Entmenschlichung als Fortschrittsmodell

Zuletzt aktualisiert am 29. Dezember 2021.

Matthias Wenger wirft in seinem Gastbeitrag einen genaueren Blick in Klaus Schwabs Buch über die vierte industrielle Revolution (München 2016). Er entdeckt darin die Entmenschlichung als Fortschrittsmodell.

1. Zu wessen Nutzen agiert der Autor?

Entmenschlichung als Fortschrittsmodell

Klaus Schwab empfängt am 13. Oktober 2017 den Ehrendoktor der Technischen Universität Kaunas, Litauen

Den Werdegang eines Autors ins Auge zu fassen, lässt den Leser schon etwas über seine Beweggründe erahnen. Klaus Schwab ist weder Historiker, noch Geschichtsphilosoph. Man wird sich bei der Lektüre schnell dessen bewusst, dass hier ein Praktiker des Technologischen spricht und schreibt, nämlich ein gestandener Ingenieur. Darin erschöpft sich aber seine Ausgangsposition nicht. Wer so wie Schwab seit Jahren weltweit führende Unternehmer und Politiker zusammenbringt, ihren Dialog fördert und moderiert, agiert zugleich an der Schnittstelle von Technologie und Ökonomie, und in einem Bereich, wo sich technische Innovation und Politik, also Technologie und Herrschaft berühren.

Wenn man es sich einfach machen würde, könnte man ihn als Technokraten bezeichnen. Dann erspart man sich natürlich die schwierige Entscheidung, wo seine Intention am ehesten zu verorten ist: In der Instrumentalisierung des Technischen für ökonomische und politische Interessen – oder viel einfacher in einer »fachmännischen« Faszination gegenüber der Technik.

Wie man sich hier entscheidet, hat am Ende auch Folgen für die Bewertung des von Schwab initiierten World Economic Forum: Ort des Trialogs zwischen Technologen, Ökonomen/Unternehmern und Mächtigen – oder Schauplatz eines globalen Lobbyismus, der nicht dem Drang zu widerstehen vermag, seine Affirmationen der ganzen Menschheit aufzudrängen.

Und im Grunde macht Schwab auch gar kein Hehl aus seiner Absicht, privaten Profitinteressen Vorrang zu verleihen vor den Bedürfnissen herkömmlicher sozialer und staatlicher Akteure: So fordert er nicht nur eine stärkere Kommerzialisierung der Forschung [1], er hat auch zugleich eine zentrale Begründung für die digitale Transformation ausgemacht: Die Verminderung des globalen Wirtschaftswachstums seit der Finanzkrise 2008! [2] Vollmundig wird in diesem Zusammenhang auch die Prognose referiert, nachdem das Internet der Dinge (IoT) in den nächsten 10 Jahren 14,4 Billionen Dollar an Wertschöpfung generieren wird. [3] Schwab erörtert auch »neue Formen des Eigentums« [4], die aber lediglich den konsumptiven Bereich betreffen – nicht hingegen Kapital, Produktionsmittel oder Immobilien! Die Neuordnung des Eigentumsbegriffs betrifft also lediglich die Mittelschicht, nicht die Oberschicht! Das wird detaillierter erörtert im Abschnitt »Sharing-Economy«. Hier nutzt Schwab eine verbreitete Stereotypie der Beurteilung, indem er einen anderen höchst bedeutsamen Aspekt komplett ausblendet. Es geht um den Begriff des Eigentums als maßgeblichem identitätstiftendem Element der bürgerlichen Existenz. Das Teilen, der leichte Zugang zu Gebrauchsgütern und der Bedeutungsschwund des persönlichen Eigentums bekommt einen quasi sozialistisch-solidarischen Anstrich, eine gewissermaßen technokratisch ermöglichte Variante der Frommschen Wahlmöglichkeit »Haben oder Sein«. Das gewinnt zunächst einen idealistischen Anstrich, bis einem auffällt, dass die Frage nach den Eigentums- und Verwertungsrechten der beteiligten netzbasierten Plattformen überhaupt nicht gestellt wird. Das reale Gesicht dieser neuen Ökonomie ist dann nämlich ein Pseudosozialismus persönlich Enteigneter, die über die Internetportale und deren superreiche Nutznießer gelenkt und finanziell vampirisiert werden. Das rechtskonservative Narrativ, dass der Sozialismus historisch gesehen nur ein Trick der Superreichen sei, um die blinden Massen zu entrechten, wird hier auf eine geradezu clowneske Weise der Wirklichkeit angenähert!

Weitere finanztechnische Potenzierungseffekte in der digitalisierten Industrie verspricht sich Schwab durch zusätzlich erforderliche Cybersicherheit, wobei auch hier der Zwang zum schnellen Handeln bekräftigt wird. [5]

Die Privilegierung neuer Player des Großkapitals soll in jedem Fall auf Kosten bestehender Strukturen gehen: Staatliche Systeme würden von »nicht- staatlichen Akteuren«, »lockeren Netzwerken« und »Mikromächten« destabilisiert, die Anpassungsfähigkeit staatlicher Systeme entscheide über ihr Überleben [6]. Schwab suggeriert in diesem Zusammenhang einen »Kontrollverlust« und empfiehlt eine Verzahnung politischen Handelns mit Unternehmen und »Zivilgesellschaft« [7]. Hinter dem Terminus »Zivilgesellschaft« verbergen sich ja, wie inzwischen jeder weiß, lautstarke Minderheiten in Gestalt von NGO’s, die oft entweder von finanzstarken Sponsoren oder staatlichen Subventionen finanziert werden, welche aber in keiner Weise im klassischen demokratischen Sinne legitimiert sind.

