Die Goldstein-Fragmente – Krieg ist Frieden

Zuletzt aktualisiert am 31. Oktober 2021.

Die Goldstein-Fragmente wurden von Eric Arthur Blair entdeckt und im Jahr 1949 veröffentlicht. Erhalten sind nur zwei Kapitel des berüchtigten Buches »Theorie und Praxis des oligarchischen Kollektivismus«, das der Partei-Renegat und Erzketzer Emmanuel Goldstein verfasste. Das eine trägt die Überschrift »Unwissenheit ist Stärke«, das andere »Krieg ist Frieden«. Letzteres beschäftigt sich mit der Bedeutung eines permanenten Kriegszustands für die Aufrechterhaltung von Elitenherrschaft. Dabei ist nebensächlich, ob der Krieg gegen einen realen oder einen imaginären Feind oder ob er überhaupt geführt wird. Entscheidend ist die Wirkung des permanenten Kriegszustandes auf das Bewusstsein der Bevölkerung und der herrschenden Eliten. Seine Funktion ist die Erzeugung von Feindbildern, die Überwachung und Auslöschung von Dissidenz und die Rechtfertigung von Mangelwirtschaft. – Neu übersetzt von Lorenzo Ravagli.

Die Goldstein-Fragmente – Krieg ist Frieden

Die Aufteilung der Welt in drei große Superstaaten war ein Ereignis, das bereits vor der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts vorauszusehen war und auch tatsächlich vorausgesehen wurde. Mit der Einverleibung Europas durch Russland und des Britischen Empires durch die Vereinigten Staaten waren bereits zwei der drei heute bestehenden Mächte – Eurasien und Ozeanien – in Erscheinung getreten.

Die dritte, Ostasien, formte sich erst nach einem weiteren Jahrzehnt verworrener Kämpfe als deutliche Einheit. Die Grenzen zwischen den drei Superstaaten sind teils willkürlich, teils schwanken sie je nach Kriegsglück, aber im Allgemeinen folgen sie geographischen Gegebenheiten. Eurasien umfasst den gesamten nördlichen Teil der europäischen und asiatischen Landmasse von Portugal bis zur Bering-Straße. Ozeanien Nord- und Südamerika, die Inseln im Atlantischen Ozean, die britischen eingeschlossen, Australasien und den südlichen Teil von Afrika. Ostasien, kleiner als die beiden anderen und mit einer weniger klaren Westgrenze, umfasst China und die südlich von ihm gelegenen Länder, die japanischen Inseln und einen großen, aber fluktuierenden Teil der Mandschurei, die Mongolei und Tibet.

Goldstein-Fragmente Krieg ist Frieden

Die Weltmächte 1984 – eine tripolare Weltordnung.

In der einen oder anderen Kombination liegen diese drei Superstaaten ständig miteinander im Krieg, wie bereits in den letzten fünfundzwanzig Jahren. Aber das Wort Krieg hat eine andere Bedeutung angenommen: er ist nicht mehr der verzweifelte Vernichtungskampf der ersten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts. Er ist ein Waffengang mit beschränkten Zielen zwischen kriegführenden Mächten, die unfähig sind, sich gegenseitig zu vernichten, die keinen materiellen Kriegsgrund haben und durch keinen echten ideologischen Unterschied voneinander getrennt sind. Das heißt nicht, dass die Kriegsführung oder die vorherrschende Einstellung zu ihr weniger blutrünstig oder ritterlicher geworden wäre.

Im Gegenteil, die Kriegshysterie ist ständig in allen Ländern vorhanden, und Verbrechen wie Vergewaltigung, Plünderung, Kindermord, Verschleppung ganzer Bevölkerungsteile in die Sklaverei und Repressalien gegen Gefangene, die sogar so weit gehen, sie bei lebendigem Leib zu sieden und zu verbrennen, werden als normal und, wenn sie von der eigenen Seite und nicht vom Feind begangen werden, als verdienstvoll betrachtet. Aber physisch betrifft der Krieg nur eine sehr geringe Anzahl von Menschen, hauptsächlich durchtrainierte Spezialisten, und verursacht vergleichsweise wenige Opfer.

Der Kampf, wenn es überhaupt einen gibt, spielt sich an den unbestimmten Grenzen ab, über deren Verlauf der einfache Mann nur Vermutungen anstellen kann, oder um die Schwimmenden Festungen herum, die strategische Punkte der Seewege bewachen. In den Zentren der Zivilisation bedeutet Krieg lediglich einen dauernden Mangel an Konsumgütern und hin und wieder den Einschlag einer Raketenbombe, der ein paar Todesfälle verursachen mag. Der Krieg hat in der Tat seinen Charakter geändert. Genauer gesagt, hat sich die Rangordnung der Kriegsgründe verändert. Motive, die in den großen Kriegen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts nur eine kleine Rolle spielten, sind jetzt dominant geworden. Sie werden bewusst anerkannt und als Rechtfertigung angeführt.

