Cancel Culture oder die altneue Lust am Denunzieren – was geht Anthroposophen das an?

Ralf Sonnenberg fragt danach, ob die offene Gesellschaft und die sogenannte Cancel Culture miteinander kompatibel sind. Die Antwort ist nein. Die »altneue Lust am Denunzieren« bedroht die Demokratie. Ein Gastbeitrag.

Die offene Gesellschaft und Cancel Culture

Karl Popper, 1902–1994. Philosoph der offenen Gesellschaft

Rückblende 1994. In einem von fremdenfeindlichen Pogromen und der Debatte um die Einschränkung des Asylrechtes geprägten, politisch aufgeheizten Klima des wiedervereinigten Landes kommt es zu einem Brandanschlag einer linken Splittergruppe auf die in Weimar ansässige Druckerei des politisch rechts stehenden Blattes »Junge Freiheit«. Diesem vorausgegangen sind gegen einzelne Kioske gerichtete Attacken, deren Besitzer die umstrittene Zeitschrift im Sortiment vorhielten. In Teilen der linksautonomen Szene wird der Brandanschlag begrüßt, Sympathieäußerungen reichen jedoch weit in das sich als linksliberal verstehende bürgerliche Lager hinein. Doch da geschieht etwas Unerhörtes: Unter dem Rosa-Luxemburg-Ausspruch »Die Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden« veröffentlichen politisch unverdächtige Akteure wie der grüne Bundestagsabgeordnete Daniel Cohn-Bendit und die DDR-Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe zusammen mit Angehörigen des konservativen Lagers wie dem CSU-Politiker Peter Gauweiler und dem Verleger Herbert Fleissner einen Solidaritätsaufruf, in dem sie die Gewaltdelikte als demokratiefeindlich und gefährlich anprangern:

Wir verurteilen diese Anschläge ›autonomer‹ Täter, die sich – historisch ignorant und moralisch anmaßend – gern als ›Antifaschisten‹ bezeichnen. Das Recht auf freie Meinungsäußerung gilt selbstverständlich für Zeitungen und Autoren des gesamten politischen Spektrums.[1]

Momentaufnahme 2020. Auf das Auto des liberalkonservativen B.Z.-Kolumnisten Gunnar Schupelius, dessen Kommentare zu den politischen Geschehnissen der Hauptstadt sich durch Sachverstand und Umsicht auszeichnen, wird zum wiederholten Mal ein Brandanschlag verübt. Vera Lengsfeld, die frühere DDR-Bürgerrechtlerin und Mitbegründerin von »Bündnis 90«, kommentiert das auf der inzwischen verbotenen Online-Plattform indymedia kursierende Bekennerschreiben, das zum Terror gegen missliebige Personen aufruft, wie folgt:

Gruseliger als diese offenen Morddrohungen ist das Schweigen von Schupelius’ Kollegen (Sachstand Mittag Neujahr). Kein Entsetzen von Tom Buhrow, keine Solidaritätsbekundung von Georg Restle, kein einziges Wort vom Böhmermännlein, das sonst immer sofort seine mahnende Stimme erhebt. Auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV), der lautstark Schutz für den freien WDR-‘Oma-#Nazisau’-Tweet-Mitarbeiter gefordert hat, wegen angeblicher Morddrohungen, für die ich bisher aber keine Belege gefunden habe, hält es nicht für nötig, seinem tatsächlich angegriffenen und bedrohten Kollegen beizustehen.[2]

Eine Gruppierung namens »Feministische autonome Zellen« übernimmt die Verantwortung für diese Tat: »G. Schupelius ist nicht nur der spießige Springerschmierfink, er macht Propaganda. Er dient als Stichwortgeber von Rassist*innen, Rechten und von Reaktionären auf allen Feldern. Irgendwo zwischen Werte-Union, Kirchengruppe und der AfD ist also sein Platz … Wir haben heute seinen SUV abgefackelt. Der BMW-SUV parkte vor seiner Wohnung in der Wiesbadener Straße in Berlin-Wilmersdorf kurz vor der Kreuzung zum Südwest-Korso. Schupelius wohnt dort im Erdgeschoss mit seinen Kindern.«

