Die Goldstein-Fragmente – Unwissenheit ist Stärke

Zuletzt aktualisiert am 10. Oktober 2021.

Die Goldstein-Fragmente wurden von Eric Arthur Blair entdeckt und im Jahr 1949 veröffentlicht. Erhalten sind nur zwei Kapitel des berüchtigten Buches »Theorie und Praxis des oligarchischen Kollektivismus«, das der Partei-Renegat und Erzketzer verfasste. Das erste Kapitel trägt die Überschrift »Unwissenheit ist Stärke«. Neu übersetzt von Lorenzo Ravagli.

Die Goldstein-Fragmente (1)

Der Partei-Renegat und Erzketzer Emmanuel Goldstein, der das Buch »Theorie und Praxis des oligarchischen Kollektivismus« verfasste.

Unwissenheit ist Stärke

Seit Beginn der geschichtlichen Überlieferung, und vermutlich seit dem Ende der Steinzeit, gab es auf der Welt drei Arten von Menschen: die Oberen, die Mittleren und die Unteren. Sie zerfielen in zahlreiche Untergruppen, führten unzählige verschiedene Namen, und sowohl ihr Zahlenverhältnis wie ihre Einstellung zueinander wandelten sich von Jahrhundert zu Jahrhundert. Die Grundstruktur der menschlichen Gesellschaft hat sich jedoch nie geändert. Sogar nach gewaltigen Umwälzungen und scheinbar unwiderruflichen Veränderungen hat sich immer wieder die gleiche Ordnung durchgesetzt, so wie ein Kreisel immer wieder ins Gleichgewicht kommt, wie sehr man ihn auch nach der einen oder anderen Seite schubst.

Die Ziele der drei Gruppen sind miteinander vollkommen unvereinbar.

Das Ziel der Oberen ist, sich da zu behaupten, wo sie sich befinden. Das der Mittleren, an die Stelle der Oberen zu treten. Das der Unteren, sofern sie überhaupt ein Ziel haben – denn es ist ein vorherrschendes Charakteristikum der Unteren, dass sie durch die tägliche Mühsal zu zermürbt sind, um etwas anderes als ihr Alltagsleben hin und wieder ins Bewusstsein dringen zu lassen –, besteht darin, alle Unterschiede abzuschaffen und eine Gesellschaft ins Leben zu rufen, in der alle Menschen gleich sind. So wiederholt sich die ganze Geschichte hindurch unablässig ein in den Grundzügen immer gleicher Kampf. Während langer Zeiträume scheinen die Oberen ihrer Machtposition sicher zu sein, aber früher oder später kommt ein Augenblick, in dem sie entweder ihr Selbstvertrauen oder ihre Fähigkeit, effizient zu regieren, oder beides verlieren. Dann werden sie von den Mittleren gestürzt, die die Unteren auf ihre Seite ziehen, indem sie ihnen vorgaukeln, für Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen. Sobald die Mittleren ihr Ziel erreicht haben, drängen sie die Unteren wieder in ihre alte Knechtschaft zurück, und werden selbst zu den Oberen. Bald darauf spaltet sich von einer der anderen Gruppen oder von beiden eine neue mittlere Gruppe ab, und der Kampf beginnt wieder von vorne. Von den drei Gruppen gelingt es nur den Unteren nie, auch nur zeitweise ihre Ziele zu erreichen.

Es wäre eine Übertreibung, zu sagen, dass im Verlauf der Geschichte kein materieller Fortschritt erzielt worden wäre. Sogar heutzutage, in einer Periode des Niedergangs, ist der Durchschnittsmensch physisch bessergestellt, als er es vor ein paar Jahrhunderten war. Aber keine Steigerung des Wohlstandes, keine Verbesserung der Moral, keine Reform oder Revolution hat die Gleichheit der Menschen jemals auch nur einen Millimeter nähergebracht. Vom Gesichtspunkt der Unteren aus hat kein geschichtlicher Wandel jemals etwas anderes bedeutet als eine Änderung der Namen ihrer Herren.