Um den Charakter des gegenwärtigen Krieges zu verstehen – denn trotz der alle paar Jahre erfolgenden Umgruppierung handelt es sich immer um denselben Krieg –, muss man vor allem begreifen, dass er unmöglich beendet werden kann. Keiner der drei Superstaaten könnte endgültig unterworfen werden, auch nicht, wenn sich die beiden anderen verbünden. Sie sind sich zu ebenbürtig und ihre natürlichen Schutzwälle zu gewaltig. Eurasien wird von seinen riesigen Landflächen geschützt, Ozeanien durch die Ausdehnung des Atlantischen und des Pazifischen Ozeans, Ostasien durch die Fruchtbarkeit und den Fleiß seiner Bewohner. Zweitens gibt es nichts mehr, um das man in einem materiellen Sinn kämpfen könnte.

Seit der Errichtung autarker Wirtschaftsräume mit aufeinander abgestimmter Produktion und Konsumtion, ist das Gerangel um Märkte, das eine Hauptursache früherer Kriege war, zu einem Ende gekommen, und der Wettstreit um Rohstoffe stellt keine Frage von Leben und Tod mehr dar. Jedenfalls ist jeder der drei Superstaaten so groß, dass er fast alle benötigten Rohstoffe innerhalb seiner eigenen Grenzen finden kann. Soweit der Krieg überhaupt noch einen wirtschaftlichen Zweck hat, wird er um Arbeitskräfte geführt.

Zwischen den Grenzen der Superstaaten liegt ein mehr oder weniger viereckiges Gebiet, das keiner von ihnen dauernd besitzt, in dem etwa ein Fünftel der Bevölkerung der Erde lebt. Seine Ecken bilden Tanger, Brazzaville, Darwin und Hongkong. Um den Besitz dieser stark bevölkerten Regionen und den der Polkappe kämpfen die drei Mächte in einem fort. In der Praxis beherrscht keine der Mächte jemals das gesamte umstrittene Gebiet. Teile davon wechseln andauernd den Besitzer, und die Chance, den einen oder anderen Bruchteil mit Hilfe eines plötzlichen Verrats zu besetzen, bestimmt den endlosen Wandel der Allianzen.

Alle umstrittenen Gebiete sind reich an wertvollen Mineralien, manche erzeugen wichtige Pflanzenprodukte wie Gummi, der in kälteren Klimazonen durch vergleichsweise kostspielige Methoden synthetisch erzeugt werden muss. Aber vor allem enthalten sie ein unerschöpfliches Reservoir billiger Arbeitskräfte. Welche Macht auch immer Äquatorial-Afrika oder die Länder des mittleren Ostens oder Südindien oder den Indonesischen Archipel beherrscht, sie verfügt damit über Hunderte Millionen schlecht bezahlter und schwer arbeitender Kulis. Die Bewohner dieser Gebiete, die mehr oder weniger offen auf ihr Sklavendasein reduziert sind, gehen dauernd von Eroberer zu Eroberer über und werden wie Kohle oder Öl ausgebeutet, in einem Wettlauf, mehr Waffen zu produzieren, mehr Gebiete zu erobern, mehr Arbeitskräfte zu kontrollieren, und so weiter und so fort. Man sollte erwähnen, dass die Kämpfe nie wirklich über die Grenzen der umstrittenen Gebiete hinausgehen.

Die Grenzen Eurasiens bewegen sich zwischen dem Kongobecken und der Nordküste des Mittelmeers hin und her; die Inseln des Indischen Ozeans und des Pazifik werden ständig von Ozeanien oder Ostasien erobert und wieder zurückerobert; die Grenze zwischen Eurasien und Ostasien in der Mongolei ist niemals stabil; rund um den Pol erheben alle drei Mächte Anspruch auf riesige Gebiete, die faktisch weitgehend unbewohnt und unerforscht sind; aber das Gleichgewicht der Kräfte bleibt stets ungefähr gleich und das Kerngebiet jedes Superstaates unangetastet. Hinzu kommt, dass die Arbeit der ausgebeuteten Völker rund um den Äquator für die Weltwirtschaft nicht wirklich nötig ist. Sie tragen nichts zur Vermehrung des Wohlstands der Welt bei, weil alles, was sie erzeugen, für den Krieg genutzt wird und das Ziel jeder Kriegsführung ist, stets noch besser für den nächsten Krieg gerüstet zu sein. Durch ihre Arbeit ermöglichen die Sklavenvölker eine Beschleunigung der dauernden Kriegsführung. Aber wären sie nicht existent, wäre die Struktur der Weltgesellschaft und der Prozess, durch den sie sich erhält, nicht wesentlich anders.

