Der Krieg gegen Covid-19 – Sechs mögliche Erklärungen

Zuletzt aktualisiert am 18. Februar 2021.

Edward Hadas erörtert in seinem Essay »Der Krieg gegen Covid-19 – Sechs mögliche Erklärungen« Gründe für die Eskalation eines mythischen Kampfes.

Gastbeitrag von Edward Hadas. Version des englischen Originals vom 17.2.2021. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Der Krieg gegen Covid-19

Hieronymus Bosch: Garten der Lüste, Hölle (Ausschnitt).

1. Erste Ebene der Erklärung: Panik

Innerhalb weniger Wochen bewegte sich im Frühjahr 2020 das kollektive Bewusstsein der westlichen Nationen von Neugier gegenüber dem Virus aus China zu ernsthafter Sorge, verbreiteter Angst und schließlich totaler Panik. Die Panik der politischen Führer, Experten, Medien und eines Großteils der Bevölkerung ist die am meisten auf der Hand liegende Erklärung für die überstürzte Verhängung beispiellos extremer Maßnahmen, die kontrollieren sollten, was eine schreckliche tödliche Krankheit zu sein schien. Die Erklärung trifft zu, führt aber gleichwohl in die Irre. Was erklärt werden muss, ist nicht die emotionale Inkontinenz von Individuen – die ist nicht überraschend. Erstaunlich ist vielmehr das totale Versagen der etablierten bürokratischen und politischen Systeme, die darauf ausgelegt waren, einer solchen Panik zu widerstehen.

Bürokratisch: Alle modernen Staaten verfügen über umfangreiche Bürokratien des öffentlichen Gesundheitswesens, welchen im Allgemeinen eine eher humanistische als autoritäre Kultur zugrunde liegt. Sie befinden sich im Besitz sorgfältig ausgearbeiteter Richtlinien für den Umgang mit Pandemien, die auf tief eingebetteten institutionellen Erinnerungen beruhen. Das übergeordnete Prinzip dieser Richtlinien ist, das normale Leben so wenig wie möglich zu stören.

Politisch: Die Rechtsstaatlichkeit in westlichen Ländern soll auf dem Schutz von »Rechten« aufgebaut sein. Auch wenn nationale Panik die Exekutive dazu drängt, diese »Rechte« einzuschränken, haben die Legislative und die Judikative die ausdrückliche Aufgabe, sie zu verteidigen.

Was ebenso überrascht, ist die Leichtfertigkeit, mit der die breite Öffentlichkeit ihre vermeintlich »liberalen« oder »christlich geprägten« Werte über Bord geworfen hat. Politiker und Experten gingen bis März 2020 davon aus, diese Werte seien so stark verankert, dass die Menschen im Westen totalitäre Einschränkungen ihrer Freiheit nach chinesischem Vorbild nicht akzeptieren würden (zumindest nicht für sehr lange Zeit oder nicht ohne wirklich nachvollziehbare Gründe).

Für diese Litanei des Versagens, die sich bis heute fortsetzt, gibt es zwei mögliche Erklärungen.

Das Verhalten war gerechtfertigt. Die Bedrohung der öffentlichen Gesundheit durch Covid-19 war in der Tat so groß und ist weiterhin so groß, dass es sich lohnt, für die Bekämpfung des Virus alles andere zu opfern. Die etablierten Werte und Systeme waren nicht so stark, wie zuvor vermutet und sie halfen nicht so stark, wie gehofft.

Diese Erklärung kann überhaupt nicht überzeugen. Im März 2020 gab es keinen guten Grund, die etablierten Verfahren zum Umgang mit Pandemien zu ignorieren. Die Krankheit war beängstigend, aber die genannten Verfahren wurden genau dafür geschaffen, besonnen und realistisch auf solche Krankheiten zu reagieren.