Am Ende dieser im martialischen Jargon der politischen Selbstgerechtigkeit vorgebrachten »Erklärung« wird auch die eigentliche Absicht der »Aktion« verraten: Sie zielt auf die berufliche Existenzvernichtung des bei seinen Lesern beliebten Journalisten, dem von den Schreibern »dringend« nahelegt wird, »den Job zu wechseln«, da es sich hierbei, wie die zynische Drohung der »Täter*innen« lautet,  bereits um die »zweite Abmahnung« handle.[3]

»Hatespeech«, das Mobbing Andersdenkender und Gewalt sind nicht nur ein Thema der Rechten

Seit 2017 sitzen Abgeordnete der AfD im Deutschen Bundestag. In den sieben Jahren ihres Bestehens hat sich die Alternative für Deutschland von einer politisch konservativen Oppositionspartei mit medialer Dauerpräsenz immer weiter nach rechts bewegt, sodass sie heute in Teilen – über den inzwischen formal aufgelösten thüringischen »Flügel« Bernd Höckes hinaus – einen Schulterschluss zwischen bürgerlichen Konservativen und Rechtsextremen abbildet. Doch die AfD befand sich bereits im Visier vor allem der öffentlich-rechtlichen Medien, als Gründerväter wie Bernd Lucke und Hans-Olaf Henkel noch die Rettungsschirm- und Europapolitik der Kanzlerin Angela Merkel kritisierten, der gegenüber sie Alternativen aufzuzeigen bemüht waren – und antimuslimische und völkisch-nationalistische Rhetorik noch nicht zum gängigen Repertoire ihrer führenden Repräsentanten zählte.

Schon damals stellten dem linksextremen Spektrum zugehörige »Aktivisten« ihr Verständnis einer offenen Gesellschaft unter Beweis, indem sie AfD-Politiker an der freien Rede zu hindern versuchten, Stände und Wahlplakate der Partei zerstörten und Menschen, die sie als »Nazis« identifiziert zu haben glaubten, bedrohten. Heute terrorisieren einzelne Mitglieder der Antifa – die ein Sammelbecken vor allem linksautonomer Personen und kein organisiertes Bündnis ist – Politiker der konservativen CDU-Werteunion und der AfD, indem sie auf deren Wohnhäuser und PKWs Wurfgeschoss- oder Brandanschläge verüben und dabei auch den Tod Unbeteiligter in Kauf nehmen. Die Folgen: Prominente Vertreter beider Vereinigungen können inzwischen nur noch in Begleitung von BKA-Personenschützern die Straße betreten – eine Sicherheitsmaßnahme, wie man sie sonst eher aus den Zeiten des RAF-Terrors oder im Zusammenhang mit islamkritischen Autoren wie Seyran Ateş, Ayaan Hirsi Ali oder Hamed Abdel-Samad kennt. Obwohl die gegen die AfD und die Werteunion gerichtete Gewalt mittlerweile dauerpräsent und nicht mehr nur gegen Sachen, sondern auch gegen Personen gerichtet ist, wird sie in den Medien und von den Abgeordneten der etablierten Parteien eher zögerlich thematisiert – von einigen routinemäßigen Verurteilungen des Extremismus jedweder Couleur einmal abgesehen.[4] Somit blieb – anders als im Fall der zugunsten der »Jungen Freiheit« formulierten Solidaritätsbekundungen 26 Jahre zuvor – eine fraktionsübergreifende, in ihrer Einmütigkeit und Entschlossenheit signalbildende Reaktion politisch Verantwortlicher auf die von links ausgehende Bedrohung der offenen Gesellschaft bis heute aus – und das, obwohl der Erfinder des Begriffs der »offenen Gesellschaft«, der Philosoph Karl Popper (1902–1994), diese ebenso im Blick hatte, als er die Gegner der Demokratie in seinem Klassiker »Die offene Gesellschaft und ihre Feinde« vor allem als Faschisten, Nationalsozialisten und Kommunisten identifizierte.[5]