Richtig lässt der Autor die Katze aus dem Sack, wenn China als positives Beispiel dafür beschrieben wird, mithilfe politischer Entscheidungen die Chancen der technologischen Revolution in vollem Umfang zu nutzen. [8] Damit suggeriert Schwab in dezenter Weise die operative Nützlichkeit diktatorischer Strukturen für den von ihm favorisierten Prozess.

Ein Hinweis auf eine weitere interessante Verschiebung etablierter Machtstrukturen: Urbane Siedlungsräume werden als Zentren der Innovation ausgemacht und besonders favorisiert, weil sie »Veränderungen außerhalb der offiziellen politischen Arena herbeiführen« und »eher wie ein Unternehmen (und nicht wie eine Behörde) handeln« [9]. Damit wird der Wunsch angedeutet, Entscheidungsprozesse aus politisch-demokratischer Legitimation herauszulösen. Es läuft gewissermaßen hinaus auf eine »Privatisierung« dieser Prozesse. Das gelingt natürlich in überschaubaren kommunalen Strukturen viel eher, als mit einem ganzen Flächenstaat.

Um profitorientierten Instanzen der Wirtschaft neue weltweite Perspektiven zu eröffnen, entwickelt Schwab Formen eines Kreuz- und Querdenkens, auf die linke Kritiker des Kapitals in all ihrer intellektuellen Schärfe nicht im Traum gekommen wären. Das geht dann folgendermaßen:

Zunächst wird vor über die Luft verbreiteten »Designerviren«, »künstlich erzeugten Supererregern« und »gentechnisch veränderten Seuchen« als Mitteln biologischer Kriegsführung gewarnt. [10]

Zur Bewältigung der Folgen derartiger militärischer Optionen empfiehlt Schwab nun neue Institutionen einer globalen Sicherheitsarchitektur, die er gern privatisieren würde, weil staatliche Institutionen nicht genügend Bewusstsein für militärische technologische Innovationen hätten! [11]

Sicher werden bis hierhin manche Leser noch denken, dass es ja verständlich sei, wenn sich der Technologe Schwab für die Privilegierung von Unternehmern einsetzt – ist doch der Unternehmer letztlich fast immer derjenige, der die Visionen des Technologischen in großem Maße umzusetzen verspricht. Wer so urteilt, dem sind offenbar entscheidende Metamorphosen des zeitgenössischen Wirtschaftslebens schlicht entgangen: Sie hängen mit der Blockchaintechnologie zusammen, die laut Schwab ›eine explosive Zunahme handelbarer Vermögenswerte‹ und die Möglichkeit von Schwellenländern, ›einfach alles zu einem handelbaren Vermögenswert zu machen‹ in Aussicht stellt. [12] Die Technologie kommt der Tendenz der zeitgenössischen Geldvermehrungs(Finanz-)Industrie entgegen, den Faktor Kapital immer mehr von der Realwirtschaft zu lösen, was einen stetig zunehmenden Erfindungsreichtum an Finanzprodukten ausgelöst hat.

Von der Unternehmensaktie über den Aktienfonds bis hin zu Finanzderivaten hat dieser Weg zu einer immer stärkeren Vorherrschaft eines abstrakten monetaristischen Prinzips in der Ökonomie geführt – wenn sich jetzt durch die Blockchaintechnologie die Beliebigkeit des Derivativen grenzenlos erweitern lässt, wird das eine völlig neue Epoche der Ablösung der Geldwirtschaft von der Realwirtschaft einläuten. Die Geldvermehrer, die kaum wissen, mit welchen Mitteln sie künftig noch Vermögenswachstum generieren können, werden über diese neuen Möglichkeiten geradezu in Jubel ausbrechen.

Um diesen Themenbereich zu resümieren: Schwab argumentiert neoliberal, wenn er privatwirtschaftlichen Strukturen Priorität gegenüber dem klassischen Nationalstaat zuspricht. Nun leben wir doch aber in einer schon fast postneoliberalen Ära, in welcher jeder flächendeckend die massiven Schäden des neoliberalen Experiments seit Thatcher und Reagan mit offenen Augen wahrnimmt. Sich in einer solchen Situation als Apologet des Neokapitalismus aufzuspielen, ist wirklich ein starkes Stück!

2. Technologische Innovationen – ein Gesamtüberblick

Entmenschlichung als Fortschrifftsmodell

Das hier besprochene Buch: Klaus Schwab, Die vierte industrielle Revolution, München 2016

Auf den ersten Blick hat Schwabs Buch eine recht praktische Nutzanwendung für den Zivilisationsbeobachter. Es gibt nämlich einen guten Gesamtüberblick über gegenwärtige technische Innovationen und Trends. Auch fünf Jahre nach seiner Entstehung erfüllt es diese deskriptive Funktion erstaunlich gut. Wer in seiner Alltagspraxis lediglich periphere Berührung mit digitalen Technologien hat, wird durch die Lektüre in eine Art Wunderkammer technischer Novitäten eingeführt, die die ganze Vielfalt praktischer Anwendungsmöglichkeiten des Digitalen plastisch veranschaulicht. Unwillkürlich gerät man vom Staunen in träumerische Faszination, die aber hin und wieder auch ins Grauen übergleitet. Was die zeitgenössische Entwicklung des Technischen betrifft, kommt man dabei gut auf Stand.

