Die fünf Schritte zur Entmenschlichung

Zuletzt aktualisiert am 23. November 2021.

Wer die Gegenwart verstehen will, sollte Hannah Arendts Klassiker über den Totalitarismus lesen. Der Präsident und Rektor der von Papst Johannes Paul II gegründeten Katholischen Universität ITI in Österreich, Christiaan W.J.M. Alting von Gesau, hat es getan. Das Ergebnis ist sein Essay über den Totalitarismus und die fünf Schritte zur Entmenschlichung.

Fünf Schritte zur Entmenschlichung

Wien, 20.11.2021

Totalitarismus und die fünf Schritte zur Entmenschlichung

Gastbeitrag von Christiaan W.J.M. Alting von Gesau

Hannah Arendts bahnbrechendes Werk Die Ursprünge des Totalitarismus (1948) ist eine ernüchternde Lektüre in der Welt, die sich im Jahr 2021 um uns herum entwickelt. In der Tat befinden wir uns in einer Sackgasse epischen Ausmaßes, in der die Essenz des Menschseins auf dem Spiel steht.

Der totalitäre Versuch der globalen Eroberung und der totalen Beherrschung ist der zerstörerische Weg aus allen Sackgassen. Sein Sieg kann mit der Zerstörung der Menschheit zusammenfallen; wo immer er geherrscht hat, schickte er sich an, das Wesen des Menschen zu zerstören. – Hannah Arendt, Die Ursprünge des Totalitarismus

Auch wenn es noch schwerfallen mag, zu behaupten, dass wir uns – zumindest im Westen – wieder unter dem Joch totalitärer Regime befinden, die mit denen vergleichbar sind, die wir aus dem 20. Jahrhundert so gut kennen, besteht doch kein Zweifel daran, dass wir mit einem globalen Paradigma konfrontiert sind, das kontinuierlich wachsende totalitäre Tendenzen hervorbringt. Sie müssen nicht einmal vorsätzlich oder böswillig geplant sein.

Wie wir später noch erörtern werden, sind die heutigen Treiber solcher totalitären Tendenzen größtenteils davon überzeugt – und die Massen teilen offenbar diese Überzeugung –, dass sie das Richtige tun, jedenfalls behaupten sie, zu wissen, was das Beste für die Menschen in einer Zeit der existenziellen Krise ist. Der Totalitarismus ist eine politische Ideologie, die sich leicht in der Gesellschaft ausbreiten kann, ohne dass ein Großteil der Bevölkerung es zunächst bemerkt, bis es irgendwann zu spät ist. Hannah Arendt beschreibt in ihrem Buch minutiös die Entstehung der totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts, die schließlich zu den totalitären Regimen in Europa und Asien heranwuchsen, und die unsäglichen Akte von Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die daraus resultierten.

Wie Arendt uns sicherlich warnen würde, sollten wir uns nicht von der Tatsache täuschen lassen, dass wir im Westen heute keine der Gräueltaten erleben, die das Kennzeichen der totalitären Regime des Kommunismus unter Stalin oder Mao und des Nationalsozialismus unter Hitler waren. All diesen Ereignissen gingen eine sich allmählich ausbreitende Massenideologie und anschließende staatlich verordnete ideologische Kampagnen und Maßnahmen voraus, die scheinbar »vertretbare« und »wissenschaftlich bewiesene« Kontrollmaßnahmen und Aktionen förderten, die auf eine ständige Überwachung und schließlich einen schrittweisen Ausschluss bestimmter Menschen aus (Teilen der) Gesellschaft abzielten, weil sie eine »Gefahr« für andere darstellten oder es wagten, sich der als akzeptabel angesehenen Ideologie entgegenzustellen.

In seinem Buch Der Dämon der Demokratie – Totalitäre Versuchungen in liberalen Gesellschaften lässt der polnische Jurist Ryszard Legutko, ein Mitglied des Europäischen Parlamentes, keinen Zweifel daran, dass es beunruhigende Ähnlichkeiten zwischen vielen Dynamiken in kommunistischen totalitären Regimen und modernen liberalen Demokratien gibt, wenn er feststellt:

Der Kommunismus und die liberale Demokratie erwiesen sich als alles vereinende Gebilde, die ihren Anhängern vorschreiben, wie sie zu denken haben, was sie zu tun haben, wie sie die Ereignisse zu bewerten haben, was sie zu träumen haben und welche Sprache sie zu verwenden haben.

Es ist dieselbe Dynamik, die wir heute auf vielen Ebenen der globalisierten Gesellschaft am Werk sehen. Jeder Leser, vor allem aber Politiker und Journalisten, die an menschlicher Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit interessiert sind, sollte das Kapitel 11 über »Die totalitäre Bewegung« in Hannah Arendts vielbeachtetem Buch aufmerksam lesen. Darin erklärt sie, wie lange vor der tatsächlichen Machtübernahme totalitärer Regime und der Etablierung vollständiger Kontrolle ihre Architekten und Ermöglicher die Gesellschaft bereits geduldig auf die Machtübernahme vorbereitet haben – nicht notwendigerweise auf koordinierte Weise oder mit diesem Endziel vor Augen.

Die totalitäre Bewegung selbst wird durch die aggressive und zuweilen gewaltsame Förderung einer bestimmten herrschenden Ideologie durch unerbittliche Propaganda, Zensur und Gruppendenken angetrieben. Sie berücksichtigt stets auch große wirtschaftliche und finanzielle Interessen. Ein solcher Prozess führt dann zu einem immer allmächtigeren Staat, der von einer Vielzahl von nicht demokratisch legitimierten Gruppen, (internationalen) Institutionen und Unternehmen unterstützt wird, der behauptet, ein Patent auf die Wahrheit und die korrekte Sprache zu haben und zu wissen, was gut für seine Bürger und die Gesellschaft insgesamt ist.

Obwohl es natürlich einen großen Unterschied zwischen den kommunistischen totalitären Regimen des 21. Jahrhunderts, wie wir sie in China und Nordkorea sehen, und den westlichen liberalen Demokratien mit ihren zunehmenden totalitären Tendenzen gibt, scheint das verbindende Element zwischen beiden heute die Gedankenkontrolle und die Steuerung des Verhaltens der Bevölkerung zu sein.