Die Goldstein-Fragmente

1984 – neu übersetzt von Jan Strümpel

Das Hauptziel der modernen Kriegsführung (das in Übereinstimmung mit den Prinzipien des Zwiedenk von den Vordenkern der Inneren Partei gleichzeitig zugegeben und geleugnet wird) besteht im Verbrauch der maschinellen Produktion, ohne den allgemeinen Lebensstandard zu heben. Seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts lauerte in der industrialisierten Gesellschaft schon immer das Problem, was mit dem Überangebot an Konsumgütern geschehen sollte. In der Gegenwart, in der viele Menschen nicht einmal genug zu essen haben, ist dieses Problem offensichtlich nicht dringlich und wäre es vielleicht auch nie geworden, auch wenn keine künstlichen Vernichtungsprozesse am Werk wären. Die Welt von heute ist ein kahler, hungriger, heruntergekommener Ort, verglichen mit der Welt vor 1914, erst recht, wenn man sie mit der imaginären Zukunft vergleicht, der die Menschen damals freudig entgegensahen. Im frühen zwanzigsten Jahrhundert gehörte die Vision einer durchorganisierten, effizienten Gesellschaft, die in Überfluss und Muße schwelgen würde, – einer schimmernden, antiseptischen Welt aus Glas, Stahl und schneeweißem Beton – zur Vorstellungswelt nahezu jedes gebildeten Menschen. Wissenschaft und Technik entwickelten sich mit wunderbarer Geschwindigkeit, und ihre ständige Weiterentwicklung schien unausweichlich. Das geschah jedoch nicht, teils infolge der Verarmung durch eine lange Reihe von Kriegen und Revolutionen, teils, weil der wissenschaftliche und technische Fortschritt von einem erfahrungsgestützten Denken abhing, das in einer diktatorisch kontrollierten Gesellschaft nicht überleben konnte.

Insgesamt ist die Welt heute primitiver, als sie es vor fünfzig Jahren war. Gewisse rückständige Regionen machten zwar Fortschritte, und verschiedene Geräte, die alle irgendwie mit Kriegsführung oder polizeilicher Überwachung zusammenhängen, wurden weiterentwickelt, aber Experiment und Erfindung haben so gut wie aufgehört, und die Verheerungen des Atomkrieges der 1950er Jahre wurden nie ganz beseitigt.

Die der Maschine innewohnenden Gefahren jedoch sind geblieben. Von dem Augenblick an, als die Maschine zum ersten Mal in Erscheinung trat, war für alle denkenden Menschen klar, dass die Notwendigkeit menschlicher Plackerei, und damit zum großen Teil auch die Ungleichheit der Menschen, verschwunden war. Wenn die Maschine bewusst zu diesem Zweck verwendet worden wäre, dann hätten Hunger, Überstunden, Schmutz, Unbildung und Krankheit in ein paar Generationen überwunden werden können. Und in der Tat: Ohne dass sie zu einem solchen Zweck eingesetzt worden wäre, sondern durch eine Art automatischen Prozess – indem sie nämlich Reichtum produzierte, den zu verteilen manchmal unmöglich war – hob die Maschine den Lebensstandard der Durchschnittsbevölkerung während eines Zeitraums von ungefähr fünfzig Jahren am Ende des neunzehnten und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts beträchtlich.

Aber es war auch klar, dass ein allgemein wachsender Wohlstand eine hierarchische Gesellschaft zu zerstören drohte, ja, sie in einer gewissen Weise tatsächlich zerstörte. In einer Welt, in der jedermann nur wenige Stunden arbeiten würde, genug zu essen hätte, in einem Haus mit Badezimmer und Kühlschrank wohnen würde, ein Auto oder sogar ein Flugzeug besitzen würde, wäre die augenfälligste und vielleicht wichtigste Form der Ungleichheit bereits verschwunden. Wäre dieser Wohlstand erst einmal allgemein verbreitet, würde er keinen Unterschied mehr machen.

Es war zweifellos möglich, sich eine Gesellschaft vorzustellen, in der Reichtum im Sinne von persönlichem Besitz und Luxus gleichmäßig verteilt war, während die Macht in den Händen einer kleinen privilegierten Kaste lag. Aber in der Praxis konnte eine solche Gesellschaft nicht lange stabil bleiben. Denn sobald alle denselben Überfluss und dieselbe Sicherheit genossen, würde die große Masse der Menschen, die normalerweise durch Armut abgestumpft ist, sich bilden und selbständig denken lernen; und wäre sie erst so weit, würde sie früher oder später realisieren, dass die privilegierte Minderheit keinerlei Funktion hat, und würde sie hinwegfegen. Auf lange Sicht war eine hierarchische Gesellschaft nur auf der Basis von Armut und Unwissenheit möglich.

Zur Agrargesellschaft der Vergangenheit zurückzukehren, wovon einige Denker zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts träumten, war keine praktikable Lösung. Sie stand im Konflikt mit der Tendenz zur Mechanisierung, die sich fast auf der ganzen Welt quasi instinktiv ausbreitete, und außerdem war jedes industriell zurückgebliebene Land in militärischer Hinsicht hilflos und dazu verurteilt, direkt oder indirekt unter die Herrschaft seiner weiter fortgeschrittenen Rivalen zu geraten.

Es war auch keine befriedigende Lösung, die Massen dadurch in Armut zu halten, dass man die Herstellung von Konsumgütern drosselte. Das geschah in großem Maß während der letzten Phase des Kapitalismus, ungefähr zwischen 1920 und 1940. In vielen Ländern stagnierte die Wirtschaft, blieben Felder unbebaut, wurden veraltete Maschinen nicht erneuert, große Teile der Bevölkerung am Arbeiten gehindert und durch staatliche Unterstützung halbwegs am Leben gehalten. Aber auch das brachte militärische Schwäche mit sich, und da die damit verbundenen Opfer offensichtlich unnötig waren, blieb die Opposition nicht aus. Das Problem bestand darin, wie sich die Räder der Industrie weiterdrehen konnten, ohne dass sich der wirkliche Wohlstand der Welt erhöhte. Konsumgüter mussten zwar produziert, sie durften aber nicht unter die Leute gebracht werden. Und in der Praxis war der einzige Weg, das zu erreichen, der immerwährende Krieg.