Die Goldstein-Fragmente

1984 – neu übersetzt von Jan Strümpel

Ende des neunzehnten Jahrhunderts ist die ewige Wiederkehr dieses Musters vielen Beobachtern zum Bewusstsein gekommen. Daraufhin entstanden Denkrichtungen, die die Geschichte als zyklischen Prozess deuteten und die Ungleichheit zum unabänderlichen Gesetz des menschlichen Lebens erklärten. Diese Lehre hatte natürlich schon immer ihre Anhänger, aber die Art, wie sie jetzt geäußert wurde, war erheblich anders. In der Vergangenheit wurde die Notwendigkeit einer hierarchischen Gesellschaftsform von den Oberen vertreten. Sie wurde von Königen und Adligen gepredigt, sowie von Priestern und Rechtsgelehrten, die von ihnen schmarotzten, und gewöhnlich durch die Verheißung einer Belohnung in einer imaginären Welt jenseits des Grabes schmackhafter gemacht. Die Mittleren führten immer, solange sie um die Macht kämpften, Worte wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im Munde. Jetzt jedoch wurde die Auffassung menschlicher Brüderlichkeit einer Kritik durch Menschen unterzogen, die noch keine herrschende Stellung innehatten, aber hofften, bald so weit zu sein. In der Vergangenheit hatten die mittleren Gruppen Revolutionen unter dem Banner der Gleichheit angezettelt und dann eine neue Tyrannei aufgerichtet, sobald die alte gestürzt war. Die neuen mittleren Gruppen proklamierten ihre Tyrannei im voraus. Der Sozialismus, eine Theorie, die zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts auftauchte und das letzte Glied einer Gedankenkette war, die zu den Sklavenaufständen des Altertums zurückreichte, war noch zutiefst vom Utopismus vergangener Zeiten infiziert. Aber von jeder Variante des Sozialismus, die ab 1900 erschien, wurde das Ziel, Freiheit und Gleichheit zu verwirklichen, immer offener aufgegeben. Die neuen Bewegungen, die um die Mitte des Jahrhunderts auftauchten, nämlich Ingsoz in Ozeanien, Neo-Bolschewismus in Eurasien, der sogenannte Totenkult in Ostasien, erklärten dauerhafte Unfreiheit und Ungleichheit offen zu ihrem Ziel. Diese neuen Bewegungen gingen natürlich aus den alten hervor und neigten dazu, ihre Namen beizubehalten und Lippenbekenntnisse zu ihren Ideologien abzulegen. Aber alle zielten darauf ab, dem Fortschritt Einhalt zu gebieten und die Geschichte in einem passenden Augenblick für immer zum Stillstand zu bringen. Noch einmal sollte das Pendel ausschlagen, um dann für immer stillzustehen. Wie gewöhnlich sollten die Oberen von den Mittleren verdrängt werden, damit sie sich an deren Stelle setzen konnten. Aber diesmal würden die neuen Oberen durch eine bewusste Strategie imstande sein, ihre Stellung für immer zu behaupten.

Die neuen Lehren traten infolge der Vermehrung historischen Wissens und des zunehmenden Verständnisses für Geschichte in Erscheinung, das es vor dem neunzehnten Jahrhundert kaum gegeben hatte. Ihre zyklische Bewegung war jetzt erkennbar oder schien es wenigstens zu sein. Und wenn sie erkennbar war, dann konnte man sie auch ändern. Aber der hauptsächliche, tiefere Grund lag darin, dass bereits zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Gleichheit der Menschen technisch möglich geworden war. Zwar traf es weiterhin zu, dass die angeborenen Begabungen der Menschen nicht gleich waren und dass für die Erfüllung spezieller Aufgaben eine Auswahl getroffen werden musste, durch die manche gegenüber anderen bevorzugt wurden. Aber es bestand keine wirkliche Notwendigkeit mehr für Klassen- oder große Besitzunterschiede.

In früheren Zeiten waren Klassenunterschiede nicht nur unvermeidbar, sondern sogar erwünscht. Ungleichheit war der Preis der Zivilisation. Mit der Weiterentwicklung der maschinellen Produktion änderte sich jedoch die Lage. Auch wenn die Menschen noch die eine oder andere Arbeit selbst verrichten mussten, brauchten sie doch nicht mehr auf verschiedenen sozialen oder wirtschaftlichen Stufen zu stehen. Deshalb war die Gleichheit aus der Sicht der neuen Gruppen, die nach der Macht griffen, kein erstrebenswertes Ideal mehr, sondern eine Gefahr, die abgewendet werden musste.

In primitiveren Zeiten, als eine gerechte und friedliche Gesellschaftsordnung tatsächlich nicht möglich war, konnte man leicht an sie glauben. Die Vorstellung eines irdischen Paradieses, in dem die Menschen ohne Gesetze und ohne harte Arbeit in Brüderlichkeit zusammenlebten, hatte die Phantasie Tausende von Jahren beschäftigt. Und diese Vision hatte sogar noch einen gewissen Einfluss auf die Gruppen, die aus den geschichtlichen Veränderungen tatsächlich Vorteile zogen. Die Erben der französischen, englischen und amerikanischen Revolutionen glaubten teilweise an ihre eigenen Phrasen von Menschenrechten, freier Meinungsäußerung, Gleichheit vor dem Gesetz und dergleichen mehr und wurden sogar bis zu einem gewissen Grade von ihnen beeinflusst.

Aber im vierten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts wurden alle Hauptströmungen des politischen Denkens autoritär. Das irdische Paradies geriet genau in dem Augenblick in Misskredit, in dem es verwirklicht werden konnte. Jede neue politische Theorie, wie auch immer sie sich nennen mochte, führte zurück zu Hierarchie und Unterdrückung. Und durch die um das Jahr 1930 einsetzende Brutalisierung der Umgangsformen wurden Praktiken, die seit langem aufgegeben worden waren, in manchen Fällen seit Hunderten von Jahren – wie Inhaftierung ohne Gerichtsverhandlung, Verwendung von Kriegsgefangenen als Arbeitssklaven, öffentliche Hinrichtungen, Folterung zur Erpressung von Geständnissen, Geiselnahme und die Deportation ganzer Bevölkerungsteile –, nicht nur wieder allgemein üblich, sondern auch von Menschen geduldet und sogar verteidigt, die sich für aufgeklärt und fortschrittlich hielten.

Erst nach einem Jahrzehnt nationaler Kriege, Bürgerkriege, Revolutionen und Gegenrevolutionen in allen Teilen der Welt traten der Ingsoz und seine Rivalen als voll ausgereifte politische Theorien hervor. Aber sie hatten sich bereits durch die verschiedenen, gewöhnlich totalitär genannten Systeme, die früher in diesem Jahrhundert erschienen waren, angekündigt, und die großen Umrisse der Welt, die aus dem herrschenden Chaos hervorgehen würde, waren seit langem offensichtlich.

