Rudolf Steiner über Tyrannei. Ein Aphorismus

Zuletzt aktualisiert am 27. Februar 2021.

Sprach Rudolf Steiner, der 1925 verstorbene Philosoph der Freiheit, auch über ihr Gegenteil, die Tyrannei? Ja, aber er verwendete den Ausdruck »Tyrannei« relativ selten. In der Gesamtausgabe seiner Werke gibt es 29 Fundstellen für diesen Ausdruck, 9 davon in Zitaten anderer Autoren. Das bedeutungsgleiche Wort »Tyrannis« findet sich 31 mal in seinem schriftlichen oder mündlichen Werk. Einige der Verwendungen kehren öfter wieder, so etwa die Charakterisierung des Leninismus (Sozialismus, Kommunismus, der Diktatur des Proletariats) als Tyrannei. Auch einzelne Tyrannen werden erwähnt, wie Nero oder Ludendorff, sowie Institutionen, vor allem das römische Imperium oder die katholische Kirche mit ihrem Glaubenszwang. Das relativ seltene Vorkommen des Wortes mag darüber hinwegtäuschen, dass das ungeschriebene Kapitel der Steinerforschung mit der Überschrift »Rudolf Steiner über Tyrannei« weitläufig sein könnte.

Rudolf Steiner über Tyrannei

Andrea Appiani, Napoleon als König von Rom. Moderner Archetyp des Tyrannen. Bildquelle: Wikimedia. Gemeinfrei

Die begrenzte Aussagekraft dieses Aperçus ist auch dadurch bedingt, dass es sich lediglich mit dem Begriff der »Tyrannei« beschäftigt, nicht jedoch mit verwandten Begriffen wie »Despotie«, »Zwangsherrschaft«, »Bonapartismus« oder »Unterdrückung«. Die folgenden Hinweise sind lediglich kursorisch und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Man könnte sagen, sie umreißen ein Forschungsprojekt. Zu bedenken ist bei einer solchen Etüde zu Wortvorkommen außerdem, dass Steiner die Verwendung vorgestanzter Formeln systematisch vermied und in seinen Ausführungen – auch zu denselben Themen – stets von neuem mit neuen Gedankenwendungen und Wortprägungen die Beobachtung von Phänomenen und deren begriffliche Durchdringung anzuregen versuchte. Deswegen finden sich vielfach über sein Werk verteilt Ausführungen über Phänomene des Zwangs, der Unterdrückung und der Tyrannei, ohne dass die betreffenden Schlagworte verwendet werden.

Mehrfach tritt in den Fundstellen eine Assoziation des Begriffs der Tyrannei, genauer des »Tyrannischen«, mit dem »Ahrimanischen« auf, insbesondere in dem bereits erwähnten Zusammenhang mit dem Sozialismus sowjetischer Prägung, aber auch im Hinblick auf eine vom »Westen« angestrebte »merkantilistische« Herrschaft über den Rest der Welt, wobei der Westen zunächst das britische Empire, dann aber die Vereinigten Staaten von Amerika meint. Die im Gesamtwerk in großer Zahl vorkommenden Charakterisierungen des Ahrimanischen, das mit der Tyrannei, zumindest einer Ausprägung davon, in Verbindung steht, müssten bei einer gründlicheren Recherche ebenfalls einbezogen werden. Auch Luzifer kennt seine Tyrannen – es sind die »Idealisten«, die in ihren Vorstellungen leicht schwärmerisch, in ihrem Willen jedoch despotisch, tyrannisch werden können. Die Historie bis in die unmittelbare Gegenwart bietet dafür leider viel Anschauungsmaterial. Während »Idealisten« in ihren Vorstellungen weltfremden Utopien verfallen, die sie anderen gewaltsam aufzwingen wollen (ihr Wille wird »despotisch, ahrimanisch«), versinken »Materialisten« in der nüchternen, philiströsen Banalität des Bösen, einer Vorstellungswelt, die nur Zahlen, keine Menschen, nur Statistiken, keine Einzelfälle kennt und werden in ihrem Willen »luziferisch«, d.h. laut Steiner »animalisch, begierlich, hysterisch«.[1] Einige repräsentative Vorkommen der Tyrannei seien im Folgenden vorgestellt.

Die Tyrannei des Pseudogottes

Das erste Mal erscheint der Begriff der Tyrannei in einem Brief an Helene Richter vom 29. August 1891, der in Weimar verfasst wurde. Er ist in einen Exkurs über die Interpretation der Prometheusgestalt durch Goethe eingebettet. Bei Goethe erscheine dieser die Menschheit verkörpernde Heros nicht als jemand, der sich »in unendlichem Hochmut gegen den Weltenschöpfer« empöre, sondern als eine Gestalt, welche gewahr werde, »dass sie das Höchste, was es für sie überhaupt in der Welt geben« könne, »aus ihrem eigenen Selbst« schöpfen müsse und »deshalb jedes von außen auf sie einwirkende göttliche Prinzip als solches« ablehne.

»In dem Moment, wo der Mensch gewahr wird«, so Steiner, »dass die höchste Potenz des Daseins in unendlicher Liebe sich selbst aufgegeben hat, um in der menschlichen Seele wieder aufzuleben und hier die Taten der Freiheit zu verrichten, in demselben Momente muss er jeden Gott, der außer ihm steht, als einen Pseudogott ansehen, gegen dessen Tyrannei er sich auflehnen muss.«[2] Deutlich klingt hier das Freiheitsverständnis der 1886 veröffentlichten Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung und der Philosophie der Freiheit an, ein Verständnis, dem Steiner zeit seines Lebens treu blieb. Freiheit bedeutete für ihn Selbstbestimmung, Autonomie des Individuums, Herrschaft über das eigene Leben; jede äußere Gesetzgebung, Heterenomie, war infolgedessen Tyrannei. Das galt für (angemaßte) sittliche oder staatliche Instanzen, für religiöse oder wissenschaftliche Autoritäten gleichermaßen.

Die Tyrannei der Hygiene

Gleich die zweite Verwendung des Begriffs tritt im Zusammenhang mit einer aktuell besonders interessierenden Frage auf: jener der Hygiene und entsprechender gesundheitspolitischer Maßnahmen. Sie findet sich in einem öffentlichen Vortrag in Berlin vom 14. Januar 1909 in Berlin.[3]

Rudolf Steiner über TyranneiDer Vortrag beginnt mit dem Hinweis auf die umfassende Bedeutung der Gesundheit: »Die Fragen nach der Gesundheit sind ja solche, die zusammenhängen mit alledem, was den Menschen lebenstüchtig macht, mit alledem, was ihm verhilft, seine Bestimmung in der Welt ungehemmt zu erfüllen, und es ist deshalb die Gesundheit gewiss für die meisten Menschen, in dem richtigen Lichte gesehen, etwas, das sie sozusagen anstreben, wie man äußere Güter anstrebt.