Die Hauptwirkung des Krieges ist Zerstörung, nicht notwendigerweise von Menschenleben, sondern von Erzeugnissen menschlicher Arbeit. Der Krieg ist eine Methode, um Materialien, die sonst dazu benützt werden könnten, den Wohlstand der Massen zu erhöhen und sie damit auf lange Sicht zu intelligent zu machen, in Stücke zu sprengen, in der Stratosphäre zu verpulvern oder in der Tiefe des Meeres zu versenken. Sogar wenn Kriegswaffen nicht wirklich zerstört werden, ist ihre Herstellung doch ein geeigneter Weg, Arbeitskraft auszubeuten, ohne etwas zu erzeugen, was konsumiert werden kann. Eine Schwimmende Festung beispielsweise verschlingt eine Arbeitsleistung, mit der man mehrere hundert Frachtschiffe bauen könnte. Am Ende wird sie abgewrackt, ohne jemals irgendjemandem wirklichen Nutzen gebracht zu haben, und mit einem weiteren riesigen Arbeitsaufwand wird eine neue Schwimmende Festung gebaut.

Im Prinzip wird die Kriegsanstrengung immer so organisiert, dass sie jeden Überschuss auffrisst, der nach der Befriedigung der nackten Bedürfnisse der Bevölkerung übrigbleiben könnte. In der Praxis werden die Bedürfnisse der Bevölkerung immer unterschätzt, mit dem Ergebnis, dass die Hälfte aller lebenswichtigen Güter nicht verfügbar ist; aber das wird als Vorteil betrachtet. Es ist politische Absicht, sogar die bevorzugten Gruppen am Rande der Not zu halten, denn allgemeiner Mangel hebt die Bedeutung kleiner Privilegien hervor und vergrößert so den Unterschied zwischen den verschiedenen Gruppen.

Verglichen mit den Standards des frühen zwanzigsten Jahrhunderts führt selbst ein Mitglied der Inneren Partei ein karges, mühsames Leben. Dennoch lebt es aufgrund der wenigen Vorzüge, die es genießt – seiner großen, gut eingerichteten Wohnung, dem besseren Stoff seiner Anzüge, der besseren Qualität seines Essens, seiner Getränke und seines Tabaks, seiner zwei oder drei Dienstboten, seines Privatautos oder Helikopters – in einer anderen Welt, als ein Mitglied der Äußeren Partei, und die Mitglieder der Äußeren Partei genießen einen ähnlichen Vorteil gegenüber den unterdrückten Massen, die wir als »Proles« bezeichnen. Die soziale Atmosphäre gleicht der einer belagerten Stadt, in der der Besitz eines Stückes Pferdefleisch den Unterschied zwischen Reichtum und Armut ausmacht.

Gleichzeitig lässt das Bewusstsein, im Kriegszustand und deshalb in Gefahr zu sein, die Übergabe der gesamten Macht in die Hände einer kleinen Kaste als natürliche, unvermeidliche Bedingung des Überlebens erscheinen.

Der Krieg vollbringt nicht nur, wie sich zeigen wird, das notwendige Zerstörungswerk, er vollbringt es auch in einer psychologisch annehmbaren Form. Im Prinzip wäre es ganz einfach, die überschüssige Arbeit der Welt dadurch zu verschwenden, dass man Tempel und Pyramiden baut, Löcher gräbt und wieder zuschüttet, oder sogar große Mengen von Gütern erzeugt und sie dann verbrennt. Aber das würde nur die ökonomische, nicht die emotionale Basis für eine hierarchische Gesellschaft schaffen. Es geht dabei nicht um die Moral der Massen. Ihre Einstellung ist unwichtig, solange sie arbeiten. Vielmehr geht es um die Moral der Partei. Sogar vom einfachsten Parteimitglied wird erwartet, dass es kompetent, fleißig, ja sogar in engen Grenzen intelligent ist, aber es muss ebenso notwendig ein gläubiger und ignoranter Fanatiker sein, dessen vorherrschende Gefühlsregungen Furcht, Hass, Speichelleckerei und orgiastischer Triumph sind.

Mit anderen Worten, das Parteimitglied muss eine dem Kriegszustand entsprechende Mentalität besitzen. Es spielt keine Rolle, ob wirklich Krieg geführt wird, und da ein entscheidender Sieg ohnehin nicht möglich ist, kommt es auch nicht darauf an, ob der Krieg gut oder schlecht verläuft. Man braucht nichts als den Kriegszustand.

Die kognitive Dissonanz, die die Partei von ihren Mitgliedern verlangt, die in einer Atmosphäre des Krieges leichter erreicht wird, ist heute fast bei allen verbreitet, aber je höher man aufsteigt, um so ausgeprägter wird sie. Gerade in der Inneren Partei sind Kriegshysterie und Feindeshass am stärksten verbreitet.