Fünf Schritte zur EntmenschlichungDiese Entwicklung wurde durch das, was von der Harvard-Professorin Shoshana Zuboff als »Überwachungskapitalismus« bezeichnet wurde, stark gefördert. Der Überwachungskapitalismus, schreibt Zuboff, ist »eine Bewegung, die darauf abzielt, eine neue kollektive Ordnung durchzusetzen, die auf totaler Gewissheit beruht«. Er ist auch – und hier nimmt sie kein Blatt vor den Mund – »eine Enteignung grundlegender Menschenrechte, die am besten als Staatsstreich von oben verstanden wird: ein Umsturz der Souveränität des Volkes«. (Zuboff, Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus) Der moderne Staat und seine Verbündeten, ob kommunistisch, liberal oder anders, haben – aus den oben genannten und anderen Gründen – ein unstillbares Verlangen, riesige Mengen an Daten über Bürger und Kunden zu sammeln und sie umfassend zur Kontrolle und Einflussnahme zu nutzen.

Auf der kommerziellen Seite haben wir all die Aspekte der Verfolgung des Verhaltens und der Vorlieben der Menschen im Internet, die in dem Dokumentarfilm The Social Dilemma brillant erklärt werden und uns mit der Realität konfrontieren, dass »noch nie zuvor eine Handvoll Tech-Designer eine solche Kontrolle über die Art und Weise hatte, wie Milliarden von uns denken, handeln und ihr Leben leben.«

Gleichzeitig sehen wir das von der Kommunistischen Partei Chinas eingeführte »Social Credit«-System, das Big Data und permanente CCTV-Live-Aufnahmen nutzt, um das Verhalten der Menschen in öffentlichen Bereichen durch ein System von Auszeichnungen und Strafen zu steuern.

Der obligatorische QR-Code, der zunächst 2020 in China und 2021 in den liberalen demokratischen Staaten der Welt eingeführt wurde, um den Gesundheitszustand der Menschen permanent zu erfassen und als Voraussetzung für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu nutzen, ist das jüngste und äußerst beunruhigende Phänomen dieses Überwachungskapitalismus. Hier wird die Grenze zwischen bloßer Technokratie und Totalitarismus unter dem Deckmantel des »Schutzes der öffentlichen Gesundheit« nahezu aufgehoben. Die gegenwärtig versuchte Kolonisierung des menschlichen Körpers durch den Staat und seine kommerziellen Partner, die vorgeben, unser bestes Interesse im Sinn zu haben, ist Teil dieser beunruhigenden Dynamik. Wo ist das progressive Mantra »Mein Körper, meine Entscheidung« (my body, my choice) plötzlich geblieben?

Fünf Schritte zur EntmenschlichungWas also ist Totalitarismus? Es handelt sich um ein Regierungssystem (ein totalitäres Regime) oder ein System zunehmender Kontrolle, das auf andere Weise umgesetzt wird (eine totalitäre Bewegung) – das sich in verschiedenen Formen und auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft zeigt –, das keine individuelle Freiheit und kein unabhängiges Denken duldet und das letztlich darauf abzielt, alle Aspekte des individuellen menschlichen Lebens völlig beherrschen und zu steuern. Laut dem Bestseller-Autor Rod Dreher ist Totalitarismus »ein Zustand, in dem nichts erlaubt ist, was der herrschenden Ideologie einer Gesellschaft widerspricht«. (Rod Dreher, Live not by Lies. A Manual for Christian Dissidents)

In der modernen Gesellschaft, in der diese Dynamik sehr ausgeprägt ist, spielen Wissenschaft und Technologie eine entscheidende Rolle dabei, dass sich totalitäre Tendenzen in einer Weise durchsetzen, von der die Ideologen des 20. Jahrhunderts nur träumen konnten. Darüber hinaus geht mit dem Totalitarismus, in welchem Stadium er auch immer auftritt, eine institutionalisierte Entmenschlichung einher, d. h. ein Prozess, bei dem die gesamte oder ein Teil der Bevölkerung einer Politik und Praxis unterworfen wird, die konsequent die Würde und die Grundrechte des Menschen verletzt und letztlich zu Ausgrenzung und sozialer oder im schlimmsten Fall physischer Vernichtung führen kann.

Im Folgenden werden wir einige Grundzüge der totalitären Bewegung, wie sie von Hannah Arendt beschrieben wurden, näher beleuchten und untersuchen, wie sie die Dynamik der institutionalisierten Entmenschlichung, die wir heute beobachten, ermöglichen. Zum Schluss werden wir kurz darauf eingehen, was uns die Geschichte und die menschliche Erfahrung darüber sagen können, wie wir die Gesellschaft vom Joch des Totalitarismus und seiner entmenschlichenden Politik befreien können.

Der Leser muss verstehen, dass ich die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts und ihre Gräueltaten in keiner Weise mit dem vergleiche oder gleichsetze, was ich heute als zunehmende totalitäre Tendenzen und daraus resultierende Politik betrachte. Stattdessen werden wir, wie es die Aufgabe eines soliden akademischen Diskurses ist, einen kritischen Blick auf das werfen, was wir heute in der Gesellschaft sehen, und relevante historische und politische Phänomene analysieren, die uns lehren könnten, wie wir besser mit dem gegenwärtigen Lauf der Dinge umgehen können, der, wenn er nicht korrigiert wird, nichts Gutes für eine Zukunft der Freiheit und der Rechtsstaatlichkeit verheißt.

I. Die Funktionsweise des Totalitarismus

Wenn wir von »Totalitarismus« sprechen, wird das Wort in diesem Zusammenhang verwendet, um die Gesamtheit einer politischen Ideologie zu beschreiben, die sich in verschiedenen Formen und Stadien zeigen kann, aber immer das Endziel der totalen Kontrolle über die Menschen und die Gesellschaft hat. Wie oben beschrieben, unterscheidet Hannah Arendt innerhalb des Totalitarismus zwischen der totalitären Bewegung und dem totalitären Regime. Ich füge dieser Kategorisierung das hinzu, was ich für ein frühes Stadium der totalitären Bewegung halte, das Legutko als »totalitäre Tendenzen« bezeichnet und das ich in Bezug auf die aktuellen Entwicklungen als ideologischen Totalitarismus bezeichne.

Damit der Totalitarismus eine Chance auf Erfolg hat, sind nach Hannah Arendt drei wesentliche und eng miteinander verknüpfte Phänomene erforderlich: die Massenbewegung, die führende Rolle der Elite bei der Steuerung dieser Massen und der Einsatz einer unerbittlichen Propaganda.