Insgesamt, so lässt sich feststellen, ist der gesellschaftliche Umgangston gegenüber von der eigenen Position abweichenden Auffassungen rauer geworden, was durchaus nach beiden Richtungen des Politbarometers hin gilt. Die vieldiskutierten Echokammern und Filterblasen, in denen der über Social Media und Messengerdienste transportierte Meinungsaustausch vor allem jüngerer Menschen häufig erfolgt, haben das ihrige dazu beigetragen, die Fronten rechts- und linksidentitärer Gesinnungsgemeinschaften weiter zu verhärten. Überhaupt fungiert die Anonymität des Internets als Brandbeschleuniger des enthemmten Gegeneinanders und Doppelgängertums, wovon jeder sich überzeugen kann, der einmal die Kommentarspalte zu einem beliebigen YouTube-Video studiert hat. Anders aber als viele Medien den Eindruck erwecken, ist »Hatespeech« kein vorrangig »rechtes«, sondern vielmehr ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, dessen Leidtragende Politiker, Influencer und Autoren aller weltanschaulicher Couleur sind.

Die Marginalisierung und Tabuisierung liberalkonservativer Positionen bedroht die offene Gesellschaft

Die offene Gesellschaft und Cancel CultureWas allerdings auffällt: Massive Inkriminierung bis hin zu sogenannten digitalen Shitstorms können heute schon Standpunkte erfahren, die zwar mit dem Grundgesetz in Einklang stehen, aber einem Meinungsspektrum zugehören, welches man bis Ende der 1990er Jahren gemeinhin in den Reihen von CDU/CSU verortet hätte. Der von den universitären Eliten geprägte linksliberale Zeitgeist hat sich, zumindest was Themen wie öffentliche Sicherheit, Migrationspolitik, Umweltfragen, Feminismus und Genderismus angeht, in den letzten drei Jahrzehnten immer weiter nach links verschoben und dabei Teile der eher bildungsbürgerlich geprägten Milieus mitgenommen. Das wird neben Vorteilen, welche diesen gesellschaftlichen Transformationsprozess auszeichnen, in dem Moment zu einem Problem, da politisch konservative Stimmen nicht mehr als eine legitime Nuance der Farbskala bzw. als ein notwendiges Korrektiv gegenüber Einseitigkeiten etwa der Regierungsparteienpolitik wahrgenommen werden. Letzterer kommt damit eine in der breiteren Gesellschaft verankerte demokratische Opposition abhanden.

Die Folge: Zahlreiche in der CDU/CSU, aber auch in der SPD heimatlos gewordene Wähler der in Teilen weiter nach rechts gerückten, ehedem bürgerlichen Mitte finden in den populistischen bis völkisch-nationalistischen Einstellungen von AfD und Co. einen Resonanzboden vor, der zwar dem Hegemonialanspruch des linksliberalen Mainstreams mit einem gewissen Recht die Basis zu entziehen versucht, dessen Ferment aber gleichwohl toxische Verbindungen aufweist. Umso unverständlicher und auch fataler im Hinblick auf den in einer funktionierenden parlamentarischen Demokratie angestrebten Kräfteproporz ist es, wenn ausgerechnet einzelne Angehörige der CDU-Mehrheit den Parteiausschluss konservativer Oppositioneller fordern und die von ihnen repräsentierte Werteunion als »Krebsgeschwür« bezeichnen.[6]

Der Anti-AfD-Kurs der etablierten Parteien, der von Zankereien um Sitzordnungen im Bundestag bis hin zur ostentativen Zustimmungsverweigerung bei Abstimmungen reicht, erlangte eine vorläufige Kulmination in den Reaktionen auf die demokratische Wahl des FDP-Landesvorsitzenden Thomas Kemmerich zum thüringischen Ministerpräsidenten durch AfD-Abgeordnete am 5. Februar dieses Jahres. Deren Ergebnis wurde – verfassungsrechtlich umstritten und in dieser Form wohl einmalig in der bundesdeutschen Demokratie – aufgrund einer Direktive der Kanzlerin Angela Merkel und ihrer Verbündeten anschließend einfach annulliert. Der mediale und fraktionsübergreifende Druck auf Kemmerich wurde so massiv, dass dieser nur wenige Stunden später seinen Rücktritt als Ministerpräsident ankündigte. Sieht man einmal davon ab, dass der in den meisten deutschsprachigen Medien gezogene historische Vergleich von AfD-FDP-Liaison 2020 und NSDAP-Mitte-Rechts-Koalition 1929 arg übertrieben ist und de facto auf eine Verharmlosung des Nationalsozialismus, eine Überbewertung der AfD und eine Verzwielichtung der FDP hinausläuft, so muss ein solch handstreichartig wirkendes »Impeachment« auf viele Wähler Thüringens, die noch die Willkürherrschaft der SED-Machthaber erinnern, wie ein obrigkeitsstaatlicher Akt der Entmündigung gewirkt haben: Die Regierenden, so der Tenor vieler Meinungen, können nicht einfach ein Viertel der Wählerschaft von der Teilhabe im Landesparlament ausschließen, nur weil ihnen deren politische Gesinnung nicht passt. Infolgedessen muss die Frage vorerst offenbleiben, welcher der »Tabubrüche« bzw. welches der parteipolitischen Ränkespiele dem Ansehen der Demokratie auf lange Sicht mehr Schaden zugefügt hat – und der AfD bei der nächsten Landtagswahl möglicherweise weitere Wählerstimmen bescheren wird.