In seiner Eigenschaft als Administrator muss ein Mitglied der Inneren Partei oft wissen, dass diese oder jene Kriegsnachricht unwahr ist, und es mag häufig auch wissen, dass der ganze Krieg fiktiv ist und entweder gar nicht stattfindet oder aus ganz anderen als den angegebenen Gründen. Aber dieses Wissen wird leicht durch die Anwendung der Technik des Zwiedenk neutralisiert. Mittlerweile schwankt kein Inneres Parteimitglied einen Augenblick in seinem mystischen Glauben, dass der Krieg real ist und mit einem Sieg enden muss, aus dem Ozeanien als der unbestrittene Herrscher der ganzen Welt hervorgeht.

Alle Mitglieder der Inneren Partei glauben an den bevorstehenden Sieg wie an einen Glaubensartikel. Erreicht wird er entweder, indem man langsam immer mehr Gebiete erobert und so eine erdrückende Machtüberlegenheit aufbaut, oder durch die Entdeckung einer neuen Waffe, gegen die es keine Gegenwehr gibt. Die Suche nach neuen Waffen geht ununterbrochen weiter und ist eine der wenigen übriggebliebenen Tätigkeiten, in denen der Erfinder- oder Forschergeist noch akzeptiert wird. In Ozeanien hat heutigen Tags die Wissenschaft im althergebrachten Sinne fast aufgehört zu existieren.

In Neusprech gibt es kein Wort für »Wissenschaft«. Die empirische Denkweise, auf der alle wissenschaftlichen Errungenschaften der Vergangenheit fußten, widerspricht den fundamentalsten Prinzipien von Ingsoz. Und sogar ein technologischer Fortschritt findet nur statt, wenn seine Erzeugnisse in irgendeiner Weise zur Einschränkung der menschlichen Freiheit benutzt werden können. Bei allen sonstigen Techniken steht die Welt entweder still oder macht einen Rückschritt. Die Äcker werden mit Pferdepflügen bestellt, während Bücher von Maschinen geschrieben werden. Aber in lebenswichtigen Dingen – womit in Wirklichkeit Krieg und polizeiliche Überwachung gemeint sind – wird die empirische Methode auch heute noch ermutigt oder wenigstens geduldet.

Die Partei hat zwei Ziele: die ganze Erdoberfläche zu erobern und ein für alle Mal die Möglichkeit unabhängigen Denkens auszulöschen.

Infolgedessen gibt es zwei große Probleme, deren Lösung die Partei anstrebt. Das eine ist, die Gedanken eines anderen Menschen auszuforschen, ohne dass er sich dagegen wehren kann und das andere, wie man mehrere hundert Millionen Menschen in ein paar Sekunden ohne vorhergehende Warnung töten kann. Soweit es noch wissenschaftliche Forschung gibt, ist dies ihr Hauptgegenstand.

Der heutige Wissenschaftler ist entweder eine Mischung aus Psychologe und Inquisitor, der mit außergewöhnlicher Akribie die Bedeutung von Gesichtsausdrücken, Gebärden und Stimmschwankungen studiert und die Eignung von Drogen, Schocktherapie, Hypnose und körperlicher Folterung für die Abpressung von Geständnissen testet. Oder er ist ein Chemiker, Physiker oder Biologe, der sich nur mit solchen Fragen seines Spezialfachs beschäftigt, bei denen es um die Vernichtung von Leben geht.

In den riesigen Laboratorien des Friedensministeriums und den Versuchsstationen, die in den brasilianischen Wäldern, der australischen Wüste oder auf den abgelegenen Inseln der Antarktis versteckt sind, arbeiten Expertengruppen unermüdlich an solchen Aufgaben. Manche sind lediglich mit der Logistik künftiger Kriege beschäftigt. Andere entwickeln größere und immer größere Raketenbomben, Sprengstoffe von immer verheerenderer Wirkung und immer undurchdringlichere Panzerungen. Wieder andere suchen nach neuen und tödlicheren Gasen oder nach löslichen Giften, die in solchen Mengen produziert werden können, dass die Vegetation ganzer Kontinente durch sie vernichtet werden kann, oder nach Krankheitskeimen, die gegen alle Antikörper resistent sind. Andere versuchen, ein Fahrzeug zu konstruieren, das sich unter der Erde wie ein Unterseeboot fortbewegt, oder ein Flugzeug, das von seinem Stützpunkt so unabhängig ist wie ein Segelschiff. Andere erforschen sogar noch entlegenere Möglichkeiten, wie zum Beispiel, die Sonnenstrahlen in Linsen zu sammeln, die Tausende von Kilometern entfernt im Raum aufgehängt sind, oder künstliche Erdbeben und Flutwellen hervorzurufen, indem die Hitze im Erdinneren angezapft wird.

Aber keines dieser Projekte kommt jemals der Verwirklichung nahe, und keiner der drei Superstaaten erlangt jemals einen bedeutenden Vorsprung vor den anderen. Noch bemerkenswerter ist, dass alle drei Mächte mit der Atombombe bereits eine weit mächtigere Waffe besitzen, als einer ihrer derzeitigen Versuche jemals hervorzubringen verspricht.