Aber die Gesundheit ist auch als ein inneres Gut zu betrachten, das wie die äußeren Güter zunächst nicht um ihrer selbst willen von dem gesund denkenden Menschen angestrebt wird, sondern als Mittel der Arbeit, als Mittel seines Wirkens und Schaffens. Daher können wir es wohl erklären, dass der Drang, die Sehnsucht, sich Aufklärung zu verschaffen über die Rätsel und Fragen des gesunden und kranken Lebens, insbesondere in unserer Gegenwart so tiefgehend sind.«

Sogleich wird vom Redner ein verbreiteter Irrtum berichtigt, der Irrtum, es gebe »viele« Krankheiten, aber nur »eine« Gesundheit. Im Gegenteil: radikal individualistisch – in Übereinstimmung mit seiner Schätzung der individuellen Freiheit – formuliert Steiner: »es gibt nicht bloß eine Gesundheit, sondern so viele Gesundheiten, wie es Menschen gibt. Das ist es gerade, was wir in unsere Gesinnung aufnehmen müssen, […] dass der Mensch ein individuelles Wesen ist, dass jeder Mensch anders beschaffen ist als der andere, und dass das, was dem einen heilsam und für den anderen schädlich und krankmachend sein kann, ganz abhängt von seiner individuellen Beschaffenheit.« Dieser Berücksichtigung des Individuums steht die Neigung entgegen, ein Heilmittel, das in einem Fall geholfen hat, auf alle Fälle anzuwenden, unter Missachtung der Individualität des Kranken: »Jeder hat sein Heilmittel, auf das er eingeschworen ist, und das muss dann losgelassen werden auf den armen Kranken!« Dieses Schwören auf ein Allheilmittel, das für alle anwendbar ist, geht laut Steiner aus einer abstrakten Denkweise hervor, einem »Dogmatismus«, der nicht beachte, dass der Mensch eben ein Einzelwesen, eine Individualität sei. Da auch die Statistik auf Abstraktion fußt (was vielen hilft, muss jedem Einzelnen helfen oder was der Mehrheit hilft, ist gerechtfertigt, wenn die Minderheit, der es nicht hilft, »vernachläßigbar« werden kann), erklärt sich daraus die Kritik Steiners an der statistischen Methode in der Medizin.

Die Hilfsbedürftigkeit des Kranken rufe in jedem naturgemäß Mitleid hervor und damit das Bedürfnis, ihm zu helfen. Umso betrüblicher sei es, dass sich weder Mediziner noch Laien über die Heilmittel für einzelne Krankheiten und die rechten Wege zur Gesundheit einig werden könnten, dass sogar über das Wesen des Krankseins die mannigfaltigsten, sich widersprechenden Theorien existierten.

Wie bei anderen Fragen des Lebens auch, müsse man sich bei der Frage nach Gesundheit und Krankheit vor dem Dogmatismus der Einseitigkeiten hüten, die mit Autorität gepredigt würden. Im Folgenden diskutiert Steiner die »Schulmedizin« oder »allopathische Richtung«, die »homöopathische« Medizin, die »Naturheilkunde« mit ihren unterschiedlichen Krankheitsauffassungen, und verdeutlicht deren Auffassungsgegensatz am Beispiel der Theorie der Ansteckung und dem Streit um Hygiene bzw. Quarantäne. Es ist bemerkenswert, wie bereits 1909 Fragen von ihm angesprochen werden bzw. diskutiert wurden , die uns auch heute intensiv beschäftigen, wie Sterberaten, Ansteckungswege (asymptomatische Übertragung!), Widerstandsfähigkeit (Immunsystem), Menschen als potentielle Krankheitsträger (»Virenschleudern«, »Gefährder«).

»Sie werden vielleicht, wenn Sie sich um solche Fragen gekümmert haben, weil sie doch die heutige Gegenwart so viel beschäftigen, gesehen haben, mit welcher Heftigkeit und mit welchem Dogmatismus von der einen oder anderen Seite oft gekämpft wird, wie die eine und die andere Seite dasjenige hervorhebt, was sie für ihre Anschauung vorzubringen hat.

So kann die sogenannte Schulmedizin hinweisen darauf, wie sie im Laufe der letzten Jahrzehnte, namentlich im Verlaufe der letzten drei bis vier Jahrzehnte, großartige Fortschritte gemacht hat gerade dadurch, dass sie darauf gesehen hat, wie die äußeren Krankheitserreger an die Menschen herankommen und sozusagen ihre Gesundheit vernichten. Diese Schulmedizin kann darauf hinweisen, wie sie besorgt war darum, die äußeren Lebensverhältnisse, die Zustände des Lebens so zu verbessern, dass in der Tat in der letzten Zeit ein Aufschwung eingetreten ist. Gerade diejenige Richtung der Medizin, die vorzugsweise auf die äußeren Krankheitserreger sieht – sagen wir auf die heute so gefürchtete Bakterien- und Bazillenwelt –[der Begriff der Viren war zu dieser Zeit noch nicht etabliert], sie hat dadurch, dass sie auf dem Gebiete der Hygiene und der sanitären Einrichtungen eingegriffen hat, in einer für die Laien gar nicht so durchschaubaren Weise, ungeheuer viel getan für die Verbesserung der Gesundheitsverhältnisse.

Es wird gewiss – wiederum nicht ganz mit Unrecht, aber auch nur mit einseitigem Recht – von mancher Seite betont, wie diese Schulmedizin geradezu eine Bakterien- und Bazillenfurcht hervorgerufen hat. Aber auf der anderen Seite hat die Untersuchung dazu geführt, dass die Gesundheitsverhältnisse im Laufe der letzten Jahrzehnte sich gebessert haben. Mit Stolz weist der Anhänger dieser Richtung darauf hin, um wieviel Prozent die Sterblichkeit da oder dort in den letzten Jahrzehnten tatsächlich abgenommen hat.

Diejenigen aber, die sagen, dass es nicht so sehr die äußeren Ursachen sind, welche für die Betrachtung der Krankheit wichtig sind, sondern dass es vor allen Dingen die im Menschen liegenden Ursachen sind, sozusagen seine Krankheitsdisposition, sein vernünftiges oder unvernünftiges Leben, die werden wieder besonders betonen, dass in den letzten Zeiten zwar unleugbar die Sterblichkeitsziffern abgenommen haben, dass aber die Krankheitsziffern in einer erschreckenden Weise zugenommen haben. Es wird betont, wie gewisse Krankheitsformen zugenommen haben: Herzkrankheiten, Krebskrankheiten, Krankheitsformen, die in den Schriften der älteren Zeit gar nicht verzeichnet sind, Krankheiten der Verdauungsorgane und so weiter.

Diejenigen Gründe, die von der einen oder anderen Seite vorgebracht werden, sind durchaus beachtenswert. Es kann von einem oberflächlichen Standpunkte aus nicht eingewendet werden, die Bazillen oder Bakterien seien nicht Krankheitserreger furchtbarster Art. Es kann aber auf der anderen Seite auch nicht geleugnet werden, dass der Mensch in gewisser Beziehung entweder gefestigt und gesichert ist gegen Einflüsse solcher Krankheitserreger oder es nicht ist. Er ist es nicht, wenn er sich durch unvernünftige Lebensweise um seine Widerstandskraft gebracht hat.

In vieler Beziehung sind diejenigen Dinge bewundernswert, welche von der Schulmedizin in der letzten Zeit geleistet worden sind. Sehen wir doch einmal zu, wie subtil und fein die Untersuchungen über das gelbe Fieber sind im Zusammenhange mit der Art und Weise, wie es durch gewisse Insekten von Mensch zu Mensch übertragen wird. Wie vorzüglich sind die Untersuchungen in bezug auf die Malaria und ähnliches!

Aber auf der anderen Seite können wir sehen, dass berechtigte Ansprüche dieser Schulmedizin sehr leicht unser ganzes Leben durchkreuzen können, was in gewisser Beziehung zu einer Tyrannis führen kann.

Denken wir, dass – und zwar mit einem gewissen Recht – behauptet wird, in einer in der letzten Zeit häufig auftretenden Krankheit, in der Genickstarre[4], werde durchaus nicht der Krankheitserreger von einem Kranken auf einen anderen Menschen übertragen, sondern Menschen, die ganz gesund sind, die ganz fernstehen dem, was man mit Genickstarre bezeichnet, könnten in gewisser Beziehung die Krankheitskeime in sich tragen und sie auf andere Menschen übertragen, so dass Menschen, die unter uns herumgehen, die Träger von Krankheitskeimen seien, von denen dann der, welcher dazu geeignet ist, die Krankheit bekommen kann, während die anderen, welche die Keime tragen, durchaus nicht von der Krankheit befallen zu werden brauchen.