Auch wenn die panikartige Nachahmung der chinesischen Repression anfangs gerechtfertigt schien, war spätestens im Juni klar, dass solche Maßnahmen in keinem Verhältnis zur Gefahr von Covid-19 standen. Die Todesfälle hatten ihren Höhepunkt erreicht und waren in den meisten Ländern rückläufig. Besonnene Wissenschaftler lieferten überzeugende Beweise dafür, dass Covid-19 sich in das typische Muster bekannter Infektionskrankheiten einfügen würde. Außerdem verbesserten sich die Behandlungsmöglichkeiten für alle Erkrankten deutlich und die geschätzte Sterblichkeitsrate sank stetig. Die anfängliche Panik kann die Aufrechterhaltung zuvor undenkbarer Maßnahmen nicht erklären. Etwas anderes war im Gange.

2. Zweite Ebene der Erklärung: Massenhysterie

Eine tiefere Erklärung ist das, was Sozialwissenschaftler als Hysterese bezeichnen: Ein Anfangszustand bestimmt den Weg, den man im Folgenden beschreitet. Einfach ausgedrückt: Momente der Panik führten zur Institutionalisierung von Massenhysterie. Es gibt ein gut entwickeltes Modell der Mob-Herrschaft[1]: irrationales Gruppendenken wird unterstützt durch die Berufung auf ein höheres Prinzip, das extremes Handeln fordert; es verstärkt die Berufung auf dieses Prinzip immer weiter; dies verstärkt wiederum Extremismus und die hysterische Benennung von Fehlern aufgrund unzureichender Wachsamkeit oder durch Verräter und Dummköpfe; die Regierung übernimmt und ermutigt die Mob-Mentalität; es folgen eifrige Bemühungen, als solche wahrgenommene Gegner der Wünsche des Mobs auszuschließen und zu verurteilen, der Widerstand gegen Beweise, die dem akzeptierten Narrativ widersprechen, nimmt zunehmend exzessive Züge an.

Der Quarantäne-Kult passt sehr gut zu diesem Modell. Die Massenhysterie erklärt, warum die ursprüngliche Panik nicht abebbte. Außerdem erlaubt der gemeinsame hysterische Glaube, diese Pandemie liege völlig außerhalb des normalen Laufs der Natur, eine Erklärung der langanhaltenden Unfähigkeit, sich des gut entwickelten Verständnisses von Virusinfektionen zu erinnern.

Allerdings ist diese Erklärung immer noch unzureichend. Menschliche Systeme sind, im Gegensatz zu mechanischen, nie völlig determiniert. Die Unfähigkeit, sich schnell von der anfänglichen Panik zu erholen, bedarf ihrerseits einer Erklärung.

Genauer gesagt, erklärt die Massenhysterie nicht, warum politische und kulturelle Institutionen fast keinen Widerstand gegen repressive Anti-Covid-Maßnahmen leisteten, auch als das Wissen über die Krankheit zunahm. Sie erklärt nicht die Begeisterung, mit der die meisten Medien auf der ganzen Welt es unterließen, über ermutigende Entwicklungen zu berichten. Vor allem aber erklärt sie nicht die Bereitschaft eines Großteils der Bevölkerung, noch nie dagewesene und eindeutig schädliche Einschränkungen des Gemeinschafts- und Privatlebens und in vielen Ländern auch der öffentlichen Bildung hinzunehmen.

3. Dritte Ebene der Erklärung: Egoistische Motivationen

Das Eigeninteresse von Einzelpersonen und Organisationen ist eine tiefgreifendere und überzeugendere Erklärung. Einige Fachleute des öffentlichen Gesundheitswesens haben durch das Verbreiten von Panik Ruhm und politischen Einfluss erlangt. Einige machthungrige Politiker genießen es offensichtlich, autoritär zu regieren. Der wissenschaftlich-kommerziell-philanthropische Impfstoffkomplex hat durch die Hoffnungen, die in seine Produkte gesetzt werden, an Prestige gewonnen. Das Verbreiten von Angst und Tragik hat die Bekanntheit und die Einnahmen vieler führender Medienorganisationen gesteigert. Amazon und andere Online-Händler haben von den Massenquarantänen profitiert. Einige Arbeitnehmer genossen es, von zu Hause aus zu arbeiten oder für das Nichtstun bezahlt zu werden.