Auch wenn die Partei ihrer Gewohnheit gemäß die Erfindung für sich beansprucht, traten die Atombomben bereits in den 1940er Jahren in Erscheinung und wurden zum ersten Mal in großem Umfang etwa zehn Jahre später angewendet. Zu der Zeit wurden einige hundert Bomben auf Industriezentren, hauptsächlich im europäischen Russland, in Westeuropa und Nordamerika abgeworfen. Ihre Wirkung überzeugte die herrschenden Gruppen aller Länder, dass ein paar Atombomben mehr zum Ende jeder geordneten Gesellschaft und damit zum Ende ihrer eigenen Macht führen würden. Danach wurden keine Atombomben mehr abgeworfen, obwohl es nie ein formelles Abkommen gab oder ein solches auch nur angedeutet wurde. Alle drei Mächte fahren lediglich fort, Atombomben herzustellen und sie für die entscheidende Gelegenheit aufzustapeln, von der sie alle glauben, dass sie früher oder später kommen wird.

In der Zwischenzeit ist die Kriegskunst dreißig oder vierzig Jahre lang praktisch stehengeblieben. Helikopter werden mehr benützt als früher, Bomber wurden größtenteils durch selbstgesteuerte Raketen ersetzt, und das leicht verwundbare, bewegliche Schlachtschiff ist der nahezu unversenkbaren Schwimmenden Festung gewichen; aber sonst gab es wenig Weiterentwicklung. Der Panzer, das Unterseeboot, der Torpedo, das Maschinengewehr, sogar das gewöhnliche Gewehr und die Handgranate sind noch immer im Gebrauch. Und ungeachtet der endlosen, von Presse und Fernsehen gemeldeten Gemetzel, kam es nie wieder zu den verzweifelten Schlachten früherer Kriege, in denen oft in ein paar Wochen Hunderttausende oder sogar Millionen von Menschen getötet wurden.

Die Goldstein-Fragmente

1984 – neu übersetzt von Simone Fischer

Keiner der drei Superstaaten unternimmt je ein Manöver, das die Möglichkeit einer schweren Niederlage in sich schließt. Wenn eine große Operation stattfindet, dann handelt es sich gewöhnlich um einen Überraschungsangriff gegen einen Verbündeten. Die Strategie, die alle drei Mächte verfolgen oder zu verfolgen vorgeben, ist die gleiche. Der Plan ist, durch eine Kombination von Kampfhandlungen, Verhandlungen und zeitlich gut berechnetem Verrat einen Ring von Stützpunkten zu erwerben, der den einen oder anderen der rivalisierenden Staaten vollkommen einschließt, und dann mit diesem Rivalen einen Freundschaftspakt zu schließen und so viele Jahre friedliche Beziehungen mit ihm zu unterhalten, dass jeder Argwohn auf der Gegenseite verschwindet. Während dieser Zeit können Atomraketen an allen strategisch wichtigen Punkten platziert werden; schließlich werden sie alle gleichzeitig abgeschossen, mit so verheerender Wirkung, dass eine Vergeltung unmöglich ist. Danach kann man mit der übriggebliebenen Weltmacht einen Freundschaftspakt schließen, um einen weiteren Angriff vorzubereiten. Dieser Plan ist, wie kaum gesagt werden muss, ein Tagtraum, der unmöglich verwirklicht werden kann. Außerdem kommt es nie zu Kampfhandlungen, außer in den um den Äquator und den Pol gelegenen umstrittenen Gebieten; es gibt nie eine Invasion in feindliches Gebiet. Das erklärt die Tatsache, dass an manchen Orten die Grenzen zwischen den Superstaaten willkürlich sind. Eurasien könnte zum Beispiel leicht die Britischen Inseln erobern, die geographisch einen Teil Europas bilden. Für Ozeanien wiederum wäre es möglich, seine Grenzen bis zum Rhein oder sogar bis zur Weichsel vorzuschieben. Das aber würde das Prinzip der kulturellen Integrität verletzen, das alle Seiten einhalten, auch wenn es nie ausgesprochen wurde. Würde Ozeanien die Gebiete erobern, die einst Frankreich und Deutschland genannt wurden, wäre es notwendig, entweder die Bewohner auszulöschen – eine physisch sehr schwierige Aufgabe – oder eine Bevölkerung von rund hundert Millionen Menschen zu assimilieren, die in der technischen Entwicklung ungefähr auf der Stufe von Ozeanien steht.