Und da ja fast jeder in irgendeiner Weise im Alltag von digitalen Technologien profitiert, hat die Eröffnung der vielen neuen Möglichkeiten etwas Verführerisches. Als Rezensent möchte ich an dieser Stelle trotzdem an die Verantwortung des Lesers appellieren. Natürlich kann man als »User« pragmatisch die kleinen Vorteile und Vorzüge digitaler Alltäglichkeiten in Anspruch nehmen. Wenn man sich keine großen Gedanken macht über die Frage des Woher und Wohin unserer Gesellschaft und Kultur, spricht natürlich nichts dagegen, über die hier skizzierten Schrecknisse gemächlich wieder zur Tagesordnung überzugehen. Aber spätestens in dem Abschnitt über das besondere digitale Menschenbild sollte man sich klar darüber werden, dass unsere elementare Vorstellung eines individuellen Menschseins hier zum Abschuss freigegeben wird. Alles, was wir in der Geschichte der Menschheit an Abscheulichkeiten erlebt haben, vom Kannibalismus über die Heilige Inquisition bis hin zu Weltkriegen, Faschismus und industrieller Menschenvernichtung können wir retrospektiv als lässiges Vorspiel zu dem betrachten, was uns hier erwartet: Die Leugnung der Relevanz des Menschlichen schlechthin!

Dann wird sich die Frage stellen, ob man sozialethisch die Stirn hat, Derartiges laufen zu lassen oder ob man dagegen zumindest ein Veto einzulegen gedenkt. Sprechen Sie sich auch als Einzelmensch eine Verantwortung für unseren Weg in die Zukunft zu?

3. Schwabs zündende Idee: Renaissance der Futurologie

»Die Vierte Industrielle Revolution« bildet gewissermaßen den Abschluss einer Reihe von Entwürfen, an die man sich aus den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts zurückerinnert: In der Futurologie ging es vielfach um ein enthusiastisches Vorausahnen künftiger technischer und zivilisatorischer Veränderungen. Ein durchaus optimistisches Fortschrittsdenken verlieh vielen dieser Visionen den Charakter positiver Utopien. Es war die Erleichterung vieler alltäglicher Probleme, die den Entwürfen der Futurologen etwas Erwünschtes und Angenehmes vermittelte.

Es bleibt am Ende Sache des Lesers, zu entscheiden, ob Schwabs Zukunftsentwürfe solche utopischen Hoffnungen einzulösen vermögen oder ob nicht der dystopische Schrecken seine positiven Aspekte absorbiert. Letztlich aber steht das Urteil bei der Lektüre immer vor dem gleichen Dilemma: Werden wir hier mit einer Form der Realitätswahrnehmung konfrontiert, die einen unausweichlichen und unaufhaltbaren Prozess postuliert? Dann würde man Schwab nicht den Vorwurf ersparen können, als Advokat eines blinden technokratischen Determinismus zu fungieren. Andererseits gesteht ja der Autor durchaus ein, dass Menschen zu Veränderungen genötigt werden sollen, denen sie einen weitgehenden inneren Widerstand entgegensetzen. [13] In diesem Fall wären Schwab und sein World Economic Forum Instrumente in einem »Klassenkampf von oben«, bei dessen Vollzug die technische Ratio die Funktion einer intellektuellen Daumenschraube erfüllt.

4. Der Titel als historisch-analytische Affirmation

Wenn man die vorherigen drei industriellen Revolutionen betrachtet, darf man sich die Frage stellen: Gab es auch damals schon derartige Vorausahnungen des Kommenden? Oder Beschwörungen, verbunden mit der Absicht, das Gewollte geradezu zwanghaft herbeizuführen?

Natürlich liegt es in der Natur der Sache, dass der Historiker es stets ein bisschen einfacher hat, als der Vorausahnende. Was ins Auge fällt, ist die mechanistische Betrachtungsweise, mit der Schwab die vorherigen drei industriellen Revolutionen beschreibt: Die in ihnen agierenden Menschen erscheinen wie Statisten, aber nicht wie absichtsvoll Handelnde, die sich damit irgendwie geartete Bedürfnisse erfüllen [14]. Wie aber sollten sie auch, ist doch die zentrale Ambition des Technokraten die Freude an der Funktion, nicht etwa an Motivation. Immerhin muss er eingestehen, es könnte Widerstände gegen den beschriebenen Prozess geben, und die Involvierten seien möglicherweise nicht bereit, den zerstörenden Einfluss des Prozesses auf die bisherige Realwirtschaft zu akzeptieren (s. Anm. 13). Die Betroffenen gelten ihm also eher als passives Objekte, deren Befindlichkeiten es nur geschickt zu modellieren gilt.

5. Wie verläuft hier Geschichte? oder – Allumfassende Zerstörung als Preis des Kreativen

Entmenschlichung als Fortschrittsmodell

Klaus Schwab, Die Zukunft der Vierten Industriellen Revolution, München 2019

Um zur Sache zu kommen: Der Prozess einer allumfassenden Verbreitung des Digitalen wird nicht als kalkulierbare Entwicklung, sondern als abrupte, radikale Umwälzung verstanden. Mindestens fünfzigmal verwendet Schwab den Begriff der Disruption oder des »Disruptiven«, wenn er nicht gleich klartextlich von Zerstörung, Vernichtung oder Bedrohung [15] spricht. Das Militant-Aggressive seiner Diktion entlädt sich bis hin zu offener Deklamation, wenn man liest: » … ganze Wirtschaftszweige werden einem permanenten darwinistischen Auslesedruck unterworfen sein«. Es gehe um die Philosophie des unermüdlichen Besserwerdens und einen radikalen Systemwandel, »der uns Menschen kontinuierliche Anpassung abverlangt« [16]. Anschließend werden »Anpassungswillige« gegen »Anpassungsverweigerer« ausgespielt [17]. Deutlich wird hier: Im Verhältnis zur sachbezogenen Wahrnehmungsebene des Technologen verfällt Schwab erstaunlich schnell in einen ideologischen Furor. Was er dabei kolportiert, sind die billigsten Glasperlen einer Euphorie des 19. Jahrhunderts, die einen blinden Fortschrittswahn mit den brutalsten Selektionsphantasien verband. Und erneut wird ein Menschenbild aufgerufen, dessen primäres Wesensmerkmal Passivität im Verhältnis zu äußeren Steuerungsmechanismen bleibt. Apropos »Disruption«, Schwabs Lieblingsbegriff. Das Cambridge Advanced Learner’s Dictionary beschreibt den disruptor lapidar als »a person or thing that prevents something, especially a system, process, or event, from continuing as usual or as expected.« Innovation und Erneuerung können also hier nur im Zusammenhang mit vorheriger Vernichtung oder mindestens mit Behinderung oder Blockierung gedacht werden. Koexistenz oder Parallelität gelten nicht als vorstellbare Möglichkeiten. Eine Politik der verbrannten Erde gegenüber der konventionellen analogen Ökonomie ist vorprogrammiert. Gefordert wird »die Umstrukturierung unserer wirtschaftlichen, sozialen und politischen Systeme« …