Welche Art Mensch in dieser Welt die Macht ausüben würde, war ebenso offensichtlich. Die neue Aristokratie setzte sich zum größten Teil aus Bürokraten, Wissenschaftlern, Technikern, Gewerkschaftsfunktionären, Propagandafachleuten, Soziologen, Lehrern, Journalisten und Berufspolitikern zusammen. Diese Menschen, die aus dem lohnabhängigen Mittelstand und der gehobenen Arbeiterschaft stammten, waren durch die öde Welt der Monopolindustrie und eine zentralisierte Regierung geformt und zusammengeführt worden. Verglichen mit ihren Vorläufern in früheren Zeiten waren sie weniger besitzgierig, weniger auf Luxus versessen, dafür aber machthungriger, und vor allem hatten sie ein klareres Bewusstsein dessen, was sie taten und waren noch entschiedener darauf bedacht, die Opposition zu vernichten. Dieser letztere Unterschied war von herausragender Bedeutung.

Im Vergleich mit der heutigen Tyrannei waren alle früheren halbherzig und ineffizient. Die herrschenden Gruppen waren immer bis zu einem gewissen Grad von liberalen Ideen infiziert und ließen zu viele Freiheiten zu, sie kümmerten sich nur um die Handlungen der Menschen und nicht darum, was ihre Untertanen dachten. Sogar die katholische Kirche des Mittelalters war aus heutiger Sicht tolerant.

Das lag zum Teil daran, dass kein Staat in der Vergangenheit die Macht besaß, seine Bürger permanent zu überwachen.

Die Erfindung des Buchdrucks machte es jedoch leichter, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, und Film und Radio förderten diesen Prozess noch weiter. Mit der Entwicklung des Fernsehens und dank des technischen Fortschritts, der es ermöglichte, mit Hilfe desselben Geräts gleichzeitig zu empfangen und zu senden, war das Privatleben zu Ende. Jeder Bürger – oder wenigstens jeder Bürger, der wichtig genug war – konnte vierundzwanzig Stunden am Tag von der Polizei überwacht und der staatlichen Propaganda ausgesetzt werden, während ihm alle anderen Kommunikationskanäle unzugänglich waren. Das erste Mal existierte die Möglichkeit, allen Untertanen nicht nur den Willen des Staates, sondern auch eine einheitliche Meinung aufzuzwingen.

Nach der revolutionären Periode der fünfziger und sechziger Jahre gruppierte sich die menschliche Gesellschaft wieder – wie immer – in die Oberen, die Mittleren und die Unteren. Aber die neue Oberschicht handelte nicht aus dem Instinkt heraus, wie ihre Vorläufer, sondern wusste, was nötig war, um ihre Position abzusichern. Seit langem war klar, dass die einzig sichere Basis einer Oligarchie der Kollektivismus ist.

Die Goldstein-Fragmente

1984 – neu übersetzt von Simone Fischer

Reichtum und Privilegien können am leichtesten verteidigt werden, wenn jeder an ihnen teilhat. Die sogenannte »Abschaffung des Privateigentums«, die um die Mitte des Jahrhunderts durchgeführt wurde, bedeutete in Wahrheit seine Konzentration in weit weniger Händen als zuvor; aber die neuen Besitzer bildeten ein Kollektiv, sie waren keine Individuen mehr. Als Individuum besitzt kein Parteimitglied etwas, außer ein paar belanglose Alltagsgegenstände. Als Kollektiv besitzt die Partei in Ozeanien alles, weil sie alles kontrolliert und über die Erzeugnisse nach Gutdünken verfügt. In den Jahren nach der Revolution konnte sie diese beherrschende Stellung erlangen, ohne dass sich nennenswerter Widerstand geregt hätte, da die gesamte Enteignung als »Kollektivierung«, als Überführung in Gemeineigentum, deklariert wurde. Man war immer davon ausgegangen, dass auf die Enteignung der Kapitalistenklasse der Sozialismus folgen müsse. Die Kapitalisten waren ohne Zweifel enteignet worden. Fabriken, Bergwerke, Land, Häuser, Transportmittel – alles war ihnen weggenommen worden. Und da diese Dinge kein Privateigentum mehr waren, folgte, dass sie öffentlicher Besitz sein mussten. Der Ingsoz, der aus der früheren sozialistischen Bewegung hervorgegangen war und ihre Phraseologie beerbt hatte, verwirklichte in der Tat den zentralen Punkt des sozialistischen Programms und erzielte das bewusst angestrebte Ergebnis: die wirtschaftliche Ungleichheit als Dauerzustand.

Aber die dauerhafte Sicherung einer hierarchischen Ordnung war damit allein nicht gewährleistet. Es gibt nur vier Gründe, warum eine herrschende Gruppe ihre Macht verlieren kann. Entweder sie wird von außen überwunden; oder sie regiert so ineffizient, dass sie die Massen zur Revolte reizt; oder sie lässt eine starke und unzufriedene Mittelschicht aufkommen; oder aber sie verliert ihr Selbstvertrauen und die Lust am Regieren. Diese Gründe wirken nicht vereinzelt, und in der Regel sind alle vier in gewissem Grade vorhanden. Eine herrschende Klasse, die sich gegen alle wappnen könnte, bliebe dauernd an der Macht. Letzten Endes ist der entscheidende Faktor die geistige Einstellung der herrschenden Klasse selbst.