Die einsamen Massen

Für seine Etablierung und Dauerhaftigkeit ist der Totalitarismus in einem ersten Schritt auf die Unterstützung der Massen angewiesen, die er gewinnt, indem er ein Gefühl der permanenten Krise und Angst in der Gesellschaft ausnützt. Die Angst nährt das Verlangen der Massen nach ständigen »Maßnahmen«, das die Verantwortlichen nutzen, um Führungskraft zu zeigen, und die Bedrohung abzuwehren, die als Gefährdung der gesamten Gesellschaft identifiziert wurde. Die Verantwortlichen können »nur so lange an der Macht bleiben, wie sie in Bewegung bleiben und alles um sich herum in Bewegung setzen«. Totalitäre Bewegungen entstehen aus dem klassischen Versäumnis vieler Gesellschaften in der Geschichte, ein Gefühl der Verbundenheit und des Sinns zu erzeugen, und stattdessen isolierte, egozentrische Menschen ohne ein klares übergreifendes Lebensziel hervorzubringen.

Die Massen, die der totalitären Bewegung folgen, sind verloren und daher auf der Suche nach einer klaren Identität und einem Lebensziel, das sie in ihren derzeitigen Lebensumständen nicht finden:

Die soziale Atomisierung und die extreme Individualisierung gingen der Massenbewegung voraus (…). Das Hauptmerkmal des Massenmenschen ist nicht Brutalität und Rückständigkeit, sondern seine Isolation und das Fehlen normaler sozialer Beziehungen.

Wie vertraut klingt das für jeden, der die moderne Gesellschaft beobachtet. In einem Zeitalter, in dem die sozialen Medien und alles, was auf den Bildschirmen präsentiert wird, den Ton angeben, und in dem Mädchen im Teenageralter in Depressionen verfallen und vermehrt Selbstmordversuche unternehmen, weil es auf ihrem Instagram-Account nicht genügend »Likes« gibt, sehen wir in der Tat ein beunruhigendes Beispiel für das Fehlen normaler Beziehungen, die eigentlich persönliche Begegnungen sein sollten, die zu einem tiefgreifenden Austausch führen. In kommunistischen Gesellschaften ist es die Partei, die darauf abzielt, religiöse, soziale und familiäre Bindungen zu zerstören, um Platz für einen Bürger zu schaffen, der ihrem Diktat vollständig unterworfen werden kann, wie wir es in China und Nordkorea beobachten können. In den hedonistischen und materialistischen westlichen Gesellschaften geschieht dieselbe Zerstörung mit anderen Mitteln und unter dem neomarxistischen Deckmantel des unaufhaltsamen »Fortschritts«, wobei Technologie und eine falsche Definition der Aufgabe der Wissenschaft das Verständnis dessen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, aushöhlt. »Tatsächlich«, schreibt Dreher, »reproduzieren diese Technologie und die Kultur, die aus ihr hervorgegangen ist, die Atomisierung und radikale Einsamkeit, die totalitäre kommunistische Regierungen ihren gefangenen Völkern aufzuerlegen pflegten, um sie leichter kontrollieren zu können.« Das Smartphone und die sozialen Medien haben nicht nur die echte zwischenmenschliche Interaktion drastisch reduziert, wie jeder Lehrer oder Elternteil von Schulkindern bestätigen kann, sondern der soziale Rahmen hat sich in jüngster Zeit durch andere große Veränderungen in der Gesellschaft weiter dramatisch verschlechtert.

Die ständig wachsende Big-Tech-Industrie und die staatliche Kontrolle von Sprache, Meinungen und wissenschaftlichen Informationen im Zusammenhang mit der SARS-CoV-2-Pandemie, begleitet von einem seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr dagewesenen Ausmaß an Zensur, haben den öffentlichen Diskurs stark eingeschränkt und verarmen lassen und das Vertrauen in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft ernsthaft untergraben.

In den Jahren 2020 und 2021 haben die meist gut gemeinten, aber oft schlecht beratenen staatlichen Corona-Maßnahmen wie Ausgangssperren, Maskengebote, Zutrittsverbote zu öffentlichen Einrichtungen und Corona-Impfvorschriften die ungehinderte menschliche Interaktion, die jede Gesellschaft braucht, um ihr soziales Gefüge zu erhalten und zu stärken, weiter massiv eingeschränkt. All diese von außen aufgezwungenen Entwicklungen tragen aus unterschiedlichen Richtungen dazu bei, dass den Menschen, insbesondere den jungen, zunehmend und immer nachhaltiger jene »normalen sozialen Beziehungen« vorenthalten werden, von denen Hannah Arendt spricht. Dies wiederum treibt große Teile der Bevölkerung – meist ohne es zu merken – in die Arme totalitärer Ideologien. Diese Bewegungen aber, so Arendt, »verlangen die totale, uneingeschränkte, bedingungslose und unveränderliche Loyalität des einzelnen Mitglieds (…) [da] ihre Organisation danach strebt, die gesamte Menschheit zu umfassen.«

Das Endziel des Totalitarismus, erklärt Arendt, sei die permanente Beherrschung des Menschen von innen heraus, die jeden Aspekt des Lebens einbeziehe, wobei die Massen ständig in Bewegung gehalten werden müssten, da »ein politisches Ziel, das das Ende der Bewegung darstellen würde, einfach nicht existiert«. Ohne das Gewicht und die Dringlichkeit dieser Themen oder die Notwendigkeit, als Gesellschaft Wege zu finden, um mit den sich daraus ergebenden existenziellen Bedrohungen umzugehen, herunterspielen zu wollen, können wir die politischen und medialen Erzählungen über Corona als Beispiele eines ideologischen Totalitarismus betrachten, der das Denken, Sprechen und Handeln der Menschen in diesem Lebensbereich vollständig kontrollieren will, indem er sie durch gut geplante, regelmäßige dramatische Nachrichten, herzzerreißende Geschichten und Aufrufe zu sofortigem Handeln (»Maßnahmen«), die sich um (wahrgenommene oder reale) neue Bedrohungen für ihre Person, ihre Anliegen und die Gesellschaft als Ganzes drehen, in ständiger Angst hält. Angst ist die Hauptantriebskraft, die den ständigen Aktivismus aufrechterhält.

Die Rolle der Eliten

Hannah Arendt erklärt sodann die enorme Anziehung, die totalitäre Bewegungen auf die Eliten ausüben, die »erschreckende Reihe angesehener Männer, die der Totalitarismus zu seinen Sympathisanten, Mitläufern und eingeschriebenen Parteimitgliedern zählen kann«. Die Elite glaubt, dass zur Lösung der akuten Probleme, mit denen die Gesellschaft derzeit konfrontiert ist, die totale Zerstörung oder zumindest die völlige Neugestaltung all dessen erforderlich ist, was bisher als gesunder Menschenverstand, Logik und etablierte Weisheit galt.

Was die Corona-Krise betrifft, so wird die bekannte Fähigkeit des menschlichen Körpers, eine natürliche Immunität gegen die meisten Viren aufzubauen, mit denen er bereits in Berührung gekommen ist, von denjenigen, die Impfungen vorschreiben, in keiner Weise mehr als relevant angesehen, da sie grundlegende Prinzipien der menschlichen Biologie und etablierte medizinische Weisheiten ablehnen.