So könnte es dahin kommen, dass die Forderung aufgestellt würde, die Krankheitskeimträger zu isolieren; denn wenn irgendeiner an Genickstarre erkrankt ist, so sei er gar nicht einmal so gefährlich wie diejenigen, welche ihn pflegen, und die vielleicht die eigentlichen Krankheitsträger sind. Zu welchen Konsequenzen das führen muss, wenn man diesen Menschen den Umgang erschweren würde, das mag man daraus erkennen: Man kann anführen und es ist schon angeführt worden –, dass an irgendeiner Schule plötzlich eine größere Anzahl von Kindern an dieser oder jener Krankheit erkrankt ist. Man wusste nicht, woher die Krankheit gekommen ist. Da stellte sich heraus, dass die Lehrer die eigentlichen Krankheitsträger waren. Sie selber sind nicht von der Krankheit befallen worden, aber die ganze Schule ist von ihnen angesteckt worden. Der Ausdruck Bazillenträger oder Bazillenfänger ist ein Ausdruck, der von einer gewissen Seite sogar mit einem gewissen Recht gebraucht werden kann. Dass derjenige, welcher Laie ist auf diesem Gebiete, in allem, was ihm entgegentreten kann von dieser oder jener Seite, sich recht wenig auskennt, das ist schon aus dem wenigen, was wir anführen konnten, fast selbstverständlich.«

Die Forderung, »Krankheitskeimträger zu isolieren« erscheint Steiner als »Tyrannis« – »in gewisser Beziehung« jedenfalls –, die »unser ganzes Leben durchkreuzen« könnte. Er geht im Folgenden nicht weiter auf diese Streitfrage ein, sondern erinnert an die Maxime des Individualismus: »Als Grundsatz im tiefsten und bedeutsamsten Sinne muss gelten, dass vor allen Dingen vor uns stehen muss die Individualität des Menschen als eine einzelne Realität, als etwas, was anders ist als jeder andere Mensch.« Nicht die abstrakte Schablone der Vorbeugung oder des Schutzes, die »aufgrund berechtigter Ansprüche der Schulmedizin« zur Generalquarantäne führt, sondern die individuelle Betrachtung des Einzelfalls ist es, die auch bei ansteckenden Krankheiten das Handeln leiten sollte.

Diese Maxime wird im Folgenden anhand von Beispielen durchdekliniert. Die Überlegungen gehen mehr in Richtung Prophylaxe im Sinne von Salutogenese, als in jene der Therapie. Es ist falsch, eine Lösung für alle anzustreben. Manche macht Vegetarismus krank, andere das Fleischessen. »Worum es sich handelt, ist, dass wir den Blick abwenden von diesen oder jenen Dogmen, wenn wir von gesunden und kranken Verhältnissen reden, abwenden davon, nur dieses oder nur jenes zu essen.

Das, worauf es ankommt, ist der einzelne Mensch und die Notwendigkeit, seine Bedürfnisse kennenzulernen. Es kommt vor allem darauf an, dass dieser einzelne Mensch die Möglichkeit hat, in gewisser Beziehung seine Bedürfnisse selber zu fühlen und zu erkennen.«

»Und wie schablonisiert man in unserer heutigen Zeit! Da wird zum Beispiel ohne weiteres gesagt, dieses oder jenes Nahrungsmittel oder diese oder jene Arznei sei schädlich. Es ist eine förmliche Epidemie des Schablonisierens ausgebrochen, und dies ist ja auch nicht anders möglich, wenn nicht jede Einseitigkeit ausgeschlossen wird bei der Bekämpfung der verschiedenen Heilweisen.«

Die Frage sei vielmehr, wie der einzelne Mensch in sich selber einen Maßstab für Gesundheit und Krankheit finden könne. »Wir können das ganze Leben durchwandern und werden überall die Notwendigkeit finden, dass der Mensch in gewisser Beziehung gerade diese innere Sicherheit in sich entwickeln muss für das, was sein Organismus braucht. Das ist unbequemer, als sich von dieser oder jener Partei die Richtung vorschreiben und sich sagen zu lassen, was für alle Menschen das Gute ist. Die Menschen haben es nicht so leicht wie die, welche mit einem bestimmten allgemeinen Rezept kommen, das man sich nur in die Tasche zu stecken braucht, um zu wissen, was den Menschen gesundmachen und was ihn krankmachen kann. Gerade wenn man mit einem solchen Leitfaden die Gesundheit betrachtet, wird man auch in bezug auf die Krankheit sich klarmachen müssen, dass für die verschiedenen Menschen die verschiedensten Bedingungen für Gesundheit und Heilung vorliegen.«

Vor allem muss der ganze Mensch betrachtet werden, nicht bloß seine physische Außenseite. Der ganze Mensch: das heißt für die Geisteswissenschaft, das leiblich-seelisch-geistige Wesen des Menschen, die Psychosomatik. »Was viel mehr in Betracht kommt, ist die Gesundheit des Ätherleibes, der ein Kämpfer ist gegen die Krankheiten, bis zum Tode, das ist die Gesundheit des Astralkörpers, der ja der Träger ist der Leidenschaften, Triebe, Begierden und Vorstellungen, und endlich die Gesundheit des Ich-Trägers, der macht, dass der Mensch ein selbstbewusstes Wesen ist. Wer auf den ganzen Menschen Rücksicht nehmen will, der muss durchaus auf die vier Glieder des Menschen Rücksicht nehmen, und wenn die Frage nach der Gesundheit in Betracht kommt, so handelt es sich nicht nur darum, dass wir Störungen beseitigen, die den physischen Leib betreffen, sondern auch das betrachten, was in den höheren Gliedern, in den mehr seelisch-geistigen Gliedern vor sich geht. Da müssen wir feststellen, dass nicht bloß von dieser oder jener Parteischattierung, sondern von unserer ganzen zeitgenössischen Gesinnung gesündigt wird.«

Auch seelische oder geistige Zustände müssen als mögliche Krankheitsursachen berücksichtigt werden. »Der Geisteswissenschaftler muss darauf hinweisen, dass es im Grunde genommen wenig darauf ankommt, ob man einen Menschen, der an diesem oder jenem erkrankt, da oder dorthin schickt, weil man glaubt, die Luft oder das Licht werde aus äußeren mechanischen oder chemischen Gründen gesundend auf ihn wirken. Eine andere, viel größere Frage ist es, ob ich ihn in eine solche Umgebung bringen kann, dass er Freude, Erhebung, in gewisser Beziehung eine Durchleuchtung seines ganzen Gefühlslebens nach einer bestimmten Richtung erfahren kann.«

»Es ist nicht einerlei«, so Steiner weiter, »ob der Mensch diese oder jene Speise mit Lust oder Unlust zu sich nimmt, ob er in dieser oder jener Umgebung lebt, ob er die Arbeit, die er verrichtet, mit Lust oder Unlust tut. Damit hängt in geheimnisvoller Weise, mehr als mit irgend etwas anderem, das zusammen, was man seine innere Gesundheitsdisposition nennt. Wie wir beim Kinde sehen, dass es richtige Instinkte entwickelt, und – wenn wir die Möglichkeit haben, seine Instinkte zu beobachten – einen Gradmesser haben für seine inneren Bedürfnisse, so ist es auch notwendig, dass der Erwachsene das Geistig-Seelische so erlebt, dass die richtigen Bedürfnisse zur richtigen Zeit vor die Seele hintreten, dass er fühlt und empfindet, was für ein Verhältnis er herstellen soll zwischen sich und der Außenwelt.«

Wer den Menschen in Gesundheit und Krankheit betrachtet, wird auch die seelisch-geistigen Wirkungen auf den Organismus berücksichtigen, ja er wird anerkennen, dass »der astralische Leib« (die Seele) »der eigentliche Bildner des Physischen und Ätherischen ist. Das Physische ist nur eine Verdichtung des Geistigen, und das Geistige kann wiederum zurückwirken auf das Physische, so dass es in der richtigen Weise durchwirkt und durchlebt wird.«