Seit der Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts ist die erste Gefahr in Wirklichkeit verschwunden. Jedes der drei Imperien (Ozeanien, Eurasien, Ostasien), die sich heute die Welt teilen, ist faktisch unüberwindlich; jedes könnte nur durch langsame Änderungen in der Zusammensetzung seiner Bevölkerung zugrunde gehen, was eine Regierung mit umfangreicher Macht leicht verhindern kann.

Auch die zweite Gefahr ist lediglich theoretisch. Die Massen revoltieren niemals aus eigenem Antrieb und lehnen sich nie gegen ihre bloße Unterdrückung auf. Tatsächlich werden sie sich schlicht nicht unterdrückt fühlen, solange man ihnen keine Vergleiche erlaubt. Die wiederkehrenden Wirtschaftskrisen früherer Zeiten waren vollständig unnötig und werden jetzt verhindert, andere, ebenso weitreichende Umwälzungen können eintreten und treten ein, ohne politische Folgen zu haben, weil es keinerlei Möglichkeit mehr gibt, irgendeine Unzufriedenheit zu äußern. Das Problem der Überproduktion, das in unserer Gesellschaft seit der Entwicklung der Maschinentechnik existierte, ist durch den Kunstgriff des permanenten Krieges gelöst worden (siehe drittes Kapitel), der außerdem dazu dient, die allgemeine Erregung am Kochen zu halten.

Aus der Sicht unserer gegenwärtigen Machthaber besteht die einzige wirkliche Gefahr darin, dass sich eine neue Gruppe begabter, unterbeschäftigter, machthungriger Menschen von ihnen abspaltet, in der sich der Liberalismus und Skeptizismus ausbreitet. Das Problem ist daher erzieherischer Natur. Es geht darum, das Bewusstsein der (kleinen) leitenden und der ihr untergeordneten (größeren) exekutiven Gruppe permanent zu modellieren. Das Bewusstsein der Massen muss nur in negativer Weise beeinflusst werden.

Vor diesem Hintergrund könnte man, wenn sie einem nicht schon bekannt wäre, den allgemeinen Aufbau der Gesellschaft Ozeaniens erraten.

An der Spitze der Pyramide steht der Große Bruder. Der Große Bruder ist unfehlbar und allmächtig. Jeder Erfolg, jede Leistung, jeder Sieg, jede wissenschaftliche Entdeckung, alles Wissen, alle Weisheit, alles Glück, alle Tugend werden unmittelbar seiner Führungskraft und Inspiration zugeschrieben. Niemand hat den Großen Bruder jemals gesehen. Er ist ein Gesicht an den Litfaßsäulen, eine Stimme aus dem Fernsehschirm. Wir sind ziemlich sicher, dass er niemals sterben wird, und es besteht schon beträchtliche Unsicherheit über das Datum seiner Geburt. Der Große Bruder ist die Gestalt, in der die Partei sich der Welt zeigt. Seine Funktion besteht darin, als Sammelpunkt für Liebe, Furcht und Verehrung zu dienen, für Gefühle, die leichter einem einzelnen Menschen als einer Organisation entgegengebracht werden. Unter dem Großen Bruder steht das Gehirn des Staates, die Innere Partei, deren Mitglieder auf sechs Millionen oder etwas weniger als zwei Prozent der Bevölkerung Ozeaniens begrenzt sind. Unter ihr steht die Äußere Partei, die man mit den Händen des Staates vergleichen kann. Darunter folgen die dumpfen Massen, die wir als »Proles« bezeichnen, zu welchen ungefähr fünfundachtzig Prozent der Bevölkerung gehören. Nach unserer früheren Klassifizierung bilden die Proles die Unterschicht; denn die Sklavenvölker der äquatorialen Länder, die unter der Herrschaft ständig wechselnder Eroberer stehen, sind kein dauerhafter oder notwendiger Teil der Gesellschaft.

Die Goldstein-Fragmente

1984 – das englische Original; Ausgabe 2008.

Im Prinzip ist die Zugehörigkeit zu diesen drei Gruppen nicht erblich. Das Kind von Eltern, die zur Inneren Partei gehören, wird theoretisch nicht in die Innere Partei hineingeboren. Die Aufnahme in eine der beiden Gliederungen der Partei erfolgt mit sechzehn Jahren aufgrund einer abzulegenden Prüfung. Es gibt auch keine Rassendiskriminierung, so wenig wie eine ausgesprochene Vorherrschaft einer Provinz über eine andere. Juden, Neger und Südamerikaner rein indianischer Abstammung sind auf den höchsten Positionen der Partei zu finden, und die Verwalter eines Gebietes entstammen immer der Einwohnerschaft dieses Gebietes. In keinem Teil Ozeaniens haben die Bewohner das Gefühl, einer Kolonialbevölkerung anzugehören, die von einer fernen Hauptstadt regiert wird. Ozeanien hat keine Hauptstadt, und sein nominelles Oberhaupt ist ein Mensch, dessen Aufenthaltsort niemand kennt. Abgesehen davon, dass Englisch seine Umgangssprache ist und Neusprech seine Amtssprache, ist es in keiner Weise zentralisiert. Seine Machthaber werden nicht durch Blutsbande zusammengehalten, sondern durch ihre Hingabe an eine gemeinsame Lehre. Zwar ist unsere Gesellschaft streng nach Kriterien geschichtet, die auf den ersten Blick nach Abstammungsregeln aussehen. Es gibt weit weniger Auf und Ab zwischen den verschiedenen Gruppen, als unter dem Kapitalismus oder sogar im vorindustriellen Zeitalter. Zwischen den beiden Gliederungen der Partei findet ein gewisser Austausch statt, aber nur gerade so viel, um zu gewährleisten, dass Schwächlinge aus der Inneren Partei ausgeschlossen und ehrgeizige Mitglieder der Äußeren Partei unschädlich gemacht werden, indem ihnen der Aufstieg erlaubt wird. Proletariern wird in der Praxis nicht gestattet, in die Partei aufzurücken. Die Begabtesten unter ihnen, von denen Unruhen ausgehen könnten, werden einfach von der Gedankenpolizei identifiziert und liquidiert. Aber dieser Stand der Dinge ist nicht notwendigerweise dauerhaft oder Folge eines Prinzips.