»Erforderlich ist ganz klar die umfassende Erneuerung des gesamten Systems, keine kleinen Anpassungen oder randständigen Reformen.« [18] Damit vertritt Schwab im Grunde das Modell eines technokratischen Totalitarismus!

Es geht hier aber nicht nur um eine Transformation der Wirtschaft, sondern auch um das Zusammenleben der Menschen: Eine jede Technologie verkörpert nach Schwab ein bestimmtes Gesellschaftsmodell. [19] Also darf man zunächst einmal die Frage nach dem Wesen dieser Technologie stellen, statt nur vordergründig nach ihrer unmittelbar anwendungsbezogenen Zweckbestimmung. Wenn er z.B. die digitale Welt des Internet als »eine Welt des Jetzt« umschreibt [20], könnte man das als Herausbildung einer Gesellschaft verstehen, der sowohl kollektive Erinnerung als auch verantwortungsvolle Zukunftsgestaltung herzlich gleichgültig sind. Zur Dynamik des Digitalen am Beispiel der AI (Artificial Intelligence = Künstliche Intelligenz) zitiert Schwab u.a. die beunruhigenden Feststellungen Stephen Hawkings: »Kurzfristig richten sich die Auswirkungen Künstlicher Intelligenz danach, wer sie kontrolliert. Langfristig richten sie sich danach, ob sie überhaupt kontrollierbar sind…«. [21]

In dem Abschnitt »Internet der Dinge« verwendet Schwab Formulierungen, die einen hypermetaphysischen, quasi theologischen Charakter haben: man könne »buchstäblich alles mit dem Internet verbinden«. »Es wird alles intelligent und ans Internet angeschlossen«, jedes Produkt werde an die allgegenwärtige Kommunikationsinfrastruktur angebunden, überall angebrachte Sensoren lassen die Menschen ihre Umwelt lückenlos wahrnehmen. [22] Aber in Anbetracht der rein technokratischen Basis dieser Prozesse gerät das Ganze konsequent und unausweichlich totalitär: Besonders prägnante Allmachtsphantasien entwickelt Schwab in der Analyse der Kontrolle des Individualverkehrs, wenn er feststellt, bis 2020 seien bis zu 290 Mio. Fahrzeuge ans Internet angeschlossen. Es wird deutlich, dass er Allmacht als einen Zustand versteht, in welchem man über eine Kontrolle der Bewegung der Massen verfügt. [23]

In dem Abschnitt »Das vernetzte Heim« beschreibt Schwab die komplex mit dem Internet vernetzte Wohnung und deren Gebrauchsgüter wie Haushaltsgeräte. [24] Die hier skizzierte Entwicklung läuft auf eine komplette Preisgabe der Unverletzlichkeit der Wohnung hinaus, die immer noch einen Grundwert von Verfassungsrang in den meisten westlichen Ländern darstellt. Diese Unverletzlichkeit wird annulliert durch die konsequente Omnipräsenz externer Steuerungsmechanismen.

Schwabs Schilderungen bewegen sich insofern völlig außerhalb technologischer Rationalität, als sie Formulierungen verwenden, die auf eine seltsame neue Form von Animismus zusteuern: Ein Auto kann »anweisen«, ein »Heim weiß, was Sie brauchen«, »Intelligente Städte bauen ihr Netz … aus.« [25] »KI kann nicht nur Auto fahren, sondern lernt auch …, Input zu geben.« [26]. Die hier skizzierte Pseudosubjektivität verschleiert, dass interessegeleitete Menschen Algorithmen generieren, die diese Prozesse lenken, nicht die »Dinge«!

Im Anhang »Tiefgreifende Veränderungen« macht Schwab Angaben zur radikalen Durchsetzung bestimmter digitaler Verfahren. [27] Die Aussagen einer Mehrheit von 800 befragten Managern beziehen sich auf einen Wendepunkt, ab dem die endgültige Durchsetzung dieser digitalen Verfahren im Jahr 2025 unaufhaltbar geworden sein soll. Die entsprechende Umfrage fand im Jahre 2015 statt. Es fällt auf, dass die Halbzeit für den Prozess zwischen Befragung und Erfüllung in die Phase des Beginns der Covid19-Pandemie (2020) fällt!

6. Das Destruktive ist offensichtlich – Schwab bemüht sich gar nicht, es zu vertuschen

Es wäre sicher legitim, bei einer einschneidenden Veränderung nicht nur die positiven Resultate, sondern auch Folgeschäden ins Auge zu fassen. Daran könnte sich die Fragestellung knüpfen, ob die zu erwartenden Schäden im Verhältnis zum positiven Ertrag hinnehmbar sind – oder ob es nicht die sinnvollere Entscheidung wäre, den Prozess zu stoppen oder ihn zumindest etwas gemächlicher zu regulieren.

Beim Weltwirtschaftsforum wird die Welt geshapt. Bildschirmfotos von der Netzseite des WEF.

