Schachbrett Eurasien

Zuletzt aktualisiert am 28. März 2022.

Wer die gegenwärtige Eskalation des Ukrainekonfliktes verstehen will, sollte sich mit Zbigniew Brzezińskis Buch The Grand Chessboard beschäftigen. Das Buch erschien 1997 unter dem deutschen Titel Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Das englische Original formulierte den Untertitel präziser: American Primary and It’s Geostrategic Imperatives. Er stellte klar, dass es im Buch um die Imperative der amerikanischen Geopolitik ging. Und diese Imperative zielten alle darauf ab, die weltweite militärische, politische und kulturelle Vorherrschaft des einzigen Hegemons so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Realisiert werden kann dieses Ziel laut Brzeziński nur, wenn der amerikanische Schachspieler das Schachbrett Eurasien beherrscht und dafür sorgt, dass kein ernstzunehmender Herausforderer aufkommt, der es unter seine Herrschaft bringt.

Schachbrett Eurasien

Mackinder: Natural Seats of Power 1904

Der 1928 in Warschau geborene Brzeziński war keine exzentrische Randfigur, sondern ein zentraler Player im amerikanischen außenpolitischen Establishment. Er beriet Robert F. Kennedy und Lyndon B. Johnson in den 1960er Jahren im Wahlkampf, war offizieller Sicherheitsberater Präsident Carters von 1977 bis 1981, Professor für amerikanische Außenpolitik an der Johns Hopkins Universität Washington D.C. und Berater am Zentrum für Strategische und Internationale Studien (CSIS) daselbst. 1973 gründete er die Trilaterale Kommission, die den Dialog unter amerikanischen, japanischen und europäischen Eliten fördern sollte, deren Finanzierung David Rockefeller übernahm. Unter Carter gehörte er zu den eifrigsten Befürwortern der Unterstützung der afghanischen Mudschahedin. 1998 gab er in einem Interview mit der französischen Zeitung »Le Nouvel Observateur« zu, dass die USA die islamische Guerilla bei ihrem Kampf gegen die kommunistische Regierung in Afghanistan unterstützt hätten, um die Sowjetunion zu einem Einmarsch zu verleiten, der Ende Dezember 1979 tatsächlich erfolgte. Seiner Schachbrettlogik entsprechend, bereitete ihm die Finanzierung islamischer Terrorgruppen keinerlei Gewissensbisse, waren sie doch lediglich Bauern in einem weitaus größeren Spiel: »Was soll ich bereuen? Diese verdeckte Operation war eine hervorragende Idee. Sie bewirkte, dass die Russen in die afghanische Falle tappten und Sie erwarten ernsthaft, dass ich das bereue. Am Tag, da die Russen offiziell die Grenze überschritten, schrieb ich Präsident Carter: ›Jetzt haben wir die Möglichkeit, der UdSSR ihr Vietnam zu liefern.‹« (»Oui, la CIA est entrée en Afghanistan avant les Russes«, Interview mit Zbigniew Brzezinski, in: »Le Nouvel Observateur«, 15.1.1998.)

Geostrategie für das Schachbrett Eurasien

Schachbrett Eurasien

Zbigniew Brzeziński, The Grand Chessboard 1997

Für den 2017 verstorbenen Exilpolen mit ukrainischen Wurzeln stand die Eindämmung der großen Konkurrenten der USA auf dem eurasischen Schachbrett im Zentrum all seiner Überlegungen. Seiner Auffassung nach war der »ersten und einzig wirklichen Weltmacht«[1] durch die Geschichte die Aufgabe zugefallen, als »Weltpolizist«[2] dafür zu sorgen, dass das von ihr geschaffene globale Ordnungssystem so lange als möglich bestehen blieb. Was das amerikanische Imperium seiner Auffassung nach von allen früheren Weltreichen unterschied, war die Fähigkeit, seine militärische Macht auf dem gesamten Globus jederzeit effektiv einzusetzen. »Nicht nur«, schrieb er, »beherrschen die Vereinigten Staaten sämtliche Ozeane und Meere, sie verfügen mittlerweile auch über die militärischen Mittel, die Küsten mit Amphibienfahrzeugen unter Kontrolle zu halten, mit denen sie bis ins Innere eines Landes vorstoßen und ihrer Macht politische Geltung verschaffen können. Amerikanische Armeverbände stehen in den westlichen und östlichen Randgebieten des eurasischen Kontinents und kontrollieren außerdem den Persischen Golf.«[3] Der gesamte eurasische Kontinent, sei »von amerikanischen Vasallen und tributpflichtigen Staaten übersät, von denen einige allzu gern noch fester an Washington gebunden wären.«[4]

Die Welt stand seiner Auffassung nach vor der Wahl, die militärische, wirtschaftliche und kulturelle Hegemonie der USA zu akzeptieren oder ins Chaos, in die Anarchie zu versinken. »Kein Nationalstaat dürfte sich mit den USA in den vier Schlüsselbereichen der Macht (militärisch, wirtschaftlich, technologisch und kulturell) messen können, die gemeinsam die entscheidende globale politische Schlagkraft ausmachen. Außer einer bewussten oder unfreiwilligen Abdankung Amerikas ist in absehbarer Zeit die einzig reale Alternative zur globalen Führungsrolle der USA die internationale Anarchie.«[5]

Eine zentrale Rolle beim Spiel um die globale Macht kam in Brzezińskis Augen dem eurasischen Kontinent zu. »Der Fortbestand der globalen Vormachtstellung Amerikas hängt unmittelbar davon ab, wie lange und wie effektiv es sich« auf dem eurasischen Schachbrett »behaupten kann«.[6]