Das Problem ist für alle drei Superstaaten das gleiche. Es ist absolut notwendig für ihre Struktur, dass es keinen Kontakt mit Fremden gibt, außer in begrenztem Maß mit Kriegsgefangenen und farbigen Sklaven. Sogar der jeweilige offizielle Verbündete wird stets mit dem dunkelsten Argwohn betrachtet. Abgesehen von Kriegsgefangenen, bekommt der Durchschnittsbürger von Ozeanien nie einen Bewohner Eurasiens oder Ostasiens zu Gesicht, und die Kenntnis fremder Sprachen ist verboten. Wäre ihm der Kontakt mit Fremden erlaubt, würde der Durchschnittsbürger entdecken, dass sie Geschöpfe sind wie er und dass das meiste, was man ihm über sie erzählt hat, erlogen ist. Die Geschlossenheit der Welt, in der er lebt, wäre durchbrochen, und Furcht, Hass und Selbstgerechtigkeit, von denen seine richtige Haltung abhängt, könnten sich verflüchtigen. Daher ist auf allen Seiten klar, dass die Hauptgrenzen nie von etwas anderem als von Bomben überquert werden dürfen, so oft auch Persien, Ägypten, Java oder Ceylon den Besitzer wechseln mögen.

Dem liegt eine nie laut ausgesprochene, aber stillschweigend erkannte und anerkannte Tatsache zugrunde: nämlich, dass die Lebensbedingungen in allen drei Superstaaten ziemlich genau die gleichen sind. In Ozeanien wird die herrschende Staatsideologie als Ingsoz bezeichnet, in Eurasien als Neo-Bolschewismus, und in Ostasien wird sie durch ein chinesisches Wort ausgedrückt, das gewöhnlich mit Totenkult übersetzt, vielleicht aber besser mit Auslöschung des Ich wiedergegeben wird. Der Bürger Ozeaniens darf nichts von den Grundsätzen der beiden anderen Ideologien wissen, aber ihm wird beigebracht, sie als barbarische Verstöße gegen Moral und gesunden Menschenverstand zu verfluchen.

Tatsächlich sind die drei Ideologien kaum unterscheidbar, und die Gesellschaftssysteme, die sie stützen, überhaupt nicht. Überall die gleiche Pyramidenstruktur, die gleiche hündische Verehrung eines halbgöttlichen Führers, die gleiche Ökonomie aufgrund andauernder Kriegsführung und um ihretwillen. Daraus folgt, dass die drei Superstaaten einander nicht nur nicht überwinden können, sondern auch keinen Vorteil davon hätten. Im Gegenteil, solange sie im Konflikt miteinander stehen, stützen sie sich gegenseitig wie drei Getreidegarben. Und, wie üblich, wissen die herrschenden Gruppen aller drei Mächte, was sie tun, und leugnen, dass sie es wissen. Ihr Leben ist der Eroberung der Welt gewidmet, sie wissen aber auch, dass der Krieg ewig und ohne Endsieg fortdauern muss. In der Zwischenzeit macht die Tatsache, dass keine Gefahr einer Eroberung droht, die Verleugnung der Wirklichkeit möglich, die sowohl den Ingsoz als auch seine rivalisierenden Denksysteme auszeichnet. Hier muss wiederholt werden, was bereits früher gesagt wurde, dass der Krieg, indem er zu einem Dauerzustand wurde, seinen Charakter grundlegend geändert hat.

In vergangenen Zeiten war ein Krieg fast seiner Definition nach schon etwas, das früher oder später zu einem Ende kam, gewöhnlich durch einen eindeutigen Sieg oder eine eindeutige Niederlage. In vergangenen Zeiten war er eines der Hauptinstrumente, um die Verbindung der menschlichen Gesellschaften mit der physischen Realität aufrechtzuerhalten. Alle Herrscher haben zu allen Zeiten versucht, ihren Anhängern eine falsche Weltsicht aufzuzwingen, aber sie konnten es sich nicht leisten, irgendeine Illusion zu fördern, die der militärischen Schlagkraft abträglich war. Solange eine Niederlage den Verlust der Unabhängigkeit bedeutete oder ein anderes unerwünschtes Ergebnis nach sich zog, mussten ernsthafte Vorkehrungen gegen eine solche getroffen werden. Physische Tatsachen konnten nicht ignoriert werden. In Philosophie, Religion, Ethik oder Politik mochten zwei mal zwei fünf sein, wenn man aber ein Gewehr oder ein Flugzeug konstruierte, musste das Ergebnis vier sein. Ineffiziente Nationen wurden früher oder später immer überwunden, und der Kampf um Effizienz vertrug sich nicht mit Illusionen. Außerdem musste man aus der Vergangenheit lernen, wenn man effizient sein wollte, was bedeutet, dass man eine ziemlich genaue Vorstellung von dem haben musste, was in der Vergangenheit geschehen war. Zeitungen und Geschichtsbücher waren natürlich immer parteiisch und voreingenommen, aber Fälschungen wie die heute üblichen wären unmöglich gewesen. Krieg war ein sicheres Bollwerk des gesunden Menschenverstands, und was die herrschenden Klassen betrifft, vielleicht das wichtigste aller Bollwerke. Solange Kriege gewonnen oder verloren wurden, konnte keine herrschende Klasse gänzlich dem Wahnsinn verfallen.

Die Goldstein-Fragmente

1984 – das englische Original; Ausgabe 2008.