Das Erstaunliche an Schwabs Schilderung ist die Ehrlichkeit, mit der er destruktive Folgen der Digitalisierung beschreibt – ohne Einsicht in die moralische Katastrophe, die dieses Eingeständnis signalisiert. Hier ein paar Kostproben erwartbarer Kollateralschäden der »Vierten Industriellen Revolution«:

Eine Studie aus dem Jahre 2010 ermittelte bei US-amerikanischen Collegestudenten einen Rückgang der Empathie um 40% im Vergleich mit einer Kontrollgruppe vor 20 oder 30 Jahren. [28]

Zitiert wird Nicholas Carr: Das Internet beeinträchtigt unsere kognitiven Fähigkeiten, verwirrt unser Denken und schwächt unser Erinnerungsvermögen. [29]

Herbert Simon (Wirtschaftsnobelpreisträger 1978) bekräftigte, dass Informationsreichtum Aufmerksamkeitsarmut zur Folge hat. [30] Empirische Untersuchungen belegten, dass das Gehirn von Managern sich infolge digitaler Informationüberflutung in einem permanenten Rauschzustand befinde. [31]

Eine gravierende Transformation der Medienbranche steht bevor: Nachrichten werden durch Algorithmen produziert werden! [32]

Der Aspekt der »Geschlechterungleichheit« zeigt deutlich die qualitative Einseitigkeit des Digitalen im Sinne eines patriarchalischen Syndroms. [33]

Das arbeitsmarktpolitische Resultat der Digitalisierung ergibt vor allem eine Dissoziation zwischen Intellekt und Physis – das bedeutet, dass es eine stete Zunahme von intellektuell hochwertigen Spezialisierungen geben wird, denen eine neue und zunehmende Klasse von Arbeiten gegenübersteht, die mit schweren körperlichen Anstrengungen verbunden ist. [34] Wir sehen also z.B. eine stetig zunehmende Zahl von Systemadministratoren im IT-Bereich und andererseits Heerscharen von »Klicksklaven«, Lieferdienstmitarbeitern und Paketboten.

Die beschriebenen Prozesse generieren neue Formen der Ausbeutung und Selbstausbeutung. [35]

Ein komplexer Reset wird angedeutet für soziale Aspekte des Arbeitsmarktes, die Steuererhebung, berufliche Fachkompetenz (Ärzte), die Privatsphäre und das Gleichheitsprinzip. Es wird anschaulich beschrieben, wie diese Lebensbereiche unter das Risiko geraten, gründlich dekonstruiert zu werden. [36]

Mit dem Verweis auf eine Studie von 2013 muss Schwab eingestehen, dass KI (Künstliche Intelligenz) für die gegenwärtige Struktur der Ökonomie ein Arbeitsplatzvernichtungsprogramm darstellt: Danach werden in den nächsten 10 – 20 Jahren 47% aller Stellen, die es 2010 in den USA noch gab, durch »Computerisierung« ersetzt werden: Das sind in absoluten Zahlen gerechnet mehr als 65 Millionen Stellen! [37]

Eine polizeistaatliche Philosophie wird in Verbindung mit ökologischem Mehrwert nahegelegt: »Beispiellose Überwachung städtischer Mobilitätsinfrastruktur«; durch Vernetzung intelligenter Lichtmasten erhält man in Echtzeit hochdetaillierte Informationen über jeden beliebigen Winkel des städtischen Raums. [38] Das Internet ermöglicht eine »wahllose, weitreichende und nahezu unvorstellbare Massenüberwachung« … »Eine Fülle von Forschungsergebnissen belegt, dass sich Menschen konformistischer und angepasster verhalten, wenn sie sich beobachtet fühlen.« [39]

Terrorismus und Kriegsführung nehmen durch Digitalisierung immer unkontrollierbarere Formen an und werden zu einer wachsenden Bedrohung. Das geht letztendlich bis hin zur Automatisierung der Auslösung von Kampfhandlungen! [40]

7. Im Angesicht einer digitalen Anthropologie: Mutation des Menschen vom technokratischen Statisten zum transhumanistischen Objekt

Entmenschlichung als Fortschrittsmodel

Schwab, Malleret: COVID-19: Der große Umbruch, Genf 2020

Im Verlauf der Beschreibung der Unausweichlichkeit der weltumgreifenden Digitalisierung scheint der Autor immer wieder humanistische Ambitionen zu zeigen: Er deutet einerseits an, dass hier ein dramatischer Eingriff in menschliches Leben stattfindet. [41] Und anschließend spiegelt er dann das Anliegen vor, durch intensive Überlegungen diese Dramatik abzumildern und das Bestmögliche für die Betroffenen herauszuholen.

Das könnte man ihm abnehmen, wenn er die Voraussetzungen aufzeigte, aus denen seine Besorgnis resultiert. Hat Klaus Schwab ein Bild vom Menschen, das ihm schützens- oder bewahrenswert erscheint, das folglich in dem von ihm beschriebenen Prozess gefährdet erschiene?

Das Gegenteil ist der Fall: Seine Anthropologie ist entweder extrem pathologisch oder durch und durch opportunistisch.

Eine fundamentale Kernaussage kennzeichnet die Konturlosigkeit des Schwabschen »Menschen«: Seine Wünsche und Bedürfnisse seien grundsätzlich unbegrenzt! [42] Diese Aussage könnte in ihrer ganzen Trivialität jedem beliebigen Marketing-Seminar entstammen. Wichtig ist aber die daraus resultierende Schlussfolgerung, die darauf hinausläuft, den Menschen als beliebig formbares Objekt zu betrachten. Und diese Formbarkeit wird nun konsequent nach den konkreten technologischen Möglichkeiten durchdekliniert als Einpassungsprozess des Menschenwesens in technologische Strukturen jeglicher Art.