Was macht Eurasien, die zusammenhängende Landmasse, die sich zwischen Lissabon im Westen und Wladiwostok im Osten erstreckt, so bedeutsam? »Eurasien«, so Brzeziński, »ist der größte Kontinent der Erde […]. Eine Macht, die Eurasien beherrscht, würde über zwei der drei höchstentwickelten und wirtschaftlich produktivsten Regionen der Erde gebieten [Westeuropa und Ostasien mit China]. Ein Blick auf die Landkarte genügt, um zu erkennen, dass die Kontrolle über Eurasien fast automatisch die über Afrika nach sich zöge und damit die westliche Hemisphäre und Ozeanien [die Achse USA-Australien-Neuseeland] gegenüber dem zentralen Kontinent der Erde geographisch in eine Randlage brächte. Nahezu 75% der Weltbevölkerung leben in Eurasien, und in seinem Boden wie auch Unternehmen steckt der größte Teil des materiellen Reichtums der Welt. Eurasien stellt 60% des globalen Bruttosozialprodukts und ungefähr drei Viertel der weltweit bekannten Energievorkommen.«[7] Aber nicht nur das. Eurasien beherbergt auch »die meisten der politisch maßgeblichen und dynamischen Staaten«. Die nach den USA sechs größten Wirtschaftsnationen mit den höchsten Rüstungsausgaben lägen in Europa und Asien. Von einer Ausnahme abgesehen, seien sämtliche Atommächte und Staaten, die über heimliche Nuklearwaffenpotentiale verfügten, in Eurasien zu Hause, ebenso die »beiden bevölkerungsreichsten Anwärter auf regionale Vormachtstellung und weltweiten Einfluss« (Indien und China). Das Machtpotential des eurasischen Kontinents stelle jenes der USA weit in den Schatten. Deswegen sei er das Schachbrett, auf dem der »Kampf um die globale Vorherrschaft« auch in Zukunft ausgetragen werde.

Machtpolitik ist Geopolitik

Machpolitik ist laut Brzeziński Geopolitik. In ihr geht es um Territorien, Einfluss- und Herrschaftsgebiete. Nach wie vor spielen in diesem Kampf Nationalstaaten eine herausragende Rolle. »Nationalstaaten werden auch weiterhin die Bausteine der Weltordnung sein. Obwohl sich die internationale Politik nach dem Niedergang des Großmachtnationalismus und dem Verblassen der Ideologien versachlicht hat […], wird das Weltgeschehen weiterhin von Gebietsstreitigkeiten beherrscht […].«[8]

Das Schicksal der Staaten ist die Geographie. Das Schicksal Eurasiens ist das Schicksal seines Herzlandes. Im Anschluss an den britischen Geopolitiker Halford Mackinder, der nach dem I. Weltkrieg zu einem beredten Befürworter des Völkerbundes wurde, vertritt Brzeziński die Auffassung: »Wer über Osteuropa herrscht, beherrscht das Herzland. Wer über das Herzland herrscht, beherrscht die Weltinsel [Eurasien]. Wer über die Weltinsel herrscht, beherrscht die Welt.«[9]


Mackinders Kernthese 1904:

Die Verschiebung des Kräfteverhältnisses zugunsten des Dreh- und Angelpunkts, die zu seiner Ausdehnung über die Randgebiete Euroasiens führt, würde die Nutzung riesiger kontinentaler Ressourcen für den Flottenbau ermöglichen, und das Weltreich wäre dann in Sicht. Dies könnte geschehen, wenn Deutschland sich mit Russland verbündet. Die Drohung eines solchen Ereignisses sollte daher Frankreich in ein Bündnis mit den Überseemächten drängen, und Frankreich, Italien, Ägypten, Indien und Korea würden zu so vielen Brückenköpfen werden, wo die äußeren Seestreitkräfte Armeen unterstützen würden, um die zentralen Verbündeten zu zwingen, Landstreitkräfte einzusetzen und sie daran zu hindern, ihre gesamte Kraft auf Flotten zu konzentrieren.


Demnach muss sich eine amerikanische Geostrategie, die die Interessen der USA in Eurasien »langfristig sichern soll«, auf die Hauptakteure und Hauptschauplätze konzentrieren, aus denen irgendwann ein »Nebenbuhler um die Weltmacht« erwachsen könnte. Es geht darum, solche möglichen Nebenbuhler klein zu halten, indem man sie gegeneinander ausspielt und durch die Methode des divide et impera die Hegemonie über alle sichert. Daher lauten »die drei großen Imperative imperialer Geostrategie: Absprachen zwischen den Vasallen zu verhindern und ihre Abhängigkeit in Fragen der Sicherheit zu bewahren, die tributpflichtigen Staaten fügsam zu halten und zu schützen und dafür zu sorgen, dass die ›Barbarenvölker‹ sich nicht zusammenschließen.«[10]

Das Spiel ist komplex, denn es müssen die Interessen von mindestens fünf geostrategischen Akteuren auf ebenso vielen geopolitischen Dreh- und Angelpunkten miteinander austariert oder gegeneinander ausgespielt werden. Die »Hauptakteure« sind Staaten, »die die Kapazität und den nationalen Willen besitzen, über ihre Grenzen hinaus Macht oder Einfluss auszuüben, um den geopolitischen status quo in einem Amerikas Interessen berührenden Ausmaß zu verändern.«[11] Sie streben, aus welchen Gründen auch immer, nach regionaler Vorherrschaft oder Weltrang. Zu ihnen gehören Frankreich, Deutschland, Russland, China und Indien.[12] Zu den geopolitischen Dreh- und Angelpunkten, deren Bedeutung aus ihrer »prekären geographischen Lage« resultiert, gehören die Ukraine, Aserbaidschan, Südkorea, die Türkei und der Iran. Hier taucht, als geopolitischer Dreh- und Angelpunkt, erstmals die Ukraine auf. Was führt Brzeziński über sie aus?