Zwar kann man den Menschen mit »Weltanschauung nicht kurieren«, aber »von der Weltanschauung hängt« dennoch »die Gesundheit des Menschen ab«. Zu den seelischen Faktoren gehört auch das Gedankenleben des Menschen, eben seine Art, die Welt anzuschauen. »Derjenige, der an den rein abstrakten Vorstellungen der bloß materialistischen Wissenschaft haftet, der tut aus seinem Geistigen nichts für seine Gesundheit. Wer positiv nur Abstraktionen in seinen Begriffen sich schafft, macht seine Seele öde und leer, und er ist immer darauf angewiesen, das äußere Instrument des Leibes zum Träger der Gesundheit und zum Träger der Krankheit zu machen. Wer in ungeordneten und verkehrten Vorstellungen lebt, der weiß auch nicht, wie er sich in geheimnisvoller Weise einimpft die Ursachen der Zerstörung seines Organismus. Daher steht die Geisteswissenschaft auf dem Standpunkte, dass durch die Gesichtspunkte, die sie geltend macht in bezug auf die übersinnliche Welt, auf jene Welt, die wir nicht mit äußeren Sinnen erkennen, sondern in starker Weise innerlich wachrufen müssen, wir unsere Seele innerlich so regsam machen, dass ihre Tätigkeit in Einklang steht mit der geistigen Welt, aus der heraus unser ganzer Organismus geschaffen worden ist. Daher wird unser Organismus nicht durch kleinliche Mittel zur Gesundung gebracht, sondern die Geisteswissenschaft selbst ist das große Heilmittel zur Gesundung.«

»Klare, helle Gedanken, umfassende Gedanken, wie sie nur durch eine umfassende, auf das Ganze der Welt, also auch auf das Übersinnliche gehende Weltanschauung hervorgerufen werden können, sind Voraussetzung für die Gesundheit. Reine, dem Objektiven des Geistigen entsprechende Gefühle und Willensimpulse, wie sie solchen Gedanken entsprechen, die werden den Menschen die Möglichkeit geben, einen gesunden Hunger zu empfinden. Wenn man den Menschen auch nicht mit Weltanschauung füttern kann, so bietet dies doch die Möglichkeit, das zu finden, was seiner Seele entspricht, zu suchen, was für ihn entsprechend ist und zu verabscheuen, was für ihn nicht entsprechend ist. Die Gedanken, die Abbilder sind für die übersinnliche Welt, sind das beste Verdauungsmittel – wenn auch als Paradoxon –, nicht weil in den Gedanken die Kräfte der Verdauung sind, sondern dadurch, dass durch tatkräftige Gedanken die Kräfte wachgerufen werden, welche die Verdauung in geregelter Weise vor sich gehen lassen.«

»Wer an die Geisteswissenschaft herantritt, der wird finden, dass sie eine Weltanschauung ist, durch welche innere Seligkeit fließt, eine Weltanschauung der Lust und Freude, dass sie Voraussetzung ist, um das große Heilmittel für die Gesundheit zu fördern. Leichter ist es, dieses oder jenes Mittel zu gebrauchen, als sich in den Strom der Geisteswissenschaft zu begeben, um das zu finden, was die Menschen immer gesunder und gesunder machen wird.«

Die Tyrannei der Dogmen

In einem gänzlich anderen Zusammenhang tritt der Begriff der Tyrannei in Steiners Pariser Vorträgen über Kosmogonie auf, die von Edouard Schuré niedergeschrieben wurden. Die Sprache ist jene Schurés, der Gedankeninhalt dürfte auf Steiner zurückgehen. Hier entwickelt Steiner eine Definition der Theosophie, die im Unterschied zur Theologie mit einem individualisierten Christentum gleichgesetzt wird. In dieser Definition klingt die Ablehnung des von außen über den Menschen herrschenden »Pseudogottes« aus dem Jahr 1891 nach:

»Was ist in Wirklichkeit die Theologie? Eine Kunde von Gott, von außen auferlegt in Form von Dogmen wie eine Art übernatürlicher Logik, aber dem Menschen von außen her gegeben.

Und was ist die Theosophie? Die Kunde von Gott, sich entfaltend wie eine Blume auf dem Grunde der menschlichen Seele. Gott zum Unterschied von der Welt, wiedergeboren auf dem Grunde der Herzen. Ein solches Christentum, verstanden im Sinne der Rosenkreuzer, ist gleicherweise die mächtigste Entfaltung der individuellen Freiheit und der universellen Religion durch die Bruderschaft der freien Seelen. Die Tyrannei der Dogmen ist alsdann ersetzt durch den Strahlenglanz der göttlichen Weisheit, die Intelligenz, Liebe und Tat in einem ist.

Die Wissenschaft, die daraus entspringen wird, wird ihre Maßstäbe weder an der abstrakten Vernunft noch an äußerer Unterwerfung finden, sondern an ihrer Fähigkeit, die Seelen erwecken und erblühen zu lassen.

Da haben wir den Unterschied zwischen der Logik und der Sophia, zwischen der Wissenschaft und der göttlichen Weisheit, zwischen der Theologie und der Theosophie.

So ist der Christus immer der Mittelpunkt der esoterischen Evolution des Abendlandes.«[5]

Die Tyrannei der Sprache

Nicht nur Dogmen des Denkens üben eine die Freiheit einschränkende Macht aus, sondern auch die Sprache. Da sie stets der Kommunikation eines Kollektivs dient, wird der einzelne Sprecher durch seine Zugehörigkeit zu diesem Kollektiv auf dem Umweg über die Sprache bestimmt. In diesem Zusammenhang spricht Steiner in einem öffentlichen Vortrag, den er am 20. Januar 1910 in Berlin hielt, von der »Tyrannei« der Sprache.

»Wenn von der menschlichen Sprache die Rede ist, dann fühlen wir wohl hinlänglich, wie sehr die ganze Bedeutung und Würde und das ganze Wesen des Menschen mit dem zusammenhängt, was eben als Sprache bezeichnet wird. Unser innerstes Leben, alle unsere Gedanken, Gefühle und Willensimpulse fließen gleichsam nach außen zu unseren Mitmenschen hin und verbinden uns mit denselben durch die Sprache. So fühlen wir eine unendliche Erweiterungsfähigkeit unseres Wesens, eine Möglichkeit des Ausstrahlens dieses Wesens in die Umgebung durch die Sprache.

Auf der anderen Seite allerdings wird gerade derjenige, der das menschliche Innenleben einer bedeutungsvollen Individualität zu durchdringen vermag, empfinden können, wie die menschliche Sprache doch wiederum eine Art Tyrann ist, eine Macht, die auf unser Innenleben ausgeübt wird. Fühlen wir es doch, wenn wir nur wollen, dass dasjenige, was wir uns selber zu sagen haben über unsere Gefühle und Gedanken, über das, was durch die Seele zieht mit all seiner Intimität und Besonderheit, nur spärlich und schwach in dem Wort, in der Sprache zum Ausdruck kommen kann. Und fühlen wir doch auch, wie die Sprache, in die wir hineingestellt sind, uns sogar ein bestimmtes Denken aufzwingt. Wer sollte es denn nicht wissen, wie der Mensch in bezug auf sein Denken abhängig ist von der Sprache! Worte sind es vielfach, an die sich unsere Begriffe heften, und in einem unvollkommenen Entwickelungszustand wird der Mensch sogar leicht das Wort oder das, was ihm das Wort einimpft, mit dem Begriffe verwechseln können. Daher die Unmöglichkeit mancher Menschen, sich eine Begriffswelt aufzubauen, welche hinausreicht über das, was ihnen die Worte geben, die in ihrer Umgebung üblich sind.