Andere Menschen nutzten Covid-19 als Mittel oder Vorwand, um eine politische oder kulturelle Agenda zu fördern. Gegner der Globalisierung und Befürworter einer stärkeren globalen Governance, Kritiker der Industrialisierung und Enthusiasten bevormundender Regierungsformen, Techno-Utopisten, die sich nach einer Kultur der Impfungen und ständigen Tests sehnen: Für sie alle ist die Katastrophe eine Chance, und so fördern sie eifrig eine katastrophische Interpretation der Gegenwart, als erste Stufe ihres bereits bestehenden Wunsches nach einer Art »großem Neustart« in naher Zukunft.

Der Krieg gegen Covid-19Begierden nach monetärem Gewinn, Macht, Lob und Einfluss haben sicherlich dazu beigetragen, das Narrativ von der Katastrophe und die unsoziale Anti-Corona-Politik aufrecht zu erhalten. Mächtige Menschen und Institutionen waren gut aufgestellt, um Angst und Dummheit auszunutzen, und haben dies auch getan. Ihre Handlungen haben wahrscheinlich dazu beigetragen, die Quarantänemaßnahmen zu verlängern und zu verstärken.

Allerdings ist auch diese Erklärungsebene noch zu oberflächlich. Insgesamt haben die meisten mächtigen Menschen und Institutionen unter den Einschränkungen mehr gelitten, als sie nach ihren eigenen Maßstäben des Eigeninteresses gewonnen haben. Wenn die Gier und der Ehrgeiz aller Mächtigen die einzigen Kräfte wären, die die Reaktion auf die Pandemie bestimmen, wäre die Reaktion viel weniger disruptiv gewesen, als sie es war.

Auch Menschen und Institutionen, die überhaupt nicht von den Beschränkungen profitieren, haben sich sehr für sie begeistert. Von religiösen Führern, vielen Lehrern, Lobbyisten und Anwälten individueller Rechte, linken Politikern, die sich im Allgemeinen um die Armen, und Ärzten, die sich um die öffentliche Gesundheit sorgen, gab es weit mehr Begeisterung als öffentliches Gejammer. Sie haben oft vermeintlich tief empfundene Prinzipien beiseitegeschoben, um autoritäre Herrschaft, massive Einschränkungen des normalen sozialen Lebens, die Aufhebung von Grundrechten und eine Politik zu bejubeln, die den Armen weit mehr Schaden zufügt als den Reichen.

Verschwörungstheoretiker behaupten, irgendeine Kabale von böswilligen oder fehlgeleiteten Genies habe das System überlistet. Solche unplausiblen Behauptungen bringen die Debatte kaum voran. Eine vernünftigere Schlussfolgerung ist, dass die Anti-Corona-Einschränkungen zu sehr von grundsätzlich guten Menschen befürwortet werden, um als Triumph des Egoismus oder der Eigeninteressen erklärt werden zu können. Das weit verbreitete Gefühl, dass solche harten Restriktionen notwendig und sogar vorteilhaft sind, muss etwas Tieferes widerspiegeln: Unzufriedenheit mit der bestehenden Ordnung und den herrschenden Regierungen (vierte Erklärungsebene), ein gestörtes Verständnis des Wertes des Lebens (fünfte Ebene) oder die Störung eines ursprünglichen Gleichgewichts in den menschlichen Erwartungen an die Welt (sechste Ebene).

4. Vierte Ebene der Erklärung: das Versagen des Liberalismus

Politische Probleme sind eine gute Erklärung für politische Entscheidungen. Die Entscheidung, Quarantäne zu verhängen, war nach den Standards westlicher und westlich geprägter Demokratien schlecht, und viele dieser Demokratien sind in schlechter Verfassung: Der Brexit wurde nach einem fragwürdigen Referendum eingefädelt; der korrupte Nicht-Politiker Trump wurde zum US-Präsidenten gewählt und hat eine kultische Anhängerschaft inspiriert; nicht-traditionelle Politiker wie Macron, Salvini, Modi, Duterte und Bolsonaro sind weltweit an die Macht gekommen; traditionelle Parteiensysteme haben sich in vielen europäischen Ländern aufgelöst. Man kann argumentieren, dass die westlichen politischen Systeme insgesamt zu fragil waren, um der populären Hysterie zu widerstehen.