Die Ukraine, ein neuer und wichtiger Raum auf dem eurasischen Schachbrett, ist ein geopolitischer Dreh- und Angelpunkt, weil ihre bloße Existenz als unabhängiger Staat zur Umwandlung Russlands beiträgt. Ohne die Ukraine ist Russland kein eurasisches Reich mehr. […] Wenn Moskau allerdings die Herrschaft über die Ukraine mit ihren 52 Millionen Menschen, bedeutenden Bodenschätzen und dem Zugang zum Schwarzen Meer wiedergewinnen sollte, erlangte Russland automatisch die Mittel, ein mächtiges Europa und Asien umspannendes Reich zu werden. Verlöre die Ukraine ihre Unabhängigkeit, so hätte das unmittelbare Folgen für Mitteleuropa und würde Polen zu einem geopolitischen Angelpunkt an der Ostgrenze eines vereinten Europa werden lassen.[13]

Neben der Ukraine werden von Brzeziński auch die weiteren vier Dreh- und Angelpunkte Aserbaidschan, die Türkei, der Iran und Südkorea näher charakterisiert. Da es in diesem Essay es um Russland und die Ukraine geht, gehen wir nicht näher auf diese Ausführungen ein.

Osterweiterung der EU und der NATO

Eine der Fragen, die sich in bezug auf die Ukraine stellt, ist, ob sie in die EU und die NATO aufgenommen werden sollte. Die NATO bietet laut Brzeziński »nicht nur den institutionellen Rahmen für die Ausübung des amerikanischen Einflusses auf europäische Angelegenheiten, sondern auch die Grundlage für die politisch entscheidende Militärpräsenz der USA in Westeuropa«. Die europäische Einigung im Rahmen der Europäischen Union wird sich auch auf die NATO auswirken. Wie ist das Verhältnis zwischen EU und NATO? »Wie weit sollte sich die Europäische Union nach Osten erstrecken? Und sollten die Ostgrenzen der EU zugleich die östlichen Frontlinien der NATO sein?«, frägt der Autor.[14] »Da zunehmend Konsens darüber besteht, dass die Nationen Mitteleuropas sowohl in die EU als auch in die NATO aufgenommen werden sollten, richtet sich die Aufmerksamkeit auf die baltischen Staaten und vielleicht bald auf die Ukraine«, schreibt er 1997. Natürlich ruft diese Osterweiterung der EU und der NATO in Russland nicht ungeteilte Zustimmung hervor, aber die Bedenken des Kreml werden von Brzeziński als innerrussische Identitätsprobleme abgetan.[15]

Nun ist Europa der »natürliche Verbündete« Amerikas.[16] Es ist das »Sprungbrett für die fortschreitende Ausdehnung demokratischer Verhältnisse bis tief in den euroasiatischen Raum.«[17] Seine Osterweiterung würde den Siegeszug der Demokratie in den 1990er Jahren befestigen und jenes Zivilisationsgebiet wieder aufrichten, das als christlich-abendländisches Europa vor dem Zeitalter der Nationalstaaten bereits einmal existierte. Vor allen Dingen aber ist es »Amerikas unverzichtbarer geopolitischer Brückenkopf auf dem eurasischen Kontinent« und insofern von »enormem geostrategischem Interesse«. Die NATO verankert »die militärische Macht Amerikas unmittelbar auf dem eurasischen Festland«, im Unterschied zu den Basen, die die USA in Ostasien unterhält. Und daher erweitert sich »mit jeder Ausdehnung des europäischen Geltungsbereichs« (d.h. mit jeder Erweiterung der EU) auch automatisch »die direkte Einflusssphäre der Vereinigten Staaten«.

Leider entspricht das Europa Ende der 1990er Jahre nicht dem Wunschbild des amerikanischen Geostrategen. Es ist zwar ein gemeinsamer Markt, aber keine politische Einheit, geschweige denn eine militärische. »Tatsache ist schlicht und einfach«, so Brzeziński, »dass Westeuropa und zunehmend auch Mitteleuropa weitgehend ein amerikanisches Protektorat bleiben, dessen alliierte Staaten an Vasallen und Tributpflichtige von einst erinnern.«[18] Hinzu kommt, dass sich Westeuropa in einem Zustand der Demoralisierung befindet: »Im allgemeinen macht das heutige Westeuropa den Eindruck einer Reihe von gequälten, unzusammenhängenden, bequemen und dennoch sozial unzufriedenen und bekümmerten Gesellschaften, die keine zukunftweisende Vision mehr haben.«[19] »Diese Sachlage sollte die Vereinigten Staaten zu einem entschiedenen Eingreifen veranlassen.«[20] Sie müssen sich für die europäische Einigung und die Erweiterung Europas Richtung Osten einsetzen. Ausführlich setzt sich Brzeziński mit der Lage Frankreichs und Deutschlands auseinander, um am Ende seiner Überlegungen folgendes Fazit zu ziehen: »Weder Frankreich noch Deutschland ist stark genug, um Europa nach seinen Vorstellungen zu bauen oder mit Russland die strittigen Probleme zu lösen, die eine Festlegung der geographischen Reichweite Europas zwangsläufig aufwirft. Dies erfordert ein energisches, konzentriertes und entschlossenes Einwirken Amerikas besonders auf die Deutschen, um die Ausdehnung Europas zu bestimmen und um mit – vor allem für Russland – derart heiklen Angelegenheiten wie dem etwaigen Status der baltischen Staaten und der Ukraine innerhalb des europäischen Staatenbundes fertig zu werden.«[21]

Da weder Frankreich noch Deutschland imstande sind, mit diesem Problem fertig zu werden, müssen die USA die Führung der europäischen Politik übernehmen. Denn die Erhaltung des europäischen Brückenkopfes und »seine Erweiterung zum Sprungbrett der Demokratie« ist für sie von unmittelbarer Relevanz. Tendenzen, sich von der europäischen Einigung abzuwenden und sich auf die nationale Souveränität zu besinnen, muss Einhalt geboten werden. Im Interesse der USA ist ein europäischer Bundesstaat. Die Alternative wäre, dass Europa seine Funktion als eurasischer Brückenkopf für amerikanische Macht und »als mögliches Sprungbrett für eine Ausdehnung des demokratischen Globalsystems in den eurasischen Kontinent hinein« verlöre. Von entscheidender Bedeutung bei diesem Einigungsprozess ist das transatlantische Verteidigungsbündnis, die NATO. »Ohne die NATO würde Europa nicht nur verwundbar werden, sondern fast augenblicklich auch politisch in seine Einzelstaaten zerfallen.«[22] »Der entscheidende Punkt bei der NATO-Erweiterung ist, dass es sich um einen ganz und gar mit der Ausdehnung Europas selbst verbundenen Prozess handelt.« Daher kann »Mitteleuropa«, d.h. die ehemaligen Satellitenstaaten der Sowjetunion, von der Teilhabe an der Sicherheit, die die transatlantische Allianz bietet, nicht ausgeschlossen werden.