Um diese totale Umgestaltung zum Zwecke der totalen Kontrolle zu erreichen, sind die Eliten bereit, mit jedem Menschen oder jeder Organisation zusammenzuarbeiten, auch mit jenen Menschen, die Arendt als »den Pöbel« bezeichnet, dessen Merkmale »Versagen im beruflichen und gesellschaftlichen Leben, Perversion und Katastrophe im Privatleben« sind. Ein gutes Beispiel dafür ist der Umgang des Westens mit der Kommunistischen Partei Chinas. Obwohl die eklatante Korruption und die Menschenrechtsverletzungen – einschließlich des Völkermords an den Uiguren in Xinjiang –, die diese Institution der Unterdrückung bis heute begangen hat, gut dokumentiert sind, ebenso wie ihre Rolle bei der Vertuschung des Ausbruchs des SARS-CoV-2-Virus 2019 in Wuhan, der möglicherweise auf ein Leck in einem Labor zurückzuführen ist, sind die meisten Länder der Welt inzwischen so abhängig von China, dass sie bereit sind, wegzuschauen und mit einem Regime zu kooperieren, das bereit ist, alles, wofür die liberale Demokratie steht, mit Füßen zu treten.

Hannah Arendt beschreibt ein weiteres beunruhigendes Element, das zu der, wie sie es nennt, »zeitweiligen Allianz zwischen dem Pöbel und der Elite« gehört, nämlich die Bereitschaft dieser Eliten, sich ihren Weg zur Macht durch »gigantische Lügen und monströse Unwahrheiten, die als unbestrittene Tatsachen etabliert werden«, zu erschleichen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es nicht erwiesen, dass Regierungen und ihre Verbündeten über Statistiken und wissenschaftliche Daten rund um Covid-19 lügen; es ist jedoch klar, dass es viele schwerwiegende Ungereimtheiten gibt, die nicht oder nicht ausreichend aufgearbeitet werden.

In der Geschichte totalitärer Bewegungen und Regime konnten die Täter mit vielem davonkommen, weil sie sehr gut verstanden, was die Hauptsorge des einfachen Mannes oder der einfachen Frau ist, die ihrem täglichen Geschäft nachgehen, um das Leben für ihre Familien und andere Abhängige zu sichern, wie Arendt es meisterhaft ausgedrückt hat: »Er [Göring] bewies seine überragende Fähigkeit, die Massen zur totalen Herrschaft zu organisieren, indem er davon ausging, dass die meisten Menschen weder Bohemiens, Fanatiker, Abenteurer, Sexbesessene, Verrückte noch soziale Versager sind, sondern in erster Linie Berufstätige und gute Familienmenschen. « Und: »Nichts war leichter zu zerstören als die Privatsphäre und die private Moral von Menschen, die an nichts anderes dachten als an die Wahrung ihres Privatlebens.«

Wir alle sehnen uns nach Sicherheit und Vorhersehbarkeit, und eine Krise veranlasst uns daher, nach Wegen zu suchen, um Sicherheit zu erlangen oder zu bewahren, und wenn nötig, sind die meisten bereit, dafür einen hohen Preis zu zahlen, indem sie auf ihre Freiheiten verzichten und mit der Vorstellung leben, dass ihnen möglicherweise nicht die ganze Wahrheit über die Krise gesagt wird.

Es sollte daher nicht überraschen, dass angesichts der potenziell tödlichen Wirkung, die das Coronavirus auf den Menschen haben kann, unsere sehr menschliche Angst vor dem Tod die meisten von uns dazu veranlasst hat, sich ohne großen Kampf von den Rechten und Freiheiten zu trennen, für die unsere Väter und Großväter so hart gekämpft haben.

Auch die weltweit eingeführten Impfvorschriften für Arbeitnehmer in vielen Branchen und Bereichen werden von der Mehrheit befolgt, nicht weil sie selbst unbedingt glauben, dass sie den Corona-Impfstoff benötigen, sondern nur, weil sie ihre Freiheiten zurückgewinnen und ihre Arbeitsplätze behalten wollen, um ihre Familien ernähren zu können. Die politischen Eliten, die diese Vorschriften erlassen, wissen das natürlich und nutzen es geschickt aus, oft sogar in bester Absicht, weil sie glauben, dass dies zur Bewältigung der aktuellen Krise notwendig ist.

Totalitäre Propaganda

Das wichtigste und ultimative Werkzeug totalitärer Bewegungen in der nicht-totalitären Gesellschaft ist die Herstellung einer wirklichen Kontrolle über die Massen, indem sie sie durch Propaganda für sich gewinnen: »Nur der Pöbel und die Elite können durch die Eigendynamik des Totalitarismus angezogen werden; die Massen müssen durch Propaganda gewonnen werden«, erklärt Hannah Arendt. Angst wird immer mit dem Hinweis auf jemanden (oder etwas) da draußen erzeugt, der eine reale oder vermeintliche Bedrohung für die Gesellschaft oder das Individuum darstellt. Aber es gibt ein weiteres, noch unheimlicheres Element, das die totalitäre Propaganda seit jeher einsetzt, um die Massen durch Angst dazu zu bewegen, ihrer Führung zu folgen: »indirekte, verschleierte und bedrohliche Andeutungen gegen alle, die ihre Lehren nicht beherzigen wollen (…)«, während sie gleichzeitig behauptet, dass die angeordneten Maßnahmen streng wissenschaftlich und gemeinnützig seien. Sowohl die bewusste Instrumentalisierung der Angst als auch der ständige Verweis auf die »Wissenschaft« durch politische Akteure und die Massenmedien in der Corona-Krise waren als Propagandamittel äußerst erfolgreich.

Hannah Arendt gibt freimütig zu, dass der Einsatz von Wissenschaft als wirksames Instrument der Politik im Allgemeinen weit verbreitet war und nicht unbedingt immer in einem schlechten Sinne. Dies ist natürlich auch in der Corona-Krise der Fall. Dennoch, so fährt sie fort, sei die westliche Welt seit dem 16. Jahrhundert zunehmend von Wissenschaftsbesessenheit geprägt. Sie sieht die totalitäre Bewaffnung der Wissenschaft, wobei sie den deutschen Philosophen Eric Voegelin zitiert, als letzte Stufe eines gesellschaftlichen Prozesses, in dem »die Wissenschaft zu einem Götzen geworden ist, der die Übel des Daseins auf magische Weise heilen und die Natur des Menschen verändern wird«.