Aber wenn der Krieg buchstäblich zum Dauerzustand wird, dann hört er auch auf, gefährlich zu sein. Wenn Krieg ein Dauerzustand ist, dann gibt es so etwas wie eine militärische Notwendigkeit nicht mehr. Dann braucht es keinen technischen Fortschritt mehr, und die offenkundigsten Tatsachen können geleugnet oder außer Acht gelassen werden. Wie wir gesehen haben, werden Forschungen, die man als wissenschaftlich bezeichnen könnte, zwar noch für Kriegszwecke angestellt, aber es handelt sich dabei im Wesentlichen um Tagträume, und dass sie zu keinen Ergebnissen führen, ist unwichtig. Effizienz, sogar militärische Effizienz, ist nicht mehr erforderlich. Nichts ist effizient in Ozeanien außer die Gedankenpolizei.

Da jeder der drei Superstaaten uneinnehmbar ist, ist jeder von ihnen ein Universum für sich, in dem fast jede Perversion des Denkens ohne Folgen durchgesetzt werden kann. Die Realität übt nur durch die Bedürfnisse des Alltags Druck aus – das Bedürfnis zu essen und zu trinken, zu wohnen und sich zu kleiden, kein Gift zu schlucken oder nicht aus einem Dachfenster hinauszusteigen und dergleichen. Zwischen Leben und Tod, zwischen körperlichem Wohlbehagen und körperlichem Schmerz besteht immer noch ein Unterschied, aber das ist auch alles.

Abgeschnitten von der Berührung mit der Außenwelt und der Vergangenheit, gleicht der Bürger Ozeaniens einem Menschen im interstellaren Raum, der nicht erkennen kann, wo oben oder unten ist. Die Herrscher eines solchen Staates sind so absolut, wie es die Pharaonen oder Caesaren nicht sein konnten. Sie müssen verhindern, dass ihre Anhänger in einer Zahl verhungern, die groß genug ist, um unbequem zu werden, und dafür sorgen, dass sie auf dem gleich niedrigen Stand militärischer Technik stehenbleiben wie ihre Rivalen. Ist aber dieser Tiefstand erreicht, dann können sie die Realität manipulieren, wie immer es ihnen beliebt.

Der Krieg ist demnach, wenn wir nach den Maßstäben früherer Kriege urteilen, lediglich ein Schwindel. Er ist den Kämpfen gewisser Wiederkäuer vergleichbar, deren Hörner in einem solchen Winkel gewachsen sind, dass sie einander nicht verletzen können. Aber trotz seiner Irrealität ist er nicht bedeutungslos. Er verbraucht den Überschuss an Konsumgütern und stabilisiert die Geisteshaltung, die eine hierarchische Gesellschaftsordnung benötigt. Der Krieg ist, wie sich zeigen wird, jetzt eine rein innenpolitische Angelegenheit.

In der Vergangenheit kämpften die herrschenden Gruppen aller Länder, auch wenn sie ihr gemeinsames Interesse erkennen und deshalb die Destruktivität des Krieges beschränken mochten, doch eine gegen die andere, und der Sieger plünderte stets den Besiegten aus. Heutzutage kämpfen sie überhaupt nicht mehr gegeneinander. Der Krieg wird von jeder herrschenden Gruppe gegen ihre eigenen Untertanen geführt, und sein Ziel ist nicht, Gebiete zu erobern oder Eroberungen zu verhindern, sondern die Gesellschaftsstruktur aufrecht zu erhalten. Daher ist schon das Wort »Krieg« irreführend. Es wäre vermutlich richtig zu sagen, der Krieg habe dadurch, dass er zum Dauerzustand geworden ist, aufgehört zu existieren. Der spezifische Druck, den er zwischen dem Neolithikum und dem frühen zwanzigsten Jahrhundert auf die Menschen ausgeübt hat, ist verschwunden und wurde durch etwas ganz anderes ersetzt. Die Wirkung wäre ziemlich die gleiche, wenn die drei Superstaaten, statt einander zu bekämpfen, übereinkämen, in dauerndem Friedenszustand zu leben, wobei jeder innerhalb seiner eigenen Grenzen unangefochten bleibt. In diesem Fall wäre jeder ein in sich abgeschlossenes Universum, das für immer vom ernüchternden Einfluss äußerer Gefahr befreit wäre. Ein wirklich dauerhafter Friede wäre das gleiche wie dauernder Krieg. Das ist – wenn auch die große Mehrheit der Parteimitglieder es nur in einem oberflächlicheren Sinn versteht – die tiefere Bedeutung des Parteislogans:

KRIEG IST FRIEDEN.


Hinweis: Eric Arthur Blair führte den Autorennamen George Orwell. In seinem Buch 1984 wurden die beiden Kapitel der Goldstein-Fragmente veröffentlicht. Das Kapitel »Krieg ist Frieden« trägt die Nummer 3. Kapitel 2, das sich vermutlich mit dem Parteislogan »Freiheit ist Sklaverei« und seiner Umkehrung – Sklaverei ist Freiheit –befasste, gilt als verloren. Die Auswirkung dieses Slogans wird aber im gesamten restlichen Buch von George Orwell ausführlich beschrieben. Und sie kann in unserer Gegenwart überall dort beobachtet werden, wo freiheitliche Demokratien entweder vorübergehend oder dauerhaft in hygienefaschistische Regime umgewandelt werden.


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