Nun folgen einige Kernaussagen zur Osterweiterung von EU und NATO: »Ein neues Europa nimmt bereits Gestalt an, und wenn dieses neue Europa geopolitisch ein Teil des ›euro-atlantischen‹ Raums bleiben soll, ist die Erweiterung der NATO von entscheidender Bedeutung. Sollte die von den Vereinigten Staaten in die Wege geleitete NATO-Erweiterung ins Stocken geraten, wäre das das Ende einer umfassenden amerikanischen Politik für ganz Eurasien.«[23]

In die Wege geleitet wurde die NATO-Osterweiterung von den USA. Geriete sie ins Stocken, würde die amerikanische Führungsrolle diskreditiert, die Expansion Europas zunichte gemacht, »die Mitteleuropäer« demoralisiert und »möglicherweise die gegenwärtig schlummernden oder verkümmernden geopolitischen Gelüste Russlands in Mitteleuropa« neu entzündet.

»Entscheidend für eine fortschreitende Ausdehnung Europas«, so Brzeziński, »muss die Aussage sein, dass keine Macht außerhalb des bestehenden transatlantischen Systems ein Vetorecht gegen die Teilnahme eines geeigneten europäischen Staates in dem europäischen System – und mithin in dessen transatlantischem Sicherheitssystem – hat, und dass kein europäischer Staat, der die Voraussetzungen mitbringt, a priori von einer eventuellen Mitgliedschaft in EU oder NATO ausgeschlossen werden darf.«[24]

Mit anderen Worten: vor allem Russland hat diesbezüglich kein Vetorecht. So etwas wie legitime russische »Sicherheitsinteressen« gibt es – im Gegensatz zu den amerikanischen – nicht. Deutlicher kann man eine Absage an eine Mitsprache Russlands bei der Neugestaltung der eurasischen Sicherheitsordnung nicht formulieren.

In einem weiteren Abschnitt des Kapitels über Europas »historischen Zeitplan« entwirft Brzeziński tatsächlich einen zeitlichen Fahrplan für die Osterweiterung der EU und der NATO auf der Grundlage eines Europabegriffs, der darunter die »der christlichen Tradition verhaftete Zivilisation« versteht. Da diese christliche Tradition auch Byzanz und seine russisch-orthodoxe Weiterentwicklung (das zweite und das dritte Rom) umschließt, gibt es keinen legitimen Grund, Europa auf den westlichen Teil des Reiches Karls des Großen zu beschränken, wie es zur Zeit des kalten Krieges erforderlich war. Daher sollte die Erweiterung der EU und der NATO zügig in Angriff genommen werden. Spätestens 1999 sollten die Tschechische Republik, Polen und Ungarn Mitglieder der NATO sein. (Tatsächlich wurden die drei 1999 aufgenommen.) In die EU sollten die Länder nicht vor 2002 eintreten. (Die Aufnahme der Tschechei, der Slowakei, Ungarns und Polens erfolgte zusammen mit jener Sloweniens, Zyperns, Maltas, Estlands, Lettlands und Litauens 2004). Die übrigen osteuropäischen Länder sollten baldmöglichst folgen. (2004 wurden folgende Länder in die NATO aufgenommen: Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, Slowakei und Slowenien. 2007 folgte die Aufnahme Rumäniens und Bulgariens in die EU. Und so weiter). Irgendwann zwischen 2005 und 2010 sollte auch die Ukraine laut Brzeziński »für ernsthafte Verhandlungen sowohl mit der EU als auch mit der NATO bereit sein«.[25]

Die Ukraine als geopolitischer Angelpunkt

Ausführlicher kommt Brzeziński auf die Ukraine im Kapitel Das schwarze Loch zu sprechen, das sich mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion beschäftigt. Gemeint ist mit dem »schwarzen Loch«, dass der antagonistische Faktor der Zweimächtekonfrontation durch den Zerfall des Sowjetreichs plötzlich aus der politischen »Landkarte herausgerissen« wurde. Innerhalb weniger Wochen wurden die Grenzen Russlands im Kaukasus in die Zeit um 1800 zurückverlegt, in Zentralasien in die Zeit um 1850 und im Westen in die Zeit um 1600. Verloren gingen der Kaukasus, Zentralasien, die baltischen Länder, die westlichen Satellitenstaaten und vor allem die Ukraine. An die 20 Millionen russisch-sprachiger Bürger waren von einem Tag auf den anderen Bürger ausländischer Staaten. Der Zusammenbruch des russischen Imperiums hinterließ »im eigentlichen Zentrum Eurasiens« ein Machtvakuum.

Am meisten beunruhigte die Russen laut Brzeziński der Verlust der Ukraine.[26] Mehr als dreihundert Jahre russischer Reichsgeschichte wurden plötzlich gegenstandslos, 52 Millionen Menschen und eine potentiell reiche industrielle und agrarische Wirtschaft gingen verloren. Der Verlust der Ukraine beraubte Russland seiner beherrschenden Stellung am Schwarzen Meer. Odessa, das Tor für den Handel mit dem Mittelmeerraum und dem Rest der Welt, war Russland seither verschlossen. Der Abfall der Ukraine »beschnitt Russlands geopolitische Optionen drastisch«. Der Zerfall der Sowjetunion stürzte die russische Intelligenzija in eine epochale Identitätskrise, unterschiedliche geopolitische Denkschulen kämpften in der Folgezeit darum, ihre Interpretationen und Definitionen Russlands durchzusetzen: solche, die sich für eine strategische Partnerschaft des geschrumpften Sowjetreichs mit den USA einsetzten (»Westler«), solche die dafür plädierten, dass sich das russische Kernland auf die Beziehungen zum nahen Ausland (den ehemaligen Sowjetrepubliken) konzentrieren sollte (»Slawophile« und »mystische Eurasier« sowie »einige Westler«) und solche, die eine eurasische Anti-USA-Koalition anstrebten (»kulturphilosophische, mystische Eurasier«).