Das Argument ist jedoch nicht sehr überzeugend. Fast alle diese vermeintlich schwachen Regierungen waren stark genug, um beispiellos einschneidende Vorschriften zu entwerfen und durchzusetzen. Die meisten von ihnen schafften es auch, effektive Programme zu entwickeln, um Arbeitnehmer und Unternehmen für Einkommensverluste aufgrund von Quarantäne zumindest teilweise zu entschädigen. Politisch-bürokratische Systeme mit diesen Fähigkeiten hätten leicht die praktisch weniger anspruchsvollen Standardverfahren befolgen können, einschließlich der Förderung der Besonnenheit in der Öffentlichkeit. Sie haben sich dafür entschieden, es nicht zu tun. Diese Entscheidung muss erklärt werden.

Abgesehen von der Käuflichkeit, die zu Untätigkeit an allen politischen Fronten führt, ist die überzeugendste politische Erklärung für die widerstandslos und enthusiastisch aufgenommene Auferlegung autoritärer Kontrollen, die durch das Interesse der öffentlichen Gesundheit nicht zu rechtfertigen sind, dass die Politiker und die Bevölkerung der heutigen nominellen Demokratien tatsächlich starke nicht-demokratische, autoritäre Tendenzen haben.

Sicherlich deuten gigantische Wohlfahrtsstaaten und weitreichende Regulierungen darauf hin, dass der klassische liberale Fokus auf die Verantwortung der Regierung, die negative Freiheit (Freiheit von Zwängen) zu schützen, nun der Verantwortung der Regierung untergeordnet wird, den Regierten eine Art von positiver Freiheit zu bieten (Freiheit, sich zu entfalten, gemäß dem Standard der Regierung für Wahrheit oder Exzellenz).

Aufgeklärter Despotismus wurde oft als die am besten geeignete Herrschaftsform zur Entwicklung positiver Freiheit angesehen. Die Auferlegung von repressiven Regeln für die öffentliche Gesundheit zum Wohle der Menschen, deren Leben gestört erscheint, wird passend als angeblich aufgeklärter Despotismus beschrieben; »angeblich«, weil die Aufklärung imaginär ist. In der Tat deutet das glühende Engagement für Anti-Covid-Maßnahmen auf eine nur allzu typische autoritäre Unfähigkeit hin, Wissen vor Macht zu stellen.

Anstatt tief eingreifende Restriktionen als Manifestation des Wunsches nach autoritärer Herrschaft und autoritären Herrschern zu betrachten, lassen sich die hygienepolitischen Eingriffe staatlicher Bürokratie in das Privatleben als der jüngste Schritt in der Expansion dessen erklären, was man den vormundschaftlichen Staat nennen kann (die Idee, nicht der Name, stammt von Hegel). Der Staat hat rivalisierende Autoritäten (Kirchen, Familien, Unternehmen) zunehmend unterworfen und gezähmt, während er die Untertanen/Bürger dazu ermutigt, ihn selbst als den ultimativen Richter über das Wohl des Volkes zu betrachten.

Der vormundschaftliche Staat ist im Allgemeinen recht beliebt bei den Menschen, deren Leben er zunehmend kontrolliert. Die Meisten scheinen sich nach dem Schutz des Staates zu sehnen, besonders wenn sie sich bedroht fühlen. Ihr Respekt vor ihren Regierungen ist so extrem, dass sie bereitwillig glauben, dass der Staat natürliche Phänomene, wie z. B. Virusinfektionen, kontrollieren soll und kann, und sie sind sehr glücklich, an diesem Prozess teilzunehmen, indem sie den Befehlen des Staates gehorchen, ihr normales wirtschaftliches und soziales Leben aufzugeben.

Die beiden Modelle, die ich gerade vorgestellt habe, die Begeisterung der Bevölkerung für autoritäre Regierungen und der unerbittliche Aufstieg des vormundschaftlichen Staates, sind eher ergänzende als alternative Erklärungen für die bereitwillige Annahme und den fast universellen Gehorsam gegenüber grausamen und sinnlosen Einschränkungen und Quarantänen. Beide sind viel bessere Erklärungen als Angst oder Massenhysterie.