Und wissen wir doch auch, wie der Charakter eines ganzen Volkes, das eine gemeinsame Sprache spricht, in gewisser Weise von dieser Sprache abhängig ist. Wenigstens muss derjenige, der intimer die Volkscharaktere, die Sprachencharaktere in ihren Zusammenhängen betrachtet, einsehen, wie die Art und Weise, in welcher der Mensch das, was in seiner Seele liegt, in Laute umzuprägen vermag, wiederum zurückwirkt auf die Stärke und Schwäche seines Charakters, auf den Ausdruck seines Temperamentes, ja auf seine ganze Lebensauffassung. Und der Kenner wird imstande sein, aus der Konfiguration der Sprache eines Volkes mancherlei entnehmen zu können in bezug auf den Charakter eines Volkes. Da aber die Sprache einem Volke gemeinschaftlich ist, so ist der einzelne von einer Gemeinsamkeit abhängig, gleichsam von einem Durchschnittsmaß, wie es in dem Volke herrscht. Er steht dadurch gewissermaßen unter der Tyrannei, unter der Macht der Gemeinsamkeit. Wenn man aber fühlt, dass auf der einen Seite unser individuelles Geistesleben, auf der anderen Seite das Geistesleben von Gemeinsamkeiten sozusagen in der Sprache niedergelegt ist, so erscheint einem dasjenige, was man das Geheimnis der Sprache nennen könnte, als etwas ganz besonders Bedeutungsvolles.«[6]

Wer die Sprache beherrscht, die von einer Mehrheit gesprochen wird, so kann man aus diesen Überlegungen schließen, vermag über den Umweg des Idioms auf den »Charakter«, das »Temperament«, die »Lebensauffassung« des Einzelnen einzuwirken, da dieser als Sprechender von seinem Sprachkollektiv abhängig ist, solange er sich nicht eine wahrhaft individualisierte Sprache angeeignet hat. Diese Sprachmacht des Kollektivs wird von Steiner als »Tyrannei« bezeichnet.

Die Tyrannei der staatlich alimentierten Wissenschaft

Ein weiteres Mal taucht die Tyrannis im Zusammenhang mit der Medizin bzw. den vom Staat geförderten, weltanschaulichen Vereinseitigungen, die aus der Naturwissenschaft entstehen, am 21. Oktober 1916 auf. Hier spricht Steiner am Ende eines Vortrags über die sozialen und kulturellen Verhältnisse, in welchen die von ihm vertretene Geisteswissenschaft sich zu etablieren versucht und charakterisiert nicht nur die Kräfte, die ihr feindselig gegenüberstehen, sondern auch den mangelnden Enthusiasmus auf Seiten ihrer Anhänger.

Was auf die konkrete Situation 1916 bezogen war, lässt sich aber auch auf die Gegenwart übertragen. Die besondere Gefahr, die hier als »Privilegierung« einer bestimmten Form von Wissenschaft durch den Staat beschrieben wird, ist heutzutage keine Gefahr mehr, sondern Alltagsrealität des staatlich alimentierten Wissenschaftsbetriebs. Von den acht Milliarden Euro, die im Jahr 2018 den deutschen Universitäten als Drittmittel zuflossen, kamen lediglich zwei Milliarden aus der Wirtschaft, der Rest aus staatlichen Fördertöpfen. Allein die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanzierte 2019 mit 3,3 Milliarden universitäre Forschungsprojekte. Auch die großen Forschungsgemeinschaften, die Alexander von Humboldt Stiftung, die Leopoldina, die Fraunhofer-Gesellschaft oder die Max-Planck-Gesellschaft befinden sich in staatlicher Hand und werden aus Steuergeldern finanziert. Wissenschaft ist heute in höchstem Grade politikabhängig. Rund zwei Drittel des 3,3 Milliarden-Etats der Deutschen Forschungsgemeinschaft fließen ihr aus einem einzigen Ministerium, jenem für Bildung und Forschung zu (2,2 Milliarden), weitere 990 Mio. aus den Bundesländern.[7]

Steiner sprach 1916 von der kulturellen und sozialen »Wirklichkeit«, die der Geisteswissenschaft nicht wohlgesonnen sei. »Diese Wirklichkeit«, so fuhr er fort, »geht darauf aus, Geisteswissenschaft gerade in ihrem Wichtigsten nicht aufkommen zu lassen. Der Geist ist nämlich hinlänglich noch vorhanden, der die Goethesche Weltanschauung im 19. Jahrhundert hat versiegen lassen, und dieser Geist lebt sich namentlich dadurch aus, dass er von einer gewissen Verfolgungswut beseelt ist: von einer Wut, alles dasjenige zu verfolgen, was nach wirklichkeitsgesättigten Ideen strebt. Diesem Geist der Gegenwart kommen gerade die wirklichkeitsgesättigten Ideen oftmals phantastisch vor, weil er nicht geeignet ist, diese Ideen aufzunehmen. Und es wird sich schon das herausstellen, was der Geisteswissenschaft wie ihr stärkster Widersacher immer mehr und mehr gegenüberstehen wird: es wird sich das herausstellen, dass man gerade eine Weltanschauung, die wirkliche Geisteswege sucht und vorurteilslos in den Wirklichkeiten zu forschen sucht, deshalb ablehnt, weil man ablehnen will dieses Forschen in den Wirklichkeiten. Es ist einem zu unbequem, kennenzulernen, was alles notwendig ist, um zu einer wirklich umfassenden Weltanschauung zu kommen.

Deshalb wird man verleumden diese umfassende Weltanschauung und wird nicht merken lassen die Welt, wie umfassend sie ist, sondern der Welt vormachen, dass sie auf ebenso oberflächlichen, engherzigen, eingeschränkten Begriffen und Forschungsresultaten stehe wie andere Weltanschauungen in der Gegenwart. Und geltend machen wird sich immer mehr und mehr eine gewisse Anerkennung der Unehrlichkeit des Strebens, nämlich desjenigen Strebens, das auf der Engherzigkeit besteht und eine Ablehnung gerade desjenigen, was mit dem Bewusstsein, das nur befriedigend vorwärtsführt, wirklich in den Wirklichkeiten forschen will und dadurch auch zu einem gewissen umfassenden Standpunkt kommen kann.

Hochmut, Anmaßung sind Eigenschaften, die heute noch nicht ihren Höhepunkt erreicht haben. Was alles noch werden kann unter dem Einfluss jener Anmaßung, die nicht die Naturwissenschaft, sondern die Weltanschauung, die aus der Naturwissenschaft oftmals gezogen wird, großziehen wird, davon machen sich die Menschen der Gegenwart noch gar keine Vorstellung. Und welche Tyrannis auftreten wird, wenn von den äußeren Gewalten sich immer mehr und mehr privilegieren lassen wird der Materialismus auf dem Gebiet der Medizin, auf dem Gebiete anderer sogenannter Wissenschaftlichkeit, was aus dem hervorgehen wird, das auch nur zu empfinden, dazu ist der gegenwärtige Mensch noch viel zu bequem. Er liebt es vielmehr, Stück für Stück hinzunehmen, wie Tag um Tag mehr sich das Geistige privilegieren lässt von den äußeren Gewalten. Und wenige sind noch derjenigen Menschen, die fühlen, was für einer grausen Zukunft die Menschheit entgegengeht, wenn sie nicht fühlen lernt, um was es sich gerade auf diesem Gebiete handelt, welcher Rückgang gegenüber Standpunkten, die schon erreicht waren, gerade auf diesem Gebiete zu verzeichnen ist.