Die entschiedenen Gegenspieler seiner eigenen geopolitischen Visionen würdigt Brzeziński auf einigen Seiten seines Buches.[27] Die russischen Eurasier gingen von der Prämisse aus, Russland sei geopolitisch und kulturell weder ein rein europäisches noch ein rein asiatisches Land, vielmehr besitze es eine eigene, »eurasische Identität«. Sie beruhe auf der »glorreichen Vergangenheit Russlands, das einst über die riesige Landmasse zwischen Mitteleuropa und den Küsten des Stillen Ozeans« geherrscht habe, auf dem Vermächtnis eines Reiches, das Moskau durch Jahrhunderte der Expansion zusammenschmiedete. Viele nichtrussische und nichteuropäische Völker seien im Verlauf dieser Expansion assimiliert und zur Grundlage eines »einzigartigen eurasischen Menschenschlags« geworden. Der russische Eurasianismus reicht laut Brzeziński bis ins 19. Jahrhundert zurück, als neuere Vertreter benennt er Prinz Nikolai Sergejewitsch Trubetzkoi (1890–1938) und den Historiker Lew Nikolajewitsch Gumiljow (1912–1992). Sie verstanden den Eurasianismus als Alternative zum Sowjetkommunismus und zur westlichen Dekadenz. Trubetzkoi schrieb Mitte der 1920er Jahre: »Mit seiner Zerstörung der geistigen Grundlagen und der nationalen Einzigartigkeit des russischen Lebens, der Verbreitung der materialistischen Weltanschauung, die ja Europa wie auch Amerika tatsächlich schon beherrscht, war der Kommunismus eine verschleierte Version des Europäismus […] Unsere Aufgabe ist es, eine völlig neue Kultur zu schaffen, unsere eigene Kultur, die der europäischen Zivilisation nicht gleichen wird […] wenn Russland kein Abklatsch europäischer Kultur mehr ist […] wenn es endlich wieder zu sich selbst findet: Russland-Eurasien, das sich als Erbe Dschingis Khans versteht und sich seines großen Vermächtnisses bewusst ist.«[28]

Der Kommunismus wurde von diesen Eurasiern als Verrat am russisch-orthodoxen Glauben ebenso verurteilt, wie die Verwestlichung Russlands seit Peter dem Großen. Insbesondere Gumiljow vertrat die These, im russischen Reich habe sich durch die Jahrhunderte eine historische Symbiose zwischen Russen und nichtrussischen Steppenvölkern und eine auf ihr aufruhende, einzigartige eurasische Identität herausgebildet. Die Anpassung an den Westen würde zum Verlust der russischen Identität, zum Verlust der Seele Russlands führen. Eine gewisse Berechtigung kann Brzeziński den Anliegen der Eurasier nicht absprechen, sofern sie sich auf die Pflege der Beziehungen zu den ehemaligen Sowjetrepubliken bezogen, einen »surrealistischen Zug« attestiert er jedoch ihren Diskussionen über die Wiederaufrichtung des früheren Imperiums und seinen eurasischen bzw. slawischen Sendungsauftrag.[29] Den eurasischen »Romantikern« kam in den 1990er Jahren ohnehin keine politische Relevanz zu; standen ihren Restaurationsbemühungen doch die realpolitischen Machtverhältnisse und vor allem das Streben der ehemaligen Sowjetrepubliken entgegen, sich dem Zugriff Moskaus endgültig zu entziehen. (Zu Alexander Dugin als gegenwärtigem Vertreter der eurasischen Idee siehe die unten unter »Verwandte Beiträge« aufgeführten Artikel).

Das Machtvakuum im Osten bot dem Westen die willkommene Gelegenheit, seinen Einfluss nach Osten auszudehnen. Besonders in der Ukraine regte sich Brzeziński zufolge heftiger Widerstand gegen jeden Versuch einer Reintegration des Landes in den russischen Machtbereich.[30] Eine solche Reintegration, so die Befürchtung, könne letzten Endes zum Verlust der neu gewonnenen Unabhängigkeit führen. Die »Ungeschicklichkeit« Russlands im Umgang mit dem Land – seine Weigerung, dessen Grenzen anzuerkennen, sein Verlangen nach Rückholung der Krim[31] und das Beharren auf der Exterritorialität des Marinehafens von Sewastopol – hätten dem neuerwachten ukrainischen Nationalismus eine antirussische Schärfe verliehen.

Schachbrett Eurasien

Zerstörung Sewastopols durch britische und französische Alliierte im Krimkrieg 1854

Der neue Staat habe sein nationales Selbstverständnis nicht mehr wie früher aus »antipolnischen« oder »antirumänischen« Ressentiments bezogen, sondern aus dem Widerstand gegen alle Versuche, ihn stärker in die GUS oder eine besondere »slawische Gemeinschaft« (mit Russland und Weißrussland) einzubeziehen. Der ukrainische Nationalismus sei Mitte der 1990er Jahre »von außen« eifrig unterstützt worden. 1996 erklärte der amerikanische Verteidigungsminister, eine unabhängige Ukraine sei für die Sicherheit und Stabilität Europas nicht zu überschätzen, während der deutsche Bundeskanzler betonte, niemand dürfe ihre Souveränität in Frage stellen.[32]