Die Wissenschaft wird eingesetzt, um die Argumente für die Rechtfertigung der gesellschaftlichen Angst und für die Angemessenheit der weitreichenden Maßnahmen zu liefern, die auferlegt werden, um der äußeren Gefahr zu »begegnen« und sie »auszurotten«.

Arendt:

Die Wissenschaftlichkeit der totalitären Propaganda zeichnet sich durch ihr fast ausschließliches Beharren auf der wissenschaftlichen Prophezeiung aus (…)

Wie viele solcher Prophezeiungen haben wir seit Anfang 2020 gehört, die nicht eingetreten sind? Es sei völlig unerheblich, so Arendt weiter, ob diese »Prophezeiungen« auf guter oder schlechter Wissenschaft beruhten, da es den Führern der Massen in erster Linie darum gehe, die Realität an ihre eigenen Interpretationen und, wo nötig, an Lügen anzupassen, wobei ihre Propaganda »durch ihre extreme Verachtung für Tatsachen als solche gekennzeichnet« sei.

Sie glauben an nichts, was mit persönlichen Erfahrungen oder dem Sichtbaren zu tun hat, sondern nur an das, was sie sich vorstellen, was ihre eigenen statistischen Modelle sagen und an das ideologisch konsistente System, das sie darum herum aufgebaut haben. Organisation und Zielstrebigkeit sind das, was die totalitäre Bewegung benötigt, um die volle Kontrolle zu erlangen, wobei der Inhalt der Propaganda (ob Tatsache oder Fiktion oder beides) zu einem unantastbaren Element der Bewegung wird, bei dem objektive Vernunft oder gar ein öffentlicher Diskurs keine Rolle mehr spielen.

Eine respektvolle öffentliche Debatte und ein solider wissenschaftlicher Diskurs waren bisher nicht möglich, wenn es darum ging, wie man am besten auf die Corona-Pandemie reagieren sollte. Die Eliten sind sich dessen sehr wohl bewusst und nutzen es zum Vorteil, um ihre Agenda voranzutreiben, dass es stattdessen die radikale Konsequenz ist, nach der sich die Massen in Zeiten existenzieller Krisen sehnen, da sie ihnen (zunächst) ein Gefühl von Sicherheit und Vorhersehbarkeit vermittelt. Hier liegt aber auch die große Schwäche der totalitären Propaganda, denn letztlich kann sie »(…) diese Sehnsucht der Massen nach einer völlig konsistenten, verständlichen und berechenbaren Welt nicht erfüllen, ohne mit dem gesunden Menschenverstand ernsthaft in Konflikt zu geraten.«

Heute sehen wir, wie ich bereits oben erwähnt habe, dass dies durch ein grundlegend fehlerhaftes Verständnis und eine fehlerhafte Nutzung der Wissenschaft durch die Machthaber noch verschärft wird. Der ehemalige Professor der Harvard Medical School, Martin Kulldorff, ein bekannter Epidemiologe und Biostatistiker, der sich auf den Ausbruch von Infektionskrankheiten und die Sicherheit von Impfstoffen spezialisiert hat, weist auf die korrekte Anwendung der Wissenschaft hin und wie sehr sie im gegenwärtig herrschenden Narrativ fehlt: »In der Wissenschaft geht es um rationale Meinungsverschiedenheiten, das Infragestellen und Testen der Orthodoxie und die ständige Suche nach der Wahrheit.«

Wir sind heute sehr weit von diesem Konzept entfernt – in einem öffentlichen Klima, in dem die Wissenschaft zu einer Wahrheitsfabrik politisiert wurde, die keinen Widerspruch duldet, selbst wenn der alternative Standpunkt lediglich die zahlreichen Ungereimtheiten und Unwahrheiten aufzeigt, die Teil des politischen und medialen Narrativs sind. In dem Moment jedoch, so Arendt, in dem dieser Systemfehler den Mitläufern der totalitären Bewegung klar wird und ihre Niederlage unmittelbar bevorsteht, hören sie sofort auf, an ihre Zukunft zu glauben, und geben von einem Tag auf den anderen das auf, wofür sie am Tag zuvor noch alles zu geben bereit waren.

Ein eindrucksvolles Beispiel für eine solche Abkehr von einem totalitären System über Nacht ist die Art und Weise, in der sich die meisten Apparatschiks in Ost- und Mitteleuropa zwischen 1989 und 1991 von hartgesottenen Berufskommunisten in begeisterte liberale Demokraten verwandelten. Sie gaben einfach das System auf, dem sie viele Jahre lang treu ergeben waren, und fanden ein alternatives System, dem sie sich anschließen konnten. Wie wir aus den Trümmerhaufen der Geschichte wissen, hat jeder Totalitarismus ein Verfallsdatum. Auch die aktuelle Version wird scheitern.

II. Die Entmenschlichung schreitet voran

In den über 30 Jahren, in denen ich europäische Geschichte und die Quellen von Recht und Gerechtigkeit studiere und lehre, hat sich ein Muster herauskristallisiert, über das ich bereits 2014 unter dem Titel »Menschenrechte, Geschichte und Anthropologie: Neuausrichtung der Debatte« veröffentlicht habe. In diesem Artikel beschrieb ich den Prozess der »Entmenschlichung in 5 Schritten« und wie die Menschenrechtsverletzungen im Allgemeinen nicht von »Monstern« begangen werden, sondern zu einem großen Teil von gewöhnlichen Männern und Frauen – unterstützt von der passiven ideologisierten Masse – die davon überzeugt sind, dass das, was sie tun oder woran sie teilnehmen, gut und notwendig oder zumindest vertretbar ist.

Seit März 2020 sind wir Zeuge der weltweiten Entfaltung einer schweren Gesundheitskrise, die dazu führt, dass auf ganze Bevölkerungsgruppen ein beispielloser Druck von Regierungen, Medien und Gesellschaft ausgeübt wird, weitreichende und meist verfassungswidrige Maßnahmen zu dulden, die die Freiheiten der Menschen einschränken und in vielen Fällen durch Drohungen und unzulässigen Druck ihre körperliche Unversehrtheit verletzen. In dieser Zeit ist immer deutlicher geworden, dass heute gewisse Tendenzen zu beobachten sind, die Ähnlichkeiten mit den entmenschlichenden Maßnahmen aufweisen, die in der Regel von totalitären Bewegungen und Regimen eingesetzt werden.