Nur diese Empfindung wollte ich einmal andeuten, die notwendig ist den Menschen der Gegenwart. Denn dieser Empfindung steht gegenüber eine ungeheure Schläfrigkeit gerade der idealistisch gesinnten Menschen der Gegenwart. Gegenüber dem, was man also empfinden soll an Aufgaben, scheint es aber die ärgste Sünde zu sein, wenn diejenigen, die, gerade von idealistischen Gesinnungen durchdrungen, in eine neuere Weltanschauung sich hineinfinden, sich dann zurückziehen von dem übrigen Wirken und Leben der Welt und allerlei Kolonien und dergleichen begründen, während das Notwendigste dieses ist, dass die neuere Weltanschauung, die geisteswissenschaftliche Weltanschauung sich voll in das Leben hineinstelle und nicht schläfrig dem ungeheuern Abgrunde entgegentaumle, der sich auftut aus dem, was man also andeuten kann, wie ich es heute wieder angedeutet habe.«

Die Tyrannei der Presse

Im Zusammenhang mit der Macht der Sprache steht die Tyrannei der Presse, über die Steiner 1917 in Berlin in einem Vortrag mit dem Titel Das Verhältnis des Menschen zur Wahrheit spricht.[8] Der Vortrag enthält einige kulturmorphologische Ausführungen über geistige Tendenzen im europäisch-amerikanischen Westen, in Mitteleuropa und in Osteuropa.

Dem Westen schreibt der Vortragende eine interessante Veranlagung zu, die sich in diesem kulturgeographischen Raum »hypertrophiert habe« und sich immer mehr »zum Extrem« ausgestalten werde: eine »gewisse Despotie des vom Menschen losgelösten Geistigen über den Menschen selbst«. Man könnte von der Herrschaft der Abstraktion sprechen, wenn diese nicht die Neigung hätte, sich zu »materialisieren« und sich alsdann als Reich der vom Menschen geschaffenen Objekte und Strukturen gegen diesen zu wenden. Von dieser Herrschaft der objektivierten Abstraktion heißt es: »Zuletzt erscheint die Herrschaft des hinausgeworfenen Geistigen über das unmittelbar Elementarisch-Menschliche.« Wer hier an Software, an die Macht der Algorithmen und Big Tech denkt, liegt gewiss nicht falsch. Aber auch die »Medien« stellen ein solches aus dem Menschen hinausgeworfenes Geistiges dar. »Der Mensch«, fährt Steiner fort, »soll dann ausgeschaltet werden, und dasjenige, was er hinausgeworfen hat, das soll in irgendeiner Form herrschend werden.«

Was ich als »Objektivierung« (Vergegenständlichung) bezeichnet habe, nennt Steiner »Materialisierung«: »Aber dasjenige, was in die Welt hinausgeworfen wird, das strebt nach Materialisierung, nicht nur nach Auffassung im materialistischen Sinn, sondern nach Materialisierung« (z.B. in Form von Prozessoren, die materialisierter Geist sind, wie alle Technik). »Und in dieser Beziehung ist die westliche Welt ja schon sehr, sehr weit gegangen«, so Steiner 1917!

Als Beispiel für diese Tendenz kommt Steiner auf Lord Northcliffe zu sprechen, einen der großen Zeitungsmagnaten in den beiden ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Laut Steiner bewegte diesen die Frage: »Wie kann man die Herrschaft des vom Menschen Losgelösten über den Menschen begründen?« In der Folge begann er Zeitungen aufzukaufen und über alle Publikationsorgane in seinem Besitz »eine einheitliche Schablone« auszugießen. Auf diese Weise verengte er die Pluralität der Meinungsbilder bzw. ordnete selbst die Pluralität »zentralistisch« an. Im Lauf der Zeit wurde er zum »unsichtbaren Herrscher« eines großen Teils der französischen, amerikanischen und britischen Presse. »Sein Ideal ist, alles wegzuräumen, was nicht aus einer einzigen Quelle stammt. Denken Sie, welche Möglichkeit, bei dem Glauben, der heute herrscht an dasjenige, was zwar sich vom Menschen abgesondert hat, was aber dann an die Menschen auf diese Weise herantritt! Denken Sie, welche Möglichkeiten, eine ungeheure Tyrannis von dieser Seite her über den einzelnen individuellen Menschen auszuüben

Die Tyrannei des Leninismus

In der Zeit des Einsatzes für die Dreigliederung des sozialen Organismus sprach Steiner häufig über die politischen Systeme und Ideologien des russischen Ostens und des angloamerikanischen Westens, zwischen welchen Europa seinen eigenen Weg – jenen der Dreigliederung, der Verselbständigung des geistigen, rechtlichen und wirtschaftlichen Teilsystems der Gesellschaft finden müsse. In diesem Zusammenhang beschrieb er am 13. Juni 1920 in Stuttgart den Leninismus als eine Fortsetzung der mittelalterlichen Kirchentyrannei.

»Wenn man sich ein Urteil verschaffen will über den Verlauf der Ereignisse der Gegenwart, dann kommen verschiedene Dinge in Betracht. Eines aber kommt vor allen Dingen in Betracht, was zusammenhängt mit einer Tatsache, die ich schon in meinem ersten öffentlichen Vortrage hier erwähnt habe, mit der Tatsache, dass mit Bezug auf die innere Seelenverfassung, namentlich mit Bezug auf die Vorstellungsstruktur, die Menschen der Gegenwart unendlich viel fortsetzen von dem, was nur geeignet war zur Vorstellungsstruktur, zur Vorstellungsform während des Mittelalters. Diese war damals groß, war damals bedeutungsvoll, ist aber heute überholt. Diejenigen, welche sich am allerintensivsten das ganze Empfinden und Vorstellen in seinen mittelalterlichen Formen angeeignet haben, das sind heute die weiten Kreise der mehr oder weniger sozialistischen Leute über die Erde hin. Innerhalb dieser Kreise haben sich Vorstellungsformen gebildet, die namentlich ihren Ausdruck finden in einem schier unendlich großen Autoritätsglauben, in einem Sich-Ducken gegenüber allem, was sich einfach durch die robuste Hand Autorität verschafft innerhalb dieser Kreise. Nur dadurch ist es ja möglich geworden, dass solche Menschen wie Lenin und Trotzkij, im Osten von Europa – und die Bewegung setzt sich fort nach Asien hinüber mit rasender Schnelligkeit –, mit Hilfe von wenigen tausend Menschen eine Tyrannis ausüben über Millionen von Menschen, eine Tyrannis, die noch niemals während der schlimmsten Zeiten orientalischer Tyrannei so groß war, wie sie heute ist[9]

Die Tyrannei der Logik

Ebenfalls 1920, am 24. Oktober, ging Steiner auf Schillers Briefe über die Ästhetische Erziehung des Menschen und Goethes Märchen ein. Hier ist die Rede von der »Tyrannei der Logik«, die dem »Formtrieb« Schillers zugeordnet wird, die der Sklaverei der Instinkte, des Stofftriebs, gegenübersteht.

»Ich mache […] darauf aufmerksam, wie in Schillers ›Ästhetischen Briefen‹ gesucht wird, eine Seelenverfassung des Menschen zu charakterisieren, die eine gewisse mittlere Stimmung darstellt zwischen dem einen, das der Mensch auch haben kann, dem Hingegebensein an die Instinkte, an das Sinnlich-Physische, und dem anderen, das er haben kann, wenn er an die logische Vernunftwelt hingegeben ist. Schiller meint, dass der Mensch in beiden Fällen nicht zur Freiheit kommen könne. In dem Falle nicht, wenn er ganz der Sinnenwelt, der Welt der Instinkte, der Triebe hingegeben ist; da ist er seiner leiblich-physischen Wesenheit unfrei hingegeben. Aber er ist auch nicht frei, wenn er der Vernunftnotwendigkeit, der logischen Notwendigkeit ganz hingegeben ist, denn da zwingen ihn eben die logischen Gesetze unter ihre Tyrannei. Aber Schiller will hinweisen auf einen mittleren Zustand, wo der Mensch seine Instinkte so weit vergeistigt hat, dass er sich ihnen überlassen kann, dass sie ihn nicht hinunterziehen, dass sie ihn nicht versklaven, und wo auf der anderen Seite die logische Notwendigkeit aufgenommen ist in das sinnliche Anschauen, aufgenommen ist in die persönlichen Triebe, so dass auch diese logische Notwendigkeit den Menschen nicht versklavt. Schiller findet allerdings dann in dem Zustand des ästhetischen Genießens und des ästhetischen Schaffens jenen mittleren Zustand, in dem der Mensch zur wahren Freiheit kommen kann.«[10]