5. Fünfte Ebene der Erklärung: Biopolitik

In der Vorzeit waren Empfängnis, Geburt, Gesundheit, Krankheit und Tod mit religiöser Bedeutung aufgeladen, so lange die Gesellschaften religiös waren. Allerdings waren diese Mysterien des Lebens selten politisch. Die von Thukydides beschriebene Pest, die symbolisch für den politischen Verfall Athens steht, ist eine seltene Ausnahme – und die Verbindung wurde vom Autor hergestellt, nicht von den Herrschern und Bürgern des Stadtstaates.

Biomacht um der Macht willen: In den letzten Jahrhunderten sind die religiöse Ehrfurcht und Autorität zusammen mit dem Glauben erodiert, und die Regierungen haben zunehmend die Macht über die Körper übernommen (Foucault). Sie haben diese neue Biomacht ausgeübt, indem sie im 19. Jahrhundert sanitäre Einrichtungen, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Hygiene und Ernährung und in der zweiten Hälfte Impfstoffe und bestimmte sexuelle Verhaltensweisen gefördert haben. Im 21. Jahrhundert weitet sich ihre Biomacht auf die Kontrolle der Bewegung und des Aufenthaltsortes von potenziell kranken Körpern aus. Die Rechtfertigung für diese zusätzliche Kontrolle, die vorrangige Sorge um die Gesundheit auf Kosten der menschlichen Freiheit, ist im Grunde unmenschlich, aber Herrscher, die die Macht lieben, werden unweigerlich dazu verleitet, ihre Untertanen als potentielle Krankheitsüberträger zu behandeln.

Die Angst vor dem Tod: Wenn eine Kultur, der der spirituelle Halt fehlt, der notwendig ist, um mit der Angst vor dem Tod umzugehen, glaubt, eine Pandemie bedrohe sie mit Massensterben, dann wird die Achtung des Lebens vor dem Tod – und damit vor Liebe, Familie, Gemeinschaft, Kultur – leicht als überflüssig betrachtet. Was allein zählt, ist das »nackte Überleben« (Agamben).

Die Beherrschung der Natur: Hybride moderne Kulturen beruhen bis zu einem gewissen Grad auf der Prämisse und dem Versprechen, eine immer größere menschliche Kontrolle über die Natur zu erreichen. Aus dieser Perspektive ist es leicht, zu glauben, die Unfähigkeit, Menschen vor dem Sterben in einer viralen Pandemie zu bewahren, sei ein Zeichen wissenschaftlichen und staatlichen Versagens. Weil das »Retten« von Leben so viel kulturelles Gewicht hat, erscheint es vernünftig, die Qualität vieler Leben zu zerstören, um einige Todesfälle hinauszuzögern.

Die aktuelle Null-Covid-Kampagne ist schlechte Wissenschaft, aber sie passt gut zu dem Wunsch, das Virus wie einen militärischen Feind zu behandeln, von dem erwartet wird, dass er sich bedingungslos der menschlichen Willenskraft unterwirft. Verlorene Schuljahre, Todesfälle durch Verzweiflung, emotionale Not und sogar Todesfälle durch unbehandelte Krankheiten sind bloße Kollateralschäden im Kampf gegen eine außer Kontrolle geratene Natur.

Sühne: Selbst als die Mysterien des Lebens noch religiös waren, halfen Regierungen oft dabei, die zornigen, krankheitsbringenden Götter zu besänftigen, indem sie sozial herausfordernde Opfer guthießen. In der Logik des Opfers gilt: Je unschuldiger das Opfer, desto wirksamer ist die Opfergabe. Regierungen, die diese religiöse Biomacht übernommen haben, halten an der Idee des Opfers fest. Die Anti-Corona-Restriktionen opfern Unschuld in Form von Kindererziehung, Reisefreiheit, Freude an Unterhaltung und der Gesundheit der ärmeren Mitglieder der Gesellschaft. In dieser von säkularen Institutionen adaptierten symbolischen Denkweise, die weitgehend unempfänglich für empirische Beweise ist, sind solche großen Opfer sehr mächtig.