Cancel Culture oder die Verteidigung linker Deutungshoheiten

Die offene Gesellschaft und Cancel CultureIm weitesten Sinne lässt sich auch der Eingriff in die landesrechtlich geregelte Ministerpräsidentenwahl per Berliner Dekret dem Bereich der Cancel Culture (deutsch: Absagekultur) zuordnen, da es für diese »Korrektur« eines unerwünschten Wahlergebnisses keinen verfassungsrechtlich relevanten Grund gab.[7] Enger gefasst wird hierunter allerdings der systematische Boykott von Personen und Organisationen verstanden, denen beleidigende und diskriminierende Aussagen oder Handlungen vorgeworfen werden. Der Ausdruck »Cancel Culture«, welcher mit dem heftig umkämpften Begriff der »Political Correctness« inhaltliche Schnittmengen aufweist, hat mittlerweile auch in deutschsprachigen Debatten Fuß gefasst. Ihm liegt die Erfahrung des Cancelns (von englisch: to cancel = absagen) zugrunde, also die Anerkennungsverweigerung gegenüber einer öffentlichen Person oder Organisation, gegen die der Vorwurf der Diskriminierung und Beleidigung – meist im Zusammenhang mit Rassismus-, Antisemitismus- oder Antifeminismusvorwürfen – gerichtet ist. Das auf den Entzug medialer Aufmerksamkeit zielende Canceln stellt sowohl in den »sozialen Netzwerken» als auch in der »analogen Wirklichkeit« inzwischen keine Seltenheit mehr dar. Publizisten, Künstler und Kommentatoren sollen durch Stigmatisierung eingeschüchtert oder mundtot gemacht werden, während der Denunziant sich hiervon Solidaritäts- und Zustimmungseffekte vonseiten der Mehrheit zugunsten seiner Person erhofft. Mit der Praxis des Cancelns gehen meist rufschädigende Anschuldigungen einher, die Menschen besonders hart treffen, die aufgrund mangelnder Popularität über wenig Möglichkeiten und Rückhalt verfügen, sich dagegen erfolgreich zur Wehr zu setzen.

Zu betonen ist: Den Cancelisten, welche die von ihnen ausgeübte Variante des Mobbings meist in Abrede stellen oder zu verharmlosen versuchen, geht es gerade nicht um den argumentativen Dialog auf Augenhöhe mit offenem Ausgang und möglichem Erkenntnisgewinn, sondern darum, weltanschaulich missliebige Personen und Standpunkte aus dem öffentlichen Diskurs auszugrenzen und den dann freiwerdenden Raum entsprechend zu okkupieren. Ihrer Einstellung und ihrem Verhalten nach sind sie also illiberal und antidemokratisch und können daher – der Diktion Poppers folgend – zumindest in diesem Teilbereich als »Feinde« der offenen Gesellschaft betrachtet werden. Das Verständnis dessen, was ihrer Auffassung nach als beleidigend oder diskriminierend zu gelten hat, unterliegt dabei einem recht weiten, um nicht zu sagen: inflationär gehandhabten Deutungsspielraum. Vielfach gerieren sich auch Angehörige von Minderheiten lautstark als Sprachrohr ebendieser und beanspruchen die Deutungshoheit darüber, wo Diskriminierung und Beleidigung anfangen und wo sie aufhören, was also gesagt oder geschrieben werden darf und was nicht.