Endlose Ausgangsbeschränkungen, polizeilich erzwungene Quarantänen, Reisebeschränkungen, Impfvorschriften, die Unterdrückung wissenschaftlicher Daten und Debatten, groß angelegte Zensur und die unerbittliche Bloßstellung und öffentliche Beschämung kritischer Stimmen sind alles Beispiele für entmenschlichende Maßnahmen, die in einem demokratischen und rechtsstaatlichen System keinen Platz haben sollten. Wir sehen auch, wie ein bestimmter Teil der Bevölkerung zunehmend an den Rand gedrängt wird und gleichzeitig als unverantwortlich und unerwünscht gilt, weil er ein »Risiko« für andere darstellt, was dazu führt, dass die Gesellschaft ihn nach und nach ausgrenzt. Der Präsident der Vereinigten Staaten hat in einer großen, live übertragenen politischen Rede deutlich gemacht, was dies bedeutet:

»Wir waren geduldig, aber unsere Geduld ist am Ende. Und Ihre Weigerung hat uns alle etwas gekostet. Also, bitte, tun Sie das Richtige. Hören Sie auf die Stimmen der nicht geimpften Amerikaner, die in Krankenhausbetten liegen, ihre letzten Atemzüge tun und sagen: ›Hätte ich mich doch nur impfen lassen.‹« – Präsident Joe Biden 9. September 2021

Die fünf Schritte

Diejenigen, die heute mit einer politischen Rhetorik hausieren gehen, die die »Geimpften« gegen die »Ungeimpften« oder umgekehrt ausspielt, begeben sich auf einen sehr gefährlichen Weg der Demagogie, der in der Geschichte noch nie gut ausgegangen ist. Slavenka Drakulic stellt in ihrer Analyse der Ursachen für den ethnischen Konflikt in Jugoslawien 1991–1999 fest:

(…) mit der Zeit werden diese ›Anderen‹ all ihrer individuellen Eigenschaften beraubt. Sie sind nicht mehr Bekannte oder Fachleute mit bestimmten Namen, Gewohnheiten, Aussehen und Charakteren, sondern Mitglieder der gegnerischen Gruppe. Wenn ein Mensch auf diese Weise auf eine Abstraktion reduziert wird, darf man ihn hassen, weil das moralische Hindernis bereits beseitigt ist.

Betrachtet man die Geschichte der totalitären Bewegungen, die schließlich zu totalitären Regimen und ihren Kampagnen der staatlich kontrollierten Verfolgung und Ausgrenzung führen, zeigt sich das Folgende.

Der erste Schritt der Entmenschlichung ist die Erzeugung und politische Instrumentalisierung von Angst und die daraus resultierende permanente Verunsicherung der Bevölkerung: Die Angst um das eigene Leben und die Angst vor einer bestimmten, als bedrohlich empfundenen Gruppe in der Gesellschaft wird ständig genährt.

Die Angst um das eigene Leben ist natürlich eine verständliche und durchaus berechtigte Reaktion auf ein potentiell gefährliches neues Virus. Niemand möchte unnötig krank werden oder sterben. Wir wollen uns nicht mit einem bösen Virus anstecken, wenn es vermeidbar ist. Doch sobald diese Angst von (staatlichen) Institutionen und Medien instrumentalisiert wird, um bestimmte Ziele zu erreichen, wie es zum Beispiel die österreichische Regierung im März 2020 zugeben musste, als sie die Bevölkerung von der Notwendigkeit einer Massenquarantäne überzeugen wollte, wird Angst zu einer mächtigen Waffe.

Auch hier bringt Hannah Arendt ihre scharfe Analyse ein, wenn sie feststellt:

Der Totalitarismus begnügt sich niemals damit, durch äußere Mittel zu herrschen, nämlich durch den Staat und eine Gewaltmaschinerie; in seiner eigentümlichen Ideologie und der Rolle, die ihr in diesem Zwangsapparat zugewiesen wird, hat der Totalitarismus ein Mittel entdeckt, die Menschen von innen her zu beherrschen und zu terrorisieren.

In seiner Rede vom 9. September 2021 instrumentalisierte Präsident Biden die normale menschliche Angst vor dem potenziell tödlichen Virus für politische Zwecke und erweiterte sie um die Angst vor »ungeimpften Menschen«, indem er suggerierte, dass sie per definitionem nicht nur für ihren eigenen Tod verantwortlich sind, sondern potenziell auch für den der anderen, weil sie »unnötigerweise« Krankenhausbetten auf der Intensivstation belegen. Auf diese Weise wurde ein neues Misstrauen und eine neue Angst gegenüber einer bestimmten Gruppe von Menschen in der Gesellschaft geschaffen, weil sie anderen etwas antun könnten.

Die Erzeugung von Angst gegenüber dieser spezifischen Gruppe macht sie dann zu leicht identifizierbaren Sündenböcken für das spezifische Problem, mit dem die Gesellschaft jetzt konfrontiert ist, unabhängig von den Fakten. Eine Ideologie der öffentlich gerechtfertigten Diskriminierung auf der Grundlage eines Gefühls, das in jedem einzelnen Menschen in der Gesellschaft vorhanden ist, wurde geboren. Genau so begannen die totalitären Bewegungen, die in der jüngeren europäischen Geschichte zu totalitären Regimen wurden. Auch wenn das Ausmaß an Gewalt und Ausgrenzung nicht mit dem der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts vergleichbar ist, erleben wir heute eine aktive, auf Angst basierende Regierungs- und Medienpropaganda, die die Ausgrenzung von Menschen rechtfertigt. Erst die »Asymptomatischen«, dann die »Maskenverweigerer« und jetzt die »Ungeimpften« werden als Gefahr und Belastung für den Rest der Gesellschaft dargestellt und behandelt. Wie oft haben wir in den letzten Monaten nicht von führenden Politikern gehört, dass wir eine »Pandemie der Ungeimpften« erleben und dass die Krankenhäuser voll von ihnen sind:

»Das sind fast 80 Millionen nicht geimpfte Amerikaner. Und in einem so großen Land wie dem unseren sind das 25 Prozent Minderheit. Diese 25 Prozent können viel Schaden anrichten – und das tun sie auch. Die Ungeimpften überfüllen unsere Krankenhäuser, überrennen die Notaufnahmen und Intensivstationen und lassen keinen Platz für jemanden mit einem Herzinfarkt, einer Pankreatitis oder Krebs.« – Präsident Joe Biden, 9. September 2021

Der zweite Schritt der Entmenschlichung ist die sanfte Ausgrenzung: Die Gruppe, die zum Sündenbock gemacht wird, wird von bestimmten – wenn auch nicht allen – Teilen der Gesellschaft ausgeschlossen. Sie werden zwar immer noch als Teil dieser Gesellschaft betrachtet, aber ihr Status wurde herabgestuft. Sie werden lediglich geduldet, während sie gleichzeitig in der Öffentlichkeit dafür beschimpft werden, dass sie anders sind oder anders handeln. Es werden auch Systeme eingeführt, die es den Behörden und damit der breiten Öffentlichkeit ermöglichen, diese »Anderen« leicht zu identifizieren. Geben Sie den »Grünen Pass« oder den QR-Code ein. In vielen westlichen Ländern wird jetzt mit dem Finger auf diejenigen gezeigt, die nicht gegen das SARS-CoV-2-Virus geimpft sind, ungeachtet der verfassungsrechtlich geschützten Erwägungen oder der medizinischen Gründe, warum sich Einzelpersonen gegen diese spezielle Impfung entscheiden können.