Die Partei ist keine »Klasse« im alten Sinn des Wortes. Sie zielt nicht darauf ab, die Macht auf ihre eigenen Kinder zu übertragen; und wenn es keinen anderen Weg gäbe, die fähigsten Menschen an die Spitze zu bringen, wäre sie durchaus bereit, eine ganz neue Generation aus den Reihen des Proletariats zu rekrutieren. In den kritischen Jahren trug die Tatsache, dass die Partei keine erbliche Körperschaft war, viel zur Ausschaltung der Opposition bei. Ein Sozialist alten Stils, der darauf gedrillt war, gegen etwas zu kämpfen, das man »Klassenvorrechte« nannte, nahm an, was nicht erblich sei, könne auch nicht dauerhaft sein. Er durchschaute nicht, dass die Kontinuität einer Oligarchie keine leibliche zu sein braucht, noch fiel ihm auf, dass erbliche Adelsherrschaften immer kurzlebig waren, während Organisationen, die alle aufnahmen, wie die katholische Kirche, manchmal Hunderte oder Tausende von Jahren Bestand hatten. Das Wesen der oligarchischen Herrschaft ist nicht die Vererbung vom Vater auf den Sohn, sondern der Fortbestand einer gewissen Weltanschauung und Lebensart, die den Lebenden von den Toten aufoktroyiert wird. Eine herrschende Gruppe ist so lange eine herrschende Gruppe, als sie ihre Nachfolger bestimmen kann. Der Partei geht es nicht darum, ewig ihr Blut, sondern sich selbst zu behaupten. Wer die Macht ausübt, ist nicht wichtig, vorausgesetzt, dass die hierarchische Struktur immer dieselbe bleibt.

Alle für unsere Zeit charakteristischen Überzeugungen, Gewohnheiten, Geschmacksrichtungen, Meinungen und geistigen Einstellungen sind in Wirklichkeit dazu bestimmt, die Mystik der Partei aufrechtzuerhalten und zu verhindern, dass die wahre Natur der heutigen Gesellschaft erkannt wird. Physische Auflehnung oder jede sie vorbereitende Bewegung ist gegenwärtig nicht möglich. Von den Proletariern ist nichts zu befürchten. Sich selbst überlassen, werden sie von Generation zu Generation und von Jahrhundert zu Jahrhundert fortfahren, zu arbeiten, Kinder in die Welt zu setzen und zu sterben, nicht nur ohne jeden Antrieb zur Rebellion, sondern ohne jede Vorstellung davon, dass die Welt anders sein könnte, als sie ist. Sie könnten nur gefährlich werden, wenn die fortschreitende Entwicklung der industriellen Technik es notwendig machen würde, ihnen eine höhere Erziehung angedeihen zu lassen; aber da die militärische und wirtschaftliche Konkurrenz keinerlei Bedeutung mehr haben, ist das Niveau der öffentlichen Erziehung im Sinken begriffen. Welche Ansichten die Massen vertreten oder nicht vertreten, ist belanglos. Man darf ihnen getrost geistige Freiheit einräumen, weil sie keinen Geist besitzen. Andererseits kann bei einem Parteimitglied auch nicht die kleinste Meinungsabweichung in der unbedeutendsten Frage geduldet werden.

Ein Angehöriger der Partei lebt von der Geburt bis zum Tod unter der Aufsicht der Gedankenpolizei. Sogar wenn er allein ist, kann er nie sicher sein, ob er wirklich allein ist. Wo er auch sein mag – ob er schläft oder wacht, arbeitet oder ruht, in seinem Bad oder in seinem Bett liegt –, er kann ohne Vorwarnung überwacht werden und ohne zu wissen, dass er überwacht wird. Nichts, was er tut, ist unwichtig. Seine Freundschaften, seine Zerstreuungen, sein Benehmen gegen Frau und Kinder, sein Gesichtsausdruck, wenn er allein ist, die Worte, die er im Schlaf vor sich hinmurmelt, sogar seine charakteristischen Körperbewegungen – alles wird einer peinlich genauen Prüfung unterzogen. Nicht nur jedes wirkliche Vergehen, sondern jeder noch so unbedeutende Tick, jede Änderung seiner Gewohnheiten, jede nervöse Regung, die das Symptom eines inneren Kampfes sein könnte – alles wird unweigerlich entdeckt. Er hat keine Wahlfreiheit in keiner denkbaren Hinsicht.