Die Habsburgische Tyrannei

Am 30. April 1921 sprach Steiner in der Dornacher Reihe Perspektiven der Menschheitsentwicklung über die revolutionären Bewegungen in vierziger Jahren des 19. Jahrhundert und deutete diese als Ausdruck des Aufdämmerns der Bewusstseinsseele in den europäischen Völkern. Im Hinblick auf die Herrschaft der Habsburger in Italien sprach er von deren Tyrannei. Seine Ausführungen sind auch ansonsten interessant, deshalb hier ein längerer Auszug:

»Nehmen Sie jetzt andere Völker der modernen Zivilisation; nehmen Sie dasjenige, was vom lateinisch-romanischen Elemente geblieben ist, was also das Romanisch-Lateinische vom vierten nachatlantischen Zeitraum herübergetragen hat, was gewissermaßen als Erbgut herübergebracht hat die alte Verstandesseelenkultur im Zeitalter der Bewusstseinsseele. Seine Kulmination, seinen Höhepunkt hat ja das, was da noch vorhanden war an Leben der Verstandesseele, in der Französischen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts gefunden. Wir sehen, wie da plötzlich in äußerster Abstraktion auftauchen die Ideale von ›Freiheit‹, ›Gleichheit‹, ›Brüderlichkeit‹. Wir sehen, wie sie ergriffen werden von solchen Skeptikern wie Voltaire, von solchen Enthusiasten wie Rousseau, wir sehen, wie sie überhaupt auftauchen aus der breiten Masse des Volkes; wir sehen, wie die Abstraktion, die vollberechtigt ist auf diesem Gebiete, hereingreift in das Gefüge der sozialen Struktur – eine ganz andere Entwickelung als drüben in England. In England die Überreste des altgermanischen patriarchalischen Lebens, durchsetzt von dem, was die moderne Technik, was das moderne materialistische wissenschaftliche Leben in die soziale Struktur hineinsenden konnte, in Frankreich alles Überlieferung, alles Tradition.

Man möchte sagen: Mit demselben Duktus, mit dem einstmals ein Brutus oder Cäsar in Rom in den verschiedensten Schattierungen gewirkt haben, mit demselben Duktus wird jetzt die Französische Revolution in Szene gesetzt. So taucht wiederum auf in abstrakten Formen das, was Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ist. Und nicht von außen herein wird da zersprengt, wie in England, dasjenige, was als altes patriarchalisches Element vorhanden ist, sondern das romanisch-juristische Festsetzen, das Festhalten an dem alten Eigentumsbegriff, an den Grundbesitzerverhältnissen und so weiter, an den Erbschaftsverhältnissen namentlich, das, was römisch-juristisch festgesetzt ist, wird von der Abstraktion her zersetzt, wird von der Abstraktion her auseinandergetrieben .

Man braucht nur zu denken, welchen ungeheuren Einschnitt in das ganze europäische Leben die Französische Revolution brachte. Man braucht ja nur daran zu erinnern, dass vor der Französischen Revolution diejenigen, die, ich möchte sagen, herausgesondert waren aus der Masse des Volkes, auch Rechtsvorteile hatten. Nur gewisse Leute konnten, sagen wir, zu gewissen Staatsstellungen kommen. Da Breschen hineinzuschlagen, das zu durchlöchern, das war dasjenige, was aus der Abstraktion heraus, aus dem schattenhaften Verstande heraus die Französische Revolution forderte. Aber sie trug eben durchaus in sich das Gepräge des schattenhaften Verstandes, der Abstraktion, und es blieb im Grunde genommen das, was da gefordert wurde, eine Art Ideologie. Daher, könnte man sagen, schlägt dasjenige, was schattenhafter Verstand ist, sogleich um in sein Gegenteil.

Wir sehen dann den Napoleonismus und wir sehen das staatlich soziale Experimentieren im Laufe des 19. Jahrhunderts. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist ja in Frankreich ein Experimentieren ohne Ziel. Wie sind die Ereignisse, durch welche so ein Louis-Philippe zum Beispiel König von Frankreich wird und dergleichen, wie wird da experimentiert? – Es wird so experimentiert, dass man sieht, der schattenhafte Verstand vermag nicht wirklich in die realen Verhältnisse einzugreifen. Es bleibt alles ungetan im Grunde genommen, es bleibt alles unvollendet, es bleibt alles Erbschaft des alten Romanismus. Man könnte sagen: Heute ist noch immer nicht das Verhältnis, das die Französische Revolution im Abstrakten ganz klar hatte, das Verhältnis, sagen wir zur katholischen Kirche, in der äußeren konkreten Wirklichkeit in Frankreich geklärt. Und wie unklar war es von Zeit zu Zeit immer wiederum im Laufe des 19. Jahrhunderts. Der abstrakte Verstand hatte sich zu einer gewissen Höhe heraufgerungen in der Revolution, und dann ein Experimentieren, ein Nicht-Gewachsensein den äußeren Verhältnissen. Und so traf diese Nation das Jahr 1840.

Wir könnten auch andere Nationen in Betracht ziehen. Sehen wir zum Beispiel Italien an, das noch, ich möchte sagen, ein Stück Empfindungsseele mitbehielt beim Durchgang durch die Verstandeskultur, das dieses Stück Empfindungsseele in die neuere Zeit heraufbrachte, und es daher nicht bis zu den abstrakten Begriffen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit brachte, bis zu denen man es in der Französischen Revolution gebracht hatte, das aber doch den Übergang suchte von einem gewissen alten Gruppenbewusstsein der Menschen zu dem individuellen Menschheitsbewusstsein. Italien traf das Jahr 1840 so, dass man sagen kann: Was sich da in Italien heraufarbeiten will an individuellem Menschheitsbewusstsein, wird eigentlich immerfort niedergehalten von demjenigen, was nun im übrigen Europa ist. Wir sehen ja, wie die Habsburgische Tyrannei in einer furchtbaren Weise lastet gerade auf dem, was sich in Italien an individuellem Menschheitsbewusstsein heraufarbeiten will. Wir sehen ja jenen merkwürdigen Kongress von Verona, der in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts eigentlich ausmachen wollte, wie man sich auflehnen kann gegen den ganzen Sinn der modernen Zivilisation. Wir sehen, wie da von Russland, Österreich ausging, ich möchte sagen eine Art von Verschwörung gegen dasjenige, was das moderne Menschheitsbewusstsein bringen sollte. Es ist kaum etwas so interessant, wie dieser Veroneser Kongress, der im Grunde genommen die Frage beantworten wollte: Wie schlägt man alles das tot, was sich als modernes Menschheitsbewusstsein heraufentwickeln will?

Und dann sehen wir, wie nun die Menschheit im übrigen Europa ringt, so ringt, dass in Mitteleuropa ja überhaupt nur immer ein kleiner Teil der Menschheit sich heraufringen kann zu einem gewissen Bewusstsein, sozusagen in einer gewissen Weise erlebt, dass jetzt das Ich eintreten soll in die Bewusstseinsseele. Wir sehen, wie das in einer gewissen geistigen Höhe erreicht werden soll. Wir sehen es in jener merkwürdigen Kulturhöhe des Goetheschen Zeitalters, in der ein Fichte gewirkt hat, wir sehen, wie sich da das Ich vordrücken will zur Bewusstseinsseele herein. Aber wir sehen, wie die ganze Goethe-Kultur etwas bleibt, was im Grunde genommen nur bei ganz wenigen lebt […]

Bis zum Jahre 1862, also dreißig Jahre nach Goethes Tode, war ja überhaupt für die wenigsten Menschen ein Exemplar von Goethe zu beschaffen. Goethe war nicht frei; nur ganz wenige Menschen besaßen irgendwie ein Exemplar von Goethes Schriften. Es war also dasjenige, was Goetheanismus ist, etwas, was ganz wenigen eigen geworden war. Erst in den sechziger Jahren konnte eine größere Anzahl von Menschen überhaupt Kunde erlangen von dem, was in Goethe lebte, und da war im Grunde genommen schon das Verständnis, die Verständnisfähigkeit wiederum hinuntergeschwunden.