So war Österreich am 5. November 2021 das erste Land in Europa, das stark diskriminierende Einschränkungen für »Ungeimpfte« einführte. Diese Bürger wurden von der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen und dürfen nur noch zur Arbeit, zum Einkaufen, in die Kirche, zum Spazierengehen oder in klar definierten »Notfällen« das Haus verlassen. In Neuseeland und Australien gibt es ähnliche Einschränkungen. Es gibt zahlreiche Beispiele in der ganzen Welt, wo Menschen ohne den Nachweis einer Corona-Impfung ihren Arbeitsplatz verlieren und ihnen der Zutritt zu einer Vielzahl von Einrichtungen, Geschäften und sogar Kirchen verwehrt wird. Es gibt auch immer mehr Länder, die Menschen ohne Impfnachweis das Einsteigen in Flugzeuge verbieten oder ihnen sogar ausdrücklich verbieten, Freunde zu Hause zum Essen einzuladen, wie in Australien:

»Die Botschaft lautet: Wenn du mit Freunden essen und Leute bei dir zu Hause empfangen willst, musst du dich impfen lassen.« – Premierministerin Gladys Berejiklian von New South Wales, Australien, 27. September 2021

Der dritte Schritt der Entmenschlichung, der meist parallel zum zweiten Schritt erfolgt, wird durch eine dokumentierte Rechtfertigung des Ausschlusses vollzogen: Akademische Forschungen, Expertenmeinungen und wissenschaftliche Studien, die durch eine breite Medienberichterstattung verbreitet werden, dienen dazu, die Propaganda der Angst und den anschließenden Ausschluss einer bestimmten Gruppe zu untermauern; sie sollen »erklären« oder »Beweise« dafür liefern, warum der Ausschluss für das »Wohl der Gesellschaft« und für die »Sicherheit aller« notwendig ist. Hannah Arendt stellt fest, dass »[d]ie starke Betonung der ›Wissenschaftlichkeit‹ der totalitären Propagandabehauptungen mit bestimmten Werbetechniken verglichen worden ist, die sich ebenfalls an die Massen richten. (…) Die Wissenschaft ist sowohl in der Werbung als auch in der totalitären Propaganda offensichtlich nur ein Surrogat für die Macht. Die Besessenheit der totalitären Bewegungen von ›wissenschaftlichen‹ Beweisen hört auf, sobald sie an der Macht sind.«

Arendt erinnert uns hier daran, dass die Wissenschaft natürlich oft in einer voreingenommenen Art und Weise verwendet wird, indem nur die Studien präsentiert werden, die in die offizielle Darstellung passen, und nicht die mindestens ebenso große Anzahl von Studien, egal wie renommiert ihre Autoren sind, die alternative Erkenntnisse und Schlussfolgerungen liefern, die zu einer konstruktiven Debatte und besseren Lösungen beitragen könnten. Wie bereits erwähnt, wird hier die Wissenschaft politisiert, um das zu fördern, was die Führer der totalitären Bewegung als Wahrheit beschlossen haben, sowie die Maßnahmen und Aktionen, die auf dieser Version der Wahrheit basieren. Alternative Standpunkte werden einfach zensiert, wie wir es bei YouTube, Twitter und Facebook in einem noch nie dagewesenen Ausmaß beobachten können.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden nicht mehr so viele renommierte und anerkannte Akademiker, Wissenschaftler und Mediziner, darunter auch Nobelpreisträger und -kandidaten, zum Schweigen gebracht, des Podiums verwiesen und aus ihren Positionen entlassen, nur weil sie die offizielle oder »richtige« Linie nicht unterstützen. Sie wünschen sich einfach einen soliden öffentlichen Diskurs über die Frage, wie man am besten mit dem Problem umgeht, und begeben sich damit auf eine gemeinsame Suche nach der Wahrheit. Dies ist der Punkt, an dem wir aus der Geschichte wissen, dass die Ideologie des Tages nun formell verankert und zum Mainstream geworden ist.

Der vierte Schritt der Entmenschlichung ist der harte Ausschluss: Die Gruppe, die nun »erwiesenermaßen« die Ursache für die Probleme und den derzeitigen Stillstand der Gesellschaft ist, wird in der Folge aus der gesamten Zivilgesellschaft ausgeschlossen und rechtlos. Sie hat kein Mitspracherecht mehr in der Gesellschaft, weil sie als nicht mehr dazugehörig betrachtet wird. Im Extremfall hat sie auch keinen Anspruch mehr auf den Schutz ihrer Grundrechte. Bei den weltweit und in unterschiedlichem Ausmaß von den Regierungen verhängten Corona-Maßnahmen sehen wir mancherorts bereits Entwicklungen, die auf diese vierte Stufe hinauslaufen.

Auch wenn solche Maßnahmen in Umfang und Härte nicht mit denen totalitärer Regime der Vergangenheit und Gegenwart zu vergleichen sind, zeigen sie doch eindeutig besorgniserregende totalitäre Tendenzen, die sich, wenn sie nicht kontrolliert werden, zu etwas weit Schlimmerem auswachsen könnten. In Melbourne, Australien, wird beispielsweise demnächst ein euphemistisch als »Center for National Resilience« bezeichnetes Zentrum fertiggestellt (als eines von mehreren derartigen Zentren), das als ständige Einrichtung fungieren wird, in der Menschen zwangsweise in Quarantäne gehalten werden sollen, wenn sie zum Beispiel von einer Auslandsreise zurückkehren.[1] Die Regeln und Vorschriften für das Leben in einer solchen bereits existierenden Internierungseinrichtung im australischen Bundesstaat Northern Territory sind eine abschreckende Orwellsche Lektüre:

»Die ›Chief Health Officer Direction 52 of 2021‹ legt fest, was eine Person zu tun hat, wenn sie im Centre for National Resilience und in der Alice Springs Quarantine Facility unter Quarantäne steht. Diese Anweisung ist Gesetz – jede Person, die sich in Quarantäne befindet, muss tun, was in der Anweisung steht. Wenn sich eine Person nicht an die Anweisung hält, kann die Polizei des Northern Territory eine Ordnungswidrigkeitsanzeige mit einer Geldstrafe ausstellen.«