Andererseits ist sein Verhalten weder durch Gesetze noch durch klar formulierte Verhaltensvorschriften geregelt. In Ozeanien gibt es kein Gesetz. Gedanken und Handlungen, die den sicheren Tod bedeuten, wenn sie entdeckt werden, sind nicht formell verboten, und die endlosen Säuberungen, Festnahmen, Folterungen, Einkerkerungen und Vaporisierungen werden nicht als Strafe für tatsächlich begangene Verbrechen verhängt, sondern dienen lediglich der Auslöschung von Menschen, die vielleicht einmal in der Zukunft ein Verbrechen begehen könnten. Von einem Parteimitglied wird nicht nur verlangt, dass es die richtigen Ansichten, sondern dass es die richtigen Instinkte hat. Viele der von ihm geforderten Bekenntnisse und Haltungen werden nie klar festgelegt und könnten gar nicht festgelegt werden, ohne die dem Ingsoz innewohnenden Widersprüche aufzudecken. Wenn er ein von Natur aus orthodoxer Mensch ist (in Neusprech: ein Gutdenker), dann wird er unter allen Umständen wissen, was die richtige Überzeugung ist oder was er empfinden soll, ohne je darüber nachdenken zu müssen. Aber auf alle Fälle wird ihm durch eine ausgeklügelte mentale Konditionierung, die er in seiner Jugend durchläuft – die von den Neusprechwörtern Verbrechenstopp, Schwarzweiß und Zwiedenk umrissen wird –, der Widerwille und die Unfähigkeit anerzogen, tiefer über irgendetwas nachzudenken.

WInston Smith

Deutlich ist Winston Smith die Skepsis gegen die tägliche Anti-Goldstein-Hetze anzusehen, kurz bevor er in das kollektive Hassgeheul einstimmt.

Von einem Angehörigen der Partei wird erwartet, dass er keinerlei privaten Gefühle hat und niemals in seiner Begeisterung nachlässt. Er soll in einer dauernden Raserei des Hasses gegen ausländische Feinde und inländische Verräter leben, über Siege frohlocken und sich vor der Macht und Weisheit der Partei beugen. Die durch sein schales, unbefriedigendes Leben hervorgerufene Unzufriedenheit wird bewusst nach außen gelenkt und durch Einrichtungen wie die Zwei-Minuten-Hass-Sendung abgeleitet. Und die Spekulationen, die zu einer skeptischen und auflehnenden Haltung führen könnten, werden im voraus durch seine schon früh erworbene Selbstbeherrschung abgetötet.

Die erste und einfachste Stufe dieser Selbstbeherrschung, die sogar kleinen Kindern beigebracht werden kann, heißt in der Neusprache Verbrechenstop. Verbrechenstop ist die Fähigkeit, instinktiv auf der Schwelle jedes gefährlichen Gedankens haltzumachen. Sie schließt das Vermögen ein, Analogien nicht zu verstehen, logische Irrtümer nicht zu erkennen, die einfachsten Argumente misszuverstehen, wenn sie gegen den Ingsoz gerichtet sind, und von jedem Gedankengang gelangweilt oder angewidert zu sein, der in eine ketzerische Richtung führen könnte. Verbrechenstop bedeutet, kurz gesagt, schützende Dummheit. Aber Dummheit allein genügt nicht. Im Gegenteil verlangt Orthodoxie in vollem Sinne des Wortes eine ebenso vollständige Beherrschung der eigenen Gedankengänge, wie sie ein Schlangenmensch über seinen Körper besitzt.

Die ozeanische Gesellschaftsordnung fußt letzten Endes auf dem Glauben, dass der Große Bruder allmächtig und die Partei unfehlbar ist. Aber da in Wirklichkeit der Große Bruder nicht allmächtig und die Partei nicht unfehlbar ist, müssen die Tatsachen unermüdlich von einem Augenblick zum anderen zurechtgebogen werden. Das Schlagwort hierfür lautet Schwarzweiß. Wie so viele Neusprechworte hat es zwei entgegengesetzte Bedeutungen. Auf einen Gegner angewandt, bedeutet es die Gewohnheit, im Widerspruch zu den offenkundigen Tatsachen unverschämt zu behaupten, schwarz sei weiß. Auf ein Parteimitglied angewandt, bedeutet es die loyale Bereitschaft, zu sagen, schwarz sei weiß, wenn es die Parteidisziplin erfordert. Aber es bedeutet auch die Fähigkeit, zu glauben, dass schwarz weiß ist, und darüber hinaus zu wissen, dass schwarz weiß ist, und zu vergessen, dass man jemals das Gegenteil geglaubt hat. Das verlangt eine ständige Änderung der Vergangenheit, die durch das Denkverfahren ermöglicht wird, das in Wirklichkeit alles übrige einschließt und in der Neusprache als Zwiedenk bekannt ist.

Die Änderung der Vergangenheit ist aus zwei Gründen notwendig, deren einer untergeordnet und sozusagen vorbeugend ist. Der untergeordnete Grund besteht darin, dass das Parteimitglied, ähnlich wie der Proletarier, die gegenwärtigen Lebensbedingungen zum Teil deshalb duldet, weil es keine Vergleichsmöglichkeiten besitzt. Es muss von der Vergangenheit abgeschnitten werden, ebenso wie vom Ausland, weil es notwendig daran glauben muss, besser daran zu sein als seine Vorfahren, und dass sich das Durchschnittsniveau des materiellen Wohlstands dauernd hebt. Aber der bei weitem wichtigere Grund für die Änderung der Vergangenheit ist die Notwendigkeit, die Unfehlbarkeit der Partei zu schützen. Nicht nur müssen Reden, Statistiken und Aufzeichnungen jeder Art ständig auf den neuesten Stand gebracht werden, um zu beweisen, dass die Voraussagen der Partei in allen Fällen richtig waren. Es darf auch nie eine Veränderung der Doktrin oder der politischen Ausrichtung zugegeben werden. Denn seine Ansicht oder gar seine Politik zu ändern, ist ein Eingeständnis von Schwäche. Wenn zum Beispiel Eurasien oder Ostasien (welches auch immer) heute der Feind ist, dann muss dieses Land schon immer der Feind gewesen sein. Und wenn die Fakten anders lauten, dann müssen die Fakten eben geändert werden. Auf diese Weise wird die Geschichte dauernd neu geschrieben. Die unablässige Fälschung der Vergangenheit, die dem Wahrheitsministerium obliegt, ist für die Stabilität des Regimes genauso notwendig wie die vom Liebesministerium betriebene Unterdrückung und Bespitzelung.