Wenn sich Russland nicht gänzlich von Europa verabschieden wolle, so Brzeziński, bleibe ihm gar nichts anderes übrig, als die Ausweitung des amerikanischen Imperiums nach Osten in Gestalt der EU und der NATO hinzunehmen. »Russlands Weigerung wäre gleichbedeutend mit dem Eingeständnis, dass es Europa zugunsten einer eurasischen Identität und Existenz den Rücken kehrt.«[33] Ohne die Ukraine kann Russland nicht zu Europa gehören, umgekehrt kann jedoch die Ukraine auch ohne Russland ein Teil Europas sein. Deswegen strebt die Ukraine in die EU und dieses Streben sollte unterstützt werden, wie auch ihre Aufnahme in die NATO. Während Russland sich mit einem Beitritt »mitteleuropäischer« Länder in die NATO 1999 vermutlich abfinden werde, dürfte es ihm erheblich schwerer fallen, einen solchen der Ukraine zu akzeptieren, »denn damit würde Moskau eingestehen, dass das Schicksal der Ukraine nicht mehr organisch mit dem Russlands verbunden ist.«[34] Würde Russland die Aufnahme der Ukraine in den transatlantischen Einflussbereich jedoch akzeptieren, könnte es selbst zu einem »integralen Bestandteil« eines Europa werden, das bis zum Ural und darüber hinaus reiche. Um den Prozess der An- oder Einbindung Russlands in die transatlantischen Strukturen zu beschleunigen, sei die Schaffung eines geopolitischen Kontextes hilfreich, der es in die gewünschte Richtung treibe. So könne das »schwarze Loch«, das sich mit dem Untergang der Sowjetunion im Herzland Eurasiens aufgetan habe, mit einer Gesellschaft gefüllt werden, die immer moderner und demokratischer, kurz: amerikanischer werde.[35]

Ebenso umfangreich und detailliert wie mit dem eurasischen Brückenkopf der USA setzt sich Brzeziński in weiteren Kapiteln seines Buches mit dem »eurasischen Balkan« auseinander. In der Kaukasusregion und in Zentralasien entstand durch die Verselbstständigung der ehemaligen Sowjetrepubliken ein Machtvakuum, das gefüllt werden will, sollen diese Regionen nicht in einem »ethnischen Hexenkessel« versinken. Im Kaukasus sagten sich die drei Länder Georgien, Armenien und Aserbaidschan von der Sowjetunion los, in Zentralasien die fünf »Stans«: Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Kirgistan und Tadschikistan. Während die Vereinigten Staaten im Nahen Osten und in der Golfregion eine »Schiedsrichterfunktion« ausüben, haben sie eine entsprechende Rolle in Zentralasien noch nicht erlangt. Der eurasische Balkan ist laut Brzeziński geopolitisch »höchst interessant«, denn er birgt »die künftigen Transportwege zwischen den reichsten und produktivsten westlichen und östlichen Randzonen Eurasiens«. Er könnte sich zu einem »ökonomischen Filetstück« entwickeln, lagern in ihm doch »ungeheure Erdgas- und Erdölvorkommen«, die auf die Ausbeutung durch westliche Multis warten.[36] Die zentralasiatische Region und das Kaspische Becken verfügen über Erdgas- und Erdölvorräte, die jene Kuwaits, des Golfs von Mexiko oder der Nordsee in den Schatten stellen. Der Zugang zu diesen Ressourcen ist für die künftige Entwicklung der auf fossilen Rohstoffen fußenden Konsumgesellschaft von vitaler Bedeutung. Brzezińskis Ausführungen über dieses Gebiet und die von ihm vorgeschlagenen amerikanischen Strategien können hier nicht näher betrachtet werden, da unser Augenmerk auf dem »europäischen Brückenkopf« liegt. Dasselbe gilt für den »fernöstlichen Anker« des amerikanischen Imperialismus, Japan, den neben Europa zweiten »natürlichen Verbündeten« der USA im fernen Osten, und die künftige Rolle Chinas auf dem »großen Schachbrett«.

Divide et impera

Ein Blick soll jedoch in das abschließende Kapitel seines Buches geworfen werden, in dem Brzeziński das Fazit aus seinen Überlegungen zieht. [37] »Amerika«, so schreibt er, »ist heute die einzige Supermacht auf der Welt, und Eurasien der zentrale Schauplatz«. Die Frage, wie sich die Macht auf dem eurasischen Kontinent verteilt, ist daher für die amerikanische Vormachtstellung und das historische Vermächtnis der USA von entscheidender Bedeutung. Die globale Vorherrschaft Amerikas ist in ihrer Ausdehnung und Art einzigartig. Sie ist eine »Hegemonie neuen Typs«, »pluralistisch, durchlässig und flexibel«.[38] Es ist der Schiedsrichter Eurasiens, ohne den kein größeres eurasisches Problem gelöst werden kann. Ausschlaggebend für die Dauer seiner Weltmacht wird sein, wie es die wichtigsten geostrategischen Spieler »steuert«. Amerika ist die »unentbehrliche Nation«, es schiebt die Figuren auf dem Schachbrett hin und her und muss sie je nach Bedarf gegeneinander ausspielen, um das Spiel aufrecht erhalten zu können. Die Alternative zu einem von den USA beherrschten Spiel wäre weltweite Anarchie. Ohne das anhaltende und gezielte Engagement der USA drohten verheerende Entwicklungen wie Bevölkerungsexplosion, Armutsmigration, rasante Urbanisierung, ethnische und religiöse Feindseligkeiten und die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen den Globus in den Abgrund zu reißen. Weltweit müssen sich daher die USA gegen die Kräfte des Chaos stellen. Die Geostrategie für Eurasien muss »ungeschminkt« die drei Bedingungen zur Kenntnis nehmen, von welchen die Weltpolitik bestimmt wird: zum ersten Mal in der Geschichte ist ein einziger Staat die wirkliche Weltmacht, hat ein außereurasischer Staat die weltweite Vormachtstellung inne und wird der zentrale Schauplatz der Welt, Eurasien, von einer außereurasischen Macht dominiert.[39] Wie beim Schachspiel müssen daher die USA etliche Züge im voraus durchdenken und mögliche Züge des Gegners vorwegnehmen. Der Hegemon muss kurz-, mittel- und langfristige Ziele bedenken, wobei die langfristigen mehr als zwanzig Jahre in die Zukunft reichen.