Auf welche Weise das Digitale in Lebensprozesse eingreifen wird, umschreibt Schwab mit dem Begriff »Mensch-Maschine-Schnittstelle«. [43] Das Ziel: Es sollen immer engere Verflechtungen zwischen dem digitalen und dem physischen Leben eines Menschen entstehen, die Grenzen zwischen Mensch und Maschine würden verschwimmen. [44]

Beispielsweise beschreibt er eine systematische digitale Kontrolle des Einzelmenschen im Hinblick auf sein »Aktivitätsniveau« und seine »Produktivität«, ohne diese Praxis moralisch zu bewerten. [45] Treffende Beispiele kommen aus dem militärischen Bereich. Einem quasi vordemokratischen System, in dem die grundlegenden Interaktionen auf Befehl und Gehorsam beruhen: »Neuroprothetik kann künftig auch für militärische Zwecke eingesetzt werden«; »An das Hirngewebe angeschlossene Computersysteme« sowie »ins Gehirn implantierte Geräte« können Soldaten dirigieren, ihr Gedächtnis löschen oder Erinnerungen verändern. »Der Gefechtsraum der Zukunft ist das Gehirn« (Zitat James Giordano). [46]

Ziel der Neurotechnologie sei u.a. »die Überwachung der Hirntätigkeit« und mittels Neurofeedback »die Möglichkeit, Hirnaktivität in Echtzeit zu überwachen«. [47] Was dabei sofort ins Auge fällt: Schwab erwähnt nicht, wer hier der eigentliche Akteur ist und wer ggfls. als menschliches Objekt zu dienen hat. Mit der Umschreibung »Entkörperlichung der Kommunikation« wird suggeriert, dass Virtualisierung eine metaphysische Dimension aufweise – ohne zu berücksichtigen, dass es keine Virtualität ohne physische Hardware gibt. In jedem Fall darf der Leser sich nicht der Illusion hingeben, dass es sich hier um irreale Dystopien handle: Denn »Depressionssymptome bei Mäusen konnten durch künstliche Reaktivierung glücklicher Erinnerungen geheilt werden.« [48]

Eine Umfrage unter 800 Managern in 2015 prognostizierte bis 2025 die Einführung implantierbarer Mobiltelefone. Sie können zur Verhaltensüberwachung und Ortung sowie medizinisch genutzt werden. Auch zur Gedankenübermittlung und Gedankenkontrolle mittels Auswertung von Gehirnsignalen sind sie anwendbar. [49]

Der Abschnitt »Neurotechnologien« ist vielleicht das Highlight des Buches, da hier hingewiesen wird auf den ersten Menschen, »dem ein komplett künstliches Gedächtnis ins Gehirn eingepflanzt wurde«. [50] In diesem Ausklang seines Werkes beschreibt Schwab offen die Brücke der Digitalisierung zum Transhumanismus!

Sogenannte »Smart Dust«-Computer, die kleiner sind als ein Sandkorn, können in den menschlichen Körper eingeschleust werden – vorgeblich primär zu medizinischen Zwecken. [51]

Die bisher noch geltende Position, nach der der Mensch als Maschinenbenutzer, die Maschine hingegen als nutzbares Objekt fungiert, kehrt sich schließlich um: »Stellen Sie sich vor, dass uns Maschinen vorausdenken oder sogar für uns vordenken könnten. … Könnte diese Entwicklung möglicherweise dazu führen, dass die Menschen selbst irgendwann wie Roboter agieren?« [52]

Wenn auf diese Weise eine Enteignung des menschlichen Selbst stattgefunden hat, ist es überflüssig, auf der Verfügungsgewalt über persönlichen Besitz zu bestehen: Kleidung und Lesebrillen sollen mit dem Internet verknüpft sein, spätestens bis 2025 soll das für 10 Prozent aller Kleidungsstücke und Lesebrillen gelten. [53] Auch erübrigt sich die Grunderfahrung eines jeden biologischen Wesens, zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort auf dem Antlitz der Erde präsent zu sein: Zur Auslöschung dieser Grundkategorie menschlicher Existenz verhilft ein »digital umprogrammierbarer Raum« [54]: Das läuft auf eine gravierende Beeinträchtigung der menschlichen Wahrnehmung von Raum, Zeit und Identität hinaus!

Die Konsequenzen dieser »Neuformatierung« des Menschlichen für die menschliche Gesellschaft, also das Soziale, liegen auf der Hand: Egoismus (»Ich- zentrierte Gesellschaft«) ist einer der gesellschaftlichen Haupteffekte der Digitalisierung! [55] Schwab beschwört, scheinbar zurückrudernd, die Bedeutung der »Emotionalen Intelligenz« und nennt folgende Merkmale für sie: Selbstbewusstsein, Selbstregulierung, Motivation, Empathie und soziale Kompetenzen. Die ersten drei betreffen aber lediglich ichbezogene Eigenschaften! Derartig befähigte Führungskräfte seien »besser gerüstet, um wendiger und robuster zu werden.« [56]

Dann kann man auch noch zuguterletzt den Schritt machen, das Metaphysische aus der individuellen Erfahrung herauszulösen: Schwab definiert spirituelle (!) Intelligenz als Sinngebung in Form von kollektiven Zielsetzungen auf der Basis wechselseitigen Vertrauens (Dabei identifiziert er Sinn und Zweck! [57] Er kommt in klassischer technokratischer Mentalität gar nicht auf die Idee, dass Sinngebung und Nutzanwendung zwei verschiedene Dinge sein könnten). Herkömmlichen Fokussierungen auf spezifische Formen von Identität wird allerdings gleich ein Strich durch die Rechnung gemacht: Kulturelle und familiäre Identität wird transnational dekonstruiert. [58] Schwab träumt von einer Verstärkung globaler Mobilität im Zusammenhang mit Migration, für deren Beschleunigung und Optimierung empfiehlt er »entsprechende Anpassungen von Hoheitsrechten und -pflichten an die Rechte und Ambitionen Einzelner«. [59] Eine zunehmende »Fragmentierung und Polarisierung der Bevölkerung« wird als Begleiterscheinung der beschriebenen Prozesse gesehen, obwohl er eingestehen muss, dass das zu einem zentralen sozialen Problem gerät. [60]