Die Veränderlichkeit der Vergangenheit ist die Grundlehre des Ingsoz.

Vergangene Geschehnisse, so heißt es, haben keinen objektiven Bestand, sondern leben nur in schriftlichen Aufzeichnungen und in der Erinnerung der Menschen fort. Die Vergangenheit ist das, worin die Aufzeichnungen und die Erinnerungen übereinstimmen. Und da die Partei alle Aufzeichnungen ebenso wie das Denken ihrer Mitglieder vollständig kontrolliert, folgt daraus, dass die Vergangenheit das ist, was die Partei behauptet. Und es folgt daraus, dass die Vergangenheit, auch wenn sie veränderbar ist, doch nie in einem besonderen Fall verändert wurde. Denn wenn sie in der im Augenblick benötigten Form neu geschaffen wurde, dann ist eben diese neue Version die Vergangenheit, und eine andere Version kann es nie gegeben haben. Das gilt auch dann, wenn ein und dasselbe Ereignis, wie es häufig vorkommt, im Laufe eines Jahres mehrmals bis zur Unkenntlichkeit verändert werden muss.

Die Partei ist jederzeit im Besitz der absoluten Wahrheit, und selbstverständlich kann das Absolute nie anders gewesen sein als jetzt. Die Kontrolle über die Vergangenheit hängt vor allem von der Konditionierung des Gedächtnisses ab. Sicherzustellen, dass alle schriftlichen Aufzeichnungen mit der Orthodoxie des Augenblicks übereinstimmen, ist nicht mehr als ein mechanischer Akt. Aber man muss sich auch daran erinnern, dass Ereignisse in der gewünschten Form stattgefunden haben. Und wenn es nötig ist, seine Erinnerungen zu ändern oder schriftliche Aufzeichnungen zu manipulieren, dann ist es notwendig, zu vergessen, dass man das getan hat. Wie man das macht, kann man ebenso lernen, wie jede andere Denktechnik. Die Mehrzahl der Parteimitglieder hat es gelernt, jedenfalls all diejenigen, die sowohl intelligent als auch orthodox sind. In Altsprech wird dies, recht offen, als »Wirklichkeitskontrolle« bezeichnet. In Neusprech Zwiedenk, auch wenn Zwiedenk noch weit mehr bedeutet.

Zwiedenk bedeutet, gleichzeitig zwei einander widersprechende Ansichten zu haben und beide zu akzeptieren. Der Parteiintellektuelle weiß, wie er seine Erinnerungen ändern muss. Er weiß deshalb auch, dass er die Wirklichkeit verfälscht. Aber weil er Zwiedenk praktiziert, weiß er auch, dass er die Wirklichkeit nicht verfälscht. Die Fälschung muss bewusst geschehen, sonst würde sie nicht mit der nötigen Präzision erfolgen, sie muss aber auch unbewusst geschehen, sonst ginge sie mit einem Gefühl der Falschheit und damit der Schuld einher. Zwiedenk bildet den eigentlichen Kern des Ingsoz, denn der wesentliche Akt der Partei besteht darin, bewusste Täuschung anzuwenden und dabei die Selbstsicherheit zu wahren, die mit vollkommener Ehrlichkeit einhergeht. Bewusste Lügen zu erzählen, und ehrlich an sie zu glauben; jede Tatsache zu vergessen, die nicht mehr opportun ist, um sie dann, wenn sie wieder nötig wird, aus dem Gedächtnislos herauszuholen, so lange man sie braucht; die Existenz einer objektiven Wirklichkeit zu leugnen und die von einem geleugnete Wirklichkeit die ganze Zeit zu berücksichtigen – all das ist unbedingt notwendig.

Allein schon beim Gebrauch des Wortes Zwiedenk ist es notwendig, Zwiedenk zu praktizieren. Denn indem man das Wort gebraucht, gibt man zu, dass man die Wirklichkeit verfälscht; durch einen neuen Akt von Zwiedenk löscht man dieses Wissen aus; und so weiter und so fort, wobei die Lüge der Wahrheit immer einen Schritt voraus ist.

Letzten Endes war die Partei mit Hilfe des Zwiedenk imstande – und wird nach allem, was wir wissen, weitere Tausende von Jahren imstande sein –, den Lauf der Geschichte aufzuhalten.