In der Praxis kann Cancel Culture dann so aussehen: Buchtitel verschwinden aus Beststellerlisten und die Werke prominenter Autoren aus dem Sortiment renommierter Verlage. An einigen Universitäten kommt es zu Störungen bis hin zur Verhinderung der freien Rede, denen Referenten, welche eine islam- und/oder regierungskritische Haltung vertreten, durch eine gesinnungsethisch sakrosankte Studentenminderheit ausgesetzt sind. Ausstellungen missliebiger Verlage werden auf Büchermessen behindert und die Veranstaltungen umstrittener Autoren von einem Mob niedergeschrien. Menschen, die sich in Blogs oder Videos kritisch zur Einwanderungspolitik oder zu den verfassungsrechtlich umstrittenen Coronamaßnahmen der Regierung äußern oder an Demonstrationen teilnehmen, an denen wirkliche und vermeintliche »Rechte« beteiligt sind, laufen überdies Gefahr, von anonymen Denunzianten beim Arbeitgeber angeschwärzt zu werden. Mit der Erfindung des Vorwurfs der »Kontaktschuld« kann es heute gelingen, nahezu jede Argumentation, jede Publikation und jede Demonstration zu diskreditieren und entsprechende Protagonisten aufgrund wirklicher oder vermeintlicher Berührungspunkte mit entsprechenden Personen oder Anschauungen ins gesellschaftliche Abseits zu drängen.

»Verschwörungstheoretiker«, »Coronaleugner«, »Esoteriker« und »Impfgegner« – eine Allianz der Irren?

Derlei Tendenzen »mit polizeilichem Blick über Diskurshecken« lugender, »digitaler linker Spießer«[8] und die daraus resultierenden Konsequenzen für die offene Gesellschaft sind, wie ein inzwischen Tausende Unterschriften zählender »Appell für freie Debattenräume« des früheren NZZ-Autors Milosz Matuschek und des Philosophen Gunnar Kaiser festhält, de facto besorgniserregend, da sie ein Klima des subtilen Misstrauens, der Konformität und der Angst erzeugen:

Wir erleben gerade einen Sieg der Gesinnung über rationale Urteilsfähigkeit. Nicht die besseren Argumente zählen, sondern zunehmend zur Schau gestellte Haltung und richtige Moral. Stammes- und Herdendenken machen sich breit. Das Denken in Identitäten und Gruppenzugehörigkeiten bestimmt die Debatten – und verhindert dadurch nicht selten eine echte Diskussion, Austausch und Erkenntnisgewinn. … Was an Universitäten und Bildungsanstalten begann, ist in Kunst und Kultur, bei Kabarettisten und Leitartiklern angekommen.[9]

Wer die Bestandsaufname der Autoren des »Appells« für zu alarmistisch oder die voranstehenden Ausführungen für übertrieben hält, dem sei die im letzten Jahr vom Institut für Demoskopie Allensbach durchgeführte repräsentative Umfrage in Erinnerung gerufen. Rund 80 Prozent der Befragten teilten demnach die Auffassung, ihre politische Meinung im öffentlichen Raum nicht äußern zu können, ohne Gefahr zu laufen, als »rechts« abgestempelt zu werden.[10] Selbst wenn man konzediert, dass Wahrnehmungen selektiv erfolgen und ihre Interpretationen meist subjektiven Eindrücken und Vorlieben unterliegen, könnte das Resultat dieser Erhebung nachdenklich stimmen.