Wie weit sich Schwab von einem humanistischen Minimalkonsens entfernt, wird an einer Bemerkung im Abschnitt »Big Data« deutlich. Hier versteigt er sich zu der Aussage, Bürger müssten Vertrauen in Daten und Algorithmen haben, die politischen oder verwaltungsmäßigen Entscheidungen künftig zugrundeliegen. [61] Aber ist Vertrauen nicht eine emotional verankerte Bewusstseinsleistung, die aus zwischenmenschlichen Interaktionen resultiert? Einer digitalen Sequenz Vertrauen entgegenzubringen, treibt den im Abschnitt zuvor skizzierten Pseudo-Animismus weiter auf die Spitze.

Am Beispiel selbstfahrender Autos macht Schwab eine ganz marginale Bemerkung, die aber von zentraler Bedeutung für den gesamten in diesem Buch beschriebenen Prozess ist. Er schreibt, das autonome Fahren schaffe »mehr Zeit für Arbeit und/oder den Konsum von Medieninhalten«. [62]

Das ist deshalb so wichtig, weil die Frage, was Menschen mit der freien Zeit, die ihnen die Automatisierung und Loslösung von eigener bewusster Anstrengung verschaffen kann, am Ende eigentlich anfangen sollen, das Kernproblem der ganzen Digitalisierung aufdeckt! Die zentrale Vision an diesem Punkt war ja der erhöhte Freiheitsgrad oder eine Inangriffnahme von Tätigkeiten einer höheren Ordnung, oder einfach nur der Hingabe an Muße.

Dies zu ersetzen durch den lapidaren Verweis auf die puritanisch-westliche Arbeitsethik oder einen zusätzlichen Input digitaler Kognitionen – das ist schon ein starkes Stück. Schwab ist entweder frech genug, uns Derartiges »unterzujubeln« – oder er ist als Technokrat gesellschaftlich und psychologisch so bewusstlos, dass ihm die Wahrnehmung für die Brisanz seines Unterfangens fehlt.

Im Abschnitt »Künstliche Intelligenz und Entscheidungsprozesse« verweist der Autor auf Tendenzen, Personen im Management durch Algorithmen zu ersetzen. Als positiver Effekt wird u.a. gewertet, dass es keinen irrationalen Überschwang mehr gebe. [63] Noch griffiger kann man die Entsorgung menschlicher Emotionalität wirklich nicht mehr beschreiben.

Wenn man auf diese Weise das menschliche Subjekt, seinen Geist und seine Seele digital unterjocht hat, fehlt nur noch der Eingriff in die biologische Basis des Ganzen: Im Abschnitt »Designer-Organismen« betrachtet Schwab die Geburt eines Menschen, dessen Genom direkt und gezielt überarbeitet wurde, als entscheidenden Wendepunkt. [64] Im Zusammenhang mit Designerbabys ergibt sich demnach zwangsläufig: Elternschaft wird Teil des Konsums, Kinder zu einer neuen Art von Ware. [65] Bezeichnenderweise erwähnt der Autor den Begriff der Eugenik mit keinem Wort, obwohl zielgerichtete eugenische Maßnahmen eigentlich die logische Konsequenz der entsprechenden Technologien sind. Die von ihm verwendete vornehmere Formulierung lautet »Ethische Dilemmata bezüglich der menschlichen Natur«. [66]

8. Wechselnde Begründungsmuster

Wie wir im Abschnitt I. feststellten, stehen die Bedürfnisse der »Investoren«, also der Kapitalbesitzer und -vermehrer an erster Stelle, um die Wichtigkeit und Notwendigkeit der digitalen Transformation unter Beweis zu stellen.

Allerdings dürfte auch Schwab klar sein, dass man allein mit Motiven besitzbürgerlicher Habgier niemand so recht überzeugen kann, diesen Weg mitzugehen. Die leeren Versprechungen der historischen Apologeten des Neokapitalismus, angefangen mit Margaret Thatcher über Tony Blair bis hin zu Gerhard Schröder haben sich als zu hohl erwiesen, um auch etwas tiefer Nachdenkende mit ins Boot zu nehmen.

Wir leben nun mal in einer medialen Epoche, in der die »jungen Idealisten« Konjunktur haben – auf deren Ideen und Träume gilt es, wenigstens ansatzweise einzusteigen.

Als idealistische Köder bieten sich folglich Sozialismus und Ökologie an, die dann in Schwabs Argumentation gewissermaßen die Rolle eines ideologischen Beifangs spielen.

So sieht der Autor beispielsweise Zusammenhänge zwischen dem IoT (Internet of Things = Internet der Dinge) und der Reduzierung von Treibhausgasemissionen (9,1 Milliarden Tonnen in 2020). [67]

Eine Vielzahl digitaler Routinen werden als Voraussetzung für einen ökologischen Mehrwert ausgegeben. [68] Diese digitalen Routinen betreffen vor allem eine flächendeckende Verbreitung von internetgebundenen Sensoren, mit denen der öffentliche Raum, Gebäude und Wohnungen ausgestattet werden sollen. So würde man die Verkehrsströme effizienter gestalten, was die Umweltverschmutzung verringert, man könnte Lichtverbrauch und Wärmenutzung im urbanen Raum optimieren. Das hört sich »nachhaltig« an – aber der Preis ist die allumfassende Kontrolle menschlicher Bewegung im öffentlichen Raum. Und damit eben auch die ökonomische Nutznießung gegenüber menschlicher Bewegungsfreiheit, was der Monetarisierung eines Grundrechts gleichkommt.