Alle Oligarchien der Vergangenheit haben ihre Macht verloren, weil sie entweder verknöcherten oder verweichlichten. Entweder wurden sie dumm und arrogant, versäumten daher, sich den veränderten Umständen anzupassen und wurden gestürzt. Oder sie wurden liberal und feige, machten Konzessionen, wenn sie hätten Gewalt anwenden müssen und wurden wiederum gestürzt. Sie stürzten also entweder durch ihr Bewusstsein oder durch einen Mangel an Bewusstsein. Es ist das Verdienst der Partei, ein System des Denkens geschaffen zu haben, in dem beide Bewusstseinszustände nebeneinander existieren können. Und auf keiner anderen ideellen Grundlage hätte die Herrschaft der Partei dauerhaft gemacht werden können. Wenn man herrschen und seine Herrschaft aufrechterhalten will, muss man das Gefühl für die Wirklichkeit manipulieren können. Denn das Geheimnis der Herrschaft besteht darin, an die eigene Unfehlbarkeit zu glauben und doch aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, dass die Erfinder des Zwiedenk auch seine geschicktesten Anwender sind, und dass sie wissen, dass es sich um ein großangelegtes geistiges Betrugsmanöver handelt.

In unserer Gesellschaft sind diejenigen, die am besten wissen, was gespielt wird, auch am weitesten davon entfernt, die Welt so zu sehen, wie sie tatsächlich ist. Im Allgemeinen gilt, je tiefer der Einblick, desto größer die Verblendung; je intelligenter, desto wahnsinniger.

Deutlich illustriert das die Tatsache, dass die Kriegshysterie an Intensität zunimmt, je höher man auf der sozialen Stufenleiter aufsteigt. Die Einstellung zum Krieg ist bei den unterworfenen Völkern der umstrittenen Territorien am rationalsten. Für sie ist der Krieg einfach ein andauerndes Unglück, das wie eine schreckliche Flutwelle immer wieder über sie hinwegrollt. Welche Seite siegt, ist für sie vollkommen gleichgültig. Sie wissen, dass eine Änderung der Herrschaft lediglich bedeutet, dass sie die gleiche Arbeit wie bisher für neue Herren verrichten müssen, die sie genauso behandeln wie die alten. Die etwas bessergestellten Arbeiter, die wir als »Proles« bezeichnen, nehmen den Krieg nur sporadisch zur Kenntnis. Wenn es erforderlich ist, können sie in Furcht- und Hassrasereien versetzt werden; sich selbst überlassen, sind sie imstande, lange Zeit zu vergessen, dass Krieg herrscht. In den Reihen der Partei, und vor allem der Inneren Partei, ist die echte Kriegsbegeisterung zu finden. An die Eroberung der Welt glauben diejenigen am festesten, die wissen, dass sie unmöglich ist.

Diese eigenartige Verknüpfung von Gegensätzen – Einsicht und Ignoranz, Zynismus und Fanatismus – ist eines der Hauptmerkmale der ozeanischen Gesellschaft.

Die offizielle Ideologie wimmelt von Widersprüchen, auch dort, wo keine praktische Notwendigkeit für sie besteht.

So verwirft und verleugnet die Partei jeden Grundsatz, für den die sozialistische Bewegung ursprünglich eintrat, und tut das im Namen des Sozialismus. Sie predigt eine Verachtung der Arbeiterklasse, für die es in den vergangenen Jahrhunderten kein Beispiel gibt, und sie kleidet ihre Mitglieder in eine Uniform, die ursprünglich für Arbeiter typisch war und aus ebendiesem Grund eingeführt wurde. Sie unterminiert systematisch die Solidarität innerhalb der Familie und benennt ihren Führer mit einem Namen, der die Familienloyalität direkt anspricht. Sogar die Namen der vier Ministerien, von denen wir regiert werden, grenzen in ihrer offenen Verdrehung der Tatsachen an Schamlosigkeit. Das Friedensministerium befasst sich mit Krieg, das Wahrheitsministerium mit Lügen, das Liebesministerium mit Folter und das Überflussministerium mit Hunger. Diese Widersprüche sind nicht zufällig, sie entspringen auch nicht einer gewöhnlichen Heuchelei: sie sind bewusste Beispiele für Zwiedenk. Denn nur durch die Versöhnung von Widersprüchen lässt sich die Macht unbegrenzt aufrechterhalten. Auf keine andere Art konnte der alte Zyklus durchbrochen werden.

Wenn die Gleichheit der Menschen für immer verhindert werden soll, wenn die Oberen, wie wir sie genannt haben, dauerhaft ihren Platz behaupten wollen:

dann muss die vorherrschende Geistesverfassung kontrollierter Irrsinn sein.

Aber hier taucht eine Frage auf, die wir bis zu diesem Augenblick fast völlig außer Acht gelassen haben. Sie lautet: Warum soll die Gleichheit der Menschen verhindert werden? Wenn der Mechanismus des Ganzen richtig beschrieben wurde: Was ist der Beweggrund für dieses großangelegte, genau geplante Unternehmen, die Geschichte zu einem bestimmten Zeitpunkt zum Stillstand zu bringen?

Hier stoßen wir zum tiefsten Geheimnis vor. Wie wir gesehen haben, hängt die Mystik der Partei, vor allem der Inneren Partei, vom Zwiedenk ab. Aber noch tiefer liegt der ursprüngliche Beweggrund, der nie untersuchte Instinkt, der zuerst zur Machtergreifung und danach zu Zwiedenk, Gedankenpolizei, dauerndem Kriegszustand und all dem anderen führte. Dieser Beweggrund besteht in Wahrheit darin …

Hinweis: An dieser Stelle bricht das erste Kapitel des Goldstein-Fragmentes ab. Das dritte Kapitel wird demnächst veröffentlicht.


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