Der fünfte und letzte Schritt der Entmenschlichung ist die soziale oder physische Auslöschung. Die ausgegrenzte Gruppe wird gewaltsam aus der Gesellschaft ausgestoßen, indem entweder jegliche Teilhabe an der Gesellschaft unmöglich gemacht wird oder sie in Lager, Ghettos, Gefängnisse und medizinische Einrichtungen verbannt wird. In den extremsten Formen totalitärer Regime, wie wir sie im Kommunismus und im Nationalsozialismus, aber auch im ethnischen Nationalismus während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien 1991–1999 erlebt haben, führt dies dann dazu, dass diese Menschen physisch vernichtet oder zumindest als »nicht mehr menschlich« behandelt werden. Dies ist möglich, weil niemand mehr für sie spricht, da sie unsichtbar geworden sind. Sie haben ihren Platz in der politischen Gesellschaft verloren und damit auch jede Chance, ihre Rechte als Menschen einzufordern. Sie haben aufgehört, Teil der Menschheit zu sein, soweit es die Totalitaristen betrifft.

Im Westen haben wir dieses Endstadium des Totalitarismus und der daraus resultierenden Entmenschlichung zum Glück noch nicht erreicht. Hannah Arendt warnt jedoch eindringlich davor, sich darauf zu verlassen, dass die Demokratie allein ein ausreichendes Bollwerk gegen das Erreichen dieses fünften Stadiums darstellt:

»Eine Rechtsauffassung, die das Recht mit der Vorstellung identifiziert, was gut ist für – das Individuum oder die Familie oder das Volk oder die größte Zahl – wird unvermeidlich, wenn die absoluten und transzendenten Maßstäbe der Religion oder des Naturgesetzes ihre Autorität verloren haben. Und dieses Dilemma ist keineswegs gelöst, wenn die Einheit, auf die sich das ›Gut für‹ bezieht, so groß ist wie die Menschheit selbst. Denn es ist durchaus denkbar und liegt sogar im Bereich der praktischen politischen Möglichkeiten, dass eines schönen Tages eine hoch organisierte und technisierte Menschheit ganz demokratisch – nämlich durch Mehrheitsbeschluss – zu dem Schluss kommt, dass es für die Menschheit als Ganzes besser wäre, bestimmte Teile von ihr zu liquidieren.«

III. Fazit: Wie befreien wir uns?

Die Geschichte gibt uns eine mächtige Anleitung, wie wir das Joch des Totalitarismus abwerfen können, in welchem Stadium oder in welcher Form er sich auch immer präsentiert; auch in der gegenwärtigen ideologischen Form, von der die meisten nicht einmal merken, dass sie Realität geworden ist. Wir können den Rückzug der Freiheit und den Beginn der Entmenschlichung tatsächlich aufhalten. Mit den Worten von George Orwell: »Freiheit ist die Freiheit zu sagen, dass zwei plus zwei vier ist. Wenn das erlaubt wird, folgt alles andere.« Wir leben in einer Zeit, in der genau diese Freiheit durch ideologischen Totalitarismus ernsthaft bedroht ist, was ich versucht habe, anhand des Umgangs der westlichen Gesellschaften mit der Corona-Krise zu veranschaulichen, in der Fakten allzu oft keine Rolle zu spielen scheinen, um der neuesten systemischen ideologischen Orthodoxie Geltung zu verschaffen. Das beste Beispiel dafür, wie die Freiheit zurückgewonnen werden kann, ist die Art und Weise, wie die Völker Ost- und Mitteleuropas ab 1989 die totalitäre Herrschaft des Kommunismus in ihren Ländern beendeten.

Es war ihr langer Prozess der Wiederentdeckung der Menschenwürde und ihr gewaltloser, aber beharrlicher ziviler Ungehorsam, der die Regime der kommunistischen Elite und ihrer Verbündeten im Pöbel zu Fall brachte, indem er die Unwahrheit ihrer Propaganda und die Ungerechtigkeit ihrer Politik aufdeckte. Sie wussten, dass die Wahrheit ein Ziel ist, das es zu erreichen gilt, und nicht ein Objekt, das man für sich beanspruchen kann, und das daher Demut und einen respektvollen Dialog erfordert. Sie verstanden, dass eine Gesellschaft nur dann frei, gesund und wohlhabend sein kann, wenn kein Mensch ausgeschlossen wird und wenn stets die echte Bereitschaft und Offenheit für einen robusten öffentlichen Diskurs besteht, um den anderen zu hören und zu verstehen, egal wie unterschiedlich seine Meinung oder Lebenseinstellung ist.

Sie übernahmen endlich wieder die volle Verantwortung für ihr eigenes Leben und für die Menschen um sie herum, indem sie ihre Angst, ihre Passivität und ihr Opferdasein überwanden, indem sie wieder lernten, für sich selbst zu denken, und indem sie sich einem Staat entgegenstellten, der mit Hilfe seiner Unterstützer vergessen hatte, was sein einziges Ziel ist: jedem einzelnen seiner Bürger zu dienen und ihn zu schützen, und nicht nur denen, die er sich aussucht.

Alle totalitären Bestrebungen endeten auf dem Müllhaufen der Geschichte. Die neueste wird keine Ausnahme sein.

Der Artikel ist am 17.11.2021 auf der Netzseite des Brownstone-Instituts erschienen.

Zum Autor: Christiaan Alting von Geusau studierte Rechtswissenschaften an der Universität Leiden (Niederlande) und an der Universität Heidelberg (Deutschland). Er promovierte mit Auszeichnung in Rechtsphilosophie an der Universität Wien (Österreich) mit einer Dissertation zum Thema »Human Dignity and the Law in Post-War Europe«, die 2013 international veröffentlicht wurde. Er ist Präsident und Rektor der Katholischen Universität ITI in Österreich, wo er auch als Professor für Recht und Bildung tätig ist. Die Universität residiert im Schloss Trumau, das dem Zisterzienserstift Heiligenkreuz gehört. Er hat eine Ehrenprofessur an der Universidad San Ignacio de Loyola in Lima, Peru, inne und ist Präsident des International Catholic Legislators Network (ICLN). Die in diesem Aufsatz geäußerten Meinungen sind nicht notwendigerweise die der Organisationen, die er vertritt.


Anmerkung:


  1. Inzwischen hat Australien im Northern Territory mit solchen Internierungen begonnen: https://www.thelibertybeacon.com/australia-starts-using-its-quarantine-camps-for-suspected-covid-in-sewage/

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