Es ist zu einem richtigen Verständnis Goethes im Grunde genommen gar nicht gekommen. Und das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts war überhaupt gar nicht geeignet, ein rechtes Verständnis für Goethe hervorzurufen.«[11]

Die Tyrannei des Geisteslebens

Wer glaubt, er wäre im Gehege des »freien Geisteslebens« sicher vor der Tyrannei, muss sich durch eine Passage in einem Vortrag für Dreigliederer eines Besseren belehren lassen. 1921 sprach Steiner nämlich davon, dass dieses Geistesleben selbst die Tendenz zur Tyrannei in sich trage, gegen die fortwährend angekämpft werden müsse. Die entsprechenden Ausführungen finden sich im sogenannten »Rednerkurs«, den er 1921 in Dornach hielt.

»Sehen Sie, das Geistesleben ist allmählich aufgesogen worden vom Staatsleben. Das Geistesleben aber ist, wenn man ihm gegenübersteht als einem Elemente, das auf sich selbst gebaut ist, ein sehr strenges Element, ein Element, demgegenüber man fortwährend seine Freiheit bewahren muss, das deshalb nicht anders als auch in der Freiheit organisiert werden darf. Lassen Sie einmal eine Generation ihr Geistesleben freier entfalten und dann dieses Geistesleben organisieren, wie sie es will: es ist die reinste Sklaverei für die nächstfolgende Generation. Das Geistesleben muss wirklich, nicht etwa bloß der Theorie nach, sondern dem Leben nach, frei sein. Die Menschen, die darinnenstehen, müssen die Freiheit erleben. Das Geistesleben wird zur großen Tyrannei, wenn es überhaupt auf der Erde sich ausbreitet, denn ohne dass eine Organisation eintritt, kann es sich nicht ausbreiten, und wenn eine Organisation eintritt, wird sogleich die Organisation zur Tyrannin. Daher muss fortwährend in Freiheit, in lebendiger Freiheit gekämpft werden gegen die Tyrannis, zu der das Geistesleben selber neigt[12]

Die Tyrannei des Erziehers

Im August 1922 hielt Steiner eine Reihe von Vorträgen in Oxford über die »geistig-seelischen Grundkräfte der Erziehungskunst«. Am 19. August teilte er seinem britischen Publikum, das an Waldorfpädagogik interessiert war, einige Maximen dieser Erziehungskunst mit, die in das Brevier eines jedes Lehrers, nicht nur des Waldorflehrers gehören. Eine dieser Maximen enthält eine Warnung vor der Tyrannei des Erziehungsanspruchs. Sie korrespondiert mit der Freiheit, die das konstitutive Prinzip des Geisteslebens ist, ebenso wie mit der Freiheit der Selbstbestimmung, mit der die Würde des Menschen steht oder fällt.

»Man soll sich nicht sagen: du sollst dies oder jenes in die Kinderseele hineingießen, sondern du sollst Ehrfurcht vor seinem Geiste [dem Geiste des Kindes, des Menschen] haben. Diesen Geist kannst du nicht entwickeln, er entwickelt sich selber. Dir obliegt es, ihm die Hindernisse seiner Entwickelung hinwegzuräumen, und das an ihn heranzubringen, das ihn veranlasst, sich zu entwickeln. Du kannst dem Geist die Hindernisse wegräumen im Physischen und auch noch ein wenig im Seelischen. Was der Geist lernen soll, das lernt er dadurch, dass du ihm diese Hindernisse wegnimmst. Der Geist entwickelt sich auch in allerfrühester Jugend schon am Leben. Aber sein Leben ist dasjenige, das man als Erzieher in seiner Umgebung entfaltet. Die allergrößte Selbstverleugnung ist Aufgabe des Erziehers. Er muss in der Umgebung des Kindes so leben, dass der Kindesgeist in Sympathie das eigene Leben an dem Leben des Erziehers entfalten kann. Man darf niemals die Kinder zu einem Abbild von sich selbst machen wollen. Es soll in ihnen nicht fortleben in Zwang, in Tyrannei dasjenige, was in dem Erzieher selbst war, noch in derjenigen Zeit, in denen sie hinausgewachsen sind über Schule und Erziehung. Man muss so erziehen können, dass man für dasjenige, was aus einer göttlichen Weltordnung neu in jedem Zeitalter in den Kindern in die Welt hereintritt, die physischen und seelischen Hindernisse wegräumt, und dem Zögling eine Umgebung schafft, durch die sein Geist in voller Freiheit in das Leben eintreten kann.« An diese Maxime schließen sich als Zusammenfassung der vorangehenden Ausführungen die »drei goldenen Regeln der Erziehungskunst« an:

»Die drei goldenen Regeln der Erziehungs- und Unterrichtskunst, die in jedem Lehrer, jedem Erzieher, ganz Gesinnung, ganz Impuls der Arbeit sein müssen, die nicht bloß intellektualistisch gefasst werden dürfen, sondern die von dem ganzen Menschen erfasst werden müssen, die müssen sein:

Religiöse Dankbarkeit gegenüber der Welt, die sich in dem Kinde offenbart, vereinigt mit dem Bewusstsein, dass das Kind ein göttliches Rätsel darstellt, das man mit seiner Erziehungskunst lösen soll.

In Liebe geübte Erziehungsmethode, durch die das Kind sich instinktiv an uns selbst erzieht, so dass man dem Kinde die Freiheit nicht gefährdet, die auch da geachtet werden soll, wo sie das unbewusste Element der organischen Wachstumskraft ist.«[13]


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Anmerkungen:


  1. Siehe den Vortrag vom 28.3.1919 in GA 190, Dornach 1980, S. 60 f.
  2. GA 39, Dornach 1987, S. 106.
  3. GA 57, Dornach 1984, S. 186 f.
  4. Meningismus, z.B. als Symptom einer bakteriellen oder viralen Hirnhautentzündung.
  5. GA 94, Vortrag vom 25.5.1909, Dornach 2001, S. 21 f.
  6. GA 59, Dornach 1984, S. 9 f.
  7. DFG Jahresbericht 2021, S. 241-243.  Siehe dazu den Artikel: Bericht aus der Grabkammer der deutschen Staats-Wissenschaft von Uwe Jochum. 
  8. GA 176, Dornach 1982, S. 175 f.
  9. GA 197, Dornach 1996, S. 59.
  10. GA 200, Dornach 2003, S. 65 f.
  11. GA 204, S. 189 f.
  12. GA 339, Dornach 1984, S. 72.
  13. GA 305, Dornach 1991, S. 74 f.

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2 Kommentare

  1. Pingback:Rudolf Steiner über Tyrannei. Ein Aphorismus – Anthroposophie und Religion

  2. Was für eine außergewöhnliche Studie hast du schon gemacht, Lorenzo! Dieser Aufsatz fühlt sich bereits so vollständig an, dass Sie ihn nicht als „flüchtig“ oder „Umriss eines Forschungsprojekts“ bezeichnen sollten. Es ist ziemlich voll und umfasst insbesondere alles, was für die besondere Tyrannei dieses apokalyptischen Moments von solcher Bedeutung ist. BRAVO! Heute Morgen habe ich hier nur einen kleinen Teil dieses Themas angesprochen:

    https://masquerade.substack.com/p/the-magician

    Thank you Lorenzo for this faithful, warmth-filled historical thinking to so brilliantly illuminate the present!

    Yours,
    Dr. Kevin Dann
    Brooklyn, NY

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