Ein Beispiel aus jüngerer Zeit mag verdeutlichen, woher der Eindruck stammt, dass zwar – wie Gegner der Political-Correctness-Kritik gern ins Feld zu führen pflegen – »alles gesagt« werden darf, das Gesagte aber für den Betreffenden schwerwiegende, da Beruf und soziale Stellung gefährdende Konsequenzen zur Folge haben kann. So erwähnten »Der Spiegel«, »Die Zeit«, die »Süddeutsche Zeitung« und weitere meinungsbildende Flaggschiffe des liberalen Journalismus unisono, dass der »Sturm auf den Reichstag«, zu dem eine Gruppe Rechtsextremer mit der Erstürmung seiner Vorstufen ansetzte, von einer »Heilpraktikerin« angeführt worden sei[11] bzw. dass sich unter den Teilnehmern der Berliner Demonstration am 29.09.2020 nicht nur »Reichsbürger«, sondern eben auch »Esoteriker«, »Coronaleugner«, »Verschwörungstheoretiker« und – Sexismus sei Dank – »anthroposophische Hausfrauen« befunden hätten.[12] Man muss kein Sympathisant abwegiger Verschwörungstheorien sein, um den Verdacht zu hegen, dass sich hinter den von vielen Journalisten seit Beginn der Covid-19-Pandemie gebetsmühlenartig reproduzierten Konnotationen wie Reichsbürger-Verschwörungstheoretiker-Coronaleugner-Impfgegner-Esoteriker die Absicht verbirgt, die Meinung der Öffentlichkeit in eine Richtung zu lenken, in der nicht mehr das differenzierte Urteil, sondern Abwehrreflexe und Assoziationsketten das Bewusstsein Einzelner dominieren. Dass hierbei auch Bürger, denen durch die Bereitstellung alternativer, von großen Teilen der Bevölkerung nachgefragter Angebote (etwa auf dem Gebiet der Medizin, der Landwirtschaft und der Pädagogik) eine wichtige Funktion der Integration und des Zusammenhaltes zukommt, der pauschalen Stigmatisierung und Ausgrenzung anheimfallen, scheint ein Sachverhalt zu sein, den die Verantwortlichen offenbar als Kollateralschaden hinzunehmen bereit sind.

Was hat Cancel Culture, die mal in abgeschwächter, mal in einer für die Leidtragenden folgenschweren Form daherkommt, aber in beiden Fällen das Auseinanderdriften der Gesellschaft befördert, mit Anthroposophen zu tun? Viel. Zum einen, weil die Praxis des Diffamierens auch vor einzelnen Anthroposophen, insbesondere den Publizisten unter ihnen, nicht Halt macht[13] und zum anderen, weil es als Anthroposoph eigentlich selbstverständlich sein sollte, sich gegen jede Form der Verengung von Debattenräumen, welche die Demokratie untergräbt bzw. ihre Immunabwehr gegenüber schleichenden totalitären Prozessen schwächt, Position zu beziehen – auch auf die Gefahr hin, damit ins Visier jener Gesinnungsmoralisten zu geraten, die zwar das Narrativ »offene Gesellschaft« unentwegt im Munde führen, selbst aber viel dazu beitragen, dass deren Segment erodiert und der Korridor dessen, was gedacht, empfunden und geschrieben werden darf, zunehmend als schmaler empfunden wird.


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Anmerkungen:

  1. »Die Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden. Appell anlässlich des Anschlags auf die ›Junge Freiheit‹«, 13. Dezember 1994.
  2. Sie wollen den Bürgerkrieg – und sie haben schon damit begonnen! Vera Lengsfeld
  3. Dem Lokalcholeriker den SUV genommen. Gunnar Schupelius muss laufen. Indymedia
  4. Den Medien ist das Thema »Terror gegen AfD-Politiker« nur hin und wieder eine Randnotiz wert, sodass nicht zu Unrecht der Eindruck entsteht, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Eine bemerkenswerte Ausnahme stellt die kürzlich hochgeladene Dokumentation »Gewalt und Bedrohung gegen AfD-Politiker« des vom öffentlich-rechtlichen Angebot funk finanzierten YouTube-Kanals Y-Kollektiv dar.
  5. Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Frankfurt a. M. 2016.
  6. Den Ausdruck »Krebsgeschwür« in Bezug auf die Werteunion verwendete der CDU-Politiker und langjährige Europa-Abgeordnete Elmar Brok – siehe etwa In manchen Punkten von der AfD kaum zu unterscheiden, SZ.
  7. Siehe auch Ist die Wahl von Thüringen ein Tabubruch, gar ein Skandal? Nein – das ist Demokratie. NZZ
  8. Die digitalen linken Spießer. DIE ZEIT
  9. Appell für freie Debattenräume. Unterzeichnen.
  10. Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig
  11. Eine Heilpraktikerin stachelte den Mob vorm Reichstag an
  12. Sind das jetzt alles Nazis?
  13. Dies musste vor Jahren auch der Autor und Blogger Lorenzo Ravagli erfahren, dem unter anderem von »Stern«-Journalisten vorgeworfen wurde, ein – letztlich dann doch nicht publiziertes – Streitgespräch mit dem damaligen NPD-Abgeordneten Andreas Molau zum Thema Rassismus geführt zu haben. Die Tatsache, dass es genügend Beispiele solcher öffentlich ausgetragenen Kontroversen politischer Gegner von prominenter Seite gab und gibt (etwa Michel Friedman und Horst Mahler, Gunnar Kaiser und Martin Sellner, Wolfgang Fellner und Martin Sellner, Oskar Lafontaine und Thilo Sarrazin u. v. m.) spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle, da die Cancel Culture in der Wahl ihres Zielobjektes meist keiner objektiven Logik, sondern der Willkür subjektiver Sympathien und Antipathien folgt. Letztere sind in der Regel weniger auf eine bestimmte Person als vielmehr auf die von ihr repräsentierte Weltanschauung (in diesem Fall: die Anthroposophie) bezogen.