Die von Brzeziński skizzierten Ziele gehorchen alle der Maxime »divide et impera«. Kurzfristig ist es in Amerikas Interesse, »den derzeit herrschenden Pluralismus auf der Landkarte Eurasiens zu festigen und fortzuschreiben. Dies erfordert ein hohes Maß an Taktieren und Manipulieren, damit keine gegnerische Koalition zustande kommt, die Amerikas Vormachtstellung in Frage stellen könnte«.[40] Mittelfristig muss ein »kooperatives transeurasisches Sicherheitssystem« unter amerikanischer Führung aufgebaut werden. Und langfristig sollte auf die Entstehung eines globalen Kerns »gemeinsamer politischer Verantwortung« hingearbeitet werden, an dem sich alle relevanten Mächte beteiligen. Kurzfristig besteht die Aufgabe darin, »sicherzustellen, dass kein Staat oder keine Gruppe von Staaten die Fähigkeit erlangt, die Vereinigten Staaten aus Eurasien zu vertreiben oder auch nur deren Schiedsrichterrolle entscheidend zu beeinträchtigen«.[41] Auch mittelfristig geht es um amerikanische Dominanz: die »friedliche Hegemonie« der USA darf von niemandem in Frage gestellt werden; ein vergrößertes Europa und eine erweiterte NATO dienen den Zielen der US-Politik. Ein größeres Europa wird den Einflussbereich der USA erweitern, ohne dass ein politisches Gebilde entsteht, das die Vereinigten Staaten herausfordern könnte. Wenn das erweiterte Europa geopolitisch Teil des »euro-atlantischen Raums« bleiben soll, ist die Erweiterung der NATO unumgänglich. Ihr Scheitern könnte »ehrgeizigere russische Wünsche wieder aufleben« lassen. Wie auch immer Russland sich zur Osterweiterung der NATO verhalten mag, keine Vereinbarung mit ihm darf darauf hinauslaufen, es am Entscheidungsprozess des Bündnisses zu beteiligen. Vielmehr sollte Russland dazu bewegt werden, sich der hegemonialen Ordnung der USA einzufügen (unterzuordnen). »Gebietseinbußen« sind laut Brzeziński nicht sein Hauptproblem, sondern innere Modernisierung und wirtschaftliche Entwicklung. Löst es diese Probleme nicht, wird es von Europa und China wirtschaftlich überholt und abgehängt. Die USA müssen den »geopolitischen Pluralismus« im postsowjetischen Raum stärken, um »allen imperialen Versuchungen« den Boden zu entziehen. Die Konsolidierung dieses Pluralismus sollte nicht von einem guten Verhältnis zu Russland abhängig gemacht werden. Die Politik des »Teilens und Herrschens« kann auf Russlands Interessen keine Rücksicht nehmen. Die Konsolidierung einer souveränen Ukraine ist eine wesentliche Komponente dieser Politik. Ähnliches gilt für strategische Achsenstaaten wie Aserbaidschan, den »Korken auf der Flasche«, der den Zugang zu den Bodenschätzen des Kaspischen Beckens und Zentralasiens kontrolliert.

»Die Politik der USA«, so Brzeziński abschließend, »muss unverdrossen und ohne Wenn und Aber ein doppeltes Ziel verfolgen: die beherrschende Stellung Amerikas für noch mindestens eine Generation und vorzugsweise länger zu bewahren und einen geopolitischen Rahmen zu schaffen, der […] sich zum geopolitischen Zentrum gemeinsamer Verantwortung für eine friedliche Weltherrschaft entwickeln kann.«[42] Mithilfe des »neuen Netzes globaler Verbindungen«, das außerhalb des traditionellen Systems der Nationalstaaten in Gestalt »multinationaler Korporationen und NGOs« heranwächst, könne so ein »Weltsystem« entstehen, das allmählich »die Insignien des Herrschers der Welt« annehme, der »vorerst noch die Last der Verantwortung für die Stabilität und den Frieden in der Welt trägt«.[43]


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Anmerkungen:


  1. Die einzige Weltmacht, Frankfurt a.M. 1991, S. 26.
  2. Ebd., S. 279.
  3. Ebd., S. 41.
  4. Ebd., S. 41.
  5. Ebd., S. 278.
  6. Ebd., S. 53.
  7. Ebd., S. 54.
  8. Ebd., S. 62.
  9. Ebd., S. 63. Mackinder trug seine Überlegungen erstmals am 25. Januar 1904 der Royal Geographical Society vor. Sie erschienen unter dem Titel The Geographical Pivot of History im April 1904 im Geographical Journal, Vol. XXIII, Nr. 4, S. 298-321. Download: https://www.iwp.edu/docLib/20131016_MackinderTheGeographicalJournal.pdf. Die von Brzeziński zitierte Formulierung »Wer über das Osteuropa herrscht …« stammt aus dem 1919 erschienenen Buch Mackinders Democratic Ideals and Reality. A Study in the Politics of Reconstruction, S. 157 f. Das Buch ist ein beredtes Plädoyer für den Völkerbund. »Zum Ideal der Freiheit des achtzehnten Jahrhunderts und dem Ideal der Nationalität des neunzehnten Jahrhunderts haben wir unser Ideal des Völkerbundes des zwanzigsten Jahrhunderts hinzugefügt. […] Die Zivilisation besteht in der Beherrschung der Natur und unserer selbst, und der Völkerbund als oberstes Organ der vereinigten Menschheit muss das Kernland und seine möglichen Organisatoren genau beobachten, aus demselben Grund, aus dem die Kontrolle von London und Paris durch die Polizei als nationale und nicht nur als kommunale Angelegenheit betrachtet wird.« Ebd. S. 11 u. 172. Download: https://en.wikisource.org/wiki/Democratic_Ideals_and_Reality:_A_Study_in_the_Politics_of_Reconstruction.
  10. Ebd., S 65 f.
  11. Ebd., S. 66.
  12. Warum Großbritannien, Japan und Indonesien nicht dazu gehören, wird vom Autor ausführlich begründet.
  13. Ebd. S. 74.
  14. Ebd., S. 80.
  15. Ebd., S. 81 f.
  16. Ähnliches führt Brzeziński später über Japan aus. Siehe S. 249 f.
  17. Ebd., S. 89 f.
  18. Ebd., S. 92.
  19. Ebd., S. 93.
  20. Ebd., S. 93.
  21. Ebd., S. 110.
  22. Ebd., S. 116.
  23. Ebd., S. 121.
  24. Ebd., S. 122.
  25. Ebd., S. 127.
  26. Ebd., S. 136 f.
  27. Ebd., S. 160 f.
  28. Zitiert nach Brzeziński, S. 161 f., Kursivsetzung L.R.
  29. Ebd., S. 164.
  30. Ebd., S. 165.
  31. Zwischen 1853 und 1856 führte Russland gegen das Osmanische Reich und seine Verbündeten Frankreich, Großbritannien und Sardinien-Piemont einen Krieg um die Krim. Wikipedia sind darüber einige Informationen zu entnehmen: Alle für diesen Krieg gefundenen Benennungen erscheinen bei genauerer Betrachtung einseitig: Die westliche Bezeichnung ›Krimkrieg‹ – nach seinem Haupt-Kriegsschauplatz – wird seinem weltumspannenden Ausmaß und seiner großen Bedeutung für Europa, Russland und den Orient nicht gerecht. Der in Russland verwendete Name ›Orientalischer Krieg‹ verknüpft ihn zumindest mit der Orientalischen Frage, die vom Balkan bis Jerusalem und Konstantinopel bis zum Kaukasus reicht. Der Name ›Türkisch-Russischer Krieg‹, der sich in vielen türkischen Quellen findet, berücksichtigt die massive Beteiligung des Westens nicht. Der Krimkrieg kann als Vorform des Ersten Weltkrieges angesehen werden. Globale Dimensionen der Kämpfe waren vorhanden. Sie begannen auf dem Balkan, verlagerten sich in den Kaukasus und von dort auf die anderen Schwarzmeergebiete. Als Russland ein feindliches Bündnis von Österreich mit Großbritannien und Frankreich drohte, verlagerten sich die Kampfhandlungen auf die Krim. Dazu kommt aber von Beginn an ein Krieg in der Ostsee, bis hin zu Planungen der Royal Navy, die Hauptstadt Sankt Petersburg zu bombardieren, das Weiße Meer als Kriegsgebiet, an dessen Küste das Solowezki-Kloster beschossen wurde und die Pazifikküste Sibiriens als weiterer Schauplatz. Mehr oder weniger indirekt beteiligt am Krieg waren, im Gegensatz zu den fünf Hauptparteien, die Länder Österreich und Preußen, dazu neutral gebliebene Staaten wie Schweden, Griechenland, Spanien, Portugal und der Deutsche Bund. – Der gesamte Artikel über den Krimkrieg ist lesenswert, vor allem aufgrund seiner unübersehbaren Parallelen zur Gegenwart. wenn auch sehr langatmig. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Krimkrieg.
  32. Ebd., S. 165.
  33. Ebd., S. 178.
  34. Ebd., S. 178.
  35. Ebd., S. 179.
  36. Ebd., S. 182.
  37. Ebd., S. 277 f.
  38. Ebd., S. 277.
  39. Ebd. S. 281 f.
  40. Ebd., S. 282 f.
  41. Ebd. S. 283.
  42. Ebd., S. 306.
  43. Ebd., S. 306 f.

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Ein Kommentar

  1. 2003 haben der deutsche Kanzler Schröder und Putin gegen den Irakkrieg laut protestiert. Aber n i c h t gegen die Nato-Osterweiterung! Der deutsche Kanzler trieb sie voran, und Putin ließ es geschehen.
    Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz am 2. April 2004, 3 Tage nach dem Beitritt Estlands, Lettlands und Litauens, stand Putin lächelnd neben Schröder und lobte, dass sich die Beziehungen Russlands zur Nato „positiv entwickeln“. Und er fuhr fort: „Hinsichtlich der Nato-Erweiterung haben wir keine Sorgen mit Blick auf die Sicherheit der Russischen Föderation“. Als der Nato-Generalsekretär wenig später nach Moskau kam, sagte Putin, jedes Land habe „das Recht, seine eigene Form der Sicherheit zu wählen“. Kein Wort von gebrochenen Versprechen oder einer Gefährdung Russlands!! 
    Was ist mit dem Budapester Memorandum von 1994, als die Ukraine seine Atomwaffen, die es als Erbschaft aus der zerfallenen Sowjetunion hatte, aufgab gegen die Zusicherung der territorialen Integrität?
    Übrigens, die USA wollten der Ukraine eine Nato-Beitrittsperspektive geben, aber Merkel und Sarkosy wandte sich strikt dagegen. Deshalb (und wegen Nordstream2) war Merkel in der Ukraine sehr schlecht angesehen. Das konnte nur ein wenig geglättet werden durch die Millarden €, die die Ukraine von Deutschland erhielt.
    2007 oder 2008 hat Putin dann in einer Rede bei der Münchener Sicherheitskonferenz sich plötzlich gegen die Nato-Erweiterung gewandt und seither erzählt der das Märchen von gebrochenen Versprechen. Woher dieser Umschwung kam ist nicht geklärt; jedenfalls hat es mir bisher niemand erklären können. Waren es Gespräche mit Dugin? Oder was war es? An dieser Stelle wünsche ich mir einen Erkenntnisfortschritt!

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