ist diese Distanziertheit vielleicht der Grund, weshalb die anthroposophische Esoterik im Vergleich zu ihren anderen Arbeitsgebieten so wenig Strahlkraft entfaltet?

Lorenzo Ravagli, Rudolf Steiners Weg zu Christus: Von der philosophischen Gnosis zur mystischen Gotteserfahrung. Steiner studieren II. 568 Seiten, Pb. Stuttgart: Akanthos Akademie Edition, 2018. 978-3746096971


Herzmitte der anthroposophischen EsoterikHinweis:

Die Besprechung ist in Band 66 von Gnostika. Zeitschrift für Symbolsysteme erschienen.

Bertram Herr: Zum Buch »Rudolf Steiner Weg zu Christus«. In: GNOSTIKA / Zeitschrift für Symbolsysteme Nr. 66, Jahrgang 24 (Gaggenau: Archiv für Altes Gedankengut und Wissen, 2020), S. 159–164.

Alle Nummern und Infos unter: www.aagw-gnostika.de


Verwandte Beiträge: Konstruktive Hermeneutik | Christus als Regent der okkulten Sonne  | Christus, der Sonnenlogos (1) | Christus, der Sonnenlogos (2) | Christus, das Abbild des Vatergeistes | Christus, das hohe Sonnenwesen | Die ätherische Wiederkunft Christi | Christus in Gestalt eines Engels


Anmerkungen:

  1. Vgl. K. von Stuckrad, The Scientification of Religion. An Historical Study of Discursive Change, 1800–2000 (Boston / Berlin, 2015), 107f.
  2. Vgl. H. Zander, Die Anthroposophie. Rudolf Steiners Ideen zwischen Esoterik, Weleda, Demeter und Waldorfpädagogik (Leiden u.a., 2019).
  3. 3 Z. B. E. Vreede, »Die Bodhisattvafrage in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft. Zwei Stuttgarter Vorträge aus dem Jahre 1930«, in: Th. Meyer, Die Bodhisattvafrage – Eine Herausforderung des Unterscheidungsvermögens (Basel, 1989), 27–39.
  4. Vgl. E. Asprem, »The Golden Dawn and the O.T.O.«, in: The Cambridge Handbook of Western Mysticism and Esotericism, hg. v. G. A. Magee (Cambridge, 2016), 272–283, hier 273.
  5. Vgl. J.-P. Laurant, »Papus«, in: Dictionary of Gnosis & Western Esotericism (s. Anm. 4), 913–915, bes. 914.
  6. Vgl. A. Faivre, Esoterik im Überblick (Freiburg, 2001),120.
  7. R. A. Gilbert, »Waite, Arthur Edward«, in: Dictionary of Gnosis & Western Esotericism (s. Anm. 4), 1164f.
  8. In diese Richtung votiert ähnlich J. Kiersch, Vom Land aufs Meer. Steiners Esoterik in verändertem Umfeld (Stuttgart, 2008).

Seit 15 Jahren veröffentlicht der anthroblog Beiträge zur Anthroposophie und Zeitsymptomen. Unabhängig und unbeeinflusst von Institutionen. Um weiter existieren zu können, ist er auf Ihre Unterstützung angewiesen.


Oder durch eine Banküberweisung an: Lorenzo Ravagli, GLS Bank Bochum, GENODEM1GLS DE18 4306 0967 8212049400.


Ich will zwei- bis dreimal im Jahr durch den Newsletter über neue Beiträge im anthroblog informiert werden!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.