Die Weiterverwendung (Speicherung) von CO2 soll zu einem neuen profitablen Wirtschaftszweig werden. [69] Dieser Vorschlag aus dem Umkreis des Geoengineering überrascht wegen seiner fragmentarischen Dimension. Die gesamte Breite der Möglichkeiten dieser Technologien wird ebensowenig angerissen, wie der Komplex der alternativen Energieerzeugung.

Was aber auffallen muss, ist der fundamentale Widerspruch des ökologischen Denkens gegenüber den gesellschaftlichen und anthropologischen Prinzipien, wie sie in den Abschnitten I., V., VI. und VII. aufgezeigt werden. Denn die klassische Betrachtungsweise des Ökologischen war ja stets das Denken in natürlichen Zusammenhängen, in einer Weise, die der Ratio der Lebensgesetze, des Bios nachspürt. Die Philosophie des Digitalen und des Transhumanismus verkörpert genau den Gegenpol eines solchen Denkens: Die Apologeten der Digitalisierung scheinen der zeitgenössischen Ökologie nahezulegen, weniger auf Biologie und stattdessen auf Technokratie zu setzen.

Eine weitere Argumentationslinie zur Anpreisung der Digitalisierung ist der medizinische Bereich. Damit setzt man auf sehr persönliche Hoffnungen und Probleme jedes Einzelnen, die mit der Unausweichlichkeit von Krankheit und Tod verbunden sind. Dabei zeigt sich, dass man bei den extremsten Eingriffen in die menschliche Eigenständigkeit und Unversehrtheit des menschlichen Organismus am erfolgreichsten mit Gesundheitsargumenten agiert. Wer hat schon die Stirn, einem Gelähmten die Implantation des mit dem Internet verbundenen Gehirnschrittmachers zu verweigern, wenn er dadurch wieder ein eigenständiges Leben zu führen vermag. Der ethisch-moralische Druck verführt schnell dazu, weitere Folgen für die Freiheit des Einzelnen oder Gesichtspunkte der monetären Verwertung auszublenden.

Bei der Besprechung verschiedener technologischer Möglichkeiten erwähnt Schwab immer wieder konkrete medizinische Anwendungen, obwohl das Thema der medizinischen Versorgung nie auf einer Metaebene diskutiert wird. Lediglich im Abschnitt »Innovationsfördernde Regulierung« findet sich der Passus »digitale Gesundheit«, ohne dass überhaupt gesagt wird, was man darunter verstehen kann. [70]

»Digitale Gesundheit« wird in einem Atemzug mit 5G, kommerziellen Drohnen, und dem Internet der Dinge aufgeführt. Es wird angeraten, dass einzelne Länder in diesen Bereichen Anpassungsprozesse an globale Maßstäbe vollziehen sollten, damit sie zu den »Gewinnern« und nicht zu den »Verlierern« gehören. Das läuft darauf hinaus, nicht nur die einzelstaatliche Souveränität im Gesundheitswesen auszuhöhlen – seine konsequente Ökonomisierung und die Anbindung an die Kapitalmärkte ist eingeschlossen.

Editorische Anmerkung: Um dem Eindruck entgegenzutreten, dass der Rezensent etwas in Klaus Schwabs Gedankengänge hineinprojiziert oder hineindeutet, was nicht wirklich darin enthalten ist, wurden eine Vielzahl von Belegstellen als Anmerkungen beigegeben. Sie beziehen sich auf die Seitenzahlen (z. T. mit dem betreffenden Seitenabschnitt in Klammern) der 1. Auflage München 2016.


Fundstellen:


  1. S. 43
  2. S. 48, S. 50 f.
  3. S. 100
  4. S. 89 f.
  5. S. 91 (2)
  6. S. 104 f.
  7. S. 107
  8. S. 115
  9. S. 119
  10. S. 131
  11. S. 134 ff.
  12. S. 210
  13. S. 51 (1)
  14. S. 16 ff.
  15. S. 57 (3), S. 58 (2), S. 61, S. 96 (3)
  16. S. 98 (1)
  17. S. 145 f.
  18. S. 164 f.
  19. S. 13 (5)
  20. S. 84
  21. S. 147
  22. S. 190 f.
  23. S. 193
  24. S. 193–196
  25. S. 193–196
  26. S. 203
  27. S. 171 ff.
  28. S. 150
  29. S. 151
  30. S. 151 f.
  31. S. 152
  32. S. 64
  33. S. 66 ff.
  34. S. 70
  35. S. 74 ff.
  36. S. 109 ff.
  37. S. 205
  38. S. 121
  39. S. 153
  40. S. 126 ff.
  41. S. 23 (1), S. 24 (2), S. 31 (2)
  42. S. 59
  43. S. 32
  44. S. 93, S. 175, S. 227
  45. S. 41 (2)
  46. S. 132 f.
  47. S. 226
  48. S. 228
  49. S. 172
  50. S. 225
  51. S. 174
  52. S. 149 f.
  53. S. 45, S. 179
  54. S. 120
  55. S. 140 f.
  56. S. 159
  57. S. 160
  58. S. 124 f., S. 140 (2)
  59. S. 125 f.
  60. S. 103
  61. S. 199
  62. S. 202
  63. S. 203
  64. S. 223
  65. S. 149
  66. S. 224
  67. S. 100
  68. S. 120 f.
  69. S. 102 (2)
  70. S. 113 (2)

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