Der Preis des Scheiterns: Auch wenn die Opfer mächtig sind, sorgt die Unfähigkeit, den Tod zu eliminieren, dafür, dass kein Opfer jemals vollständig erfolgreich ist. Säkulare Herrscher, ebenso wie die Priester, deren Rolle sie usurpiert haben, reagieren auf dieses Versagen mit immer größeren Opfern. Je mehr Covid zuschlägt, desto mehr von der Fülle des Lebens wird geopfert und desto größer wird die Bereitschaft, Menschen, vor allem solche, die als geeignete Opfer definiert werden, sterben oder großen Schaden erleiden zu lassen.

6. Sechste Ebene der Erklärung: Reinheit

In der populären Vorstellung hat sich die moderne wissenschaftliche Reinheit mit der traditionellen rituellen Reinheit verbunden. Die Menschen neigen immer noch dazu, den menschlichen Körper und seine Welt in Zonen und Zeiten der Reinheit und Unreinheit einzuteilen. Die Weigerung von Politikern und Gesundheitsexperten, dieses Denken in Kategorien der Reinheit und Unreinheit als Problem anzuerkennen und sich von ihm zu befreien, führt dazu, dass es die Einstellungen zu Covid prägt.

Diese Einstellungen sind wahrscheinlich nicht wissenschaftlich fundiert, denn die Fakten über Bakterien, Viren und den menschlichen Stoffwechsel korrespondieren sehr schlecht mit dem grundlegenden Ziel der Reinheitsregeln: die unreine Außenwelt vom reinen Körper zu trennen und unvermeidbare körperliche Verunreinigungen durch Beseitigung von Unreinheiten aus der Welt zu schaffen. Potenziell krankmachende mikroskopische Lebewesen sind in diesem Weltbild unrein, aber wir können nicht ohne einige von ihnen leben und wir können niemals hoffen, die meisten von ihnen zu eliminieren. Der Kontakt mit einer gewissen Menge an Schmutz und das Erleiden von Krankheit (Unreinheit) kann uns größere Gesundheit (Reinheit) bringen, indem wir widerstandsfähiger gegen zukünftige Angriffe von anderen unreinen »Keimen« werden. Mikroskopische Verunreinigungen können nicht durch Waschen, Desinfizieren oder rituelle Handlungen wie das Tragen von Masken abgewehrt werden. In Anbetracht dieser Konflikte ist eine auf Reinheit basierende Anti-Corona-Politik notwendigerweise unwissenschaftlich und verursacht wahrscheinlich mehr Schaden als Nutzen.

Moderne Gesellschaften können die Spannung zwischen der Urangst vor Unreinheit und der Realität vieler gesundheitsfördernder menschlicher Beziehungen zu Bakterien und Viren in der Regel gerade so bewältigen. Wir benutzen antibakterielle Seife und akzeptieren saisonale Erkältungen. Das unbehagliche Gleichgewicht wurde von der Hysterie durchbrochen, die durch die besonders unreine Infektionskrankheit Covid-19 entstand.

Ohne eine anerkannte kulturelle Sprache der Reinheit hat sich der moderne Diskurs weitgehend auf zwei Euphemismen verlegt, die anerkannt sind.

Der Krieg gegen Covid-19Der eine ist die »Wissenschaft«. Die technisch geschulten Priester des Reinheitskults werden als Orakel konsultiert, wie Schlagzeilen belegen, die mit »Wissenschaftler empfehlen der Regierung …« beginnen, worauf in der Regel irgendeine Verkündigung drohenden Untergangs folgt oder ein Ratschlag, das Leiden zu verlängern. Von Nicht-Priestern wird erwartet, dass sie dankbar sind für die befohlenen Opfer des persönlichen, sozialen und beruflichen Lebens, die dem Wohle des Kults dienen – niemand will eine Quelle der Unreinheit sein. Die Dankbarkeit wird in Form des »Glaubens an die Wissenschaft« ausgedrückt.

»Sicherheit« ist der zweite moderne Euphemismus für Reinheit. Unter Missachtung der tatsächlichen wissenschaftlichen Beweise verbieten die Kult-Priester viele Arten von verunreinigendem Kontakt als unsicher. Sie schreiben auch das Tragen von zugelassenen Gesichtsamuletten (Masken) vor, von denen sie sagen, dass sie die Sicherheit erhöhen, wobei sie ebenfalls die meisten der tatsächlichen wissenschaftlichen Beweise ignorieren.