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3 Kommentare

  1. Ja, das ist auch meine Erfahrung. Zwar bin ich selbst kein Anthroposoph, war auch „nur“ Eurythmiebegleiter (was die Kündigung freilich noch absurder macht), habe mich aber aus Interesse mit der Ideologie meines Arbeitgebers befasst – nach der Kündigung noch mehr als vorher. Dabei bin ich zum Schluss gekommen, dass meine eigenen Standpunkte viel mehr mit denen Steiners zu tun haben als diejenigen, die offenbar von der Mehrheit des Kollegiums vertreten wurden.

    Das Entsprechende kann ich als Agnostiker von sogenannten Christen sagen, die Jesus für den ersten Sozialisten halten, obwohl er niemals forderte, gegen das Gebot „Du sollst nicht stehlen!“ zu verstoßen, um mit dem Geld anderer Menschen (vermeintlich) Gutes zu tun.

    Hier im „Anthroblog“ gibt es viele Artikel, denen ich trotz eines anderen ideologischen Hintergrundes mehrheitlich zustimmen kann. Somit bin ich trotz meiner Kündigung nicht zum Feind der Anthroposophie geworden. Diejenigen, die es nicht ertragen konnten, dass sich ein Mitarbeiter außerhalb der Schule (!) gegen die Migrationspolitik der Regierung positioniert hat, waren definitiv keine Vertreter einer „Philosophie der Freiheit“.

  2. „[…] weil es als Anthroposoph eigentlich selbstverständlich sein sollte, sich gegen jede Form der Verengung von Debattenräumen, welche die Demokratie untergräbt bzw. ihre Immunabwehr gegenüber schleichenden totalitären Prozessen schwächt, Position zu beziehen […]“

    Das richte ich als Gruß an die FWS Freiburg-Wiehre, wo ich heute noch arbeiten würde, wenn man dort nicht seinen anthroposophischen Anspruch verraten hätte.

    • Herr Dr. Miehling,
      zu der Situation an der Freien Waldorfschule Freiburg-Wiehre kann und will ich als Außenstehender nichts sagen.
      Grundsätzlich sehe ich aber das Problem, dass in den sogenannten Tochterbewegungen der Anthroposophie kaum noch Menschen vorhanden sind, die sich überhaupt ernsthaft mit dem Werk Rudolf Steiners auseinandersetzen, es wirklich studieren und meditieren – frei von Dogmatismus, aber auch von aller Lässigkeit und allem »Relativismus«. Unter den Akteuren in den Tochterbewegungen herrscht oft eine erschreckende Konfusität und Ratlosigkeit darüber, was Anthroposophie überhaupt ist. Da verwundert es mich nicht, dass die Reaktionen der nichtanthroposophischen Öffentlichkeit eine Art Echo auf diese Konfusität darstellen. Wer dann noch ausschließlich darauf bedacht ist, in der Öffentlichkeit irgendwie sympathisch als Anthroposoph dazustehen, statt den eigenen Ansatz kompromisslos zu verteidigen, hat im Prinzip verloren und leistet damit sich selbst und der Anthroposophie einen Bärendienst.

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