Wie einige Religionen beinhaltet der Reinheitskult eine scharfe Dualität zwischen den reinen Auserwählten und den unreinen Anderen. Die Zugehörigkeit zu den Auserwählten erfordert eine rigorose Befolgung der Reinheitsvorschriften. Sie bringt ein Vertrauen in die eigene moralische Überlegenheit mit sich, das sich oft als Verachtung für diejenigen äußert, die weniger rein sind. Soziologische Analysen, die zeigen, dass die Auserwählten der Reinheit typischerweise Mitglieder der sozialen und wirtschaftlichen Elite sind, während die Last der Krankheit den Armen aufgebürdet wird, sind für diese Einteilung irrelevant.

Der Machtkult der Regierungen hilft, den Reinheitskult durchzusetzen. Regierungen verordnen sichtbare Zeichen der Zugehörigkeit zum Reinheitskult (soziale Distanzierung, Maskenamulette) und befehlen rituelle Isolation von Menschen, die für unrein erklärt werden, auch wenn sie nicht krank sind. Die Milderung durch natürlich erworbene Herdenimmunität lehnt die politische Obrigkeit als unrein ab. Nur die sterilisierten Nadeln mit Impfstoffen können die ursprüngliche Reinheit der Menschheit wiederherstellen.

7. Fazit: Ein scheinheiliges, machtbesessenes Chaos

Die Kombination aus Massenhysterie, Eigeninteresse, autoritärer Politik und einem uneingestandenen Reinheitskult zeitigt viele unglückselige Folgen. Am offensichtlichsten ist der mehrgleisige Angriff auf die Menschlichkeit, das Verbot oder die Einschränkung vieler wichtiger menschlicher Aktivitäten, vom Gottesdienst und dem Einkaufen bis zur Erziehung der Jugend und dem Besuch von Kranken. Es gibt auch subtilere Schäden an der Gesundheitsversorgung, dem sozialen Vertrauen, der sozialen Einheit, dem Vertrauen in die Medien und dem, was von der (konstitutionellen) Demokratie übrig geblieben ist.

Die derzeitigen Einschränkungen werden vermutlich zu gegebener Zeit aufgehoben werden. Der Schaden wird jedoch viele Jahre anhalten. Am offensichtlichsten ist der Verlust von medizinischer Versorgung und Schulbildung, der einige Leben zerstören und viele andere schädigen wird. Auf subtilere Weise wird die Isolation der Arbeit zu Hause vielen Karrieren schaden und sie deformieren, die Isolation der antisozialen Distanzierung dauerhafte Auswirkungen auf die psychische Gesundheit vieler haben, die ungleiche Belastung durch Covid-19 und die Anti-Corona-Politik die soziale und ökonomische Spaltung vergrößern, und die offizielle Billigung eines neuheidnischen Wissenschaftskults die öffentliche Gesundheitspolitik untergraben.

Die anhaltende Schließung von etwa der Hälfte der Schulen in den Vereinigten Staaten ist besonders schädlich und ein besonders deutliches Beispiel für das toxische Zusammenspiel der verschiedenen Erklärungsebenen. Die Massenhysterie der Lehrer, das Streben ihrer Gewerkschaften nach autoritärer Macht, die Beteiligung der Medien an den hysterisch-autoritären Bewegungen, die Bereitschaft, unschuldige Opfer (Kinder) in Ausübung von Bio-Macht zu opfern, und die mögliche Verletzung des Reinheitskultes durch die Unreinheit spielender, sich berührender oder umarmender Kinder – all dies hat sich zusammengetan, um eine Politik aufrechtzuerhalten, die erstaunlich grausam ist und jeder wissenschaftlichen, soziologischen und moralischen Logik widerspricht.

Der vielleicht schlimmste Aspekt der Reaktion auf Covid-19 ist der Präzedenzfall, den sie schafft. Die meisten Menschen in der westlichen Welt werden glauben, dass die autoritären Antworten der Reinheitsphantasien verpflichteten Biomacht in den Jahren 2020 und 2021 angemessen waren und auch in Zukunft angemessen sein werden. Dieser Glaube wird sie daran hindern, einen Umschwung wie jenen zu fordern, der nach dem Fall des Naziregimes durch jahrzehntelange Umerziehungsprogramme vollzogen wurde.

Ein vergleichbarer großer Umschwung ist unwahrscheinlich, da es anscheinend nichts gibt, was den historischen, kulturellen und geistigen Kräften Einhalt gebietet, die zu autoritären Regierungen, willkürlichen Anwendungen von Bio-Macht und Reinheitskulten führen.

Keine wesentliche Gruppe scheint in der Lage zu sein, eine Wiederholung dieser Politik oder die Fortführung des antiviralen Reinheitskults zu verhindern. Alle eigentlich dazu berufenen Widerstandsgruppen – linke Politiker, Bürgerrechtler, religiöse Führer und Akademiker – haben die Flut der Restriktionen mit wenigen Vorbehalten gebilligt. Nur die libertäre Rechte hat sich einigermaßen standhaft gegen diese Flut gestellt, und diese Bewegung existiert kaum außerhalb der Vereinigten Staaten.


Edward Hadas ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Black Friars Hall in Oxford und am Las Casas Institute für Soziale Gerechtigkeit, wo er über moralische Ökonomie, Finanzen und Katholische Soziallehre arbeitet. Er ist außerdem freiberuflicher Journalist mit einer wöchentlichen Kolumne zu Finanz- und Wirtschaftsthemen für Reuters Breakingviews. 2009 erhielt er den Business Journalist of the Year Preis für Wirtschaft. Er unterrichtete politische und soziale Philosophie am Maryvale Institute in Birmingham, UK. Bevor er 2004 Journalist wurde, arbeitete er 25 Jahre lang als Finanzanalyst für verschiedene Firmen, darunter Morgan Stanley und Putnam Investments. Er hat Abschlüsse in Philosophie, Klassischer Philologie und Mathematik von der Oxford University und der Columbia University sowie einen MBA von der SUNY Binghamton. Hadas wurde 1956 in New York in eine jüdische Familie geboren, wuchs in St. Louis auf und hat in Buffalo, Boston, Paris und seit 1992 in Großbritannien gearbeitet.

Veröffentlichungen: Human Goods, Economic Evils: A Moral Look at the Dismal Science (2008); Counsels of Imperfection: Thinking Through Catholic Social Teaching (2020) .

Webseite des Autors. Hier findet sich das englische Original dieses Artikels.


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Anmerkungen:

  1. Philipp Bagus et al., COVID-19 and the Political Economy of Mass Hysteria

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2 Kommentare

  1. Thanks so much Edward for this refreshingly penetrating analysis. My sense is that there is still a missing dimension – of possession, demonic possession. There is usually in every mass panic or mass hysteria episode at least a degree of possession state operating, but at this moment of Ahriman’s incarnation, it is much more palpable.

  2. Ein hervorragend durchdachter Artikel. Trotzdem ein Einwand:

    „Verschwörungstheoretiker behaupten, irgendeine Kabale von böswilligen oder fehlgeleiteten Genies habe das System überlistet. Solche unplausiblen Behauptungen bringen die Debatte kaum voran. Eine vernünftigere Schlussfolgerung ist, dass die Anti-Corona-Einschränkungen zu sehr von grundsätzlich guten Menschen befürwortet werden, um als Triumph des Egoismus oder der Eigeninteressen erklärt werden zu können.“

    Dazu meine ich, dass das eine das andere nicht ausschließt: Eine Verschwörung im Hintergrund, und „gute Menschen“, die aus den vom Autor genannten Gründen darauf hereinfallen.

    Die Indizien für eine „Plandemie“ sind erdrückend:
    Spahn 2017 auf der Bilderberg-Konferenz (2018 wurde er Gesundheitsminister), Merkel kurz vor dem Ausbruch in Wuhan, ebenfalls kurz vor dem Ausbruch die Pandemie-Übung in New York, die Zahl 666 in „Corona“ (Quersumme 66 + 6 Buchstaben), und nun die offensichtliche Tatsache, dass mit totalitaristischen und sozialistischen Maßnahmen auf das Virus reagiert wird; nicht zuletzt die Erklärung des Weltwirtschaftsforums, dass das Virus Anlass für einen „Geat Reset“ hin zu einer globalsozialistischen Ordnung sein soll.

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